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Warum ist 2 + 3 =5?

Die Antwort ergibt sich aus den Bedeutungen der verwendeten Symbole:

2 bedeutet die Summe, die sich ergibt, wenn ich einem bestimmten Ding ein weiteres Ding hinzufüge und dann die Dinge zähle. Füge ich noch ein Ding hinzu und zähle dann, ergibt sich die Summe 3.  2+3 bedeutet: Füge die Summe 3 zur Summe 2 hinzu. Es ergibt sich eine Summe, die entsteht, wenn ich zu 2 Dingen 3 Dinge hinzufüge und dann zähle. Das Symbol 5 bedeutet diese Summe. Also: 2+3=5.
Dass die Symbole 2,3, und 5 diese Bedeutungen haben, ist eine historische Zufälligkeit ebenso wie die Tatsache, dass diese Summen mit den Wörtern „zwei“, „drei“ und „fünf“ bezeichnet werden. Das mathematische Verhältnis der damit bezeichneten Summen zueinander ist dagegen logisch zwingend.

Senkt die Bildungsausgaben, aber radikal!

Link: http://kurier.at/politik/inland/ministerin-unter-druck-die-wut-der-laender-ueber-die-sparplaene-in-schulen/60.895.200

Jetzt habe ich mich wieder ärgern müssen.

Wegen der Notwendigkeit zur Budgetkonsolidierung – wir haben ja hier in Österreich diesen kostspieligen Hypo-Spaß – muss der Staat im Bildungsbereich sparen. Und sofort skandalisieren alle und warnen: Da werde auf Kosten der Zukunft gespart, auf Kosten unserer Kinder.

Bin ich denn der Einzige, der das anders sieht? Wollt Ihr wirklich noch mehr Akademiker im Call-Center und ausgebildete Sänger, die Taxi fahren? Denn dass ist es, was Ihr mit Eurem Ruf nach immer mehr Bildung erreicht! Ihr solltet anstatt dessen einsehen, dass Bildung nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern selbst das Problem.

Einmal ganz ehrlich: Wer braucht denn Bildung? Die Erfahrung der jungen Leute ist doch heute die: Sie bilden sich, über Jahre strengen sie sich an, lernen, machen Praktika, sammeln Abschlüsse – und das alles nur, um am Ende die Erfahrung machen zu müssen, dass kein Unternehmen, kein Arbeitgeber das brauchen kann.

Was wird anstatt dessen im Berufsleben von Ihnen verlangt? Nun, zu funktionieren, in einem stressigen, langweiligen Berufsalltag, der keine Aussicht auf Weiterentwicklung und eine Verbesserung der Situation bietet, klaglos und verlässlich zu funktionieren.

Bildung kann sie dabei nur stören. Wer sich bildet, bildet seine Persönlichkeit aus. Dann steht er da mit seiner entfalteten Persönlichkeit – und diese ist ein anspruchsvolles Luxusding. Man wünscht sich plötzlich so Sachen wie eine „sinnvolle Arbeit“ oder mit seinen Argumenten von den Arbeitskollegen und Vorgesetzten „ernst genommen zu werden“. Ich will jetzt nicht sagen, dass man heute als Arbeitnehmer überall aus Böswilligkeit nicht ernst genommen wird, sondern nur soviel: Bei den semi-automatisierten Arbeitsabläufen, die wir heute überall haben, ist für solche Verzierungen keine Zeit.

Damit habe ich nun schon zwei Gruppen erwähnt, die Bildung absolut nicht brauchen können: die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer. Wobei jetzt mir, ausgehend von meinem persönlichen Background, die Bedürfnisse der Arbeitgeber nicht so nahe gehen. Aber die der ArbeitnehmerInnen schon. Und deshalb appelliere ich: Es ist doch eine Frage der Humanität, dass wir nicht durch Bildung allerorts Persönlichkeiten zum Blühen bringen, die dann keinen Lebensraum finden, an dem sie gedeihen können. Wir haben nun mal all die Call-Centers und Taxis und Outlet-Centers und Tankstellen und Lohnverrechnungsbüros und Baustellen und Fertigungslinien in den Fabriken, und wir brauchen Leute, die die Arbeit dort aushalten.

Die aber hält ein gebildeter Mensch nicht aus.

Um das nur klarzustellen: Es ist nicht die Zukunft, die ich mir wünsche, die ich hier gerade an die Wand male. Ich wünsche mir überhaupt nicht, dass die Menschen weniger Bildung haben. Aber ich schaue mich eben auch in der sozialen Realität um und kann nirgendwo erkennen, dass die Wirtschaft Bedarf an gebildeten Menschen hätte.

Ja, an gut ausgebildeten Fachkräften hat sie Bedarf. Aber doch nicht an Bildung! Und gerade hier wäre so leicht einzusparen: Geschichte, Geografie, Musikerziehung, Bildnerische Erziehung, Psychologie, Philosophie, Religion, Literaturkunde im Deutschunterricht, Sport, alle Fremdsprachen bis auf Englisch –raus aus dem Schulstoff! Nur noch Lesen, Schreiben, Mathematik und Naturwissenschaften! Nichts mehr von dem, was den Menschen als Person bildet! Aber von Mathematik und Naturwissenschaften natürlich mehr – viel mehr!

Was die jungen Menschen, die SchülerInnen und StudentInnen, heute brauchen, ist doch einfach, dass man ihnen klar und deutlich sagt: „Die Gesellschaft will nicht, dass Ihr zu Personen werdet, die in kontraproduktiver Weise ihrer eigenen Vorstellung vom Glück nachjagen, sondern ihr seid dafür vorherbestimmt, kleine Rädchen in der großen Wirtschaftsmaschinerie unserer Volkswirtschaft zu werden. Freundet Euch schon mal mit Eurem Rädchenschicksal an!“

Ich weiß, mein Ruf wird ungehört verhallen. Die Konsequenzen werden die bekannten sein, diejenigen, die wir auch heute schon sehen: Junge Menschen studieren zwei Fächer nebeneinander, machen Praktika und Auslandssemester, um sich als Personen interessant zu machen. Sie hoffen: Irgendwann wird ein Arbeitgeber doch sehen, dass ich was drauf habe! Wenn er nur meinen track record sieht und bemerkt, was ich alles schon gelernt und gemacht habe. Aber niemand bemerkt das. Niemand will das überhaupt haben. Und dann landen sie im Call-Center oder machen eine Umschulung zum Altenpfleger. Wenn man bei der Bildung radikal einsparen würde, könnte man diesen Menschen die schmerzhaften beruflichen Umwege und der Gesellschaft die kostspieligen Umschulungen ihrer durch Bildungsversprechen „verirrten Schäfchen“ ersparen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Ruf ungehört verhallen wird. Dabei liegt die Sache klar auf der Hand: Nicht mehr Bildung brauchen wir, sondern weniger. Denn Bildung ist selbst das Problem. Durch sie werden Bedürfnisse geschaffen, für deren Befriedigung unserer Gesellschaft die Ressourcen fehlen. Das Ergebnis sind eklatante Fehlallokationen: Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören, und Unternehmen, die nicht wissen, wo sie die geeigneten Arbeitskräfte herbekommen.

Permalink 16.04.14    1 Kommentar »

wille und dasein

Es kann nur einen
freien Willen geben.

Gäbe es einen zweiten,
würde dieser
die Freiheit des ersten
einschränken.

Niemand kann über
diesen freien Willen verfügen.
Sonst wäre dieser Wille nicht frei.

Als freier Wille muß er also
vollkommen allein sein.

Wäre Dasein gewollt,
so müßte es ein- und dasselbe sein
wie dieser Wille.

Müßte dieser Wille nämlich erst
auf etwas von ihm Verschiedenes wirken,
um etwas zu bewirken,
so wäre er nicht frei.

gebet

Es gibt
keinen Körper.

Es gibt
nur Dasein.

Dein Wille
geschieht.

Sonne
des Seins.

Nektar
des Nichts.

mensch und tier

Der einzige Unterschied
zwischen Mensch und Tier
besteht darin,
daß der Mensch
diese Unterscheidung vollzieht.

Irrtümlich.

selbst-bestätigung

Gäbe es ein Selbst,
so bräuchte es
keine Bestätigung.

Das vermeintliche Selbst aber
besteht einzig und allein
in beständiger Bestätigung.

DEKALOG DES DASEINS

I
DU KANNST NICHT DENKEN. -
WOLLEN DENKT.

II
DU KANNST NICHT WOLLEN. -
WOLLEN GESCHIEHT.

III
DU KANNST NICHTS TUN. -
ES GESCHIEHT VON SELBST.

IV
DU KANNST NICHTS BEWEGEN. -
ES GIBT WEDER RAUM NOCH ZEIT.

V
DU KANNST NICHTS ERKENNEN. -
ES GIBT WEDER GEIST NOCH STOFF.

VI
DU KANNST NICHTS BEWIRKEN . -
ES GIBT WEDER URSACHE NOCH WIRKUNG.

VII
DU KANNST NICHTS VERBESSERN. -
ALLE ZUSTÄNDE SIND GLEICHWERTIG.

VIII
DU KANNST NICHTS VERÄNDERN. -
ES IST BEREITS ANDERS.

IX
DU KANNST NICHTS WAHRNEHMEN. -
ES IST EINFACH DA.

X
DU KANNST NICHT VERSCHWINDEN. -
DASEIN IST EWIG.
UND DU BIST DASEIN.

helau

das ich
ist nur eine maske
die das nICHts trägt

welt und wahrheit

welt ist wollen
wahrheit will nichts
nicht einmal recht haben

diesseits

Jenseits
von Geist und Stoff.

Jenseits
von Zeit und Raum.

Jenseits
von Ursache und Wirkung.

Jenseits
von Leben und Tod.

Das ist Dasein.

gesucht - gefunden

Wo ist das Leben?
Im Körper.
Wo ist der Körper?
Im Hirn.
Wo ist das Hirn?
Im Ich.
Wo ist das Ich?
In der Sprache.
Wo ist die Sprache?
Im Sinn.
Wo ist der Sinn?
Im Leben.

Warum ist der Abendstern nicht mit dem Morgenstern identisch?

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In der philosophischen Diskussion wird gelegentlich das Verhältnis des Abendsterns zum Morgenstern als Beispiel für Identität angeführt, Sowohl der Abend- als auch der Morgenstern seien ja mit dem Planeten Venus und daher auch mit einander identisch. Da kann aber etwas nicht stimmen, denn kaum jemand würde die am Abendhimmel erscheinende Venus als Morgenstern bezeichnen. Denkt man darüber nach, so ergibt sich: Es gibt den Planeten, der den Namen „Venus“ trägt. Dieser Planet hat die Eigenschaft, für uns Menschen häufig am Abenhimmel und am Morgenhimmel als auffällig heller Stern zu erscheinen. Die Erscheinung am Abendhimmel bezeichnen die Menschen als „Abendstern“ und die am Morgenhimmel als „Morgenstern“. Es handelt sich also um zwei Bezeichnungen von Erscheinungsweisen des Planeten Venus. Da es zwei unterschiedliche Erscheinungsweisen sind, sind sie nicht identisch.

In Anwendung auf das Leib-Seele-Problem, also das Problem, wie vor allem beim Menschen geistige und körperliche Vorgänge zusammenwirken, zeigt sich Folgendes:

Als Lösung für dieses Problem wird von einigen Philosophen angenommen, dass die geistigen Vorgänge mit den entsprechenden körperlichen Vorgängen identisch sind. Man benötigt dann keine Erklärung, wie die geistigen Vorgänge auf die körperlichen einwirken können, und umgekehrt. Ist nun beispielsweise ein Gedanke identisch mit den entspechenden neuronalen Vorgängen im Gehirn? Das ist genauso wenig der Fall, wie der Abendstern mit dem Morgenstern identisch ist! Die Rolle der Venus spielt nämlich der einheitliche geistig-körperliche Vorgang, der einerseits als Gedanke, andererseits als neuronaler Ablauf in Erscheinung tritt. Entscheidend ist, dass der Gedanke mit dem neuronalen Ablauf eine (wirkende) Einheit bildet. Sie als identisch zu bezeichnen, wäre falsch.

also

Niemand weiß,
wer er ist.

Also gibt es
niemanden.

einheit und eigenschaft

Die Eigenschaften
des Sehens, Hörens ... Fühlens, Denkens
sind eins.

Die Eigenschaften wechseln.
ihre Einheit bleibt bestehen.

Nichts hat Eigenschaften.
Alles ist Eigenschaft.

Die Einheit
der Eigenschaften
ist Dasein.

qualia-problem gelöst

Nicht das Dasein
der Eigenschaft
bedarf der Rechtfertigung
durch den Glauben
an den Stoff.

Viel mehr
ist der Stoffglaube
in seinem Dasein als Gedanke
selbst nichts anderes
als eine Eigenschaft
des Denkens.

zeigen

Einheit
läßt sich nicht
zeigen.

Zeigen
ist bereits
Einheit.

dadada

Dasein
ist
Einheit.

Dasein
und Bewußtsein
sind eins.

Was da ist,
wäre sonst
nicht da.

Die Frage, ob Philosophie nicht besser im Geheimen stattfinden sollte?

Wenn man ein kluger Mensch ist, dann ist es wohl das Dümmste, seine Gedanken auszusprechen. Spricht man die eigenen Gedanken aus, dann werden die anderen Menschen beleidigt sein und man hat nichts damit erreicht. Will man hingegen etwas erreichen und einen Plan in die Realität umsetzen, dann scheint es das Beste zu sein, so wenig wie möglich darüber zu reden. Ehe die Anderen bemerken, dass da etwas geschieht, ist der Plan schon verwirklicht.

 

„Ejakulation, vorzeitige

 

Wenn Sie eine Methode entdeckt haben, nach der die Luftverschmutzung pro Bundesland für fünf Mark beseitigt werden kann, so ist der schlechteste Weg, sie zu verwirklichen, wenn Sie Ihre Entdeckung öffentlich bekanntmachen. Sie werden erstaunt sein, [S. 39] wie viele Menschen sich Ihrem Plan widersetzen. Die beste Methode, am Leben und in Freiheit zu bleiben, ist es, die Luftverschmutzung einfach zu beseitigen, Land für Land.

Wenn eine Aufgabe, die mehrere Abteilungen oder Organisationen betrifft, erledigt werden muß, dann sprechen Sie nicht darüber. Verschaffen Sie sich die Grundlagen, rekrutieren Sie Ihre Verbündeten, denken Sie die Abwehrmaßnahmen der Gegner durch und dann – `ran! Eine vorzeitige Ankündigung dessen, was Sie zu tun gedenken, verwirrt die potentiellen Befürworter, gibt den Gegner Zeit, echte und fiktive Gegenargumente zu konstruieren, und birgt die Gefahr der Niederlage in sich.

 

Der wäre ein schlechter Bürokrat, der es nicht verstehen würde, einen guten Gedanken so lange madig zu machen, bis selbst dessen Urheber erleichtert ist, wenn er gestorben und begraben ist.

 

Robert Townsend: Hoch lebe die Organisation. Aus der Trickkiste eines Erfolgsmanagers. Droemersche Verlagsanstalt/Knaur 1973. S 38-39

 

Das gilt natürlich nur für diejenigen, die reden, um etwas zu sagen; nicht für diejenigen, die viel sagen, um schön zu reden. Um sich vor den Anderen wichtig zu machen, muss man freilich reden. Aber auch da muss man aufpassen, was man sagt. Das Beste ist dann, Meinungen von sich zu geben, die zumindest einer nicht zu kleinen gesellschaftlichen Gruppe gut gefallen. In dem Fall sollte man sich an dem orientieren, was der eigenen Zielgruppe zusagt, und nicht an dem, was man selber denkt.

Dem Gefühl nach würde ich jungen Menschen eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung empfehlen. Diese hat den Vorteil, dass sie nichts mit dem Wort zu tun hat. Techniker müssen ihre Meinung nicht sagen. Dadurch vermeiden sie es, den Zorn und die Ablehnung anderer Menschen zu erregen. Sie bauen tagein tagaus an ihrer Maschine – und leben in Frieden.

 

„43

Denken wie die Wenigsten und reden wie die Meisten

 

Gegen den Strom schwimmen zu wollen, vermag keineswegs einen Irrtum zu zerstören, sehr wohl aber in Gefahr zu bringen. Nur ein Sokrates konnte es unternehmen. Von Andrer Meinung abweichen, wird für Beleidigung gehalten; denn es ist ein Verdammen des fremden Urteils. Bald mehren sich die darob Verdrießlichen, teils wegen des getadelten Gegenstandes, teils um dessentwillen, der ihn gelobt hatte. Die Wahrheit ist für Wenige, der Trug so allgemein wie gemein. Den Weisen wird man nicht an dem erkennen, was er auf dem Marktplatz redet, denn dort spricht er nicht mir seiner Stimme, sondern mit der der allgemeinen Torheit, so sehr auch sein Inneres sie verleugnen mag. Der Kluge vermeidet ebenso sehr, daß man ihm, als daß er Andern widerspreche. So bereit er zum Tadel ist, so zurückhaltend sei er in der Äußerung desselben. Das Denken ist frei, ihm kann und darf keine Gewalt geschehn. Daher zieht der Kluge sich zurück in das Heiligtum seines Schweigens; läßt er sich bisweilen aus, so geschieht es im engen Kreise Weniger und Verständiger.“

 

Baltasar Gracian: Die Kunst der Weltklugheit. In dreihundert Lebensregeln. Paul Neff Verlag, Wien o. J. S. 38

 

Dieser mein Text hier ist sicherlich vor allem auch einer, der sich mit dem Bild der Philosophie in der Öffentlichkeit beschäftigt. Viele meinen ja, Philosophie sei es, wenn ein anerkannter Philosoph interessante und für alle Leute wichtige Gedanken in den Medien äußert. Das sind Menschen, die den Unterschied zwischen einem Philosophen und einem Philosophendarsteller nicht kennen. Der Philosophendarsteller stellt einen Philosophen in der Öffentlichkeit dar. Das ist notwendig, weil der Aspekt der Darstellung im Bereich der öffentlichen Rede perfektioniert und professionalisiert werden muss, damit Medientauglichkeit erreicht wird. Ein Philosophendarsteller kann prinzipiell auch ein Philosoph sein, aber nicht jeder Philosoph ist auch ein Philosophendarsteller. Wenn das richtig ist, dann ist es ein Jammer für die Philosophen, wenn die Menschen nur Philosophendarsteller für Philosophen halten.

Aber das ist eigentlich noch eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Atmosphäre, die in dem zitierten Aphorismus von Baltasar Gracian herrscht: Es ist das eine Atmosphäre von Krieg – jeder gegen jeden – und von absoluter Gefahr. Ich denke mir, ein Mensch muss wohl schon mit vielem in seinem Leben abgeschlossen haben, um sich daranmachen zu können, Gracians Ratschlag zu verwirklichen. Trotzdem mutmaße ich, dass Gracians Ratschlag wahrscheinlich der richtige ist.

Es gibt ja sogar Philosophen, für die ist Öffentlichkeit der rechte Ort für Philosophie. Volker Gerhardt ist mir als Anhänger dieser Meinung bekannt. Er hat geschrieben über einen Satz von Kant, in welchem Kant mehrere Male vom „ich“ zum „wir“ und zurückspringt. Die Botschaft ist klar: Philosophisches Sprechen ist für Gerhardt selbst schon ein öffentliches Sprechen, es ist ein Sprechen, bei dem es keinen Unterschied macht, ob man „ich“ oder „wir“ sagt, weil man ja nach einer Universalität der Gültigkeit strebt, also nur das zu denken versucht, was für alle Menschen oder gar für alle vernünftigen Wesen gilt.

Diese Denkweise nenne ich das „für alle-Denken“. Seine große Gefahr scheint mir vor allem darin zu liegen, dass darin die Zustimmung des anderen Menschen vorweggenommen wird. Also deshalb, weil mir etwas logisch und wahr und allgemeingültig ist, muss es der Andere auch akzeptieren. Was aber, wenn er es nicht tut?

Das Gegenteil vom „für alle-Denken“ ist das „für sich selber-Denken“. Das ist meiner Meinung nach das Höchste, was man beim Philosophieren mit gutem Gewissen erstreben kann. Aber sobald man seine Gedanken ausspricht, scheinen die Anderen keinen Unterschied mehr zu machen, ob sie von einem vereinnehmenden Für alle-Denker geäußert wurden oder von einem „für sich selber-Denker“, der ihnen zugesteht, auch eine eigene Meinung haben zu dürfen.

Trotzdem muss ich mich wundern über diejenigen, die Philosophieren gleichsetzen mit einem öffentlichen Sprechen: Blenden Sie denn die in den beiden Zitaten von Townsend und Gracian recht treffend dargestellte Realität völlig aus? Ich glaube, mein eigenes Philosophieren wäre halb so gut, wie es ist, wenn ich davon ausginge, dass rund um mich nur lauter verständige Menschen sind und die Gesellschaft eine jede Maßnahme, die vernünftig erscheint, mit viel Elan und Idealismus durchsetzt. Da ich den lebendigen Eindruck in mir trage, dass dem nicht so ist, philosophiere ich nicht so, als ob es so wäre und äußere vernünftige Argumente nicht so, als würde ich erwarten, dass ein jeder Mensch, der ein vernünftiges Argument sieht, es sofort mit Freuden aufnimmt, einfach weil es vernünftig ist.

Aber, wie gesagt, die Welt, die Gracian uns darstellt, ist hart. Es ist die Frage, ob man sich die ganze Zeit dessen bewusst sein will, dass man in einem erbarmungslosen Krieg aller Menschen gegen alle steckt, wenn man z.B. an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Gassen einer Stadt schlendert und die Leute gemütlich in den Schanigärten sitzen sieht. Immerhin lässt uns Gracian noch einen Ausweg: Es sind das die Wenigen und Verständigen, mit denen man manchmal doch über das reden darf, was einen selber interessiert.

Aber wenn ich in diese Richtung denke, dann wird mir die Sache ganz wackelig: Und – sind die Wenigen und Verständigen, die Freunde, mit denen man philosophieren kann, nicht auch ein Mythos? Und – was ist denn das für eine inkonsequente Haltung, bei der man am Markte redet wie alle und dann soll man bei einigen Menschen plötzlich umschalten können und sie so behandeln können, als wären sie wirkliche Menschen? Sollte man nicht, wenn man schon der Ansicht ist, dass die eigene Meinung die Anderen nur erzürnt, ganz beim Schweigen Zuflucht suchen, so hart das auch ist? Und die Wenigen und Verständigen, die handeln dann wohl draußen und am Markte auch so, als wären sie unverständige Holzköpfe – und ich soll trotzdem von ihnen eine gute Meinung bewahren, weil wir doch gestern so verständig miteinander philosophiert haben. Ein Wechselbad der Gefühle…

Trotzdem, der Meinung, dass die Philosophie in die Öffentlichkeit gehöre, kann ich mich auch nicht anschließen. Wenn man diese Meinung annimmt, dann begibt man sich in die Situation, in der man zu vielen Menschen spricht, die einem gar nicht zuhören wollen. Medienkompetenz wird demjenigen Menschen zugeschrieben, der selbst bei Menschen, die ihm gar nicht zuhören wollen, seine Botschaft noch rüberbringt. Aber hinter dieser Auffassung von Medienkompetenz steht ein Konzept von Kommunikation, dass so hässlich und abscheulich ist, dass ich zumindest am Kommunizieren keine Freude mehr hätte, wenn ich so kommunizieren müsste.

Meine Lösung für meine selbstgestellte Frage ist – bislang immer noch, denn gescheiter bin ich noch nicht geworden – der Zufall. Ich rede zu allen in der Hoffnung, dass sich darunter der eine oder andere Verständige befindet. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass meine Redeweise für die Öffentlichkeit nicht gut geeignet ist. Ich möchte sie nur nicht so öffentlichkeitstauglich mehr machen, dass diejenigen, die tatsächlich Lust hätten, zuzuhören, sich abgestoßen fühlen, weil sie den Eindruck haben, auch von mir werden sie mit dem üblichen intellektuellen Kommunikations- und Werbemüll zugemüllt.

Permalink 06.11.13    5 Kommentare »

Die analytischen Philosophen meinten, es genüge, streng zu sich zu sein

Gedanken bei der Lektüre von Stephen P. Schwartz: A Brief History of Analytic Philosophy. Wiley-Blackwell 2012. S. 272-280.

 

Meiner Meinung nach wurde die Philosophie erfunden, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein einzelner Mensch begann, selbst über Fragen, die ihm wichtig waren, nachzudenken.

Philosophieren ist gar nichts anderes als dieses selbst Nachdenken.

Dass das etwas Besonderes ist, kann man sich veranschaulichen, indem man den Historikern zuhört, wie sie über Individualität reden. Sie sagen gerne, dass Individualität eine historische Erfindung der Moderne sei und dass sich die Menschen früherer Zeiten nicht selbst als einzelne, unwiederholbare, individuelle Menschen gesehen haben.

Es ist das also etwas ganz Besonderes, wenn ein einzelner Mensch sich, wie man bei uns zu Hause sagt, „auf die Hinterbeine stellt“, um einen Gedanken zu denken, der seinem eigenen Antrieb entspringt, und der zum Zweck hat, sein eigenes Orientierungsbedürfnis zu befriedigen.

So etwas machen wir Menschen nicht alle Tage.

Doch sobald die Philosophie erfunden war, wurde sie sofort wieder vergessen – und blieb es bis zum heutigen Tage.

Das hat seinen Grund darin, dass man meint, wenn ein Mensch nachdenkt, dann ordne er sich infolge der (angestrebten) Logik und der (ebenfalls angestrebten) Universalität seiner Überlegungen sofort wieder in die menschliche Gemeinschaft ein.

Das heißt, man vergisst, dass er doch eigentlich nur einen Gedanken für sich, für ihn selbst, denken wollte.

Das ist auch der Grund, warum man die Philosophie immer wieder mit der Wissenschaft verwechselt. Begonnen hat diese Identifizierung von Philosophie und Wissenschaft ja bereits mit Aristoteles; aber es hat auch in späteren Jahrhunderten immer wieder Menschen gegeben, die nichts Besonderes und nichts Wertvolles darin zu erkennen vermochten, dass ein Mensch selbst denkt. Diese Menschen sind dann in der Folge regelmäßig auf den Gedanken verfallen, dass das Nachdenken des Einzelmenschen doch eigentlich nur dann Wert haben könne, wenn wahre und für alle Menschen gültige Erkenntnisse dabei rauskommen. Eh klar: Wenn das Denken des Einzelmenschen in sich wertlos ist, muss es seine Rechtfertigung darin haben, dass es wenigstens die Menschheit voranbringt.

Zuletzt waren es vor allem die analytischen Philosophen, die die Philosophie mit der Wissenschaft verwechselten. Sie wollten eine Philosophie nach Vorbild der Wissenschaft aufbauen; gelungen ist ihnen in der akademischen Philosophie die Entwicklung einer überaus spezialisierten Philosophie, die Detailprobleme zwar nicht löst, aber die zumindest theoretische Werkzeuge zu ihrer Behandlung entwickelt, die immer komplizierter werden und die von immer weniger Menschen verstanden werden.

Aber bei der Verwechslung der Philosophie mit der Wissenschaft ist den analytischen Philosophen, wie ich vermute, ein Irrtum unterlaufen: Leute wie Wittgenstein scheinen der Meinung gewesen zu sein, es sei schon Wissenschaft, wenn man möglichst streng zu sich selbst sei. Wenn man also das Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis möglichst hochhalte und sich um strenge wissenschaftliche Methoden bemühe. Sie konnten oder wollten nicht sehen, dass Wissenschaft wesentlich soziale Kooperation ist, also dass Wissenschaft nicht von einem einzelnen Menschen allein getrieben werden kann.

Wenn aber Wissenschaft Zusammenarbeit in Sachen Erkenntnis ist, dann ist es für den einzelnen Menschen nicht möglich, in ihr seine eigenen Gedanken zu denken.

Um seine eigenen Gedanken denken zu können, muss man Distanz zur Gemeinschaft gewinnen. Man muss sich von ihr und von ihren Diskussionen abwenden, um für sich zu sein. Erst wenn man sich von den Diskussionen der Anderen zurückzieht und für sich ist, kann man herausfinden, was einen selbst interessiert.

Ich glaube, sobald man einmal verstanden haben wird, dass Philosophie das eigene Nachdenken ist, wird man verstehen, was Philosophie ist. Doch noch ist es nicht soweit, noch wird dem Denken der einzelnen Menschen kein Wert zugemessen. Solange das so bleibt, kann die Philosophie auf dieser Welt keine Heimstatt finden. Sie wird immer etwas bleiben, von dem man eigentlich nicht weiß, was sie ist – und dem man nur Achtung entgegenbringen kann, wenn man es mit etwas anderem verwechselt, dessen sozialer Wert außer Frage steht. Das ist der Status quo: Philosophie hat keinen Wert, wenn sie nicht Wissenschaft ist.

 

Permalink 03.11.13    2 Kommentare »

täter und zeuge

Alles geschieht
ohne Täter,
ohne Zeugen.

Der Gedanke,
Täter und Zeuge zu sein,
ist bereits das,
was geschieht.

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