Vernunft und Öffentlichkeit bedeuten dasselbe.
Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden („der menschliches Antlitz trägt“, sagt Fichte) in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist.
Vernunft ist ein Postulat, das sich selbst setzt und voraussetzt. Es ist eo ipso das Postulat, dass zumindest in dieser einen Hinsicht „Alle gleich“ sind.
Das ist offenbar zunächst nur eine formale Bestimmung. Welche die positiven Gehalte der Vernunft seien, muss sich immer wieder erst im Zuge von deren Betätigung erweisen: im argumentativen Verkehr eines Jeden mit Jedem.
Und dieser Verkehr heißt Öffentlichkeit.
Dass es sich ‚nur’ um Postulate handelt, bedeutet zugleich, dass sie nur „problematisch“ gelten, d. h. als immer wieder zu bewältigende Aufgabe. Ob es ‚wirklich so ist’, muss sich allezeit im Vollzug erst noch bewähren. Vernunft gibt es nur als 'self fulfilling prophecy' – oder eben nicht.
Philosophie im 21. Jahrhundert: eine Vorstellung von „Jungert, M.; Romfeld, E.; Sukopp, T.; Voigt, U.: Interdisziplinarität: Theorie, Praxis, Probleme. Darmstadt: WBG 2010.“
„Interdisziplinarität“ ist zu einem der zentralen Begriffe gegenwärtiger akademischer Bestrebungen geworden: ich habe bereits hier ein wenig über den Zusammenhang von Philosophie und Interdisziplinarität bzw. die Notwendigkeit interdisziplinärer Vernetzungen für die Philosophie geschrieben. Nachdem diese Ausführungen zwangsweise sehr kurz gehalten wurden, möchte ich heute auf einen neuen Sammelband hinweisen, der sich eingehend mit dem Begriff der Interdisziplinarität beschäftigt und damit auch einen unmittelbaren Beitrag leistet, das Wesen und die Aufgaben der Philosophie im 21. Jahrhundert darzustellen.
Die Herausgeber Michael Jungert, Elsa Romfeld, Thomas Sukopp und Uwe Voigt versuchen (und – das kann ich vorwegnehmen – schaffen es auch bzw. legen die notwendigen Grundlagen für eine spätere abschließende Behandlung), der oft fehlenden Präzision bzw. Systematik in der mitunter inflationären Verwendung des Interdisziplinaritätsbegriffs Rechnung zu tragen und (siehe Klappentext) „prinzipielle Fragen und konkrete Probleme der interdisziplinären Arbeit zu klären“. Zweck und Wesen der Interdisziplinarität zu analysieren und darzulegen ist in den Augen der Herausgeber – und hier schließe ich mich in vollem Umfang an – eine wichtige Aufgabe der Philosophie (und hier insbesondere der Wissenschaftstheorie). Dem eigenen Anspruch nach liegt – an dieser Stelle sieht man, dass ein durchaus realistisches und keineswegs utopisches Ziel verfolgt wurde – mit dem Band noch „nicht die zunehmend als längt überfällig geforderte wissenschaftstheoretische Monographie zur Interdisziplinarität vor“, sondern eine Sammlung von grundlegenden Überlegungen, hinter die man im Sinne eines gewünschten Fortschritt in Zukunft nicht mehr zurückfallen sollte. Formal zeichnet sich der Sammelband selbst durch eine klare, dreigliedrige Aufteilung aus: den Einstieg bilden philosophisch-wissenschaftstheoretische Vorklärungen (4 Aufsätze), gefolgt von einem Blick auf die Praxis (5 Aufsätze), dem sich als Abschluss Überlegungen zu Problemen der Interdisziplinarität (3 Aufsätze) anschließen. Für ihr anspruchsvolles Projekt konnten die Herausgeber neben Klaus Mainzer für das Geleitwort mehrere Autoren gewinnen, darunter weitere philosophische Schwergewichte wie z.B. Ian Hacking, Bernulf Kanitscheider, Hilary Kornblith und Gerhard Vollmer.
Bereits im Geleitwort von Klaus Mainzer wird deutlich, weswegen Interdisziplinarität (insbesondere für ein auf Innovationsdynamik angewiesenes Land wie Deutschland) zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben so wichtig ist: Innovationen hängen oftmals maßgeblich von transdiszipliner Forschung ab und etliche der gegenwärtigen Probleme lassen sich nicht mehr in die überholten traditionellen Fach- und Fakultätsgrenzen pressen – unmittelbar problemorientierte Forschung ist jedoch angesichts der Veränderungen in der Welt und einer damit einhergehenden notwendigen Anpassung wichtiger denn je. Beispiele für interdisziplinäre Forschungen sind u.a. in den Neurowissenschaften, der Robotik, der Umweltforschung oder der Risiko- und Komplexitätsforschung zu finden. In diesem wünschenswerten und bereits an vielen Stellen begonnenen Prozess kommt dabei der Philosophie als Ort der Begegnung der einzelnen Wissenschaften und als mahnende, leitende und kontrollierende Instanz eine zentrale Rolle zu. Dieses Plädoyer für ein modernes Verständnis von Philosophie, das jedoch auch deutliche Anleihen an ihrer eigenen Entstehungsgeschichte und – mit einem gewissen Universalitätsanspruch – ihrer ursprünglichen Intention hat, sowie der Appell zu mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit unter großer Berücksichtigung der möglichen Hilfestellung der Philosophie decken sich mit meinen Ausführungen zum Ursprung und zur Aufgabe der Philosophie – was, wenn man meine philosophische Herkunft betrachtet, nicht ganz verwunderlich ist ;-)
Eine umfangreiche inhaltliche Wiedergabe der Beiträge würde den Rahmen des Blogs eindeutig sprengen. Deswegen möchte ich mich im Folgenden größtenteils darauf beschränken, in groben Zügen die Gegenstände der jeweiligen Beschäftigung der Autoren aufzuzeigen. Dies dürfte für den Leser (des Blogs) insbesondere deswegen wichtig sein, weil so zum einen – wie ich hoffe – die Lust geweckt wird, sich eigenständig mit der Thematik zu befassen, und zum enderen auf diese Weise ein Überblick geliefert werden kann, welch breites Feld abgearbeitet werden muss, wenn man sich der Interdisziplinarität nähern möchte. Im Übrigen werde ich mich v.a. auf den Grundlagenteil, also den ersten Teil („Theorie der Interdisziplinarität“) des Buches konzentrieren – nicht, weil der Rest es nicht wert wäre, dass darüber ein wenig ausführlicher berichtet wird, aber ich kann hier ja keine 30 Din-A-4-Seiten schreiben…
Die philosophisch-wissenschaftstheoretischen Vorklärungen werden mit einem Beitrag von Michael Jungert eingeleitet: „Was zwischen wem und warum eigentlich? Grundsätzliche Fragen der Interdisziplinarität“. Jungert weist auf eine enorme „Diskrepanz zwischen Verwendungshäufigkeit und theoretischer Reflexion“ (S. 1) bzgl. des Interdisziplinaritätsbegriffs hin und bemängelt ebenfalls eine viel zu starke Zurückhaltung der bisherigen Wissenschaftstheorie hinsichtlich einer eingehenden Beschäftigung mit dem Phänomen der Interdisziplinarität. Das eigentliche Anliegen Jungerts ist die Skizzierung „einige[r] Bedeutungsfacetten und grundsätzliche[r] Problemdimensionen des Interdisziplinaritätsbegriffs“ (S. 1). Der erste Schritt dieses Unternehmens ist die Darstellung und Analyse verschiedener (und häufig uneinheitlich gebrauchter) Begriffe, die eng mit dem der Interdisziplinarität zusammenhängen und oftmals synonym dazu verwendet werden: Multi-, Pluri-, Cross und Transdisziplinarität. Zusätzlich werden bezugnehmend auf Heinz Heckhausen allein sechs unterschiedliche Erscheinungsformen der Interdisziplinarität selbst angeführt: Unterschiedslose Interdisziplinarität, Pseudo-Interdisziplinarität, Hilfsinterdisziplinarität, Zusammengesetze Interdisziplinarität, Ergänzende Interdisziplinarität und Vereinigte Interdisziplinarität. Spätestens auf Seite Sieben ist nun jedem Leser klar, weswegen ein solcher Band dringend notwendig war… Aber in welchem Zusammenhang kann im Falle der Interdisziplinarität von einer „Inter“-Relation gesprochen werden bzw. auf welchen Ebenen finden die entsprechenden disziplinübergreifenden Kooperationen statt? Hier werden fünf Möglichkeiten untersucht, die da wären: Gegenstände, Methoden, Probleme, theoretisches Integrationsniveau und Personen/Institutionen. In dem Eingangsaufsatz des Sammelbandes wird der Vollständigkeit halber ebenfalls noch kurz auf die (wissenschaftsexternen und wissenschaftsinternen) Motive und Gründe von Interdisziplinarität eingegangen – eine eingehendere Behandlung (deswegen die Kürze) mit dieser Thematik findet im Band jedoch an späterer Stelle statt.
Thomas Sukopp widmet sich im zweiten Aufsatz des Bandes der Thematik „Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Definitionen und Konzepte“. Hierbei kommt es ihm vor allem auf das Erreichen von terminologischer Klarheit an, weswegen er sich insbesondere mit Begriffserklärungen von „Interdisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ beschäftigt und damit einhergehend entsprechende (nicht vorhandene) Kooperationsformen untersucht. Zu Beginn seiner Ausführungen legt Sukopp dar, wie Interdisziplinarität zwar oft gefordert, aber trotz des (oftmals anzutreffenden) grundsätzlichen Wunsches der Beteiligten selten tatsächlich betrieben wird. Als Gründe für dieses auf den ersten Blick ambivalente Verhalten der verschiedenen Wissenschaftler werden Schwierigkeiten in der konkreten Zusammenarbeit angeführt, wie z.B. disziplinspezifische Methoden, eigene Sprachen, „disziplinäre Weltbilder bzw. Paradigmen, die als unhintergehbar gelten bzw. nicht angetastet werden“ (S. 15) oder etwa unüberbrückbare Differenzen hinsichtlich des eigenen Charakters bereits in einer einzelnen Disziplin für sich (dass diese Differenzen und damit Schwierigkeiten nicht weniger werden, wenn mehrere solcher Disziplinen miteinander arbeiten sollen, kann man sich leicht vorstellen). Aus den Schwierigkeiten einer konkreten interdisziplinären Zusammenarbeit ergeben sich nun zwingend Grenzen der Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf zeigt Sukopp auf, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in vielen Fällen (z.B. aus heuristischen oder methodologischen Gründen) überhaupt nicht notwendig und damit wünschenswert ist. Dies geschieht – das kann man sich bei der Intention des Bandes denken – jedoch keineswegs in einer grundsätzlich ablehnenden Haltung der Interdisziplinarität gegenüber, sondern in einer wohl überlegten Darstellung bzgl. der (im weiteren Sinne) epistemischen Notwendigkeit und real praktikablen Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes geht Sukopp konkret auf die Bedeutung und die unterschiedlichen Definitionen bzw. Verwendungen von Inter- und Transdisziplinarität ein. In diesem Zusammenhang mokiert er sich bei der Klärung dessen, was Inter- und Transdisziplinarität nicht ist, völlig zu Recht über mit Hilfe von Fragebögen gewonnene Ausführungen, die beispielsweise von Transdisziplinarität als „Dilettantismus in Bereichen, die man nicht beherrscht“ oder als ausschließlich von Personen aufgestellte Forderung, „die nicht selbst wissenschaftlich arbeiten“ (S. 18), sprechen. Zu den eingangs erwähnten objektiven Schwierigkeiten bzgl. einer interdisziplinären Zusammenarbeit kommen also offensichtlich an vielen Stellen auch völliges Unverständnis und Scheuklappendenken dazu. Sukopp geht einen vernünftigen Weg, wenn er einer Reihe von fragwürdigen und teilweise beschämenden, und damit die fruchtbare Zusammenarbeit weiter behindernden, Definitionsversuchen den Wunsch nach einer klaren Definition bzw. Explikation gegenüberstellt – umso besser, dass er diesem Wunsch gleich selbst nachkommt. Um überhaupt den Interdisziplinaritätsbegriff vernünftig fassen zu können, widmet sich Sukopp zunächst einer differenzierten Darstellung der Begriffe „Fächer“, „Disziplinen“ (man beachte hier den Unterschied!) und „Disziplinarität“. Auf diesem nun gelegten Fundament aufbauend werden schließlich verschiedene Formen der Inter- und Transdisziplinarität (bezogen z.B. auf Methode oder Theorie) sowie deren Voraussetzungen geklärt. An dieser Stelle werden auch einige der zuvor erwähnten Schwierigkeiten, die einer interdisziplinären Zusammenarbeit möglicherweise im Weg stehen können, relativiert (z.B. hinsichtlich der Forschung an den Grenzen einer Disziplin).
Uwe Voigt beschäftigt sich mit „Interdisziplinarität: ein Modell der Modelle“. Voigt beklagt in seinem Beitrag als erstes, dass eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema „Interdisziplinarität“ bis jetzt (z.B. von Seiten der Wissenschaftstheorie) viel zu selten stattgefunden hat – und liefert sogleich eine detaillierte mögliche Erklärung, welche die Ursachen hierfür in einer unzureichenden Reflexion bzgl. modellhafter Darstellungen der Beziehungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen sieht. So müssen diese „Modelle erst einmal als solche erkannt“ werden, um „sie zu analysieren und auf dieser Grundlage nach ihrer jeweiligen Brauchbarkeit [zu] fragen“ (S. 32). Im nächsten Schritt geht Voigt der Frage nach, was konkret wissenschaftliche Disziplinen sind und wie diese sich aufeinander beziehen können. Nach der grundsätzlichen Klärung, ob es überhaupt wissenschaftliche Disziplinen gibt, stellt sich – bei einer Bejahung – die Frage nach der Anzahl (vgl. z.B. den Wiener Kreis und die „unity of science“). Von Konzepten einer Einheitswissenschaft ausgehend werden plurale und pluralistische Modelle behandelt, mit Hilfe derer sich als unberechtigt empfundene „reduktive oder eliminative Ansprüche seitens einer vermeintlichen Einheitswissenschaft zurückweisen lassen“ – um den Preis der Aufgabe der Einheit des Wissenschaftsbegriffs. Gerade vor dem Hintergrund der gewünschten Interdisziplinarität ergeben sich dann möglicherweise Probleme, was in pluralistischen Modellen auf Grund der gegenseitigen Beziehungslosigkeit die gegenseitig Akzeptanz als „Wissenschaft“ anbelangt – man denke z.B. an die im englischen Sprachraum übliche Unterscheidung von „sciences“ und „humanities“. Aus den pluralistischen Modellen könn(t)en wieder monistische erwachsen. Ein weiteres Problem pluralistischer Modelle ist die Tatsache, dass de facto eine wechselseitige Abgrenzung weder immer gegeben, noch mitunter sinnvoll oder gar möglich ist (vgl. z.B. Kuhn). Mit dem Konzept von „Kontaktmodellen“ wird nun dem Umstand der gegenseitigen Beziehung zwischen Wissenschaften Rechnung getragen. Die Kontakte können sich nun auf einen gemeinsamen Gegenstandsbereich oder auf eine gemeinsame Methode beziehen. Erfolgversprechend scheint bzw. schien hier insbesondere ein nicht-hierarchisches Methoden-Kontakt-Modell, „wonach die Beziehungen zwischen den Disziplinen nicht von einer einzigen Methode gestaltet werden, sondern darauf beruhen, dass die einzelnen Disziplinen spezifische Ausprägungen einer Methode verwenden und gerade dadurch auf wechselseitige Ergänzung angewiesen wie auch zu ihr befähigt sind“ (S. 41f.; man beachte z.B. die Rolle der Systemtheorie in Ökonomie, Spieltheorie, Soziologie, Primatenforschung etc. und die Zusammenarbeit dieser Disziplinen bei dem Bemühen, sozial intelligente Roboter herzustellen). Trotz dieser vermeintlich eindeutigen Durchschlagskraft von Methoden-Kontakt-Modellen muss im Sinne Feyerabends vor einer Überbewertung des Stellenwerts der Methode für Wissenschaften gewarnt werden: der Wechsel bzw. die Modifikation der Methode mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns ist ein wesentlicher Grundzug wissenschaftlichen Arbeitens. Was nun? Voigt plädiert – nach der Absage an Gegenstands-Kontakt-Modelle und Methoden-Kontakt-Modelle – für ein Kooperations-Kontakt-Modell, das zwar den Einfluss von Gegenstand und Methode auf das wissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt, aber noch darüber hinausgeht, denn „[j]enseits dieser Momente bleibt noch das wissenschaftliche Arbeiten als solches, das sich in interdisziplinären Beziehungen jeweils konkret als Kooperation vollzieht“ (S. 42). Aus den Versuchen der Wissenschaften, Wissen zu gewinnen, ergibt sich die Bestimmung gegenseitiger Ergänzung. So stellt interdisziplinäre Kooperation die wechselseitige Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin dar und wird zum konstitutiven Faktor von Wissenschaft überhaupt.
Gerhard Vollmer geht der Frage „Interdisziplinarität – unerlässlich, aber leider unmöglich?“ nach. Vollmer beginnt mit einem mir sehr sympathischen Thema, indem er auf die Komplexität der Welt und (fast aller) ihrer Teilsysteme verweist – und aus dieser Komplexität der Welt leitet er (nachvollziehbarerweise) die Notwendigkeit der Interdisziplinarität ab. In Bezug auf die Interdisziplinarität zwischen mehreren Wissenschaften wird gezeigt, dass oft die einzelnen Wissenschaften nicht unterschiedliche Teile, sondern verschiedene Eigenschaften einheitlicher Systeme bearbeiten. Zudem gibt es etliche Grenzfälle, bei denen eindeutige Zuordnungen nicht möglich sind und die aus diesem Grund einer interdisziplinären Herangehensweise bedürfen. Vollmer beschreibt anschließend den Zusammenhang zwischen der evolutiven Zunahme von Komplexität realer Systeme und den sie beschreibenden Wissenschaften. Mit einer immer stärker ausgeprägten Verfeinerung des Spektrums der Disziplinen entstehen aus benachbarten Disziplinen nun mehr und mehr Brückendisziplinen wie z.B. Biophysik, Neurolinguistik oder Wirtschaftsgeografie. Hinsichtlich gelungener Interdisziplinarität werden Musterbeispiele präsentiert – sowohl, was einzelne Personen als auch Interdisziplinarität zwischen mehreren Personen anbelangt. Schwierigkeiten, die der Interdisziplinarität im Wege stehen können, teilt Vollmer in vier Gruppen auf: Interdisziplinarität erfordert viel Wissen, Interdisziplinarität erfordert Vereinfachungen (die aber zu Verfälschungen führen), Interdisziplinarität führt zu Verständnisschwierigkeiten und zu Missverständnissen und Interdisziplinarität leidet unter Selbstüberschätzung einer oder mehrerer Parteien (man schaue sich nur einmal das Schwanitz-Buch „Bildung – alles, was man wissen muss“ näher an). Vollmer zeigt in seinem Aufsatz v.a. zweierlei: dass Interdisziplinarität notwendig ist – aber auch, dass sie schwierig ist und mit viel Anstrengung betrieben werden muss.
Bei den restlichen Aufsätzen beschränke ich mich, wie bereits gesagt, auf die Nennung von Autor und Thema: man sieht schon hieran deutlich, welch ausführliche Behandlung die Interdisziplinarität erfahren hat – und was es alles zu beachten gilt, wenn man sich diesem Komplex möglichst umfassend nähern möchte. Im Bereich „Praxis der Interdisziplinarität“ finden sich 5 Aufsätze. Ulrich Frey schreibt über „Im Prinzip geht alles, ohne Empirie geht nichts – Interdisziplinarität in der Wissenschaftstheorie“. Hilary Kornblith befasst sich mit „Erkenntnistheorie und Kognitive Ethologie“ und Berthold Schweizer mit „Vom Fehler im Gegenstand zur Theorie über den Gegenstand: Wissenschaftstheorie und interdisziplinäres Arbeiten“. Bernulf Kanitscheiders Aufsatz ist in meinen Augen in doppelter Weise interessant: „Epikur als Wegbereiter einer interdisziplinären Ethik“ ist zum einen ob seines Inhalts lesenswert, zum anderen sehe ich persönlich Kanitscheider immer als eine Art „Epikur der Gegenwart“ bzw. Epikur als einen „Kanitscheider der Antike“ (gerade, was Naturphilosophie und Ethik anbelangt)… Elsa Romfeld klärt „Über die Rolle des Moralphilosophen in interdisziplinären Beratungsgremien“ auf. Im abschließenden Teil des Sammelbandes „Probleme der interdisziplinären Zusammenarbeit“ geht Winfried Löffler der Frage „Vom Schlechten des Guten: Gibt es schlechte Interdisziplinarität?“ nach. Thomas Potthast untersucht „Epistemisch-moralische Hybride und das Problem interdisziplinärer Urteilsbildung. Den Schluss bildet Ian Hackings „Verteidigung der Disziplin“.
Wie lautet nun das Fazit bzgl. des gut 200 Seiten umfassenden Buchs? Obschon ich mich immer wieder (durchaus ausführlich) mit Interdisziplinarität auseinandergesetzt habe, stellt dieses Buch auch für mich persönlich einen unheimlichen Mehrwert dar. Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter vor allem: durchgängig kompetente (und gut darstellende) Autoren, die alle selbst aus persönlicher Erfahrung interdisziplinäres Arbeiten kennen, eine beeindruckende Tiefe in den Aufsätzen trotz der gerade einmal 12 bis 20 Seiten pro Artikel und eine enorme Breite, in der das Thema Interdisziplinarität aus verschiedenen Blickwinkeln angegangen wird. Eines ist gewiss: zukünftige wissenschaftstheoretische Grundlagenarbeiten zur Interdisziplinarität können die hier präsentierten Ergebnisse definitiv nicht einfach übergehen.
Zwei zentrale Eigenschaften von Wissenschaft
Ich glaube, dass unser Bild von Wissenschaft auf einer falschen (verkürzten) allgemein geteilten Vorstellung beruht. Diese Vorstellung besagt, dass die Wissenschaft objektive Erkenntnisse suche und auffinde. Das mag schon richtig sein, aber das allein genügt nicht. Wissenschaftliche Erkenntnis mag wahr und objektiv sein, aber durch ihre Wahrheit und Objektivität allein wird noch keine Erkenntnis zu einer wissenschaftlichen. Zu einer wissenschaftlichen wird sie erst durch ihre Einordnung in das wissenschaftliche System des Wissens, das heißt im Konkreten: in den Wissensbestand des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs.
Wissenschaftlich ist eine Erkenntnis also erst dann, wenn sie Teil der Wissenschaft (des wissenschaftlichen Wissens) wird. Dadurch dass sie Teil des wissenschaftlichen Gesamtwissens wird, wird die einzelne Erkenntnis tendenziell aus meinem Erkenntniszusammenhang (wie aus dem Erkenntniszusammenhang eines jeden Einzelmenschen) herausgerissen. D.h. ich verliere tendenziell die Erkenntnis (als Einzelmensch) dadurch, dass sie wissenschaftliche Erkenntnis wird. Das muss natürlich nicht immer der Fall sein: Bisweilen ist mir eine Erkenntnis, auch nachdem sie Teil der Wissenschaft geworden ist, noch weiterhin zugänglich und verständlich. Aber, und das ist wichtig, ab diesem Zeitpunkt geht es nicht mehr in der Hauptsache um mein Verständnis: Ob ich (als Einzelmensch) etwas aus ihr lerne, macht eine wissenschaftliche Erkenntnis weder wissenschaftlicher noch weniger wissenschaftlich.
Ich gestehe also wissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus prinzipiell Wahrheit und Objektivität zu. Paradoxerweise rücken jedoch diese Eigenschaften von Erkenntnissen nach deren Eingliederung in die Wissenschaft in den Hintergrund, weil nun andere Faktoren wichtiger werden. Was ich damit meine, möchte ich nun am Beispiel des Marketing zeigen. Und falls nun jemand als Gegenargument die Wissenschaftlichkeit von Marketing anzweifeln möchte: Selbst wenn dieses Fach nicht denselben Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen sollte wie andere Fächer, so ist es doch an denselben wissenschaftlichen Grundeinstellungen orientiert, die heute überall in der Gesellschaft Eingang gefunden haben. Und vielleicht ist es sogar besser geeignet, diese wissenschaftlichen Grundeinstellungen zu zeigen, weil sich in ihm viele gewöhnliche Menschen tummeln und nicht nur der enge Kreis der WissenschaftstheoretikerInnen.
PREISPOLITIK
maßgebliche Größen dafür:
• Kostenstruktur d. Unternehmens
• auf dem Markt erzielbare Preise
• Konkurrenzpreise
• staatl. Regulative
Ziele d. Preispolitik
• Gewinnmaximierung
• Umsatzmaximierung
• Absatzmaximierung
Fragen
• Welchen Preis will ich erzielen?
• Welchen Preis kann ich erzielen?
• Welchen Preis muss ich mindestens erzielen?
Preisfindung
• nach eigenen Kosten
• nach dem Markt
• nach dem Mitbewerb
Preis-Qualität-Strategien
• Billigwaren-Strategie
• Vorteilsstrategie (hohe Qualität, niedriger Preis)
• Mittelfeldstrategie
• Übervorteilungsstrategie (niedrige Qualität, hoher Preis)
• Premiumstrategie
Preis-Mengen-Strategie
• Aufbau d. eindimensionalen Präferenz Preis-Menge
• Marketingaktivitäten über Preispolitik
• Ansprache d. größtmögliche Zahl. v. Kunden
• höhere Absatzmengen sollen niedrigeren DB kompensieren
Präferenzstrategie
• Schaffung mehrdimensionaler Präferenzen
• Ziele: Erzielung überduchschnittlichen Preises, Schaffung eines evoked-sets
Dieses Beispiel soll dazu dienen, um zu veranschaulichen, welche Form Marketingwissen annimmt: Aus Inhalten werden Schlagworte. Aus solchen Schlagworten kann jedenfalls ich nichts lernen bzw. zu keinem tieferen Verständnis der Materie kommen. Im Gegenteil, sie lenken zwar meinen Blick (weil die Differenzierungen vorstellen), aber sie halten mein Denken an der Oberfläche bzw. stellen es ab, weil sie meine Fragen ausschalten. Meine Fragen schalten sie aus, weil sie mich mit etwas schon Fertigem konfrontieren, das gar nicht mehr befragt werden will, dessen Sinn es auch gar nicht ist, befragt und bedacht zu werden.
Die entscheidende Frage ist aber nun: Soll ich denn überhaupt etwas aus ihnen lernen? Wäre das die Intention, die hinter ihnen steht, wäre das der Sinn der Sache? Aber hier ist die Erkenntnis: Nein! Wenn man mich derart mich bloßen Begriffen und abstrakten Einteilungen bewirft, kann gar nicht der Sinn dahinter stehen, etwas über die Sache selber (Marketing als Tätigkeit) lernen, sondern man will mir zeigen, wie die Dinge in Marketing als (wissenschaftlichem) Fach aussehen. Im Wesentlichen soll ich Vokabel lernen, also wissen, wie im Fach Marketing die Dinge benannt werden und welche wichtigen Unterscheidungen dort getroffen werden.
Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt angekommen, den ich gern klar machen würde. Wissenschaft bedeutet nicht in erster Linie eine Erkenntnis oder ein Wissen, das wahr oder objektiv ist, sondern Wissenschaft bedeutet, über das wissenschaftliche Wissen in einem bestimmten Fach Bescheid zu wissen: zu wissen, wie in einem bestimmten Fach die Dinge benannt werden und welche wichtigen gedanklichen Konzepte es dort gibt.
Damit ist aber praktisch eine ganz andere Ebene erreicht: Nicht mehr die Richtigkeit eines Wissens macht jetzt seine Wissenschaftlichkeit aus, sondern die Tatsache, dass es im entsprechenden Fach vorkommt. Ob diese Begriffe, die ich oben angeführt habe, auch richtig und vernünftig sind oder inwieweit die damit verbundenen Konzepte auch der Wahrheit entsprechen, ist auf dieser Ebene nicht mehr so sehr wichtig – wichtig ist zuvorderst, diejenigen geistigen Schablonen zu besitzen, die nötig sind, um im Fach mitreden zu können. Wissenschaftliches Wissen zu besitzen bedeutet also grundsätzlich, zu wissen, was im einem bestimmten Fach los ist, und zwar ohne dass dabei eigentlich noch wichtig wäre, ob diese Inhalte auch wahr und objektiv sind.
Die Eigenschaft der Wahrheit des Wissens, die an und für sich durchaus wichtig sein mag in der Wissenschaft, wird also abgelöst durch Bescheidwissen über ein Fach. Wer heute etwas von Marketing versteht, ist nicht in erster Linie jemand, der etwas von der Sache Marketing versteht, sondern jemand, der etwas vom Fach Marketing versteht, so wie es in wissenschaftlichen Büchern vorgestellt wird. Und die heutigen Menschen sind so tief wissenschaftlich geprägt, dass sie einer solchen Unterrichtsmethode gar nicht entkommen könnten, weil sie Wissen über eine Sache automatisch mit Wissen über das jeweilige Fach, das diese Sache behandelt, identifizieren. Wissenschaft bedeutet somit: alles vom Fach her zu denken. Das ist eine geistige Prägung, die man praktisch bei allen heutigen Menschen findet, und zwar, fast möchte man sagen: Wenn die Menschen weniger über die Wissenschaft wissen, denken sie sogar oft noch stärker in dieser Weise.
Freilich nimmt nun wissenschaftliches Wissen nicht in jedem Fach eine solche schablonen- und schlagworthafte Form an wie im Marketing – aber das Schlagworthafte ist eben auch eine der möglichen Formen, die wissenschaftliches Wissen annehmen kann. Und es ist nun auch klar, warum: Dadurch, dass wissenschaftliches Wissen in erster Linie in seiner Zugehörigkeit zum Wissensganzen eines Fachs besteht, zeigt man den Besitz von wissenschaftlichem Wissen nicht dadurch an, dass man die Wahrheit über etwas weiß, sondern dadurch, dass man weiß, was ein bestimmtes wissenschaftliches Fach enthält – dadurch, dass man die Konzepte in diesem Fach kennt und Dinge über dieses Fach zu erzählen weiß. Wenn dieses Wissen nun nur sehr schlagwortartig ist, so ist das vielleicht nicht ganz im ursprünglichen Sinne der Wissenschaft, aber was soll’s?
Wenn man also Marketing in der oben dargestellten Form lernt, soll man nicht Marketing (die Sache) lernen, sondern man lernt, welche Begriffe und Unterscheidungen im Fach Marketing wichtig sind. Am Ende versteht man vielleicht nicht viel mehr von der Sache, weiß jetzt aber ein bisschen etwas darüber, wie dieses Fach „schmeckt“. Noch wahrscheinlicher ist jedoch bei einem fragenden Charakter wie dem meinen, dass ich solche Schlagwörter, mit denen ich sachlich nichts verbinden kann, bald wieder vergesse, weil sie mir wie das Lernen von sinnlosen Silben erscheinen. Wünschte ich mir aber nun, dass man mir die Begriffe des Marketing gemeinsam mit der Sache lehrte, so würde man mir entgegnen (da ginge ein großer Aufschrei los) – und das ist eine zweite Auswirkung der Wissenschaft auf die geistige Prägung der heutigen Menschen – dass man die Sache erst dann verstehen könne, nachdem man ihre Grundbegriffe verstanden hat.
Hier ist aber ein Denkfehler verborgen: Wenn ich mir die oben angeführten Begriffe anschaue, dann sehe ich ziemlich deutlich, dass ich zuerst viel mehr von der Materie selbst verstehen müsste, um diese Begriffe selbst in ihrem vollem Umfang verstehen und beurteilen zu können. Dass man also immer mit den Grundbegriffen anfangen müsste, ist ein Vorurteil, weil die Grundbegriffe selber die Sache immer schon voraussetzen und sich mit der Sache gemeinsam gegenseitig (in einer Art hermeneutischem Zirkel) konkretisieren: Verstehe ich mehr von der Sache, verstehe ich auch den Begriff besser, der sie benennt. Definiere ich demgegenüber wissenschaftliche Begriffe einfach auf dem weißen Blatt Papier, so tappt der Lernende, der mit der Sache, um die es geht, nicht vertraut ist, hilflos im Dunkeln.
Damit habe ich nun eine zweite Eigenschaft von Wissenschaft aufgezeigt (es gibt sicher noch weitere), die ebenfalls in wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in welchen es hauptsächlich um die Wahrheit und Objektivität wissenschaftlichen Wissens geht, gewöhnlich nicht vorkommt. Also, erstens: Wissenschaftliches Wissen ist nicht so sehr wahres und objektives Wissen als Bescheidwissen über die Wissenschaft (= Bescheidwissen über bestimmte Fächer und ihre Inhalte). Zweitens: Wissenschaftliches Wissen ist auch charakterisiert von einer bestimmten Reihenfolge in der Vermittlung dieses Wissens, von der alle heutigen Menschen überzeugt sind. Man müsse mit den Grundbegriffen anfangen, so meinen sie. Ich möchte darauf hinweisen, dass mit dieser Forderung auch nicht so sehr gemeint ist, man solle die Sache, um die es geht, genau lernen, sondern man solle das Fach von seinem Anfang an lernen: Das Fach macht sich wichtig.
Dieses Anfangen mit den Grundbegriffen führt natürlich aus der Sicht des Individuums zur Unmöglichkeit des direkten Zugriffs auf jenes Wissen, das einen Menschen zurzeit gerade interessiert, denn es herrscht überall der Imperativ, dass mit dem Anfang anzufangen sei. Der Umgang mit Wissen wird also durch die Wissenschaft sehr umständlich, weil das Wissen durch seine Einfügung in das Wissensganze des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs zu großen, unhandlichen Brocken verklumpt. Der häufigste Fall in unserer wissenschaftsgeprägten Welt mit Drang und Zwang zur Weiterbildung wird sicherlich der sein: dass man die Grundbegriffe eines bestimmten Fachs lernt und sie dann – weil man aus ihnen allein nichts lernt und es zu einer so genannten „Vertiefung“ aus Zeit- oder anderen Gründen nicht kommt – sehr bald wieder vergisst.
Auf der Galerie vor dem moralischen Schauspiel der Welt
In seinem Gedicht „Walking around“ schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda „Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!“
Ich kenne dieses Gefühl und denke mir: Ja, man könnte es auch tatsächlich müde werden, ein Mensch zu sein, wenn man diese Welt und das menschliche Treiben auf ihr so beobachtet.
Zwei Beispiele aus der Wirtschaftswelt, aus den Verkaufsschulungen des Vertriebspersonals (aber es müsste nicht die Wirtschaftswelt, der böse Kapitalismus sein, andere Gesellschafts- und Lebensbereiche, in denen es genauso ist, ließen sich gewiss finden): „NEIN“, wird den Menschen da gelehrt, heiße „Noch Eine Information Ist Nötig!“ Ein bisschen offener und redlicher ist da schon der Spruch: „Verkaufen ist die Kunst, den Kunden so über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.“
Beiden Beispielen wohnt dasjenige inne, was Franz Kafka in seiner tiefsinnigen Parabel „Auf der Galerie“ zu fassen versuchte: Man kann nicht sagen, ob sie gut sind oder nicht. In der Parabel „Auf der Galerie“ ist es ein junger Galeriebesucher in einem Zirkus, der sich nicht entscheiden kann, ob die abgezehrte Kunstreiterin, die er vor sich sieht, vom Zirkusbetrieb gequält und geschunden wird oder ob sie mit aller Vorsicht behandelt, erhöht wird und im höchsten Glanz erstrahlt.
Es ist das eine von zwei Parabeln Kafkas, die ich für Grundlagentexte der Philosophie halte und die ich mir in jedem Einführungsbuch in die Philosophie wünschte. Die zweite ist „Vor dem Gesetz“, in welcher einem unerfahrenen Mann vom Lande erzählt wird, dass er ein Recht auf etwas habe und diese Sache ihm aber vorenthalten wird, so er sie sich nicht selbst erkämpfe. Dass man ein Recht auf etwas hat und sich diese Sache aber erkämpfen muss, ist natürlich ein Widersinn, aber einer der real ist in dieser unserer Welt im Leben unter Menschen. Würde der Mann vom Lande um sein Recht kämpfen, so behält sich die Gesellschaft natürlich ihr Recht vor, in dem Fall zu sagen, er breche das Gesetz, wodurch die Parabel auch die Dimension der individuellen Grundverfasstheit des Menschen enthält, welche da lautet: Wie man es macht, ist es falsch!
Doch wieder zurück zum Galeriebesucher: Könnte er sich dazu entscheiden, dass die Kunstreiterin vor ihm misshandelt wird, so würde er durch alle Ränge hinunterlaufen und sein „Nein!“ in die Fanfaren der Bläser rufen. Könnte er sich dazu entscheiden, dass es nicht so ist, dann hätte er die Möglichkeit, der Kunstreiterin zuzujubeln und sich mit ihr zu freuen. Weil er aber nicht weiß, welche der beiden Optionen die richtige ist, bricht er ob der psychischen Last zusammen.
Bei der Betrachtung des moralischen Schauspiels, das die Welt uns bietet, hat man es mit demselben Problem zu tun: Bei der Erklärung des „NEIN“ des Kunden als Informationsmangel, welcher zur Kaufentscheidung noch nicht berechtigt, steckt nicht einmal ein Hauch von Böswilligkeit darinnen. Die zu Schulenden können sie sich aneignen mit dem reinsten Gewissen, doch nur das Beste für den Kunden zu wollen. Der Spruch von der Reibungshitze, die als Nestwärme empfunden werden soll, ist wohl schon etwas zwiespältiger, aber entlarvend ist auch er nicht: Der Kunde empfindet das potentiell Böse (das Über-den-Tisch-Gezogen-Werden) doch als angenehm (als Nestwärme, als freundliche Behandlung), was kann also schlecht daran sein?
Und trotzdem sind beide Schulungsinhalte eminent unsympathisch. Der Grund dafür ist: Obwohl sich das Böse in ihnen nicht festmachen lässt, ist auch kein guter Wille in ihnen spürbar. Dabei ist der „gute Wille“ nach Kant (Grundlegung der Metaphysik der Sitten) das einzig wirklich Gute, das es gibt auf der Welt. Für beide Beispiele gilt: Sie sind so gut, wie sie sein müssen – und so furchtbar, wie sie sein dürfen. Aber ein Wille zum Guten ist in ihnen nicht spürbar, höchstens ein Wille zum Mehr-Verkaufen.
(Aus dem Grund glaube ich ja auch, dass Kant sich getäuscht hat, als er meinte, ein guter Wille sei nur ein solcher, der sich durch Pflicht bestimmen ließe, denn haben wir nicht einen solchen in diesen Beispielen hier vor uns? Doch, wir haben hier einen Willen vor uns, der sich vor Gesetzen beugt; nur halt, dass er nicht das Gute will! Ein guter Wille wäre von daher als einer zu bestimmen, der das Gute will, worin immer es genau bestehen mag, aber jedenfalls als einer, der das Gute anstrebt – und nicht als einer, der gut gemeinte Gesetze befolgt, ohne innerlich ihre Ziele zu teilen.)
Wie Kafkas Galeriebesitzer könnte man also schreien, wenn man das moralische Schauspiel der Welt betrachtet, oder zufrieden sein, weil ohnehin alles (wenigstens soweit) in Ordnung ist. Man kann sich nicht entscheiden. Das halte ich für die Grundschwierigkeit bei einer jeden ethischen Diskussion heute: Man kann ja gar nicht sagen, dass irgendetwas falsch läuft, denn die Leute sind in ihren Fähigkeiten in Public Relations-Kommunikation so gut, dass es sich gar nicht festmachen lässt.
Man kann nur sagen, dass alles, was man beobachtet, unfassbar unsympathisch ist. Und man sieht, ob der Unsympathischheit unserer „mean ole world“, wie sie im Blues besungen wird, auch im eigenen Leben den Augenblick kommen, wo man sagen wird: „Jetzt bin ich es müde, ein Mensch zu sein. Lasst mich gehen, lasst mich sterben!“ Zweifellos fegt über einen jeden Einzelmenschen die Welt so hinweg, dass er am Vorabend seines Todes den Eindruck haben wird, das sei nicht (mehr) seine Welt – er sei hier nur kurz zu Gast gewesen und es sei nun höchste Zeit zu gehen. Ich frage mich nur, ob diese fundamentale Unsympathischheit der Welt hilfreich ist für das eigene Sterben-Können oder nicht?
Hilfreich ist sie, weil man sich dann leichter verabschieden wird können von dieser Welt. Schlecht ist sie, weil sie vielleicht die Hölle ist und zwar in dem Sinn, dass der Mensch, wenn er an nichts mehr glauben kann und fühlt, dass ihn nichts mehr mit seinen Mitmenschen und dem menschlichen Leben insgesamt verbindet, vielleicht dasjenige erreicht, was für ihn persönlich die Hölle ist – und wogegen er sein ganzes Leben lang angekämpft hatte.
Die praktische Philosophie beginnt, wo die theoretische nicht weiterkann. (II)
Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungs- verschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.
Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.
Ist er also beliebig?
Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…
Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keinen ‚Sinn des Lebens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.
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Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, da sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.
Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn die Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy*. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaft- swissenschaften wirklich voraussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.
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Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...
Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.
Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kann nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.
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Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.
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*) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?
DAN SISERMAN
Geboren 1989 in Cluj-Napoca (Siebenbürgen), Rumänien.
2004-2008 griechisch-katholische theologische Gymnasium "Inocentiu Klein" in Cluj-Napoca.
ab 2008 Philosophie- und katholische Theologiestudium an der Universität Wien, Österreich.
Schwerpunkte und Interesse: Philosophie der Antike, Die Scholastik, Deutscher Idealismus und Religionswissenschaft.
Geist und Materie, oder: Natur und Geschichte.
Ich kann das Gewicht einer Kartoffel nicht erfahren, wenn ich ein Metermaß anlege, und ihren Umfang nicht mit der Waage messen. Ich kann das eine nicht aus dem andern ableiten noch das eine ins andere umrechnen. Es sind zwei verschiedene Dimensionen, die aber nicht in der Kartoffel stecken – die ist immer ein und dieselbe -; sondern in der Eigenart meines Wahrnehmungsapparats.
Genau so sind Freiheit und Kausalität einander irreduzibel.
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Die Kartoffel in diesem Bild ist der Mensch.
Wenn ich mich einmal entscheide, eine Sache durch die Augen der Naturwissenschaften anzuschauen, habe ich ipso facto mitentschieden, sie unters Gesetz der Kausalität zu fassen: beides ist dasselbe. Habe ich einen Gegenstand mit den Augen, das heißt den Mess- instrumenten der Naturwissenschaften angeschaut, kann es nicht ausbleiben, dass ich ihn als einen Gegenstand der Naturwissenschaft wiedererkenne. Jenes folgt aus diesem, und nicht umgekehrt.
Die Knolle Mensch muss ich aber nicht als einen Gegenstand der Naturwissenschaft anschauen. Ich kann sie – nur sie - auch als den Gegenstand der Geschichtsschreibung ansehen: als ein Wesen, das Geschichte hat, weil es sie macht. Andernfalls würde es die Frage nach dem freien Willen gar nicht geben. Stammt sie etwa aus der Natur- wissenschaft? Da kommt sie nicht her, da gehört sie nicht hin.
Nur wer sagt, der Mensch ist in seinen Willensentscheidungen frei, kann auch sagen, dass er in der Welt etwas tun soll. Ist alles determiniert, dann haben die Recht, die schon immer gesagt haben, man kann nix machen. Gemeint war jedes Mal: Ich brauch’ nix machen. Bevor Freiheit und Determination ein Problem der Geschichtswissenschaft werden können, sind sie eine politische Frage.
Freilich ist dieses Problem längst gelöst. Die endgültige Antwort heißt: Die Menschen machen ihre Geschichte selber, aber sie machen sie nicht unter frei gewählten Bedingungen; und stammt von Karl Marx. Die nicht frei wählbaren Bedingungen sind für der Geschichtsschreibung das, was für die Naturwissenschaft die determinierenden Faktoren sind. Für eine ‚verstehende’ Geschichtswissenschaft (wie Max Weber sie nennt) treten die Bedingungen des Handelns in den Motiven ("Bedürfnisse"; "Interessen") der Handelnden wieder auf: als deren Triebkraft. Aber nicht als deren Richtung. Die muss der freie Wille, politischer Verstand oder Unverstand, ex sponte hinzufügen.
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Mögen die Psychologen die Triebkraft der Motive zur Natur rechnen: Der Philosoph wird den Willen immer zum Geist zählen (was auch sonst?).
Die praktische Philosophie beginnt, wo die theoretische nicht weiterkann. (I)

Das praktische Interesse der Menschen an einem „rechten Leben“ war der Urheber für die theoretischen Betrachtungen über den Sinn und die Beschaffenheit ihrer Welt, und nicht umgekehrt. Daraus ging die Philosophie hervor – und aus ihr schließlich die positiven Wissenschaften der Neuzeit.
Dabei ist die Philosophie lange von ihrem Weg abgekommen. Wenn der Mensch als Teil eines sinnvoll geordneten Kosmos angesehen wird, dann wird wohl der Sinn jener Ordnung des Ganzen auch dessen Teile durchdringen, so musste es scheinen. Die umfassende Einsicht in die Gesetze der Natur würde mir die Stelle anweisen, wo ich hin gehöre; und wer und was ich bin, würde darüber bestimmen, was ich in der Welt soll. Meine Freiheit beschränkte sich dann auf meine Einsicht in die Notwendigkeiten.
Das kann dem Menschen nicht genügen, und darum fand er auch bald den Fehler darin: Er ist nicht nur Objekt der Naturgesetze, sondern auch Subjekt seines Wollens. Seine Freiheit in einer objektiven Welt von Zufällen und Notwendigkeiten mag nur eine ganz kleine sein; aber sie ist es, worauf es ihm ankommt.
Die Kritische oder Transzendentalphilosophie hat dem wissenschaft- lichen Denken gezeigt, bis wo es reicht. Was wahr ist, kann sie nur kritisch prüfen. Positiv herleiten kann sie es nicht. Dass ‘es Wahrheit gibt’, ist zwar seine unverzichtbare Prämisse, aber es muss voraus-gesetzt werden und lässt sich nicht nach-weisen. So weit sie selber Wissenschaft ist, kann die Philosophie auf die Frage nach dem rechten Leben, die sie doch hervor-gerufen hatte, gerade nicht antworten.
Allerdings kann sie, gerade weil sie Wissenschaft ist, zeigen, was unter den zahllosen Sinn-Angeboten, die schon immer auf den Märkten gewimmelt haben, der Kritik nicht standhält und als Scharlatanerie und Bauern- fängerei zum Tempel hinaus gepeitscht gehört.
Insofern hat die wissenschaftliche Philosophie ihr Geschäft noch lange nicht erledigt. Je mehr Weisheitsschulen auf dem öffentlichen Platz sich tummeln und um die Gunst des Publikums buhlen, um so mehr bekommt sie zu tun. Ihr „praktischer“ Teil geht überhaupt erst richtig los!
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Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanalytisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.
Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.
Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.
Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.
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Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.
Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriorischen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr geworden ist als bloß Natur.
Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.
Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissen- schaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.
Das ist ein politisches Erfordernis.
Aufklärung 2.0 dringend nötig: der Wunderglaube an Broers Revolution 2012 und der Umgang mit Kritikern
Schon seit längerer Zeit beobachte ich mit einer Mischung aus Amüsement und Verärgerung diverse Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftlern und vernünftigen Menschen auf der einen Seite und Esoterikern, Spinnern und Pseudowissenschaftlern auf der anderen Seite. Als ein Paradebeispiel hierfür kann man die Dispute zwischen Florian Freistetter von Astrodicticum Simplex und den Anhängern von Dieter Broers heranziehen.
Der Aufhänger meines Blogbeitrags ist nun nicht etwa irgendeine spektakuläre Neuentwicklung, sondern ein (u.a. in den Kommentaren der beiden nächsten verlinkten Artikel nachzulesender) Schlagabtausch zwischen oben genannten Parteien, wie man ihn ständig erleben kann: es geht um die vermeintliche Erklärung durch Broers, was denn nun konkret sein mysteriöser Synchronisationsstrahl sein soll, den es 2012 geben soll – das Ganze ist natürlich hanebüchener Unfug.
Mir geht es nun nicht um einige konkret-inhaltliche Aussagen zu dem ganzen Unsinn bzgl. 2012 (wer will, findet hier etliche wirklich gute Artikel), sondern um das prinzipielle Unverständnis der Broers-Jünger (die stellvertretend für diverse Esoteriker, Anhänger pseudowissenschaftlicher Ergüsse und dergleichen stehen), wie denn möglichst sicheres Wissen generiert wird und warum Wissenschaft den ganzen Spinnereien überlegen ist.
Was ist Wissenschaft?
Ich folge hier – einmal mehr – Gerhard Schurz, dessen Einführung in die Wissenschaftstheorie in meinen Augen zu den besten ihrer Art gehört.
Für Wissenschaft lautet das oberste Erkenntnisziel, möglichst wahre und gehaltvolle Aussagen, Gesetze oder Theorien über einen bestimmten Gegenstandsbereich zu finden. Die gehaltvolle Wahrheit als Zielvorgabe der Wissenschaft äußert sich darin, dass sie Hypothesen aufzustellen hat, die sich empirisch bewahrheiten und die sich als gehaltvoll und konsequenzenreich erweisen.
Nun braucht es aber zuerst ein erkenntnistheoretisches Modell der Wissenschaft (bei Formal- und Metawissenschaften gibt es einige Ausnahmen), damit die entsprechenden Begriffe wie Wahrheit überhaupt mit einem nachvollziehbaren Sinn versehen werden. Als eine erste erkenntnistheoretische Grundannahme kann der „Minimale Realismus“ genannt werden, wonach es eine (wie auch immer geartete) Wirklichkeit bzw. Realität unabhängig vom Erkenntnissubjekt gibt. Keineswegs wird jedoch behauptet, dass alle Eigenschaften dieser Realität erkennbar sind – genau so, wie die Möglichkeit prinzipieller Erkenntnisgrenzen offengelassen wird. „Wahrheit“ kann dann im Sinn der strukturellen Korrespondenztheorie als strukturelle Übereinstimmung zwischen Satz und dem von ihm beschriebenen Teil der Realität verstanden werden (andere Wahrheitstheorien in der Philosophie wären z.B. Redundanz- und Kohärenztheorie). Als weitere Grundannahme muss man den Fallibilismus anführen, nach dem grundsätzlich jede wissenschaftliche Behauptung fehlbar ist. Ein ganz zentraler Punkt sind Objektivität und Intersubjektivität: Die Wahrheit einer Aussage muss objektiv, also unabhängig von den Einstellungen des Erkenntnissubjekts bestehen. Das zentrale wissenschaftliche Kriterium für Objektivität liegt nun in der Intersubjektivität von Aussagen, weswegen man auch (statt von einem naiven absoluten Objektivitätsverständnis) von der intersubjektiven Objektivierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen spricht. Im Sinne eines rationalen Dialogs muss sich prinzipiell jede kognitiv hinreichend kompetente Person von der Wahrheit der Aussage nach einer hinreichenden Kenntnisnahme der Datenlage überzeugen lassen. Diese Objektivitätsannahme als Unabhängigkeit von den Einstellungen des Erkenntnissubjekts folgt automatisch aus der Annahme des minimalen Realismus, da die Realität unabhängig davon besteht und Wahrheit als Übereinstimmung von Aussage und Realität definiert wurde. Eine weitere notwendige Grundannahme findet sich (hier ist z.B. auf eine Sonderrolle der Formalwissenschaften zu verweisen) im minimalen Empirismus, der fordert, dass der Gegenstandsbereich einer Wissenschaft im Prinzip der Erfahrung bzw. Beobachtung zugänglich sein muss, denn nur durch die wahrnehmende Beobachtung kann verlässliche Information über die Realität erlangt werden. So werden empirische Beobachtungen zum Schiedsrichter für die wissenschaftliche Wahrheitssuche und an den empirischen Beobachtungen müssen die Hypothesen und Theorien überprüft werden. All diese vier Punkte (minimaler Realismus, Fallibilismus, intersubjektive Objektivierbarkeit und minimaler Empirismus) verlangen als Konsequenz – und das ist die letzte erkenntnistheoretische Grundannahme – das Streben nach logischer Klarheit. Das bedeutet u.a., dass die verwendeten Begriffe sauber definiert werden und eindeutig verwendet werden müssen, dass Konsequenzen einer Hypothese zwecks der notwendigen Überprüfung klar ersichtlich sein müssen, dass keine offensichtlichen Widersprüche auftreten dürfen und dergleichen – nur so kann die gewünschte Wahrheitssuche sinnvoll und fruchtbar gestaltet werden.
Wenn man nun in der Wissenschaft als Ziel die Findung von möglichst gehaltvollen und wahren Aussagen ausgegeben hat und sich die fünf eben erwähnten erkenntnistheoretischen Annahmen anschaut, folgen sehr plausibel vier methodologische Merkmale, die charakteristisch für (empirische) Wissenschaften sind. Bereits unmittelbar aus dem Ziel der gehaltvollen Wahrheit folgt als erstes methodologisches Merkmal die hypothetische Generalisierung bzw. Vereinheitlichung, welche die Grundlage für Erklärungen und Prognosen darstellt. Wissenschaft sucht folglich nach möglichst allgemeinen und gehaltvollen hypothetischen Sätzen, denn Gesetze und Theorien sind Musterbeispiele allgemeiner gehaltvoller Sätze. Wegen der Annahmen des Fallibilismus, der intersubjektiven Objektivierbarkeit und v.a. des minimalen Empirismus ist als weiteres methodologisches Merkmal der Wissenschaft die empirische Ausschöpfung zu nennen. Das bedeutet, dass nach möglichst vielen relevanten aktualen Beobachtungssätzen gesucht wird. Letztlich kommen als weitere methodologische Merkmale noch die Aspekte Erklärung und Prognose (aktuale Beobachtungssätze werden erklärt und potentielle Beobachtungssätze werden vorausgesagt) sowie die empirische Überprüfung allgemeiner hypothetischer Sätze dazu.
Wenn man nun noch zusätzlich in der Tradition Max Webers und seines Postulats der Wertfreiheit von Wissenschaft darauf achtet, dass der Begründungszusammenhang frei von fundamentalen wissenschaftsexternen Wertannahmen ist, hat man ein vernünftiges Bild von dem, was Wissenschaft ist (bzw. sein soll).
Und was machen Broers und Konsorten sowie ihre Anhänger?
Zurück zu dem eingangs erwähnten Disput: wenn nun über Planet Nibiru, Synchronisationsstrahlen, Bewusstseinssprünge und weiß der Teufel was alles noch gesprochen wird, werden praktisch sämtliche oben erwähnten Kriterien von Wissenschaft verletzt. Wie allerdings gezeigt wurde, sind diese Kriterien nicht zum Spaß aufgestellt worden, sondern sind der nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge beste und sicherste Weg, zu so etwas wie Wahrheit zu gelangen. Warum wird auf all das verzichtet? Warum werden Wissenschaftler oder allgemein Menschen, die – wie Florian – den Finger in die Wunde der Esoteriker legen, von eben diesen Leuten als dogmatisch, für das neue Wissen nicht bereit, ignorant usw. bezeichnet? Ich würde mal gerne von irgendeinem dieser Witzbolde ein vernünftiges erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Modell hören, das ihren „Überlegungen“ zu Grunde liegt. Was glauben diese Leute, wie Wissen zustande kommt?
Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: ich kenne Florian Freistetter (genau so wenig wie Dieter Broers) nicht persönlich. Ich stimme auch längst nicht allen Äußerungen zu, die Florian (v.a. zu Fragen der Ontologie, Erkenntnistheorie und dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion) von sich gibt (dennoch lese ich seinen Blog unheimlich gern). Aber es gibt doch einen fundamentalen qualitativen Unterschied in der Argumentation, wenn auf der einen Seite mit einem (größtenteils) konsistenten, empirisch prüfbaren Modell gearbeitet wird und auf der anderen Seite ständig unüberprüfbare Ad-hoc-Annahmen getätigt werden. Und wenn auf Seiten der Pseudowissenschaft tatsächlich überprüfbare Aussagen gemacht werden, gibt es eine Immunisierungsstrategie nach der nächsten, mit Hilfe derer gegen sämtliche Widerlegungen vorgegangen wird. Ich kenne keinen, der eine solche Geduld mit den ganzen Verrückten beweist wie Florian: auf seinem Blog finden sich alle Augenblicke irgendwelche verkorksten Gestalten ein, die ihn beschimpfen und ihre kruden Gedanken zum Besten geben – und anstatt einfach zurück zu beleidigen, macht er sich die Mühe und versucht, die ganzen Einwände auf der Basis von Vernunft und Wissenschaft zu erklären. Der Lohn: übelste Beschimpfungen ignoranter Verschwörungstheoretiker. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal betonen, dass ich von Broers direkt keine ausfallenden Fehltritte mitbekommen habe – er hält sich wenigstens an die Regeln eines vernünftigen Miteinander.
So ganz nebenbei: Wer übrigens mehr Unfug lesen will, braucht einfach in regelmäßigen Abständen einen Blick in die Hörzu zu werfen. Was dort unter der Rubrik "Wissen" immer wieder über Engel, Astrologie, 2012 usw. zu lesen ist, ist einfach erschreckend. Man stellt sich hier die Frage, ob es als notwendige Qualifikation zur Mitarbeit ausreicht, einen Stift in der Hand halten zu können, ohne dass man vom Stuhl fällt (wobei ich nicht weiß, wie der Boden der Redaktion ausschaut…).
Was ist eigentlich kulturwissenschaftliche orientierte Literaturwissenschaft?
Nach meinem Studium (Philosophie/Spanisch) wusste ich nicht mehr, wozu Literaturwissenschaft gut ist. Wem will sie eigentlich auf welcher Ebene Erklärungen wofür eigentlich anbieten? Was damals nur in einem diffusen Gefühl in mir anwesend war, klarte sich überraschend auf, als ich vor Kurzem das Einführungsskriptum von Prof. Friederike Hassauer (bei der ich in den 90er Jahren an der Universität Wien Literaturwissenschaft gelernt hatte) "Was ist Literatur? Einführung in die Romanistik (Hispanistik/Galloromanistik) und in die Allgemeine Literaturwissenschaft", Facultas Verlag, Wien 2001 einer erneuten genauen Lektüre unterzog unter der Leitfrage, was denn das eigentlich ist, das uns da als kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft angeboten wird?
Die Ergebnisse der Analyse waren erstaunlich:
1) Kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft beschäftigt sich nicht mit Literatur, sondern mit der Erforschung der Gesellschaft, des Diskurses oder der Kultur, aus welcher das literarische Werk stammt. (Diese Erkenntnis ist erhellend für denjenigen, der in einem kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaftsseminar immer nur das diffuse Gefühl verspürte: Wir reden hier doch gar nicht mehr über Literatur, wir reden zunehmend immer mehr über etwas anderes!)
2) Als wesentliches Anliegen der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft erkannte ich nicht feministische Bestrebungen - der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau ist nur ein möglicher konkreter Inhalt der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft - sondern, eine Stufe zurück, auf allgemeinerer und abstrakterer Ebene besteht das Wesen der kulturwisenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft im Transfer der Erklärungsebene vom Individuellen auf das Kollektive. Dieser Transfer geschieht auf beiden Seiten, nämlich auf der Subjektseite und auf der Objektseite: Auf der Objektseite wird die Interpretation des individuellen literarischen Werks ersetzt durch die Analyse des Diskurses, welcher auf gesellschaftlicher Ebene stattfindet; auf der Subjektseite wird der individuelle Forscher/die Forscherin im Rahmen der dekonstruktivistischen Theorie vom Ende des Subjekts aufgelöst und ersetzt durch den Diskurs, hier durch den wissenschaftlichen Diskurs, dessen Diskutanten gleichsam die unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Theorien älterer und jüngerer Provenienz sind.
Punkt 2 hat nun zweierlei Folgen, die ich unter 2a und 2b darstellen will.
2a)Dadurch, dass von der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft nicht länger literarische Werke, sondern Diskurse, gesellschaftliche Sinnbildungsprozesse oder kulturelle Regelsysteme und Normalitätsvorstellungen untersucht werden, entstehen in solchen literaturwissenschaftlichen Interpretationsprozessen Erkenntnisse, die zwar wenig mit Literatur zu tun haben, sich aber hervorragend als politische Botschaften formulieren lassen: Sie bewegen sich nämlich von vornherein auf der entsprechenden kollektiven Ebene, beschreiben Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse und lassen eigentlich gar keine Vorstellung von einem anderen Gebrauchswert zu als dem, als Instrument im aktuellen politischen Diskurs zu dienen. (Wobei die Frage ist, ob eine solche Verquickung der Wissenschaft mit der Politik als wissenschaftlich in Ordnung akzeptiert werden kann?)
2b) Dieser Punkt interessiert mich noch mehr, denn dass man mit wissenschaftlicher Autorität Politik betreiben will, nun gut... Durch die Transferierung auch des Forschungssubjekts auf die kollektive Ebene tritt etwas ein, was ich als die Herrschaft des politischen Prinzips in der Wissenschaft auffasse. Der/die einzelne ForscherIn verliert nun jedes Widerspruchsrecht und jede Möglichkeit, selbst seine/ihre Forschungsinteressen zu formulieren. Anstatt dessen wird er/sie auf Gedeih und Verderb der (jeweiligen wissenschaftlichen Groß-)Theorie ausgeliefert. Denn man existiert ja selbst nicht, es existieren nur der Strukturalismus, der Dekonstruktivismus, die Systemtheorie, die Genustheorie etc. Kritisiert man eine solche Großtheorie mit eigenen (rationalen) Argumenten, würde einem vorgeworfen, dass das unwissenschaftlich sei, weil man sich selber auf keine Theorie stütze (sondern nur auf das eigene Denken). Mit anderen Worten, es geht nun in der Wissenschaft zu wie bei radikalisierten politischen Gruppen, die ein Mitglied sofort hinauswerfen, wenn es Zweifel oder Distanz zur proklamierten Parteiideologie erkennen lässt. Um diesen Zustand argumentativ herbeizuführen, dient Friederike Hassauer eine wilde Mischung aus Strukturalismus und Posstrukturalismus, Dekonstruktivismus, literaturwissenschaftliche Rezeptionstheorie, russischer Formalismus, Mentalitätengeschichte, Medientheorie und feministischer Wissenschaftstheorie - die eigentliche Grundlage für diese erkenntnistheoretische Enteignung des forschenden Individuums und seine Auslieferung an die Gruppe oder die peers liegt aber, wie ich glaube, in der in der Wissenschaft vorherrschenden Grundüberzeugung, wonach das Individuelle immer von vornherein des Subjektiven verdächtigt wird und als schlimmster Feind des Wissenschaftlichen aufgefasst wird. Konsequent zu Ende gedacht, so wie das in der kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft vollzogen wird, hat das die Verunmöglichung oder das Verbot für den einzelnen Menschen, rationale Argumente zu äußern, zur Folge - das aber ist etwas, was ich jedenfalls als Grundelement der Philosophie ansehen möchte. Inwieweit es so etwas wie eine wissenschaftliche Diskussion in der Wissenschaft gibt oder überhaupt geben kann, diesbezüglich bin ich mir, seitdem ich die kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft kennen gelernt habe, nicht mehr sicher.


