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Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (5)

Ich suche nach Konkretisierungen meiner Gedanken. Denn jemand könnte mir vorwerfen, sie seien abstrakt und ungreifbar. Was soll das schon bedeuten: dass uns die Ideen abhandengekommen sein sollen? Was soll man sich darunter vorstellen? Meiner Meinung nach ist das ganz einfach: Es geht darum, ob man es einem Menschen gestattet, sich über eine Angelegenheit seine eigene Meinung – also eine eigene Idee – zu bilden oder nicht.

Aber wer soll einem denn das absprechen? Wir leben doch in einer freien Gesellschaft!

Ach so? Wirklich? Es könnte natürlich auch der Fall sein, dass man meint, es gäbe bestimmte Probleme einfach deshalb, bloß weil man sie nicht anspricht.

Betrachten wir einmal folgenden Fall. So behandelt die philosophische Erkenntnistheorie – insbesondere jene der Analytischen Schule der Philosophie – die Frage der Erkenntnis:

Gemäß der so genannten Standardanalyse des Wissens weiß ein Mensch S eine Proposition (also einen Satz) p genau dann, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind:

 

  1. Die Person S hält den Satz p für wahr;
  2. p ist auch tatsächlich wahr;
  3. und S ist gerechtfertigt (also hat Gründe dafür oder ist wie auch immer sonst gerechtfertigt) darin, p für wahr zu halten.

 

An die Standardanalyse des Wissens schloss sich das so genannte Gettier-Problem an, in dem Edmund Gettier im Jahr 1963 zwei Gegenbeispiele gegen die Standardanalyse des Wissens vorbrachte, in denen alle drei Bedingungen für Wissen zwar erfüllt sind, wir aber dennoch nicht sagen würden, dass es sich um Beispiele von Wissen handelt.

Im ersten Gettier-Gegenbeispiel ist die Meinung, die sich Smith bildet, die, dass sein Freund Jones einen Ford besitzt oder sein anderer Freund Brown in Barcelona ist. Ich weiß, dieses Beispiel ist merkwürdig, aber das kommt daher, dass die analytischen Philosophen (formale) Logik gelernt haben – aus dem Grund ist es verständlich, dass ihre Beispiele seltsam anmuten.

In den Jahrzehnten darauf sind zig Aufsätze und mehrere Bücher über das Gettier-Problem geschrieben worden, und das hatte meines Erachtens vor allem eine (unbeabsichtigte) Funktion: Indem man sich am Gettier-Problem erhitzte und abarbeitete, ließ man die Standardanalyse des Wissens in Ruhe.

Mit der Standardanalyse des Wissens ist aber meiner Meinung nach einiges nicht in Ordnung, und mir würden gleich mehrere Bedingungen für Wissen einfallen, die da fehlen. Aber was mich am meisten an ihr verblüfft, ist ganz etwas anderes: nämlich dass man auf eine Grundbedingung und Voraussetzung für die anderen Bedingungen völlig vergessen hat:

Auf die Bedingung, dass man es der Person S überhaupt zuerst einmal gestattet, sich eine Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden, die sie für wahr halten kann.

Warum ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil in es in der Praxis einige häufig vorkommende Praktiken gibt, wie es dem einzelnen Menschen verboten wird, sich eine eigene Vorstellung – oder wie ich es im Zyklus dieser Texte nenne: eine eigene Idee – von einer Sache zu machen:

1) Da ist zum Ersten die Option, dass man dem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abspricht.

Das geschieht häufig dadurch, dass man sagt, er sei nicht qualifiziert zu dieser Art von Erkenntnis. Es läuft in der Praxis darauf hinaus, dass er kein Zeugnis vorweisen kann, welches ihn berechtigt, diese Art von Erkenntnis zu machen. Man sagt also z.B., Smith habe nicht Wirtschaftsgeschichte studiert und sei daher nicht in der Lage, einen Ford von einer anderen Automarke mit Sicherheit zu unterscheiden. Dieses Beispiel war für die Nichtakademiker. Bei den Akademikern spielt sich dasselbe Spiel eine Ebene höher ab: Dort gelten die Magister und Doktoren als die geistig Minderbemittelten, die zu schweigen haben, wenn ein Habilitierter spricht. Man würde also sagen, Smith habe sich nicht im Fach Geografie habilitiert, er sei daher nicht qualifiziert zu beurteilen, ob Brown sich in Barcelona befinde oder nicht.

2) Zum Zweiten ist es auch sehr beliebt, jemandem die Erkenntnisfähigkeit aufgrund eines Mangels in seiner Erkenntnismethode (oder überhaupt: aufgrund mangelnder Methodik in seiner Erkenntnis) abzusprechen.

Man sagt also beispielsweise, Smith könne gar nicht wissen, ob Jones einen Ford besitzt und ob Brown in Barcelona weilt, weil er das nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersucht habe, weil er die Daten nicht mit einer gesicherten Methode erhoben und sie nicht mit statistischer Rechnung untermauert habe. Außerdem sei bei einer Gruppe von zwei Personen natürlich das Untersuchungskollektiv viel zu klein, als dass man statistische Signifikanz erreichen könne. Der Vorwurf des Mangels an wissenschaftlicher Vorgehensweise trifft im Falle dieses konkreten Beispiels natürlich zu, deshalb erreicht dieser Vorwurf hier leicht sein Ziel. Allerdings ist zu bemerken, dass der Vorwurf des Mangels in der Erkenntnismethode immer darauf vergisst, dass im konkreten Leben und praktischen Handeln der Aufwand bei der Datenerhebung stets in einem Verhältnis zum Nutzen der Erkenntnis stehen muss. Smith hat in seinem Leben wahrscheinlich auch noch andere Dinge zu tun, als mit Sicherheit festzustellen, ob Jones wirklich einen Ford besitzt. Deshalb hat der Wissenschaftler, der den gewöhnlichen Menschen in Erkenntnisangelegenheiten kritisiert, fast immer Recht und tut ihm doch gleichzeitig schrecklich Unrecht.

3) Und jetzt kommen wir zum dritten Punkt, und das ist derjenige, der uns an dieser Stelle interessiert: Es geschieht auch häufig, dass einem Menschen die Vernunft und Erkenntnisfähigkeit abgesprochen wird, weil er seine Ideen nicht in der richtigen Weise formuliert.

Wie will man es denn haben, dass er seine Ideen formulieren soll? – Nun so, dass es so aussieht, als ob sie nicht seine Ideen wären. Eine beliebte Weise, dieses Ziel zu erreichen sind –ismen. Anstatt sich die Meinung zu bilden, Jones besitze einen Ford, sollte Smith besser einen „Jones-besitzt-einen-Ford-ismus“ vorschlagen und einen Barcelonismus von Brown vertreten. In der gegenwärtigen Philosophie werden eine ganze Reihe von –ismen diskutiert, und ihr Hauptzweck besteht darin, dass der Sprecher oder die Sprecherin allein dadurch, dass er/sie diese Sprechweise wählt, damit implizit behauptet: „Das ist nicht mein Problem, sondern ein Problem von allgemeinem Interesse, über das ich hier sprechen will.“

Nebenbei gesagt ist das auch der Grund, warum ich hier das Gettier-Problem diskutiere: Ob Jones einen Ford besitzt, ist nämlich gerade kein Problem von allgemeinem Interesse. Es ist das eine lokale, kontingente (also eine, die auch anders sein könnte) Einsicht von Smith, die eigentlich nur Smith interessiert. Und das trifft auf die meisten Erkenntnisse zu, die wir im Alltag machen: Die wenigsten von ihnen sind solche, bei denen es sich lohnt, sie in der Öffentlichkeit zu diskutieren und wissenschaftliche Erkenntnisse aus ihnen zu destillieren.

Eine zweite Möglichkeit der Enteignung von Ideen ist die, aus einer Einsicht oder Tatsachenvorstellung eine „Position“ zu machen. Bei theoretischen oder wissenschaftlichen Positionierungen stellt man sich gleichsam eine Landkarte vor, auf der alle möglichen Meinungen zu einer Fragestellung an verschiedenen Positionen auf der Karte eingetragen sind. Eine dieser Positionen vertritt man dann selbst, und indem man nicht seine eigene Idee vertritt, sondern eine (objektive) Position auf einem Feld oder einer Matrix möglicher Positionen, macht man sich ebenfalls zum Anwalt einer Angelegenheit von allgemeinem Interesse, deren Bedeutung von der Bedeutung der Fragestellung herrührt, nicht aber vom eigenen Involviertsein in sie. Smith würde in dem Fall also die Position vertreten, dass Jones einen Ford besitze im Gegensatz zu der Position, die man auch vertreten könnte, dass er einen Peugeot fährt oder einen Fiat. Und er würde dafür debattieren, dass sich Brown in Barcelona befindet, während sein Diskussionsgegner alle Argumente auflisten wird, warum Brown notwendigerweise in Brest-Litowsk sein muss.

Die ersten beiden Optionen, wie einem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abgesprochen hat, sind auch interessant, aber ich habe hier die dritte im Blick, wenn ich über die Frage nachdenke, ob uns gegenwärtig unser Begriff von dem, was eine Idee ist, nicht etwa vielleicht schon abhandengekommen ist.

Es geht mir darum, dass eine Vorstellung von einem bestimmten Sachverhalt ein Wissen nicht erst dann ist, wenn eine Person diese Vorstellung hat, sie auch wahr ist und die Person zusätzlich auch noch Gründe oder eine andere Art von Rechtfertigung dafür anzugeben weiß, warum sie diese Vorstellung aufrecht erhält. Zuerst – und vor diesem allem – muss man es diesem Menschen überhaupt einmal erlauben, sich eine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden. Bitte, es ist freilich auch möglich, es ihm ganz einfach nicht zu verbieten, in dem Fall braucht man es ihm nämlich auch nicht extra zu erlauben. Aber meine Beispiele zeigen, dass die Verbote bereits existieren und die Verbieter fleißig unterwegs sind, weshalb es nun doch nötig ist, es dem einzelmenschlichen Erkenntnissubjekt gesondert zu erlauben: „Du darfst dir in deiner Erkenntnis eine Tatsachenüberzeugung „…dass p“ bilden, die in der Folge wahr oder falsch sein kann und die sich hoffentlich als wahr herausstellen wird!“

Dazu gehört natürlich auch, dass man der erkennenden Person nicht grundsätzlich die Fähigkeit und Kompetenz, Erkenntnisse zu machen, abspricht, wie das sehr häufig geschieht. Und es gehört zu einer solchen Erlaubnis auch dazu, dass man es dem Menschen erlaubt, seine Erkenntnisse in einer Weise durchzuführen, wie es ihm im Alltag vom Zeitaufwand und Mitteileinsatz her zumutbar ist. Aber es gehört letztendlich eben auch dazu – und das scheinen viele Menschen nicht auf ihrem „Radar“ zu haben – dass man es dem Menschen erlaubt, sich Vorstellungen – oder wie ich es hier nenne: Ideen – von den Dingen zu bilden, die dann auch seine Ideen sind. Ebendas aber verbietet man ihm, indem man ihn zwingt, seine Ideen in eine ihm fremde Gestalt zu bringen und sie so zu formulieren, als wären sie nicht seine, sondern solche von allgemeinem Interesse.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen an diesem Punkt gar nicht wissen werden, wovon ich rede: „meine“ Idee, „seine“ Idee, „unsere“ Idee – ist es nicht gleich, wem eine Idee gehört? Hauptsache ist doch dass sie da ist, und dass sie richtig ist, denn dann dient sie uns allen!

Nun, auch mir geht es nicht so sehr darum, wem eine Idee „gehört“, sondern darum, dass die Person S versteht, was denn eine Erkenntnis denn überhaupt ist. Nämlich dass es zu einer Erkenntnis notwendig dazugehört, dass das Licht, dass sie mit einer einzelnen Tatsachenerkenntnis anzündet, es auch bewirkt, dass es bei ihr, in ihrem eigenen Bewusstsein, hell werde. Anders gesagt: Wenn die wahre und gerechtfertigte Einsicht, dass Jones einen Ford besitzt bei Smith keinen Wissensbedarf deckt und keine brennende Frage beantwortet, dann ist sie keine Erkenntnis, sondern sinnloses Wissen, aus dem Smith nichts lernt, sondern das ihn sogar davon abhält, sich mit denjenigen Erkenntnisinhalten auseinanderzusetzen, die er zu wissen dringend nötig hat.

Das ist der Grund, warum ich so sehr auf die Möglichkeit einer persönlichen Formulierung von Einsichten oder Überzeugungen bestehe: Der Mensch muss ja schließlich unterscheiden können, bei welcher Erkenntnis ihm „ein Licht aufgeht“ und bei welcher anderen – obgleich sie wahr ist – sich ihm nichts erhellt, was darauf hinweist, dass er nichts aus ihr gelernt hat, obwohl er sie nun weiß.

Dadurch wird nun auch der Grundfehler der Standardanalyse des Wissens offenbar: Sie unterscheidet nicht zwischen Erkenntnis und nutzlosem, belastendem Wissen. Aus diesem Grund favorisiert sie letztlich das nutzlose, belastende Wissen. Denn schließlich kann auch nutzloses Wissen (=Wissen, das einem nicht weiterhilft, Wissen, dass einem zu keiner Orientierung verhilft) wahr sein, man kann es glauben und man kann auch darin gerechtfertigt sein, es für wahr zu halten – es entspricht also ganz der Definition von Erkenntnis.

Es scheint mir typisch für die Vertreter der wissenschaftlichen Philosophie zu sein, dass sie mit der Standardanalyse des Wissens ein Konzept von Wissen verteidigen, in dem eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung ausreicht, um einer Person Wissen zuzusprechen, und dass sie die Wissensbedürfnisse dieser Person als Erkenntnissubjekt in der Definition von Wissen nicht berücksichtigen. Allein in dieser Vorgehensweise zeigt sich eigentlich bereits die Idee und Überzeugung davon, dass sich der Mensch überhaupt gar keine eigenen Ideen machen müsse, um etwas verstehen zu können, weil ja ein jeder mögliche Erkenntnisinhalt für verständlich und für das Wissen einer jeden Person bereichernd gehalten wird, wenn es sich bei ihm bloß um eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung handelt.

Ein Wissen, das wahr und gerechtfertigt, aber unbrauchbar und überflüssig ist (wenngleich es für einen anderen Menschen brauchbar und notwendig sein könnte), kommt in der Standardanalyse des Wissens einfach nicht vor.

Dahinter steht das Konzept der Erkenntnis-ohne-Erkenntnissubjekt der Wissenschaft. Die Wissenschaft als kollektive Erkenntnisbemühung ist blind für das Funktionieren des menschlichen Erkenntnisapparats, mit dem die Notwendigkeit einhergeht, dass man es einem Menschen gestatten muss, sich zuerst einmal seine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden – die auch tatsächlich seine eigene Idee von diesem Sachverhalt ist – damit diese in der Folge dann möglicherweise zu einer Erkenntnis für ihn werden könnte. Denn die Bildung einer eigenen Idee von einem Gegenstand hat die Funktion, dem um Erkenntnis bemühten Menschen die Entscheidung zu ermöglichen, ob es für ihn einen Unterschied macht, ob sich die Sache so verhält, wie er es zu erkennen glaubt oder anders.

Wenn es einen Unterschied für einen Menschen macht, ob sich etwas so verhält, wie er denkt oder auch anders, so ergibt sich daraus die Möglichkeit, eine Lernerfahrung zu machen. Ohne dieses Sensorium kann der Mensch nicht zwischen sinnlosem Wissen und solchem, das ihm weiterhilft, unterscheiden. In dem Fall wird seine Erkenntnis- oder Lernbemühung reine Informationsaneignung sein, ohne dass er aus diesem Wissen etwas lernt.

Sind alle Menschen Philosophen? – eine vergeudete Gelegenheit

Link: https://www.facebook.com/events/1553711744909294/

Am 11. März 2015 besuchte den Salon Philosophique in der gabarage upcycling design, wo Leo Zehender zum Thema „Sind alle Menschen Philosophen? Wer sind die Philosophinnen und Philosophen heute?“ vortrug.

Von dieser Veranstaltung war ich ziemlich enttäuscht, weil Zehender keine Antwort auf seine Frage zu geben versuchte. Ich muss zugeben, ich war sogar ein bisschen gekränkt, denn der Unterton am Ende der Veranstaltung ging in die Richtung, dass „man“ sich allen Ernstes eine Antwort auf die titelgebende Veranstaltung nicht hatte erwarten dürfen. Und da ich mich für einen durchschnittlich intelligenten Menschen halte, der sehr wohl einen Antwortversuch erwartet – und sich sogar darauf gefreut – hatte fühlte ich mich auch gekränkt. Konnte es sein, dass ich als einziger nicht wusste, dass es sich nicht schickt, die Frage zu beantworten, ob alle Menschen Philosophen sind?

Der Grund, der sich hinter der Antwortverweigerung andeutete, war der, dass es als anmaßend erscheint, wenn man über alle anderen Menschen urteilt, sie seien Philosophen oder nicht. Die Konklusion, zu der Zehender am Ende gelangte: Alle Menschen seien manchmal, in gewissen Situationen, Philosophen – erscheint mir ebenso salomonisch wie inhaltsleer, denn ich wüsste nicht, was man aus ihr lernen kann.

Aus zwei Gründen bin ich unglücklich mit Zehenders Lösungsvorschlag: Der erste Grund fand seine Stichhaltigkeit in der Tatsache, dass Leo Zehender die ganze Zeit während seine Vortrags – der über eine Stunde dauerte – Zitate von bekannten Philosophen aus der Philosophiegeschichte brachte. In dieser Zitateauswahl zeigte sich, dass jemand, der selbst kein eigenes Urteil über eine Sache trifft, sich dadurch automatisch dem Urteil der Anderen und der Tradition ausliefert. Zehender meinte es gut und empfand es als eine Geste der Bescheidenheit, nicht über andere Menschen zu urteilen, ob sie Philosophen seien oder nicht, aber gerade deshalb fiel er auf das Urteil der Philosophiegeschichte zurück, die manche Personen in die Philosophie aufgenommen hat und andere, vielleicht würdigere, dem Vergessen anheimfallen ließ.

Gehen wir mal von der Annahme aus, dass 10% der philosophischen Autoren ihrer Zeit von der gegenwärtigen Philosophiegeschichte erinnert werden – erscheint da die freiwillige Beschränkung auf diejenigen Personen, die heute im öffentlichen Bewusstsein als Philosophen gelten, nicht ihrerseits auch als etwas extrem Ungerechtes?

Diese freiwillige Beschränkung auf jene Personen, die von Haus aus bereits in der Öffentlichkeit als Philosophen gelten, bringt zudem aus meiner Sicht eine besondere Crux mit sich: Sie macht blind für alle philosophischen Bemühungen, die außerhalb des Rahmens stattfinden, der offiziell als Philosophie gilt. Das aber ist eine Einschränkung, mit der ich nicht leben wollen würde, da meines Erachtens nach sicherlich weit mehr als die Hälfte der Philosophie außerhalb der Philosophie passiert. Insbesondere heute scheint mir das der Fall zu sein, wo Tendenzen der Verwissenschaftlichung und Formalisierung der Philosophie im akademischen Bereich dazu geführt haben, dass zahlreiche philosophische Themen in Ratgeberbücher und in die fiktionale Literatur ausgewandert sind.

Der zweite Grund, warum ich Leo Zehenders Vorschlag wenig hilfreich fand, bezieht sich auf die Frage der Zielgruppendefinition. Wer kommt denn gelaufen, wenn ich rufe: „Alle Philosophinnen und Philosophen – her zu mir?“ Oder wer kommt gelaufen, wenn ich sage: „Ich habe ein philosophisches Thema zu verhandeln – wen interessiert das?“ Vielleicht kommt nämlich niemand gelaufen und das ist genau die falsche Weise, um philosophieinteressierte Menschen anzusprechen.

Meiner Erfahrung nach kann man nämlich bisweilen mit den Leuten – mit Nichtphilosophen – ganz passabel philosophieren, solange man das, was man da tut, nicht Philosophieren nennt. Woraus sich der (paradoxe) Schluss ergeben würde, dass man, wenn man tatsächlich alle Menschen für Philosophen hält, es ihnen möglicherweise trotzdem nicht sagen sollte.

Diese Lösungsvariante hätte auch Zehenders Skrupel, über andere Menschen ein Urteil zu sprechen, einen Ausweg eröffnet: Er hätte behaupten können, alle Menschen seien Philosophen, aber wir hätten jetzt die Aufgabe, einen neuen Namen für sie zu finden, weil sie den der „Philosophen“ nicht für sich akzeptieren wollen. In dem Fall hätte die Meinung, alle Menschen seien Philosophen in der Folge dazu führen können, dass man überlegt, ob man sich mit philosophischen Anliegen nicht vielleicht am besten an solche Menschen wendet, „die Körper und Geist miteinander in Einklang bringen wollen“ oder an solche, „die ihre Kinder zu mündigen Bürgern erziehen wollen“ oder an solche, die „für ein nachhaltiges Wirtschaften“ eintreten. Denn alle diese Bezeichnungen könnten ja der eigentliche, der wirkliche Namen für die Philosophinnen und Philosophen heute sein.

Die Zielgruppenbestimmung aus der Ökonomie und dem Marketing ist tatsächlich eine Frage, die sich aufdrängt und die nach einer Antwort verlangt. Das ist es, was ich sagen möchte: Wenn man so tut, als seien alle Menschen Philosophen – oder als seien alle in bestimmten Situationen Philosophen – und müssten sich (dann) aus diesem Grund dafür interessieren, was allgemein unter „Philosophie“ eingeordnet wird, dann tut man so, als ob die Zielgruppenfrage gar nicht existierte. Man tut dann so, als ergäbe es sich schon allein aus der Wortübereinstimmung („PhilosophIn“ mit „philosophisch“), welches Hendl in welchen Hühnerstall gehört und auch welches Körndl es interessant findet. Das muss aber nicht so sein: Eine Zeitlang war die Physik (Einstein, Mach, Heisenberg) sehr philosophisch drauf, heute interessieren sich philosophisch interessierte Menschen vielleicht besonders für Neurowissenschaft und Behavioural Science, und man erreicht sie nicht mit dem Wort „Philosophie“, das man ihnen freundlich entgegenstreckt.

Hier hat Zehender also mehrere Gelegenheiten und Einstiegstore zu interessanten Debatten versäumt. Eines dieser Einstiegstore ist jenes zur Fragestellung: „Was ist denn überhaupt Philosophie?“ – und zwar im Gegensatz zu dem, was allgemein als Philosophie gilt. Ein weiteres ist jenes zur Fragestellung: „Wer fühlt sich denn überhaupt von philosophischen Anliegen angesprochen?“ – und zwar unter Berücksichtigung der Voraussetzung, dass man nach Menschen fragt, die sich selbst nicht für PhilosophInnen halten und die dasjenige, wofür sie sich interessieren, auch nicht als Philosophie bezeichnen würden.

Zehender beschloss seinen Vortrag mit einem abrupten inhaltlichen Schwenk, wonach das Interesse von PhilosophInnen oder solchen der heutigen Zeit, auch eine politische Dimension haben sollte dergestalt, dass sie Einfluss nehmen wollen auf das, was in ihrer Zeit öffentlich gedacht wird. Woraufhin ich in der Diskussion nach dem Vortrag darauf aufmerksam machte, dass die Epikureer mit ihrem Leitspruch „Lebe im Verborgenen!“ – nach dieser Bestimmung nicht zu den Philosophen gezählt werden könnten.

Daraus kann man ersehen, dass es nicht trivial ist, sich einen Begriff davon zu machen, was ein Philosoph oder eine Philosophin ist, und das es auch ziemlich spannend sein könnte, wenn man diese Aufgabe auch tatsächlich annimmt. Ich kenne diese Haltung, wo man mit der eigenen Meinung hinterm Berg hält, weil man ein Philosoph geblieben wäre, wenn man geschwiegen hätte. Aber man lernt eben auch nichts Neues, wenn man die Sachen nicht ausspricht und die Argumente durchdenkt.

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (4)

In meinem letzten Text unter diesem Titel habe ich zwei Beispiele gebracht, die veranschaulichen sollen, dass die Veränderung, von der ich hier spreche – nämlich, dass uns unser Begriff der „Idee“ verloren geht – in bestimmten Bereichen bereits vollzogen ist.

Wobei ich mit dem Verlustiggehen der Ideen meine, dass das Wort „Idee“ einst bedeutete, dass ein einzelner Mensch sich eine Vorstellung von einer bestimmten Angelegenheit in der Welt machte, um sie besser zu verstehen – eine Idee eben – und dass man, wenn einem ein Mensch seine Ideen erzählte, die Vorstellungen dieses Menschen erzählt bekam, die er sich gemacht hatte, um Orientierung zu gewinnen und etwas besser zu verstehen.

Im ersten Beispiel, das ich im letzten gleichbetitelten Text vorbrachte, äußert Gottlob Frege den moralisch anmutenden Gedanken, man solle sich gar keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen, weil diese das Gemeinsame, die gemeinsame Arbeit an der Wissenschaft, gefährdeten.

Nun habe ich dieses Zitat sicherlich nicht vorgebracht, um Frege zu kritisieren, denn ich weiß sehr wenig über ihn. Sondern ich habe es deshalb vorgebracht, weil es mir etwas auszudrücken scheint, von dem ich den Eindruck habe, dass es sehr viele Menschen heute glauben: dass man sich gar keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen soll, weil das nicht gut ist – man trägt dadurch nichts zum gemeinsamen Wissen bei, sondern gefährdet es höchstens, wenn man sich falsche Ideen macht.

Im zweiten Beispiel, das ich vorbrachte, verglich ich ein Bild von Markus Arnold vom akademischen Alltag mit meinen eigenen Erfahrungen aus der Zeit meines Philosophiestudiums an der Universität Wien (1991-97). Laut Arnold lädt das Seminar als Diskussionsrahmen die Studierenden dazu ein, sich – indem sie mit einer Vielfalt von Meinungen konfrontiert werden – auf sich selbst zu besinnen und herauszufinden, was sie eigentlich selbst über eine Sache denken. Diese Darstellung Arnolds kommentierte ich, indem ich sagte, es sei mir während meiner Studienzeit im Fach Philosophie immer schmerzlich aufgefallen, dass am Ende der Seminarstunde nie die Frage gestellt wurde, was wir denn nun, nachdem wir alles Mögliche über eine Fragestellung gehört hatten, selbst darüber dächten. Diese Frage, die uns dazu gezwungen hätte, Farbe zu bekennen und eine Position zu wählen, wurde peinlichst vermieden. Es wurde also vermieden, dass wir unsere eigenen Ideen zum Thema der Seminarstunde aussprachen.

Diese beiden Beispiele erlauben es, die gegenwärtige Lage, in der wir uns bezüglich der Ideen befinden, etwas genauer zu charakterisieren. Man könnte sagen, selbstständiges Denken ist zwar nicht verboten – schließlich leben wir in einem freien Land – aber sobald man sich Sprechsituationen von öffentlichem und offiziellerem Charakter nähert, sind sie verpönt. Das selbstständige Denken ist also nicht verboten, aber es gilt doch zumindest als etwas Unschickliches und vielleicht sogar als etwas richtiggehend Unmoralisches.

In privaten und informellen Situationen kennen wir auch heute noch den Begriff der „Idee“ und verhalten uns ihm entsprechend: Erzählt uns jemand seine Ideen, nehmen wir implizit an, er bringe mit ihnen sein Interesse an den Dingen zum Ausdruck und erkläre uns, wie er durch seine Vorstellungen, die er sich von einer Sache gemacht hat, etwas über sie gelernt hat.

In öffentlichen und offizielleren Situationen jedoch, wie es zum Beispiel eine Seminarstunde an einer Universität ist, erwarten wir plötzlich nicht mehr, dass uns jemand seine Vorstellungen mitteilt, sondern dass er mit seinen Worten die allen gemeinsame Wahrheit beschreibt; wir erwarten auch nicht mehr, dass er dasjenige erzählt, was ihn interessiert, sondern dasjenige, was von allgemeinem Interesse ist.

In diesem Punkt ist der Verlust der Ideen also schon in unausgesprochener Weise vollzogen. Jedoch handelt es sich dabei um eine äußerst merkwürdige Situation: Einerseits haben wir noch nicht vergessen, was Ideen sind, weil wir sie ja im privaten Bereich weiterhin verwenden. Andererseits bewegen wir uns aber doch auf einen Bereich zu – schließlich bereiten wir uns ja im Studium darauf vor, mit unserer beruflichen Persönlichkeit im öffentlichen und offiziellen Bereich zu existieren -, in dem wir so tun, als ob wir ohne Ideen auskommen und unter diesen Bedingungen genauso leben könnten. Kurz: Wir tun so, als ob es ohne Ideen auch ginge. Und das Fatale an der Geschichte ist, dass der private und informelle Bereich immer eine niedrigere Achtung und Wertschätzung genießt als jener der öffentlichen und offiziellen Gesprächssituationen. Man könnte also sagen: Ideen zu haben, das riecht heute nach ungebildeten, unkultivierten Leuten.

In dem Ausmaß, in dem man also heute der Sonne der Öffentlichkeit und der offiziellen, gelehrten Gesprächssituation näher kommt, gelten Ideen als etwas, das man hinter sich gelassen haben sollte, wenn man eine gute Erziehung genossen hat. Beziehungsweise gelten sie als untrügliches Kennzeichen von persönlicher Rückständigkeit, wenn man nach Abschluss eines akademischen Studiums immer noch das Bedürfnis hat, seine eigenen Ideen zu äußern.

Insofern ist es also auch heute in unserem freien Land noch erlaubt, selbst nachzudenken, wenn man sich traut. Und wenn man es erträgt, wie ein ungehobelter und unbedarfter junger Mann vom Land dazustehen, der mit seinem Holzkopf noch nicht begriffen hat, dass es hier im akademischen wissenschaftlichen Gespräch nur noch darum geht, die gemeinsame Wahrheit auszusprechen, die für alle Menschen gilt, nicht aber die Ideen und Vorstellungen, die man sich selbst von einer Sache gemacht hat.

Es ist nun nicht der Fall, dass ich absolut dagegen wäre, dass man in der Wissenschaft anders miteinander spricht als im Alltagsleben. Das war aber auch nicht mein Thema. Mein Thema war die Spekulation darüber, was passieren würde, wenn das ideenlose Gespräch miteinander, wie es in der Wissenschaft praktiziert wird, sich auf alle Lebensbereiche ausdehnte und wir tatsächlich vergessen, dass wir einander früher einmal unsere Ideen erzählt haben, damit der andere Mensch weiß, was ich über eine bestimmte Sache denke oder von ihr halte. Ich denke, dass angesichts der Tatsache, dass diese Praxis des ideenlosen Diskurses miteinander ja in nichtdeklarierter und unthematisierter Weise realisiert wird, meine Herangehensweise doch berechtigt ist: Schließlich scheinen wir hier gerade dabei zu sein, etwas zu vollziehen, ohne uns darüber bewusst zu sein, was wir da eigentlich tun.

Meine Darstellung der Dinge lässt schon durchscheinen, dass das in unseren höheren Lehranstalten praktizierte Modell offenbar auf einem bestimmten Menschenbild basiert. Es basiert auf der Überzeugung, wonach der Mensch sich keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen muss, um etwas über sie lernen zu können. Es ist das das Bild vom Menschen als Gefäß, den man mit Wissen einfach befüllen kann, oder vom Menschen als Speichermedium, der ohne weiteres in der Lage ist, Wissen in der Gestalt von Informationen aus Vorlesungen und wissenschaftlichen Publikationen in sein Gehirn herunterzuladen.

Das gegenteilige Erkenntnismodell gibt es in der Philosophie (und in der Biologie) natürlich auch: Es heißt Systemtheorie. In der Systemtheorie gilt der Mensch als psychisches System, welches einen Aspekt der Außenwelt nur dadurch erkennen kann, indem es ihn in seinem Inneren – und den eigenen Systembedürfnissen entsprechend – nachbildet.

Oder es gibt da auch noch die Phänomenologie. Das ist diejenige Denkrichtung in der philosophischen Erkenntnistheorie, mit der ich mich am ehesten geistesverwandt fühle. In der Phänomenologie wird Erkenntnis nicht als Übereinstimmung von Erkenntnissen mit der äußeren Realität (Korrespondenztheorie der Wahrheit) aufgefasst, sondern als Begegnung des Erkenntnissubjekts mit dem Erkenntnisobjekt. Diese Begegnung vollzieht sich im so genannten Phänomen. Also wenn ich (oder Du oder Sie) etwas sehe, dann erscheint es mir auf eine bestimmte Weise. Und diese Erscheinung muss nun nicht unbedingt der objektiven Wahrheit entsprechen (es kann sich nämlich auch um eine Sinnestäuschung handeln), aber es kommt ihr trotzdem eine gewisse Wahrheit zu, denn dieser Gegenstand erscheint mir eben hartnäckig so und nicht anders.

Die Systemtheorie und die Phänomenologie gleichen einander darin, dass es in ihnen Erkenntnis nur mit einem Erkenntnissubjekt gibt. Also, sie stellen sich vor: Damit es Erkenntnis geben kann, braucht es auf jeden Fall zumindest einmal jemanden, der etwas weiß. Diejenigen Menschen, die davon ausgehen, der Mensch müsse sich keine Ideen machen, um lernen zu können, sind von dieser Voraussetzung abgerückt. Sie sind davon überzeugt, dass Erkenntnis auch ohne Menschen möglich ist.

Wie ist sie möglich? Wodurch gelingt dieses Kunststück? Nun, es gelingt dadurch, dass man das man davon ausgeht, das eigentliche Wissen sei dasjenige, was in schriftlicher Form in den Bibliotheken und neuerdings immer mehr auf den Servern wissenschaftlicher Internetzeitschriften aufbewahrt werde – und dieses könne, sobald es einmal da sei, von intelligenten Menschen jederzeit mit Leichtigkeit aufgenommen und erlernt werden.

Was ich damit sagen will, ist, dass es nicht einfach so ist, dass uns das Verständnis dafür, was Ideen sind, schleichend verlorengeht. Sondern es gibt vor allem auch die Idee, von der viele Menschen überzeugt zu sein scheinen, dass der Mensch gar keine Ideen braucht. Diese Leute sind der Meinung, dass es der einzelne Mensch nicht nötig hat, sich seine eigenen Vorstellungen von den Dingen zu machen, um sie erlernen zu können, weil er sich, wie sie meinen, jederzeit mit dem in Bibliotheken verwahrten gemeinsamen Wissensfundus kurzschließen und sich die Informationen, die er gegenwärtig benötigt, auf seine zerebrale Festplatte ziehen kann.

Die Idee, wonach der Mensch keine Ideen benötigt, besagt also, dass der Mensch sich keine Persönlichkeit und keinen eigenen Wissenshintergrund aufbauen muss, um eine neue Idee auffassen und erlernen zu können.

Und demgegenüber gibt es natürlich auch die Idee, dass der Mensch zum Lernen Ideen braucht. Ich würde sogar sagen, dass das die ursprüngliche Idee der Philosophie ist, indem sie gleichsam sagte: Glaube dem nicht einfach, was dir dein Lehrer sagt, und begnüge dich nicht mit den Überzeugungen aus der Tradition deiner Gesellschaft, sondern denke selbst nach und bilde dir deine eigene Meinung!

Gegenwärtig scheint jener Teil der Menschen, der der Meinung ist, dass der Mensch keine Ideen benötigt, der bei weitem stärkere zu sein. Seine Ideologie beherrscht die höhere Bildung, die Wissenschaft und, wie ich gezeigt habe, eigentlich alle öffentlichen und offiziellen Gesprächssituationen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser Teil der Menschen den anderen Teil, der doch noch an die Notwendigkeit von Ideen glaubt, verächtlich zu machen trachtet. Die Methode dazu ist uns allen bekannt: Wenn eine Diskussion stattfindet, in der ein jeder die Gelegenheit hat, sich eine Meinung zu bilden und auch sehr viel dadurch gewinnt, weil er mit dieser Meinung einen Ausgangspunkt erhält, an dem er weiterarbeiten kann, dann sagen wir gewöhnlich: „Es ist bei dieser Diskussion nichts herausgekommen.“ Damit meinen wir natürlich, es sei nichts Gemeinsames herausgekommen, es sei keine Einigung erzielt worden; denn für einen jeden Einzelnen ist freilich schon etwas dabei herausgekommen. Aber das sagen wir nicht, sondern wir sagen verkürzt: „Es ist nichts herausgekommen.“ Dadurch entwerten wir Vorgänge, bei denen Menschen sich ihre eigene Meinung bilden konnten – und ihre Meinungen und Erkenntnisbemühungen werden dadurch gleich mitentwertet.

Wir kennen diese „Methode“ auch in Gestalt der Frage: „Was bringt Philosophie eigentlich?“ – und der vorgefassten Ansicht: Wenn sie keine gemeinsamen Wahrheiten hervorbringt, auf die wir uns einigen können und die dann außer Streit gestellt sind, dann bringt sie eigentlich gar nichts! Aber diese Meinung über die Philosophie ist ja selbst nichts anderes als die Überzeugung, dass der Mensch keiner Ideen bedarf, um wissen zu können, und dass es den Menschen nichts bringt (sondern höchstens schadet), wenn sie Meinungen haben, die untereinander verschieden sind und die zum Teil mit der Wahrheit nicht übereinstimmen.

Permalink 22.03.15    2 Kommentare »

werwowann

Wer bin ich?
Ich bin hier und jetzt.

Wo ist hier?
Hier ist raumlos.

Wann ist jetzt?
Jetzt ist zeitlos.

Wer bin ich also?
Niemand stellt diese Frage.

?

Die Frage ist nicht:
Wer bin ich?

Es muß heißen:
Ist da jemand?

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (3)

Den ausgebildeten Philosophen unter Ihnen wird schon aufgefallen sein, dass meine Thematik Ähnlichkeit hat mit bekannten Diskussionen aus der Philosophiegeschichte, mit Aristoteles‘ Kritik an Platons Ideenlehre und mit dem mittelalterlichen Universalienstreit.

Existieren die Ideen unabhängig von uns an einem bestimmten Ort, im Ideenhimmel, oder tun sie das nicht? Und existieren die Allgemeinbegriffe, also die Universalien, real wie im „Realismus“ oder sind sie nur Namen von gedanklichen Abstraktionen wie im „Nominalismus“?

Ebenso könnten Sie jetzt mich nach meiner „Position“ fragen bezüglich des Problems, ob Ideen nur innerhalb des Denkens von konkreten Menschen vorkommen oder ob sie unabhängig vom Menschen Bestand haben können.

Darauf würde ich Ihnen antworten, dass mir das relativ egal ist. Denn das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist es, ob man andere Menschen gut oder schlecht behandelt, es ist also ein ethisches Thema.

Und hier gibt es grundsätzlich zwei Wahlmöglichkeiten. Wenn sich in einem Menschen das zarte Pflänzlein des Interesses und der Erkenntnis zeigt, kann man es entweder mit dem Fliegenpracker gleich mal totschlagen oder man kann es hegen und pflegen, bis etwas daraus wird.

Für die erste Möglichkeit entscheidet man sich gewöhnlich, wenn man die Erkenntnis über den Menschen stellt. Denn die Erkenntnis ist – in Gestalt von Büchern und anderen Publikationen – dauerhaft, nahezu ewig, und diese kurzlebigen, dummen Menschen tragen meist mehr dazu bei, sie zu verwirren, wenn sie sich für sie interessieren. Wenn man also die Erkenntnis reinhalten will, wird man sie in schriftlicher Form aufbewahren und sie ausschließlich geweihten Händen anvertrauen wollen; von den schmutzigen Händen junger Leute, die noch nichts wissen von der Welt, wird man sie unter allen Umständen fernhalten.

Für die zweite Möglichkeit entscheidet man sich, wenn man den Menschen – und hier insbesondere das Lernen, die individuelle Erkenntnisbemühung – im Wert über die Erkenntnis stellt. Wenn es einem wichtig ist, dass ein Mensch etwas lernt, dann wird man sagen: Ein Gedanke, der nicht der Gedanke eines Menschen ist, ist ein lebloser Schatten, und eigentlich kein Gedanke.

Man muss sich also entscheiden, was von beidem einem lieber ist und welches von beiden man notfalls zu Bruch gehen lassen würde – die gemeinsame Erkenntnis oder den einzelnen Menschen mit seinem Lern- und Wissensbedürfnis.

In der Universität steht eindeutig die Erkenntnis über dem Menschen, während bei der Schule zumindest die grundsätzliche Entscheidung doch noch die ist, dass junge Menschen in die Schule gehen sollen, um etwas zu lernen. Es sollte also aus der Schule ein Mensch herauskommen, der etwas weiß und kann, während Universitäten hauptsächlich nach ihrem wissenschaftlichen Publikationsoutput gerankt werden.

Ich denke, es ist diese Bevorzugung der Erkenntnis gegenüber dem Lernbedürfnis der Studenten, welche die wissenschaftliche Universität ausmacht, beziehungsweise ist das überhaupt ein wichtiger, doch gern übersehener Aspekt der Wissenschaftlichkeit: dass man bereit ist eher die Lernbemühungen eines Menschen zu entmutigen und es zu riskieren, dass er die Bildungsanstalt mit einer psychischen Beeinträchtigung verlässt, als dass man es riskieren würde, dass an der gemeinsamen Erkenntnis, die man täglich poliert, ein Haar hängenbleibt.

Zur Illustration dieses Gedankens bringe ich nun zwei Zitate aus einem Buch, aus dem in Hinkunft öfters zu zitieren ich versprochen habe, nämlich aus Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010.

 

S. 428 FREGES „DRITTES REICH“

„Wissenschaft und Erkenntnis hätten so nichts mit den Absichten der Subjekte, nichts mit ihren sozialen Kontexten zu tun, und diese müssten daher auch von der Philosophie nicht weiter bedacht werden. Diese Grundannahmen prägten mit der Analytischen Philosophie eine ganze Forschungstradition: Philosophische Probleme sollten ohne Bezug zu sozialen und historischen Kontexten allein durch eine logische Analyse der Sprache auflösbar sein, da letztlich alles, was unklar ist, auf die Unvollkommenheit der Umgangssprache zurückzuführen, und alles, was klar und eindeutig ist, mit den Mitteln logischer Analyse darstellbar sei. Um dies gewährleisten zu können, muss Frege aber die Existenz eines „dritten Reichs“ einführen, in dem die Gedanken unabhängig von den denkenden Subjekten, aber auch unabhängig von den realen Dingen existieren.“

Fußnote hierzu:

„„Wenn jeder Gedanke eines Trägers bedarf, zu dessen Bewusstseinsinhalte er gehört, so ist er Gedanke nur dieses Trägers, und es gibt keine Wissenschaft, welche vielen gemeinsam wäre, an welcher viele arbeiten könnten; […] So scheint das Ergebnis zu sein: Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört.“ (Frege 2003b, 49 f.)"

 

[Anmerkung: Arnold zitiert hier Gottlob Frege: „Der Gedanke – eine logische Untersuchung“ in: ders.: Logische Untersuchungen. Hg. Von Günther Patzig, Göttingen 2003 (5. Aufl.), S. 35-62.]

Hier begegnen wir also einem Gedanken von Gottlob Frege, einem Vertreter der wissenschaftlichen Richtung der Philosophie, der ein richtiggehend moralisches Motiv transportiert: Wenn ein jeder sich seine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen würde, dann gäbe es keine Wissenschaft, denn dann könnte es kein Gemeinsames geben. Die Menschen sollen sich also gar keine eigenen Ideen bilden, damit das Gemeinsame erhalten bleiben kann.

Markus Arnold hat seine eigene Vorstellung vom Wesen der Philosophie, die ihm ganz wichtig ist und die auch ich teile: nämlich die, dass Philosophie letztlich darin besteht, dass die philosophierenden Menschen sich jeweils individuell selbst fragen, was sie über eine bestimmte Frage denken und diesbezüglich zu einem inneren Entschluss zu kommen versuchen.

Arnold scheint nun in dem folgenden Zitat zu meinen, dass sich diese Erkenntnispraxis, die auf die innere Gewissheit im lernenden Menschen abzielt, in der Form des Seminars bis heute an den Universitäten erhalten habe. Mir fiel beim Lesen dieses Textstücks ein, dass ich es in den Seminaren während meines Philosophiestudiums an der Universität Wien immer schmerzlich vermisst habe, dass am Ende die Frage gestellt worden wäre: „Und, was wollen wir jetzt wirklich von dieser Sache halten, über die wir die ganze Seminarstunde lang gehört haben?“ Im Gegenteil, diese Frage – die ja das Kernstück im Philosophieren nach Arnolds Konzept von Philosophie bilden müsste – wurde peinlichst vermieden.

Arnolds Zitat ist nun in dieser Hinsicht nicht deutlich genug, um es mit meinen Erfahrungen zu vergleichen. Aber gewundert habe ich mich schon über seine Wirklichkeitswahrnehmung. Na gut, vielleicht ist ja im Philosophieinstitut der Universität Klagenfurt alles ganz anders?

S. 453-4 DIE STUDENTEN FRAGEN SICH SELBST IM SEMINAR, WAS SIE WIRKLICH ÜBER EINE SACHE DENKEN

„Unabhängig von ihrer theoretischen Reflexion über ihr eigenes Tun, enthielt die wirkmächtige Praxis des Sokratischen Gesprächs, wie sie in den Schriften Platons tradiert und an den Universitäten als Disputation bzw. später als Seminar neben den Vorlesungen institutionalisiert wurde, in sich jene Rollen und Normen des Denkens, die immer wieder von der Vielfalt der Meinungen ausging, um die Beteiligten dann auf ihre innere Gewissheit zu verweisen bei der Frage, ob man diese oder [S. 454] jene These für wahr halte oder nicht. Das hier eingeübte Frage- und Antwortmodell prägte – vielleicht mehr als alle theoretischen Überlegungen – das Selbstverständnis der Philosophen. Hier lernte man die Norm kennen, ohne Instrumente, allein im Gespräch mit anderen in der Vielfalt der Meinungen und Schulen nach der Wahrheit zu suchen; die Norm, niemals darauf zu verzichten, sich selbst zu fragen, ob man dem Gesagten auch zustimmen kann. Paradoxerweise war das in der Praxis vermittelte Idealbild, wie man eine Sache philosophisch untersuchen sollte, stärker als die oft nüchterne Realität universitärer Praxis.“

nicht-erfahrung

nichts
kann nicht
erfahren werden

das nicht-erfahren
des nichts
ist das anwesende

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (2)

 

Rekapitulation: Wo liegt denn hier überhaupt das Problem?

Das Problem besteht darin, ob der Mensch heute frei ist, sich seines eigenen Verstands zu bedienen und nach eigener Fasson zu denken und zu lernen.

Gewiss, es gibt heute keine Zensur und man kommt nicht ins Gefängnis, wenn man seine eigene Meinung im privaten Kreis oder auch öffentlich zum Ausdruck bringt.

Aber: Es gibt gegenwärtig eine starke Tendenz, Denken nicht als das Denken von Menschen aufzufassen, sondern Gedanken als etwas zu verstehen, das unabhängig vom Menschen fortbestehen kann und ganz einfach nur die Eigenschaft hat, wahr oder falsch zu sein.

Das führt zu Problemen und Missverständnissen bei der Mitteilung von Ideen, da von der einzelnen Person nun erwartet wird, ihre Ideen so zum Ausdruck zu bringen, als wären es gar nicht ihre Ideen.

Beispiel:

Person A erzählt Person B von einer Idee, die sie gehabt hat.

Person B: „Das stimmt nicht! Wahr ist vielmehr, dass…!“

Die Antwort von Person B frustriert Person A und hilft ihr nicht weiter. Sie ist deshalb wenig hilfreich, weil sie das Problem, an dem Person A gearbeitet hatte, nicht berücksichtigt, sondern anstatt dessen von einem allgemeinen Standpunkt aus spricht.

Besser wäre es gewesen, Person B hätte geantwortet: „Für welches Problem ist deine Idee eine Lösung? Ist sie eine gute Lösung für das Problem? Kann man dein Problem anders sehen, sodass sich andere Lösungsmöglichkeiten ergeben?“

Die Antwort von Person B ist aus meiner Sicht ein Problem, weil sie unmittelbar in eine kommunikative Sackgasse führt. Also: Ich sehe hier ein Problem.

Mir ist aber auch bewusst, dass es viele Menschen gibt – vor allem technisch und naturwissenschaftlich orientierte -, die hier aufgrund ihres Mindsets kein Problem sehen können.

Und außerdem gibt es gewiss Kommunikationssituationen – z.B. akademische, wissenschaftliche -, die es verbieten, Probleme und Fragen in einer persönlichen Gestalt zu formulieren.

Gut. Nun gehe ich aber über diese Umstände hinaus und frage: Sind wir heute noch in der Lage, wenn uns ein Mensch von seiner Idee erzählt, die er gehabt hat, in dieser Idee den Menschen wahrzunehmen, der ein bestimmtes Problem hat und mithilfe seiner Idee eine Lösung dafür sucht?

Und hier würde ich mich schon auf den Standpunkt stellen, dass es genau das ist, was „Idee“ oder „Gedanke“ in der Alltagsprache bedeutet: Also wenn ein Mensch einem anderen Menschen erzählt, er habe eine Idee gehabt, dass der Gesprächspartner diese im Kontext der Person des Erzählers der Idee wahrnimmt. Also: Mein Freund hat eine bestimmte Problemsicht, und seine Idee erscheint ihm in irgendeiner Weise als Lösungsansatz für dieses Problem. (Nicht aber: Mein Freund erzählt mir von einer Idee, für die er sich nicht interessiert, um in abstrakt-allgemeiner Form deren Richtigkeit zu behaupten und meine Zustimmung zu erheischen, durch die er ebenfalls nichts gewinnt.)

Nun ist meine Erfahrung die, dass mir scheint, es gibt heute schon viele Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, hinter einer Idee, die ihnen erzählt wird, einen Menschen zu sehen, der auf der Suche nach der Antwort für ein Problem ist.

Mein vorangegangener Text mutmaßt nun: Vielleicht ist es ja so, dass sie nicht einmal das Konzept oder die Wortbedeutung von „Idee“ mehr verstehen? Vielleicht ist die Entwicklung ja wirklich mittlerweile soweit fortgeschritten, dass viele Menschen nicht mehr auf die Idee kommen, einen Menschen vor sich zu haben, der an einem Problem arbeitet, wenn ihnen jemand ihnen erzählt, was er (oder sie) sich ausgedacht hat.

(Was werden sie anstatt dessen denken? Ganz einfach: Hier ist jemand, der etwas behaupten will, was grundsätzlich wahr oder falsch sein kann – und dem ich zustimmen kann, wenn ich es für wahr halte.)

An meine Mutmaßung, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, musste sich nun folgerichtig ein Ausdruck des Unverständnisses anschließen, denn ich bin ja tatsächlich nicht in der Lage zu begreifen, wie man – also der einzelne Mensch in seinem konkreten praktischen Handeln – ohne dieses Wort auskommen könnte.

Doch das sind Spekulationen. Oder vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsprogramm für Psychologen, die zum Beispiel experimentell zwei grundverschiedene Arten von Menschen untersuchen könnten: die einen, die die Notwendigkeit verspüren, ihren persönlichen Entwicklungsweg fortzusetzen, um Neues lernen zu können; und die anderen, die ohne die Vorstellung eines solchen persönlichen Entwicklungswegs auskommen, weil sie aufgrund ihrer Selbstbestimmung als „vernünftige Wesen“ den Eindruck haben, dass ihnen alle Themen – wirklich alle – gleich nahe und gleich fern liegen.

Ich wollte nur das Problem beschreiben, und das besteht darin, dass ein solcher Mensch, der sich selbst für ein „vernünftiges Wesen“ hält, mit einem von der anderen Sorte spricht und kein Verständnis dafür hat, dass dieser erst seinen geistigen Entwicklungsweg fortsetzen und sein Denken entwickeln muss, um den Erkenntnisgegenstand erfassen zu können, über den sie miteinander sprechen. (Mit anderen Worten, der „vernünftige“ Mensch tut so, als wären alle Themen „an sich“ verständlich.)

Diese Denkweise des Menschen, der sich selbst für „vernünftig“ hält, führt zu jenem schmerzhaft empfundenen Kommunikationsproblem, das ich oben beschrieben habe, in dem Person A Person B etwas erzählt, das sie sich ausgedacht hat und Person B einfach sagt: „Stimmt!“ – oder: „Stimmt nicht!“ – ohne sich überhaupt für das Problem zu interessieren, über das Person A nachgedacht hat.

Es führt aber auch dazu, dass Menschen von der Art wie Person B (so wie sie hier beschrieben ist) in wissenschaftlichen Texten und Vorträgen Inhalte vorbringen, die von Menschen wie von Person A (so wie sie hier beschrieben ist) nicht verstanden werden können, weil verabsäumt wurde, Situationen mitzuliefern, in welchen Menschen üblicherweise ein solches Problem haben, für welches die im wissenschaftlichen Text oder Vortrag dargestellten Inhalte eine Lösung darstellen.

Viele wissenschaftliche Texte sind von der Art, dass der Leser sich sagt: „Gut, das mag ja alles richtig sein. Aber was fange ich damit an?“ Und diese Frage ist nicht erst eine der praktischen Umsetzbarkeit von theoretisch Eingesehenem, sondern bereits eine solche, die die Verständlichkeit der mitgeteilten Inhalte selbst betrifft.

Abgesehen davon, dass das in meinem Text beschriebene Problem schmerzhaft ist, zu kommunikativen Missverständnissen und Konflikten führt und Menschen mit brennenden Fragen nicht weiterhilft, hat es aber noch einen weiteren Aspekt von grundsätzlicherer Natur: Es geht darum, dass in einer (Menschen-)Welt, in der die Bedeutung von „Idee“ und „Gedanke“ unverständlich geworden sind, der einzelne Mensch, der denkend redlich um Verständnis sich bemüht, nicht mehr gesehen wird. Ja, mehr noch, hinter dem Gedanken, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, steht die Vision, dass es von vielen Menschen nicht mehr für notwendig gehalten wird, dass der Einzelmensch sich eine eigene, infolge seines Erfahrungshorizonts beschränkte Vorstellung von der Sache, also eine Idee – die aufgrund der Beschränktheit des Erfahrungshorizonts dieses Menschen natürlich auch nicht allgemeingültig sein kann – machen müsse, um diesen Erkenntnisgegenstand überhaupt erfassen zu können.

Kurz, hinter meiner Idee vom Unverständlichwerden der Idee steht die Vorstellung, dass es allgemein nicht mehr für notwendig erachtet wird, dass Menschen sich ihre eigenen, individuellen Vorstellungen von den Dingen fabrizieren, damit diese „Dinge“ oder eben Erkenntnisgegenstände erlernt werden können.

Oder noch einmal umformuliert: Hinter der Idee davon, dass die Wörter „Idee“ und „Gedanke“, so wie wir sie bisher verwendet haben, aktuell gerade dabei sind, unverständlich zu werden, steht die Vorstellung, dass Menschen so funktionieren, dass sie nicht selbst nachdenken müssen, um Dinge zu erkennen und sie zu erlernen.

Sie müssen selbst nicht nachdenken, bedeutet in dem Zusammenhang, sie müssen sich keine eigenen Ideen oder Vorstellungen von den Dingen bilden, weil sie mit denjenigen auskommen, die von anderen Menschen, zumeist von Wissenschaftlern und Experten, als allgemein gültige Vorstellungen für diese Dinge oder Erkenntnisgegenstände für die die gesamte Gesellschaft ausgearbeitet wurden und in wissenschaftlichen und pädagogischen Texten angeboten werden.

Selbstdenken besteht aber darin, dass der einzelne Mensch sich seine eigenen Vorstellungen beziehungsweise Ideen von den Dingen macht (auch wenn diese nicht von allem Anfang an ganz richtig und wahr sein werden).

Mit anderen Worten, das Unverständlichwerden der Wortbedeutung von „Idee“ ist selbst im Grunde nichts anderes als die Meinung, dass es nicht notwendig sei, dass die Menschen individuell, für sich selber nachdenken. Und diese Meinung wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass man behauptet, eine Idee sei nichts, das intrinsisch mit dem Menschen, der sie hervorgebracht hat, verbunden ist. Man behauptet also, um eine Idee zu verstehen, müsse man nicht zuerst den Menschen verstehen, der sie hervorgebracht hat, und die Situation, in der er sich befunden hat, beziehungsweise, das Problem, das er mit seiner Idee lösen wollte. Sondern, so meint man, eine Idee könne für sich stehen (wie die Ideen in Platons Ideenhimmel) und uns dennoch etwas sagen, egal in welchen Situationen wir uns aktuell befinden.

Und hier habe ich eben gesagt: Aber eigentlich würde ich doch in einem Alltagsgespräch, in dem mir ein Mensch von einer Idee erzählt, die er sich ausgedacht hat, nicht davon ausgehen, dass er mir von einem Gedanken erzählen will, der unabhängig von ihm alleine bestehen kann und der der gesamten Menschheit über alle Zeiten hinweg den Weg erleuchtet. Denn so verwenden wir das Wort normalerweise nicht. Sondern er will mir von einem Gedanken erzählen, den er ausgehend von einer bestimmten Problemwahrnehmung und in Bezug auf diese gefasst hat. Diese Verbundenheit des Gedachten mit dem Denkenden und der Situation, in der er steckt, würde ich der Wortbedeutung von „Idee“ zuschreiben.

Und wenn diese Verbundenheit des einzelnen Gedachten mit dem einzelnen nachdenkenden Menschen nun wegfällt, einfach weil wir sie in dem Wort „Idee“ nicht mehr erspüren können, dann fällt damit auch der einzelne Mensch, der redlich um Erkenntnis sich bemüht weg sowie seine mühevolle Anstrengung des Nachdenkens, mit deren Hilfe er sich darum bemüht, mehr über die Welt, die ihn umgibt zu lernen, aus unserer Vorstellung von der menschlichen Erkenntnis heraus.

Das bedeutet, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ der Aufklärung fällt weg und anstatt dessen müsste stehen: „Vertraue darauf, dass du die Dinge, die dir die Wissenschaftler und Experten erzählen, verstehen wirst, auch ohne selbst über sie nachzudenken und ohne zu erfassen, wie sie dich in deiner Situation, in der du jetzt stehst, betreffen und welches deiner Probleme sie wie lösen könnten!“

Es ist ja nichts anderes als das, was Person A im oben vorgebrachten Beispiel frustriert: Person A wird sich denken: „Person B hat mich nicht einmal als nachdenkendes Wesen mit meinem spezifischen Problem, an dem ich gearbeitet habe, wahrgenommen!“

Damit ist im Grunde alles gesagt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein jeder frei seine Meinung zum Ausdruck bringen darf. Aber zugleich ist das eine Gesellschaft, in der Meinungen und Ideen immer weniger als etwas angesehen werden, das von Menschen zum Ausdruck gebracht worden ist. Will daher heute ein Mensch eine Idee zum Ausdruck bringen, so geht das oft nicht, weil seine Idee nicht als Ausdruck seiner Person aufgefasst wird. (Anstatt dessen wird sie als etwas aufgefasst, was unabhängig von seiner Person entweder wahr oder falsch ist.) Man kann somit sagen: Freie Meinungsäußerung ist gesetzlich erlaubt, aber sie ist im Rahmen unserer Konzepte von dem, was zum Beispiel eine „Idee“ oder ein „Gedanke“ ist, eigentlich nicht mehr vorgesehen.

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

Dieser Text ist der Versuch, ein Problem zu beschreiben. Das Problem lautet: Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

Dabei verstehe ich unter einer Idee etwas, das ein Mensch denkt,

-weil es ihn interessiert,

-um sich etwas zu erklären

-und um Orientierung über einen Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Jetzt werden Sie mich fragen: Wie könnte das unverständlich werden? Nun, ganz einfach: Waren Sie schon einmal auf einem Kongress für Philosophie? Wenn nicht, dann erzähle ich Ihnen jetzt ganz kurz, wie das abläuft: Also, da sitzt Einer vorn (oder Eine) und erzählt unmotiviert etwas, von dem Sie sich fragen: Warum erzählt er mir das? Und was soll ich damit?

Das ist deshalb so, weil Ihnen der Vortragende keine Idee erzählt, die er selbst gehabt hat. Er erzählt Ihnen weder irgendetwas, das ihn interessiert, noch etwas, das er Ihnen mitteilen könnte. Anstatt dessen erzählt er Ihnen irgendeinen Inhalt aus dem Fundus der Fachphilosophie. Und was er damit eigentlich möchte, ist nicht, Ihnen irgendetwas zu sagen, sondern – je nachdem, an welcher Stelle er sich in der Ausbildung befindet – sein Studium abzuschließen oder an einer Universität „Fuß zu fassen“ (= eine Anstellung erlangen).

Das bedeutet, dass bei einem solchen akademisch-philosophischen Vortrag Inhalt und Interesse auseinanderfallen: Was anderes will er, als was er erzählt. Und was er erzählt, das will er nicht. Und was er will, darüber spricht er nicht.

Nun kommt dazu, dass bei akademischen Vorträgen eine unausgesprochene Übereinkunft darüber besteht, dass das gut so ist und dass man genauso vortragen soll. Man rechtfertigt das gewöhnlich mit Gründen der Wissenschaftlichkeit.

Mir ist an dieser Stelle mal gleichgültig, woher das kommt, ich möchte nur festhalten, dass wir ganz heftig daran trainieren, Menschen zu werden, die Dinge reden, die sie nicht interessieren, und diese Dinge anderen Menschen mitzuteilen, ohne ihnen damit etwas sagen zu wollen.

An anderer Stelle habe ich schon beklagt, dass dieser Brauch zu Kommunikationsschwierigkeiten mit akademischen Philosophen führt. Man kann PhilosophiestudentInnen und –absolventInnen praktisch keinen Gedanken mehr kommunizieren, den man gedacht hat. Sie werden sofort die Notwendigkeit empfinden, diesen Gedanken im theoretischen Universum des Fachs einzuordnen. Die Vorstellung, dass es jemand gewesen ist, der etwas gedacht hat, ist ihnen infolge ihres Studiums nicht länger geläufig.

Der gegenständliche Text soll übers Klagen hinausgehen und danach fragen: Wie ist das eigentlich, wenn wir die Bedeutung von „Idee“ vergessen haben werden? Wie kann man sich das vorstellen?

Also das Problem, das ich beschreiben möchte ist: Wie wird das sein, wenn wir erfolgreich vergessen haben, was eine Idee ist (worum wir uns gegenwärtig offenbar heftig bemühen)? Wie wird es uns gehen, wenn wir nicht mehr verstehen, was das Wort „Idee“ bedeutet und was wir einmal damit anfangen wollten?

Meine Vision ist, dass die Menschen, sobald die Bedeutung von „Idee“ vergessen ist, herumlaufen werden und den ganzen Tag Dinge erzählen werden, die sie nicht interessieren und die ihnen auch keine bessere Orientierung in der Welt ermöglichen. Im Umgang mit diesen Menschen wird man vergessen, dass man über die Dinge nachdenken könnte, um sich für sie zu interessieren – um also eine emotionale Verbindung mit diesen Dingen aufzubauen – und um Orientierung über eine bestimmten Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Wie also wird sich das Denken verändern?

  • Der Mensch wird sachlich denken. Das heißt, er wird konzentriert sein auf die inneren Zusammenhänge der Elemente in seinem Erkenntnisgegenstand. Hingegen wird er vergessen, was er von seinem Erkenntnisgegenstand überhaupt will und was er mit ihm machen will. Dem entsprechen als Ergebnis von geistiger Aktivität Ideen, die nicht länger Lösungen für Probleme von Menschen sind; die menschliche Dimension geht verloren, weil der sachlich Nachdenkende Probleme nur in den sachlichen Zusammenhängen seines Erkenntnisgegenstandes wahrnimmt.
  • Die Wahl seiner Erkenntnisgegenstände wird eher zufällig und fremdgesteuert sein. Denn wenn wir annehmen, dass Verstehen eine Antwort auf ein Orientierungsbedürfnis des Menschen ist und wir gleichzeitig annehmen, dass mit der Wortbedeutung von „Idee“ der Gedanke verloren geht, dass man sich in der Welt mittels eigenem Nachdenken orientieren könnte, dann geht auch der Antrieb des einzelnen Menschen verloren, sich mittels Nachdenken in der Welt zu orientieren. Er wird daher nicht über die Dinge nachdenken, um sich zu orientieren, sondern wird zufällig über irgendwelche Dinge nachdenken, und er wird über diejenigen Dinge nachdenken, über die man es ihm anschafft nachzudenken, weil ihm ja im Grunde einerlei ist worüber er nachdenkt.
  • Schon im letzten Punkt angedeutet, aber hier noch einmal eigens erwähnt: Der Mensch wird dann keinen Antrieb mehr haben, sich in der Welt zu orientieren. Ja, mehr noch, er wird die Vorstellung verloren haben, dass man sich überhaupt in der Welt orientieren könnte, weil er mit der Wortbedeutung von „Idee“ auch die Vorstellung hat, dass eine Idee etwas ist, dass den Wahrnehmungen, die man von der Welt macht, Struktur und damit Verständlichkeit verleiht.

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir – entgegen der gegenwärtigen allgemeinen Praxis – heute immer noch geistig von jenen Erzählungen aus früheren Zeiten leben, in welchen Menschen nachdachten, um etwas in der Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren. Wenn diese Geschichten einmal nicht mehr erzählt oder gelesen werden, könnte die Vorstellung verloren gehen, dass der Mensch in erster Linie über etwas nachdenkt, um es zu verstehen. Wir profitieren heute gewissermaßen noch „parasitär“ von diesen Erzählungen, die lange schon nicht mehr unserer gängigen Praxis entsprechen. Das verhält sich ebenso wie die Geschichten aus der Philosophiegeschichte, die uns darüber erzählen, wie Philosophie einmal praktiziert worden ist, obwohl die vergangene philosophische Praxis mit der gegenwärtigem in eklatantem Gegensatz steht – und die bisweilen einen gewissen korrektiven Einfluss auf unser gegenwärtiges Philosophieverständnis ausüben.

Nur scheint mir eben, wir halten die fortwährende Präsenz dieser alten Geschichten für gesichert und gehen davon aus, dass sie uns immer begleiten werden. Aber das muss nicht der Fall sein. Es könnte durchaus sein, dass die nächste Generation aufhört, sie zu lesen und sich dadurch das Verständnis dessen, was eine Idee ist, angleicht an den heutigen Gebrauch dieses Worts.

Wie wird es dann einem Menschen gehen, der einen Gedanken denken will, aber der nicht weiß, was ein Gedanke ist, weil die Vorstellung verschwunden ist, dass man sich mittels Denken in der Welt orientieren könnte? – Nun, vor allem stelle ich mir vor, dass er irr werden wird an seinem Bedürfnis, in der Welt Orientierung zu finden.

Es könnte sehr gut sein, dass er die Idee hat, dass es für ihn notwendig sei, eine Idee zu haben. Dass er also gleichsam die Idee von der Idee wiedererfindet. Er könnte das machen, indem er sich beispielsweise sagt: Um mich in der Welt, die mich umgibt, besser zurechtzufinden, muss ich mir über meinen Standpunkt in ihr klarer werden sowie über meine Bedürfnisse, die mich mit den Dingen in ihr verbinden. Daraus folgt dann eine Beschreibung, die jedoch nicht objektiv ist, sondern perspektivisch, weil sie Ausdruck ist meines zeitlich und räumlich lokalisierten sowie durch meine Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft beeinflussten und durch die Bedürfnisse und durch die Handlungsreichweite meines Körpers beschränkten Orientierungsbedürfnisses in der Welt ist.

Mit dieser Formel hätte sich der Mensch also die Vorstellung nachgebaut, die der „Idee“ früher einmal entsprochen hatte. Aber die Frage ist, wird er sie fassen und mit ihr arbeiten können inmitten einer menschlichen Umwelt, die völlig negiert, dass es das überhaupt gibt, wonach er da sucht? Höchstwahrscheinlich wird er sich also fragen: Bin ich verrückt oder sind es die Anderen? Und: Bin ich verrückt, weil ich ein Orientierungsbedürfnis habe und die Anderen offenbar ohne ein solches leben können? Sollte ich nicht doch darauf verzichten, mir eine eigene Vorstellung von den Dingen zu machen und anstatt dessen so zu leben versuchen, wie alle es tun?

Doch was ich hier versuche, ist künstlich: Ich versuche, mir vorzustellen, wie jemand das erste Anzeichen der Bedeutung dessen, was eine Idee ist, erahnt, obwohl er (oder sie) nicht weiß, was eine Idee ist. Das geht nicht. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn jemand eine bestimmte Sache nicht weiß. Wahrscheinlich würde er den Inhalt der Idee nicht einmal erfassen können. Wahrscheinlich würde ihm die Wichtigkeit der Idee für sein persönliches Handeln nicht klar werden. Und zudem wäre er ohne die Vorstellung einer Idee geistig handlungsunfähig: Man muss sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden, um sich geistig zu positionieren; wie aber könnte man das tun, wenn „sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden“ genau jene Aktivität ist, die der Wortbedeutung von „Idee“ und „nachdenken“ entspricht, ebendiesem Menschen aber die Vorstellung davon fehlt, was eine Idee sein könnte? Er müsste sich also zuerst die Idee machen, eine Idee von etwas haben zu können. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zugleich schreibe ich dies hier vor dem Hintergrund der Befürchtung, dass es bereits heute viele Menschen geben könnte, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist, weil sie dieses Wort bloß in der Gestalt eines theoretischen Konzepts oder einer wissenschaftlichen Beschreibung kennen gelernt haben. Ein theoretisches oder wissenschaftliches Konzept ist aber keine Idee mehr; es fehlt ihm das Subjektive, das es ermöglicht von meiner, deiner, seiner oder ihrer Idee zu sprechen. Es ist zu erwarten, dass solche Menschen nicht einmal verstehen werden, wovon ich hier rede. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, bis zu welchem Grad die Idee schon verlorengegangen ist.

Die Erfahrung, dass Kommunikationsversuche scheitern, die ich auf der unausgesprochenen Konvention aufgebaut hatte, dass mein Gesprächspartner das, was ich ihm erzähle, als meine Ideen interpretiert, die ich mir gemacht habe, um mir die Welt, in der ich lebe, verständlicher zu machen, mache ich relativ häufig. Und nicht nur auf Philosophiekongressen. Es ist also nicht mehr üblich, dass wir voneinander erwarten, uns unsere Ideen über die Dinge und die Welt zu erzählen. Gut, aber das könnte eben auch bloß aufgrund spezifischer Kommunikationsregeln so sein, die uns bei bestimmten Gelegenheiten, wie z.B. auf wissenschaftlichen Kongressen, in unserer Ausdrucksfreiheit einschränken.

Wenn man so denkt, könnte man sich vormachen, alle Menschen wüssten nach wie vor, was eine Idee ist, und man könnte ihnen eine mitteilen, wenn man sie in einer unbelasteteren Kommunikationssituation antrifft. Ja, aber vielleicht stimmt gar nicht? Vielleicht leben schon zahlreiche Menschen unter uns, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist? Vielleicht gehöre ich schon nur mehr einer kleinen Minderheit an? Wenn das so ist, dann handelt es sich bei dem, was ich hier in diesem Text zu erfassen versuche, um gelebte Realität und um keinerlei Horror-Science fiction. In dem Fall leben Menschen unter uns, die nicht wissen, was eine Idee ist, und man könnte sie untersuchen, wie sie ohne diese Vorstellung zurechtkommen.

Ich würde zwar auch in dem Fall bezweifeln, dass jemand, der weiß, was eine Idee ist, begreifen kann, wie das ist, wenn man es nicht weiß; aber man könnte zumindest herausfinden, womit sich diese Menschen beschäftigen und aus welcher Motivation oder Veranlassung sie es tun und auf diese Weise zumindest ein indirektes Verständnis ihrer geistigen Funktionsweise gewinnen.

Wie man ein Thema als ein philosophisches Thema präsentiert - zwei Optionen, die zwei unterschiedlichen Philosophieverständnissen entsprechen

Liebe Xxxxx,

du fragst mich, wie du zu Deinem Thema einen philosophischen Abend gestalten kannst. Und ich nehme an, du fragst mich als „Experten“, weil du weißt, dass ich Philosophie studiert habe.

Aber ich habe dir auch schon gesagt, dass ich mit den akademischen Philosophen uneins bin. Aus dem Grund sollte ich dir zwei Optionen anbieten, und du kannst dann auswählen.

Du schreibst, du gleitest bei der Vorbereitung immer wieder sofort in Ethik und Moral hinein. Nun, das liegt in der Natur der Sache. Denn die akademische Philosophie bestimmt sich dadurch, WAS zur Philosophie gehört. Man fragt danach, welche Disziplinen und Themen traditionell zur Philosophie gehören. Dann weiß man als Ergebnis, was Philosophie ist. Ethik und Moral (oder eigentlich: Ethik in der Gestalt von Moralphilosophie) sind ein anerkanntes Teilgebiet der Philosophie.

Im Allgemeinen kann als Definition gelten: Teilgebiet oder Thema der Philosophie = ein Thema, mit dem sich Philosophen in früheren Zeiten schon beschäftigt haben und mit dem sich gegenwärtig keine Einzelwissenschaft beschäftigen will. Also ein Thema, das man der Philosophie noch nicht weggenommen hat. Du siehst also, diese Bestimmung der Philosophie ist relativ einfallslos.

Nun hast du aber gar kein philosophisches Thema, sondern ein medizinisches und kommunikationswissenschaftliches. Wenn du es also als philosophisches Thema präsentieren willst, dann ist es nach akademischem Philosophieverständnis notwendig, dass du es in das Fach Philosophie hineinverschiebst und traditionell philosophische Disziplinen oder Fragestellungen auf es anwendest. Das könnten dann zum Beispiel sein: Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie oder auch Sozialphilosophie.

Du siehst, es ist kein Wunder, dass du immer wieder sofort in die Ethik reingleitest. Du denkst genau nach diesem Schema. Was auch kein Wunder ist, weil die akademische Welt und das Denken vieler Menschen nach ihm geordnet sind. Ich wollte dem nur hinzufügen, dass es neben der Ethik noch ein paar weitere Möglichkeiten gäbe – eben z.B. die Erkenntnistheorie – was aber nichts am Prinzip der Verfahrensweise ändert: Wenn du dein Thema nach dem akademischen Konzept von Philosophie an einem philosophischen Abend diskutieren willst, dann musst du gleichsam Philosophie aus ihm machen – und das funktioniert, indem du es auf Ethik, Erkenntnistheorie oder irgendeine andere Teildisziplin oder ein traditionelles Thema der Philosophie trimmst.

Das machst du also ganz richtig. Ist nur die Frage, ob dich das glücklich macht?

Die andere Option ist die, es nach meinem Philosophieverständnis zu machen. Den Vorschlag würde ich dir machen, aber eben mit der Warnung, dass mein Philosophieverständnis nicht allgemein geteilt wird. Mein Philosophieverständnis besteht darin, dass Philosophie sich dadurch bestimmt, WIE man ein Thema behandelt – und nicht dadurch, WELCHE Themen herkömmlich zur Philosophie gehören. Und dadurch gehören alle Themen zur Philosophie, auch deines.

Zum Beispiel ist eines der besten philosophischen Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, Thomas Meraths Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer. GABAL Verlag, Offenbach 2008. Es enthält so etwas wie platonische Dialoge für Themen der heutigen Zeit. Freilich handelt es sich dabei um wirtschaftliche Themen. Aber das ist bei meinem Philosophieverständnis kein Problem: Wirtschaft ist mich genauso Philosophie wie Mathematik, Medizin oder Literatur. Trotzdem hat sich mein Buchhändler heftig gewundert, als ich dieses Buch bestellt habe: „Was, werden Sie jetzt der Wissenschaft untreu?“ Auch er denkt eben im akademischen Fächerschema.

Wenn sich mein Philosophieverständnis durchsetzen würde, dann hätten wir übrigens einen Bürgerkrieg unter den Gelehrten. Denn die heutigen Königreiche sind häufig weniger materieller als ideeller Natur, und die Leute wollen es amtlich bestätigt haben, welches Teilgebiet der Philosophie, der Medizin oder einer anderen wissenschaftlichen Disziplin ihnen „gehört“. Und da sind sie dann auch unduldsam gegen Eindringlinge von außen.

Aber das nur am Rande. Wodurch zeichnet sich nun die philosophische Behandlung eines Themas nach meinem Philosophieverständnis aus? Ganz einfach, dadurch, dass man versucht, seine GesprächspartnerInnen zu überzeugen. Auf das „versuchen“ in diesem Satz lege ich großen Wert, denn entgegen der allgemeinen Anschauung kann man niemanden von etwas überzeugen, der nicht dazu bereit ist, sich überzeugen zu lassen.

Gut, und jetzt wird’s schwierig. Aber nicht wirklich, denn es kommen nur zwei Gedanken, die an sich leicht verständlich sind, aber unserem herkömmlichen Verständnis gegen den Strich gehen:

Erstens, das Wesentliche, das man macht, wenn man versucht, jemanden zu überzeugen, ist, dass man ihn anspricht, dass man sich ihm (oder ihr) zuwendet und ihn kommunikativ zu erreichen versucht. Wissenschaftliche Publikationen machen das nicht. Der Grund dafür ist, dass wissenschaftliche Leistungen einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leisten sollen, aber nicht die Aufgabe haben, irgendwelche konkreten Menschen von irgendwas zu überzeugen. Man hat schon oft gehört, ein Professor habe einen Preis erhalten, weil er einen wesentlichen Beitrag zu diesem oder jenem Fach geleistet habe, aber noch nie, er haben den Preis erhalten, weil er Herrn Müller oder Frau Mayer überzeugt hat. In der Philosophie sollte es meiner Meinung nach genau umgekehrt sein: Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Herrn Müller und Frau Mayer zu überzeugen; ob sie darüber hinaus auch noch einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leistet, ist nachrangig.

Zweitens ergibt sich aus der Voraussetzung, dass Philosophie in dem Versuch, Menschen zu überzeugen, besteht, die wichtigste Regel für das Philosophieren. Und die lautet: Alles muss auf den Tisch! Das bedeutet: Alle Argumente müssen hier und jetzt überzeugen. Oder vielleicht kannst du dir schneller eine Vorstellung davon machen, was ich damit meine, wenn ich dir sage, was es nicht bedeutet: Wissenschaftler pflegen ihre Behauptungen durch Daten zu untermauern. In der Philosophie ist diese Strategie meiner Ansicht nach nicht akzeptabel. Der Grund ist: Die Daten sind nicht hier und jetzt zustande gekommen. Wenn ich die Möglichkeit habe, hier und jetzt mit dem Wissenschaftler gemeinsam die Daten nachzuprüfen, dann akzeptiere ich sie in einem philosophischen Gespräch; sonst nicht. Denn beim Philosophieren versucht man, keine Inhalte zu akzeptieren, die man nicht selbst nachprüfen kann – während man in der Wissenschaft die ganze Zeit dazu gezwungen ist, Inhalte auf Treu und Glauben hinzunehmen, die zu prüfen man hier und jetzt nicht die Möglichkeit hat.

Aus diesem Grund ist Philosophie auch nicht von Daten abhängig. Die Daten und Fakten können sogar erfunden sein. Und weil das so ist – also weil man sich vornimmt, nichts zu glauben als das, was man unmittelbar einsieht – eignen sich sogar literarische Texte als Grundlage fürs Philosophieren. (Es ist mir schon passiert, dass ich von Büchern begeistert war, die von anderen verdammt wurden, weil sie Fehler und sachlich Unrichtiges enthalten. Aber als Philosophierender ist man eben nicht auf völlig wahrheitsgetreue Beschreibungen der Wirklichkeit angewiesen; man pickt sich das heraus, was einen selber überzeugt.)

Wenn ich vorher behauptet habe, meiner Philosophievorstellung nach könne man ALLE Themen auch philosophisch behandeln, so muss ich jetzt wieder eine Einschränkung machen: alle Themen, die der Erfahrungswelt der Gesprächspartner naheliegen. Die Wissenschaft hat nämlich die Eigenschaft – und das ist auch ihre große Stärke – sich durch ihre Beschäftigung mit dem immer Größeren und dem immer Kleineren von der Erfahrungswelt der Menschen zu entfernen. Und hier funktioniert die philosophische Zugangsweise nicht: weil man nämlich nicht einmal weiß, wovon die Rede ist. Es fehlt einem der eigene Erfahrungshintergrund als Verständnisstütze.

Was folgt jetzt daraus für dich, liebe Xxxxx, und deinen philosophischen Abend mit einem medizinischen Thema? – Nun, Philosophie ist meiner Anschauung zufolge, wenn man sich den Menschen zuwendet und versucht, ihre Vorstellungen von den Dingen zu formen (oder neu zu formen). Um das tun zu können, muss man sich aus den Fachdiskursen herausbegeben, muss die Dinge vereinfachen, soweit das möglich ist, und man muss die Leute dort „abholen“, wo sie stehen.

Bei dem letztgenannten Punkt beginnen allerdings die Probleme. Denn wo „stehen“ die Leute? Heute, in unserer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft, steht ein jeder Mensch woanders, ein jeder hat andere Erfahrungen und was für den einen ein Problem oder eine Frage ist, ist für den anderen nicht einmal der Rede wert. Was für den einen eine Neuigkeit ist, ist für den anderen ein alter Hut.

Ich glaube, da kann man nur experimentieren und die eigene Botschaft immer wieder anders formulieren, um zu versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Aber alle wird man nie erreichen können.

Da du allerdings dein Thema schon gewählt hast und dieses Thema eine These darüber enthält, dass über dieses Thema zu wenig Wissen bekannt ist und dass damit eine Handlungsnotwendigkeit – nämlich Aufklärungsarbeit zu leisten – verbunden ist, so geht damit auch eine Annahme einher, wo die Leute stehen, nämlich: Sie wissen nicht genug darüber, die damit verbundenen Implikationen sind ihnen noch nicht ausreichend bewusst.

Damit will ich sagen, dass du, indem du über ein Thema sprichst, eigentlich Agenda-setting betreibst. Also du sagst: „Darüber muss man hier und jetzt sprechen, weil es wichtig ist!“

Wenn das gelingt, also wenn es dir gelingt, das Publikum von der Bedeutung deines Themas zu überzeugen, ist eigentlich schon der gesamte philosophische Abend gelungen. Aber mit welchen konkreten Fragen, Argumenten oder Beispielen dir das gelingen kann, da kannst eigentlich nur Freunde und Bekannte fragen und feststellen, wie stark sie auf bestimmte konkrete Inhalte reagieren.

Aber das macht nichts, denn der geplante philosophische Abend ist ja selbst auch nur ein Experiment.

Zuletzt möchte ich dich noch vor der Vorstellung bewahren, dass es in der Philosophie immer notwendig sei, ein Thema zur Diskussion zu stellen. Ich denke, es ist eine falsche Vorstellung, dass es in der Philosophie immer darum gehen müsse, irgendwelche Fragen oder Behauptungen zu diskutieren. Du hast dich mit deinem Thema intensiv beschäftigt, und deine ZuhörerInnen wissen gar nichts darüber. Du musst ihnen zuerst einmal etwas erzählen, damit sie sich ein eigenes Urteil über Sache bilden können. Erst mit dem eigenen Urteil ist die Grundlage gegeben, um überhaupt etwas diskutieren zu können. Wenn sie am Ende konkrete Fragen stellen oder mit ihren eigenen Erfahrungen Anschluss an das Thema deines Vortrags finden, indem sie sagen: „So etwas habe ich auch schon einmal gesehen.“ – zeigt das, dass sie Interesse an dem finden konnten, was dir, wie ich weiß, ein großes Anliegen ist und dass auch in Bezug auf die Verständigung der kommunikative Kontakt gelungen ist. Ich war jetzt fast schon versucht zu sagen: „Das ist genug!“ Aber richtiger ist: Das ist sogar besser als diskutieren! Denn diskutieren tut man über zumeist über (konfliktive) Detailfragen. Wenn es dein Anliegen ist, ein gesamtes Thema zu bewerben, dann wird es nicht in deinem Interesse liegen, durch Diskussionsangebote bei Detailfragen hängenzubleiben.

So, damit hätte ich nun hoffentlich deutlich gemacht, wie man à la Hofbauer philosophiert. Außerdem habe ich dir aber auch ehrlicherweise eingestanden, dass das kein mehrheitsfähiges Programm ist. Deshalb überlasse ich es dir, ob du Option 1 wählst und dein medizinisches Thema in die Philosophie zwängst, oder Option 2, bei der du dich darauf konzentrierst, die Vorstellungen deiner ZuhörerInnen zu formen und sie von der Wichtigkeit deines Themas zu überzeugen.

Die undifferenzierte Aufklärung

Das ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. Grund genug, es hier einmal in Gestalt einer Notiz festzuhalten.

Die Aufklärung ist – entgegen der Meinung der meisten Menschen – keine rein positive Angelegenheit. Sie enthält zwei gegensätzliche Elemente, die aber nicht leicht sichtbar werden, weil wir nicht bereit sind, zwischen der Vernunft und dem menschlichen Gebrauch der Vernunft zu differenzieren.

Das positive Element der Aufklärung ist das Sapere aude! -, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Diesem Leitspruch von Kant möchte ich gern folgen. In ihm drückt sich die Befreiung des Menschen durch die Vernunft aus.

Das negative Element ist die Unterdrückung des Menschen durch die Vernunft. Die Vernunft kann nämlich auch unterdrücken. Und das kommt so: Wenn die Vernunft mich befreien kann, weil ich vernünftig denken kann und dadurch imstande bin, mich selbst in meinem Handeln zu leiten, so kann sie mich auf der anderen Seite auch unterdrücken, weil ich der Vernunft folgen muss, sobald ich ein vernünftiges Argument einmal eingesehen habe.

Merkwürdigerweise scheint Kant diese innere Widersprüchlichkeit des Konzepts der Aufklärung nicht gesehen zu haben. Seine Blindheit für dieses Faktum fand ihren hervorragendsten Ausdruck in der Formulierung des kategorischen Imperativs: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Kant scheint sich nicht überlegt zu haben, was mit dem kategorischen Imperativ passieren würde, wenn er im sozialen Zusammenhang gesellschaftlichen Handelns Anwendung fände.

Ich würde erwarten, dass Folgendes passiert: Zuerst einmal würde man feststellen, dass ein gewöhnlicher Mensch ja gar nicht dazu qualifiziert und ausgebildet ist zu wissen, was als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte. Sodann würde man vielleicht spezielle Studien einrichten, durch welche die Absolventen derselben das Zertifikat erhielten, zu Handlungen nach dem kategorischen Imperativ berechtigt zu sein. Diese würden in der Folge anderen Menschen als beratender Beruf zur Verfügung stehen und ihnen auf Anfrage schriftlich und mit Stempel bestätigen, dass eine bestimmte von ihnen intendierte Handlung im Einklang mit dem kategorischen Imperativ steht. Ohne vorherige Konsultation dieser Spezialisten dürfte man nicht mehr handeln.

Und/oder es würden Kommissionen gegründet, die entscheiden, welche Handlungsoption in bestimmten Fragen und bei Handlungen in bestimmten Situationen im Einklang mit dem allgemeinen Gesetz steht. (Wenn ich z.B. an die neue Kennzeichnungspflicht für Allergene auf Speisekarten denke, so habe ich ohnehin den Eindruck, als würde das Rezept der Handlungsteuerung von oben, also per Gesetz, heute zunehmend stärker verfolgt.) Aber eines würde ganz bestimmt nicht geschehen: Man würde den Einzelmenschen nicht alleine entscheiden lassen. Wenn etwas so Wichtiges wie die allgemeine Gesetzgebung auf dem Spiel stünde, würde man nie und nimmer den Einzelnen so handeln lassen, dass die Maxime seines Handelns zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte, sondern man würde ihm – aus Angst, er könnte eine bestimmte Handlungsweise durchsetzen, die man nicht haben will – sein Handeln wegnehmen, ihm seine Handlungsfähigkeit absprechen und ihm anstatt dessen vorschreiben, was zu tun sei.

Dass Kant das nicht gesehen haben könnte, ist etwas, das mich zutiefst verwundert: dass man nicht von jemanden verlangen kann, dass er autonom (selbstständig) und zugleich vernünftig handle. Denn sobald man verlangt, dass sein Handeln auch vernünftig sei, werden sich Andere einschalten, um danach zu fragen, ob dieses Handeln denn auch wirklich vernünftig sei und binnen kürzester Zeit wird er nicht mehr autonom sein. Weil sich nämlich die Beurteiler der Vernünftigkeit der Handlung einmischen und dem Handelnden ihre Vorstellungen von Vernunft aufdrängen. (Natürlich habe ich auch schon etwas zu diesem Thema geschrieben: MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral, S. 158ff.)

Was man daraus lernen könnte, ist: Vernunft und Vernünftig-Handeln-Wollen gehen nicht zusammen. Die Aufklärung setzt das aber ineins:

  • Wenn der Einzelmensch nachdenkt, bedient er sich seiner Vernunft;
  • und mit seiner Vernunft hat er zugleich Anteil an der Vernunft an sich, der Domäne für allgemeine Vernunftwahrheiten.

Diese Weigerung, zwischen der Vernunft und der menschlichen Vernünftigkeit zu unterscheiden – oder auch die Unfähigkeit, den Unterschied zwischen diesen beiden zu sehen, nenne ich die „undifferenzierte Aufklärung“.

Und diese undifferenzierte Aufklärung hat zu bekannten Problemen geführt, die allgemein als solche der „Moderne“ apostrophiert werden. Diese Probleme unterteilen sich, mit Anklang an einen Buchtitel von Elias Canetti, in solche der Masse und solche der Macht.

Fangen wir mit der Macht an. Ich habe bereits gezeigt, dass wir, wenn wir Anhänger der Idee der Vernunft sind, wenig Neigung haben werden, dem ungebildeten, schmutzigen Menschen, der keiner regelmäßigen Arbeit nachgeht, irgendwas entscheiden zu lassen. Die vernünftigen Entscheidungen sind sicherlich besser aufgehoben bei den gebildeten Menschen beziehungsweise in Institutionen, die Wissensressourcen als Grundlagen für Handlungsentscheidungen (Schulen, Universitäten, Ministerien) anhäufen. Der Ruf nach der Vernunft führt also paradoxerweise nicht zu einer Stärkung der Individuen als Handelnde, sondern zu ihrer Schwächung und Entmündigung.

Aber das ist noch nicht alles. Die Vision von vielen mehr oder weniger vernünftigen Menschen, die unkoordiniert handeln, führt zur Befürchtung von Chaos und Stagnation und in der Folge zum Ruf nach „dem starken Mann“. Diese Tendenz ist von der Struktur der Idee der Vernunft her verständlich: Da sie nur eine ist, sollte auch nur Einer regieren. Es kann ja auch nur Einer Recht haben; und wenn das so ist, werden ihn die Anderen mit ihren abweichenden Meinungen nur behindern.

Es mag für diejenigen, die diesen Umstand noch nie bedacht haben, übertrieben klingen, aber letztlich ist der Glaube an die Vernunft auch mit schuld am Aufstieg des Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg, denn hier wollte man einem Menschen so viel Macht geben, dass er durchsetzen konnte, was nottat. Freilich tat er dann auch sonst noch allerhand, was nicht vernünftig war; aber davon konnte man ihn dann schon nicht mehr zurückhalten, nachdem man ihm einmal die Macht überlassen hatte. Diese Bemerkung scheint mir notwendig zu sein, weil der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg allgemein als Ausdruck der Unvernunft angesehen werden, gewissermaßen als hätten sie nicht geschehen können, wenn die Menschen damals vernünftiger gehandelt hätten. Dass auch die Idee der Vernunft in den Weltkrieg geführt hat, wird gern übersehen. (Umgekehrt kann man die Rückkehr von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zur parlamentarischen Demokratie in mehreren Staaten auch als ein gewisses Abrücken von der Idee der Vernunft sehen, denn hier erlaubt man es mehreren Parteien, in Parlament und Öffentlichkeit ihre Ideologien zu verbreiten, die nicht (alle) vernünftig sein können – allein schon deshalb, weil es mehrere sind.)

Während sich die Vernunft zur Macht gesellt, weil sie die stärkere ist, bleibt auf der anderen Seite der Einzelmensch übrig und wird zum atomisierten, beziehungslosen und ohnmächtigen Menschen in der Massengesellschaft. Die Ohnmacht des Einzelnen rührt nicht zuletzt daher, dass die Vernunft so hohe Anforderungen an ihn stellt, dass er ihnen nicht genügen kann. Diese Thematik ist in die politische und in die Sozialphilosophie eingegangen als das Drama des modernen Subjekts. Dieses Drama lässt sich so zusammenfassen, indem man sagt: Man hielt die Vernunft für ein so starkes Instrument zur Konstitution der eigenen Identität, dass man meinte, der Mensch könne auch klar denken, wenn er hungert und friert und sich um seine kranken Kinder sorgt. Das kann er natürlich nicht, aber der Begriff des Menschen als eines vernünftigen Tiers (animal rationale) scheint nahezulegen, dass alles, was der Mensch denkt und tut, auf jeden Fall immer vernünftig sein müsse, gleich wie es ihm sonst noch geht. In der Folge erwartete man vom einzelnen Menschen, dass er sich kraft seiner Vernunft selbst erschafft und sich eine eigene Identität zuschreibt, was er natürlich außerdem auch noch ganz alleine tun soll, denn die Vernunft ist ja nur eine und braucht daher keinen zweiten Menschen zur Beratschlagung.

Der Glaube an die Vernunft führt also auf der einen Seite zu einer (manchmal aber nicht immer wohlwollenden) Diktatur von oben und auf der anderen Seite zu atomisierten, ohnmächtigen Einzelmenschen in der Anonymität der Massengesellschaft.

Aus dem Grund glaube ich, man muss vor dem Glauben an die Vernunft warnen, selbst wenn man sich dadurch der Gefahr aussetzt, als Irrationalist, also als Anhänger des Unvernünftigen zu gelten.

Den Grund, warum man der Vernunft trotzdem distanziert gegenüberstehen sollte, noch einmal kurz zusammengefasst: Ich bin gut und gern bereit zu glauben, dass es auf der Welt vernünftig zugehen würde, wenn uns die Vernunft in Person begegnen würde. Aber angeleitet von unserem Glauben an die Vernunft begegnen wir ja nicht der Vernunft selbst, sondern unserer (gegenwärtigen) Vorstellung von der Vernunft. Und diese ist genauso beschränkt – um nicht zu sagen: blöd – wie wir selber. Daher kommt es, dass wir die Unvernunft finden, wenn wir die Vernunft suchen.

Und das einzige Gegenmittel, das es dagegen gibt, ist, zwar zu versuchen, vernünftig zu handeln (denn eine andere Möglichkeit haben wir nicht), aber vorsichtig dabei zu sein. Denn wer vernünftig im Sinne der „undifferenzierten Aufklärung“ handelt, ist wie jemand, der auf dem weißen Papier Pläne zeichnet, die in sich zwar schlüssig sein mögen, die aber zugleich viele Umstände der äußeren Realität, in der sie dann verwirklicht werden sollen, außer Acht lassen.

Meine Ausführungen haben nun nicht den Zweck, selbst einmal mit großen Begriffen wie „Moderne“ und „Postmoderne“ zu werfen; vielmehr bin ich eigentlich eher irritiert, wenn Philosophen und Kulturwissenschaftler das tun, weil ich ja eigentlich denke: Wir stehen heute immer noch ganz am Anfang der Aufklärung. Wir haben versucht, die Ideale der Aufklärung zu verwirklichen, aber es ist uns schlimm misslungen. Und eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, es noch einmal neu zu versuchen. Wir sollten also nicht über „Moderne“ und „Postmoderne“ diskutieren, sondern dort weitermachen, wo wir stehengeblieben waren.

Meine Ausführungen haben nur den Zweck, um darauf hinzuweisen, dass jene Probleme, die aus der „undifferenzierten Aufklärung“ resultieren, in der Kulturtheorie schon an prominenter Stelle diskutiert worden sind. Wenn man Autoren wie Elias Canetti, Horkheimer/Adorno, Zygmunt Bauman oder Michel Foucault (neben vielen anderen) liest, begegnen einem immer wieder die gleichen Probleme, die oft als solche der Moderne beschrieben wurden: Hier die Macht, die immer mehr Wissen ansammelt und sich immer besser organisiert, dort die Einzelmenschen, die immer ohnmächtiger werden und als Masse verwaltet werden. Mich wundert, warum man bisher noch nicht gesehen hat, dass die Aufklärung in ihrer undifferenzierten Gestalt das Drehbuch zu diesem Drama geschrieben hat!

Denn sobald man meint, der Mensch sei vernünftig und die menschliche Gesellschaft solle vernünftig regiert werden, wird immer sogleich dieselbe soziale Dynamik entstehen: Es wird einem auffallen, dass manche Menschen vernünftiger sind als andere und man wird daraus folgern, dass die vernünftigeren regieren sollen. Am Ende werden die Vernünftigsten regieren (aber so, wie es ihnen selbst am besten erscheint; nicht notwendig so, dass auch die Bedürfnisse der Übrigen erfüllt werden) und der Großteil der Menschen wird weitgehend entmündigt sein.

Kurz: Ich wundere mich, dass man bisher nicht gesehen hat, dass die Aufklärung die Probleme aufgelegt (im Sinne von: verursacht) hat, in denen wir bis heute stecken.

Die Moral von der Geschichte, die ich hier erzähle, ist natürlich, dass wir lernen sollten, mit dem Vernunftbegriff anders umzugehen als bisher. Denn das Anliegen der Aufklärung, wonach nicht religiöser Glaube und blinder Respekt vor Autorität, sondern die Vernunft herrschen sollte, hat dazu geführt, dass blinder Glaube und Respekt vor der Autorität von Experten herrscht, aber erst recht wieder nicht die Vernunft. Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass die Menschen bis heute gewohnt sind, dem zu glauben, was Worte ihrem Wortlaut nach unmittelbar zu sagen scheinen und wahrscheinlich nicht in der Lage sind, Begriffen distanziert gegenüberzutreten und beispielsweise zu fragen: „Du redest von der Vernunft; aber welche meinst du – die gute oder die schlechte? Die gute, die mich befreit und mir Mittel in die Hand gibt, um selbst mein eigenes Leben zu gestalten, oder die schlechte, die mir meine Freiheit wegnimmt und mich unter dem Vorwand, ein Anderer wisse besser als ich, was gut für mich ist, psychisch zum Entwicklungsstadium eines Kleinkinds regredieren lässt?“

Das Problem liegt darin, dass nach wie vor das Wort „Vernunft“ in aller Unschuld und Naivität daherkommt und scheinbar nur „dasjenige, was vernünftig ist“ bedeutet. Diese Wortbedeutung aber ist eine Falle, und wir müssten vor ihr zurückschrecken und uns fragen: Was kann denn „Vernunft“ bestenfalls bedeuten? Nun, bestenfalls kann „Vernunft“ bedeuten, dass sich jemand darum bemüht, eine vernünftige Entscheidung zu treffen und dass sie ihm, nach allem was er weiß und berücksichtigen konnte, auch vernünftig erscheint, was aber noch nicht bedeuten muss, dass sie tatsächlich vernünftig ist. Somit ergeben sich für die „Vernunft“ zwei Wortbedeutungen, die man auseinanderhalten muss: Da ist einmal die Vernunft oder vernünftige Entscheidung selbst, die uns als Ideal vorschwebt, die wir aber nie erreichen können und von der wir deshalb eigentlich auch nichts wissen. Und dann ist da unsere Bemühung um ein vernünftiges Handeln, die wir schon in der Hand haben, aber von der wir als beschränkte Wesen letzten Endes nicht mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich vernünftig ist – d.h. ob unser Handeln das Ideal der Vernünftigkeit erreicht.

Ohne diese Differenzierung zwischen Vernunft und Vernunft wird für den einzelnen Menschen kein „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – möglich sein, und die menschliche Gesellschaft wird ohne sie immer wieder in Situation der Moderne mit ihrer Problemstellung von Maße und Macht zurückfallen. Aber so logisch sie klingt, wenn man die Sache durchdenkt, so wird es trotzdem nicht leicht sein, diese begriffliche Unterscheidung den Menschen schmackhaft zu machen, denn letzten Endes bedeutet sie ja, dass unser vernünftiges Handeln nicht vernünftig ist, weil Vernunft für uns Menschen ein unerreichbares Ideal ist. Da werden sich viele Leute in ihrem Stolz und Selbstbild auf den Schlips getreten fühlen.

Interessanter als das ist jedoch die Frage: Wie stellt man sich eine Vernunft vor, die nicht vernünftig ist, sondern bloß ein Bemühen um Vernunft ist. Ich weiß von meiner Beschäftigung mit dem Gettier Problem, dass die analytischen Philosophen es nicht hinkriegen, sich ein Wissen vorzustellen, bei dem man nicht mit Sicherheit weiß. Diese Begriffe, die nicht ganz für voll genommen werden können – wie Vernunft und Wissen – bereiten offenbar unserem Verständnis große Probleme. An ihnen scheitern auch die schlauesten Philosophen. (Aber es gibt unter den Philosophen ja auch bis heute noch enthusiastische Anhänger der Ethik Kants, solche, bei denen die kantische Moralphilosophie offenbar einen ganz tiefliegenden Nerv getroffen hat, sodass sie gleichsam beseelt sind vom kategorischen Imperativ.)

Ich jedenfalls habe mein Sprüchlein aufgesagt: Wir können entweder weiterhin dem Glauben an die Vernunft nachhängen und damit eine „undifferenzierte Aufklärung“ praktizieren, dann wird die „Vernunft“ im gesellschaftlichen Raum dem Expertenwissen und den technokratischem Handeln zugeschrieben werden. Oder wir raffen uns doch noch einmal auf und entscheiden uns dazu, mit dem eigentlichen Projekt der Aufklärung, also dem Sapere aude! – und dem Selbstdenken aller Einzelmenschen, Ernst zu machen, aber dann werden wir nicht darum herumkommen, den Menschen als „nicht ganz vernünftiges Wesen“ zu definieren. Und mehr noch: den Menschen nicht nur so zu definieren, sondern ihn gemäß dieser Definition auch so zu sehen und uns selbst so zu sehen. Aber das würde uns meiner Einschätzung nach einige Probleme bereiten. Dann würden uns gewiss einige Elemente unserer bisherigen Geisteswelt durcheinanderkommen: Ich weiß zum Beispiel nicht, was wir dann mit dem Wort „Irrationalismus“ machen.

Permalink 22.02.15    2 Kommentare »

"Philosophie" ist ein pervertiertes Wort

Neulich traf ich unseren Techniker Fritz morgens in der U-Bahn. Ich treffe ihn dort bisweilen, weil wir ein Stück weit denselben Weg zur Arbeit haben. Wenn wir uns in der U-Bahn treffen, machen wir ein wenig Konversation und plaudern dabei gewöhnlich über wirtschaftliche und politische Probleme.
Dieses Mal wunderte sich Fritz, wozu die Leute Facebook brauchen. Aufgrund seiner Ingenieurspersönlichkeit hat Fritz oft eine etwas andere Perspektive auf die Dinge. Zu posten, welche Speisen man gerade gegessen hat, hält er für uninteressant, und sobald es sich um irgendein spezielleres Interesse handelt, über das man sich austauschen will, sei man doch in einem spezialisierten Internetforum besser aufgehoben. Es gebe ohnehin Foren für alles Mögliche, z.B. für Fotografie.
Ich entgegnete Fritz, ich wüsste auch nicht, wofür andere Leute Facebook gebrauchen. Aber ich könne ihm sagen, wofür ich es brauche. Nämlich um z.B. einen Link zu posten, wenn ich wieder einmal einen Post für meinen Blog auf philosophieblog.de geschrieben habe.
Ja, aber für Philosophie gibt es doch auch spezialisierte Foren. Ob ich dort nicht besser aufgehoben wäre, um mich mit Gleichgesinnten auszutauschen?
Leider nein, sagte ich, denn Philosophie sei ein pervertiertes Wort. Also ein Wort, bei dem auf seinem Weg durch die Geschichte schleichend seine Wortbedeutung abhandengekommen sei. So glaube ich ja z.B. auch nicht, dass an den Philosophieinstituten in den Universitäten Philosophie unterrichtet werde. Was mich in eine grelle Dissonanz zur sozialen Wirklichkeit setzt, denn: Alle Leute sind der Meinung, an den universitären Philosophieinstituten werde Philosophie praktiziert, aber ich war selbst dort, ich habe ja Philosophie studiert, und es wäre mir nicht aufgefallen, dass es dort Philosophie gäbe.
Die Angelegenheit sei eigentlich noch dramatischer, setzte ich noch eins drauf, denn bei allen Menschen, an die ich mich mit einem philosophischen Anliegen wende, seien die mehr oder weniger professionellen oder spezialisierten Philosophen diejenigen, von denen mir am meisten Abwehr entgegenschlage. Denn auf wen treffe ich, wenn ich auf einen spezialisierten Philosophen oder auf eine spezialisierte Philosophin treffe? Zumeist auf einen Besserwisser, der seine Position durch Wissen über spezielle Entwicklungen in seiner Subdisziplin innerhalb der akademischen Philosophie rechtfertigt und dadurch dem freien Austausch von Argumenten ein Ende setzt. Es erscheine mir völlig sinnlos, mit meinen philosophischen Interessen Verständnis bei Philosophen zu finden, denn diese seien mit vernünftigen Argumenten nicht erreichbar, sagte ich.
Da sei es schon besser, mein neues Posting über Facebook meinen in etwa 250 Freunden bekannt zu machen, denn darunter befinde sich zumindest eine Handvoll Menschen, die sich mit dem, was ich unter Philosophie verstehe, angefreundet hat und die den Text vielleicht lesen werden. Diese Menschen hätten zumindest grundsätzlich die Möglichkeit, meinen Blogtext verstehen zu können, weil sie keinen Hintergrund in Philosophie haben. Als philosophisch unbedarfte Menschen seien sie offen für das, was man ihnen gegenüber vorbringt, und wüssten nicht von Vornherein alles besser, sodass man ihnen nichts mehr erzählen kann.
Ja, das verstünde er, sagte Fritz, und damit sei ich der Erste, der ihm ein akzeptables Argument vorgebracht hätte, wofür Facebook vielleicht doch tauglich wäre. Bei mir wirkte unser Gespräch noch nach, und mir fiel ein, dass ich ja schon öfters in meinem Leben über die Einteilung der Welt in Fächer und Schubladen nachgedacht hatte, wobei mir dabei immer wieder aufgefallen war, wie problematisch solche Einteilungen sind, weil es innerhalb eines Fachs immer die soziale Gruppe, die sich durchsetzt, ist, die bestimmt, wie das Fach definiert wird und sich selbst sehen soll. Wer immer mit der Meinung der herrschenden Gruppe über das Fach nicht übereinstimmt, dem bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, auf dem „freien Markt“ oder jedenfalls außerhalb des Fachs nach Gesprächspartnern zu suchen. Fritz war die Einteilung der Welt in Fächer und Schubladen offenbar bislang noch als eine unproblematische Angelegenheit erschienen, die einfach zweckmäßig war. So würde man ja auch von vornherein erwarten, dass Fotografieinteressierte Gleichgesinnte in einem Fotografie finden und Computersystemadministrationsinteressierte in einem Forum für Systemadministration. Nur: So ist es bei Philosophie eben gerade nicht. Aber darüber sprachen wir dann nicht mehr, denn wir waren schon bei unseren Büros angekommen.
Als Philosophieinteressierter muss man sich eingestehen, dass andere Philosophen diejenigen Menschen sind, die am philosophiedesinteressiertesten von allen Adressaten sind, an die man sich wenden kann. Bitte, wieso das so ist, darüber könnten wir nun mutmaßen und ich hätte da schon auch meine Ideen zu dem Thema. Aber Fakt ist, dass jene Menschen, die der Meinung sind, alle Menschen müssten sich ganz leicht und konfliktlos unter Themenstichworten und Überschriften versammeln können, Druck auf uns Philosophieinteressierte ausüben. Druck in der Richtung, dass „Philosophie“ doch auch so unproblematisch und verständlich sein müsste wie „Fotografie“. Ja, und vielleicht verfallen wir sogar bisweilen selbst in den Glauben, da seien doch noch andere Menschen, die von sich selbst sagen, sie seien philosophiebegeistert, und diese Menschen müssten doch eine teilweise überlappende oder zumindest kompatible geistige Interessenlage mitbringen wie wir selber.
Aber eigene Erfahrung lehrt, dass das nicht der Fall ist: Ein Argument, das der Eine als im Mainstream der philosophischen Tradition befindlich einschätzt, hält der Andere für so inakzeptabel, dass es in einem respektablen philosophischen Diskurs nicht einmal geäußert werden kann, ohne blöd und peinlich zu wirken. Was für den einen Philosophen eine lohnende philosophische Aufgabe ist, hat für den anderen mit Philosophie überhaupt nichts zu tun und ist bloß hohles Geschwätz. So weit sind wir nämlich in Wirklichkeit voneinander entfernt.
Freilich, die Menschen fahren fort, daran zu glauben, dass man wissen könne, was Philosophie sei. Dass es so etwas wie eine Wortbedeutung von „Philosophie“ gebe. Und wenn sie sie schon selbst nicht wüssten, weil sie ja Laien sind, so würden sie zumindest erwarten, dass philosophische Fachleute befriedigend darüber Auskunft geben könnten, was denn das sei, „Philosophie“.
Aber das ist nicht der Fall. Es gibt viele Philosophiekonzepte und kein gemeinsames. Weder allgemein noch unter Fachleuten ist es ausgemacht, was Philosophie ist. Deshalb wird man die Tatsache akzeptieren müssen, dass „Philosophie“ ein unverständliches Wort ist. Und einen jeden Menschen, der behauptet, dass er Philosophie mache, muss man zuerst fragen, was Philosophie für ihn sei, was er denn eigentlich genau damit meint.
Und der Grund dafür ist, dass „Philosophie“ ein pervertiertes Wort ist. Das bedeutet, dass es irgendwann im Laufe der Geschichte mal einen Anfang gab, zumeist wird dieser in Griechenland lokalisiert, wo einige Menschen die Aufgabe und das Ziel der Philosophie bestimmt haben. Dann kam die nächste Generation und fand diese Aufgabe unattraktiv und das Ziel nicht lohnenswert und bestimmte die Philosophie neu. Und dann kam die dritte Generation und macht dasselbe mit er zweiten. Eine lange Zeit hindurch war die Philosophie die Magd der Theologie, weil der Glaube den Rahmen des gültigen Weltbilds bestimmte und man es für eitel und sinnlos hielt, sich um ein Weltbild außerhalb des Glaubens und unabhängig von ihm zu bemühen. Heute ist die Philosophie die Magd der Wissenschaft, weil unser Zeitalter ein wissenschaftsdominiertes ist. Zwar interessiert die Wissenschaft kaum jemanden, aber unser Wirtschaftssystem basiert auf Patenten und intellektuellem Eigentum, sodass wir alle zur Wissenschaft verdammt sind. Und auch die Philosophie ist heute dazu verdammt, eine wissenschaftliche zu sein oder als wissenschaftlich zumindest zu erscheinen.
Jedes neue Zeitalter, jede Geistesmode färbt die Philosophie völlig durch, und die Philosophie hat zu wenig Eigencharakter, um dem irgendetwas entgegensetzen zu können. Das ist der Grund, warum „Philosophie“ auch in jedem Zeitalter bisher immer ein mehr oder weniger pervertiertes Wort gewesen ist. Mir fiele auch gar nichts ein, was man dagegen unternehmen könnte. Außer vielleicht dieses: Den Leuten klar machen, dass „Philosophie“ kein Wort ist wie Fotografie oder Systemadministration, Biologie, Mathematik oder Logistik. Dass es ein unverständliches Wort ist oder zumindest eines, das nicht ohne weiteres, also ohne weitere Erläuterung verständlich ist. Und natürlich auch, dass Philosophen nichts mit anderen Philosophen gemein haben.
An der Stelle drängt sich der Einwand auf, warum ich bei diesem Wort bleiben will? Wenn es so unverständlich ist und nicht dazu taugt, dass Gleichgesinnte sich unter ihm zusammenfinden, warum sollte ich es nicht über Bord werfen und meine Interessen unter einem anderen Begriff verfolgen? – Nun, sofort würde ich das machen, wenn mir ein solches Wort einfiele, das besser oder zumindest gleich gut zum Ausdruck bringt, was ich unter Philosophie tun will. Aber ich weiß leider kein solches Wort. „Philosophie“ bringt immer noch am besten jenes Projekt des eigenständigen Denkens zum Ausdruck, in welchem ein Mensch den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst findet (Kant), auch wenn man immer dazusagen muss: Das hätte Philosophie der Idee nach vielleicht einmal sein sollen; aber in der Realität finden Sie das heute nirgendwo.
Und daher verwende ich weiterhin dieses pervertierte Wort, um damit eine Tätigkeit zu bezeichnen, die aus Sicht der menschlichen Sozialität ja im Grunde auch pervers ist: Selberdenken kann doch im Sinne keiner Gemeinschaft oder Gesellschaft sein! Es käme jeder zu einer eigenen Meinung – worum könnte man sich dann noch versammeln?

Permalink 15.02.15    7 Kommentare »

Wie man ethisch auf das Trolleyproblem reagiert

Link: https://tredition.de/publish-books/?books/ID39239/MoralkEulen-in-die-Ethik-tragen

Bisweilen überrascht es mich, wie viel ich durch das Schreiben meines Buchs MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral. (tredition 2014) gelernt habe.

Zum Beispiel: dass das ethisch Gute nicht einfach so dem moralisch Guten entspricht.

Dass mit der heutigen Ethik etwas nicht stimmen kann, weil die Rolle der Normen in ihr falsch aufgefasst wird, das wusste ich schon seit meiner Diplomarbeit über die Ethik des spanischen Philosophen Fernando Savater (Ethik anhand von Fernando Savater. Wien, 1997).

Aber ein solches Wissen bricht ja nicht die unmittelbare Reaktion auf die Aussagen Anderer. Der Mensch ist konditioniert auf den gegenwärtigen Gebrauch eines Wortes. Diese Konditionierung zu überwinden, hilft das eigene Nachdenken nicht gleich und unmittelbar. Da muss man die Sache oft durchdenken und sie immer wieder von verschiedenen Seiten anschauen.

Zum Beispiel: Was meint denn jemand damit, wenn er sagt, aus ethischer Perspektive habe er Probleme mit einer Sache?

Da muss man nicht viel erklären: Bei irgendwelchen Umständen, Sachverhalten, Prozessen, Handlungsabläufen sorgt sich der Sprecher, dass hier vielleicht technisch, sachlich, ökonomisch richtig, aber nicht moralisch richtig gehandelt werde.

Damit will ich sagen: Es ist uns schon zu einem Reflex geworden, es ist schon zur Wortbedeutung von „ethisch“ im sozialen Gebrauch dieses Wortes geworden, damit das moralisch Richtige zu meinen.

Es ist von diesem Punkt ein langer Weg, um auf den Gedanken zu kommen, dass eine ethisch richtige Handlung auch moralisch falsch sein kann.

Zum Beispiel: Es gibt im Utilitarismus das Gedankenexperiment des Trolleyproblems. Ich erzähle kurz eine von vielen Versionen dieses Gedankenspiels: Ein Spurwagen (Trolley) schießt ungebremst die Schienen hinunter. Auf dem Gleis, das der Spurwagen nehmen wird, sind drei Personen an den Schienen festgebunden. Sie haben die Möglichkeit durch Betätigung eines Schalters eine Weiche umzustellen. Damit würden Sie den Spurwagen auf ein anderes Gleis umlenken, auf dem aber auch ein Mensch auf den Schienen festgebunden ist. Was tun Sie? Legen Sie den Schalter um oder tun Sie nichts?

Wie könnte man ethisch auf dieses Beispiel reagieren?

Die Antwort des Utilitarismus ist einfach: Sie legen den Schalter um, denn es stiftet mehr Nutzen, nur einen Menschen umzubringen als drei.

Aber ist das eine ethische Reaktion auf dieses Beispiel?

Was geschieht in diesem Gedankenexperiment überhaupt?

- Das Problem der Ethik wird in moralischen Dilemmasituationen gesehen, und die Aufgabe der Ethik wird so bestimmt, dass sie für solche Situationen Lösungen anbieten soll.

Aber ist das die Aufgabe der Ethik? Ist das der ethische Gesichtspunkt?

Wie wäre es anstatt dessen damit: Wenn wir davon ausgehen, dass es in der Ethik um die Frage „Was soll ich tun?“ und zwar vor dem Hintergrund der Frage danach, worin das gute menschliche Leben besteht (siehe Aristoteles: Nikomachische Ethik) geht, dann wäre die erste Frage eigentlich die: Wie kann ich aktiv, wie kann ich handlungsfähig werden?

- Nun, handlungsfähig kann ich in dieser Situation werden, indem ich das Trolleybeispiel zurückweise und sage: „Ich will das nicht beantworten!“ Denn indem mir ein Professor im Ethikunterricht das Trolleybeispiel zum Lösen gibt, komme ich in eine reaktive Lage. Ich agiere nicht mehr, sondern reagiere nur mehr. Wie soll ich in dieser Situation handeln und gar noch das gute Leben suchen? Das geht nicht. Damit ich handeln kann, muss ich meine eigenen Projekte verfolgen, denn sonst bin es ja nicht ich, der handelt.

Damit will ich sagen: Im Grunde ist es ethisch falsch, das Trolleybeispiel zu lösen. Vielleicht ist die eine oder andere Lösung des Trolleybeispiels moralisch richtig oder moralisch gefordert. Aber in der Ethik geht es ja nicht um das moralisch Richtige, sondern es geht darum, dass der Mensch aktiv wird und beherzt handelt. Das kann er hier aber nicht, weil das Trolleybeispiel ihn vom Handeln abhält. Der Mensch will handeln, doch der Professor sagt zu ihm: „Jetzt hörst du auf mit dem, was du gerade tust, und beschäftigst dich mit dem Problem, das ich dir hier gebe!“

Durch das Trolleybeispiel wird der Mensch passiviert. Aus dem aktiven Menschen wird ein reaktiver Mensch gemacht. Und schließlich: Das Trolleybeispiel suggeriert, dass das Ethische gerade darin bestünde, in eine derartig blöde Situation zu kommen, in der man nicht aktiv handeln, sondern nur passiv reagieren kann. Aus dem Grund ist das Trolleybeispiel selbst unethisch.

Wenn das jetzt erstens zwar, so kommt nun zweitens: Der aufmerksame Leser/die aufmerksame Leserin hat sicherlich bemerkt, dass ich das Trolleybeispiel unter der Hand leicht verändert habe: Aus dem Spurwagen, der die Schienen runterrast, ist in meiner Version der Professor geworden, der mir das Beispiel vom Spurwagen, der runterrast, gibt, um es im Ethikunterricht als praktische Übung für mein Ethikverständnis zu lösen. Diese Veränderung des Beispiels hat schon ihre Berechtigung, denn meistens wird das Spiel ja wirklich so gespielt: Mit Trolleys, die man umleiten soll, hat man den ersten Kontakt, wenn der Professor (oder die Professorin) einen im Unterricht damit konfrontiert.

Und diese subtile Veränderung des Beispiels ist auch wichtig, denn ich denke, ethisch ist es, nicht gleich ein jedes Problem reflexartig lösen zu wollen, sondern zuerst einmal danach zu fragen, wer, zum Kuckuck, einen denn in diese verflixte Lage gebracht hat!

Dennoch könnten Sie mich fragen: Und – wenn wir jetzt den Philosophieprofessor wegließen? - Wie soll man denn dann im Trolleybeispiel ethisch reagieren, oder wie ist das Trolleybeispiel aus ethischer Sicht zu sehen?

- Nun, dann würde ich Folgendes sagen: Das Trolleybeispiel beschreibt eine Situation, einen Lebensbereich, in dem man kaum ethisch handeln kann. Egal für welche Handlungsoption man sich entscheidet, man wird nie wirklich wissen, ob es richtig gewesen ist. Man auf jeden Fall für den Tod mindestens eines Menschen verantwortlich sein und in Zukunft deswegen mit Gewissensnöten leben müssen. Das ist nicht schön, das kann kein Handlungsziel sein. Vielleicht ist die eine Handlungsoption ein wenig weniger schlecht als die andere, aber man kann hier nichts Gutes machen.

Daraus folgt: Um etwas Gutes machen zu können, muss man zuerst raus aus dieser Situation und sich in einen Lebensbereich begeben, in dem man mehr Gestaltungsfreiheit hat. Man wird sich in der Situation, die einem das Trolleybeispiel aufgibt, des Handelns nicht entziehen können, aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass es gerade in ihr ist, wo man ethisch handelt. Erst nachher, sobald man wieder in einer Lage ist, in der man seine Ruhe hat und sein weiteres Leben planen kann, wird man wieder als ethische Person aktiv werden können.

Das will heißen: In moralischen Dilemmatasituationen findet kein ethisches Handeln statt. Ethisches Handeln findet statt, wenn der Mensch in keinem moralischen Dilemma steckt. Denn nur dann hat er ja überhaupt die Möglichkeit sich auszudenken, wie er handeln will. Ob er was Gutes, was Böses, was Schönes oder was Dämliches tun will. In einer moralischen Dilemmasituation ist er in seinen Handlungsmöglichkeiten so reduziert, dass ethische Reflexion gar nicht erst anläuft.

Sehen Sie! Und das hätte ich vor meinem MoralkEulen-Buch zwar schon auch irgendwie gewusst. Aber ich hätte es nicht so sagen können.

Und warum nicht? Nun, weil es die Leute schockiert, wenn sie vor dem Gedanken stehen, dass es ethisch sein könnte, wenn jemand etwas moralisch Böses tut. Und weil ich natürlich weiß, dass sie das schockiert und dass sie die Angelegenheit noch nie ordentlich durchgedacht haben.

Und dennoch ist es so: Denn zuerst kommt die ethische Überlegung, und ob sich deren Resultat am Ende auch als moralisch erweist, das ist bereits eine andere Angelegenheit.

Wenn meine Überlegungen über Ethik bekannt würden, dann würde sich die Weise, wie wir über Ethik sprechen, vollkommen ändern. Nicht um 180 Grad, denn sie sind nicht einfach das Gegenteil der etablierten Version, aber vielleicht um 90 Grad – es würde einfach in eine ganz andere Richtung gehen. Und es wäre bestimmt nicht länger so, dass wir "eh schon wissen", was gemeint ist, wenn jemand sagt, er sehe ein ethisches Problem in irgendeiner Angelegenheit.

Und ganz gewiss würde dann niemand mehr nach „verpflichtenden Ethikschulungen“ rufen, wenn irgendwo in der Gesellschaft ein Problem mit dem Handeln von irgendwelchen Einzelnen oder von Gruppen auftaucht.

Denn Ethik wäre dann nicht mehr länger hauptsächlich Anpassungsinstrument, sondern sie hätte ihre ursprüngliche Funktion, die sie verloren hat, wiedererlangt: Einzelmenschen zum Handeln zu ermutigen. Ich glaube, man nennt das heute „Empowerment“.

Permalink 01.02.15    1 Kommentar »

keine sorge

gäbe es ein ich
wäre es gott

gäbe es kein ich
wäre kein gott

beide fälle
kein grund
zur sorge

ich will

um das erfundene ich
als wirkende ursache
denken zu können

wird der wille
hinzuerfunden

Meine Meinung über die Wissenschaft

In letzter Zeit bin ich von Freunden und Bekannten wieder einmal nach meiner Meinung über die Wissenschaft angesprochen worden; aus dem Grund will ich meine Überlegungen zu diesem Thema hier noch einmal zusammenfassen.

1. Wissenschaft ist eine soziale Organisation. Es gibt freilich auch Menschen, für die Wissenschaft durch die wissenschaftliche Erkenntnismethode bestimmt ist. Mit diesen Menschen kann ich mich nicht über Wissenschaft verständigen, da ich nicht glaube, dass es Wissenschaft ist, wenn jemand in seinem stillen Kämmerchen wissenschaftlich arbeitet, ohne je etwas davon zu publizieren. Aber überzeugen kann ich diese Menschen nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie irgendwann die Diskrepanz zwischen dem, was sie für Wissenschaft halten, und dem, was im wissenschaftlichen Betrieb abläuft, bemerken. (Bisweilen habe ich ja den Eindruck, dass sich manche Menschen ihre Meinungen danach aussuchen, wie sehr sie durch sie verletzt werden können. Sie legen sich Ansichten zu, mit denen sie gleichsam sagen: „Hier hast du meine Brust; wenn du willst, stich mir ins Herz!“)

2. In der Wissenschaft geht es strenggenommen nicht um die Gewinnung von Erkenntnissen, sondern um den Kampf um die Anerkennung von bereits gewonnenen Erkenntnissen durch andere Menschen. Das folgt aus Punkt 1, wonach die Wissenschaft eine soziale Organisation ist; aber diesen Schluss sehen viele Menschen nicht. Wenn ich mit mir allein und mein eigener Herr bin, kann ich mich darauf konzentrieren, Erkenntnisse zu gewinnen. Aber wenn ich Teil einer größeren Organisation bin, verlagert sich der Schwerpunkt darauf, andere Menschen von meinen Erkenntnissen zu überzeugen. Damit ich meine Erkenntnisse niederschreiben und publizieren kann, muss ich sie allerdings vorher schon haben.

3. Definieren würde ich Wissenschaft als Organisation sozialer Exklusion, die unter dem Vorwand der Erkenntnisgewinnung für die Gesellschaft arbeitet. Diese Funktion der Produktion von vertrauenswürdigem Wissen erfüllt die Wissenschaft tatsächlich; das würde ich ihr gar nicht absprechen. Allerdings ist die Gewinnung von Erkenntnis ja nur die Rechtfertigung, welche die Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber vorbringt, um von dieser Mittel zu erhalten. Intern geht es in der Wissenschaft darum, dass viele Menschen ausgeschlossen werden, damit einige wenige sich um den Futtertrog scharen können. Das Ziel eines Wissenschaftlers/einer Wissenschaftlerin ist nicht Erkenntnis, sondern eine Festanstellung an einer Universität.

4. Im Unterschied zur Wissenschaft kann ich beim Philosophieren schon selbst entscheiden, wann ich einen Erkenntnisfortschritt gemacht beziehungsweise etwas gelernt habe. Der Grund dafür liegt darin, dass ich beim Philosophieren niemanden von meinen Einsichten überzeugen muss, weil die Philosophie ihr Ziel bereits darin erreicht, dass ich überhaupt eine neue Erkenntnis habe. Aber die eigentliche Einsicht, die ich in meinem Buch Einladung zur Odyssee (http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Daps&field-keywords=einladung+zur+odyssee) formuliert habe, lautet: Damit der Mensch etwas lernen kann, muss es neben der Wissenschaft jedenfalls noch etwas anderes geben, denn die Wissenschaft ist nicht dazu gemacht, damit Menschen etwas von ihr lernen. Man könnte diese weitere Tätigkeit – mit einem Kunstwort – auch Maukerln nennen. Ich selbst bin halt geneigt, sie Philosophieren zu nennen, weil ich immer der Meinung war, Philosophieren bestehe darin, dass ein Mensch sich selbst klar werde darüber, was er bezüglich einer bestimmten Sache selber für wahr hält (vgl. Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Wien 2010, S. 8ff). (Selbstredend gilt diese Definition von Philosophie nicht für die akademische Philosophie, die ja Wissenschaft ist.)

5. Wissenschaftliche Erkenntnis ist immer ein Beitrag zu einem Fach. Vielen Menschen fällt es schwer, mein Argument, die Wissenschaft sei nicht dazu gemacht, dass wir etwas von ihr lernen, nachzuvollziehen. Sie mögen sich Folgendes vergegenwärtigen: Von wissenschaftlicher Erkenntnis wird immer verlangt, dass sie einen Beitrag zum jeweiligen Fach oder zur wissenschaftlichen Disziplin leiste. Die Darstellung des Wissens wird sich folglich immer nach den Bedürfnissen des Faches richten, nicht aber nach meinen Wissens- und Lernbedürfnissen. Klar, es wird ja auch keinem Wissenschaftler honoriert, dass er einen Beitrag zu meiner persönlichen Erkenntnis geleistet hat, dass er mich in meiner Erkenntnis der Welt vorangebracht hat. Man kann sich vorstellen, dass die fachoptimale Wissensdarstellung nicht zugleich auch die vom pädagogischen oder lernpsychologischen Gesichtspunkt aus gesehen optimale sein wird.

6. Im Grunde basiert die Wissenschaft auf dem Volksglauben, wonach wir etwas wissen, sobald es die Wissenschaftler herausgefunden und publiziert haben. Diese Meinung wird auch in wissenschaftlichen Arbeiten oft unbedacht in der Phrase „Wir wissen heute, dass…“ wiederholt. Ich glaube aber nicht, dass wir etwas bereits wissen, sobald es die Wissenschaft herausgefunden und publiziert hat. Damit eine publizierte Erkenntnis gewusst wird, müssen die Bücher und Zeitschriften zuerst (und dann immer wieder erneut) von vielen Menschen gelesen und verstanden werden. Die Wissenschaft tut so, als sei dieser Lernschritt von Individuen für das Gewusstwerden wissenschaftlichen Wissens nicht nötig. Man geht so vor, als könne das Wissen wie in einem Computernetzwerk einfach auf die Festplatten der peripheren Rechner überspielt werden. Das erklärt das Desinteresse der Wissenschaft an der pädagogischen Darstellung von Wissen.

7. Gegenbeispiele: Auch in der Wissenschaft bestätigt die Ausnahme die Regel. Wenn ich gesagt habe, die Wissenschaft sei eine Maschinerie sozialer Ausschließung, so ist das ein Aspekt, den die Wissenschaft natürlich in der Öffentlichkeit nicht zugeben kann. Dagegen muss sie, um sich die Öffentlichkeit geneigt zu erhalten, den Anschein erwecken, für alle vernünftigen und willigen Menschen offen zu sein. Wie bewältigt sie diese widersprüchlichen Anforderungen? Nun, so wie andere soziale Organisationen auch: Sie fordert beispielsweise von jungen Menschen jahrzehntelang unbezahlte oder kaum bezahlte Vorleistungen und die Erfüllung von Formalvorschriften. Erst wenn sie diese „Prüfungen“ ihres Charakters erfolgreich abgelegt hätten, verspricht man diesen jungen Menschen, würden sie in der Wissenschaft ernst genommen werden. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen, die diese Leistungen nicht erbringen mussten. Wittgenstein, zum Beispiel, hat nie Literaturlisten umformatieren müssen. Er hat in seinem Leben ein wissenschaftliches Werk – den Tractatus – veröffentlicht, der nicht den akademischen Konventionen entspricht. Mit solchen Ausnahmen als Beispielen kommt man mir dann immer wieder, um dafür zu argumentieren dass in der Wissenschaft etwas auch dann angenommen wird, wenn sich jemand nicht vollständig anpasst, solang die vorgebrachten Inhalte nur richtig und wichtig sind. Aber diese Gegenbeispiele akzeptiere ich nicht, weil ich glaube, dass Wittgenstein mit seinem Lebenslauf, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, nicht einmal Universitätsassistent geworden wäre, geschweige denn Professor. Beliebt ist auch, mir als Beispiele für Wissenschaftlichkeit, die geeignet sich, ein idealisiertes Bild der Wissenschaft zu unterstützen, Newton oder Galilei herbeizuzitieren. Doch auch mit diesen beiden Herren kann man sich nicht vergleichen, da sie in einer Zeit lebten, in der sie noch nicht die Anforderungen heutiger Wissenschaft erfüllen mussten.

8. In einer wissenschaftlichen Arbeit wird Wissen so dargestellt, dass in erster Linie die Rechte des Fachs auf dieses Wissen verteidigt werden. Das heißt, wissenschaftliches Wissen hat nicht die Funktion, sich lernwilligen Menschen gegenüber zu öffnen, sondern, ganz im Gegenteil, unliebsame Eindringlinge abzuhalten. Natürlich kann man, wenn man das kann, aus wissenschaftlichem Wissen auch etwas lernen. Aber warum will man ausgerechnet uns gerade jene Texte zum Lernen empfehlen, die sich am meisten von allen gegen das Gelernt- und Verstandenwerden wehren? (Auch mit diesem Thema habe ich mich übrigens schon auseinander gesetzt: http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/arbeitsblatt%20wann%20ist%20ein%20gegenstand%20vom%20fach%20her%20dargestellt.pdf)

9. Schluss aus alledem: Wer seine Erkenntnis in der Öffentlichkeit durchsetzen und für sie Anerkennung gewinnen will, der muss Wissenschaft treiben, weil wissenschaftliches Wissen als einziges heute allgemeine gesellschaftliche Anerkennung genießt. Dasselbe gilt natürlich für denjenigen Menschen, der in der Wissenschaft etwas werden will oder der in einem Beruf etwas werden will, der stark von der Wissenschaft abhängig ist. Wer sich hingegen für Erkenntnis und Lernen interessiert, der darf gar nicht wissenschaftlich arbeiten, denn es gibt eigentlich keine erkenntnisfeindlichere und antipädagogischere Veranstaltung als die Wissenschaft. Wenn es uns gelingen würde, das wissenschaftliche Arbeiten von der Bildung zu trennen und den Unterricht nach pädagogischen Gesichtspunkten durchzuführen, statt nach wissenschaftlichen, dann wäre für die Bildung viel gewonnen. Außerdem wäre es dann bei vielen Menschen, die sich nur einfach ein bestimmtes Wissen aneignen, nicht aber sich wissenschaftliche damit auseinandersetzen möchten, nicht länger nötig, sie mit Wissenschaft zu belästigen.

Permalink 10.01.15    2 Kommentare »

Naturwissenschaften und Gottesfrage

Bei einer Vortragsveranstaltung zu dem genannten Thema gingen der Theologieprofessor und der Philosophieprofessor einmütig davon aus, dass die Naturwissenschaften letzlich die Entstehung des Kosmos, der Erde und der Lebewesen auf der Erde lückenlos erklären werden, sodass ein Eingreifen Gottes zur Überwindung von Lücken nicht angenommen werden müsse. Als „Lückenbüßer“ wird danach Gott nicht benötigt. Wenn allerdings das Universum mit dem Urknall aus dem Nichts entstanden sein sollte, könnten die Naturwissenschaften das nicht mehr erklären. Man müsste dann doch einen Schöpfer annehmen. Dass die Naturgesetze und -konstanten gerade so beschaffen sind, dass sie das Entstehen der Sterne und der Lebewesen auf der Erde ermöglicht haben (sog. „Feinabstimmung“), ist wegen der extremen Unwahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung wie ein Wunder zu betrachten ebenso wie man die Entwicklungsschritte der biologische Evolution miit der Entstehung des Lebens, der Pflanzen, der Tiere und des Menschen als Wunder ansehen muß. Der Naturwissenschaftler nimmt nun die Naturgesetze und -konstanten einfach als gegeben hin und die Evolution des Lebendigen erklärt er mit Mutation, Neukombination der Gene und Selektion sowie den unendlich großen Zeiträumen, in denen die Entwicklung stattgefunden hat. Wenn er aber dabei stehen bleibt, übersieht er etwas ganz Wesentliches, nämlich dass dieser ganze Prozess nicht nur ein materielles Geschehen, sondern auch eine Entfaltung des Geistes darstellt, in der man auch ein durchgehendes Wirken göttlichen Geistes sehen kann. Gott ist nicht darauf angewiesen, Naturgesetze zu durchbrechen, um Wunder zu wirken. Man kann das Ganze auch als Gottesbeweis (kosmologischerG.) nehmen. Jedenfalls schließt eine lückenlos durch Naturgesetze bestimmte Kausalität in der Welt die Existenz Gottes nicht aus.

Darüber nachdenken, was Philosophie sein hätte sollen. Buchrezension

Link: http://www.uni-klu.ac.at/wiho/downloads/Arnold_Erfahrung_Philosophen_2010.PDF

Rezension von:

Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010. 479 Seiten.

Dieses Buch ist von großem Wert für diejenigen, die sich noch für die Frage interessieren, was Philosophie eigentlich ist.

Für die meisten Menschen hat sich diese Frage ja bereits erledigt; sie sind der Meinung, dass Philosophie eine wissenschaftliche Disziplin unter anderen ist, die an den Universitäten beherbergt sind.

Markus Arnold hingegen hat seinem Buch zwei Zitate vorangestellt, die auf einen für die Philosophie spezifischen Aspekt aufmerksam machen. Eines davon ist von Boethius und beginnt mit den Worten: „Wer nach Wahrheit trachtet mit tiefgründigem Geist…, der muß ins eigene Innre tief hineinleuchten…“; das andere ist von Kant, seine ersten Worte sind: „Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst […] suchen…“

Es ist also ohne Zweifel, dass wir es bei Markus Arnold mit jemandem zu tun haben, der noch weiß, was Philosophie ist, der das noch nicht ganz vergessen hat. Der noch weiß, dass es Philosophie ist, wenn jemand versucht, mit sich selber „auf einen grünen Zweig zu kommen“; dass es Philosophie ist, wenn jemand darüber nachdenkt, was er oder sie selber eigentlich wirklich meint; dass es Philosophie ist, wenn jemand nicht über irgendwas nachdenkt, sondern über das, was ihn oder sie selber persönlich beschäftigt.

Für derlei seltene Menschen, die sich dafür noch interessieren, bietet Markus Arnolds Buch Ressourcen zur Selbstreflexion. Denn es ist ein gelehrtes Buch (ich glaube, es ist seine Habilitationsschrift). Darum habe ich auch eine Zeitlang gebraucht, um mich durchzubeißen. Und nach der Lektüre tut es fast schon wieder not, einzelne Kapitel zum zweiten Mal zu lesen, weil man viele Erklärungsmodelle schon wieder teilweise vergessen hat.

Markus Arnold führt uns in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen auf einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte, auf dem er sich mit Platon, Aristoteles, Augustinus, Francis Bacon, Robert Hooke, John Locke, René Descartes, Edmund Burke, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und der Frankfurter Schule auseinandersetzt.

Er erzählt darin die Geschichte der Philosophie, die im Altertum mehrere Erkenntnismethoden (Platon, Aristoteles, Augustinus) entwickelte, sich jedoch seit der Erfindung der neuzeitlichen Wissenschaft durch Francis Bacon (1561-1626) in einem bis heute andauernden Rückzugskampf der Wissenschaft gegenüber befindet.

Dieser Kampf besteht darin, dass der philosophierende Mensch seine eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten gegenüber der Wissenschaft in einer im Laufe der Geschichte immer komplexer und differenzierter werdenden Argumentation verteidigt. Die Wissenschaft behauptet nämlich, die menschlichen Sinne betrügen prinzipiell und menschliche Meinungen seien nichts anderes als Idole des Marktes – also alles, was der einzelne Mensch in der Erkenntnis zusammenbringen kann, ist bestenfalls Schwindel und Selbstbetrug. Die Wissenschaft ihrerseits „löst“ dieses Problem durch soziale Zusammenarbeit, also durch Expertentum, was jedoch – aus philosophischer Sicht – den Nachteil hat, dass Wahrheit nicht mehr jedem Menschen offensteht (sondern nur noch den Experten).

Interessant ist, dass die Philosophie dann über Strecken (Edmund Burke, Immanuel Kant), sich die Rechtswissenschaft zum erkenntnistheoretischen Vorbild genommen hat, um neben der Wissenschaft ihr eigenes Erkenntnismodell zu verteidigen. Warum gerade die Rechtswissenschaft? Zum Beispiel deswegen, weil Gesetze, nachdem sie erlassen worden sind, erst ihre Interpretation finden müssen. Das geschieht in der Anwendung des Gesetzes auf den Einzelfall. Damit haben wir es beim Recht mit einem Erkenntnismodell zu tun, das nicht – wie die Wissenschaft – bei primären Wahrheiten beginnt und daraus weitere wahre Erkenntnisse ableitet, sondern es gibt die Möglichkeit einer Aussage, mit der man beginnt und die sich in der Folge durch Konfrontation mit konkreten Einzelfällen „korrigieren“ oder nachadjustieren lässt. Dadurch erhält die konkrete und sinnliche Erfahrung des Einzelfalls zum Teil ihr Daseinsrecht wieder zurück.

Doch das ist nicht der einzige Aspekt des Rechtlichen, den Philosophen für das philosophische Erkenntnismodell fruchtbar zu machen versuchten. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie sehr Kants Philosophie an das Vorbild der Rechtslehre angelehnt ist.

Eine andere Entwicklungslinie – über Herder, Schopenhauer, Nietzsche und die Frankfurter Schule – macht den menschlichen Körper und die expressive Funktion der menschlichen Sprache zum Grundstein eines spezifisch philosophischen Erkenntnismodells. Bei der Frankfurter Schule spielt dann insbesondere die Psychoanalyse in diesem Zusammenhang noch einmal eine besondere Rolle.

Am Ende seines Buchs kommt Markus Arnold zu einem Ergebnis, zu dem ich in meinem Buch Einladung zur Odyssee. Eine erkenntnistheoretische Reflexion über die „epische Seite der Wahrheit“ (ATUT und Neisse Verlag, Wroclaw und Dresden 2008) auch schon gekommen bin, nämlich dass die Erzählung eine zentrale Rolle in der menschlichen Erkenntnis zukommt. Bei Arnold nimmt diese Einsicht die Gestalt an, dass er der Erzählung die Funktion zuspricht, eine apriorische Form menschlichen Denkens zu sein. „Es gibt neben der Logik und der kantschen Kategorientafel noch andere apriorische Formen des Denkens, welche die Philosophie bis jetzt nicht als solche beachtet hat, obwohl sie auf diese in ihren Begründungen immer wieder implizit zurückgreifen musste.“ (S. 442)

Im Klartext bedeutet das: Wenn wir Menschen eine Erkenntnis machen, dann ist das immer nur eine Erkenntnis im Rahmen oder vor dem Hintergrund einer Geschichte, die wir darüber erzählen.

Außerdem steckt in dieser Überzeugung Arnolds von der Erzählung als Grundstruktur menschlicher Erkenntnis zugleich die Meinung, dass eine andere Auffassung von Wahrheit und Erkenntnis – die wissenschaftliche Auffassung – falsch ist. Die Wissenschaft meint nämlich, Erkenntnis bestehe darin, wahre Aussagesätze über die äußere Realität zu machen, und die Wahrheit dieser Sätze bestehe rein darin, dass sie auf die gegebenen Tatsachen in der äußeren Realität zutreffen.

Falsch, meint dazu Markus Arnold. Es gebe auch so etwas wie die „menschliche Wahrheit“. Diese besteht darin, Wahrheit nicht nur in der Übereinstimmung von wahren Aussagesätzen und Welt zu sehen, sondern zudem auch Aufschluss zu geben über das Verhältnis des Menschen zu seinen Erkenntnissen und den Gegebenheiten in der Welt.

Gut. Mit all dem bin ich einverstanden. Aber um mich geht es ja hier nicht. Ich meine, was hilft es, den Gläubigen zu predigen. Womit ich nicht ganz einverstanden bin, ist der Schluss von Markus Arnolds Buch. Denn, ehrlich gesagt, wenn sich schon mal jemand in dieses heikle Thema hineinwagt, dann würde ich schon erwarten, dass er einen Teil des Buchs dafür reserviert, seine eigene Meinung frei auszusprechen und offen alle mit seiner These verbundenen Probleme anzusprechen. Diesen Teil des Buchs gibt es aber nicht. Selbst in dem Teil „Nachwort. Erkenntnistheoretische Perspektiven“ (S. 423 ff.) bleibt Arnold so sehr Professor, dass er das Referieren nicht unterlassen kann – und anstatt zusammenzufassen und auf Bedenken einzugehen, bringt er weitere (wenn auch sehr interessante) Inhalte vor.

Mich wundert ja – und gleichzeitig wundert es mich nicht –, dass dieses Buch im akademischen Feld Platz gefunden hat. Wegen des Themas hätte es eigentlich keinen Platz finden dürfen, schließlich ist die heutige Universität weitgehend verwissenschaftlicht. Aber da die von Arnold ausfindig gemachten spezifischen Aspekte des philosophischen Erkenntnisprojekts nun mal in der Philosophiegeschichte in verschiedenen Epochen wiederzufinden sind, war es möglich, darüber ein gelehrtes Buch zu schreiben, einen verschriftlichten Zettelkasten sozusagen. Aus dem Grund ist das Buch dann doch wohl als akademische Arbeit durchgegangen.

Die Konsequenz daraus ist, dass die sich aus Arnolds Ansatz ergebenden Fragen unbeantwortet bleiben. Am Ende des Buchs hat er zwar plausibel gemacht, dass das philosophische Erkenntnisprojekt und die Erzählung als menschliche Denkform eine nicht unbedeutende Rolle spielen in der menschlichen Erkenntnis. Aber darüber, wie denn nun das alte philosophische Erkenntnisprojekt an der heutigen wissenschaftlichen Universität fortgesetzt werden kann, darüber gibt es keine Auskunft. Wichtig wäre auch eine Antwort auf folgende Frage: Die Wissenschaft ist nicht zuletzt deshalb heute so groß in Universität und Gesellschaft, weil wir uns von ihr Erkenntnisse einer ganz bestimmten Art erhoffen. Solche nämlich, die zu technischen Innovationen führen und uns im weltweiten Wirtschaftskonkurrenzkampf temporäre Vorteile bescheren. Welche Erkenntnisse aber bringt ein Erkenntnismodell hervor, das auf dem Konzept der Erzählung aufbaut? Und welche Vorteile bringen diese Erkenntnisse wem ganz genau?

Vielleicht besteht an dieser Stelle bei Arnold auch ganz einfach ein fehlendes Problembewusstsein. Der Titel eines Aufsatzes von Donald Davidson „Der Mythos des Subjektiven“ bringt gut zum Ausdruck, dass es viele PhilosophInnen gibt, die nicht einmal wissen, wovon Arnold in seinem Buch redet. Viele Menschen, und auch viele Philosophen, halten die Idee von einer persönlichen Erkenntnis der Welt durch den einzelnen Menschen für inexistent, für etwas, das es gar nicht gibt, das gar nicht möglich ist. Dabei wäre genau das das Projekt der Philosophie gewesen, wenn wir es nicht vergessen hätten.

Aber für mich bedeutet das nur, dass die Geschichte, die Markus Arnold in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen erzählt, unvollständig ist. Ich nehme das Buch an als den gelungenen Nachweis, dass außer mir zumindest noch ein weiterer Mensch auf der Welt weiß, was Philosophie ist oder hätte sein sollen. Und auch dafür, dass es für unsere Meinung offenbar zahlreiche Belege in der Philosophiegeschichte gibt.

Wichtiger als das aber ist, dass dieses Buch eine wichtige Informationsressource und Zitatequelle für Menschen unserer Denkungsart darstellt. Deshalb werde ich diesem Buch einen prominenten Platz in meiner persönlichen Literaturliste widmen und mir vornehmen, in der Zukunft beim Verfassen philosophischer Arbeiten immer wieder darin nachzusehen und ausführlich daraus zu zitieren!

Permalink 14.12.14    2 Kommentare »

Ist Karriere noch attraktiv?

Philosophie hat ja viel damit zu tun, die Wörter und Begriffe, die in der gegenwärtigen Epoche in aller Munde sind, zu reflektieren, um auf diese Weise herauszufinden, was das eigentlich für eine Zeit ist, in der wir leben, und wie sie funktioniert.

 

„Karriere“ ist so ein Wort, das heute – immer noch – in aller Munde.

Unlängst war ich bei der Career Calling 14-Messe (20.11.2014, in der Messe Wien, www.careercalling.at) und wunderte mich: Wie ist es möglich, dass man heute immer noch überzeugt ist, mit diesem deprimierenden Begriff junge, arbeitswillige Leute anzulocken? Und wie kommt es eigentlich, dass das Wort „Karriere“ in der Öffentlichkeit nirgendwo diskutiert wird? Die Zeitungen haben doch eigene Karriere-Teile – dort könnten sie das doch tun! Versagen hier die Medien völlig?

Was fällt mir ein, wenn ich an „Karriere“ denke?

  1. Unfreiheit. Wenn ich an „Karriere“ denke, dann fällt mir als erstes Unfreiheit ein. Denn Karriere bedeutet „Berufslaufbahn“. Daraus folgt, dass man in einer Karriere immer auf einer Karrieresprosse steht, die sich zwischen zwei weiteren Karrieresprossen befindet: der tieferen, die man hinter sich gelassen hat, und der höheren, auf die man zustrebt. In einer Karriere tut der Arbeitnehmer daher immer alles, um die nächsthöhere Karrieresprosse zu erlangen. Was aber, wenn er diese gar nicht erreichen will? Wenn er einfach seinen Job machen und sich dabei frei fühlen will. Also wenn er sich frei fühlen will, danach entweder im selben Beruf zu bleiben oder aber etwas anderes zu tun? Einen freien Horizont haben, das ist doch etwas Attraktives!

  2. Willkür bis hin zur Schrulligkeit, der man ausgeliefert ist. Zweitens fällt mir beim Wort „Karriere“ Willkür ein. Es ist das eine Willkür, der man ausgesetzt ist, da die meisten Karrieren entweder innerhalb eines Unternehmens oder aber innerhalb einer Berufsgruppe stattfinden. In solchen Gruppierungen kann es für die Erlangung der nächsten Karrieresprosse spleenige Prüfungen oder „Qualifikationen“ geben. Hier sagt man dir: „Spring durch einen brennenden Reifen!“ Dort sagt man dir: „Iss drei tote Fliegen!“ Und der Arbeitnehmer erfüllt diese Bedingungen, ob er ihre Sinnhaftigkeit einsieht oder nicht. Wenn ich mir das vorstelle, fällt mir zur Karriere nur ein Vergleich ein: der Alptraum.

  3. Gängelung. Drittens fällt mir beim Wort „Karriere“ Gängelung ein. Denn es gibt ja nicht nur viele Dinge, die man für die Karriere tun muss. Ebenso viele oder noch mehr Dinge gibt es, die man nicht tun darf, wenn man Karriere machen will. Diese Dinge dürfen nicht getan werden, weil das die eigene Karriere in Gefahr bringen würde. Ein Mensch, der Karriere, machen will, darf so viele Dinge nicht tun, dass er mir wie ein halber Mensch erscheint.

  4. Fremdbestimmung. Viertens fällt mir zum Begriff „Karriere“ Fremdbestimmung ein. Denn eine Karriere besteht ja darin, dass nicht ich selbst bestimme, wann ich mit mir selbst zufrieden bin, denn das bestimmt die Karriere. Wenn man als Arbeitnehmer die nächste Karrieresprosse erreicht, ist das so, als würde die Karriere – oder die Institution oder Organisation, die einem die Karriere ermöglicht – zu einem sagen: „Das hast du gut gemacht?“ Es ist eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Leute sagen: „Ich will mich selbst definieren! Ich will selbst entscheiden, was ich bin und auf welche meiner Leistungen ich stolz bin!“

Die vorhin genannten Aspekte sind nun erst einmal aus der Perspektive des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin gedacht, aber eigentlich ist Karriere ja auch für Unternehmen nicht etwas ungetrübt Gutes: Bei Karriere aus der Sicht von Unternehmen denke ich an steile Hierarchien; an risikoscheue Manager in den mittleren Ebenen, die „nur keinen Fehler machen wollen“; an mühsame Dienstwege für jede neue Idee und fehlende Innovationskraft des Unternehmens; an ein oberes Management, das sich abschottet und den Kontakt verliert zu dem, was „die da unten machen“.

Aber das nur als Randbemerkung: Eigentlich geht es mir ja hier um die Frage, warum eine Messe, auf der Arbeitgeber MitarbeiterInnen suchen, sich den Namen „Karriere“ in den Titel schreibt und meint, alle Menschen müssten das lustig finden und mit Freude kommen.

Mir ging es eher so, dass ich dachte: „Das ist im Grunde eine wichtige Veranstaltung, aber warum dieser unglückliche Name?“

Ich meine, warum bieten Unternehmen statt einer Karriere nicht

  • gutbezahlte Jobs an?

  • Oder berufliche Positionen mit einem interessanten Aufgabengebiet?

  • Oder Anstellungen, die nicht allzu viel an Spezialisierung verlangen, sodass die Arbeit nicht gänzlich eintönig wird?

  • Oder eine Arbeit, die einem die Menschenwürde nicht nimmt? (In Polen las ich dafür in Zeitungen öfters den Ausdruck „godna praca“ – würdevolle Arbeit, englisch: „decent work“; im Deutschen ist mir ein vergleichbarer Ausdruck nicht bekannt.)

Würde das keine fleißigen Leute anlocken? Ich glaube schon. Meine Vermutung ist, dass die meisten Leute einfach einen Job suchen? Dagegen kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand tatsächlich Karriere machen will. Warum beschweren sich die Unternehmen also mit diesem unglückseligen Begriff und bieten den Leuten nicht anstatt dessen einfach das an, was sie wollen: Jobs, Anstellungen, gute Arbeitsplätze?

Permalink 30.11.14    3 Kommentare »

Do Not Make Love, Not War!

In einem bekannten Gedicht ist Liebe die Ursache eines bewaffneten Kampfes. In diesem Kampf werden nicht Feinde bekämpft, sondern der eigene Bruder. Darüber hinaus behauptet das Gedicht, dass dieser Kampf nicht mit dem Tod der Kämpfenden endet, sondern in alle Ewigkeit weitergeht. Denn die beiden Brüder müssen auch noch im Seelen- oder Geisterreich täglich mitternachts gegeneinander kämpfen.

Dieses Gedicht, in welchem Gräfin Lauras Augenfunken zündete der Brüder Streit, stellt Liebe also nicht nur nicht als etwas Gutes dar, sondern als etwas außerordentlich Böses; so böse, dass kaum Schlimmeres vorstellbar ist. Wenn an diesem Gedanken etwas dran, dann ist Liebe zumindest nicht einfach das Gegenteil von Hass und Gewalt, so wie es uns der Protestruf der 68er „Make love, not war!“ und das neutestamentarische „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ suggerieren. Dann gibt es noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg.

Viele Menschen fassen Begriffe eindimensional auf. Mit eindimensionaler Auffassung von Begriffen meine ich, dass für sie Liebe ganz einfach das logische Gegenteil von Aggression und Kampf ist und sie nicht bereit sind, neben diesem Aspekt noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg wahrzunehmen.

Auf diese Eindimensionalität der Vorstellung baut der Spruch „Make love, not war!“ auf, indem er im Grunde eigentlich zum Ausdruck bringt: „Mach Liebe anstatt Krieg zu machen!“, als ob das ein Gegensatz wäre. In dieselbe Kerbe schlägt der neuttestamentarische Spruch, der suggeriert, dass jemand seinen Nächsten sicherlich nicht misshandeln und töten wird, wenn er ihn liebt wie sich selbst. (Wie wir wissen, ist auch tatsächlich niemals im Namen des Christentums Krieg geführt worden, noch ist in seinem Namen je jemand gefoltert und verbrannt worden.)

Heinrich Heines Gedicht legt wohl eher die Lösung „Make less love and less war.“ nahe, aber eine so komplexe Botschaft wird wohl bei vielen ZuhörerInnen im Publikum kaum durchdringen.

Eindimensionale Argumente sind es, die PolitikerInnen dazu verhelfen, Fernsehduelle zu gewinnen. Die Knappheit der Sendezeit sowie die Notwendigkeit, auf Anwürfe des Diskussionsgegners unmittelbar zu reagieren, lassen die Darstellung von komplexeren Sachverhalten nicht zu.

Eindimensionalität in der Auffassung von Wörtern und Begriffen ist auch die Grundlage von zugkräftigen politischen Slogans (wie zum Beispiel jenem blödsinnigen von John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst!“, auf den zum Glück Hans Söllner in seinem Lied „Hey Staat!“ geantwortet hat).

Der nachdenkende Mensch, der seine Begriffe in einen umfassenderen Zusammenhang stellt, weil er sieht, dass das der Wirklichkeit besser entspricht, weiß, dass viele seiner ZuhörerInnen ihn missverstehen werden, ganz einfach deshalb, weil sie Begriffe eindimensional verstehen wollen.

Wenn er sagt, was er für richtig hält, werden sie daher sagen, er drücke sich umständlich und unverständlich aus.

Daraus können wir folgern, dass es sich beim philosophierenden Menschen um jemanden handelt, dem es, frei nach Watzlawick, an Kommunikationsfähigkeit beziehungsweise Medienkompetenz fehlt, ja fehlen muss.

Sollte dennoch einmal ein Philosoph/eine Philosophin medienkompetent zu sein scheinen, so wäre Misstrauen angebracht und würde mir genauer ansehen wollen, worauf dieser Eindruck eigentlich beruht.

Permalink 16.11.14    2 Kommentare »

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