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Als Lehre vom Lebendigen

ist es der Biologie bis heute

lediglich gelungen,

ihr Fachgebiet als Gentechnik

zu mechanisieren.

Die Physik aber hat bereits

vor gut einem Jahrhundert

das Urprinzip des lebendigen Kosmos

in der Quantenmechanik

formuliert.

Der Begriff setzt,

was ist.

Damit sind die Erkenntnisgrenzen

der Gattung homo sapiens

erschöpfend umschrieben.

Das Leben selbst aber

geht weit über diese Grenzen hinaus.

Noch ehe ein Begriff ward,

so spricht es wortlos,

bin ich.

Heute begegnete ich zum ersten Mal einer Anhängerin der analytischen Philosophie!

Ja, ich bin immer noch ganz verblüfft und außer Atem.

Am meisten verblüfft hat mich, dass diese Leute offenbar wirklich eine vollkommen naive Vorstellung von der Wahrheit hochhalten. Das ist etwas, das man mit Argumenten gar nicht erreichen kann, weil es gewissermaßen in einem idealistisch sauberen Kästchen von der Welt abgeschottet aufbewahrt wird. Also mit anderen Worten: ein Glauben, ein tiefer Glauben, der sinnstiftend wirkt und den sie deshalb mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Auch meine Gesprächspartnerin wurde ganz fuchsig, als ich ihr von meinen Fragen an die Wissenschaft erzählte. Sie behauptete, es seien soziologische Fragen, aber keine philosophischen. Ich frage mich, wenn die soziologischen Fragen an die Wissenschaft nun aber die richtigen und adäquaten Fragen an die Wissenschaft wären, wären sie dann nicht auch die eigentlich philosophischen Fragen?

Doch das wollte sie nicht einsehen, dass Wissenschaft auch etwas mit ihrer Verwirklichung in der Gesellschaft zu tun hat. Also fragte ich sie, ob sie glaube, dass Robinson Crusoe allein auf seiner einsamen Insel Wissenschaft treiben könne – was sie bejahte! Da knallten mir fast alle Sicherungen durch. Wie sie sich denn vorstelle, dass Robinson Crusoe in einem Peer reviewed-Journal publiziert oder den Nobelpreis erhält, fragte ich sie. Doch sie blieb bei ihrer Meinung und warf mir vor, ihr keine Argumente vorzulegen.

Dann warf sie mir auch noch weitere Dinge vor: Ich könne nicht sagen, weil manche Politiker korrupt seien, sei die gesamte Politik korrupt. Sie sagte das im Anschluss an eine Geschichte, die ich ihr erzählt hatte, von einer Person, die mit einem sehr idealistischen Bild in die Wissenschaft hineingegangen war und dann feststellen hatte müssen, dass die Praxis doch nicht ganz so dem Ideal entspricht. Aber das ist Humbug, ich hatte kein grobes Fehlverhalten in der Wissenschaft beschrieben, sondern ganz normale Verhaltensweisen, wie sie eben im Sozialsystem Wissenschaft den sozialen Gesetzmäßigkeiten folgend entstehen. Das Sozialsystem Politik bringt ja auch nicht nur Politiker hervor, die dem höchsten Ideal entsprechen – und trotzdem kann man diese Politiker doch nicht einfach korrupt nennen!

Dann sagte sie noch etwas, das mich aufhorchen ließ: Ob es nicht in meinem Land auch so eine Sendung gebe, wo Laien im Fernsehen um die Wette singen? Ja, freilich, sagte ich. Na, bei den Teilnehmern dieser Sendungen gebe es doch auch immer große Enttäuschungen, weil manche von ihnen glauben, singen zu können, aber in Wirklichkeit können sie es nicht. Wisst ihr, was sie tat: Sie verglich die Person, von der ich ihr erzählt hatte, mit diesen SängerInnen und sagte somit implizit, dass sie wohl nicht intelligent oder talentiert genug für die Wissenschaft gewesen war. Dabei hatte ich ihr noch erklärt, dass dieser Mensch sich sehr für die Forschung interessiert hatte, aber erkennen hatte müssen, dass er durch den Eintritt in dieses Institut nicht nur die Wissenschaft wählte, sondern zugleich damit ein ganzes Lebenskonzept bestehend aus den einzelnen Schritten wissenschaftlicher Karriere, die dieser Mensch aber nicht haben wollte: Er wollte ja nur einfach forschen!

Doch das verstand sie nicht. Aber ich verstand etwas. Am Anfang des Gesprächs war mir ja nur der Vergleich der analytischen Philosophen mit Don Quijote eingefallen. In einem Ort in La Mancha, an dessen Name ich mich nicht erinnere, heißt es zu Beginn des Romans, ist Don Quijote über dem Lesen von Ritterromanen verrückt geworden, weil ihm das Hirn ausgetrocknet ist. Und genau so ein Bild wie Don Quijote vom Rittertum machen sich die analytischen Philosophen von der Wahrheit.

Aber dann die Geschichte mit dem Singen im Fernsehen, da dachte ich: Wenn man die Wurst der Wahrheit als Ideal so hoch und unerreichbar an den Sternenhimmel hängt, dann sieht man, wer am höchsten nach ihr springt. Ich meine: Im Prinzip ist es ja absurd, was sie da machen. Man kann die Wahrheit doch nicht von der Weise trennen, wie sie aufgefunden wird. (Das tat meine Gesprächspartnerin aber: Ich hatte über die Wissenschaft gesprochen, und sie antwortete, dass das doch nur für die Praxis der Wissenschaft gelte, nicht aber für die Wissenschaft selber – bis mir der Kragen platzte und ich sagte: Aber die Wissenschaft ist ihre Praxis, es gibt keine Wissenschaft außer der Praxis der Wissenschaft!) Ja, und wenn sie jetzt also Wissenschaft von sozialer Kooperation trennt und behauptet, Wissenschaft könne man allein tun, warum bei diesem Schritt stehenbleiben? Warum geht sie nicht einen Schritt weiter und sagt: Wissenschaft ist auch unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung. Und noch einen Schritt: Wissenschaft ist auch unabhängig vom Denken?

Dann wären wir wieder bei dem Punkt angekommen, an dem eine Philosophie, die sich weigert anzuerkennen, dass Wissenschaft ganz wesentlich auf sozialer Kooperation beruht, ankommen muss – Wissenschaft und Wahrheit sind dann ein Ideal, das recht schön glänzt – und an das man eigentlich nur glauben kann.

Von dem Gesichtspunkt aus ist ihr Wahrheitskonzept also absurd: Weil nämlich eine Wahrheit, die ich nicht erkennen kann, keine Wahrheit ist. Sobald ich sie aber erkenne, „verunreinige“ ich sie schon. Ich „verunreinige“ sie durch mein Denken und Erkennen, die halt nun einmal weltlich sind und nicht so göttlich rein wie die ideale Wahrheit. Oder wenn ich einen anderen Menschen brauche, der mit hilft, oder einen Laborplatz, damit ich forschen kann, dann kommt die gesamte soziale Dimension ins Spiel und verunreinigt die Wahrheit noch mehr. Insofern ist diese Wahrheitskonzept also absurd, weil es nämlich einfach nicht funktioniert.

Aber nicht absurd ist es in dem Sinn, dass es dem angelsächsischen Hang zu ‚competition’ entspricht. Erkläre jemandem eine Methode und lobe ihn, wenn er sie richtig ausführt – da ist doch nichts dabei, das können alle durchschnittlichen Menschen. Aber lass sie nach einem unerreichbaren Ideal hüpfen, dann siehst du ‚excellence’.

Permalink 18.03.11    3 Kommentare »

Weder Geist noch Materie.

Weder Bewußtsein noch Gegenstand.

Weder Denken noch Wahrnehmung.

Nur Begriffe, die Begriffe begreifen.

Wobei ein Begriff nichts weiter ist

als die Annahme der Existenz von etwas.

Ein Begriff, der einen Begriff begreift,

nimmt also an, daß es über seine eigene Annahme hinaus

Grund zu einer weiteren Annahme gibt.

So nimmt zum Beispiel der Ich-Begriff

in der Regel einen Welt-Begriff an.

Was natürlich weder etwas über die Existenz eines Ich

noch über die Existenz einer Welt aussagt.

EINE KURZE GESCHICHTE DER ERKENNTNIS

Als gemessen kann nur gelten, was auch abgelesen worden ist.

Die Existenz physikalischer Phänomene

kann nur an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit

nachgewiesen werden,

wenn die entsprechende Meßapparatur auch abgelesen wird.

Unabhängig von dieser abgelesenen Messung

pauschal von der wahrnehmungsunabhängigen Existenz

physikalischer Phänomene, also einer absoluten Realität, zu reden,

ist sinnlos.

Nur durch aktuelle Messung lassen sich im übrigen Halluzinationen

von Wahrnehmungen unterscheiden,

was jedoch nicht heißt,

daß den einen mehr Realität zukommt als den anderen.

Im Gegensatz zur Halluzination kommt der Wahrnehmung lediglich

ein höherer Grad an Intersubjektivität zu.

Kurz gesagt:

Empfindung ist die einzige Realität, welche es gibt,

und Realität ist die einzige Empfindung, welche es gibt.

Beide voneinander trennen zu wollen,

führt lediglich zu einer sinnlosen Verdoppelung

dieser einen unteilbaren Welt.

Alles ist Objekt.

Auch Denken und Handeln.

Möge sich Gott darum kümmern.

Philosophische Nationalstaaterei

Link: http://www.polylog.net/

Nach langer Zeit beschäftige ich mich jetzt wieder ein bisschen mit lateinamerikanischer Philosophie. Ich hatte das Gefühl, wie das ist, schon vergessen, umso kälter rann mir der Schauer des Wiedererkennens jetzt bei der Lektüre eines Aufsatzes des mexikanischen Philosophen Enrique Dussel das Rückgrat hinunter.

Das Thema des in der Zeitschrift polylog, Nr. 24, S. 47-64, erschienen Aufsatzes mit dem Titel „Eine neue Epoche in der Geschichte der Philosophie: Der Weltdialog zwischen philosophischen Traditionen“ (ursprünglich ein Vortrag, beim XXII Weltkongress für Philosophie in Seoul, 2008, gehalten) ist: „In diesem Beitrag will ich ein Thema erkunden, von dem ich glaube, dass es uns für einen guten Teil des 21. Jahrhunderts beschäftigen sollte: Unsere Anerkennung und Akzeptanz des Sinns, des Werts und der Geschichte aller regionalen philosophischen Traditionen auf dem Planeten (der europäischen, indischen, arabischen, afrikanischen, lateinamerikanischen usw.)“ (S. 47)

Das klingt sehr tolerant; aber ist es auch so?

Dussel fordert in diesem Text viererlei:

 

  1. „einen Dialog zwischen den nichtwestlichen Traditionen und denjenigen Europas und Nordamerikas“ (S. 54);
  2. die Anerkennung der „philosophischen Gemeinschaften der postkolonialen Welt (mit ihren je eigenen Problemen und Antworten) […] durch ihre Kollegen in metropolitanen hegemonialen Gemeinschaften“ (S. 60);
  3. „eine vollständige Reformulierung der Geschichte der Philosophie“ im Sinne einer Geschichte der Weltphilosophie, die alle regionalen philosophischen Traditionen berücksichtigt (S. 61) und
  4. neue „pädagogische Grundlagen“ zur Ausbildung künftiger Generationen, damit diese beginnen können, „aus einer globalen Einstellung heraus zu denken“. (S. 60-61).

 

Ein solches Studienprogramm für künftige PhilosophiestudentInnen könnte nach Dussel z.B. so aussehen:

 

  • Erstes Semester: in Philosophiegeschichte: Studium der „Ersten großen Philosophen der Menschheit“ – in Ägypten, Mesopotamien, Griechenland, Indien, China, Mittelamerika, bei den Inkas.
  • Zweites Semester: Studium der großen Ontologien des Daoismus, Konfuzianismus, Hinduismus, Buddhismus, der Griechen, Römer etc.
  • Weiterer Kurs: spätere Stufen der Entwicklung in China, spätere Beispiele buddhistischer und indischer Philosophie, byzantinische und christliche Philosophie, arabische, mittelalterliche europäische Philosophie usw. (vgl. S. 60)

 

Jetzt: Ist das tolerant?

Ich würde so sagen: Von der negativen Seite her gesehen, von dem, was Dussel kritisiert (dem Universalismus in Gestalt des Eurozentrismus), von dem also, wovon er WEGwill, ist es sicher ein Appell zu mehr Toleranz. Aber von der positiven Seite her gesehen, also von dem, wo er HINwill, von den Lösungen, die er vorschlägt, kann ich beim besten Willen keinen Fortschritt zu mehr Toleranz oder Dialog hin sehen.

Am deutlichsten zeigt sich das vielleicht am künftigen Studiencurriculum für Philosophie, das Dussel vorschlägt. Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass man StudentInnen auch andere philosophische Traditionen nahebringen will als die europäisch-nordamerikanische, aber… Aber was man hier in Dussels Vorschlag sehen kann, ist, dass die jungen Menschen an eine neue normative Vorstellung von Philosophie angepasst werden sollen. Diese ist halt nun nicht mehr europäisch, sondern Weltphilosophie, aber das Prinzip bleibt gleich: Die Menschen sollen nach dem Bild von der Philosophie geformt werden, das man sich politisch gemacht hat. Und nicht: Man will den Menschen dabei helfen, eigenständig Philosophien aus sich heraus zu entwickeln und philosophische Menschen zu werden. Sieht man das? Sieht man, dass dieser Vorschlag nicht am Menschen und seinen Bedürfnissen orientiert ist, dass er sich nach politischen und nicht nach pädagogischen Maßstäben richtet?

Dasselbe lässt sich übertragen über Dussels gesamtes Anliegen sagen. Aber wir sehen das ohnehin im oben zitierten Satz, mit dem Dussel sein Thema eingeleitet hat, gut ausgedrückt: An den Tisch des philosophischen Gesprächs sollen sich nicht Menschen setzen, um miteinander zu diskutieren, sondern die europäische, die nordamerikanische, die chinesische, die indische, die arabische und die lateinamerikanische Philosophie sollen dort Platz nehmen, um miteinander zu reden.

Bitte: Für einen solchen Entwurf, der den Menschen ausschließt (und ihn durch irgendwelche Kollektivsubjekte ersetzt) bin ich nicht zu haben!

Jetzt stellen sich aus meiner Perspektive zwei Fragen:

  1. Was motiviert einen akademischen Philosophen dazu, derartiges vorzuschlagen?
  2. Was motiviert uns dazu, es für tolerant zu halten?

 

Als Antwort auf die erste Frage fällt mir nur soviel ein: Enrique Dussel ist ein anerkannter akademischer Philosoph in Lateinamerika, ein Anführer in gewisser Weise also. Durch seinen Aufruf zur Anerkennung auch der lateinamerikanischen philosophischen Tradition versucht er, zum internationalen Repräsentanten derselben zu werden, zu ihrem Botschafter. Als Botschafter seiner philosophischen Kultur darf er in der Folge auf der ganzen Welt Kongresse besuchen, wichtig reden, gut essen. Es ist da also, wenn man nicht den Weg der Naivität gehen will, durchaus auch ein egozentrisches Motiv für Dussels Anliegen denkbar (statt der Vision „eine andere Welt ist möglich“ (S. 64)) und zwar ein perfides egozentrisches Motiv, wie ich es nennen würde: also eines, das vorgibt, alles nur für andere Menschen zu tun, während man in Wirklichkeit nach eigenen Vorteilen strebt.

Und auf die zweite Frage fällt mir nur als Antwort ein, dass wir offenbar beim Denken sehr kurzsichtig sind: Freilich ist es IM VERGLEICH toleranter, wenn Mehrere sich zum „symmetrischen Dialog“ (S. 47) an einen Tisch setzen, als wenn nur Einer den Ton angibt. Freilich ist es toleranter IM VERGLEICH, wenn man die Lateinamerikaner in der internationalen philosophischen Diskussion auch mitreden lässt, als wenn man es nicht tut, aber… Aber sieht man denn nicht, dass man dadurch das Problem, das man sich gestellt hat, das der Toleranz oder das des Gehört-Werdens von marginalisiertem philosophischem Denken, nicht gelöst, sondern nur um eine Ebene (oder zwei Ebenen) nach unten verschoben hat? Gut, auf der Weltebene sieht es jetzt toleranter aus, weil nicht mehr nur eine Tradition redet, sondern mehrere ein Wörtchen mitzureden haben; aber auf der Ebene der einzelnen Kultur oder philosophischen Tradition ist es wieder das gleiche wie vorher: Diese dominiert die Individuen in ihr wie zuvor die hegemoniale europäische Philosophietradition die globale Philosophiediskussion dominierte – nur der Gelehrte kann sich zur Herrschaft über die eigene Philosophietradition aufschwingen, indem er sich als deren schlauester Interpret ausweist.

 

In Summe kommt mir vor, Dussels Diskurs gleicht jenem der EU-Gegner, die behaupten, die Rettung Europas würde in einem Zerfall der Europäischen Union liegen, weil uns doch diese durch allerlei absurde zentralistische Regelungen (z.B. über den Krümmungsgrad von Gurken) in unserer nationalen Autonomie und Gestaltungsfreiheit beschränkt. Was also Dussel im Grunde vorschlägt, ist eine Art philosophische Nationalstaaterei, und da habe ich schon sehr meine Zweifel daran, dass mit diesem Rezept des 19. Jahrhunderts die Probleme des 21. gelöst werden können.

Was ist das?

Nur der Gedanke,

da sei etwas.

Denken ist eine anonyme Bewegung,

welche mittels eines Begriffs

einen anderen Begriff

zu begreifen sucht.

Ohne jemanden,

welcher jemals

irgend etwas

begreifen

könnte.

Hätte man die Wälder

nicht dem Ackerbau geopfert,

müßte heute niemand zur Schule gehen,

um Milliardäre zu mästen.

 

Aus dem 'Katechismus des schlichten Gemüts'

Was der Neurobiologe

innerhalb des Gehirns vermutet,

nämlich Bedeutung,

befindet sich natürlich

ausschließlich außerhalb

des jeweiligen Gehirns.

Wie sonst käme er überhaupt auf die Idee,

das Gehirn zum Träger von Bedeutung

zu machen.

Angenommen,

das Universum ist tatsächlich

aus einer Einheit hervorgegangen.

Dann wäre es unsinnig zu bezweifeln,

daß ihm diese Einheit

auch jetzt noch

zugrunde liegt.

 

Wir

sind Wörter

ohne Bedeutung.

Die Weichen sind gestellt...

... alle Formalitäten sind erledigt: Gesuch um Annahme als Doktorandin beim Dekanat einreichen, mit der Zulassung zum Studierendensekretariat und Immatrikulation beantragen... jetzt kann es losgehen....

Permalink 09.03.11    2 Kommentare »

Warum genau das System unmenschlich ist

Zeitunglesen kann manchmal recht instruktiv sein. Weil dort verschiedene Themen nebeneinander stehen und man sie miteinander vergleichen kann.

So las ich im Album der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ vom 26. Februar 2011 auf der Seite A12 einen Artikel des Schriftstellers Peter Henisch, der so ein Mittelding zwischen politischer Kritik und Werbung für seinen demnächst als Taschenbuch erscheinenden Roman Schwarzer Peter ist. Henisch erzählt in dem Artikel mit dem reißerischen Titel „Bin ich am Ende ein verkappter Terrorist“ von seinem Besuch 1999 in einer Haftanstalt für Schubhäftlinge zu Recherchezwecken für den geplanten Roman. Ein Major Z, Leiter des Gefangenenhauses, führte Peter Henisch mehrere Stunden darin herum:

 „Er war bemüht, mir zu zeigen, dass man die Gefangenen im Rahmen der Möglichkeiten human behandelt. Das habe ich nicht bezweifelt. Das Inhumane ist das System“ 

Das Inhumane ist nach Henisch also das System und er ruft dazu auf, „das Menschliche Minimum an Phantasie und Empathie aufrechtzuerhalten, zu fördern und zu fordern, die es braucht, um sich das vorzustellen.“

„Das“, das ist hier das Schicksal von Schubhäftlingen, während und nach ihrer Abschiebung per Flugzeug. Doch vor dem Schicksal anderer Menschen verschließen wir gern die Augen, insbesondere wenn sie dunkler Hautfarbe sind, Henisch nennt das mit Heimito von Doderer „Apperceptionsverweigerung“. Und er ruft alle Menschen dazu auf, dagegen anzukämpfen, indem er sie als Einzelne anspricht: „Wir sind lauter Einzelne, aber manchmal tut es gut zu bemerken, dass wir nicht allein sind.“

 

Auf Seite A3 im selben Standard-Album las ich einen Artikel über den mittlerweile zurückgetretenen deutschen Verteidigungsminister Guttenberg von Thomas Weitin, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Konstanz. Dieser Artikel mit dem Titel „Im Schein der Guttenberg-Galaxis“, dem man es ansieht, dass sein Autor Niklas Luhmann rezipiert hat, stellt die Frage:

„Gelten für Politik und Wissenschaft die gleichen Regeln der Aufrichtigkeit?“ Denn es könnte ja sein, so Weitin in einem Gedankenspiel, dass gerade „jemand, der nicht merkt, dass er abschreibt“ der richtige Mann für die Politik ist. Warum nur nimmt man anstatt dessen an, die Wissenschaft mit ihren Regeln sei „ein moralisches Vorbild für Aufrichtigkeit“?

Denn in der Wissenschaft gelten andere Gesetze als in der Politik (und diese „Gesetze“ haben dort auch einen anderen Sinn), woraus Weitin schließt:

 

„Der Sinn dieser Regeln [=der wissenschaftlichen Zitierregeln; Anm.] liegt nicht in der Erziehung der Gesellschaft. Sie sind notwendig, weil in der Scientific Community jeder einen Namen braucht, den andere adressieren können. Nur so lässt sich Wissen vermehren.“

 

Die Luhmannsche Systemtheorie der Gesellschaft ist vor allem erkennbar, wenn Thomas Weitin über die „Systemgrenzen von Politik und Wissenschaft“ schreibt: „Was ein guter Politiker ist, bestimmt das politische System nach der Rationalität der Macht. Das System der Wissenschaft dagegen folgt dem Leitbegriff der Wahrheit.“

Das ist alles richtig, wenn ich auch glaube, dass die Menschen diesen Satz tendenziell falsch verstehen werden: Dass die Wissenschaft „dem Leitbegriff der Wahrheit folge“ klingt nämlich nach so einem hehren Ziel, dass die Meisten den Eindruck haben werden, die Wissenschaft verfolge selbst ein moralisches Projekt. Aber weit gefehlt, die Wissenschaft fragt bloß bei einem jeden Urteil über etwas, ob es stimmt oder nicht stimmt – was anderes interessiert sie nicht. Deshalb interessiert sie sich auch nicht für Wahrhaftigkeit (also das Übereinstimmen dessen, was ein Mensch vor anderen äußert mit dem, was er denkt), einer Kategorie, die ich (im Unterschied zur Wissenschaft) als zentral für die Philosophie ansehe.

Doch das nur am Rande. Das System sei unmenschlich, sagte oben Peter Henisch – und man müsse die Menschen sensibilisieren für das Menschliche, für das Schicksal der Anderen. Der Sinn wissenschaftlicher Zitierregeln liege im System, sagt hier Professor Weitin – und nicht darin, Menschen zu mehr Aufrichtigkeit (mithin also zu mehr Menschlichkeit) zu erziehen. Also wie ist das jetzt: Sollen die Menschen zu mehr Menschlichkeit erzogen werden, damit die Gesellschaft insgesamt menschlicher wird? Oder bringen menschliche – oder aufrichtige – Menschen nur Sand ins Getriebe der Systeme unserer komplexen Gesellschaft und erweisen sich als schlechte Politiker, Wissenschaftler etc.?

Ja, was weiß ich, möchte ich als Antwort formulieren, das wird halt auch davon abhängen, was wir von unserer Gesellschaft wollen? Ob wir eher wollen, dass sie reibungslos funktioniere oder ob wir wollen, dass das Menschliche in ihr zur Geltung kommen darf.

Aber auf dem Weg zu dieser Entscheidung könnte uns noch ein Hindernis begegnen. Das System sei inhuman, schrieb Peter Henisch. Das legt den Gedanken nahe, man müsse nur das System humaner machen und schon sei das Problem gelöst. Dieser Gedanke wird einem gleichsam durch die Logik nahegelegt: Wenn es inhumane Systeme gibt, dann muss es doch auch humane geben. Aber dieser Schluss würde zunichtemachen, was wir gerade gelernt haben: Da ist einerseits Thomas Weitins Urteil, wissenschaftliche Regeln seien nicht dazu da, um Menschen aufrichtiger (=ein Aspekt von Menschlichkeit) zu machen ebenso wie andererseits Peter Henischs Beobachtung, wonach die Menschen auch in einem unmenschlichen System versuchen, sich menschlich zu verhalten – soweit es eben geht.

Der Schluss kann also nur sein: Ein System ist unmenschlich, nicht weil es unmenschlich ist, sondern weil es System ist. Das bedeutet: Jedes System ist unmenschlich. Aber wenn man das behauptet, muss man genauer bestimmen, was man mit „unmenschlich“ meint, denn freilich können verschieden gute oder schlechte Systeme Menschen besser oder schlechter behandeln. Damit, dass ein System unmenschlich ist, meine ich also: dass es die Menschen nicht hören kann, dass es ihre Anliegen und Bedürfnisse nicht wahrnehmen kann.

Also zum Beispiel: Die Wissenschaft strebt nach Wahrheit; wenn nun aber jemand nach Aufrichtigkeit strebt, weil er meint, diese Eigenschaft gehöre zum Menschen wesentlich dazu, dann sagt die Wissenschaft dazu: „Weiß ich nicht, interessiert mich nicht.“ Und hier wären wir wieder bei der Systemtheorie. Luhmann sagt nämlich, ein System reproduziere sich immer nur aus denjenigen Elementen, die es selbst erschafft. Die Wissenschaft nun produziert wissenschaftliche Theorien, aus denen sich weiterführende Fragen ergeben, die sie dann zu beantworten versucht. Manchmal machen diese Fragen zu ihrer Beantwortung eine neue Theorie notwendig, die umgekehrt wieder neue Fragen aufwirft. Und so dreht sich das Werkel immer im Kreis.

Aber was Wissenschaft nie produziert, das sind menschliche Eigenschaften oder menschliche Bedürfnisse. Also weder ein aufrichtiger Mensch noch das Bedürfnis nach einem aufrichtigen Menschen sind Ziel der Wissenschaft oder könnten es je sein.

Womit wir wieder vor der Frage von Peter Henisch stehen: Wenn wir ein unmenschliches System vor uns haben, wie können wir das Menschliches in es hineinbringen? – Offenbar nicht dadurch, dass wir es verbessern (wie wir gerade analysiert haben), weil auch ein gutes und sogar das beste System als System das Menschliche wesentlich ausschließt. (Dieses Argument ist aber nicht gegen die Verbesserung von Systemen gerichtet. Freilich sollen wir sie verbessern, soweit das geht. Ein gutes Wirtschaftssystem ist immer noch besser als eines, in dem man hungert. Es ist nur gegen die Illusion gerichtet, ein (gutes oder verbessertes) System könnte je menschliche Bedürfnisse anders als rein mechanisch und auf eine im Grunde verständnislose Weise berücksichtigen - und nichts anderes meine ich ja damit, dass ein System immer "unmenschlich" sei.)

Wie diese schwierige Frage lösen? Nun mir fällt letztlich auch nichts anderes ein als Peter Henisch, nämlich: an die Menschen appellieren, damit sie das Menschliche in ihnen selber nicht ganz vergessen. Denn es macht sicherlich einen Unterschied, ob ein System unmenschlich ist, aber die in ihm tätigen Menschen trotzdem nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten noch versuchen, sich human zu verhalten (so wie Major Z) oder ob sie, nachdem sie die Systemlogik eines inhumanen Systems (und alle sind ja inhuman, wie ich argumentiert habe) verstanden haben, sich im Namen eines möglichst guten Funktionierens der Gesellschaft (oder eben in diesem Sinne auch: im Namen der Verbesserung der gesellschaftlichen Systeme) an sie anpassen.

Permalink 03.03.11    8 Kommentare »

Alles geschieht

nach Gottes Willen,

und Gott ist tot.

Es kann

nichts Totes geben

in einem lebendigen Universum.

Wollen ist der Antrieb des Denkens.

Das direkte Fühlen des Wollens,

welches das Denken antreibt,

löst dieses Wollen auf und

Denken verstummt.

Es gibt nur

eine einzige Empfindung:

die Realität.

 

Sie umfaßt alles.

Deshalb kann sie niemandem

zugeordnet werden.

Nur weil der Mensch

in der Lage ist,

andere Arten auszulöschen,

heißt das nicht,

daß er ihnen überlegen wäre.

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