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Philosophie ist der Gourmet Report

Link: http://www.philosophie.ch/assets/files/debates/whatisphilosophy.pdf

Auf seine Webseite www.philosophie.ch hat Philipp Keller einen Text aus dem Jahr 2006 mit dem Titel: What is Philosophy? gestellt, in dem er sagt, dass man nicht danach fragen soll, was Philosophie sei, weil das eine „spurious question“ ist: 

“Aside from doing better philosophy, we should also adopt a clearer view of how to improve the methodological and institutional framework for our discipline. In particular, we should stop asking spurious questions and making spurious distinctions. One of the questions we should stop asking is what philosophy is. I do not mean to say by this that methodology is unimportant,3 but with philosophical methodology, as with philosophy in general, the devil is in the details – rather than asking what philosophy is, we should ask about how best finding out about knowledge, essence or duties. “What is Philosophy?” is also a spurious question because we all know what it is – what we do, or at least, what we are supposed to do.4 Philosophy is what Aristotle, Aquinas, Hume, Kant, Frege,Carnap,Russell,Quine,Armstrong and Lewis did. It is what serious philosophy journals such as Mind, Philosophical Reviewand theAustralasian Journal of Philosophy publish and what the highly-ranked departments in the Philosophical Gourmet Report do better than their Anglo-Saxon competitors.” 

Ich glaub das halt nicht, und ich glaub auch nicht, dass wir alle wissen, was Philosophie ist oder dass Philosophie das ist, was Aristoteles, Thomas von Aquin, Hume, Kant, Frege, Carnap, Russell, Quine und Lewis getan haben. Im Gegenteil: Die Philosophie ist im alten Griechenland (und vielleicht auch noch anderswo, in China?) erfunden worden, doch sie erwies sich als eine so fragile Idee, dass sie sofort wieder in Vergessenheit geriet. Die nachfolgenden Generationen oder PhilosophInnen aus anderen Epochen schlossen dann irgendwie an an die Texte ihrer VorgängerInnen, aber sie taten das aus einem völlig anderen Weltbild heraus und mit einer völlig anderen Interessenlage, sodass sich daraus weniger eine Geschichte der Philosophie ergab, denn eine Geschichte von Missverständnissen. So ist etwa das Philosophiekonzept von Thomas von Aquin ein ganz anderes als das von Aristoteles oder auch als das von Carnap. Viele Philosophinnen kamen auch und sagten (weil sie den Antrieb ihrer VorgängerInnen nicht verstanden): Das ist Blödsinn, was bisher unter dem Titel Philosophie gemacht worden ist; wir machen jetzt alles ganz neu! Das heißt, sie wandten sich gegen das, was bisher als Philosophie galt und verneinten es völlig.Aus diesen Gründen glaube ich, dass eine jede neue Generation und ein jeder Mensch für sich neu erfinden muss, was Philosophie ist oder sein könnte – vielleicht in einem gewagten Schluss darauf, was ursprünglich damit einmal intendiert gewesen ist. Und daraus entstehen dann Kriterien, die es einem erlauben, das eine der Philosophie zuzuordnen und das andere der Nicht-Philosophie.Zu sagen, was im Philosophical Gourmet Report gelobt wird, sei Philosophie, ist zwar für einen erfolgsorientierten akademischen Philosophen eine recht pragmatische Herangehensweise – und als solche auch sinnvoll (Warum soll man sich nicht an den Leuten orientieren, von denen man eine Stelle bekommen kann?), aber sie drückt sich halt vor der Frage.Nein, sie drückt sich nicht nur vor der Frage, sondern sie sagt: Andere sollen entscheiden, was Philosophie ist; die, die etwas zu sagen haben, sollen es entscheiden, die Peers unserer Disziplin. Nur, da höre ich schon wieder Sokrates (fiktiv natürlich) mit seiner scharrenden Stimme in meinem Ohr kratzen, wie er sagt, dass wir uns zusammensetzen wollen, um das Problem, das wir uns vorgenommen haben, gemeinsam zu prüfen. Dass man als „Gerechtigkeit“ akzeptiert, was die anderen und die Mächtigen im Staat dafür halten, bevor man es mit seiner Vernunft selbst genau philosophisch geprüft hat, hätte Sokrates ja auch nicht zugelassen.

Permalink 18.02.11    7 Kommentare »

Die Hauptprobleme der Philosophie heute

Wenn ich meinen Problemaufriss weiter verfolge, wonach  Philosophie mehr mit Pädagogik zu tun hat als mit der Gewinnung neuen Wissens für die Welt, dann hat Philosophie (also der philosophierende Mensch, denn Philosophie als Fach gibt es dann ja nicht) heute zwei wesentliche Probleme:

 

  1. Versucht der philosophierende (also an der Welt interessierte) Mensch, Wissenschaftler zu werden, so ist nicht zu sehen, wie er es vermeiden könnte, alles Interesse an der Welt zu verlieren und vollkommen apathisch zu werden. Wissenschaft lässt sich bestimmen als das Beantworten fremder Fragen, als das Beantworten von Fragen, die sich aus dem Forschungsstand, der wissenschaftlichen Diskussion etc. ergeben. Philosophie hingegen ist das Beantworten von eigenen Fragen. Wie sollte also ein Mensch, der zugunsten der Beantwortung fremder Fragen auf die Beantwortung eigener Fragen verzichtet, verhindern können, dass er seine Fragen vergisst und mit der Zeit auch vergisst, was er überhaupt wissen wollte, was ihn überhaupt an der Welt interessiert?
    Wissenschaft scheint kompatibel kompatibel mit den Bestrebungen des Individuums nach Erfolg, Karriere, Einkommen und Reputation, aber nicht mit der individuellen Bestrebung nach sachlicher und intensiver Auseinandersetzung mit einem Thema (denn eine solche Auseinandersetzung müsste ja auf die Fragen des Individuums hin zentriert sein, während die Wissenschaft nur eine Ausrichtung auf die Fragen des Wissenschaftssystems hin erlaubt).
    Aus diesem Grundproblem erwächst der Philosophie heute eine wesentliche Aufgabe, die über allen anderen steht: in einer wissenschaftlichen Welt und gegen alle Wissenschaft das eigene Denken am Stehenbleiben zu hindern. Gegen alle Kräfte in der heutigen Welt muss das Denken heute in Gang gehalten werden, wenn man als Mensch denn ein eigenes Denken haben will (- sonst nicht), weil unsere Welt durch die Existenz der in ihr bestehenden Institutionen gleichsam immer zu uns sagt: „Du brauchst nicht zu denken (zu sprechen, zu handeln, zu leben, Erfahrungen zu machen, etc.), denn es gibt Berufenere dafür als dich; halte ein und lass das anstatt dessen einen Fachmann/eine Fachfrau machen!“
    Um diese Aufgabe zu erfüllen, schreibe ich hier: Durch das Schreiben fertige ich Dokumente an, die mich daran erinnern sollen, was ich wissen wollte, die mich an meine eigenen Fragen erinnern sollen.
  2. Das zweite wesentliche Problem von Philosophie in einer wissenschaftlichen Welt wie der heutigen ist der Verlust an Gesprächspartnern. Sie kommen der Philosophie durch die Wissenschaft abhanden. Der junge Studierende der Philosophie merkt dieses Abhandenkommen, wenn seine GesprächspartnerInnen nicht mehr selbst auf seine Fragen antworten, sondern gleichsam hinter sich schielen, um zu erraten, was die Wissenschaft als Institution zu dieser Frage sagen würde. Orientierung an der sozialen Institution ersetzt beim wissenschaftlichen Menschen Sachorientierung, könnte man sagen. Aber auch sonst erfährt der wissenschaftlich beeinflusste Geist noch verschiedene weitere Transformationen, die es verhindern, mit ihm ein vernünftiges und fruchtbares Gespräch führen zu können. Wir kennen alle dieses Transformationen aus eigener Erfahrung, deshalb deute ich sie nur in der Gestalt von drei Typen an:
    - Da ist z.B. der Besserwisser. Er oder sie hat gelernt, dass man in der Wissenschaft nur Erfolg haben kann, wenn man mit dem eigenen Wissen die anderen übertrumpft. Deshalb gestaltet der Besserwisser persönliche Gespräche wie Wettbewerbe, die zum Zweck haben, seine Überlegenheit über den jeweiligen Gesprächspartner zur Schau zu stellen, anstatt sie als Gelegenheiten aufzufassen, voneinander zu lernen.
    - Eine andere déformation professionnelle, also Geistesdeformation durch die Wissenschaft, ist jene des unaufhörlichen Zwangs zum Differenzieren. Menschen, die an ihm leiden, haben aus der Wissenschaft gelernt, dass man keine „undifferenzierten Behauptungen aufstellen“ dürfe. Solche Menschen kriegen nichts mehr auf die Reihe, sie kommen aus den Differenzierungen nicht mehr heraus, alles zerfällt ihnen unter den Fingern zu immer kleineren Bröseln und ebenso zerfällt einem das Gespräch mit ihnen: Sie sind unfähig, etwas auf den Punkt zu bringen, etwas zu resümieren oder zu einem Ergebnis zu kommen, weil ihnen alles, was man sagen könnte ungerecht und unzulässig erscheint – man könnte es ja endlos weiter differenzieren.
    - Dann gibt es die (aber es gibt noch viele weitere solche Typen) diejenigen, die alles immer „von Grund auf“ bereden wollen, weil sie von der Wissenschaft gelernt haben, dass man immer mit den Anfangsgründen beginnen muss und man ohne Grundwissen in einem Fach über nichts reden kann. Diese Einstellung führt dann entweder zur Vertagung des Gesprächs auf einen Tag in unbestimmter Zukunft in dem Fall, wenn sie selbst bei einem bestimmten Thema diese Grundlagen nicht kennen. Wenn sie sie hingegen zu kennen meinen, dann beginnen sie sie einem zu erzählen. Daraus entsteht dann gewöhnlich eine Redeweise, die gar nicht mehr zu dem Problem, über das man ursprünglich reden wollte, kommt. Aber selbst wenn man vor lauter Umschweife doch noch dorthin kommt, kann man das Problem nicht fassen, weil diese Redeweise eine Fach begründende und keine Problem zentrierte ist.
    Zusammenfassend: Philosophisch reden könnte man mit einem Menschen, der auf die Idee kommt, dass dieses Gespräch hier und jetzt von Wert ist, auch wenn dabei keine Ergebnisse herauskommen werden, die das Wissen der gesamten Menschheit vermehren, sondern dass es darauf ankommt, die geistigen Ressourcen der anwesenden GesprächspartnerInnen so gut wie möglich zu nutzen, um für alle Beteiligten den größtmöglichen Lerneffekt zu erreichen, der hier und jetzt im Gespräch möglich ist. Dank allgemeiner wissenschaftlicher Schulung kommt heute leider fast kein Mensch mehr auf einen solchen Gedanken.
    Um Menschen, die trotzdem auf diesen Gedanken gekommen sind – und die offenbar ziemlich rar sind – zu suchen, schreibe ich hier. Es gilt herauszufinden, ob die Philosophie, die durch die heutige Organisation der Gesellschaft überflüssig geworden ist, noch Anhänger hat?
    Existierten noch Anhänger der Philosophie, könnte man einander bei der Bewältigung von Aufgabe 1 gegenseitig unterstützen.
Permalink 18.02.11    7 Kommentare »

Begriffe

begreifen

Begriffe.

Sonst

nichts.

viel wird geredet

doch niemand ist da

der wissen kann

Kein Begriff ohne Anschauung,

keine Anschauung ohne Begriff.

Begriff und Anschauung sind eins

in diesem lebendigen Geschehen.

Und auch der cartesianische Gedanke,

man könne Begriff und Anschauung

voneinander trennen,

ist Teil dieses unteilbaren Geschehens.

Die Zurückdrängung der Wahrnehmung in der Wissenschaft

Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Interaktionssystem

Dies ist eine ein wenig ausführlichere Antwort auf einen Kommentar von philatte zu meinem vorigen Blogeintrag:

Philatte schrieb:

„Wahrheit? Naja, was ist Wahrheit? Eine individuell empfundene Wahrheit besitzt jeder, denke ich. Ein Kollektiv kann auch etwas für sich zur Wahrheit erklären, dann ist es ein mehrheitsfähiger Konsens, auf den man sich geeinigt hat.“ 

Das ist, meiner Auffassung nach, eine zu kurz gegriffene Vorstellung von wissenschaftlicher Wahrheitsbildung. Sie tut so, als wäre Wissenschaft ein Interaktionssystem - als wären alle WissenschaftlerInnen eine übersichtliche Gruppe, die sich in einem Klassenzimmer befinden und ein jeder/eine jede von ihnen könnte leicht durch Handzeichen seine/ihre eigene Meinung zu einer Frage kundtun. Aber so ist das ja nicht: Sie ist ein Organisationssystem; und nicht nur eins, sondern viele ineinanderverschachtelt: Wie sich in einem solchen komplexen System eine Wahrnehmung oder ein Urteilssatz hindurchsiebt, um am Ende als „wissenschaftlich erwiesen“ dazustehen, das ist die eigentliche Frage. Und die lässt sich nicht mit dem  einfachen Konzept erklären, dass man sich eben auf etwas geeinigt hat, sondern da ist zu berücksichtigen,

-         dass eine bestimmte Forschung erst finanziert werden hat müssen, um überhaupt stattzufinden,

-         welche Informationen dann wem in welcher Form zur Verfügung stehen,

-         welche Informationen in welchem Rahmen (etwa bei einer Tagung) präsentiert werden können, indem sie auf die Agenda gesetzt werden,

-         in welcher wissenschaftlichen Zeitschrift von welchem Rang sie Aufnahme finden, indem sie zur Politik dieser Zeitschrift oder dieses Verlags passen

-         etc.

 

Mir scheint, die größere Schwierigkeit, die hinter dem immer wieder getätigten Rückgriff auf die Einigungsmetapher steht, ist die, dass man sich nicht vorstellen kann, dass Wissenschaft nicht von Menschen gemacht wird, obwohl doch Menschen in ihr arbeiten. Aber das ist eine wirklich harte Nuss, an ihr beißen sich auch Gescheitere die Zähne aus.

Zum Beispiel der emeritierte Pädadogikprofessor Hartmut von Hentig von der Universität Bielefeld. Er definiert die Begriffe „Bildung“ und „Wissenschaft“ in seinem Buch: Wissenschaft. Eine Kritik. Hanser Verlag, München-Wien 2003. S. 13. folgendermaßen: 

Bildung ist ein individueller, sich an und in der Person, am Ende durch sie vollziehender Vorgang. „Ich bilde mich“, lautet die richtige Beschreibung. Eine Form, die mir ein anderer aufprägt, macht mich nicht zum Gebildeten, sondern zu einem Gebilde. Und die Ertüchtigung für eine gesellschaftliche Tätigkeit ist etwas ganz anderes und heißt Ausbildung.Wissenschaft ist ein ähnlich freier, nicht abschließbarer Vorgang, mit dem Unterschied, dass er ein korporatives Subjekt hat. Wissenschaft bedarf von ihrem Prinzip her der anderen, die zweifeln, gegenhalten, weiterfragen. Sie lebt vom „Streit der Fakultäten“. Sie ist methodischer Erkenntnisgewinn. Sie ist der immer neue und neu notwendige Versuch, „das Ganze“ zu verstehen (C.F. v. Weizsäcker). Wie die Bildung aufhört, Bildung zu sein, wenn sie erzwungen oder mechanisch eingegeben wird, so hört Wissenschaft auf Wissenschaft zu sein, wenn sie von außen gelenkt, verordnet oder begrenzt wird.“ 

(Wenn ich diese Definitionen kurz kommentieren darf: Bildung finde von Hartmut von Hentig vollkommen richtig definiert. Statt Bildung ließe sich meiner Ansicht nach auch Philosophie einsetzen – jedenfalls verwende ich das Wort Philosophie in demselben Sinne wie hier Bildung definiert ist.

Die Wissenschaftsdefinition stimmt nur soweit, als von Hentig erkennt, dass hier das Subjekt der Erkenntnis ein korporatives ist (und kein individuelles), also die Körperschaft der Wissenschaftler, das Wissenschaftssystem. Den Rest der Definition muss man sich aus von Hentigs Interessen erklären: Er will, dass sich Politik und Wirtschaft aus der Wissenschaft raushalten – ein Anliegen, das ich aufgrund der Existenz von Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsförderung durch die Wirtschaft für realitätsfern halten würde.)

Nun gut, aber das Wesentliche hat Hartmut von Hentig doch erkannt: Dass es bei der Bildung der Einzelmensch ist, der erkennt, und bei der Wissenschaft das Sozialsystem der Wissenschaft. Aber wenn er das doch schon erkannt hat, warum schreibt er dann: 

„Eine Erkenntnisweise, in der man nicht „ich“ und nicht „du“ oder „ihr“ sagen kann, ist nicht so sehr unmenschlich wie unwissenschaftlich, gilt es doch gerade die Subjektivität und s.v.v. „Situativität“ bewusst zu halten, um sie in Abzug bringen zu können.“ Ebd., S. 19.

Das Problem, auf das er hier Bezug nimmt, dass nämlich alles, was gesehen wird, immer von einer bestimmten Seite her gesehen wird, existiert schon, aber es wird in der Wissenschaft herkömmlich nicht durch Verwendung der persönlichen Fürwörter „ich“, „du“ und „ihr“ gelöst, sondern im Theorieaufbau berücksichtigt oder im Untersuchungsprotokoll.

Mir scheint also: Der dicke Happen, der für viele – und auch für Hartmut von Hentig – so schwer zu schlucken ist, ist der, dass Wissenschaft nicht von Menschen gemacht wird. Da sagte er schon einmal richtig, das Erkenntnissubjekt von Wissenschaft ist die Wissenschaft (und eben nicht: der Mensch) und fiel doch gleich wieder in eine Vorstellung zurück, so als ob Wissenschaft ein Gespräch zwischen Menschen wäre. 

Weiterhelfen kann uns hier Niklas Luhmann. Seine Systemtheorie bringt uns hier eine wichtige Entscheidung, die im Kommentar von philatte ebenfalls keine Berücksichtigung gefunden hat: Das ist jene von Wahrnehmung und Kommunikation. Wahrnehmen kann nur ein Mensch, ein Kollektiv oder ein Sozialsystem kann nichts wahrnehmen, es kann nur kommunizieren. Damit also eine individuelle Wahrnehmung im Sozialsystem Wissenschaft zur wissenschaftlichen Erkenntnis prozessiert werden kann,  muss sie in Kommunikation transformiert werden. Und auf diesem Weg, den die Kommunikation nimmt, passiert einiges mit ihrem Inhalt. Philatte hingegen hatte das ja fast so beschrieben, als ob ein Wissenschaftler ein bestimmtes Phänomen sieht (sich seine individuelle Überzeugung bildet), dann die anderen Wissenschaftler fragt: „Seht ihr das auch so?“ – die Anderen sagen: „Ja, wir sehen das auch so!“ – und damit hätte sich ein Konsens gebildet, der eine wissenschaftliche Wahrheit gebiert. Hinter dieser Darstellung von philatte ist das Modell verborgen: Wahrnehmung ist auf mehrere Personen, ist auf ein Kollektiv ausdehnbar.

Aber wahrnehmen kann immer nur ein Mensch allein; die Wahrnehmung erscheint für kurze Zeit in seinem Bewusstsein. Will er diese Wahrnehmung ins Sozialsystem Wissenschaft einspeisen, muss er sie kommunizieren. Von dem Zeitpunkt an kann aber weder er noch können andere Menschen steuern, was mit dieser Wahrnehmung geschieht. Die Wahrnehmung ist dann in der Hand der wissenschaftlichen Kommunikation, und diese stellt den eigentlichen wissenschaftlichen Prozess dar, der eine individuelle Wahrheit zur wissenschaftlichen macht oder nicht. 

Was macht die wissenschaftliche Kommunikation gewöhnlich mit den Wahrnehmungen von Menschen: Sie wehrt sie ab. Luhmann nennt das „die Marginalisierung der Wahrnehmung“ (Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1990. S. 231.) Eine „gesteigerte Empfindlichkeit“ hat das Sozialsystem Wissenschaft nur gegenüber Wahrnehmungen, die Antworten auf die Erwartungen in ihren Theoriesystemen bieten. 

„Gerade weil Wahrnehmungen der Außenwelt zugerechnet werden, kann ihr „Rauschen“ vom System nicht ignoriert werden. Zwar definiert das System selbst, welche Wahrnehmungen für welche Fragen relevant sind und wehrt dadurch fast alles ab. Durch genau diese Spezifikation konstituiert es aber auch eine gesteigerte Empfindlichkeit und einen fast unausweichlichen Zwang, auf die Mitteilung von Wahrnehmung zu reagieren, wenn sie relevant sind.“ (Ebd. S. 230.) 

 

Luhmann erklärt hier also fast noch mehr, als philatte wissen wollte. Er erklärt nicht nur, warum man sich auf Wahrnehmungen nicht einigen kann (weil sie das Sozialsystem Wissenschaft der Außenwelt, also den Individuen, zuschreibt), sondern zusätzlich auch noch, was die Wissenschaft macht, wenn der Einzelmensch sich mit einer Wahrheit nähert, die er kommunizieren möchte: Sie wird gewöhnlich sagen: „Das interessiert mich nicht!“ Sie wird es gerade so sagen, als ob Erkenntnis nicht ihr Geschäft wäre. Aber dieser letzte Satz ist natürlich aus der Perspektive des Individuums formuliert: Weil für dieses Erkenntnis in erster Linie darin besteht, seine eigenen Wahrnehmungen zu verstehen. Wissenschaft hingegen hat ein „korporatives Subjekt“, also das Subjekt der Wissenschaft ist die Berufsgemeinschaft der Wissenschaftler – und dieses hat gar keine Wahrnehmung.

Permalink 09.02.11    2 Kommentare »

Die einzige Wahrnehmung,

welche den Raum des Gehirns einnimmt,

ist die des Gehirns selbst.

Jede Aussage über einen

sinnlich nicht unmittelbar zugänglichen Zustand

darf getrost als metaphysisch bezeichnet werden.

Das Ich

als Gedanken-Ursache

ist wiederum nur ein Gedanke

ohne Denker.

Diese Welt muß ganz und gar

aus Gedanken bestehen.

Wie sonst könnten Gedanken

die Welt verändern.

Gedanken sind weder innen noch außen.

Einige sind sinnlich erfahrbar,

andere sind es nicht.

Das ist alles.

Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch

Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch. Ich bemühe mich in meinen Forschungen, der objektiven Wahrheit möglichst nahe zu kommen und habe eine große Scheu davor, auch nur eine Zehenspitze in das Territorium der Esoterik zu setzen. Ich lasse mithin also keine andere Art von Wahrheit gelten als jene, die auch die der Wissenschaft ist.

Doch ich tue es immer für mich. Wenn ich etwas erforsche, dann gewöhnlich einfach deshalb, weil ich es wissen will. Ich gebe nicht an, in welcher Weise meine Forschung ein Beitrag zur Wissenschaft sein könnte und wo, zu welchem Teil der Wissenschaft. Es interessiert mich nicht. Ich sehe darin auch kein Problem: Sollen sie sich doch selber den Kopf darüber zerbrechen, wozu mein Beitrag ein Beitrag sein könnte. Aber genau hier liegt das Problem: Das wollen sie nicht. Nicht ich habe ein Problem mit der Wissenschaft, die WissenschaftlerInnen haben eines mit mir.

Das ist etwas, das gerade heute einmal ganz klar gemacht werden muss: Wenn es heute darum geht, was wissenschaftlich ist und was unwissenschaftlich, so ist nicht in erster Linie eine Frage dessen, ob jemand derselben Art von Wahrheit anhängt wie die Wissenschaft. Der wissenschaftliche Mensch unterscheidet sich also nicht in erster Linie vom unwissenschaftlichen dadurch, dass er sagt: „Ich halte die objektive Wahrheit hoch, die rationalisierbare und falsifizierbare, die intersubjektiv argumentierbare!“ – während der unwissenschaftliche Mensch Ansichten vertritt, die sich letztlich nicht begründen lassen und die man nur glauben kann. Die wahre Unterscheidung zwischen dem wissenschaftlichen und dem unwissenschaftlichen Menschen ist heute die, dass der wissenschaftliche Mensch bei einer jeden seiner Forschungen sagt: „Ich möchte einen Beitrag leisten zu (dieser oder jener Forschungsrichtung in diesem oder jenem Fach).“, während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich möchte einfach wissen, wie es ist.“

Nein, das muss noch stärker formuliert werden: Der wissenschaftliche Mensch ist nicht derjenige, der sagt „Ich möchte einen Beitrag leisten…“ während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich will’s einfach wissen.“, sondern der wissenschaftliche Mensch sagt sein: „Ich will einen Beitrag leisten zu dieser oder jener etablierten Forschungsfrage.“ – indem er aufgehört hat zu sagen: „Ich will dieses oder jenes wissen“ – oder auch: „Dadurch habe ich dieses oder jenes gelernt."

Wenn ich also sage: „Ich habe dieses oder jenes wissen wollen.“ – oder auch: „Ich habe dieses oder jenes erfahren.“ – oder: „Ich habe dieses oder jenes gelernt.“, dann hören die WissenschaftlerInnen aus diesen Sätzen heraus: „Aha, er will also gar keinen Beitrag zur Wissenschaft leisten.“ Und deshalb bin ich – aus ihrer Sicht – ein unwissenschaftlicher Mensch. Ein wissenschaftlicher Mensch umgekehrt hat gelernt, nichts mehr für sich zu wollen. Er (oder sie) gibt alles der Wissenschaft hin.

Dadurch enthüllt sich uns auch der wahre Sinn von bekannten Sätzen in wissenschaftlichen Texten wie: „Das ist ein Beitrag zur …-Forschung.“ – oder: „Dieser schließt eine Forschungslücke in der …-Forschung.“ Diese Sätze wollen eigentlich sagen: Die Forschungen von WissenschaftlerInnen erschöpfen sich darin, Beiträge zu sein zum Gebäude der Wissenschaft. Sie sind nichts mehr darüber hinaus und wollen es auch gar nicht sein. Vor allem sind sie keine Beiträge zur Erkenntnis des Wissenschaftlers (der Wissenschaftlerin), der (die) diese Forschungen durchführt. Denn anstatt dessen sind sie ja Beiträge zur Wissenschaft. Analog gilt auch, dass sie keine Beiträge zur Erkenntnis der LeserInnen dieser wissenschaftlichen Schriften sind, sein wollen oder es auch nur ertrügen zu sein, denn sie wurden nicht geschaffen, um das Wissen irgendeines Menschen zu vermehren, sondern um das der Wissenschaft zu vermehren.

Bitte, da will ich nicht mit. Das interessiert mich nicht. Es interessiert mich deshalb nicht, weil ich mich, seitdem ich mich erinnern kann, immer nur für pädagogische Fragen interessiert habe. Und zwar in gleichem Maße dafür, wie man anderen etwas beibringen kann, wie auch dafür, wie man selber etwas lernen kann. Für mich ist Erkenntnis immer ein Lernen und Wahrheit immer ein Erlernen der Wahrheit. Wie sollte ich mit einer Wissenschaft wie der heutigen etwas anzufangen wissen, die die Verbindung zwischen der Erkenntnis und dem Lernen, zwischen der Wahrheit und ihrer Aneignung durch die Menschen gekappt hat?

Im Wiener NIG, dem Neuen Institutsgebäude, steht am Stiegenaufgang der Spruch: „Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.“ Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft eine Lehre hat. Wissenschaft ist Wissenschaft genau dadurch, dass sie niemandem eine Lehre anzubieten hat. Wissenschaft ist Antipädagogik, weil sie sagt: „Alles, was ihr erforscht, hat Teil von mir zu sein; aber wenn ihr dadurch etwas lernt, dann ist das nicht Wissenschaft, dann hat das nichts mit Wissenschaft zu tun!“

Ich möchte etwas lernen. Das ist das einzige, was mich interessiert. Deshalb bin ich ein unwissenschaftlicher Mensch. Nicht grundsätzlich, aber heute schon, gemäß der heutigen Konzeption von Wissenschaft.

Permalink 29.01.11    9 Kommentare »

Der Sinn des objektiven Wissens

Natürlich wäre es kretinhaft zu bestreiten, dass man beim Philosophieren und in der Erkenntnis manchmal auch Klarheit über etwas gewinnen möchte, um sich anderen Fragen zuwenden zu können. Aber die scheinbar selbstverständliche Ansicht, man müsse beim Philosophieren nach objektiver Erkenntnis streben, weil dieses sonst zum endlosen Herumgerede gerate, stimmt so nicht. Vielmehr lässt das Argument, Philosophieren habe ohne die Ausrichtung auf objektive Erkenntnis keinen Sinn, den Umstand außer acht, dass viele Menschen im objektiven Wissen noch ganz andere Zwecke suchen als den, den es vordergründig zu haben scheint, nämlich: uns über die Wirklichkeit aufzuklären…

Jener Text, der meiner Kenntnis nach am besten zum Ausdruck bringt, was objektives Wissen für die Menschen ist und warum sie es anstreben, ist Theodor W. Adornos Vortrag „Philosophie und Lehrer“ im Band Eingriffe. Neun kritische Modelle, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1996, S. 29-53. Der Text ist zwar schon ein bisschen alt (aus dem Jahr 1961), aber wir werden keine Mühe haben, die Situation, die in ihm geschildert wird, wiederzuerkennen, besonders zumal die in ihm zum Ausdruck gebrachten Tendenzen sich in der Zwischenzeit sogar noch verstärkt haben. Mit anderen Worten: Dieser Text stimmt für heute vielleicht sogar noch mehr als für die Zeit, in der er verfasst wurde.

Adorno thematisiert darin eine Philosophieprüfung im Land Hessen. Diese Prüfung mussten Studenten absolvieren, die Lehrer werden wollten. Der Zweck der Prüfung bestand nicht darin, die Junglehrer mit einem zusätzlichen Fach, der Philosophie, zu belasten, sondern darin, „fest[zu]stellen, ob der Bewerber den Bildungssinn und die Bildungskräfte seiner Fachgebiete erfaßt hat und sie von den lebendigen philosophischen, pädagogischen und politischen Fragen der Gegenwart her zu betrachten versteht“ (S. 31-32) Anders gesagt, die Prüfer sollen herausfinden, ob die Lehramtskandidaten (von Kandidatinnen ist im Text nicht die Rede) ein bisschen über das nachdenken, was sie in ihrem Studium gelernt haben.

Wie reagieren nun die Prüfungskandidaten auf dieses Prüfungsdesign? Sie reagieren so darauf, indem sie unter allen Umständen zu vermeiden versuchen, sich dem Prüfer als denkende Menschen zu zeigen. Zu diesem Zwecke rekurrieren sie auf das objektive Wissen und auf das Fachwissen. Als ob sie damit sagen wollten: „Etwas auswendig Gelerntes herzusagen, kann man bei einer Prüfung von mir verlangen; aber niemand soll von mir verlangen zu zeigen, ob ich das Gelernte auch verstanden habe und etwas mit ihm anzufangen weiß!“ Die besondere Tragik und Ironie, die sich aus dieser Situation für einen Philosophielehrer wie Adorno (für den Philosophie „Bewusstsein des Geistes von sich selbst“ (S. 31), also der nachdenkende, sich selbst bewusste Mensch war) ergab, ist natürlich die, erleben zu müssen, wie Philosophie ausgerechnet von den Studenten zu einem Fachwissen gemacht wurde, nur um sich über dieses Fach beklagen zu können.

 

„Das Bewußtsein der in Rede stehenden Kandidaten sucht überall nach Deckung, Vorschriften, nach bereits Kanalisiertem; ebenso um in eingeschliffenen Bahnen sich zurechtzufinden, wie doch wohl auch, um den Gang des Examens selbst so zu normieren, daß eben jene Fragen unterbleiben, um derentwillen das ganze Examen da ist. Man begegnet, mit einem Wort, dem verdinglichten Bewußtsein. Das aber, die Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen und zu irgendeiner Sache frei und autonom sich zu verhalten, ist der offenbare Widerspruch zu all dem, was man vernünftigerweise und ohne Pathos unter dem denken kann, was in der Prüfungsordnung, als Zweck der höheren Schulen, ‚echte Geistesbildung’ heißt. Man gewinnt bei den Verhandlungen über die Themenwahl den Eindruck, als hätten die zu Prüfenden Brechts Satz „Ich will ja gar kein Mensch sein“ sich zur Maxime erkoren, auch und gerade wenn sie den Kategorischen Imperativ in seinen verschiedenen Fassungen auswendig gelernt haben. Die über die Zumutung des Faches Philosophie sich entrüsten, sind die gleichen, für die Philosophie nicht mehr bedeutet als ein Fach.“ (S. 39)

 

- So Theodor W. Adorno im Wortlaut. Ich denke, spätestens mit diesem längeren Zitat sind wir im Bilde, was die Situation betrifft, von der die Rede ist. Aus dem, was die Studenten respektive Prüfungskandidaten in ihr anstreben, lässt sich nur ziemlich gut ablesen, wofür „objektives Wissen“ steht. Auch wenn die folgende Liste nicht vollständig ist, so kann man doch mit Recht behaupten, objektives Wissen steht

 

  • für die Trennung von Wissen und Reflexion über das Gewusste;
  • für die Trennung des Menschen von seinem Wissen;
  • für die Trennung der Bestandteile des gewussten Wissens voneinander (Wissen kann, darf und soll also „Flickwerk“ sein)

 

Des Weiteren wendet sich objektives Wissen offenbar dezidiert gegen

  • die Idee der Bildung (weil Bildung ja immer nur eine Eigenschaft eines Menschen sein kann, nie aber eines des Wissens selber);
  • gegen die Idee des Menschen (Die Überzeugung, dass Wissen nur dann wahr sein könne, wenn es nicht davon abhängt, von wem es geäußert wird, findet hier seine Entsprechung in der von Adorno angesprochenen Haltung des „Ich will ja gar kein Mensch sein“.)

Freilich, man könnte nun sagen: „Die Studenten verhalten sich doch nur deshalb so, weil sie in der Prüfungssituation nach Sicherheit streben!“ Das ist zweifelsohne richtig – und war auch Theodor W. Adorno bewusst. Aber: Ich würde wirklich davor warnen wollen, deshalb alle anderen möglichen Ursachen für dieses Verhalten außer Acht zu lassen. Besondere Beachtung verdient dabei das unter den Menschen offenbar verbreitete, wenn auch nicht eingestandene, merkwürdige Bedürfnis, gar kein Mensch sein zu wollen. Es scheint sogar der Schlüsselpunkt unter den von mir aufgelisteten „Zwecken“ des objektiven Wissens zu sein. Alle anderen (Trennung des Wissens von seiner Reflexion, Trennung des Wissens vom Menschen, Trennung des Wissens voneinander, Desavouierung des Bildungsbegriffs) scheinen nur Mittel zu sein, die ihm dabei helfen, seinem Ziel näher zu kommen.

Wie dem auch sei. Die weiterführenden Spekulationen sind unsicher. Die Situation, mit der wir es hier zu tun haben, wenn wir sie auf ihre wesentlichen Bestandteile zurückführen, gibt verlässliche Auskunft: Wir haben es hier mit einer Prüfung zu tun, die nachsehen soll, ob die Kandidaten Menschen (denkende Wesen) sind. Die Prüfungskandidaten jedoch wehren sich aus irgendeinem Grund heftigst gegen diese Zumutung, indem sie Zuflucht nehmen beim objektiven Wissen. Dieses hat gegenüber dem menschlichen Wissen den Vorteil, dass es nicht reflektiert, sondern nur gespeichert werden muss. Speichern aber ist etwas, das ein Computerchip auch kann. Somit präsentieren sich die Kandidaten dieser Prüfung selbst mit Absicht und offenbar sogar mit gutem Gewissen – als Dinge.

Und sie könnten das natürlich nicht tun, wenn sie sich damit nicht auf eine heute herrschende allgemeine Übereinkunft beziehen würden: Jene, dass Wissen heute nicht mehr gewusst und verstanden, sondern nur noch gespeichert werden muss, damit es Wissen sei. Voilà eine weitere Bestimmung von objektivem Wissen: Objektives Wissen ist jenes Wissen, bei dem wir nur danach fragen, ob es gespeichert ist oder nicht, abrufbar ist oder nicht. Objektives Wissen kann in einer Schuhschachtel sein, in einem Computer oder in einem Studenten – und es ist überall in der gleichen Form. Denn objektives Wissen ist einfach da. Oder es ist nicht da.

Permalink 25.01.11    7 Kommentare »

Gemeinhin wird unter Erleuchtung

die Verschmelzung menschlichen Bewußtseins

mit dem göttlichen Bewußtsein verstanden.

Wahre Erleuchtung jedoch findet statt,

wenn eingesehen wird,

daß es so etwas wie Bewußtsein

weder in menschlicher noch in göttlicher Form,

sondern lediglich als Wort gibt.

Es gibt sichtbare und unsichtbare Gedanken.

Die unsichtbaren halten wir für Geist,

die sichtbaren für Materie.

Doch es gibt weder Geist noch Materie. -

Nur Physiker, die ihren eigenen Gedanken

im Teilchenbeschleuniger nachjagen.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

sind deckungsgleich.

Sie sind ein und dasselbe.

Die einzige Wahrnehmung,

welche sich in unserem Kopf befände,

wenn wir nachschauen würden,

wäre die eines Gehirns.

Ist die Raumzeit etwas an sich Existierendes?


Für Kant sind Raum und Zeit Formen der Anschauung, die unserem Denken vorgegeben sind. Kant verwirft Newtons These von Raum und Zeit als an sich bestehenden Dingen (Klassiker der Philosophie II, hg. Otfried Höffe, C.H. Beck Verlag 1981, S.20).
Auch ich neige zu der Auffassung, dass Zeit nichts an sich Existierendes ist, sondern etwas, was wir mit unserem Denken an die Welt herantragen. Was es in der Welt gibt, sind Dinge und Ereignisse, und mit unseren Zeitbegriffen bringen wir Ordnung in die Ereignisse. Da gibt es eben ein Vorher und ein Nachher, einen Anfang und eine Ende, eine Vergangenheit und eine Zukunft. Statt eines in die Zukunft gerichteten Zeitpfeils (bei dem man sich fragen müsste, ob er eine kausale Wirksamkeit hat) kann man sich Koordinaten in Richtung Zukunft und in Richtung Vergangenheit vorstellen, auf denen wir die Ereignisse abtragen, wobei wir auch die Abstände zwischen den vergangenen und den zu erwartenden oder möglichen künftigen Ereignissen feststellen können. Wir messen die Zeit mit Uhren und Kalendern. Es gibt jedoch keine Stunden, Tage und Jahre, sondern das sind Maßeinheiten, die wir an die Ereignisse herantragen. Dabei ist es verständlich und naheliegend, dass wir die Drehung der Erde um sich selbst als Maßeinheit für den Tag und die Drehung der Erde um die Sonne als eine solche für das Jahr verwenden. Das ist aber nicht zwingend, siehe das islamische Jahr!
Nun sagen uns die Physiker, dass sich die Bewegung der Himmelskörper und auch die des Lichts nach der aktuellen Struktur(oder: der "Geometrie") der Raumzeit richtet. Die Physiker gehen davon aus, dass die Raumzeit etwas Existierendes ist, weil sie kausal wirksam ist. Mit dem Urknall sei die Raumzeit entstanden. Ich habe dazu meine eigene Meinung: Die Himmelskörper bewegen sich zwar nach der Struktur der Raumzeit. Die Raumzeit wird aber gleichzeitig durch die Massenverteilung dieser Körper geformt. Ich sehe die Raumzeit daher wie ein Naturgesetz, das die Bewegung der Körper in Relation zueinander beschreibt und - wie das bei Naturgesetzen so ist - Voraussagen ermöglicht. Die Raumzeit ist also nicht etwas, das von aussen auf die Bewegung der Körper einwirkt, ebenso wenig wie in der klassischen Mechanik das Gravitationsgesetz die wechselseitige Anziehung von  Körpern bewirkt. Die Körper ziehen sich halt entsprechend der Größe ihrer Massen an und das Gravitationsgesetz beschreibt das. Die Naturgesetze sind den Dingen gleichsam eingeschrieben, anders als etwa Rechtsvorschriften, die von Menschen gemacht werden und auf Menschen von aussen einwirken (und möglicherweise befolgt werden).


Permalink 17.01.11    2 Kommentare »

Unweltverschutzung

Mich wundert heute der Begriff der „Umwelt“. Bisher erschien er mir klar, seit heute sehe ich ein Problem darin. Dieses Problem lässt sich in etwa so formulieren: Wie sollen die Menschen dazu motiviert sein, ihre Umwelt zu schützen, wenn diese zugleich begrifflich ausgegrenzt wird. Denn der Mensch lebt ja nicht in seiner Umwelt, sondern in seiner Welt – wie groß auch immer diese Welt sich im Horizont des einzelnen Individuums ausnehmen mag.

Anders gesagt, das Wort „Umwelt“ scheint von sich aus schon auf aktuelle Probleme im Zusammenhang mit dem Umweltschutz oder der politischen Umweltbewegung hinzudeuten, die uns allen nur allzu bekannt sind: Indem es jene „Welt“ zu bezeichnen scheint, die um unsere gewöhnliche Lebenswelt „herum“ ist, meint es offenbar jene Blümchen und Bäumchen, die wir erst erreichen müssen, indem wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Stadt verlassen; oder es ist auf jenes „Gestrüpp“ gerichtet, das rund um die Autobahn herum wuchert, während wir selber auf die Autobahn konzentriert sind, die jetzt unsere Lebenswelt darstellt, indem sie unsere Aufmerksamkeit fesselt, während wir mit hoher Geschwindigkeit über sie drüberbrettern.

Zusammengefasst: Im Wort Umwelt selbst ist jener Bruch oder jene Differenz angelegt, die erklären kann, warum es in Wien Neubau, der Region in Österreich mit den wenigsten Grünflächen die meisten Anhänger der Grünen gibt: Ja, wenn der Umweltschutz „Weltschutz“ hieße, dann wäre es klar, dass wir unsere Lebenswelt schützen sollten. Aber da er eben Umweltschutz heißt, ist unsere Schutzmotivation auf dasjenige Gebiet gerichtet, das um Wien Neubau herum liegt in irgendeinem fiktiven noch unberührten „Außerhalb“. In einem Außerhalb, das es in Wirklichkeit nicht gilt, denn wenn wir immer dasjenige schützen wollen, das außerhalb unseres unmittelbaren Einflussbereichs liegt, dann werden wir am Ende gar nichts schützen. Das einzige, wozu der Begriff „Umwelt“ zu taugen scheint, ist für Produktmarketingkampagnen: Umwelt meint dann die saubere Umwelt etwa in den Alpen, wo „unsere“ Bauern wohnen und wo unsere sauberen Lebensmittel herkommen.

Aber wieso haben sich die Naturschützer eigentlich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben und nicht den Weltschutz oder Lebensweltschutz? Ist es wirklich ihr Anliegen, den Wald zu schützen, in den kein Mensch hineingeht und den zu schützen folglich kein Mensch motiviert sein wird, weil er nicht Teil seiner Lebenswelt ist und er ihn überhaupt nicht kennt?

Diese Problemerkenntnis hat mich wieder an frühe Kabarettprogramme von Lukas Resetarits erinnert. In einem aus den späten 70er oder frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts spricht er „von dem Neuen, das da jetzt ist“ und meint damit den „Umwelt“-Begriff, der zu der Zeit offenbar zum ersten Mal in den Medien aufgekommen ist und noch vielen Menschen unbekannt war. Und er verballhornt ihn auch gleich gehörig: „Unwelt“ sagt er statt „Umwelt“ und „Unweltverschutzung“ statt „Umweltverschmutzung“. Ein Schelm, wer sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass diese Begriffe durch die Verballhornung nicht vielleicht sogar richtiger werden und besser das treffen, was ihr eigentlicher Inhalt ist: Eine Welt, die für uns eine „Unwelt“ ist, weil sie gar nicht zu unserer Lebenswelt gehört, soll „verschutzt“, also zugleich geschützt und vor uns verschlossen werden, um ein idyllisches Außerhalb zu jenem verschmutzen Lebensraum darzustellen, in dem wir unser Leben zubringen.

In den frühen 80er Jahren gab es ja dann die Debatte um das Donaukraftwerk Hainburg, in der Lukas Resetarits seine Figur sagen ließ: „Kollega sagt“, Strom sei ihm lieber als „Frosch im Gatsch“. Hier haben wir alles versammelt, was der Begriff der „Umwelt“ auszusagen scheint: den Frosch als ein abstoßendes Tier und den Gatsch als eine grausliche, unsaubere Lebenswelt, der man entfliehen möchte. Es ist klar, dass dem Menschen in dieser Situation elektrischer Strom wichtiger sein wird als Umweltschutz.

Aber mir scheint diese Reaktion der Kabarettfigur von Resetarits eher die Folge einer logisch-begrifflichen Operation zu sein, die ihr mittels des „Umwelt“-Begriffs von außen, von den Medien her, aufgedrängt worden ist, denn naheliegende Gedanken des Hausverstands des gewöhnlichen Bürgers: Wenn die Umwelt begrifflich zuerst aus dem Bereich der Welt hinausexternalisiert wird, der mich interessieren kann, wie soll sie mich dann hinterher interessieren? Sie wird mir „Frosch im Gatsch“ sein, also etwas, das mich nicht interessiert und das zu schützen ich auch keine Interessen habe.

Es wäre interessant diesen Gedanken jetzt noch weiterzuspinnen und zu schauen, welche Einflüsse er auf die verschiedenen Systemtheorien hat: Wollen wir uns mit der Differenz von System und Umwelt zufrieden geben? Und was beinhalten diese Begriffe, wenn wir miteinbeziehen wollen, dass der Mensch immer schon in einer Welt lebt, die dann folglich entweder dem Systembegriff oder dem Umweltbegriff zugezählt werden muss? Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

Nicht ich denke, sondern Wollen denkt.

Nicht ich will, sondern Denken will.

Wollen denkt und Denken will. -

Ich, Selbst, Gott,

Bewußtsein, Erinnerung, Vorstellung.

Das alles sind lediglich Passwörter,

welche sich dieser anonyme, wechselwirkende Prozeß ausstellt,

um als autonomes Subjekt durchzugehen.

Die Suche nach der Weltformel ist nichts anderes

als der von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuch

eines Gottesbeweises mit physikalischen Mitteln.

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