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JE HÄUFIGER DIE FORMEL

VOM ICH ALS KONSTRUKTION DES GEHIRNS

WIEDERHOLT WIRD,

UMSO NACHDRÜCKLICHER STELLT SICH DOCH DIE FRAGE,

WAS, BITTE SCHÖN, EIN SUBSTANTIVIERTES PERSONALPRONOMEN

DENN SONST SEIN SOLL?

BEWUSSTSEIN LÄSST SICH NICHT DEFINIEREN,

DA ES NICHTS GIBT,

WAS UNABHÄNGIG DAVON IST.

DIESER GEDANKE

DENKT

SICH SELBST.

REFLEXION. - 

SPRACHE SUCHT HALT

UND GREIFT INS LEERE,

WO SIE ENTSPRINGT.

ICH

IST EIN WORT

WIE JEDES ANDERE.

ES TAUCHT AUF

UND VERSCHWINDET.

DAS,

WORIN ES AUFTAUCHT,

IST WORTLOS.

TROTZ ALLER BILGEBENDEN VERFAHREN

KONNTE IM GEHIRN

NOCH KEIN BILDGEBENDES VERFAHREN NACHGEWIESEN WERDEN.

AN EINEM STOCKDUNKLEN ORT

SIND EIGENTLICH AUCH KEINE BILDER ZU ERWARTEN.

ES SEI DENN,

MAN SITZT IM KINO.

Gedanke: Vielleicht wird die zunehmende Verwissenschaftlichung der Wissenschaft den Leuten die Wissenschaft austreiben

Vor einigen Tagen sprach ich mit einem Mann, der einige Jahre älter ist als ich und in seiner Jugendzeit ebenfalls Philosophie studiert hatte. Konrad Paul Liessmann halte er für einen guten Philosophielehrer, meinte er, aber für keinen „Wissenschaftler des Jahres“. (Liessmann hatte von einem Journalistenkreis die Auszeichnung „Wissenschaftler des Jahres 2006“ erhalten. Mein Bekannter wollte damit eindeutig zum Ausdruck bringen, dass Liessmann in seinen Augen und seinen Kriterien gemäß kein guter oder bewunderungswürdiger Wissenschaftler sei. Aber, entgegnete ich ihm, es komme doch nicht darauf an, was er von Liessmanns Wissenschaftlichkeit halte, sondern darauf, was die anderen über sie dächten, diejenigen, die ihn zum „Wissenschaftler des Jahres“ gemacht hätten. Wir müssten uns bewusst sein, gab ich zu bedenken, wenn wir hier sitzen und miteinander sprächen, dass unsere Meinungen – und auch unsere Sachargumente bezüglich der Wissenschaftlichkeit oder Nichtwissenschaft von etwas oder jemandem – nicht zählten. Aber das wollte er nicht einsehen. Er wird wohl auch weiterhin fortfahren, über Dinge und Personen zu urteilen, die auf sein Urteil nicht hören und beachten werden.

In diesem Zusammenhang kam mir folgender wahrscheinlich optimistische Gedanke: Zurzeit gibt es noch sehr unterschiedliche Wissenschaftskulturen, die sich auf einer Skala von sehr wenig organisiert bis total durchorganisiert einordnen lassen. Wenn die Philosophie nach wie vor zu den eher weniger organisierten Fächern gehört, so ist es in den organisiertesten Wissenschaften möglich, dass ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin seine oder ihre jährliche Leistung genau in Punkten angeben kann und auch der wissenschaftliche Output seines oder ihres gesamten Wissenschaftlerlebens lässt sich quantifizieren und bringt zu jedem aktuellen Zeitpunkt zum Ausdruck, welchen Platz in der Rangfolge der WissenschaftlerInnen in seinem oder ihrem Fach er oder sie gegenwärtig einnimmt. Also man kann dann z.B. sagen: Dieser Wissenschaftler oder diese Wissenschaftlerin ist in seinem oder ihren Fach Nr. 11 der Weltrangliste. Mich fasziniert diese totale Durchorganisierung der Wissenschaft und zwar auch deswegen, weil sie völlige Klarheit in die Sache bringt: Jemand, der in diesem System nicht in wissenschaftlich anerkannten Zeitschriften publiziert und dafür anerkannte Impact-Punkte bekommt, und jemand, der nicht in der Weltrangliste der WissenschaftlerInnen seines Fachs aufscheint, wird nicht auf die Idee kommen, dass das was er oder sie macht, Wissenschaft sein könnte – und zwar egal was er oder sie macht: auch wenn es sich bei seiner oder ihrer Tätigkeit der Sache nach an und für um eine wissenschaftliche Tätigkeit handeln würde.

Denn das ist ja, glaube ich, das Problem mit meinem Bekannten: Er gehört einer Generation an, die noch inhaltlich dachte (und nicht organisationell). Er studierte in einer Zeit (in der 1968er-Zeit oder einige Jahre danach, er bezeichnet sich selbst dem Geiste nach als ein Mitglied der Flower-Power-Generation), die die Dinge hinterfragte und bei Wissenschaft z.B. nicht nur wissen wollte, was sie aktuell ist, sondern auch was sie sein sollte. Auch aus dem, was es dem Ideal nach sein sollte, ergibt sich für den inhaltlich denkenden Menschen, was ein Ding in Wirklichkeit sein sollte. Aber das bedeutet natürlich, dass man im Denken etwas tut, was in der realen Sozialwelt nie stattfindet: Man schwingt sich selbst zum Richter über die Wissenschaft ab und versucht, anhand von Sachargumenten darüber zu bestimmen, was Wissenschaft ist und was nicht.

Es besteht nun die Hoffnung, dass so denkende Menschen in der heutigen Zeit einfach stillschweigend durch die zunehmend sich organisierende Wissenschaft überholt werden: Indem sich immer mehr wissenschaftliche Fächer perfekt organisieren, alle wissenschaftlichen Leistungen in ihrem Fach quantifizieren und damit die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit von bestimmten Menschen zur Zunft der WissenschaftlerInnen vereindeutigen, wird inhaltlichen denkenden Menschen zunehmend der geistige Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem sie selber meinen und urteilen können, ob etwas wissenschaftlich ist oder nicht. Die Wissenschaft widerspricht ihnen also nicht direkt und nicht mit Sachargumenten, sondern sie entzieht sich ihnen und dem Zugriff ihres Denkens einfach stillschweigend durch den zunehmenden Grad ihres Denkens. Wenn dann in der Zeitung steht, dass Konrad Paul Liessmann z.B. der 11.-beste Wissenschaftler im Fach Philosophie weltweit ist, dann wird niemand mehr darüber nachdenken und diskutieren, ob Liessmann auch wirklich ein guter Wissenschaftler ist (nach den eigenen Kriterien von Wissenschaftlichkeit), sondern dann wird das als durch internationales Urteil objektiviert gelten.

Der Hintergrund meines Gedankens ist also, dass man sich doch nur dort eine eigene Meinung bilden will, wo ein Durcheinander herrscht, und die eigene Meinung hat die Funktion, sich in diesem Chaos zurechtzufinden. Der Gedanke selber aber lautet: Inhaltlich nachdenken zu dürfen darüber, was Wissenschaft ist oder sein sollte, ist für meinen Bekannten und andere inhaltlich denkende Menschen wie ihn wahrscheinlich der einzige Zugang zum Thema Wissenschaft und auch der einzige Ansporn, über Wissenschaft nachzudenken. Anders gesagt, dass es dem inhaltlich über Wissenschaft nachdenkenden Menschen sinnvoll erscheint, nach Argumenten dafür zu suchen, was und wie Wissenschaft sein sollte oder nicht, stellt für sie den Anreiz dar, überhaupt über Wissenschaft nachzudenken. Wäre dieser Anreiz nicht, würden sie sich über Wissenschaft überhaupt keine Gedanken machen.

Dieser Neigung zur inhaltlichen gedanklichen Beschäftigung mit der Frage: „Was ist Wissenschaft?“ – wird durch die zunehmende  Verwissenschaftlichung des Wissenschaftsbetriebs stillschweigend die Grundlage oder das Feld entzogen, auf der sie sich tummeln kann. Das könnte zur Folge haben, dass vielen Menschen die Wissenschaft aus ihren Köpfen ausgetrieben wird. Und das könnte sogar ein positiver Effekt sein, und zwar deswegen, weil man ja heute, wenn man über Wissenschaft redet, gar nicht recht weiß, worüber man eigentlich redet: Redet man über die real existierende Wissenschaft oder redet man über das im Kopf des Gesprächspartners/der Gesprächspartnerin existierende Bild von Wissenschaft, das er oder sie aus inhaltlichem Interesse am Thema Wissenschaft sich bemüßigt gefühlt hatte sich zurechtzuschustern. Immer also verdoppelt sich der „Gegner“ oder auch der Gegenstand der Diskussion, wenn man über Wissenschaft spricht, gespenstergleich und huscht mal in dieser mal in jener Gestalt durch das Gespräch und bringt es durcheinander. Die Ursache dafür, warum das so ist, liegt jedoch nur darin, dass viele Menschen immer noch glauben, das Recht zu haben, selbst über die Wissenschaft inhaltlich nachdenken und sich eine Meinung über sie bilden zu dürfen. Sobald die Wissenschaft sich perfekt durchorganisiert haben wird, werden sie sich einer klaren öffentlichen Meinung bezüglich der Wissenschaft gegenübergestellt sehen, deren Kraft sie empfinden und von der sie spüren, dass sie unendlich viel stärker ist als das eigene Meinen und sagen. Dieser klar zum Ausdruck gebrachten öffentlichen Meinung gegenüber werden sie die Sinnlosigkeit, sich eine eigene Meinung über die Wissenschaft oder die Wissenschaftlichkeit von etwas oder jemandem Konkreten zu bilden, empfinden.

Freilich wird das dann auch in gewisser Weise der Tod der Philosophie sein: Denn das Sachargument, das sich ein Individuum vor dem inneren Gerichtshof seiner Vernunft gebildet hat, wird dann jedenfalls beim Thema Wissenschaft völlig gegenstandslos geworden sein. Man wird dann also keine Sachargumente mehr vorbringen können, jedenfalls wenn man innerhalb der Organisation nicht in der Position dafür ist. Aber die Fronten wären dann wenigstens klar: Man wüsste dann, wo die Wissenschaft steht mit ihrer gewichtigen Meinung, und man wüsste, wo man selber steht mit seiner unwichtigen Meinung. Das Katz- und Maus-Spiel mit der sich in idealistischen Bildern in den Köpfen der Menschen verdoppelnden Wissenschaft hätte ein Ende.

Permalink 28.03.10    7 Kommentare »

DIE REDLICHSTE ART,

GOTTES ZU GEDENKEN,

WÄRE WOHL,

SICH DARAN ZU ERINNERN,

DASS SUBSTANZIELL GESEHEN

NICHTS UND NIEMAND

EXISTIERT.

Die Rolle der Macht in der gegenwärtigen demokratischen Welt

Link: http://www.philohof.com/philosophie/ethik/rezension_visotschnig-schrotta_dasSK-prinzip.pdf

Wirklich viel erklärt haben mir Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta in ihrem Buch „Das SK-Prinzip“ (es geht um systemisches Konsensieren) aus dem Jahr 2005 über die Verfasstheit unserer gegenwärtigen Welt und warum das Leben in ihr so unangenehm ist.

  Über dieses Buch habe ich gerade eine kleine Abhandlung oder längere Rezension geschrieben, auf die ich hiermit hinweisen will. 

Es ging mit bei meinen Betrachtungen darin weniger um Visotschnigs und Schrottas Lösungsvorschlag für die drängenden Probleme der heutigen Welt als um die Systemanalyse, die durch das Licht eines neuartigen Lösungsvorschlags ermöglicht wird.

  Kurz zum systemischen Konsensieren: Es handelt sich dabei um einen Vorschlag zur Weiterentwicklung des demokratischen Abstimmungsverfahrens. Statt einer Pro-Stimme für eine der zur Auswahl stehenden Alternativen kann jeder Wähler/jede Wählerin bis zu 10 Widerstandsstimmen (W-Stimmen) einer jeden kandidierenden Alternative geben. Das Ergebnis dies Abstimmungsprozesses ist ein bisschen ein anderes als in der Demokratie: Während in der Demokratie jene Alternative gewinnt, die die meisten am liebsten haben, gewinnt beim systemischen Konsensieren diejenige, bei der alle am wenigsten dagegen haben. 

Soviel zur Lösung, mich aber interessiert das Problem: Visotschnig und Schrotta zeigen schön auf, wie das demokratische Abstimmungsverfahren schon im Kleinen (das Beispiel ist die Urlaubsplanung in einem Unternehmen) zu Ressentiment und Feindschaft führt. Der Grund dafür ist der, dass es zu wenige Informationen transportiert: Es bringt zwar zum Ausdruck, welche die bevorzugte Alternative der Abstimmenden ist, aber z.B. nicht, wie viel oder wie wenig die WählerInnen gegenüber den anderen Wahlalternativen gehabt hätten. Durch seine zuspitzende Wirkung erzeugt das (herkömmliche!) demokratische Verfahren strahlende Sieger und zerknirschte, verletzte Verlierer (was nicht nötig wäre).

  Visotschnig und Schrotta schwingen sich zur Höchstform auf, wo sie zeigen, dass Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form zu Egoismus und zum Verlust von Werten in der Gesellschaft führt. Zu Egoismus deshalb, weil Demokratie nach dem Prinzip funktioniert: Wer am lautesten schreit und am meisten fordert, bekommt auch am meisten; wer hingegen zu leise ist, wird übergangen. Aufgrund dieses Prinzips sehen wir, wie unsere Öffentlichkeit von Gruppenegoismen dominiert wird (eine jede Berufsgruppe fordert, die Autofahrerklubs fordern, etc.) und auch der Einzelne lernt durch dieses Vorbild, dass er übersehen wird, wenn er nicht seine eigenen egoistischen Interessen über alles stellt. Zu Werteverlust führt Demokratie in ihrer gegenwärtigen systemischen Konstruktion deshalb, weil eine jede Partei dadurch selbst recht gut da steht, indem sie die Werte der politischen Gegner schlecht macht. Dadurch wird die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form zu einer große Schule der „Werte- und Werkezerstörung“. 

Beim systemischen Konsensieren wäre das anders: Da beim systemischen Konsensieren im Parlament eine (und zwar auch die größte) Partei nicht ohne die Hilfe der Opposition eine politische Abstimmung gewinnen könnte (weil sie bestrebt sein muss, deren Widerstand möglichst gering zu halten), müsste sie versuchen, ihren eigenen Vorschlag auch den oppositionellen Parteien schmackhaft zu machen. Dazu müsste sie nach Gründen suchen, die zeigen, dass der eigene Vorschlag auch den Werten der anderen Parteien entgegenkommt und für sie deshalb wählbar ist. Die große Hoffnung, die man letztlich mit dem systemischen Konsensieren verbinden kann, ist, dass über kurz oder lang durch dieses neue Abstimmungssystem eine andere Art von Politikern in die politischen Gremien kommt. Das wären PolitikerInnen mit anderen Charaktereigenschaften als bisher: Sie wären friedliebend und kooperativ orientiert und nicht länger kampfbesessen und machtorientiert, weil machtorientierten PolitikerInnen beim systemischen Konsensieren wenig Erfolg beschieden sein würde.

  Zudem wäre das systemische Konsensieren ein gutes Mittel gegen Politikverdrossenheit. Denn während das gegenwärtige demokratische Zustimmungsverfahren die einzelne Stimme tendenziell unwirksam werden lässt, wird beim systemischen Konsensieren, weil in ihm der Widerstand minimiert werden muss, die Einzelstimme aufgewertet. Der Bürger/die Bürgerin könnte also wieder das Gefühl haben, mit seiner/ihrer Stimme etwas bewirken zu können. 

Ich meine, man könnte das systemische Konsensieren ja durchaus einmal ausprobieren. Fasziniert war ich jedoch von den Fähigkeiten des Buchs zur Diagnose der gegenwärtigen Situation bis in ihre kleinsten Verästelungen hinein. Denn das Thema der „Demokratie“ betrifft ja nicht nur das politische System, sondern es betrifft genauso gut Entscheidungsfindungen in wirtschaftlichen Betrieben, privaten Vereinen oder sogar in der Familie. Denn für die meisten heutigen Entscheidungsfindungen stellt das demokratische Abstimmungsverfahren das Ideal an Gerechtigkeit dar. Visotschnigs und Schrottas Zeitdiagnose kann darum nicht nur die politische Ebene verständlicher machen, sondern sie erhellt das vom „Spaltpilz“ der Demokratie initiierte Gegeneinander auf allen Ebenen der Gesellschaft und zeigt uns die von der aggressiven Dynamik des permanenten Machtkampfes entstellten Charaktere unserer Mitmenschen.

  Ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Buch!

Permalink 25.03.10    1 Kommentar »

Eine Geschichte, die sich selbst erzählt.

Jeder von uns ist eine Welt. Diese Welt wird im Wachzustand durch Wahrnehmungen ins Leben gerufen. Die Wahrnehmungen des Sehens, Hörens, Tastens, Riechens und Schmeckens ordnen wir gewöhnlich der Außenwelt zu. Die Wahrnehmungen des Denkens, Fühlens, Erinnerns und Vorstellens verorten wir üblicherweise im Inneren unseres Körpers. Zusammengenommen bilden all diese Wahrnehmungen das, was wir als unsere Welt bezeichnen. Das heißt, alles, was in und um uns geschieht, ist Wahrnehmung.

Demnach kann es also keinen Denker geben, sondern nur Denken als Wahrnehmung. Ebensowenig kann es einen Handelnden geben, sondern nur Handeln als Wahrnehmung. Aber auch das vermeintlich von unserem Körper unabhängige Geschehen in der Außenwelt ist nichts als Wahrnehmung. Vor allem aber kann es in unserer Welt keinen Wahrnehmenden geben. Denn so intensiv wir auch in uns hineinforschen mögen, wir werden immer nur eins finden: Wahrnehmung, doch niemals einen Wahrnehmenden. Und auch in umgekehrter Richtung werden wir nicht fündig. Wir können noch so weit in den Kosmos hinaus- und noch so tief in die Materie hineinblicken. Niemals werden wir eine Substanz als Ursache unserer Welt entdecken. Es werden stets Wahrnehmungen sein, die unsere Welt ausmachen. Und sie werden nicht tiefer oder umfassender sein als andere. Sie werden immer nur das sein, was gerade ist. Und das, was gerade ist, wird immer nur durch unsere aktuelle Wahrnehmung definiert sein.

Aus alldem aber folgt, daß nichts an und für sich existiert, sondern nur als Wahrnehmung. Und Wahrnehmungen können nun einmal, wie bereits gesagt, keine Ursachen sein. Sie können nicht denken, nicht handeln, nichts bewegen. Sie können nicht einmal sich selbst bewegen. Sie sind einfach da. Und mittels der Sprache entsteht aus ihnen eine Welt aus Raum und Zeit, Kraft und Stoff, Geist und Materie, Ursachen und Wirkungen, Mitteln und Zwecken, Subjekten und Objekten, kurz das gesamte geordnete Universum mit uns selbst darin. Doch das alles ist nichts weiter als eine nützliche Fiktion, in der wir uns eingerichtet haben. Es gibt weder ein Universum, noch dessen Bewohner. Es ist nur eine Geschichte, die sich selbst erzählt. Ein Gedanke, der sich selbst denkt.

 

Generalverdacht gegen alle Institutionen des Vernünftigen

Link: http://derstandard.at/1268700792956/Kremsmuenster-Keine-Barmherzigkeit-fuer-die-Peiniger

Ich habe heute in der österr. Tageszeitung „Der Standard“ (und dann auf www.derstandard.at) mehrere Artikel über die persönlichen Erfahrungen von ehemaligen Schülern in Klosterschulen gelesen. Da war zuerst der Artikel von Guido Tiefenthaler über Kremsmünster, danach las ich jenen von Wolfgang Rosenthaler über das Stiftsgymnasium Seitenstetten, dann den von Walter Wick über das Franziskanerkonvikt Steyr (Aussagekräftiger Untertitel: „Sprechen verboten, Schlagen erlaubt“) und schließlich noch jenen von zwei ehemaligen Zöglingen Peter Schallhart und Gunter Jürschik über das Bundeskonvikt in Lienz, Osttirol. Das alles sind offenbar Reaktionen auf den Artikel (den ich auch noch las) von Josef C. Aigner (auch über Kremsmünster), der vor einer Woche im „Standard“ erschien und sich darüber beklagte, dass in der augenblicklichen öffentlichen Diskussion in Österreich über sexuellen Missbrauch durch Geistliche immer der Sex so sehr im Mittelpunkt stehe, es habe doch auch andere Formen von Gewalt gegeben.

Tatsächlich hat Aigner Recht, wenn einem büschelweise Haare ausgerissen werden, so ist das auch nicht nett. Am schlimmsten ist es aber wahrscheinlich, vor der Gewalt durch Autoritätspersonen oder Mitschüler Angst haben zu müssen – und in der Folge jene Verhaltensweisen sadomasochistischer Art, welche sich aus dieser Angst heraus entwickeln.

Mich haben diese Erfahrungsberichte sehr betroffen gemacht. Ich musste daran denken, dass ich schon als Kind die nüchterne, rationale und spaßlose Welt der Erwachsenen nicht begreifen konnte, welche mir die Kehle zuschnürte, sodass ich keine Luft bekam. Immer fragte ich mich: Wie können die Erwachsenen leben in dieser freudlosen Welt, die sie sich geschaffen haben und die sie uns Kindern als hehres und für uns unerreichbares Ideal hinstellten? Nun wahrscheinlich dadurch, indem sie sich bisweilen die gestrenge Krawatte abnahmen oder aus dem streng aussehenden Habit schlüpften und sich Erleichterung verschafften, durch sexuellen Missbrauch im schlimmsten Fall, durch sadistische Verhaltensweisen gegenüber Zöglingen oder Schülern im Normalfall.

Nach dieser Einleitung kann ich die Art meiner Bestürzung, die mich bei der Lektüre dieser Erfahrungsberichte beschlich, nun auch genauer kategorisieren: Es ist die Bestürzung über das, was man zu sehen bekommt, wenn man hinter die Fassade von Vernunft und Normalität blickt bzw. wenn etwas, so wie es jetzt gerade der Fall zu sein scheint, diese Fassade in einem bestimmten Bereich sprengt und man auch unfreiwillig zu sehen bekommt, was sich dahinter verbirgt. Was sich aber dahinter verbirgt, das sind nicht rohe ungehobelte Triebe, das ist nicht einfach Freuds chaotischer Druckkochtopf des „Es“, sondern es ist ein perfides und ausgeklügeltes System von Sadismus, von Leiden und Leiden machen. Und hier setzt mein – und deshalb schreibe ich diesen Text hier ja überhaupt – Verdacht gegenüber der Vernunft, gegenüber allem Vernünftigen, Ordentlichen, Statthaften, Normalen, Gesunden und Rechtschaffenen an, der bittere Verdacht, dass es (oft) nur dazu da ist, um etwas zu verbergen, um etwas Fürchterliches zu verbergen, so wie der Ruf dieser angesehenen Schulen und Internate offenbar dazu diente, um die fürchterlichen Vorgänge, die in ihnen Tag für Tag vor sich gingen, zu verbergen. Es sind aus dieser Überlegung her alle Einheiten und Institutionen, die sich selbst für vernünftig halten, unter Generalverdacht zu stellen, angefangen mit der Philosophie, der Wissenschaft, dem Staat, der Justiz und dem Schulwesen. Ebenso ist jeder zu verdächtigen, der selbst im Namen der Vernunft spricht. (Es mag ja sein, dass er wirklich im Namen der Vernunft spricht, aber woher wollen wir das wissen, ohne es überprüft zu haben?) Die Philosophie (als Institution, als akademisches Fach), die Wissenschaft, der Staat etc. – das sind alles Institutionen, die von sich selber behaupten, vernünftig zu sein und die bei den Menschen die Reaktion auslösen, in passiven Respekt zu verfallen, weil diese hochnoblen Einheiten doch sicher viel vernünftiger und auch intelligenter sind als wir Individuen. Doch es ist gefährlich, die Vernunft zu achten, weil man glaubt, dass sie vernünftig ist; die Anständigkeit zu ehren, weil man glaubt, dass sie anständig ist. Es gibt in der ganzen Welt keine Vernunft außer dort, wo wir sie selbst überprüft haben und eingesehen haben und zugestehen, dass es dort Vernunft gibt. Und daher gibt es auch auf der ganzen Welt keine größere als die von uns Individuen. Und das gilt selbst dann, wenn es eine größere Vernunft gibt als die unsere (z.B. in Gestalt der Wissenschaft, die es schafft ihre Leistungsfähigkeit ungemein durch ihre Organisation zu erhöhen), aber wir können uns einfach in dieser Menschenwelt auf nichts verlassen als auf uns selber. Wir sind allein wie Internatsschüler in Kremsmünster, wenn die Nachtruhe kommt und damit das Sprechverbot.

Permalink 19.03.10    8 Kommentare »

 

WAHRNEHMUNG ALS UNDENKBARKEIT

Einmal angenommen: die Welt besteht aus Wahrnehmungen, die durch Gehirn und Sinnesorgane hervorgebracht werden. Dann müssen Gehirn und Sinne als Teil dieser Welt ebenfalls Wahrnehmungen sein. Als Wahrnehmungen könnten sie aber keine anderen Wahrnehmungen hervorbringen. Daraus folgt, daß es nicht das Gehirn ist, in welchem die Wahrnehmung der Welt entsteht.

Nur ein Medium, das nicht Teil der wahrgenommenen Welt ist, könnte diese wahrnehmen. Wenn dieses Medium aber per definitionem nicht Teil der wahrgenommenen Welt sein darf, wie könnte es diese dann wahrnehmen? Das Problem ist also einerseits: Etwas, das Teil der Welt ist, kann diese nicht wahrnehmen, da die Welt immer aus Wahrnehmungen besteht. Und eine Wahrnehmung kann nun einmal keine Wahrnehmung haben. Andererseits: Etwas, das nicht Teil der Welt ist, kann diese ebenfalls nicht wahrnehmen, da es ja keine wie auch immer geartete Verbindung zu dieser Welt unterhalten kann. Sonst wäre es ja wieder ein Teil von ihr.

Dieses Problem resultiert nicht etwa aus irgendwelchen Spitzfindigkeiten, sondern es offenbart nichts anderes als die Unhaltbarkeit unseres Wahrnehmungsbegriffs. - Der Begriff der Wahrnehmung beinhaltet immer auch den Begriff der Abbildung. Und dieser wiederum unterstellt zweierlei. Zum einen ein Original, von dem es gilt, sich ein Bild zu machen. Zum andern dieses Bild selbst. Daraus aber ergibt sich das Konzept einer zweigeteilten Welt, die uns in dieser Form nirgendwo begegnet. Es gibt nur dieses eine unteilbare Geschehen, das sich hier und jetzt offenbart. Da ist keine Spur von einem Objekt, daß durch ein Subjekt dargestellt würde. All das sind Konzepte, die wir der ungeteilten Wirklichkeit unterlegen, um uns selbst zu erschaffen. Doch diese illusionäre Schöpfung unserer selbst ist, wie oben gezeigt, nur um den Preis der Undenkbarbeit zu haben.

Philosophie ist nicht wissenschaftlich und nicht unwissenschaftlich

Eine Erkenntnis wird mir in der letzten Zeit immer deutlicher: dass ich nicht in die Wissenschaft gehöre.

  Denn mit welchen Einsichten aus meinem philosophischen Nachdenken auch immer, mit denen ich komme, begegne ich bei Wissenschaftlern und wissenschaftlich orientierten Philosophen immer zumindest zwei kommunikativen Ansprüchen. Sie fahren mir ins Gesicht mit der Frage, ob das, was ich vorbringe, Neuigkeitswert hat für die Menschheit und implizieren damit zugleich den Anspruch, man müsse in einer wissenschaftlichen Kommunikation gleichsam alle übrigen Denker und Forscher überholen, um überhaupt etwas sagen zu dürfen. 

Der eine Anspruch also ist „neues Wissen für die Menschheit“, den anderen nenne ich „Weltmeisterei in der Erkenntnis“. Beide sind gegenüber einer philosophischen Kommunikation an sich nicht gerechtfertigt – nur scheint das heute niemand mehr zu bemerken.

  Ich produziere kein neues Wissen für die Menschheit, das weiß ich. Und wenn ich es dennoch tue, dann höchstens akzidentiell, niemals substantiell. Der Vorwurf, den ich also bisweilen schon erlebt habe, dass das, was ich vorbringe nicht neu sei, geht völlig an mir vorbei. Er geht völlig an meinem Anspruch beim Philosophieren vorbei, und er geht, wie ich meine am Anspruch der Philosophie insgesamt vorbei. Denn warum sollte es nicht Philosophie sein, z.B. einen Gedanken von Platon, Descartes oder Nietzsche zu wiederholen, ihn noch einmal zu denken und ihn dadurch erneut zum Leben zu erwecken? Das bringt vielleicht der Menschheit nichts oder (unmittelbar) noch nichts, dem philosophierenden Individuum aber kann das alles bringen. Und der Standpunkt der Menschheit ist ja auch nicht der der Philosophie, sondern jener des Individuums: Man nennt das den existentialistischen Standpunkt. 

Genau dasselbe gilt für die Weltmeisterei: Warum sollte ich nur dann etwas sagen dürfen, wenn ich etwas weiter, genauer und besser erkannt habe als alle anderen Menschen? Einem Menschen, der heute versucht, sein philosophisches Nachdenken fruchtbar zu machen, wird in der Kommunikation häufig implizit unterstellt, er wolle sich mit seiner Mitteilung an die Weltspitze stellen oder beanspruche einen der vordersten Plätze in der Wissenschaft. Dieser Anspruch ist absurd, weil es beim Philosophieren in erster Linie um die Tätigkeit des Philosophierens geht und erst in zweiter Linie um deren Ergebnisse. Anstatt also ihn zu fragen: „Was ist das Neue an deiner Erkenntnis und was ist seine Relevanz für die ganze Gesellschaft?“ – sollte man ihn lieber fragen: „Welche Bedeutung hat dieser Gedanke für dich und welche Fortschritte ermöglicht er in deinem persönlichen Denksystem?“ Denn die Relevanz für die Gesellschaft oder für die ganze Welt ist völlig gleichgültig für die Philosophie, wenn nicht durch das Philosophieren im Individuum ein eigenes Denksystem, eine persönliche Denklandschaft entsteht. Das Nichtentstehen einer solchen persönlichen Denklandschaft, also das Nichtentstehen von Philosophie im individuellen Menschen würde bedeuten, den existentialistischen Standpunkt zu verfehlen, welcher der philosophische Standpunkt ist.

  Ich glaube, die hohe Wertschätzung der Wissenschaft heute beruht auf folgendem Denkfehler: der Meinung, dass die Gesellschaft wir alle sind. Genauer: dass etwas, was der Gesellschaft nützt, unmittelbar und in genau demselben Ausmaß auch den Individuen hilft, welche Mitglieder dieser Gesellschaft sind. Aber diese Meinung ist falsch: Was der Gesellschaft nützt, kann unter Umständen auch nur sehr mittelbar oder sogar gar nicht dem einzelnen Individuum nützen, um das es uns beim Philosophieren geht. Aus dieser Meinung über die Identität der Nutzenstiftung für Gesellschaft und Individuum folgt die Haltung: Wenn uns die Wissenschaft rettet, brauchen wir uns nicht zu retten (Wenn die Wissenschaft erkennt, brauchen wir nicht zu erkennen; wenn die Wissenschaft denkt, brauchen wir nicht zu denken etc.). Die Wissenschaft ist damit keine kleine Gefahr für die individuelle Erkenntnis, was im Übrigen Kant schon angemerkt hat in seinem Aufsatz über die Aufklärung: Wenn ein Buch für mich weiß, wenn ein Arzt für mich die Diät bestimmt, wenn ich mich Fachwissen anvertraue, ohne zu versuchen, es selbst mit meinem Verstand zu durchdringen, bin ich unmündig. 

Um es mit einem noch drastischeren Beispiel zu sagen: Wenn Jürgen Habermas (um nur irgend einen bekannten Superdenker zu nehmen) eine tolle philosophische Erkenntnis macht, von der alle denken, dass sie die Menschheit um einen Schritt voranbringt, muss man diese philosophische Meisterleistung dann als solche wertschätzen? Ich würde sagen: Nein! Denn ob die Erkenntnis von Habermas die Philosophie (als Disziplin) insgesamt oder die Menschheit vorangebracht hat, ist kein Maßstab für ihre philosophische Qualität. Damit, dass man die Menschheit rettet, rettet man keine einzige menschliche Seele – und nur um Letzteres kann es beim Philosophieren gehen, andernfalls verfehlt man den existentialistischen Ausgangspunkt allen Philosophierens. Wenn andererseits Habermas’ philosophische Meisterleistung irgendeinen anderen Menschen dazu bringt, mit dem Philosophieren aufzuhören, weil er sich denkt, er selbst sei kein so guter Philosoph und man solle das Philosophieren den philosophischen Weltmeistern überlassen, dann ist der Schaden, den Habermas in der Philosophie angerichtet hat, absolut. Denn Philosophie wird aus dem Blickwinkel des Individuums betrachtet, und wenn ein einziger Mensch zu philosophieren aufhört, weil er durch seine Mitmenschen entmutigt ist, so ist das ein Verlust von 100%, Totalschaden.

  Philosophie ist also nicht wissenschaftlich, kann nicht wissenschaftlich sein, weil es ihr um etwas ganz anderes geht als der Wissenschaft. Während Wissenschaft darin ihr Ziel erblickt, neues Wissen für die Menschheit zu gewinnen, ist das Ziel der Philosophie, im Menschen etwas zu erwecken, das man „Geistesleben“ nennt und das ihm hilft, die Welt und sein Leben bewusst wahrzunehmen. Philosophie darf/sollte meiner Meinung nach aber auch nicht unwissenschaftlich sein, also mit keinem Schritt in das Gebiet von Esoterik und blinden Glauben an Wunderheilungen oder irgendwelche geheimnisvollen Kräfte eintreten, weil man sich dadurch ja genau das wiederum selbst benimmt, was man durch das Philosophieren eigentlich erreichen wollte: sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen. 

Damit stehe ich vor dem großen Problem, wie man Erkenntnisse nennen soll, die nach wissenschaftlichen Kriterien wahr sind, aber weder einen Neuigkeitswert haben noch die Menschheit vom jetzigen Ausgangspunkt einen Schritt voranbringen (und ihren Entdecker dadurch zu einem wissenschaftlichen Star machen)??? Um solche Erkenntnisse geht es mir nämlich beim Philosophieren. Bislang hätte ich ja gedacht, dass sie zumindest auch nicht unwissenschaftlich sind. Aber wenn die Ansprüche wissenschaftlicher Kommunikation auf Schritt und Tritt Neuigkeitswert und Weltmeisterei fordern, dann sind wissenschaftliche Wahrheiten, die nicht neu sind, offenbar doch keine wissenschaftlichen Wahrheiten, oder? Es ist nur die Frage, was sind sie dann? Müssen wir zwischen „wissenschaftlich“ und „nichtwissenschaftlich“ eine dritte begriffliche Alternative bilden, um ein Wort zu haben für alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht mehr brandneu sind?

  Tatsache ist, dass man heute einen rational denkenden und nicht zur Esoterik neigenden Menschen in der wissenschaftlichen Diskussion nicht mehr mitmachen lässt. Man lässt ihn nicht mehr mitmachen, weil man ihn mit Neuheits- und Weltmeistereiansprüchen konfrontiert, denen zu entsprechen dieser nicht im Entferntesten die Absicht hat. Schon eigenartig, oder? Sind wir etwa in einer neuen irrationalen Epoche angekommen? Da hilft auch alles Erklären nichts. Es hilft zum Beispiel nichts, den Leuten zu erklären, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis, die bereits gemacht worden ist, deshalb noch lange nicht „existiert“ und problemlos verfügbar ist, weil Wissen, das in wissenschaftlichen Büchern oder Artikeln vorhanden ist, deshalb noch lange nicht in den menschlichen Köpfen ist (wo es einmal hinmuss, um überhaupt „Wissen“ sein zu können). Es hilft auch nichts, die Funktion von Philosophie zu erklären, welcher in ihrer Gestalt als tätige Philosophie (Philosophieren als Philosophieren) immer wieder der Vorwurf gemacht wird, „bloß therapeutische Interessen zu verfolgen“, indem man den Leuten erklärt, dass „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“ ganz einfach eine Grundfunktion des menschlichen Lebens ist, die ausgeführt werden will, egal ob sie jetzt therapeutisch heilsam ist oder nicht so sehr heilsam ist. Sie erkennen im „Sich-seines-eigenen-Verstandes-Bedienen“ ganz einfach keinen Sinn und sind daher nur bereit, dem Nachdenken Sinn zuzugestehen, wenn es Neuheitswert für die ganze Welt hat und Weltmeisterei ist. 

Wie ich das sehe, ist der rationale Diskurs zwischen vernünftigen Individuen heute eigentlich durch überzogene kommunikative Ansprüche von Seiten der Wissenschaft unmöglich geworden – und das ist der Grund warum ich nicht in die Wissenschaft gehöre. Ist nur das Problem, wo ich sonst hin soll – in der Esoterik und der Religion werden sie mich auch nicht nehmen.

Permalink 16.03.10    5 Kommentare »

Ist Denken eine Funktion des Gehirns?

Wenn der Mensch denkt, dann ist sein Gehirn aktiv. Es ist klar, dass das Gehirn und nicht etwa das Herz oder die Lunge das dafür zuständige Organ ist und dass sich das Denken normalerweise nicht ohne materielle Basis im Körper des Menschen vollzieht. Kann man aber einfach sagen, dass Denken eine Funktion des Gehirns ist? Denken ist doch ein geistiger Vorgang, und wenn man es auf materielle Abläufe wie das Feuern der Synapsen in einem Gehirn zurückführt, dann könnte es seine ontologische Eigenständigkeit gegenüber diesen Abläufen und damit seine spezifische Würde verlieren. Man könnte geneigt sein zu sagen, dass Denken letzlich nur ein materieller Vorgang ist. Das wäre aber eine verfehlte Betrachtungsweise:

Die Funktion des Gehirns, wenn der Mensch denkt, ist nicht nur eine physikalische, elektrochemische oder neurobiologische, sondern auch eine geistige Funktion, so wie die Funktionen anderer Organe biologische  und nicht etwa nur physikalische oder chemische Funktionen sind. Das Herz, die Leber, die Lunge, die Beine: alle haben eine eigene biologische Funktion. Es handelt um Funktionen auf einer gegenüber den physikalischen und den chemischen Abläufen höheren Ebene. Es wäre verfehlt zu sagen, dass es sich bei den biologischen Abläufen nur um physikalische oder chemische Abläufe handelt. Der Physiologe könnte dann abdanken und dem Physiker oder Chemiker das Feld überlassen. Nein, die biologischen Funktionen haben ihre ontologische Eigenständigkeit gegenüber den Funktionen der elementareren Ebenen (aus denen sie gleichwohl konstituiert werden). Die geistige Funktion des Gehirns ist als zusätzliche Funktion im Verlauf der Evolution zu den physikalischen, chemischen und rein biologischen Funktionen hinzugekommen und es wäre sinnlos, ihr eine ontologische Eigenständigkeit abzustreiten.

Die Hirnforscher als Neurophysiologen können sich nicht darauf beschränken zu untersuchen, welche Neuronen im Gehirn vorhanden und mit welchen Neuronen diese in welcher Weise verbunden sind, sondern sie müssen sich auch damit befassen, was sich mental ereignet, wenn die Synapsen feuern. Genau das tun die Hirnforscher, wenn sie Gehirne scannen. Sie untersuchen dann die geistige Funktion des jeweiligen Gehirns.

Nichts ist falsch an der Aussage, dass Denken eine Funktion des Gehirns ist.

Wie kann man eigentlich einen Beitrag leisten?

Wenn ich in einer soziologischen Zeitschrift veröffentlichen wollte, so ist mir unlängst gesagt worden, dann müsste ich mich in die Literatur der die jeweilige Zeitschrift bestimmende Theorieschule einlesen und mir überlegen, welchen Beitrag ich zu der in dieser Zeitschrift laufenden Diskussion leisten könnte.

Diese Botschaft schnürte mir den Hals zu, denn freilich möchte ich gern einen Beitrag leisten, jeder will gern einen Beitrag leisten, aber es macht sich eben doch unmittelbar in einem der Eindruck breit, dass ein Beitrag in dem Maße, in dem er mehr zum Beitrag zur Diskussion in der jeweiligen Zeitschrift würde, genau dadurch aufhören würde, mein Beitrag zu sein.

Denn, wie gesagt, jeder möchte gerne seinen Beitrag leisten, deshalb hört sich das ja auch so selbstverständlich und unschuldig an, wenn jemand sagt, man hätte seinen Beitrag zu leisten (sonst ginge es nicht), aber was bedeutet das eigentlich, wenn man dazu aufgefordert wird, einen Beitrag zu leisten? Es bedeutet, dass sie, die anderen bestimmen, was ein Beitrag ist und was keiner ist – und dass nicht du die Möglichkeit hast, es zu bestimmen.

Mir ist nun nicht verständlich, wie man auf dieser Grundlage seinen Beitrag leisten kann, denn es ist auf ihr z.B. nicht möglich, die bereits laufende Diskussion zu erweitern. Was aber, wenn mein Beitrag genau darin bestünde, dass ich meine, die in dem Journal bereits laufende Diskussion sei zu eng und sollte um diese Position oder jene Aspekte erweitert werden? Ganz klar, man wird nicht erkennen und auch nicht anerkennen, dass dasjenige, was aus meiner Sicht ein Beitrag zur laufenden Diskussion ist, auch tatsächlich einer sein könnte.

Das Problem dabei ist, dass meine Motivation, einen Beitrag zu einer Diskussion zu leisten, ja auch davon abhängt, dass es mein Beitrag ist, den ich leiste. Wenn ich mich derart verbiegen muss, dass ich meinen Beitrag nicht mehr als den meinen identifizieren kann, fehlt mir die Kraft, mich durch die Arbeit durchzuwühlen, die notwendig ist, diesen Beitrag zu erstellen.

Und auch hier, auf philosophieblog.de bin ich ja hauptsächlich deshalb, weil ich meine, hier meinen Beitrag einbringen zu können. Damit ist gemeint, dass ich dasjenige, was ich für einen notwendigen und wichtigen Beitrag halte, in eine Diskussion einbringe, wobei freilich klar ist, dass einige oder sogar viele derjenigen, die vor mir schon da waren, meinen Beitrag gar nicht wollen, etwa deswegen, weil sie meinen, Philosophie sollte in eine andere Richtung gehen.

Die Forderung, einen Beitrag zu leisten, wie ich sie jetzt aus dem Mund eines soziologischen Wissenschaftlers, aber wohl stellvertretend für alle Wissenschaften, gehört habe, beinhaltet – unausgesprochenerweise – dass mein Beitrag aufhöre, mein Beitrag zu sein, um Beitrag in der Wissenschaft sein zu können. Damit übersieht man, dass etwas genau deshalb ein wichtiger und essentieller Beitrag zu einer Diskussion sein könnte, weil und obwohl die Diskussionsteilnehmer diesen Beitrag nicht als Beitrag akzeptieren wollen würden. Dürfte er trotzdem da sein, hätte er die Möglichkeit, die gesamte Diskussion zu erweitern und zu modifizieren, bzw. sie eventuell auch aus erreichten Sackgassen herauszuführen.

Mir scheint, das kommt daher, weil man heute so leichtfertig vom Beitrag spricht, den ein jeder zu leisten habe und sich nicht überlegt, was ein Beitrag eigentlich ist.

Permalink 03.03.10    13 Kommentare »

Normatives und idealistisches versus realistisches Wissenschaftsbild

Manchmal macht es auch bei mir „klick“ und das Denken bewegt sich einen Schritt nach vorne. So geschehen unlängst bei einer Diskussion mit Besucher Johannes hier auf philosophieblog.de. Ich fand mich nämlich mit ihm darüber diskutieren, wie Wissenschaft einer Idealvorstellung nach sein sollte und wie sie in Wirklichkeit halt manchmal oder auch öfter leider nicht ganz ist. Dem Ideal nach sollten alle beherzt rationale Diskussionen führen, in Wirklichkeit diskutieren sie bisweilen nicht. Und ich sah mich in der Situation, dass ich mich auf den Bereich einer realistischen Sicht der Wissenschaft zurückgezogen hatte, während ich meinem Diskussionspartner freie Hand ließ im Feld, wie Wissenschaft sein sollte. Bis es dann eben „klick“ machte – und der Gedanke, den ich dann hatte, besagte: Man kann doch heute gar nicht mehr Wissenschaft, wie man sie sich im abstrakten Raum oder auf dem weißen Papier vorgestellt hatte, dass sie sein sollte, mit dem vergleichen, wie sie ist und dem Idealbild leider nicht 100prozentig entspricht, weil: Von dem, wie man sich vorstellen könnte, dass Wissenschaft sein sollte, kann man nie zu dem kommen, wie Wissenschaft heute in der Realität tatsächlich ist. Da führt keine Brücke hinüber, da ist ein Abgrund dazwischen. Das ist der eigentliche Grund, warum man heute zuerst einmal die Wissenschaft betrachten muss, wie sie real ist, um nämlich eine Antwort auf die Frage zu finden, was Wissenschaft heute überhaupt ist – weil das, was Wissenschaft heute ist, kaum mehr was mit dem zu tun hat, was man sich ehedem darunter vorstellte oder was man sich überhaupt vom Stand weg oder in einem leeren Denkraum unter Wissenschaft vorstellen könnte.

Irgendwann früher einmal stellte man sich unter Wissenschaft die Suche nach wahren und gehaltvollen Erklärungen vor. Aber diese Vorstellung beinhaltet ja z.B. nicht, dass derartige Erklärungen heute neu sein müssen, weil Wahrheit allein nicht genügt. Wenn eine Wissenschaftstheorie sich also in der Hauptsache damit beschäftigt, wie man Erkenntnisse macht, die dann auch wahr, objektiv überprüfbar und gehaltvoll sein sollen, dann geht sie zumindest schon zur Hälfte an der Sache vorbei, um die es eigentlich geht. Denn Wissenschaft interessiert sich nicht für wahre Erkenntnisse, wenn diese nicht neu sind (sie interessiert sich übrigens auch nicht für alle neuen). Dann das ganze impact-Punkte- und Zertifizierungswesen, das gab es ja früher nicht. Alles muss sich heute vor der Gesellschaft rechtfertigen und wird in seinem Wert und seiner Bedeutung quantifiziert und hierarchisiert. Diese neue Einrichtung hat mit Wissenschaft als Idee von vornherein einmal unmittelbar nichts zu tun, aber sie ist heute bestehende, waltende Realität, und sie wirkt zurück auf die Wissenschaft, indem sie ihren Charakter verändert, und zwar verändert sie diesen Charakter so stark, dass aus der Wissenschaft selbst etwas qualitativ ganz Anderes und ganz Neues geworden ist.

Hier liegt der Grund, warum es mich müde macht, beim Thema Wissenschaft über Rationalität, Intersubjektivität, Wahrheit, geeignete Methoden, gehaltvolle Erklärungen und die Öffentlichkeit wissenschaftlicher Auseinandersetzungen zu diskutieren. Alle diese Punkte sind in Wirklichkeit schon lang gegessen und stellen keinen sinnvollen Gegenstand der Diskussion mehr dar. Sie sind gegessen, weil sie zu jenem schönen, aber überkommenen Vorstellungsuniversum gehört, in welchem die Wissenschaft nach wahren, objektiven Erkenntnissen sucht und zufrieden gestellt ist, wenn diese Erkenntnisse sich auch tatsächlich als wahr erweisen. Aber dieser Vorstellungshorizont hilft uns kein bisschen dabei zu verstehen, was jetzt gerade in der Wissenschaft abläuft und wozu Wissenschaft heute geworden ist. Es hilft uns nichts dabei, diese große soziale Maschine Wissenschaft zu verstehen, wie sie in den letzten 100-150 Jahren gewachsen ist und die in den letzten Jahrzehnten in ihren Größendimensionen geradezu explodiert ist.

Der größte Fehler der herkömmlichen Wissenschaftsmodelle liegt wahrscheinlich darin, dass sie von einem Individuum ausgehen, welches mit sich durch Überlegen zu einer Entscheidung kommt, welche Option nun der Wahrheit entspricht und dann von einer kleinen Gruppe (Intersubjektivität!), in welcher Leute gleichsam um einen Tisch sitzen und sich rational darüber verständigen, welcher Erkenntnis das Privileg zukommen darf, als wissenschaftlich wahr zu gelten. Der Unterschied zur heutigen Situation liegt darin, dass heute die Größendimensionen wissenschaftlicher Forschung, also die schiere Riesenzahl der Forscher, Verständigung unmöglich macht, weil es so viele Stimmen gibt, dass die einzelne nicht mehr gehört werden kann. Die Impact-Punkte, die Reihung von Zeitschriften etc., all das sind bereits Versuche, um auf diese Situation zu reagieren, um Mittel zu finden, um mit ihr zurechtzukommen. Es können eben nicht mehr alle Stimmen gehört werden, sondern nur noch einige wenige, das sind jene, die in den am höchsten bewerteten Journalen publizieren dürfen. Man ist gezwungen, die Meinungsvielfalt und die inhaltliche Vielfalt zu reduzieren. Dadurch verliert die einzelne Stimme an Wert: Es wird ihr nicht mehr zugehört, weil sie Stimme ist und meint, etwas zu sagen zu haben, sondern weil sie dort und dort jenen privilegierten Publikationsraum sich errungen hat. Die Vorstellung, dass heute in der Wissenschaft oder in der Philosophie noch diskutiert wird, haben wir, scheint mir, doch nur daher, dass es einige prominente Wissenschaftler gibt, die auch in den nichtwissenschaftlichen Medien vorkommen und die uns den Eindruck vermitteln, dass im Grunde die Stimme des Menschen noch zählt, dass der Mensch von seinen Mitmenschen auch heute noch gehört wird. Aber das Wesentliche der Moderation der wissenschaftlichen Diskussion durch die scientific community besteht ja gerade darin, der menschlichen Stimme ihren Wert zu nehmen und Diskussion und Verständigung zu ersetzen durch etwas, an dem mehr Personen teilnehmen können und das mechanischer, mathematischer abläuft als Verständigung. Das gilt auch für das Ergebnis dieses Prozesses: Stand am Ende eines Verständigungsprozesses Einsicht bei den Beteiligten, so ist es heute das pure Faktum des sich Durchgesetzt-Habens im großen internationalen Publikationsprozess, welches eine Erkenntnis zur wissenschaftlich erwiesenen Erkenntnis nobilitiert.

Das alles schreibe ich nur, um damit zu sagen: Es ist mein Sinn, die Fehler der Wissenschaft zu suchen, wenn ich mich auf ein realistisches Wissenschaftsbild konzentriere. Es geht mir nicht darum, Flecken auf dem Gewand der Wissenschaft zu finden, indem ich sage: Immer behaupten die Wissenschaftler so sehr, rational zu sein, und hier zeigt sich, dass noch ganz andere, nicht rationale Aspekte im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle spielen. Es geht mir also nicht darum, normatives oder idealistisches und realistisches Wissenschaftsbild gegeneinander zu halten – sondern es geht mir darum zu sagen, dass wir von der heutigen Wissenschaft, so wie sie ist, zu normativen oder idealistischen Wissenschaftsvorstellungen gar nicht zurückkönnten. Da führt kein Weg zurück. Und aus dem Grund sind die Ungereimtheiten in der Wissenschaft oder ihre Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen ForscherInnen, wie ich sie bisweilen in meinen Texten darstelle, auch keinerlei Defekt der Wissenschaft. Es geht darum zu begreifen, dass wir heute mit einer jeden Vorstellung von der Art: Wissenschaft sollte rational, sollte objektiv, sollte intersubjektiv, sollte öffentlich, sollte wertfrei etc. sein auf dem Holzweg sind, weil alle diese Adjektive die Größendimensionen von heutiger Wissenschaft und die inneren Strukturen ihrer Organisation nicht mehr fassen und auch nicht mehr zum Ausdruck bringen können. Es geht heute nicht mehr um die Frage: Wie macht man es, damit eine Erkenntnis wahr und objektiv und nicht verbohrt oder esoterisch ist – das ist eine triviale Frage. Die eigentliche Frage der Wissenschaft ist: Wie komme mich mit meiner Erkenntnis (von der wir mal ausgehen wollen, dass sie objektiv und wahr ist) in ein angesehenes wissenschaftliches Journal hinein? Hier wird sich zeigen, dass Wahrheit und Objektivität der Erkenntnis nur ein Kriterium unter vielen weiteren ist.

Also nochmal: Beim Thema der Wissenschaftlichkeit von objektiver Wahrheit, von wissenschaftlichen Methoden oder auch von der Intersubjektivität und Öffentlichkeit wissenschaftlicher Diskussionen zu sprechen, lenkt nur vom Thema ab, um das eigentlich ginge: Was ist dieser gesellschaftliche Moloch Wissensschaft, und was will er (außer, dass er wahre, gehaltvolle Erkenntnisse will, was, wie ich ausgeführt habe, für unsere Diskussion nicht weiter interessant ist)?

Permalink 24.02.10    22 Kommentare »

Supervenienz und Identität im Geist-Materie-Verhältnis

Supervenienz und Identität im Geist-Materie-Verhältnis

In unserer Welt gibt es Geistiges: Gedanken, Theorien, Meinungen, Bücher, Filme, Kunstwerke, Musik u.v.a.. Auch das Psychische ist geistig: Freude, Trauer, Schmerzempfinden, Hunger, Begehren, Eifersucht u.v.a.. All die körperlichen Dinge, die uns umgeben, die Pflanzen, die Tiere und wir Menschen selbst sind aus Materie aufgebaut. Zur Materie im weiteren Sinn kann man zählen, was Gegenstand der Physik ist: auch Kraftfelder, elektromagnetische Schwingungen, Strings (falls es sie gibt).
Wie verhalten sich nun Geist und Materie zueinander? Bedarf der Geist einer materiellen Grundlage, um in unserer Welt konkret zu existieren und kausal zu wirken? Gibt es kausale Verursachung im Verhältnis zwischen Geist und Materie?
Man kann von Beobachtungen ausgehen: Bücher bestehen nicht nur aus ihrem Inhalt, sondern auch aus Papier, Druckerschwärze und Einband, Kunstwerke aus Leinwand, Farbe, Stein u.a.; Musik ist auf Papier gedruckt, auf Tonträgern gespeichert oder erklingt auf der Basis von Schallwellen... Und wenn wir Menschen etwas denken oder empfinden, dann gibt es - das wird heute von kaum noch jemand bezweifelt - entsprechende materielle Vorgänge im Neuronengeflecht unseres Gehirns.
Es gibt also bei all diesen Dingen – will man nicht von rein immateriellen Dingen wie vielleicht Engel, Dämonen, freischwebende Seelen ausgehen – einen Zusammenhang zwischen Geist und Materie. Wie dieser beschaffen ist, dafür gibt es in der Philosophie des Geistes verschiedene Auffassungen, wovon hier nur Supervenienz und Identität angesprochen werden sollen:

Supervenienz
Das Wort kommt von engl. to supervene = hinzukommen. Die Vorstellung ist, dass materielle Strukturen auch geistigen Eigenschaften aufweisen, die eben dazukommen (oder, s. „super“, oben drauf kommen). Bei einem geschriebenen Satz kommt der geistige Inhalt des Satzes zu Papier und Tinte hinzu. Erklingt eine Melodie, dann haben wir nicht nur in bestimmter Weise strukturierte Schallwellen, sondern auch Musik. Bei einem Gedankenvorgang in einem Menschen folgen nicht nur physische Zustände des Gehirns aufeinander, sondern es ereignet sich auch auch etwas Geistiges. Eine Schmerzempfindung ist nicht nur ein neuronaler Vorgang, sondern auch etwas Psychisches.
Kennzeichnend für die Supervenienz ist nun, dass sich geistige und psychische Inhalte nur dann ändern können, wenn sich die zugrundeliegenden materiellen Strukturen entsprechen ändern, ferner, dass zwei Personen, die - in einem Gedankenexperiment - als in ihren physischen Strukturen und Zuständen als hundertprozentig gleich gedacht werden, auch in mentaler Hinsicht vollständig gleich sein müssen; sie müsssen also die gleichen Gedanken und Empfindungen haben.
Es spricht Vieles dafür, dass zwischen geistigen und materiellen Dingen solche Supervenienz-Verhältnisse bestehen. Wenn ich den Inhalt eines geschriebenen Satzes ändern will, dann muß ich die Buchstaben ändern... Wie kann man aber diese enge Verbindung erklären?

Identität
Eine mögliche und m.E. die plausibelste Erklärung der Supervenienz-Verhältnisse ist, dass geistige Vorgänge gleichzeitig materielle Vorgänge sind, dass das also Vorgänge sind, die sowohl geistige als auch materielle Eigenschaften haben und die trivialerweise trotz ihrer gegensätzlichen Eigenschaften mit sich selbst identisch sind.
Identisch sind nicht die mentalen und die physischen Eigenschaften; die sie kennzeichnenden Eigenschaftswörter besagen ja Unterschiedliches, und Identität setzt ja absolute Eigenschaftsgleichheit voraus.
Identisch sind auch nicht Typen von geistigen oder mentalen Inhalten mit Typen von materiellen Strukturen. Geistige Inhalte können nämlich in unterschiedlicher Weise durch Materie realisiert werden: Ein Buch kann in unterschiedlichen Ausgaben gedruckt, ein bestimmtes Computerprogram in unterschiedlicher Hardware installiert werden. Wenn Menschen einen bestimmten Gedanken denken, werden die in ihren Gehirnen ablaufenden neurophysiologischen Vorgänge nicht hundertprozentig gleich sein (unterschiedliche Synapsenverbindungen aufgrund der jeweiligen individuellen Vorgeschichte, Unterschiede bei Männern und Frauen oder bei menschlichen Rassen u.a.). Eine bestimmte Schmerzempfindung kann z.B. bei Reptilien oder bei (fiktiven) Marsmenschen anders realisiert sein als bei Menschen. Die sog. Typen-Identitätstheorie ist daher zurecht in den Hintergrund getreten. Das schließt aber nicht aus, dass im Einzelfall geistige Inhalte mit materiellen Strukturen zu Einheiten verbunden sind (vgl. die sog. Einzelvorkommnis- oder Token-Identitätstheorie). Diese Einheiten sind kausal wirksam, wobei auch der jeweilige geistige Gehalt kausal relevant ist (ein Problem, das bisher als ungelöst oder gar nicht lösbar gilt!).

Permalink 17.02.10    7 Kommentare »

Philosophie im 21. Jahrhundert: eine Vorstellung von „Jungert, M.; Romfeld, E.; Sukopp, T.; Voigt, U.: Interdisziplinarität: Theorie, Praxis, Probleme. Darmstadt: WBG 2010.“

Link: http://www.wbg-wissenverbindet.de/WBGShop/php/Proxy.php?purl=/wbg/products/search/show,8834,sukopp.html#8834

„Interdisziplinarität“ ist zu einem der zentralen Begriffe gegenwärtiger akademischer Bestrebungen geworden: ich habe bereits hier ein wenig über den Zusammenhang von Philosophie und Interdisziplinarität bzw. die Notwendigkeit interdisziplinärer Vernetzungen für die Philosophie geschrieben. Nachdem diese Ausführungen zwangsweise sehr kurz gehalten wurden, möchte ich heute auf einen neuen Sammelband hinweisen, der sich eingehend mit dem Begriff der Interdisziplinarität beschäftigt und damit auch einen unmittelbaren Beitrag leistet, das Wesen und die Aufgaben der Philosophie im 21. Jahrhundert darzustellen.

Die Herausgeber Michael Jungert, Elsa Romfeld, Thomas Sukopp und Uwe Voigt versuchen (und – das kann ich vorwegnehmen – schaffen es auch bzw. legen die notwendigen Grundlagen für eine spätere abschließende Behandlung), der oft fehlenden Präzision bzw. Systematik in der mitunter inflationären Verwendung des Interdisziplinaritätsbegriffs Rechnung zu tragen und (siehe Klappentext) „prinzipielle Fragen und konkrete Probleme der interdisziplinären Arbeit zu klären“. Zweck und Wesen der Interdisziplinarität zu analysieren und darzulegen ist in den Augen der Herausgeber – und hier schließe ich mich in vollem Umfang an – eine wichtige Aufgabe der Philosophie (und hier insbesondere der Wissenschaftstheorie). Dem eigenen Anspruch nach liegt – an dieser Stelle sieht man, dass ein durchaus realistisches und keineswegs utopisches Ziel verfolgt wurde – mit dem Band noch „nicht die zunehmend als längt überfällig geforderte wissenschaftstheoretische Monographie zur Interdisziplinarität vor“, sondern eine Sammlung von grundlegenden Überlegungen, hinter die man im Sinne eines gewünschten Fortschritt in Zukunft nicht mehr zurückfallen sollte. Formal zeichnet sich der Sammelband selbst durch eine klare, dreigliedrige Aufteilung aus: den Einstieg bilden philosophisch-wissenschaftstheoretische Vorklärungen (4 Aufsätze), gefolgt von einem Blick auf die Praxis (5 Aufsätze), dem sich als Abschluss  Überlegungen zu Problemen der Interdisziplinarität (3 Aufsätze) anschließen. Für ihr anspruchsvolles Projekt konnten die Herausgeber neben Klaus Mainzer für das Geleitwort mehrere Autoren gewinnen, darunter weitere philosophische Schwergewichte wie z.B. Ian Hacking, Bernulf Kanitscheider, Hilary Kornblith und Gerhard Vollmer.

Bereits im Geleitwort von Klaus Mainzer wird deutlich, weswegen Interdisziplinarität (insbesondere für ein auf Innovationsdynamik angewiesenes Land wie Deutschland) zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben so wichtig ist: Innovationen hängen oftmals maßgeblich von transdiszipliner Forschung ab und etliche der gegenwärtigen Probleme lassen sich nicht mehr in die überholten traditionellen Fach- und Fakultätsgrenzen pressen – unmittelbar problemorientierte Forschung ist jedoch angesichts der Veränderungen in der Welt und einer damit einhergehenden notwendigen Anpassung wichtiger denn je. Beispiele für interdisziplinäre Forschungen sind u.a. in den Neurowissenschaften, der Robotik, der Umweltforschung oder der Risiko- und Komplexitätsforschung zu finden. In diesem wünschenswerten und bereits an vielen Stellen begonnenen Prozess kommt dabei der Philosophie als Ort der Begegnung der einzelnen Wissenschaften und als mahnende, leitende und kontrollierende Instanz eine zentrale Rolle zu. Dieses Plädoyer für ein modernes Verständnis von Philosophie, das jedoch auch deutliche Anleihen an ihrer eigenen Entstehungsgeschichte und – mit einem gewissen Universalitätsanspruch – ihrer ursprünglichen Intention hat, sowie der Appell zu mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit unter großer Berücksichtigung der möglichen Hilfestellung der Philosophie decken sich mit meinen Ausführungen zum Ursprung und zur Aufgabe der Philosophie – was, wenn man meine philosophische Herkunft betrachtet, nicht ganz verwunderlich ist ;-)

Eine umfangreiche inhaltliche Wiedergabe der Beiträge würde den Rahmen des Blogs eindeutig sprengen. Deswegen möchte ich mich im Folgenden größtenteils darauf beschränken, in groben Zügen die Gegenstände der jeweiligen Beschäftigung der Autoren aufzuzeigen. Dies dürfte für den Leser (des Blogs) insbesondere deswegen wichtig sein, weil so zum einen – wie ich hoffe – die Lust geweckt wird, sich eigenständig mit der Thematik zu befassen, und zum enderen auf diese Weise ein Überblick geliefert werden kann, welch breites Feld abgearbeitet werden muss, wenn man sich der Interdisziplinarität nähern möchte. Im Übrigen werde ich mich v.a. auf den Grundlagenteil, also den ersten Teil („Theorie der Interdisziplinarität“) des Buches konzentrieren – nicht, weil der Rest es nicht wert wäre, dass darüber ein wenig ausführlicher berichtet wird, aber ich kann hier ja keine 30 Din-A-4-Seiten schreiben…

Die philosophisch-wissenschaftstheoretischen Vorklärungen werden mit einem Beitrag von Michael Jungert eingeleitet: „Was zwischen wem und warum eigentlich? Grundsätzliche Fragen der Interdisziplinarität“. Jungert weist auf eine enorme „Diskrepanz zwischen Verwendungshäufigkeit und theoretischer Reflexion“ (S. 1) bzgl. des Interdisziplinaritätsbegriffs hin und bemängelt ebenfalls eine viel zu starke Zurückhaltung der bisherigen Wissenschaftstheorie hinsichtlich einer eingehenden Beschäftigung mit dem Phänomen der Interdisziplinarität. Das eigentliche Anliegen Jungerts ist die Skizzierung „einige[r] Bedeutungsfacetten und grundsätzliche[r] Problemdimensionen des Interdisziplinaritätsbegriffs“ (S. 1). Der erste Schritt dieses Unternehmens ist die Darstellung und Analyse verschiedener (und häufig uneinheitlich gebrauchter) Begriffe, die eng mit dem der Interdisziplinarität zusammenhängen und oftmals synonym dazu verwendet werden: Multi-, Pluri-, Cross und Transdisziplinarität. Zusätzlich werden bezugnehmend auf Heinz Heckhausen allein sechs unterschiedliche Erscheinungsformen der Interdisziplinarität selbst angeführt: Unterschiedslose Interdisziplinarität, Pseudo-Interdisziplinarität, Hilfsinterdisziplinarität, Zusammengesetze Interdisziplinarität, Ergänzende Interdisziplinarität und Vereinigte Interdisziplinarität. Spätestens auf Seite Sieben ist nun jedem Leser klar, weswegen ein solcher Band dringend notwendig war… Aber in welchem Zusammenhang kann im Falle der Interdisziplinarität von einer „Inter“-Relation gesprochen werden bzw. auf welchen Ebenen finden die entsprechenden disziplinübergreifenden Kooperationen statt? Hier werden fünf Möglichkeiten untersucht, die da wären: Gegenstände, Methoden, Probleme, theoretisches Integrationsniveau und Personen/Institutionen. In dem Eingangsaufsatz des Sammelbandes wird der Vollständigkeit halber ebenfalls noch kurz auf die (wissenschaftsexternen und wissenschaftsinternen) Motive und Gründe von Interdisziplinarität eingegangen – eine eingehendere Behandlung (deswegen die Kürze) mit dieser Thematik findet im Band jedoch an späterer Stelle statt.

Thomas Sukopp widmet sich im zweiten Aufsatz des Bandes der Thematik „Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Definitionen und Konzepte“. Hierbei kommt es ihm vor allem auf das Erreichen von terminologischer Klarheit an, weswegen er sich insbesondere mit Begriffserklärungen von „Interdisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ beschäftigt und damit einhergehend entsprechende (nicht vorhandene) Kooperationsformen untersucht. Zu Beginn seiner Ausführungen legt Sukopp dar, wie Interdisziplinarität zwar oft gefordert, aber trotz des (oftmals anzutreffenden) grundsätzlichen Wunsches der Beteiligten selten tatsächlich betrieben wird. Als Gründe für dieses auf den ersten Blick ambivalente Verhalten der verschiedenen Wissenschaftler werden Schwierigkeiten in der konkreten Zusammenarbeit angeführt, wie z.B. disziplinspezifische Methoden, eigene Sprachen, „disziplinäre Weltbilder bzw. Paradigmen, die als unhintergehbar gelten bzw. nicht angetastet werden“ (S. 15) oder etwa unüberbrückbare Differenzen hinsichtlich des eigenen Charakters bereits in einer einzelnen Disziplin für sich (dass diese Differenzen und damit Schwierigkeiten nicht weniger werden, wenn mehrere solcher Disziplinen miteinander arbeiten sollen, kann man sich leicht vorstellen). Aus den Schwierigkeiten einer konkreten interdisziplinären Zusammenarbeit ergeben sich nun zwingend Grenzen der Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf zeigt Sukopp auf, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in vielen Fällen (z.B. aus heuristischen oder methodologischen Gründen) überhaupt nicht notwendig und damit wünschenswert ist. Dies geschieht – das kann man sich bei der Intention des Bandes denken – jedoch keineswegs in einer grundsätzlich ablehnenden Haltung der Interdisziplinarität gegenüber, sondern in einer wohl überlegten Darstellung bzgl. der (im weiteren Sinne) epistemischen Notwendigkeit und real praktikablen Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes geht Sukopp konkret auf die Bedeutung und die unterschiedlichen Definitionen bzw. Verwendungen von Inter- und Transdisziplinarität ein. In diesem Zusammenhang mokiert er sich bei der Klärung dessen, was Inter- und Transdisziplinarität nicht ist, völlig zu Recht über mit Hilfe von Fragebögen gewonnene Ausführungen, die beispielsweise von Transdisziplinarität als „Dilettantismus in Bereichen, die man nicht beherrscht“ oder als ausschließlich von Personen aufgestellte Forderung, „die nicht selbst wissenschaftlich arbeiten“ (S. 18), sprechen. Zu den eingangs erwähnten objektiven Schwierigkeiten bzgl. einer interdisziplinären Zusammenarbeit kommen also offensichtlich an vielen Stellen auch völliges Unverständnis und Scheuklappendenken dazu. Sukopp geht einen vernünftigen Weg, wenn er einer Reihe von fragwürdigen und teilweise beschämenden, und damit die fruchtbare Zusammenarbeit weiter behindernden, Definitionsversuchen den Wunsch nach einer klaren Definition bzw. Explikation gegenüberstellt – umso besser, dass er diesem Wunsch gleich selbst nachkommt. Um überhaupt den Interdisziplinaritätsbegriff vernünftig fassen zu können, widmet sich Sukopp zunächst einer differenzierten Darstellung der Begriffe „Fächer“, „Disziplinen“ (man beachte hier den Unterschied!) und „Disziplinarität“. Auf diesem nun gelegten Fundament aufbauend werden schließlich verschiedene Formen der Inter- und Transdisziplinarität (bezogen z.B. auf Methode oder Theorie) sowie deren Voraussetzungen geklärt. An dieser Stelle werden auch einige der zuvor erwähnten Schwierigkeiten, die einer interdisziplinären Zusammenarbeit möglicherweise im Weg stehen können, relativiert (z.B. hinsichtlich der Forschung an den Grenzen einer Disziplin).

Uwe Voigt beschäftigt sich mit „Interdisziplinarität: ein Modell der Modelle“. Voigt beklagt in seinem Beitrag als erstes, dass eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema „Interdisziplinarität“ bis jetzt (z.B. von Seiten der Wissenschaftstheorie) viel zu selten stattgefunden hat – und liefert sogleich eine detaillierte mögliche Erklärung, welche die Ursachen hierfür in einer unzureichenden Reflexion bzgl. modellhafter Darstellungen der Beziehungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen sieht. So müssen diese „Modelle erst einmal als solche erkannt“ werden, um „sie zu analysieren und auf dieser Grundlage nach ihrer jeweiligen Brauchbarkeit [zu] fragen“ (S. 32). Im nächsten Schritt geht Voigt der Frage nach, was konkret wissenschaftliche Disziplinen sind und wie diese sich aufeinander beziehen können. Nach der grundsätzlichen Klärung, ob es überhaupt wissenschaftliche Disziplinen gibt, stellt sich – bei einer Bejahung – die Frage nach der Anzahl (vgl. z.B. den Wiener Kreis und die „unity of science“). Von Konzepten einer Einheitswissenschaft ausgehend werden plurale und pluralistische Modelle behandelt, mit Hilfe derer sich als unberechtigt empfundene „reduktive oder eliminative Ansprüche seitens einer vermeintlichen Einheitswissenschaft zurückweisen lassen“ – um den Preis der Aufgabe der Einheit des Wissenschaftsbegriffs. Gerade vor dem Hintergrund der gewünschten Interdisziplinarität ergeben sich dann möglicherweise Probleme, was in pluralistischen Modellen auf Grund der gegenseitigen Beziehungslosigkeit die gegenseitig Akzeptanz als „Wissenschaft“  anbelangt – man denke z.B. an die im englischen Sprachraum übliche Unterscheidung von „sciences“ und „humanities“. Aus den pluralistischen Modellen könn(t)en wieder monistische erwachsen. Ein weiteres Problem pluralistischer Modelle ist die Tatsache, dass de facto eine wechselseitige Abgrenzung weder immer gegeben, noch mitunter sinnvoll oder gar möglich ist (vgl. z.B. Kuhn). Mit dem Konzept von „Kontaktmodellen“ wird nun dem Umstand der gegenseitigen Beziehung zwischen Wissenschaften Rechnung getragen. Die Kontakte können sich nun auf einen gemeinsamen Gegenstandsbereich oder auf eine gemeinsame Methode beziehen. Erfolgversprechend scheint bzw. schien hier insbesondere ein nicht-hierarchisches Methoden-Kontakt-Modell, „wonach die Beziehungen zwischen den Disziplinen nicht von einer einzigen Methode gestaltet werden, sondern darauf beruhen, dass die einzelnen Disziplinen spezifische Ausprägungen einer Methode verwenden und gerade dadurch auf wechselseitige Ergänzung angewiesen wie auch zu ihr befähigt sind“ (S. 41f.; man beachte z.B. die Rolle der Systemtheorie in Ökonomie, Spieltheorie, Soziologie, Primatenforschung etc. und die Zusammenarbeit dieser Disziplinen bei dem Bemühen, sozial intelligente Roboter herzustellen). Trotz dieser vermeintlich eindeutigen Durchschlagskraft von Methoden-Kontakt-Modellen muss im Sinne Feyerabends vor einer Überbewertung des Stellenwerts der Methode für Wissenschaften gewarnt werden: der Wechsel bzw. die Modifikation der Methode mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns ist ein wesentlicher Grundzug wissenschaftlichen Arbeitens. Was nun? Voigt plädiert – nach der Absage an Gegenstands-Kontakt-Modelle und Methoden-Kontakt-Modelle – für ein Kooperations-Kontakt-Modell, das zwar den Einfluss von Gegenstand und Methode auf das wissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt, aber noch darüber hinausgeht, denn „[j]enseits dieser Momente bleibt noch das wissenschaftliche Arbeiten als solches, das sich in interdisziplinären Beziehungen jeweils konkret als Kooperation vollzieht“ (S. 42). Aus den Versuchen der Wissenschaften, Wissen zu gewinnen, ergibt sich die Bestimmung gegenseitiger Ergänzung. So stellt interdisziplinäre Kooperation die wechselseitige Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin dar und wird zum konstitutiven Faktor von Wissenschaft überhaupt.

Gerhard Vollmer geht der Frage „Interdisziplinarität – unerlässlich, aber leider unmöglich?“ nach. Vollmer beginnt mit einem mir sehr sympathischen Thema, indem er auf die Komplexität der Welt und (fast aller) ihrer Teilsysteme verweist – und aus dieser Komplexität der Welt leitet er (nachvollziehbarerweise) die Notwendigkeit der Interdisziplinarität ab. In Bezug auf die Interdisziplinarität zwischen mehreren Wissenschaften wird gezeigt, dass oft die einzelnen Wissenschaften nicht unterschiedliche Teile, sondern verschiedene Eigenschaften einheitlicher Systeme bearbeiten. Zudem gibt es etliche Grenzfälle, bei denen eindeutige Zuordnungen nicht möglich sind und die aus diesem Grund einer interdisziplinären Herangehensweise bedürfen. Vollmer beschreibt anschließend den Zusammenhang zwischen der evolutiven Zunahme von Komplexität realer Systeme und den sie beschreibenden Wissenschaften. Mit einer immer stärker ausgeprägten Verfeinerung des Spektrums der Disziplinen entstehen aus benachbarten Disziplinen nun mehr und mehr Brückendisziplinen wie z.B. Biophysik, Neurolinguistik oder Wirtschaftsgeografie. Hinsichtlich gelungener Interdisziplinarität werden Musterbeispiele präsentiert – sowohl, was einzelne Personen als auch Interdisziplinarität zwischen mehreren Personen anbelangt. Schwierigkeiten, die der Interdisziplinarität im Wege stehen können, teilt Vollmer in vier Gruppen auf: Interdisziplinarität erfordert viel Wissen, Interdisziplinarität erfordert Vereinfachungen (die aber zu Verfälschungen führen), Interdisziplinarität führt zu Verständnisschwierigkeiten und zu Missverständnissen und Interdisziplinarität leidet unter Selbstüberschätzung einer oder mehrerer Parteien (man schaue sich nur einmal das Schwanitz-Buch „Bildung – alles, was man wissen muss“ näher an). Vollmer zeigt in seinem Aufsatz v.a. zweierlei: dass Interdisziplinarität notwendig ist – aber auch, dass sie schwierig ist und mit viel Anstrengung betrieben werden muss.

Bei den restlichen Aufsätzen beschränke ich mich, wie bereits gesagt, auf die Nennung von Autor und Thema: man sieht schon hieran deutlich, welch ausführliche Behandlung die Interdisziplinarität erfahren hat – und was es alles zu beachten gilt, wenn man sich diesem Komplex möglichst umfassend nähern möchte. Im Bereich „Praxis der Interdisziplinarität“ finden sich 5 Aufsätze. Ulrich Frey schreibt über „Im Prinzip geht alles, ohne Empirie geht nichts – Interdisziplinarität in der Wissenschaftstheorie“. Hilary Kornblith befasst sich mit „Erkenntnistheorie und Kognitive Ethologie“ und Berthold Schweizer mit „Vom Fehler im Gegenstand zur Theorie über den Gegenstand: Wissenschaftstheorie und interdisziplinäres Arbeiten“. Bernulf Kanitscheiders Aufsatz ist in meinen Augen in doppelter Weise interessant: „Epikur als Wegbereiter einer interdisziplinären Ethik“ ist zum einen ob seines Inhalts lesenswert, zum anderen sehe ich persönlich Kanitscheider immer als eine Art „Epikur der Gegenwart“ bzw. Epikur als einen „Kanitscheider der Antike“ (gerade, was Naturphilosophie und Ethik anbelangt)… Elsa Romfeld klärt „Über die Rolle des Moralphilosophen in interdisziplinären Beratungsgremien“ auf. Im abschließenden Teil des Sammelbandes „Probleme der interdisziplinären Zusammenarbeit“ geht Winfried Löffler der Frage „Vom Schlechten des Guten: Gibt es schlechte Interdisziplinarität?“ nach. Thomas Potthast untersucht „Epistemisch-moralische Hybride und das Problem interdisziplinärer Urteilsbildung. Den Schluss bildet Ian Hackings „Verteidigung der Disziplin“.

Wie lautet nun das Fazit bzgl. des gut 200 Seiten umfassenden Buchs? Obschon ich mich immer wieder (durchaus ausführlich) mit Interdisziplinarität auseinandergesetzt habe, stellt dieses Buch auch für mich persönlich einen unheimlichen Mehrwert dar. Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter vor allem: durchgängig kompetente (und gut darstellende) Autoren, die alle selbst aus persönlicher Erfahrung interdisziplinäres Arbeiten kennen, eine beeindruckende Tiefe in den Aufsätzen trotz der gerade einmal 12 bis 20 Seiten pro Artikel und eine enorme Breite, in der das Thema Interdisziplinarität aus verschiedenen Blickwinkeln angegangen wird. Eines ist gewiss: zukünftige wissenschaftstheoretische Grundlagenarbeiten zur Interdisziplinarität können die hier präsentierten Ergebnisse definitiv nicht einfach übergehen.

Permalink 01.02.10    1 Kommentar »

Zwei zentrale Eigenschaften von Wissenschaft

Ich glaube, dass unser Bild von Wissenschaft auf einer falschen (verkürzten) allgemein geteilten Vorstellung beruht. Diese Vorstellung besagt, dass die Wissenschaft objektive Erkenntnisse suche und auffinde. Das mag schon richtig sein, aber das allein genügt nicht. Wissenschaftliche Erkenntnis mag wahr und objektiv sein, aber durch ihre Wahrheit und Objektivität allein wird noch keine Erkenntnis zu einer wissenschaftlichen. Zu einer wissenschaftlichen wird sie erst durch ihre Einordnung in das wissenschaftliche System des Wissens, das heißt im Konkreten: in den Wissensbestand des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs.

Wissenschaftlich ist eine Erkenntnis also erst dann, wenn sie Teil der Wissenschaft (des wissenschaftlichen Wissens) wird. Dadurch dass sie Teil des wissenschaftlichen Gesamtwissens wird, wird die einzelne Erkenntnis tendenziell aus meinem Erkenntniszusammenhang (wie aus dem Erkenntniszusammenhang eines jeden Einzelmenschen) herausgerissen. D.h. ich verliere tendenziell die Erkenntnis (als Einzelmensch) dadurch, dass sie wissenschaftliche Erkenntnis wird. Das muss natürlich nicht immer der Fall sein: Bisweilen ist mir eine Erkenntnis, auch nachdem sie Teil der Wissenschaft geworden ist, noch weiterhin zugänglich und verständlich. Aber, und das ist wichtig, ab diesem Zeitpunkt geht es nicht mehr in der Hauptsache um mein Verständnis: Ob ich (als Einzelmensch) etwas aus ihr lerne, macht eine wissenschaftliche Erkenntnis weder wissenschaftlicher noch weniger wissenschaftlich.

Ich gestehe also wissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus prinzipiell Wahrheit und Objektivität zu. Paradoxerweise rücken jedoch diese Eigenschaften von Erkenntnissen nach deren Eingliederung in die Wissenschaft in den Hintergrund, weil nun andere Faktoren wichtiger werden. Was ich damit meine, möchte ich nun am Beispiel des Marketing zeigen. Und falls nun jemand als Gegenargument die Wissenschaftlichkeit von Marketing anzweifeln möchte: Selbst wenn dieses Fach nicht denselben Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen sollte wie andere Fächer, so ist es doch an denselben wissenschaftlichen Grundeinstellungen orientiert, die heute überall in der Gesellschaft Eingang gefunden haben. Und vielleicht ist es sogar besser geeignet, diese wissenschaftlichen Grundeinstellungen zu zeigen, weil sich in ihm viele gewöhnliche Menschen tummeln und nicht nur der enge Kreis der WissenschaftstheoretikerInnen.

PREISPOLITIK
maßgebliche Größen dafür:
• Kostenstruktur d. Unternehmens
• auf dem Markt erzielbare Preise
• Konkurrenzpreise
• staatl. Regulative

Ziele d. Preispolitik
• Gewinnmaximierung
• Umsatzmaximierung
• Absatzmaximierung

Fragen
• Welchen Preis will ich erzielen?
• Welchen Preis kann ich erzielen?
• Welchen Preis muss ich mindestens erzielen?

Preisfindung
• nach eigenen Kosten
• nach dem Markt
• nach dem Mitbewerb

Preis-Qualität-Strategien
• Billigwaren-Strategie
• Vorteilsstrategie (hohe Qualität, niedriger Preis)
• Mittelfeldstrategie
• Übervorteilungsstrategie (niedrige Qualität, hoher Preis)
• Premiumstrategie

Preis-Mengen-Strategie
• Aufbau d. eindimensionalen Präferenz Preis-Menge
• Marketingaktivitäten über Preispolitik
• Ansprache d. größtmögliche Zahl. v. Kunden
• höhere Absatzmengen sollen niedrigeren DB kompensieren

Präferenzstrategie
• Schaffung mehrdimensionaler Präferenzen
• Ziele: Erzielung überduchschnittlichen Preises, Schaffung eines evoked-sets

Dieses Beispiel soll dazu dienen, um zu veranschaulichen, welche Form Marketingwissen annimmt: Aus Inhalten werden Schlagworte. Aus solchen Schlagworten kann jedenfalls ich nichts lernen bzw. zu keinem tieferen Verständnis der Materie kommen. Im Gegenteil, sie lenken zwar meinen Blick (weil die Differenzierungen vorstellen), aber sie halten mein Denken an der Oberfläche bzw. stellen es ab, weil sie meine Fragen ausschalten. Meine Fragen schalten sie aus, weil sie mich mit etwas schon Fertigem konfrontieren, das gar nicht mehr befragt werden will, dessen Sinn es auch gar nicht ist, befragt und bedacht zu werden.

Die entscheidende Frage ist aber nun: Soll ich denn überhaupt etwas aus ihnen lernen? Wäre das die Intention, die hinter ihnen steht, wäre das der Sinn der Sache? Aber hier ist die Erkenntnis: Nein! Wenn man mich derart mich bloßen Begriffen und abstrakten Einteilungen bewirft, kann gar nicht der Sinn dahinter stehen, etwas über die Sache selber (Marketing als Tätigkeit) lernen, sondern man will mir zeigen, wie die Dinge in Marketing als (wissenschaftlichem) Fach aussehen. Im Wesentlichen soll ich Vokabel lernen, also wissen, wie im Fach Marketing die Dinge benannt werden und welche wichtigen Unterscheidungen dort getroffen werden.

Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt angekommen, den ich gern klar machen würde. Wissenschaft bedeutet nicht in erster Linie eine Erkenntnis oder ein Wissen, das wahr oder objektiv ist, sondern Wissenschaft bedeutet, über das wissenschaftliche Wissen in einem bestimmten Fach Bescheid zu wissen: zu wissen, wie in einem bestimmten Fach die Dinge benannt werden und welche wichtigen gedanklichen Konzepte es dort gibt.

Damit ist aber praktisch eine ganz andere Ebene erreicht: Nicht mehr die Richtigkeit eines Wissens macht jetzt seine Wissenschaftlichkeit aus, sondern die Tatsache, dass es im entsprechenden Fach vorkommt. Ob diese Begriffe, die ich oben angeführt habe, auch richtig und vernünftig sind oder inwieweit die damit verbundenen Konzepte auch der Wahrheit entsprechen, ist auf dieser Ebene nicht mehr so sehr wichtig – wichtig ist zuvorderst, diejenigen geistigen Schablonen zu besitzen, die nötig sind, um im Fach mitreden zu können. Wissenschaftliches Wissen zu besitzen bedeutet also grundsätzlich, zu wissen, was im einem bestimmten Fach los ist, und zwar ohne dass dabei eigentlich noch wichtig wäre, ob diese Inhalte auch wahr und objektiv sind.

Die Eigenschaft der Wahrheit des Wissens, die an und für sich durchaus wichtig sein mag in der Wissenschaft, wird also abgelöst durch Bescheidwissen über ein Fach. Wer heute etwas von Marketing versteht, ist nicht in erster Linie jemand, der etwas von der Sache Marketing versteht, sondern jemand, der etwas vom Fach Marketing versteht, so wie es in wissenschaftlichen Büchern vorgestellt wird. Und die heutigen Menschen sind so tief wissenschaftlich geprägt, dass sie einer solchen Unterrichtsmethode gar nicht entkommen könnten, weil sie Wissen über eine Sache automatisch mit Wissen über das jeweilige Fach, das diese Sache behandelt, identifizieren. Wissenschaft bedeutet somit: alles vom Fach her zu denken. Das ist eine geistige Prägung, die man praktisch bei allen heutigen Menschen findet, und zwar, fast möchte man sagen: Wenn die Menschen weniger über die Wissenschaft wissen, denken sie sogar oft noch stärker in dieser Weise.

Freilich nimmt nun wissenschaftliches Wissen nicht in jedem Fach eine solche schablonen- und schlagworthafte Form an wie im Marketing – aber das Schlagworthafte ist eben auch eine der möglichen Formen, die wissenschaftliches Wissen annehmen kann. Und es ist nun auch klar, warum: Dadurch, dass wissenschaftliches Wissen in erster Linie in seiner Zugehörigkeit zum Wissensganzen eines Fachs besteht, zeigt man den Besitz von wissenschaftlichem Wissen nicht dadurch an, dass man die Wahrheit über etwas weiß, sondern dadurch, dass man weiß, was ein bestimmtes wissenschaftliches Fach enthält – dadurch, dass man die Konzepte in diesem Fach kennt und Dinge über dieses Fach zu erzählen weiß. Wenn dieses Wissen nun nur sehr schlagwortartig ist, so ist das vielleicht nicht ganz im ursprünglichen Sinne der Wissenschaft, aber was soll’s?

Wenn man also Marketing in der oben dargestellten Form lernt, soll man nicht Marketing (die Sache) lernen, sondern man lernt, welche Begriffe und Unterscheidungen im Fach Marketing wichtig sind. Am Ende versteht man vielleicht nicht viel mehr von der Sache, weiß jetzt aber ein bisschen etwas darüber, wie dieses Fach „schmeckt“. Noch wahrscheinlicher ist jedoch bei einem fragenden Charakter wie dem meinen, dass ich solche Schlagwörter, mit denen ich sachlich nichts verbinden kann, bald wieder vergesse, weil sie mir wie das Lernen von sinnlosen Silben erscheinen. Wünschte ich mir aber nun, dass man mir die Begriffe des Marketing gemeinsam mit der Sache lehrte, so würde man mir entgegnen (da ginge ein großer Aufschrei los) – und das ist eine zweite Auswirkung der Wissenschaft auf die geistige Prägung der heutigen Menschen – dass man die Sache erst dann verstehen könne, nachdem man ihre Grundbegriffe verstanden hat.

Hier ist aber ein Denkfehler verborgen: Wenn ich mir die oben angeführten Begriffe anschaue, dann sehe ich ziemlich deutlich, dass ich zuerst viel mehr von der Materie selbst verstehen müsste, um diese Begriffe selbst in ihrem vollem Umfang verstehen und beurteilen zu können. Dass man also immer mit den Grundbegriffen anfangen müsste, ist ein Vorurteil, weil die Grundbegriffe selber die Sache immer schon voraussetzen und sich mit der Sache gemeinsam gegenseitig (in einer Art hermeneutischem Zirkel) konkretisieren: Verstehe ich mehr von der Sache, verstehe ich auch den Begriff besser, der sie benennt. Definiere ich demgegenüber wissenschaftliche Begriffe einfach auf dem weißen Blatt Papier, so tappt der Lernende, der mit der Sache, um die es geht, nicht vertraut ist, hilflos im Dunkeln.

Damit habe ich nun eine zweite Eigenschaft von Wissenschaft aufgezeigt (es gibt sicher noch weitere), die ebenfalls in wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in welchen es hauptsächlich um die Wahrheit und Objektivität wissenschaftlichen Wissens geht, gewöhnlich nicht vorkommt. Also, erstens: Wissenschaftliches Wissen ist nicht so sehr wahres und objektives Wissen als Bescheidwissen über die Wissenschaft (= Bescheidwissen über bestimmte Fächer und ihre Inhalte). Zweitens: Wissenschaftliches Wissen ist auch charakterisiert von einer bestimmten Reihenfolge in der Vermittlung dieses Wissens, von der alle heutigen Menschen überzeugt sind. Man müsse mit den Grundbegriffen anfangen, so meinen sie. Ich möchte darauf hinweisen, dass mit dieser Forderung auch nicht so sehr gemeint ist, man solle die Sache, um die es geht, genau lernen, sondern man solle das Fach von seinem Anfang an lernen: Das Fach macht sich wichtig.

Dieses Anfangen mit den Grundbegriffen führt natürlich aus der Sicht des Individuums zur Unmöglichkeit des direkten Zugriffs auf jenes Wissen, das einen Menschen zurzeit gerade interessiert, denn es herrscht überall der Imperativ, dass mit dem Anfang anzufangen sei. Der Umgang mit Wissen wird also durch die Wissenschaft sehr umständlich, weil das Wissen durch seine Einfügung in das Wissensganze des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs zu großen, unhandlichen Brocken verklumpt. Der häufigste Fall in unserer wissenschaftsgeprägten Welt mit Drang und Zwang zur Weiterbildung wird sicherlich der sein: dass man die Grundbegriffe eines bestimmten Fachs lernt und sie dann – weil man aus ihnen allein nichts lernt und es zu einer so genannten „Vertiefung“ aus Zeit- oder anderen Gründen nicht kommt – sehr bald wieder vergisst.

Permalink 31.01.10    18 Kommentare »

Auf der Galerie vor dem moralischen Schauspiel der Welt

In seinem Gedicht „Walking around“ schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda „Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!“

Ich kenne dieses Gefühl und denke mir: Ja, man könnte es auch tatsächlich müde werden, ein Mensch zu sein, wenn man diese Welt und das menschliche Treiben auf ihr so beobachtet.

Zwei Beispiele aus der Wirtschaftswelt, aus den Verkaufsschulungen des Vertriebspersonals (aber es müsste nicht die Wirtschaftswelt, der böse Kapitalismus sein, andere Gesellschafts- und Lebensbereiche, in denen es genauso ist, ließen sich gewiss finden): „NEIN“, wird den Menschen da gelehrt, heiße „Noch Eine Information Ist Nötig!“ Ein bisschen offener und redlicher ist da schon der Spruch: „Verkaufen ist die Kunst, den Kunden so über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.“

Beiden Beispielen wohnt dasjenige inne, was Franz Kafka in seiner tiefsinnigen Parabel „Auf der Galerie“ zu fassen versuchte: Man kann nicht sagen, ob sie gut sind oder nicht. In der Parabel „Auf der Galerie“ ist es ein junger Galeriebesucher in einem Zirkus, der sich nicht entscheiden kann, ob die abgezehrte Kunstreiterin, die er vor sich sieht, vom Zirkusbetrieb gequält und geschunden wird oder ob sie mit aller Vorsicht behandelt, erhöht wird und im höchsten Glanz erstrahlt.

Es ist das eine von zwei Parabeln Kafkas, die ich für Grundlagentexte der Philosophie halte und die ich mir in jedem Einführungsbuch in die Philosophie wünschte. Die zweite ist „Vor dem Gesetz“, in welcher einem unerfahrenen Mann vom Lande erzählt wird, dass er ein Recht auf etwas habe und diese Sache ihm aber vorenthalten wird, so er sie sich nicht selbst erkämpfe. Dass man ein Recht auf etwas hat und sich diese Sache aber erkämpfen muss, ist natürlich ein Widersinn, aber einer der real ist in dieser unserer Welt im Leben unter Menschen. Würde der Mann vom Lande um sein Recht kämpfen, so behält sich die Gesellschaft natürlich ihr Recht vor, in dem Fall zu sagen, er breche das Gesetz, wodurch die Parabel auch die Dimension der individuellen Grundverfasstheit des Menschen enthält, welche da lautet: Wie man es macht, ist es falsch!

Doch wieder zurück zum Galeriebesucher: Könnte er sich dazu entscheiden, dass die Kunstreiterin vor ihm misshandelt wird, so würde er durch alle Ränge hinunterlaufen und sein „Nein!“ in die Fanfaren der Bläser rufen. Könnte er sich dazu entscheiden, dass es nicht so ist, dann hätte er die Möglichkeit, der Kunstreiterin zuzujubeln und sich mit ihr zu freuen. Weil er aber nicht weiß, welche der beiden Optionen die richtige ist, bricht er ob der psychischen Last zusammen.

Bei der Betrachtung des moralischen Schauspiels, das die Welt uns bietet, hat man es mit demselben Problem zu tun: Bei der Erklärung des „NEIN“ des Kunden als Informationsmangel, welcher zur Kaufentscheidung noch nicht berechtigt, steckt nicht einmal ein Hauch von Böswilligkeit darinnen. Die zu Schulenden können sie sich aneignen mit dem reinsten Gewissen, doch nur das Beste für den Kunden zu wollen. Der Spruch von der Reibungshitze, die als Nestwärme empfunden werden soll, ist wohl schon etwas zwiespältiger, aber entlarvend ist auch er nicht: Der Kunde empfindet das potentiell Böse (das Über-den-Tisch-Gezogen-Werden) doch als angenehm (als Nestwärme, als freundliche Behandlung), was kann also schlecht daran sein?

Und trotzdem sind beide Schulungsinhalte eminent unsympathisch. Der Grund dafür ist: Obwohl sich das Böse in ihnen nicht festmachen lässt, ist auch kein guter Wille in ihnen spürbar. Dabei ist der „gute Wille“ nach Kant (Grundlegung der Metaphysik der Sitten) das einzig wirklich Gute, das es gibt auf der Welt. Für beide Beispiele gilt: Sie sind so gut, wie sie sein müssen – und so furchtbar, wie sie sein dürfen. Aber ein Wille zum Guten ist in ihnen nicht spürbar, höchstens ein Wille zum Mehr-Verkaufen.

(Aus dem Grund glaube ich ja auch, dass Kant sich getäuscht hat, als er meinte, ein guter Wille sei nur ein solcher, der sich durch Pflicht bestimmen ließe, denn haben wir nicht einen solchen in diesen Beispielen hier vor uns? Doch, wir haben hier einen Willen vor uns, der sich vor Gesetzen beugt; nur halt, dass er nicht das Gute will! Ein guter Wille wäre von daher als einer zu bestimmen, der das Gute will, worin immer es genau bestehen mag, aber jedenfalls als einer, der das Gute anstrebt – und nicht als einer, der gut gemeinte Gesetze befolgt, ohne innerlich ihre Ziele zu teilen.)

Wie Kafkas Galeriebesitzer könnte man also schreien, wenn man das moralische Schauspiel der Welt betrachtet, oder zufrieden sein, weil ohnehin alles (wenigstens soweit) in Ordnung ist. Man kann sich nicht entscheiden. Das halte ich für die Grundschwierigkeit bei einer jeden ethischen Diskussion heute: Man kann ja gar nicht sagen, dass irgendetwas falsch läuft, denn die Leute sind in ihren Fähigkeiten in Public Relations-Kommunikation so gut, dass es sich gar nicht festmachen lässt.

Man kann nur sagen, dass alles, was man beobachtet, unfassbar unsympathisch ist. Und man sieht, ob der Unsympathischheit unserer „mean ole world“, wie sie im Blues besungen wird, auch im eigenen Leben den Augenblick kommen, wo man sagen wird: „Jetzt bin ich es müde, ein Mensch zu sein. Lasst mich gehen, lasst mich sterben!“ Zweifellos fegt über einen jeden Einzelmenschen die Welt so hinweg, dass er am Vorabend seines Todes den Eindruck haben wird, das sei nicht (mehr) seine Welt – er sei hier nur kurz zu Gast gewesen und es sei nun höchste Zeit zu gehen. Ich frage mich nur, ob diese fundamentale Unsympathischheit der Welt hilfreich ist für das eigene Sterben-Können oder nicht?

Hilfreich ist sie, weil man sich dann leichter verabschieden wird können von dieser Welt. Schlecht ist sie, weil sie vielleicht die Hölle ist und zwar in dem Sinn, dass der Mensch, wenn er an nichts mehr glauben kann und fühlt, dass ihn nichts mehr mit seinen Mitmenschen und dem menschlichen Leben insgesamt verbindet, vielleicht dasjenige erreicht, was für ihn persönlich die Hölle ist – und wogegen er sein ganzes Leben lang angekämpft hatte.

Permalink 27.01.10    10 Kommentare »

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