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Am sechsten Tag erschuf der Mensch den Golem

Der Golem, dessen prominenteste Erzählung wohl die jüdische Sage um Rabbi Löw ist (Wikipedia-Link) und dessen Spuren schon im alten Testament zu finden sind (vgl. Vorlesung: Der Golem), steht wieder hoch im Kurs. Dabei ist er Verheißung, Versuchung und Vernichtung zugleich.

Als ein aus Lehm geschaffenes Wesen (hebr. golem = Ungeformtes, Unvollendetes, Embryo) steht der Golem in schöpfungsgeschichtlicher Konkurrenz zu Adam (hebr. = Erde). Der Mensch, sein Schöpfer und damit endlich ein göttliches Wesen, haucht ihm das Leben ein. Kein Wunder also, dass bis zum 17.Jahrhundert die Kirche nichts von Technik wissen wollte und die naturwissenschaftliche Forschung unterdrückte.
Während der Romantik, dem Rokkoko und im Barock galten die Verfeinerungen des Mechanischen und Mathematischen dann als das idealisierte Schöne. Die kunstvoll geschaffenen Automaten galten als Beispiele für die überragenden Fähigkeiten des Menschen. Nach der Jahrhundertwende (vom 18. zum 19. Jhd.) wich diese Technikeuphorie mit den Einflüssen der Industrialisierung dann der wachsenden Sorge um der am Maschinentakt angepassten Menschheit. Während des ersten und zweiten Weltkriegs verlor sich angesichts der Schrecken der technischen Zerstörungskraft schließlich auch die letzte Technikfaszination und ein stummes Grauen erfüllte all jene, die diese Zerstörungskraft selbst erleben mussten.
Doch eine Eigenschaft von Technik ist, dass wenn sie einmal das Licht der Welt erblickt hat, ihre Idee niemals vergessen wird. Eine Alternative im Sinne einer Rückkehr zu früheren Verhältnissen war also nicht möglich, somit blieb nur der Fortschritt. In den 60ern und 70ern wurde Technik dann wieder zum Hoffnungsträger. Alles schien möglich. Mondlandungen, Plastik und unendlich viel Energie durch Atomkraft versprachen den Menschen ein besseres Leben. Jene, welche die Schrecken der Weltkriege nicht vergessen wollten, appellierten an die mit Technikentwicklung verbundene Verantwortung und verlangten eine einflussreiche Technikfolgenabschätzung. Doch während die politischen Interessen aufgrund des Kalten Krieges ganz dem Fortschritt und der technischen Überlegenheit galten, hatte eine reflektierende Technikfolgenabschätzung keine Chance. Tschernobyl und globale Erwärmung ließen sich nicht vermeiden. Technikfolgenabschätzung wurde während der ganzen Zeit nur von Lobbyisten genutzt, um technisch inkompetente Politiker bei der Stange zu halten, was sich bis heute nicht groß verändert hat.

Aktuell gilt Technik und Naturwissenschaft wieder als die ultimativen Problemlöser. Politisch hat die Naturwissenschaft und der Einsatz von Technik freie Hand, was vor allem all jene zu spüren bekommen, deren Jobs nun von Maschinen erledigt werden. Und auch der Mythos von Golem findet in unserer Zeit wieder seinen Platz. Dank der Kombination von „NBIC“ (Nanotechnology, Biology & Medicine, Information sciences and Cognitive sciences) erhält der Traum von der Erschaffung künstlichen Lebens ein Revival. Die Wissens-Seiten der Zeitungen sind voll von solchen Utopien und kaum eine Fernseh-Sendung, welche einen Ausblick auf die Zukunft wagt, kommt ohne die Prophezeiung von künstlicher Intelligenz aus.
Aber mit diesen gewagten und philosophisch schwierigen Thesen bleibt es nicht. Eine Utopie jagt die Nächste, was wohl den fleißigen Science-Fiction Autoren zu verdanken ist. Dabei habt gerade der Science-Fiction eine große Wandlung durchlaufen. Stanislaw Lems „Also sprach Golem“ (Amazon-Link) aus 1981 hatte noch dieses Gefühl von technischer Überlegenheit aus dem Kalten Krieg, welches er ad Absurdum führt, indem die künstliche Intelligenz Golem XIV so intelligent ist, dass sie kein Interesse hat, sich mit dem Menschen zu beschäftigen. William Gibsons Neuromancer-Triologie (Amazon-Link) aus dem Jahr 1984 ist hingegen schon die Liebesgeschichte zweier KIs, welche durch ihre Vereinigung eine neue Evolutionsstufe erreichen wollen. Um ihr Ziel zu erreichen, fährt die KI namens Wintermute ein gigantisches Theaterstück auf, in dessen Handlung sich echte Menschen wiederfinden, die während der ganzen Zeit ahnungslos von ihrem Schicksal sind. Es ist ein Roman, der eine Menschheit zeigt, welche trotz ihrer technischen Verbesserungen im Sinne von technischen Körper-Implantaten, irgendwann nicht mehr für den Fortschritt benötigt wird. Mit den Filmen Terminator und Matrix hat das Thema der Grenze der Menschheit immer wieder Aufwind bekommen. Die postmoderne Aktualisierung dieses Themas liest man nun in den Romanen „Backup“ (kostenlos als .pdf) und „Upload“ (Amazon-Link) von Cory Doctorow, einer der Autoren vom weltweit bekannten Blog boingboing.net. Doctorow greift hier auf die Ideologie des Transhumanismus (Wikipedia-Link) zurück, welcher aus der Untergangs-Dystopie eine angeblich reale Chance für die Menschheit machen will.

Was Aldous Huxley in seinen 1957 erschienen Essays „New bottles for new wine“ schon vorweg nahm, ist inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geworden. Aus dem Untergang der Menschheit wird eine Überwindung der Menschheit. Huxleys Definition vom Transhumanismus: „Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet." Der Mensch transzendiert sich selbst.
Das Gedankengut des Transhumanismus findet sich zur Zeit überall. Ein aufmerksamer Leser wird alle zwei Tage mindestens ein Artikel in der Zeitung seiner Wahl finden, welche auf der einen oder anderen Weise (meist unkritisch) den Transhumanismus thematisiert.
Die Idee geht folgendermaßen: Der Mensch soll alle ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern (Technik, Implantate, Medikamente, Genmanipulation). Gleichzeitig wird mit Hilfe der Informatik und Nanotechnik weiter an der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz gearbeitet, welche in der Lage ist, sich selbstständig weiter zu entwickeln. Ist die Zeit dann reif, können die Menschen ihr Bewusstsein in diese mit der Welt vernetzten KI uploaden und somit eine neue Evolutionsstufe erreichen, welche sich andauernd weiter verbessern kann, ohne dass dabei ein schwer veränderbarer biologischer Körper im Wege steht. Auf kurz oder lang kann damit eine technologische Singularität (Wikipedia-Link) entstehen, deren passender Name wohl „Gott“ wäre.
Der US-amerikanische Ökonomie- und Kulturtheoretiker Francis Fukuyama hat diese Ideologie kritisiert. Seine Studie „Our posthuman Future“ (Amazon-Link) ist bei den Transhumanisten, welche sich in der World Trashumanist Association (WTA) organisieren, auf wenig Gegenliebe gestoßen. Zum Feindbild der Transhumanisten wurde Fukuyama dann, als er Ende 2004 auf die vom Magazin „Foreign Policy“ gestellte Frage, was wohl die gefährlichste Idee der Gegenwart ist, mit „Transhumanism – The most dangerous Idea“ antwortete. Fukuyama fürchtet, dass mit dem Transhumanismus das Ende der traditionellen Begriffe „Mensch“ und „Natur“ bevorsteht, welche immer auch eine Unverfügbarkeit inne hatten, und warnt damit vor dem Verlust einer Letztbegründung von Menschenwürde und Menschenrechten.
Betrachtet man „Die Transhumanistische Erklärung“, dem Grundsatzprogramm der Transhumanisten, so fallen einem auch gleich Ansatzpunkte dazu auf. In Punkt 6 dieser Erklärung heißt es: „Wir halten die Schaffung von Foren zum Zwecke rationaler Diskussion über erforderliche Maßnahmen für notwendig, und wir brauchen eine soziale Ordnung, in der verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden können.
Eine neue soziale Ordnung soll her. Ist dies nun ein Ruf nach Evolution, nach Revolution oder schon gleich der Griff nach Weltherrschaft?

Philosophisch fällt einem bei der Beschäftigung mit dem Transhumanismus auf, wie wenig fortschrittlich die Transhumanisten mit Erkenntnistheorie, Ethik und Logik umgehen und wie sie viele der Fehler der Aufklärer wiederholen.
Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass wir dringend eine philosophische Auseinandersetzung mit diesem neuen Golem-Mythos brauchen, die weiter geht, als auf den Humanismus zurück zu fallen. In meinen nächsten Beiträgen werde ich versuchen dazu einen Ansatz zu erarbeiten.



Weiterführende Links:
Essay „Der Transhumanismus“ von Reinhard Heil in der Online Zeitschrift sicetnon.org für Philosophie und Kultur.
Wikipedia: Extropianism
Artikel „Die Tiefkühlreligion“ von Ferdinand Muggenthaler in der Zeitung „Die Zeit“.
Artikel „Der Golem aus dem Rechner“ von Niels Boeing in der Zeitung „Die Zeit“.

Permalink 03.03.08    15 Kommentare »

Philosophen auf Youtube

Ja, Youtube hat auch andere Dinge außer Trash-Videos. Z.B. Interviews mit Simone de Beauvoir (franz.), Martin Heidegger oder Theodor W. Adorno. Und auch Internet-Vordenker wie Vilém Flusser lassen sich dort endecken.

Via WebWriting-Magazin.

Von Cyber-Identitäten, virtuellen Gemeinschaften, vernetzter Individualisierung und antiquierten Philosophen

Wer dies hier liest ist wahrscheinlich online. Wenn dies auf Sie zutreffen sollte, dann beantworten Sie mal kurz diese Frage: „Wo befinde ich mich, wenn ich online bin?“
Jetzt werden Sie bestimmt fragen, was diese Frage für einen Sinn hat und was an ihrer Antwort so interessant ist. Nun, es gibt Menschen, welche behaupten, dass wenn sie online sind, sie sich an einem ganz besonderen Ort aufhalten, nämlich im Cyberspace. Sie wissen schon: „Der Cyberspace – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008...“

Prof. Andreas Metzner-Szigeth von der Universidad del País Vasco in San Sebastián untersucht in seinem lesenswerten Aufsatz „Von Cyber-Identitäten, virtuellen Gemeinschaften und vernetzter Individualisierung - sozial-psychologische Überlegungen“ (erschienen in der philosophischen Internetzeitschrift SicEtNon) die Bedeutung des Internets und Computer vermittelter Kommunikation anhand der oben genannten Vorstellung einer neuen Welt. Seine These ist, dass die neuen Medien „die Verhältnisse von "Virtualität und Realität" sowie von "Raum und Zeit" [...] in einem bisher unbekannten Ausmaß verfügbar und gestaltbar machen, sie auf eine komplexe Weise "umstricken"“, wodurch auch die aktuellen sozio-kulturellen und sozial-psychologischen Wandlungen unserer Zeit erklärbar sind. Hierzu untersucht er die schon im Titel seines Aufsatz genannten drei Aspekte der neuen Medien, Cyber-Identitäten, virtuelle Gemeinschaften und vernetze Individualisierung.

Zuvor jedoch räumt er mit einer Menge an Missverständnissen auf, welche von einigen Persönlichkeiten im Zusammenhang mit dem Cyberspace gemacht wurden, was den Text für Laien der Internetkultur so lesenswert macht. Weder ist der Computer eine „fortgeschrittene Schreibmaschine“ und das Internet ein „fortgeschrittener Telegraph“, noch ist der Computer eine Wunderwerk mit eigener Seele und das Internet eine von der Realität getrennte Matrix, in der fantastische Dinge passieren. Vielmehr ist der Computer ein Universal-Gerät, welches eine bisher unübliche Nutzung von alten Medien erlaubt und durch das Internet vor allem zu einem Kommunikationsinstrument wird, mit welchem im Internet (ein Kommunikations“raum“) auf unterschiedlicher Weise (mit verschiedenen Diensten) kommuniziert werden kann. Herr Prof. Metzner-Szigeth untersucht hierzu die Website, E-Mail, Foren, Chats und Online-Games. Unbeachtet lässt er alles, was mit dem Web 2.0 (Blogs, Social Communitys, Wikis) zu tun hat, was den Text für Internet-Profis vielleicht enttäuschend macht und den Autor als etwas antiquiert erscheinen lässt, denn das Web 2.0 wäre gerade für seine Themen äußerst interessant gewesen. Seine wenigen indirekten Verweise auf das kommende Mobile-Web und auf das dahin siechende Second Life können die fehlende Aktualität des Textes leider nicht ersetzen.

Dennoch ist interessant, was er zu Cyber-Identitäten zu sagen hat. Ausgehend davon, dass Imagination schon immer Teil des menschlichen Lebens war und jede Art von Kultur nur solange immateriell und virtuell ist, wie sie es nicht schafft in der „wirk“lichen Welt zu „wirken“, dürfen Handlungen im Internet als virtuell und damit als getrennt von der „realen Welt“ definiert werden. Die Welt der Imagination war für den Menschen schon immer ein Ort zum phantastischen Ausleben der eigenen Identität, nur dass heute die Möglichkeit dazu besteht, diese Imagination virtuell darzustellen. Da diese virtuellen Welten durchaus Einfluss auf die Wirklichkeit haben können, besteht zumindest die Möglichkeit, dass Handlungen im Internet zum Teil der realen Kultur werden, sozusagen „vergesellschaftet“ werden. Da es das Internet jedoch erlaubt, unterschiedliche Identitäten auszuleben, prägt es die postmoderne Definition von Identität als ein „Patchwork“ von verschieden Identitäten, welches die moderne Definition von Identität als das Existieren eines „wahre Wesens“ ersetzt. Somit ist auch die Frage erlaubt, ob das Ausleben der Identität in der virtuellen Welt nicht dem Konzept der „wahren“ Identität näher kommt, als eine bisher da gewesene Definition durch Tradition, Raum, Zeit und Kultur der „wirklichen“ Welt. Und ganz vorsichtig orakelt Prof. Metzner-Szigeth, dass die zunehmende Nutzung der neuen Medien sogar mit einem „Umschlagen, ein Formwandel, eine (kulturelle) Neubewertung [...] verbunden sein könnte, etwa in Form des für unverzichtbar Haltens dieser Identitäts-Anteile oder Expressionsformen“ und vielleicht sogar, dass es nötig sein wird, dieses zum „Konstituens des (weiter „zivilisierten“) Mensch-Seins zu erklären“.

Prof. Metzner-Szigeth weitere Untersuchungen zu virtuellen Gemeinschaften anhand einer Argumentation über den Traum von einer (besseren) virtuellen Parallel-Gesellschaft, den Tendenzen von Nutzern zur Flucht aus der Realität, dem Gesetz des Codes, der Anonymität, welche für die typische Unverbindlichkeit im Internet sorgt, führt zu der Einsicht, dass virtuelle Gemeinschaften keine Ähnlichkeit mit den klassischen Gemeinschaften der realen Welt haben und diese neue Form von Gemeinschaft anders definiert werden muss. Als aktuelle Definition von virtuellen Gemeinschaften wird B. Wellman aus Manuel Castells soziologischen Untersuchungen der „Internet-Galaxy“ (Amazon-Link) zitiert, der feststellte, dass diese neuen Gemeinschaften Netzwerke aus Beziehungen sind, welche Unterstützung, Informationen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und soziale Identifizierung zur Verfügung stellen. Zusammen mit der vorherigen postmodernen Definition von Identität unterstützt Prof. Metzner-Szigeth die These der vernetzten Individualisierung von M. Castells, deren Auslebung sich nicht mehr nur im Internet findet, sondern auch zunehmend offline zu einer alternativen Lebensweise wird. M.Castell: „Networked individualism is a social pattern, not a collection of isolated individuals. Rather, individuals build their networks, on-line and offline, on the basis of their interests, values, affinities, and projects. Because of the flexibility and communicating power of the Internet, on-line social interaction plays an increasing role in social organization as a whole. On-line networks, when they stabilize in their practice, may build communities, virtual communities, different from physical communities, but not necessarily less intense or less effective in binding and mobilizing. Furthermore, what we observe in our societies is the development of a communication hybrid that brings together physical place and cyber place […] to act as the material support of networked individualism“.

Abgesehen davon, dass die digitale Bohème, das Web 2.0 und etliche junge Menschen, welche mit dem Internet aufgewachsen sind schon längst ihre postmoderne Identität leben, die oben genannte kulturelle Neubewertung als Lebenssinn gebend vollzogen haben und sich in Netzwerken zu Hause fühlen, ist es schön, dass endlich ein Philosoph diese Thesen zu Papier gebracht hat.
Das Web 2.0 kann mit Hilfe der postmodernen Identität und der vernetzen Individualisierung gut als (Zeit-)Raum dieser Wandlung der Gesellschaft durch die neuen Medien verstanden werden, wobei sich deutlich zeigt, wie die Internetkultur zum Teil der „Wirk“lichkeit wird, indem es das Offline-Leben online bringt (Blogs, Social Networks) und Online-Handlungen offline mit Leben erfüllt werden (Bar-Camps, Konferenzen, digitale Bohéme). Jedenfalls ist es weder falsch zu sagen, dass wenn man online ist, man sich im Cyberspace befindet, noch dass man einfach vor einem Rechner sitzt. Die richtige Antwort auf die Frage „Wo bin ich, wenn ich online bin“, ist: „Ich bewege mich im erweiterten Kulturraum einer sich zur Zeit neu erfindenden, hoch zivilisierten und komplexen Gesellschaft“.
Permalink 16.01.08    4 Kommentare »

Colin McGinn ist ein Blogger

Der aus England stammende Philosoph Colin McGinn (Wikipedia-Link) ist seit zwei Wochen Blogger. In seinem Blog will er jedoch nicht nur über seine philosophischen Hauptgebiete, Philosophie des Geistes und Metaphysik schreiben, sondern es durchaus auch als Tagebuch benutzen. So bloggt er über seinen Alltag an der University of Miami, Ethik, Politik und Sport. Bisher hat er erst mal seine "Principia Metaphysica" veröffentlicht:

"I'm beginning this blog with a big chunk of metaphysics, written in the
high Wittgensteinian style-a series of linked aphorisms. The ideas came
to me in that way and it felt forced to try to present them in the
usual discursive form. I usually don't write in this style, and vaguely
disapprove of it. Partly because of the unorthodox format, finding an
orthodox way to publish Principia Metaphysica proved something of a
problem; so I publish it now, on the Web, so that it might see the
light of day."

Philosophieblog.de wünscht ihm viel Spass!

 

Die Dialektik der Globalisierung

Durch die Betrachtung des Begriffs Globalisierung haben wir zumindest schon mal eine allgemeine Idee von Globalisierung als eine Stufe von internationalen Verflechtungen von anderer Qualität erhalten. Jetzt kann man ins Detail gehen.

Internationale Verflechtungen bedeuten immer auch Kommunikation zwischen den Nationen. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass mit jedem Fortschritt im Bereich der Kommunikations-, Informations- und Transporttechnik sich nicht nur die Quantität der Kommunikation, sondern auch die Qualität der Kommunikation geändert hat. Dies fing mit den Entwicklungen im Bereich der Nautik um 1475 (Wikipedia: Regiomontanus) an und hat sich heute durch Computer und Internet mehrfach potenziert. Einerseits wird dadurch der gefühlte Raum immer kleiner (Wikipedia: McLuhans „global village“), andererseits wird er jedoch auch komplexer und unübersichtlicher. Waren es früher hautsächlich Großmächte, welche globale Entwicklungen voran trieben, so kann heute jeder einzelne Mensch daran mitwirken.
Unübersichtlicher ist es auch in der Wirtschaft geworden, nachdem die Finanzwirtschaft sich von der Realwirtschaft abkoppelte und internationale Börsen entstanden. Wer von den Anlegern hat denn tatsächlich mal die Produktionsstätten gesehen, von denen sie Aktien besitzen? Klar, dass es damit immer wieder zu Fehleinschätzungen am Markt kommt. Die Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft hat jedoch noch tiefer gehende Auswirkungen: Anleger wollen nicht wie Firmen einfach nur Gewinn machen, nein, sie wollen jedes Jahr mehr Gewinn machen. Das Plus vor dem Plus, der Gewinnzuwachs hat das Management übernommen. Verantwortungsgerechtes Handeln von Führungspersönlichkeiten stört da nur. Der große Unternehmer wurde durch den austauschbaren Manager ersetzt, der ohne Skrupel und ohne Konsequenzen fürchten zu müssen tausende von Mitarbeitern entlassen und ganze Produktionszweige ins Ausland verlagern kann. Dass es nebenher durch den Übergang von Industriegesellschaft in die Informationsgesellschaft, welche ihrerseits selbst Ausdruck der Globalisierung ist, zu einer Entkoppelung von Arbeit und Einkommen kam, vergrößert bei vielen Menschen nur das Gefühl von zunehmender Ungerechtigkeit.
Der Austausch und die Entwicklung von Informationen und Wissen haben heute der Produktion von Gütern den Rang abgelaufen. Zwar werden weiterhin und in einem bisher nie dagewesenen Umfang Güter hergestellt, doch gibt es in diesem Bereich mittlerweile ein solches Überangebot in der ersten und zweiten Welt, dass hier nur noch Innovation die Zukunft eines Unternehmens sichern kann. Innovation und Schutzrechte. WTO und die Entwicklung des Urheber- und Patentrechts sprechen hier deutliche Worte. Konnte man früher ein Lied zehn Jahre schützen, so sind es heute schon siebzig. Dass diese Schutzmechanismen für Informationen und Wissen, welche von Natur aus nicht materiell und dadurch verlustfrei kopierbar, schnell verteilbar und leicht abänderbar sind, dafür sorgen, dass bestimmte Medikamente nicht wenn benötigt selbst hergestellt werden können, bestimmte Kartoffelsorten nicht gezüchtet werden dürfen und bestimmte Kulturgüter nicht der eigenen Kultur angepasst werden dürfen (Stichwort Kulturimperialismus), können viele Menschen nicht nachvollziehen.
Dass im Zeitalter der Informationsgesellschaft die Globalisierung auch anders verlaufen könnte, zeigt die Kritik am Globalismus (Wikipedia-Link) und der Planetarismus, welche den Begriff Globalisierung zu einem ideologischen Kampfbegriff gemacht haben. Dazu ein Zitat aus dem wirklich empfehlenswerten Aufsatz „Globalisierung. Versuch einer Annäherung“ (PDF) von Joseph Bordat:

[Der Planetarismus] stellt die Erde als natürliche Heimat des Menschen in den Mittelpunkt und nicht den Markt. Er betont die Ökologie, nicht die Ökonomie und unterlegt die Globalisierung auf diese Weise mit einem planetarischen Konzept. […]
Der Planetarismus hinterfragt radikal die „selbstverständlichen“ Voraussetzungen und schafft so neue Einsichten, die denen nicht möglich sind, die sich durch ihre TINA-Logik [„there is no alternative“] den Blick versperren und keine Motivation entwickeln können, die Fragen grundsätzlicher zu formulieren. Globalisierungskritik ist also Globalismus-Kritik i. S. d. planetarischen Konzepts einer am Menschen orientierten Politik- und Wirtschaftsform.

Bisher habe ich Globalisierung eher kritisch behandelt, was sich auch im weiteren Verlauf des Textes nicht ändern wird, denn Globalisierung ist politisch und muss deshalb kritisch betrachtet werden. Außerdem hat Wirtschaft und Politik, um sich globalisierungsgerecht aufzustellen, für eine Umstrukturierung von einer traditionell hierarchischen Umwelt in eine horizontale (vernetze) Welt gesorgt, deren Reichweite durch Handy und Internet bis zu jedem von uns nach Hause reicht. Zwar gibt es immer noch Hierarchien, doch führt die Umstellung auf flache Strukturen wieder einmal dazu, dass jedes Rädchen im Unternehmen leichter ausgetauscht und verschoben werden kann. Klar bringt dies eine Produktivitätssteigerung, doch für die Arbeitnehmer auch Unsicherheit. Nur die Künstler der Vernetzung, die digitale Bohème (Wikipedia-Link) kann gleich ganz auf die Festanstellung verzichten und zeichnet damit vielleicht schon den nächsten Schritt der Produktivitäts- und Gewinnsteigerung der Unternehmen vor. So wird schon jetzt ein immer höheres Maß an Flexibilität vom Arbeitnehmer gefordert – in Zukunft muss er vielleicht so flexibel sein, dass er auf eine Festanstellung verzichten kann und nur noch wie die Generation Praktikum (Wikipedia-Link) kurzfristige Projektarbeit leistet. Nur eine Sache verhindert, dass dieser Schritt schon längt vollzogen wurde. Das sogenannte Humankapital (Wikipedia-Link) ist eben eine Form von Kapital, und darauf will kein Unternehmen verzichten.
Nicht zuletzt deshalb ist die Nachwuchsgestaltung zu einem Lieblingsthema der Unternehmen geworden. Denn wenn man Aufgrund der vielen Erfahrung einen Mitarbeiter noch nicht ganz in die Selbstständigkeit entlassen kann, so kann man wenigstens dafür sorgen, dass der natürliche Nachfolger auf der Position schon perfekt ausgebildet und angepasst ankommt. Um Kosten zu sparen wurde diese Ausbildung auch gleich in die Universitäten mit einem neuen speziellen Studiengang ausgelagert, indem man hier die wenigen Professoren mit Drittmitteln versorgt und somit ihre Stellen bezahlt. Auf Bildung und der damit verbundenen Kenntnis von kritischem und selbstreflexiven Denken wird bei diesen Studiengängen gleich verzichtet, denn dies könnte nur die Produktivität stören.
So bringt Globalisierung, zumindest so wie sie momentan gemanagt wird, viel Beängstigendes, Verstörendes und Unverständliches mit sich. Wen wundert es also, dass wir gleichzeitig riesige Fluchtbewegungen in Richtung Esoterik, Sekten, Orthodoxe Religionen, Patriotismus, Fremdenfeindlichkeit, Linksradikalismus und der Entdeckung der Faulheit erleben. Selbst der Terrorismus ist bloß eine Gegenreaktion auf Globalisierung.
Dabei kann Globalisierung so viel „mehr“ an echter Qualität bedeuten. Z.B. ein menschenfreundliches Weltbürgertum i.S.v. Montaigne, Kant und Goethe, welches Ulrich Beck in seinem „Weltbürger-Manifest“ und zusammen mit Edgar Grande in „Das kosmopolitische Europa“ (Amazon-Link) vorstellt. Hierbei fordert Beck, genauso wie Habermas in „Europas zweiter Chance“, die alte europäische Erfahrung in Pluralität und Toleranz, also die Werte Gedankenfreiheit und kulturelle Vielfalt als Grundwerte für globales Handeln zu nutzen. Dann könnte es auch irgendwann mit Habermas globaler Diskursgemeinschaft klappen.
Damit jedoch so etwas möglich gemacht werden kann und sich die Menschen gegen den globalen Wirtschaftsdruck wehren können, welcher die Macht der Nationalstaaten immer weiter schrumpfen lässt, bedarf es einer Aufwertung der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen. Das findet auch Joseph Bordat so:

Wenn der Nationalstaat (oder besser: das, was von ihm übrig bleibt) von Macht auf Bescheidenheit, von Absolutheit auf Ironie, von Subordination auf Koordination umschaltet, braucht es dann nicht eine „Weltzentralmacht“, die umgekehrt ihre bescheidene bis zurückhaltende, selbstironische und ausschließlich koordinative Rolle aufgibt und ein Regime der Subordination initialisiert, das für die zentralen Staatsfunktionen, die ehedem der Nationalstaat besorgte - Sicherheit und Wohlfahrt - Institutionen und Mechanismen bereitstellt, die den souveränen Staat ergänzen und - auf lange Sicht - ersetzen können?

Soweit so gut. Da dieser Text schon zu lang geworden ist will ich jetzt darauf verzichten noch auf die Potenziale von Open Source, Hackerethik und Copyleft-Lizenzen einzugehen. Wem es interessiert, der kann gerne mal in meiner Kategorie „iSophie“ stöbern. Ich hoffe mit meinen Beitrag zum Blog-Karneval dem einen oder anderen Leser ein paar neue Anregungen zum Thema Globalisierung mitgegeben zu haben.
Weitere Beiträge zu diesem Karneval von anderen Blogs gibt es beim Globalisierungsblog.de
Permalink 15.08.07    1 Kommentar »

Zum Begriff Globalisierung

Der Blog-Karneval des noch jungen Globalisierungsblog zum extrem leicht überschaubaren Thema Globalisierung (Wikipedia-Link) bietet mir die Gelegenheit, viele mich beschäftigende Themen endlich einmal unter einer einzigen Perspektive zusammenfassen zu können (siehe „Die Dialektik der Globalisierung“). Diese Möglichkeit eröffnet sich mir nicht durch eine bewusste Unbestimmung des Begriffs Globalisierung, sondern durch ihre zahlreichen realen Auswirkungen auf unsere Welt. Um solche Auswirkungen der Globalisierung zuordnen zu können, ist es jedoch wichtig sich erst einmal über den Begriff Klarheit zu verschaffen.

In Medien und Politik ist der Begriff Globalisierung längt fester Bestandteil des rhetorischen Repertoires und ich habe oft den Eindruck, dass alle Entwicklungen, die international und etwas komplizierter sind, gerne unter diesem Schlagwort subsumiert werden. Dabei ist Globalisierung etwas anderes als Internationalisierung und tatsächlich wird der Gehalt des Begriffs Globalisierung erst im direkten Vergleich mit dem Begriff Internationalisierung sichtbar.
Internationale Beziehungen und Auswirkungen existieren seit dem Entstehen erster Nationen. Nichts Neues also, denn schließlich besagt der Begriff Internationalisierung nichts Weiteres, als dass irgendwelche Verflechtungen zwischen (lat: inter) verschiedenen Nationen existieren und entstehen. Internationalisierung beschreibt hierbei genauer den Prozess der zunehmenden Quantität solcher Verflechtungen zwischen Individuen, Wirtschaft und Politik.
Globalisierung hingegen ist aus einer solchen gesteigerten Quantität internationaler Verflechtungen erst entstanden. Zitat aus dem zu empfehlenden Aufsatz „Globalisierung. Versuch einer Annäherung“ (PDF) von Joseph Bordat:

Die Globalisierung hat sich durch eine neue Dimension der Internationalisierung aus dieser entwickelt, wobei sich das „Neue“ sowohl quantitativ (ein „Mehr“ an Beziehung) als auch qualitativ (eine andere Art von Beziehung) beschreiben lässt. Zur Globalisierung wird Internationalisierung also ab einer bestimmten Reichweite und Intensität der Beziehungen, also dann, wenn es „kaum noch nationale Sachbereiche [gibt], welche nicht in irgendeiner Weise eine Internationalisierung erfahren hätten [...]“ (Saxer 1994, 19 f.).
Eine „internationalisierte“ Welt bleibt eine Welt einzelner Nationalstaaten, die miteinander in Kooperationsbeziehungen stehen, jedoch weiterhin die maßgeblichen politischen und wirtschaftlichen Akteure bleiben. Dem liegt das Souveränitätsmodell internationaler Beziehung und des Völkerrechts zugrunde, das den Staat als einziges Völkerrechtssubjekt begreift. Eine „globalisierte“ Welt hingegen ist eine Welt, in der die Kooperationsbeziehungen eine neue Qualität erreicht haben, vor deren Hintergrund nationalstaatliche Politik unzureichend erscheint und in der ein neues System entsteht, das nur durch global governance kontrollierbar ist. Dem liegt das Humanitätsmodell internationaler Beziehung und des Völkerrechts zugrunde, das den einzelnen Menschen als Mitglied der einen Menschheit zum Völkerrechtssubjekt macht.

Historisch betrachtet lassen sich übrigens einzelne Entwicklungsstufen des Globalisierungsprozesses z.B. bei der Entdeckung Amerikas (1492), dem Bau des Suezkanals (1869), der Konferenz von Bretton Woods (1943), der Mondlandung (1969) und dem Zerfall der Sowjetunion (1989/91) verorten. Und ein Ende des Globalisierungsprozess ist momentan noch nicht zu sehen – eher hat man das Gefühl, dass wir erst am Anfang dieser riesigen Entwicklung stehen.
 
Weiter zu Teil 2: Die "Dialektik der Globalisierung

Kleine Sommerpause

Liebe Leser,

ich mache ein kleine Sommerpause. Ab August wird es dann weiter gehen mit neuen Beiträgen zur iSophie (Internet-Philosophie) und abschließenden Texten zur Wittgenstein Vorlesung von Prof. Tetens.

Genießt so lange das schöne Wetter! :-)

Robert Dürhager

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 9. Vorlesung 4. Teil

Dennoch soll hier ein weiterer Erklärungsversuch unternommen werden, um zu begründen, warum Wittgenstein die These, dass die Sätze der Ethik sinnlos sind, so scharf vertreten hat. Am Ende seiner „Vorlesung über die Ethik“ sagt Wittgenstein (auf Seite 19): „Soweit die Ethik aus dem Wunsch hervorgeht, etwas über den letztlichen Sinn des Lebens, das absolut Gute, das absolut Wertvolle zu sagen, kann sie keine Wissenschaft sein.
Ist es dies? Will Wittgenstein mit seiner These sagen, dass die Fragen der Ethik keine Fragen der Wissenschaft sind? Prof. Tetens ist dieser Meinung und fasst deshalb diese und andere Thesen, die Wittgenstein vertreten hat noch einmal zusammen:
  • Tatsachen haben als Tatsachen an sich keinen Wert.
  • Tatsachen können keine Werte begründen; aus deskriptiven Sätzen folgen keine normativen Sätze (naturalistischer Fehlschluss).
  • Es gibt keinen intrinsischen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit einer Person, Werte und Normen rational oder gar wissenschaftlich zu begründen, und der Motivation und inneren Stärke einer Person, das ethisch Richtige zu tun.
  • Es wird immer wieder viel zu viel über das Ethisch Richtige geredet, statt es einfach zu tun.
  • Ethische Fragen sind keine wissenschaftlichen Fragen.
Im Tractatus heißt es diesbezüglich:
6.52: Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.
6.521: Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist dies nicht der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)

Dass Wittgenstein mit seinen Thesen über die Ethik diese von den Wissenschaften und Wissenschaftlern trennen wollte, ist nicht nur die Überzeugung von Prof. Tetens. Auch Allan Janik und Stephen Toulmin interpretieren in ihrem Buch „Wittgensteins Wien“ (ZVAB-Link) den Tractatus so:
Kurz gesagt: der Autor des Tractatus hatte das Anliegen, den Bereich der Lebensführung gegen Übergriffe des spekulativen Denkens zu schützen.
Er war sich wie Karl Kraus der Tatsache bewusst, dass die Vernunft nur dann ein Werkzeug des Guten ist, wenn sie die Vernunft eines guten Menschen ist. Das Gute des guten Menschen ist nicht eine Funktion seiner Rationalität; für ihn ist die Ethik eine Form zu leben, nicht ein System von Sätzen. [...] Deshalb war der Tractatus vor allem ein Angriff auf alle Formen rational begründeter Ethik.
Er behauptete natürlich keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Moral; nur dürfen die Grundlagen dieser nicht in jener gesucht werden. Wittgenstein und Schopenhauer finden beide – und jetzt im klaren Gegensatz zu Kant – die Basis der Moral eher im „richtigen Empfinden“ als in „zwingenden Gründen“. In jenen Grenzziehungen, die sich aus der Unterscheidung von Sagbarem und Sich-Zeigendem ergaben (Vernunft/Ethik – Ästhetik; Logik/Naturwissenschaft; Naturwissenschaft/Dichtung; Beschreibung/indirekte Kommunikation), glaubte Wittgenstein die philosophischen Probleme gelöst zu haben. Seine Bildtheorie des Satzes bestätigt Kierkegaards Diktum, dass der Sinn des Lebens kein rationaler Diskurs sei.
Ethik wird nicht durch Argumentation gelehrt, sondern in Beispielen moralischer Lebensführung. Darin liegt eine Aufgabe für die Kunst, exemplarisch erfüllt in Tolstois späten Erzählungen, die in Beispielen wahren religiösen Lebens zeigen, was Religion ist. Der Sinn des Lebens war für Wittgenstein wie für Tolstoi keine Frage akademischer Vernunft.
Die Bildtheorie des Satzes konnte [...] in der Zuweisung des Objektivitätsideals an die Wissenschaft jenen tatsachenfreien, wenn man so will: subjektiven Raum der Ethik reklamieren.
“ (Vgl. Seite 232 und 233)


Tetens über Wittgensteins Tractatus - 9. Vorlesung 3. Teil

Die Begründungen aus dem 2. Teil der 9.Vorlesung sind immer noch nicht ausreichend um daraus Wittgensteins radikale These der Sinnlosigkeit ethischer Sätze wirklich schließen zu können. Vielleicht führen uns die folgenden Sätze aus dem Tractatus auf die richtige Fährte:
6.4: Alle Sätze sind gleichwertig
6.41: Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muss er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was es nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen, denn sonst wäre es wieder zufällig. Es muss außerhalb der Welt liegen.
6.42: Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421: Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt. Die Ethik ist transzendental. (Ethik und Ästhetik sind Eins.)
Um nun nach Wittgensteins Art die Möglichkeiten der Sachverhalte im logischen Raum darstellen zu können, reicht es aus sie mit deskriptiven Sätzen zu beschreiben, deren Wahrheitswert von den Naturwissenschaften überprüft werden können. Deskriptive Sätze sagen aber nichts über den Wert der von ihnen dargestellten Sachverhalte aus. Prof. Tetens: „Sie beinhalten nicht, ob es gut, schlecht, wertvoll oder wertlos, in welchem Sinne auch immer, ist, was der Fall ist. Schon in diesem Sinne sind alle deskriptiven Sätze gleichwertig...“.
Und auch von Standpunkt der Logik her sind sie gleichwertig, solange es keine Tautologien oder Kontradiktionen sind. Prof. Tetens: „Ob ein deskriptiver Satz wahr oder falsch ist, ob er einen bestehenden oder nur einen logisch möglichen Sachverhalt beschreibt, ist vom Standpunkt der Logik gleichgültig.
Wenn nun deskriptive Sätze gleichwertig sind und diese die Tatsachen in der Welt beschreiben, deren Gesamtheit im logischen Raum die Welt ist, dann kann es in der Welt selbst keinen Wert geben. Argumentiert man so, dann folgt richtig der Satz 6.41, in dem Wittgenstein sagt, dass der Sinn der Welt außerhalb ihrer liegen muss.
Wittgenstein bietet noch eine andere Argumentation an. In seinem „Vortrag über die Ethik“ (Amazon-Link) zeigt er auf den Seiten 11 und 12, dass moralische Pflichten für uns immer als etwas unbedingtes (kategorisches) gelten. Prof. Tetens: „Was unbedingt zu gelten hat, kann nicht etwas sein, was auch anders sein könnte. Die Feststellung „Du hast die moralische Pflicht, P zu tun, aber es könnte auch sein, dass Du diese Pflicht nicht hast“ ist eine verunglückte, sinnwidrige moralische Mitteilung.
Deshalb kann Prof. Tetens dann nach Wittgenstein folgendes Argument bilden:
  1. Was unbedingt zu gelten hat, kann nicht etwas sein, was auch anders sein könnte.
  2. Aber was in der Welt der Fall ist, könnte immer auch anders sein. Die Welt wird durch deskriptive Sätze beschrieben, deren Negation keine logische Unmöglichkeit darstellt. Alles in der Welt ist vom logischen Standpunkt zufällig.
  3. Werte können als etwas Unbedingtes nicht auf etwas Zufälliges gründen oder mit ihm identisch sein.
  4. Also können Werte sich auf nichts in der Welt gründen oder mit ihm identisch sein.
Dies klingt alles soweit sehr gut. Doch sind diese zwei Argumente immer noch kein Beweis dafür dass es keine Sätze geben soll, die Werte festschreiben oder aussagen können. Dies folgt nämlich nicht daraus, dass deskriptive Sätze gleichwertig sind. Schließlich gibt es schon seit langer Zeit genau deshalb die Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Sätzen. Und genau deswegen gibt es auch nicht nur die formale Logik, wie sie von Frege und Russelle formuliert wurde, sondern auch die sogenannten deontische Logiken.
Prof. Tetens: „Insgesamt findet sich im Tractatus kein überzeugendes Argument für die These, dass es keine Sätze der Ethik geben könne. [...] Die These, die Sätze der Ethik seien sinnlos, ist im Tractatus nicht nur nicht gut begründet, sie ist offenkundig falsch.


Permalink 10.07.07    1 Kommentar »

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 9. Vorlesung 2. Teil

In der Philosophie wird das Ethische meist begrenzt auf die Frage nach den moralischen Rechten und Pflichten des Menschen. Wittgenstein ist jedoch davon überzeugt, dass zu dem Ethischen auch das Nachdenken über das Glück, den Sinn des Lebens und die Frage gehört, wann ein Leben als ein gutes Leben gelingt oder misslingt.
Wittgenstein: „Anstelle der Formulierung „Die Ethik ist die allgemeine Untersuchung dessen, was gut ist“ hätte ich sagen können, die Ethik sei die Untersuchung dessen, was Wert hat, bzw. dessen, was wirklich wichtig ist.
Oder ich hätte sagen können, in der Ethik gehe es darum, den Sinn des Lebens zu erkunden, zu untersuchen, was das Leben lebenswert macht, oder zu erforschen, welches die rechte Art zu leben ist.
“ (Aus: Vortrag über die Ethik, S10ff., 1930, Amazon-Link)
Gerade deshalb, weil Wittgenstein so viele und wichtige Themen als das Ethische betrachtet, ist es verwunderlich, dass Wittgenstein im Tractatus behauptet, dass man über das Ethische nicht sinnvoll reden kann. Original heißt es im Tractatus:
6.42: Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421: Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt.
Wie lässt sich die erklären? Prof. Tetens gibt uns hierzu zwei Ideen:
So ist einmal festzustellen, dass Wittgenstein als Mensch von tiefem und strengen Ernst galt, weshalb er eine Abneigung gegen jede Form von „Geschwafel“ hatte. Und da sich über die Ethik viel sagen lässt, wird manchmal auch zu viel gesagt. Dann wird geschwafelt, ohne dass nach den Worten Taten folgen. Man kann also annehmen, dass dies Wittgenstein zuwider war und er eher dafür war das Ethische zu „zeigen“ als etwas darüber zu „sagen“. (Siehe Unterscheidung im 3. Teil der 8. Vorlesung). Und in der Tat kann man erhält die Rede über das Ethische erst dann eine Bedeutung, wenn ihr auch Taten folgen. Prof. Tetens: „Es ist sogar selber eine ethische Haltung, wenn man es vorzieht, das ethisch Richtige zwar zu tun, ansonsten aber über das ethisch Richtige nicht oder nur ganz wenig zu reden. Diese Haltung nimmt Wittgenstein ein.
Die andere Möglichkeit ist die, dass für Wittgenstein die Rede über das Ethische zu allgemein war. So sagt Wittgenstein in 6.521, dass „Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde“, nicht „sagen konnten, worin dieser Sinn bestand“. Und tatsächlich, wenn man heute den Worten von Wilhelm Schmidt (Wikipedia-Link) lauscht, welcher für viele als Glück-Experte gilt, dann hat man nicht das Gefühl, dass diese Worte besonders treffend sind. Man hat das Gefühl, dass man bei dem Versuch über das Ethische zu reden an die Grenze des sinnvoll sagbaren stößt. Prof. Tetens: „Nach Wittgenstein trügt uns dieses Gefühl nicht, es ist die richtige Reaktion auf einen logischen Tatbestand, denn über das Ethische kann nicht sinnvoll geredet werden.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 9. Vorlesung 1. Teil

Wie wir im 1. Teil der 8. Vorlesung erfahren haben, ist es ein fundamentales Ziel der Philosophie, „die Welt als eine Einheit zu begreifen von Objekten und Subjekten, die sich auf die Objekte beziehen“ (Tetens). Im Tractatus geht Wittgenstein nun der Frage nach, ob und wie sich über diese Einheit sinnvoll reden lässt.
Im 2. Teil und 3. Teil der 8. Vorlesung wurde weiterhin gezeigt, dass es unmöglich ist die Welt sinnvoll als eine Einheit von Objekten und Subjekten zu begreifen, da das Subjekt sich letztlich außerhalb der Welt befinden muss. Damit hat Wittgenstein ein fundamentales Problem der Philosophie beschrieben.
Prof. Tetens: „Insofern die Philosophie darauf zielt, die Stellung des Menschen im Ganzen der Welt zu bestimmen, versucht die Philosophie nach Wittgenstein ständig etwas zu sagen, was sich eigentlich nicht sagen lässt, sondern sich nur zeigt.
Und insofern die Philosophie insbesondere versucht, die Bezugnahme auf die Welt zu thematisieren, stößt sie nach Wittgenstein an die Grenzen dessen, was sich noch sinnvoll und informativ sagen lässt.

Für Wittgenstein ist es deshalb nur konsequent zu sagen, dass die Sätze der Philosophie als Disziplin zweiter Ordnung und damit die Sätze des Tractatus unsinnig sind.
Dies zeigt sich anhand von Sätzen, welche z.B. die Beziehung von Sprache zur Welt verdeutlichen sollen. So wird die Erklärung "Der Satz 'Schnee ist weiß' ist genau dann wahr, wenn Schnee weiß ist." ab einer gewissen Weiterführung auf höheren Metastufen zur Erklärung des Zusammenhangs von Sprache zur Welt einfach uninformativ und sinnlos, da Objekt und Metasprache in der letzten Reflexionsstufe zusammenfallen (man kann in der Metasprache nur noch den Satz aus der Objektsprache wiederholen).
Und es zeigt sich beim Versuch, die Stellung des Subjekts im Ganzen der Welt zu beschreiben. Denn das beschriebene Subjekt wird beim Versuch es zu beschreiben vom Subjekt beschrieben, welches damit nicht mehr das beschriebene Subjekt ist. Um dieses nun beschreibende Subjekt zu beschreiben muss dieses vom Subjekt wieder beschrieben werden. Es entsteht eine sogenannte „Endlosschleife“, wie man es in der Informatik sagen würde, welche zeigt, dass wir bei solchen Versuchen immer an die Grenzen dessen stoßen, was noch sinnvoll gesagt werden kann.
Doch solche Versuchen zeigen Wittgenstein noch etwas Anderes:
Dadurch, dass diese Versuche letztlich als unsinnig erkannt werden müssen, sind sie Zeugen für die Grenzen des Bereiches der Welt, über welchen sich sinnvoll reden lässt. Sie können uns diese Grenzen zeigen und damit die Welt „von innen heraus begrenzen“.
Prof. Tetens: „Ich gewinne ein Gefühl für das geheimnisvolle, unaussprechliche, in einem strengen Sinne unausdenkbare begrenzte Ganze der Welt, in der wir selber als Subjekte vorkommen, indem die Sätze, in denen ich dieses Ganze darzustellen versuche, in ihrer inhaltlichen Leerheit und Unsinnigkeit zeigen, dass es Unaussprechliches gibt..
Wittgenstein beschreib dies so:
6.45: Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als - begrenztes - Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das Mystische.
6.522: Es gibt Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische
Damit sind für Wittgenstein diese Versuche zwar letztlich sinnlos, jedoch nicht funktionslos. Denn sie zeigen uns die Grenzen der für uns redend und denkend bezugfähigen Welt. Und da Wittgenstein konsequent ist wendet er dieses auch gleich wieder auf die Sätze des Tractatus an:
6.54: Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem auf er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.

Dies kann man so jedoch nicht kommentarlos stehen lassen, denn es stellt sich damit natürlich die Frage, was Wittgenstein unter „die Welt richtig sehen“ versteht. Dieses „richtig sehen“ verdeutlicht Wittgenstein 1919 in einem Brief an seinem Freund Ludwig von Ficker, indem er den Sinn des Tractatus erläutert:
Von seiner Lektüre werden Sie [...] – wie ich bestimmt glaube – nicht allzu viel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen; der Stoff wird Ihnen ganz fremd erscheinen. In Wirklichkeit ist er Ihnen nicht fremd, denn der Sinn des Buches ist ein Ethischer.
Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der nun tatsächlich nicht darin steht, den ich Ihnen aber jetzt schreibe, weil er Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird:
Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen:
aus dem, der hier vorliegt, und aus alle dem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt; und ich bin überzeugt, dass es, streng, NUR so zu begrenzen ist.

Der Leser des Tractatus soll also dazu befähigt werden, die Ethik als etwas zu begreifen, worüber sich sinnvoll nichts sagen lässt. Und er soll gezeigt bekommen, wie das Ethische von Innen her begrenzt werden kann.
6.42: Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421: Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt.

Im den anderen Teilen der 9. Vorlesung wird es deshalb um das Ethische gehen.

Permalink 09.07.07    1 Kommentar »

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 8.Vorlesung 3.Teil

In 4.1212 zieht Wittgenstein abermals eine Grenze: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden.“ Was jedoch ist der Unterschied zwischen „sagen“ und „zeigen“?
Das „kann“ im Satz 4.1212 bezieht sich hier natürlich wieder auf die Sachverhalte im logischen Raum. Und wir wissen ja, dass Wittgenstein im Tractatus u.A. der Frage nachgeht, „was die Welt und die Sprache gemeinsam haben müssen, damit Sätze der Sprache Bilder der Sachverhalte in der Welt sein können.“ (Tetens) Die Antwort kennen wir aus den früheren Teilen meiner Mitschrift: Es ist die logische Form. (vgl. 2.161, 2.2, 2.18)
Wittgenstein sagt zur logischen Form folgendes:
4.12: Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie darstellen zu können – die logische Form. Um die logische Form darstellen zu können, müssten wir uns mit dem Satze außerhalb der Wirklichkeit aufstellen können, das heißt außerhalb der Welt.
4.121: Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist auf sie.
4.1211: So zeigt ein Satz >>fa<<, dass in seinem Sinn der Gegenstand a vorkommt, zwei Sätze >>fa<< und >>ga<<, dass in ihnen beiden von demselben Gegenstand die Rede ist. Wenn zwei Sätze einander widersprechen, so zeigt dies ihre Struktur; ebenso, wenn einer aus dem anderen folgt. U.s.w.
Wie kann man dies verstehen? Nochmals, es geht um die Frage, was sinnvoll über die Verbindung gesagt werden kann, welche zwischen den Namen im Satz und den benannten Gegenstände besteht. Es geht also auch um die Frage, ob die Verbindung der Namen im Satz der Form nach dieselbe Verbindung ist, welche bei den Gegenstände in der Welt existiert.
Um so über die Sprache Auskunft geben zu können, müsste zum einen die Sprache objektiviert werden und zum anderen müsste man über sie in einer Metasprache sprechen. Doch damit gibt es ein Problem. Wie informativ wäre denn diese Metasprache, welche selbst ja ebenfalls eine Sprache ist? Und lassen sich an ihr nicht wieder genau die gleichen Fragen stellen, wie vorher an die Objektsprache? Wir stehen hier vor dem gleichen Problem wie mit dem Subjekt. Denn um etwas über die Verbindung von den Namen im Satz und den Gegenständen in der Welt aussagen zu können, muss man sich der Sprache bedienen. Und um sinnvoll sprechen zu können kann derjenige, welcher spricht, sich nicht außerhalb sämtlicher Sprachen stellen. Prof. Tetens: „Der erfolgreiche Weltbezug der letzten Metasprache „zeigt“ sich im Vollzug des Redens und Denkens, aber Informatives kann darüber nicht mehr „gesagt“ werden. Die Sätze auf der letzten Metastufe müssen für sich selbst stehen, sie müssen für sich selbst verständlich sein, sie müssen „für sich selbst sprechen“.
Damit beweist Wittgenstein abermals, dass man nicht sinnvoll über das Subjekt reden kann. Denn wenn es nicht möglich ist letztlich noch sinnvoll über die Verbindung von Namen in Sätzen und ihrer Gemeinsamkeit mit der Verbindung der Gegenstände in der Welt zu sprechen, dann kann man letztlich auch nicht sinnvoll über das Gesamtgebilde sprechen, indem sich ein Subjekt sprechend und denkend auf die Welt bezieht.
Deshalb ist es Wittgenstein nun möglich folgendes im Tractatus zu sagen:
5.641: Es gibt also wirklich einen Sinn, in welchem in der Philosophie nicht-psychologisch vom Ich die Rede sein kann. Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, dass die „Welt meine Welt ist“. Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze – nicht ein Teil - der Welt.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 8.Vorlesung 2.Teil

Wir sind nun beim Thema „Subjekt“, über welches Wittgenstein u.A. folgendes sagt:
5.631: Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht.
5.632: Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.
Dies ist bemerkenswert. Es fragt sich, wie Wittgenstein darauf kommt das Subjekt als Grenze der Welt aufzufassen und es somit von der Welt auszuschließen. Denn ist es nicht normalerweise so, dass das Subjekt, welches sich auf die Objekte in der Welt (oder unmissverständlicher nach Wittgenstein auf die Sachverhalte im logischen Raum) bezieht nicht auch Teil dieser Welt ist? Und ist es nicht normalerweise Ziel der Philosophie dieses Subjekt und seine Bezugnahme auf die Welt selbstreflexiv als ein abgeschlossenes Ganzes zu betrachten? Schauen wir mal, was Wittgenstein uns noch über das Subjekt zu berichten hat:
5.63: Ich bin meine Welt. (Der Mikrokosmos.)
5.631: Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht. Wenn ich ein Buch schriebe >>Die Welt, wie ich sie vorfand<<, so wäre darin auch über meinen Leib zu berichten und zu sagen, welche Glieder meinem Willen unterstehen und welche nicht etc., dies ist nämlich eine Methode, das Subjekt zu isolieren, oder vielmehr zu zeigen, dass es in einem wichtigen Sinne kein Subjekt gibt: Von ihm allein nämlich könnte in dem Buch nicht die Rede sein.
5.633: Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken? Du sagst, es verhält sich hier ganz anders, wie mit Auge und Gesichtsfeld. Aber das Auge siehst du wirklich nicht. Und nichts am Gesichtsfeld lässt darauf schließen, dass es von einem Auge gesehen wird.
5.6331: Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht etwa eine solche Form:
Gesichtsfeld

Wittgenstein macht die interessante Enddeckung, dass das Subjekt eines Betrachters der Welt gerade vom Leib isoliert wird, wenn man dessen Glieder objektiviert, obwohl normalerweise ja das Subjekt mit dessen Leib identifiziert wird. Es ist dadurch nicht möglich über das Subjekt zu reden, weil man es sonst zum Objekt macht, dass jedoch wieder vom entwichenen Subjekt betrachtet wird. Es ist wie das Hase und Igel Spiel. Das Subjekt lässt sich genauso wenig ergreifen, wie man im Gesichtsfeld das eigene Auge sieht. Es gibt somit immer ein Subjekt, dass von außerhalb eine Situation betrachtet, welches jedoch nie selbst betrachtet werden kann. Wäre dies möglich, dann würde es im nächsten Bild noch einen weiteren Rahmen geben, welcher auch das letzte „Ich“ mit einschließt. Dies ist nach Wittgenstein jedoch unmöglich.

Modell Selbstreflexion

Prof. Tetens: „Ich als das Subjekt meines aktuellen letzten sinnvollen Gedankens falle aus der Welt, auf die ich gerade Bezug nehme, heraus.
Ich als das Subjekt meines aktuellen letzten sinnvollen Gedankens stehe immer an der Grenze der Welt, auf die ich gerade Bezug nehme.
Wittgenstein gibt hiermit ein Beispiel für etwas, worüber sich logisch nichts mehr sinnvoll sagen lässt. Seine Aussagen über das Subjekt lässt sich somit als Teilerfolg seines Projekts der Grenzziehung zwischen dem, was sinnvoll gesagt und gedacht werden kann, und dem, was nicht sinnvoll gesagt oder gedacht werden kann, werten.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 8.Vorlesung 1.Teil

Die Philosophie ist eine Wissenschaft höherer Ordnung. Denn die Philosophie setzt sich mit dem Bereich auseinander, der uns durch die besondere Fähigkeit des Menschen, sich selbstreflexiv darauf zu beziehen, wie er sich auf die Welt bezieht, gegeben ist. Man kann also auch davon sprechen, dass Philosophie Selbstreflexion ist.
Wittgenstein beachtet dies im Tractatus, indem er eben nicht einfach nur über die Beschaffenheit der Welt redet, sondern grundlegend Bezug auf das Subjekt nimmt, welches über die Tatsachen in der Welt nachdenken und reden kann. Er macht dies, indem er mit der „transzendentalen Rolle der Logik“ eine Antwort auf eine transzendentale Frage gibt, wie die Welt beschaffen sein muss, damit wir uns redend und denkend auf sie beziehen können. Nach Prof. Tetens sagt Wittgenstein nämlich folgendes: „Die Bedingungen der Möglichkeit logisch sinnvoller Rede über die Welt sind Bedingungen der Welt selber. Die Logik (logische Grammatik) als Bedingung der Möglichkeit sinnvoller Rede über die Welt ist [deshalb] eine Bedingung der Welt selber.“ (Vgl. 6.13) Nur unter dieser Bedingung ist es möglich sich sinnvoll redend oder denkend auf die Welt zu beziehen.
Da die Sätze, mit denen wir uns auf die Welt beziehen, gleichzeitig auch den logischen Raum eröffnen, sagt Wittgenstein deshalb in 1.13 „Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.“, anstatt einfach nur zu sagen, dass die Tatsachen die Welt sind. Aber er sagt noch mehr:
5.61: „Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen.
Da die Logik sich mit den logischen Möglichkeiten der Beschaffenheit der Welt befasst und der logische Raum die Gesamtheit dieser logischen Möglichkeiten umfasst, „dann endet die Welt, vom Standpunkt der Logik, erst an den Grenzen dessen, was logisch möglich ist, und das heißt: an den Grenzen dessen, was sinnvoll gesagt werden kann.“ (Tetens)
Hier ist anzumerken, dass Wittgenstein keinen Unterschied zwischen sprechen und denken macht (vgl. 4 und 5.61). Und es ist zu beachten, dass wir es beim Sprechen und Denken immer mit Handlungen im logischen Raum zu tun haben, was erstens bedeutet, dass das was wir denken nur logisch möglich und nicht unbedingt wahr sein muss, und zweitens impliziert, dass die Logik nicht von sich aus feststellen kann, was in der Welt der Fall ist, da sie sonst Möglichkeiten ausschließen müsste, deren Möglichkeit doch gerade durch die Logik festgestellt wird. (vgl. 4.01, 4.021, 4.024, 4.031, 2.0121 und 5.61)
Nimmt man nun an, dass Wittgensteins Nummerierung der Sätze die Wichtigkeit der Sätze verdeutlichen soll, dann findet sich in 5.6 und 5.61 ein Unterschied, welcher nur dadurch erklärt werden kann, dass es Wittgenstein wichtig war vor der Mitteilung, dass die Logik die Grenzen der Welt definiert, die Mitteilung zu stellen, dass die Sprache des Subjekts die Grenzen der subjektiven Welt bedeutet. Hier zeigt sich, dass Wittgenstein die Aufgabe der Philosophie, nämlich selbstreflexiv zu sein, nicht nur ernst nimmt, sondern die Grenze der jeweils subjektiven Welt auch für bedeutsamer hält als die allgemeine Grenze der Welt durch die Logik.
5.6: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Permalink 03.07.07    3 Kommentare »

Digitaler Bürgerkrieg

Achtung, jetzt wird es anmaßend. Ich werde mich nämlich zur Abwechslung mal selbst zitieren:
Es ist schon lustig, wie früher immer wieder kritisiert wurde, dass der „virtuelle Raum Internet“ unabhängig vom „echten Leben“ sei, während es nun so aussieht, als ob das „echte Leben“ abhängig von der „virtuellen Welt“ wird.“ (Aus: „Punk’s not dead“)
Noch ist die Abhängigkeit des „realen Lebens“ vom der „virtuellen Welt“ eher gering, doch zukünftig ist ein Leben ohne Zugang zum Netz kaum noch vorstellbar. Denn immer mehr Handlungen verlagern sich ins Internet. Hier kann man schon heute die Steuererklärung abgeben, Nachrichten lesen, mit Freunden und Geschäftspartnern Kontakt halten, Bücher und Elektronikartikel kaufen, Musik hören, Filme anschauen, den Lebenspartner finden, seine Freizeit planen, seine Finanzen managen, sich zur Politik äußern, Hilfe zu allen Lebenssituationen finden und wertvolle Karrierechancen erhaschen. Wie wird es erst in 10 Jahren sein?
Die „Weisheit der Massen“ ist eine gefeierte Eigenschaft des Web 2.0. „Endlich“, so hört man den Optimisten, „besitzen die Massen die Macht. Endgültige Aufklärung und Gerechtigkeit sind nicht mehr weit entfernt.“ „Wir sind dem Untergang nahe“ sagen hingegen die Pessimisten, welche lieber auf Pluralität und den freien Zugang zu Informationen verzichten wollen, um sich ein glückliches Leben der Selbsttäuschung gönnen zu können. Fragt man wieder die Experten, welche eigentlich von den Massen abgelöst wurden, so findet sich in jeder Aussage über die wirtschaftliche oder politische Zukunft die Ankündigung, dass der „user generated content“ alles verändern wird. Über das „Wie“ sind sie sich hingegen wieder uneinig.
Es ist mir ein Anliegen die Aufmerksamkeit von Philosophen auf eine bestimmte Dimension dieser Entwicklung zu richten. Nachfolgend soll es deshalb um die ethische Frage gehen, wie der Mensch mit seinen Artgenossen umgehen soll, wenn dieser jederzeit Alles über sein Gegenüber in Erfahrung bringen kann. Abgrenzen will ich mich hierbei von der Frage, wie der Staat mit seinen in Zukunft gläsernen Bürgern umgehen soll, denn diese Frage scheint mir von Datenschützern und Privacy-Aktivisten schon gut besetzt, unter denen sich ebenfalls Philosophen finden.
Es geht mir also indirekt um die Kehrseite des Web 2.0 und seinen Möglichkeiten, sich und sein Leben vollständig öffentlich zu machen oder durch „Buddys“ entblößen zu lassen. So hört man immer wieder von Fällen, in denen Personen aufgrund von Informationen im Netz (z.B. Bilder oder Videos von einer besuchten Party oder persönliche Beiträge in Foren oder Webblogs über das eigene Sexualleben) ihren Job verloren haben oder sonstige negative Behandlungen in Kauf nehmen mussten. Und Datenschützer werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass Personalchefs gerne auch mal Google zu rate ziehen, um mehr über die neuen Bewerber oder die jetzigen Mitarbeiter zu erfahren. Mir scheint es deshalb angebracht zu sein den Umgang mit der neuen Macht, welche den Massen nun zu Teil wird, mal etwas zu überdenken. Denn wie jeder weiß, kommt mit der Macht ebenso auch die Verantwortung.
Was für Konsequenzen für den zwischenmenschlichen Umgang hat es also, wenn jederzeit alles über das Gegenüber in Erfahrung gebracht werden kann? Nun, es passiert etwas, dass sehr viele Menschen bis ins Mark erschüttert. Es ist dann nämlich möglich hinter die Maske eines jeden Menschen zu schauen und eine Ahnung davon zu bekommen, welche Seite(n) die Person außerdem noch besitzt. Die vielen Masken (z.B. für den Job, in der Familie, im Freundeskreis), welche jeder von uns für unterschiedliche Situationen immer parat hat, werden somit wertlos.
Wie soll man also mit den Informationen umgehen, welche man alle über eine Person herausfinden kann? Ist es z.B. angebracht einer angehenden Lehrerin den Studienabschluss zu verweigern, weil es im Internet ein Bild von ihr gibt, welches sie betrunken auf einer Party zeigt? Oder müsste der Studiendekan hier nicht von sich aus sagen, dass dies nur eine Dokumentation einer allzumenschlichen Begebenheit darstellt, welches nichts mit den Studienleistungen oder der Qualifikation für die Ausübung des Lehrer-Berufes zu tun hat? Müssten Christen hier nicht gerade an den Wert der Vergebung appellieren? Und müssten Aufklärer hier nicht sofort die Fahne der Toleranz hochhalten?
Die Geschichte zeigt uns, dass wann immer ein Mensch Macht über andere Menschen besaß, er diese auch genutzt hat. Meistens zum Nachteil der unterlegenen Menschen. In einem Zeitalter des gläsernen Menschen kann sich dies jedoch ändern, denn hier kann prinzipiell jeder etwas über die andere Person in der Hand haben. Werden wir nun also auch im Privatleben miteinander konkurrieren um dadurch bessere Chancen für das Berufsleben zu haben? Klingt verrückt, doch scheint es darauf hin hinaus zu laufen.
Hier dazu einen Verhalteskodex aufzustellen halte ich für unrealistisch, wenn viele Menschen es nicht einmal schaffen über so unschuldige Dinge wie Geschlecht und Hautfarbe hinwegzusehen. Die Zeiten könnten also hart werden, sobald der „Infowar“ zum Bürgerkrieg wird.
Ob eine solche Zukunft verhindert werden kann, vielleicht auch mit den Mitteln des Staates um die Bürger vor sich selbst zu schützen, dass kann niemand sagen. Jedoch ist es ein Anfang, wenn wir Menschen endlich das Menschliche als etwas Menschliches annehmen würden, um somit Allzumenschliches mit Güte zu begegnen, anstatt in jeder Lage immer nur nach den eigenen Vorteilen zu handeln. Das Web 2.0 bietet jedem, welcher dieses kann dafür eine Menge Gegenwert an, indem es so tolle Dinge wie Wikipedia, Open Source Software (siehe Sourceforge), Blogs (siehe Technorati), Soziale Netzwerke (Wikipedia), freie Musik (siehe Jamendo), Kunst (siehe DeviantART) und Filme (siehe Youtube) möglich macht.
Permalink 02.07.07    1 Kommentar »

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 7. Vorlesung 4. Teil

Den Beweis für seine These aus Teil 3 der 7. Vorlesung will Carnap dann anhand Heideggers Antrittsvorlesung an der Freiburger Universität erbringen, welche der Frage „Was ist Metaphysik“ gewidmet war. Hierzu stellt Carnap eine geeignete Satzreihe über „das Nichts“ aus Heideggers Vorlesung zusammen, um diese dann in einer Tabelle mit nicht-metaphysischen Sätzen über „den Regen“ zu vergleichen. Damit will er zeigen, dass Heidegger den negierten Existenzoperator („es gibt nicht etwas, für das gilt:...“) fälschlicherweise als einen singulären Terminus „das Nichts“ missverstanden hätte.
Prof. Tetens parodiert in seiner Vorlesung Carnap dann mit einem erfundenen Gespräch zwischen einem Therapeuten und dessen Klienten, um die Unangebrachtheit von Carnaps Vorhaben deutlich zu machen. Zuerst ein solches Gespräch, wie es normalerweise verlaufen könnte:

Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Haben Sie Angst vor dem Tod?“
Klient: „Nicht vor dem Sterben. Ich habe davor Angst, überhaupt nicht mehr da zu sein, nicht und nichts zu sein. Obwohl ich mich frage, wovor ich da eigentlich überhaupt Angst habe.“
Therapeut: „Flößt Ihnen der Gedanke, Angst zu haben, ohne benennen zu können wovor, Angst und Schrecken ein?“
Klient: „Ja, irgendwie schon. Es ist nichts Bestimmtes, vor dem man Angst hat, aber dass es nichts Konkretes ist, macht mir Angst.
Sobald dieser Gedanke einer Angst vor nichts von mir Besitz ergriffen hat, scheint mir alles in meinem Leben auf einmal irgendwie bedeutungslos und nichtig zu sein.“

Und nun das Gespräch in Carnapscher Manier:

Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Ein bißchen mehr Logik, wenn ich bitten darf. Wenn Sie vor nichts Angst haben, haben Sie keine Angst; denn es gehört zur logischen Syntax des Ausdrucks „Angst haben“, dass derjenige, der vor nichts Angst hat, keine Angst hat. Sie haben also gar keine Angst oder Sie sagen nicht, was Sie eigentlich meinen.
Machen Sie sich das bitte klar und antworten Sie auf meine Fragen in Zukunft nur in sinnvollen Sätzen. Konsultieren Sie im Zweifelsfall ein Lehrbuch der Logik. Mit ihren sinnlosen Äußerungen kommen wir jedenfalls nicht weiter!“

Wenn Heidegger in seiner Antrittsvorlesung nämlich Sätze wie „Was ist draußen?“, „Draußen ist nichts“, „Wie steht es um dieses Nichts“, „Wir kennen das Nichts“, „Das Nichts selbst nichtet“ vorbringt, dann geht es Heidegger nicht um den Gegenstand des „Nichts“. Prof. Tetens: „Heidegger analysiert das menschliche Dasein. Das Unbestimmte der Angst, die alles einbezieht und doch nicht auf etwas Bestimmtes zielt, das Radikale der Angst, in der es um Sein und Nicht-Sein geht, ihr Zusammenhang mit der Endlichkeit des Daseins und dem Tod, der am Ende alles vernichtet und der manchen von uns das Dasein in der Welt insgesamt als nichtig erscheinen läßt, dieses und noch mehr klingt in dem von Carnap logisch zensierten Heidegger-Satz „Das Nichts nichtet“ an.
Heidegger redet über Stimmungen, wobei er es nicht dabei belassen will diese Stimmungen mit deskriptiven Sätzen auszudrücken, welche ihrerseits die Stimmungen nicht ausdrücken, sondern er will sie mit seinen Sätzen erzeugen, was für Carnap eben ein sprachlogisches Unding ist. Deshalb vergleicht Carnap am Ende seines Aufsatzes Metaphysiker auch mit Musikern: „Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Fähigkeit. Dafür besitzen sie eine starke Neigung zum Arbeiten im Medium des Theoretischen, zum Verknüpfen von Begriffen und Gedanken.
Anstatt nun einerseits diese Neigung im Gebiet der Wissenschaft zu betätigen und andererseits das Ausdrucksbedürfnis in der Kunst zu befriedigen, vermengt der Metaphysiker beides und schafft ein Gebilde, das für die Erkenntnis gar nichts und für das Lebensgefühl etwas Unzulängliches leistet.
Heidegger kann dieses Verkürzen der Äußerungen von Sätzen auf ihren propositionalen Gehalt nicht mitmachen. Heidegger will das „Geworfensein“ ins Dasein nicht verharmlosen, indem er darüber Auskunft gibt, ob das „Geworfensein“ der Fall ist und in welchen Relationen das „Geworfensein“ zu den Ängsten, Sorgen und Zweifeln des „Vorlaufen“ zum Tode steht. Er will diese Stimmungen erzeugen, weshalb er auch nicht davor halt macht die Sprache ein wenig zu verfremden bzw. neu zu erfinden, um aus den verharmlosenden Klischees des „Man“ auszubrechen. Heideggers „Sein und Zeit“ (Amazon-Link) lebt von diesem eigentümlichen Pathos, diesem dramatischen Tonfall. Und ließt man den Tractatus, so lassen sich auch hier Sätze finden, welche diesen existenziellen Expressionismus innehaben. Der Wiener Kreis hatte nur mit dieser Seite des Tractatus so seine Schwierigkeiten, weshalb er einfach ignoriert wurde.

Abschließend lässt sich sagen, dass Wittgensteins unbegründete Philosophiekritik anmaßend ist. Carnap hat zumindest den Versuch unternommen die Sinnlosigkeit der Metaphysik zu begründen, Wittgenstein hingegen verkündet diese einfach nur in einem All-Satz (DIE Philosophie). Prof. Tetens: „Wittgenstein war bei weitem nicht so gut in der Geschichte der Philosophie bewandert, als dass er sich solche falschen Verallgemeinerungen erlauben könnte. […] In Wahrheit finden sich überzeugende Belege für die These, dass bestimmte Philosophien sich einem Missverständnis der „logischen Grammatik“ der Sprache verdanken, weder bei Carnap noch beim Wittgenstein des Tractatus, sondern zum Beispiel bei einem Philosophen wie Gilbert Ryle mit seiner Kritik am Cartesianischen Dualismus. Bei aller Kritik an Wittgensteins Philosophiekritik steckt in seiner These, dass die Sätze der Philosophie sinnlos seien, doch ein sehr tiefer Gedanke, den wir bisher noch gar nicht erfasst haben.“ Dies soll in der nächsten Vorlesung geschehen.
PS: Wer mehr über Heidegger wissen will, dem Empfehle ich den Blog "phainomena" von Manuel Schölles.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 7. Vorlesung 3. Teil

Wittgenstein behauptet in 4.003, dass die meisten Sätze über philosophische Dinge nicht falsch sondern unsinnig sind. Und er behauptet weiter, dass dies auf das Unverständnis unserer Sprachlogik beruhen würde. Harte Worte wählt Wittgenstein hier. Es wirkt schon fast wie eine rachsüchtige Anklage, wenn er die bisherige Philosophie einfach so als Unsinn deklariert.
Nun hat er damit Recht, dass es durchaus in der Philosophie schon vorgekommen ist, dass die logische Form missverstanden wurde und aufgrund dieses Fehlers Scheinprobleme und sinnlose Sätze erzeugt wurden. Wittgenstein könnte dies also zum Anlass nehmen um das Philosophieren unter eine Verhaltensmaxime zu stellen, um sie so vor solchen Fehlern zu bewahren. Prof. Tetens hat eine solche Maxime für das Philosophieren mal aufgestellt:

1. Vergewissere dich zunächst, dass eine philosophische Frage sinnvoll ist und nicht dadurch entstanden ist, dass man die logische Form von Sätzen missverstanden hat!
2. Achte auch bei deinen Antwortversuchen auf philosophische Fragen stets darauf, dass deine Sätze sinnvoll sind und du jederzeit über die logische Form deiner Sätze Rechenschaft ablegen kannst.

Sich an eine solche Maxime beim Philosophieren zu halten, würde sicherlich helfen die Qualität in der Philosophie zu bewahren. Wittgenstein ist dies jedoch nicht genug. Er vertritt die These, dass alle Fragen und Antwortversuche der Philosophie sich am Ende als sinnlos erweisen. In 6.53 sagt er deshalb: „Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, das wir ihn Philosophie lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.
Wittgenstein meint es mit dieser harschen Philosophiekritik also tatsächlich ernst. Kann er sie jedoch auch wirklich begründen? Prof. Tetens hat deshalb zwei Argumente zusammengestellt, welche sich implizit aus dem Tractatus entnehmen lassen, welche die Sinnlosigkeit der Philosophie nachweisen sollen:

1. Nur die Sätze der Naturwissenschaften sind sinnvoll.
2. Die Sätze der Philosophie sind keine Sätze der Naturwissenschaften.
------------------------------------------------------------
3. Also sind die Sätze der Philosophie nicht sinnvoll.


1. Jeder sinnvolle Satz ist entweder empirisch oder er ist ein Satz der Logik (Tautologie).
2. Die Sätze der Metaphysik (=Philosophie) sind weder empirisch noch logisch wahr.
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3. Also sind die Sätze der Metaphysik (=Philosophie) nicht sinnvoll.

Vor allem das zweite Argument ist ein typisches für den Wiener Kreis. Rudolf Carnap, berühmtes Mitglied des Wiener Kreises hat dann auch versucht im Aufsatz „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ (Amazon-Link) nachzuweisen, dass alles Metaphysische sinnlos ist.
Carnap: „Auf dem Gebiet der Metaphysik (einschließlich aller Wertphilosophie und Normwissenschaft) führt die logische Analyse zu dem negativen Ergebnis, dass die vorgeblichen Sätze dieses Gebietes gänzlich sinnlos sind.
Damit ist eine radikale Überwindung der Metaphysik erreicht, die von den früheren antimetaphysischen Standpunkten aus noch nicht möglich war. [....] Die Metaphysik gilt uns nicht als „bloßes Hirngespinst“ oder „Märchen“.
Die Sätze eines Märchens widerstreiten nicht der Logik, sondern nur der Erfahrung; sie sind durchaus sinnvoll, wenn auch falsch.
Die Metaphysik ist kein „Aberglaube“; glauben kann man an wahre und an falsche Sätze, aber nicht an sinnlose Wortreihen.
Auch nicht als „Arbeitshypothesen“ kommen metaphysische Sätze in Betracht; denn für eine Hypothese ist das Ableitungsverhältnis zu (wahren oder falschen) empirischen Sätzen wesentlich, und das fehlt gerade bei Scheinsätzen.



Blog - Tetens über Wittgensteins Tractatus - 7. Vorlesung – 2. Teil

Die Antwort auf die Frage, wo die Philosophie ihren Platz im Bereich der „Wissen schaffenden Bereiche“ hat, steht weiterhin aus. Wittgenstein beantwortet sie folgendermaßen:
4.112: Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken. Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen. Das Resultat der Philosophie sind nicht >>philosophische Sätze<<, sondern das Klarwerden von Sätzen. Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam trübe und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen.
4.0031: Alle Philosophie ist >>Sprachkritik<<. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners). Russell‘s Verdienst ist es, gezeigt zu haben, dass die scheinbare logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muss.

Dies erinnert uns natürlich wieder an Wittgensteins Philosophie einer idealen Sprache (siehe 5. Vorlesung Teil 2). Wittgenstein behauptet hier aber noch mehr: Mit der Behauptung, dass Philosophie keine Lehre ist, spricht Wittgenstein der Philosophie klar die Eigenschaft ab, selbst Wissen oder Erfahrung hervorbringen zu können. Was die Philosophie jedoch als Tätigkeit vollbringen kann, ist innerhalb der Sprache und der Gedanken für Ordnung zu sorgen. Eben nur eine Philosophie der logische Analyse von Sätzen.
Als Beispiel hierfür ist Wittgenstein in 4.0031 auch auf Russell eingegangen, der gezeigt hat, dass der Satz „Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig“ eine andere logische Form hat, als man es normalerweise erwarten würde. Man könnte nämlich glauben, dass der Satz von Russell die selbe logische Form haben würde wie z.B. der Satz „Herr Collina ist kahlköpfig“ (Wikipedia), dessen logische Form man mit „Dem Einzelobjekt a kommt die Eigenschaft F zu.“ beschreiben kann. Diese Unterstellung würde jedoch Probleme bereiten, denn der singuläre Terminus „der gegenwärtige König von Frankreich“ bezieht sich auf keinen Gegenstand, hätte also keine Bedeutung und wäre damit sinnlos. Und da man sinnlosen Sätzen keinen Wahrheitswert zuweisen kann, wäre es unmöglich zu sagen, ob der Satz wahr oder falsch ist. Tatsächlich ist der Satz von Russell nämlich ein Existenzsatz der Form „Es gibt genau einen Einzelgegenstand x, für den gilt: x ist gegenwärtiger König von Frankreich und x ist kahlköpfig.“. Mit dieser zu Grunde liegenden Form hat jedes logische Element des Satzes von Russell eine Bedeutung und ist damit nun nicht mehr sinnlos, sondern nur noch falsch. Anhand dieses Beispiels von Russell kann man verstehen, was Wittgenstein meint, wenn er sagt, dass das Resultat der Philosophie das „Klarwerden von Sätzen“ ist.
Der Sinn dieser Ordnung stiftenden Aufgabe der Philosophie beschreibt Wittgenstein in 4.113 so: „Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft.“. Prof. Tetens: „Indem die Philosophie die logische Form der Sätze klärt, klärt sie, was sich überhaupt sinnvoller Weise bestreiten lässt. Was sich sinnvoller Weise bestreiten lässt, gehört nicht zu den Sätzen der Logik [sind also weder Tautologien noch Kontradiktionen], sondern muss zu den Erfahrungssätzen und damit aufgrund des Wittgensteinschen Vorurteils zu den Sätzen der Naturwissenschaften gehören.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 7. Vorlesung - 1.Teil

Es ist kein Geheimnis, dass der Tractatus für den Wiener Kreis eine Art Offenbarung darstellte. Offenbarung jedoch nicht im Sinne der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (Wikipedia), sondern eher im Sinne einer starken Inspiration hin zum Logizismus (Wikipedia) und logischen Empirismus (Wikipedia). Es ist also nicht verwunderlich, dass der Wiener Kreis sich fast ausschließlich um die logische Seite des Tractatus kümmerte und jede weitere Dimension des Tractatus, welche durchaus existieren, für überflüssig hielt. Da Philosophie sich jedoch nicht nur mit der Logik auseinander setzt, hat Wittgenstein auch zu anderen Themen und sogar zur Philosophie selbst Stellung bezogen. Ein Blick auf Wittgensteins Philosophiekritik und dessen Auswirkungen auf den Wiener Kreis ist deshalb sicherlich interessant anzuschauen.
Wittgenstein sagt in 4.11 „Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften)“. Wenn wie in 4.1 beschieben der wahre Satz das Bestehen eines Sachverhalts darstellt und die Gesamtheit dieser bestehenden Sachverhalte die Gesamtheit der Naturwissenschaften ist, dann stellt sich die Frage, was für einen Sinn die Philosophie noch macht, wenn diese eben nicht unter die Naturwissenschaften fällt. Zuerst stellt sich jedoch die Frage, wie Wittgenstein darauf kommt in 4.11 nur die Naturwissenschaften als diejenigen Wissenschaften anzusehen, welche Erfahrungen über das Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes machen können. Warum sagt Wittgenstein hier nicht einfach „Erfahrungswissenschaften“? Wie kommt er dazu allen Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften, der Theologie und der Philosophie diese Eigenschaft, das Erfahren vom Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten, abzusprechen? Und was macht Wittgenstein mit der Mathematik?
Nun im Fall der Mathematik schließt sich Wittgenstein Freges und Russells Logizismus an, welcher behauptet, dass sich die Sätze der Mathematik logisch-definitorisch auf die Sätze der Logik zurückführen lassen. Somit sagt die Mathematik, genauso wie die Logik (siehe 2. Teil der 6.Vorlesung), nichts über das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten aus.
Zu den anderen ausgeschlossenen Wissenschaften äußert sich Wittgenstein nicht. Keine Begründung, nicht einmal ein Versuch dazu. Prof. Tetens: „Wittgenstein redet hier eine Gedankenlosigkeit und ein (unter einigen Naturwissenschaftlern, Logikern, Mathematikern und nicht zuletzt einigen Philosophen) beliebtes Vorurteil einfach nach.
Erst der Wiener Kreis liefert mit dem Physikalismus den Versuch einer Erklärung, welcher besagt, dass alle Erfahrungswissenschaften sich letztlich auf die Physik zurückführen lassen. Prof. Tetens erklärt dieses große Reduktionsprojekt wie folgt: „Alle Geistes, Sozial- und Kulturwissenschaften, sofern sie nicht sinnlos sind wie die Theologie und die traditionelle Metaphysik (Philosophie), werden zunächst auf die Psychologie reduziert. Die Psychologie wird auf die Biologie reduziert. Die Biologie wird auf die Chemie und die Physik reduziert. Die Chemie wird auf die Physik reduziert.
Für den Wiener Kreis stellt die Physik deshalb eine Einheitswissenschaft dar. Somit gibt es eigentlich nur diese eine Erfahrungswissenschaft, in dessen Sprache und mit dessen Methoden letztlich alles, was sinnvoll und wahr über die Welt gesagt werden kann, erfasst wird. Wittgensteins Wahl des Terminus „die gesamte Naturwissenschaft“ in 4.11 kann damit indirekt erklärt werden. Ob er diese Wahl tatsächlich aufgrund des physikalistischen Reduktionismus getroffen hat, kann jedoch aus Mangel an einer Begründung nicht bewiesen werden.
Mancher Leser wird sich bei einer solchen Einteilung der „Wissen schaffenden Bereiche“ an Kant erinnert fühlen, welcher ebenfalls eine Einteilung vorschlug. Prof. Tetens hat den Unterschied beider Modelle in zwei Tabellen zusammengefasst:

Die Einteilung nach Kant:


  A priori A posteriori
analytisch Logik -
synthetisch Mathematik als
„Reine Naturwissenschaft“
Physik als
Erfahrungswissenschaft


Die Einteilung des Wiener Kreises im Anschluss an den Tractatus:

Apriorisches Wissen Erfahrungswissen
Logik und Mathematik Physik als Einheitswissenschaft


Prof. Tetens: „Bei der Einteilung des Wiener Kreises gibt es kein synthetisches apriori. Ein Satz ist genau dann a priori wahr ist, wenn er eine Tautologie der Logik ist. Ein Satz ist genau dann synthetisch, wenn er ein Satz der Erfahrungswissenschaft ist.

„Punk’s not dead“ – Wie das Internet zur Politikverdrossenheit beiträgt

Blog Karneval Die Wahlbeteiligung sinkt und die Parteien verlieren kontinuierlich Mitglieder. Der Begriff „Stammwähler“ ist in manchen Kreisen schon fast ein Schimpfwort. Politikern traut man heute genauso wenig wie Gebrauchtwagenhändler. Der Politik- und Parteienverdrossenheit scheint es genauso gut zu gehen, wie dem deutschen Export. Bedenkt man das junge Alter des Begriffs „Politikverdrossenheit“, dann kann man wohl sagen, dass wir es hier mit einer (negativen?) Erfolgsgeschichte zu tun haben. Erst Ende der 80er wurde der Begriff bekannt, 1992 ist er von der Gesellschaft deutscher Sprache e.V. zum Wort des Jahres erklärt worden und 1994 fand er sich dann zum ersten Mal im Duden wieder.
Gründe für diese Entwicklung scheint es viele zu geben: Nicht eingehaltene Wahlversprechen, Fehler in der Politik, Eigeninteresse der Politiker, Lobbyismus, schlechte Parteiprogramme, Ähnlichkeit der Parteien, negative Schlagzeilen und mangelnde Bildung einiger Bevölkerungsschichten.
Betrachtet man zusätzlich noch die Geschichtsentwicklung seit der Entstehung des Begriffs „Politikverdrossenheit“ am Ende der 80er Jahre, dann findet sich darin u.A. den Fall der Mauer, der Zusammenbruch des Ostblocks, womit gleichzeitig auch eine große Gefahr gebannt wurde, und ein großer Anstieg der Arbeitslosigkeit, welche wohl auf die Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland, den Einsatz von Computern und der Schließung etlicher unrentabler Unternehmen in der ehemaligen DDR zurückzuführen ist.
Soweit ist alles bekannt und ein weiterer Artikel über diese Dinge wäre uninteressant. Ich will deshalb hier versuchen eine neue These den vorherigen Gründen für eine Zunahme der Politikverdrossenheit hinzuzufügen.

Seit Ende der 80er Jahre wurden Personalcomputer auch für normale Haushalte erschwinglich. Spätestens jedoch seit der Einführung von Windows 3.1 (1992), welches sich in zwei Jahren über 25 Millionen mal verkaufte, kann man behaupten, dass der Computer Einzug in das tägliche Leben vieler Menschen nahm. Und mit dem PC kam auch das Internet, welches alles veränderte.Hacker Manifesto
Ursprünglich wurde das Internet vom US-Militär als ein dezentrales und dadurch schwierig kontrollierbares oder zumindest schwierig zu störendes Kommunikationsmittel erfunden (dieses Netz hieß ARPANET und wurde 1969 zum ersten Mal in Betrieb genommen). Dass sich daraus ein ganz neuer Raum für Wirtschaft, Freizeit und Information entwickeln würde, dass hätte damals wohl niemand vermutet. Nicht zuletzt waren es jedoch diese grundlegenden Strukturen, welche das Internet zu einem weltweiten Erfolg werden ließ. Denn durch die fehlende international gültige Rechtsprechung und die allgemeine Unkontrollierbarkeit des Internets war es möglich hier einen Raum für eigentlich jede Community zu schaffen. Schon ganz früh mit von der Partie war natürlich die Pornographie, für die das Internet wie geschaffen war. Das Internet war so zumindest am Anfang ein Raum ohne staatliche Judikative, ohne staatliche Exekutive und ohne staatliche Legislative. Es herrschte Anarchie.
Auch wenn heute viele Staaten in diesem Bereich nachgezogen haben und Gesetze für die Server- und Websitebetreiber aufgestellt haben, so ist dennoch weiterhin die Anarchie spürbar. Zwar ist es ein schlauer Schachzug der Staaten die Handlungen der vermeidlichen Exekutive im Internet, eben jene Server- und Websitebetreiber, unter nationales Recht zu stellen, doch können diese immer noch ihren Server in ein anderes Land verlegen, in dem es diesen Gesetzesdruck nicht gibt. Das anarchistische Element des Internets ist aber nicht nur in der Auseinandersetzung mit nationalen Rechten zu erkennen, sondern ebenso auch in der ganz legalen und alltäglichen Nutzung des Internets. Denn bisher ist es noch so, dass Netzcommunitys und Websites ihre Nutzerregeln selbst bestimmen. Exekutive Gewalt kann hier als Löschung von Beiträgen oder Verbannung auftreten. Kurz: Das Internet verwaltet sich immer noch zum großen Teil selbst.
Man kann also sagen, dass das Internet ein zum Großteil anarchistischer Raum ist, welcher fast jedes erdenkliche Thema in irgendeiner Weise behandelt. „The Long Tail“ lässt hier grüßen. Hinzu kommt, dass das Internet sich anschickt in alle Lebensbereiche der Menschen vorzudringen. Immer mehr dieser Lebensbereiche werden online organisiert, sei es die Liebe, die Karriere oder der Einkauf. Es ist schon lustig, wie früher immer wieder kritisiert wurde, dass der „virtuelle Raum Internet“ unabhängig vom „echten Leben“ sei, während es nun so aussieht, als ob das „echte Leben“ abhängig von der „virtuellen Welt“ wird. Eine Entwicklung, welche in den nächsten Jahren noch für viel Verwirrung sorgen wird.
So beginnen virtuelle autonome Communitys echte Lebensprobleme zu lösen. Das, was früher nur Hacker schon als Potential gesehen haben, tritt nun ein: das „globale Dorf“ beeinflusst das reale Leben. Und das mit Erfolg. Der Anarchismus des Internets wird zur Konkurrenz für die nationale Politik.
Immer mehr Menschen haben heute das Gefühl, dass es eine Alternative zu nationaler Politik geben könnte. Vor allem wenn es um die Lösung von kleineren Lebensproblemen und der allgemeinen Lebensorganisation geht, hat das Internet schon längst gewonnen. So entsteht tatsächlich die Hoffnung, dass es irgendwann vielleicht eine habermasssche globale Diskursgemeinschaft geben könnte, welche dem politischen Klüngel von heute überlegen sein könnte. Wenn dann dazu die alltägliche negative Berichterstattung verfolgt wird, die von Problemen, welche die Politik sich selbst geschaffen hat, von Reformstau und schlechten Kompromissen handelt, dann ist es nicht verwunderlich, dass es immer mehr Menschen gibt, welche ein politisches Desinteresse entwickeln. Vornehmlich sind dies Menschen, welche mit den neuen Technologien aufgewachsen sind und den Krieg, auch den kalten Krieg, nur aus Geschichtsbüchern und Pressemeldungen kennen.
Ein Beispiel für diese Entwicklung kann man in Japan sehen. Hier hat die Politik unter Studenten einen so schlechten Ruf, dass Vorlesungen und Seminare über politische Themen kaum mehr besucht werden. Und dann gibt es da als Beispiel noch einen extremen Teil der Otaku-Szene, eine Szene von Computer-, Internet-, Manga- und Animefreaks, welche überhaupt kein nationales Recht mehr anerkennen wollen. Das Internet hat auch hier die Anarchie salonfähig gemacht.
Independence of Cyberspace Es lässt sich also sagen, dass Politikverdrossenheit, verursacht durch das Vorbild des Internets, immer auch das Potential zur Anarchie in sich trägt. Ein Potential, welches sich schon in den 80er Jahren in der Cyberpunk-Literatur niedergeschlagen hat. Und es lässt sich erkennen, dass dieses Problem nicht dadurch gelöst werden kann, indem Frau Merkel Videobotschaften über das Netz anbietet. Es stellt sich sogar die Frage, ob die Politik überhaupt etwas gegen diese Art von Politikverdrossenheit machen kann.

Die These, dass die nationale Politik in Konkurrenz zum Anarchismus des Internets steht, ist sicherlich gewagt und bisher kaum belegt. Ich hoffe dennoch, dass diese Gedanken dazu beigetragen haben, die politische Dimension des Internets und dessen Potential aufzuzeigen. Auch wenn dies hier erst mal nur ein kleines Gedankenexperiment ist, würde ich mich über eine ernste Diskussion der These sehr freuen.

Link: Liste der Blogbeiträge zum politischen Blog-Karneval

Stichworte: Politik, Internet, Anarchismus, Otaku, Web 2.0, Communitys, Lebensprobleme, virtuelle Welt, Hacker, Long Tail
Permalink 21.06.07    2 Kommentare »

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