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Tetens über Wittgensteins Tractatus - 4. Vorlesung - Teil 2

Teil 1 der 4. Vorlesung erklärt uns die folgende Beschreibung des Modells von Prof. Tetens:
Zu einem Modell M über einen Wirklichkeitsausschnitt W gehören:
a) der Wirklichkeitsausschnitt M;
b) Sachverhalte in M, über welche die Struktur S realisiert wird;
c) eine strukturerhaltende Zuordnung Z;
d) eine sprachliche Darstellung der die Struktur S realisierenden Sachverhalte;
e) die (d) zugrunde liegenden Aussageformen.

Wittgensteins Bildtheorie sieht ähnlich aus, nur dass er (b) und (c) als „die Form der Abbildung“ und (d) und (e) als „die logische Form“ bezeichnet. Dadurch sollten einige weitere Sätze des Tractatus verständlich geworden sein. Prof. Tetens geht z.B. auf folgende Sätze ein:
2.131: Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
Wird ein Bild von einem Gegenstand gemacht, so werden bestimmte Zuordnungen festgelegt, wonach die Elemente des Bildes gestaltet werden.
2.15: Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Weise zueinander verhalten stellt vor, daß sich die Sachen so zueinander verhalten. Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
Hier werden die in (b) und (c) genannten Eigenschaften als „Form der Abbildung“ bestimmt.
2.141: Das Bild ist eine Tatsache.
Da das Modell etwas anderes als das Original und über das Modell ebenfalls sprachliche Aussagen getroffen werden können, ist es ebenso eine Tatsache.
2.511: Das Bild ist so mit der Wirklichkeit verknüpft; es reicht bis zu ihr.
2.1513: Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
2.512: Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.

Das Modell und das Original sind zwar unterschiedliche Wirklichkeitsausschnitte, welche jedoch durch die Zuordnungen miteinander verknüpft sind. Diese Zuordnungsvorschrift ist essentiell wichtig für das Modell, damit es überhaupt funktioniert und tatsächlich ein Modell von Etwas sein kann.
2.18: Was jedes Bild, jeder Form auch immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch –abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
2.181: Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild die logische Form.

Da jede Tatsache eines Wirklichkeitsausschnitts sich im Prinzip sprachlich darstellen lassen muss, ist es notwendig, dass die Aussagen eine bestimmte Form haben. Diese Form der Aussagen nennt Wittgenstein „die logische Form“, womit Wittgenstein die Punkte (d) und (e) von Prof. Tetens Beschreibung zusammenfasst.
2.21: Das Bild stimmt mit der Wirklichkeit überein oder nicht; es ist unrichtig oder unrichtig, wahr oder falsch.
Dies ist interessant, denn die Zuordnungsvorschrift, durch welche wir ein Modell erzeugen, garantieren noch nicht, dass es sich auch um ein passendes, also wahres Modell des Originals handelt.
2.223: Um zu erkennen, ob das Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen.
2.225: Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.

Klar, oder?
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
2.202 Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.

Das ist schwieriger, doch Prof. Tetens kann nun auch dies gut erklären: „Ist M ein Modell des Wirklichkeitsausschnitts W, so stellt M dar, wie W möglicherweise beschaffen sein könnte, welche Sachverhalte in W möglicherweise bestehen.
Die Art und Weise, wie W möglicherweise beschaffen sein könnte, ist bestimmt durch den logischen Raum, d.h. die Menge aller logisch möglichen Welten in Bezug auf den Wirklichkeitsausschnitt W. Insofern stellt ein Modell mögliche Sachlagen im logischen Raum dar.


Einige Sätze aus 2.x können jedoch immer noch nicht vollständig erklärt werden, wie z.B. der Satz 2.173 „Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.“ oder der Satz 2.174 „Das Bild aber kann sich nicht außerhalb seiner Form der Darstellung stellen.
Prof. Tetens sieht hier den Schlüssel für Wittgensteins These, dass die Sätze des Tractatus selber sinnlos seien, was jedoch zum jetzigen Zeitpunkt der Vorlesungsreihe noch nicht gezeigt werden kann. Es wird jedoch auch auf die Frage eingegangen, ob nicht die Sprache selber ein „Bild der Wirklichkeit“ und somit ein „logisches Bild der Tatsachen“ ist. Nach Prof. Tetens lässt sich das folgendermaßen erklären:
Ein Modell und ein Original sind zwei unterschiedliche Wirklichkeitsausschnitte, welche jedoch durch Zuordnungen miteinander verknüpft sind. Durch das Modell und die Zuordnungen kann man auf das Original schließen, somit stellt das Modell das Original „von außerhalb“ dar. Die Zuordnungen, also die „Form der Abbildung“, kann ein Modell jedoch nicht selber darstellen, da es ja selbst nur die Form des Originals darstellt, weshalb es selbst nicht außerhalb der Darstellung des Originals stehen kann. Sprachlich ist uns dies jedoch durch ein Vergleich möglich. Ist die Sprache etwa auch ein Modell, welches selbst eine Tatsache darstellt?
Wittgensteins Antwort findet sich in 4.01: „Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, wie wir sie uns denken.
Diese Auffassung vom Satz als Modell ist ungewöhnlich. Prof. Tetens hilft uns dies zu verstehen, indem er als Beispiel die einfache Tatsache „Der Mond umkreist die Erde“ nimmt. Die Tatsache besteht hier in einer bestimmten (räumlichen) Konfiguration zwischen den zwei Gegenständen, dem Mond und der Erde. Und zwar besteht sie insofern, als dass in der Zeichenkette „Der Mond umkreist die Erde“, welche Wittgenstein auch „Satzzeichen“ nennt, das Wort „der Mond“ und „die Erde“ in einer bestimmten Weise zusammen auftreten.
Um dies zu zeigen zerlegt Prof. Tetens zuerst den Satz semantisch in seine Einzelteile, so dass „Der Mond“ als Name durch die Variable a ersetzt wird, „die Erde“ durch die Variable b und „umkreist“ als Prädikator durch die allgemeine Relation R ersetzt wird. Die Aussage sieht nun so aus: „aRb“. Durch diese Anordnung wird der Satz zu einer Tatsache, und zwar zu einer syntaktischen Tatsache.
Betrachten wir dazu einige weitere Sätze von Wittgenstein:
3.14: Das Satzzeichen besteht darin, dass sich seine Elemente, die Wörter, in ihm auf bestimmte Art und Weise zu einander verhalten. Das Satzzeichen ist eine Tatsache.
3.1431: [...] Die gegenseitige räumliche Lage dieser Dinge drückt dann den Sinn des Satzes aus.
3.1432: Nicht: >>Das komplexe Zeichen >aRb< sagt, dass a in der Beziehung R zu b steht<<, sondern: Dass >>a<< in einer gewissen Beziehung zu >>b<< steht, sagt, dass aRb.


Damit endet die 4. Vorlesung. Auch diese war wieder nicht gerade leicht, auch wenn Prof. Tetens sich durch seine Beispiele bemüht uns die Art und Weise, wie Wittgenstein den Bildbegriff benutzt, möglichst leicht verständlich zu machen.
Ich hoffe, dass ich den Inhalt der Vorlesung einigermaßen korrekt und nicht zu schwierig wiedergegeben habe. Wenn euch Fehler auffallen sollten oder ihr Fragen habt, dann schreibt einfach zu dem entsprechenden Beitrag ein Kommentar.

Leider ist es mir wie bestimmt bemerkt nicht immer möglich, die Vorlesung von Prof. Tetens wegen der Komplexität live zu bloggen. Wenn dann noch wie in dieser Woche weitere Anstrengungen für das Studium hinzukommen, kann es auch mal sein, dass ich zwei Tage später die Vorlesung poste. Wenn ihr jedoch einfach meinen RSS-Feed bezieht, dann werdet ihr über alle Neuigkeiten auf meinem Blog automatisch und umgehend benachrichtigt, womit dann enttäuschende Besuche eines unveränderten Blogs ausbleiben können.

Tetens über Wittgensteins Tractatus - 4. Vorlesung - Teil 1

Es geht weiter mit dem logischen Bild der Tatsachen, welches schon in den 2.1x Sätzen des Tractatus angesprochen wird. Da für Wittgenstein die Bildtheorie einen zentralen Punkt einnimmt, ist es wichtig für uns den Begriff des Bildes zu verstehen. In 2.1 wird behauptet, dass wir uns Bilder von Tatsachen machen und in 2.12 wird weiterhin gesagt, dass das Bild ein Modell der Wirklichkeit ist. Der Modellbegriff kann bei Wittgenstein also analog zum Bildbegriff genutzt werden. Was ist das jedoch für ein Begriff des Modells, den Wittgenstein hier nutzt? Oder allgemeiner und mit den Worten von Prof. Tetens ausgedrückt: „Was macht etwas zu einem Bild von Etwas?
Wie es schon Wilhelm Weischedel in seiner philosophischen Hintertreppe (Amazon-Link) angewendet hat, ist es hilfreich zum Verständnis eines Philosophen dessen Leben anzuschauen.
Ein Blick auf den Wittgenstein Eintrag in der Wikipedia gibt uns Auskunft darüber, dass seine Eltern erfolgreiche Stahl-Industriellen waren und Wittgenstein zuerst an der TU-Berlin Maschinenbau studierte, bevor er dann über Umwege, bei denen er auch Gottlob Frege in Jena besuchte, in Cambridge bei dem Logiker und Mathematiker Bertrand Russell (Wikipedia-Link) ein weiteres Studium aufnahm.
Wittgenstein war neben der Logik also auch gut vertraut mit der Ingenieurswissenschaft und tatsächlich nimmt er in Satz 4.04 explizit Bezug auf Heinrich Hertz und dessen Mechanik. In Hertzs Buch „Die Prinzipien der Mechanik“ (Amazon-Link) heißt es: „Wir machen uns innere Scheinbilder oder Symbole der äußeren Gegenstände, und zwar machen wir sie von solcher Art, dass die denknotwendigen Folgen der Bilder stets wieder die Bilder seien von den natur-notwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände.
Das klingt schon ähnlich wie einige Sätze von Wittgenstein. Bleiben wir also erst mal bei der technisch-wissenschaftlichen Verwendung des Modellbegriffs.
Nehmen wir als Beispiel ein Flugzeug und dessen Modell, welches im Windkanal getestet werden soll. Was macht etwas zu einem Modell des Flugzeugs? Nun, wahrscheinlich wird das Modell dem Flugzeug in bestimmten Eigenschaften und Relationen gleichen, nur eben in einem anderen Maßstab. Z.B. werden Längenverhältnisse, Winkel und Gewichtsverhältnisse dem Original gleichen. Prof. Tetens formuliert dies in einer logischen Aussage so:
Ist S* ein Satz über das Modell und gibt es aufgrund der Zuordnung ein S über das modellierte Original, so ist S genau dann wahr, wenn S* wahr ist.
Es kommt also auf die richtige Zuordnung von Eigenschaften und Relationen an, damit Aussagen, welche sich beim Modell als wahr herausstellen, (z.B. dass es einen guten Wert im Windkanal erzielt,) auch auf das Original zutreffen. Jetzt sollte auch das Zitat von Hertz verständlicher sein.
Prof. Tetens geht nun ausführlich auf ein Beispiel in der Chemie ein, bei dem Kugelverbindungen als Modell für Moleküle benutzt werden, womit das Gesetz von der Erhaltung der Massen und das Gesetz der konstanten Proportionen erklärt werden kann. Für uns wichtig ist jedoch, dass sich hierbei herausstellt, dass nicht nur sowohl strukturerhaltende Zuordnungen zwischen Modell und Original, als auch strukturkonforme Uminterpretationen der Aussagen über Modell und Original gemacht werden, sondern es ebenso eine einheitliche Aussageform der Interpretationen über Modell und Original gibt. Da dies nun etwas schwierig ist, sollen die Beziehungen noch einmal in einem Schaubild nach Prof. Tetens dargestellt werden:

Der Wirklichkeitsausschnitt W ist hier nichts anderes als das Original. Doch wie ist das jetzt mit der Aussageform und den beiden möglichen Interpretationen? Ich will hier aus dem chemischen Beispiel von Prof. Tetens zitieren, bei dem es wie schon oben genannt einmal um Kugeln und zum anderen um chemische Stoffeinheiten geht, über welche jeweils eine Aussage zum Gesetz der konstanten Proportionen getroffen wurde:

Diesen beiden Aussagen liegt die folgende Aussageform zugrunde:
>> In zwei Mengen M1 und M2 von Entitäten X verbinden sich jeweils eine Einheit der Entität Y mit zwei Einheiten der Entität Z und daher ist in M1 und M2 das Verhältnis von Y-Einheiten zu Z-Einheiten gleich. <<
Die rot markierten Ausdrücke sind Buchstaben, die den Platz markieren, in den man inhaltlich interpretierte Ausdrücke einsetzen muss.
Je nach Interpretation entstehen dadurch Aussagen über Kugelpakete, chemische Verbindungen oder auch noch über ganz andere Gegenstände.


Man kann hier also sehen, dass bei den Aussagen über Original und Modell auch die Aussageformen übereinstimmen müssen, damit man Aussagen übertragen kann. Der aufmerksame Leser meiner Tetens-Wittgenstein-Mitschriften wird jetzt schon eine Ahnung haben, wie Wittgenstein dies nutzen wird. Dazu mehr in Teil 2 der 4. Vorlesung.

Wittgenstein

Hier noch ein Bild von Wittgenstein, gezeichnet von uberkuh, dass ich auf Deviantart.com gefunden habe.

Wittgenstein by uberkuh

Tetens über Wittgensteins Tractatus - Was bisher geschah

Diese Woche ist die Vorlesung tatsächlich wieder ausgefallen. Deshalb habe ich die Zeit genutzt um hier noch mal eine kleine Zusammenfassung bzw. Einleitung zu den Vorlesungen von Prof. Tetens zu Wittgensteins Tractatus zu schreiben.

Zum Tractatus schrieb Wittgenstein 1919 seinem Freund Ludwig von Ficker, dass der Sinn des Buches ein Ethischer sei und er dies ursprünglich auch im Vorwort verdeutlichen wollte:
„Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen:
aus dem, der hier vorliegt, und aus alle dem, was ich nicht geschrieben habe.
Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige. Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von Innen her begrenzt; und ich bin überzeugt, dass es, streng, NUR so zu begrenzen ist.“
Mit dem ersten Teil des ethischen Werks von Wittgenstein, dem Tractatus, soll das Ethische „von Innen her begrenzt“ werden. Die vormalige Unbegrenztheit sah Wittgenstein wohl auch als Grund für die Probleme in der Philosophie an. Im Vorwort zum Tractatus schreibt er:
„Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt - wie ich glaube - dass die Fragestellung auf einem Missverständnis unserer Sprache beruht. [...] Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen. […] Das Buch will [dem Ausdruck der Gedanken] eine Grenze ziehen [...] was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein. […]
Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht der Wert der Arbeit zweitens darin, zu zeigen, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind.“

Betrachten wir dazu noch drei weitere Sätze aus dem Tractatus:
6.52: Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.
6.54: Meine Sätze erläutern dadurch, dass die der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinaufgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss die Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7: Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen.
Den zweiten Teil seines ethischen Werkes hat Wittgenstein nicht geschrieben, sondern übt sich damit im Schweigen. Dennoch gibt er eine Antwort in 6.52, wenn er sagt, dass dann keine Frage mehr bleibt. Wie diese Antwort zu verstehen ist, dass will und Herr Prof. Tetens in seiner Vorlesung zum Tractatus näher bringen. Und wie in 6.54 geschrieben steht, muss dazu der Tractatus als Leiter genutzt werden, um ihn letztendlich als unsinnig erkennen und damit überwinden zu können.

Für Prof. Tetens stellen sich uns bis jetzt drei Fragen:
1. Warum gehört das Ethische zu dem, über das nicht sinnvoll geredet werden kann?
2. Wie kann das sinnvoll Sagbare vom nicht sinnvoll Sagbaren abgegrenzt werden, ohne je dabei die Grenze zwischen Sinn und Unsinn sinnvoll redend und denkend überschreiten zu können?
3. Wie kann das sinnvoll Sagbare vom Inneren der Sprache vom nicht sinnvoll Sagbaren abgegrenzt werden?
Wir erinnern uns, dass Wittgenstein daran glaubt, „dass die Fragestellung“, und damit die philosophischen Probleme, „auf einem Missverständnis unserer Sprache beruht.“ Wer sich schon mal mit Philosophie beschäftigt hat, der weiß jedoch, dass sich die Philosophie mit sehr vielen Dingen beschäftigt. Wie kann es dann sein, dass alle philosophischen Probleme durch eine Missverständnis unserer Sprache ergeben? Prof. Tetens beantwortet dies in der zweiten Vorlesung durch das Prinzip der transzendentalen Rolle der Logik, welches dem Tractatus zu Grunde liegt:
„Die logischen Eigenschaften der Sprache sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der sprachlich darstellbaren [Tatsachen].“
Nehmen wir hierzu noch Satz 1.11 aus dem Tractatus, in dem es heißt, dass die Welt durch die Tatsachen bestimmt ist, dann wird verständlich warum Wittgenstein glaubt, dass die Sprache der Schlüssel zur Welt, und damit zu den philosophischen Problemen ist.
Prof. Tetens zeigt uns im zweiten Teil seiner dritten Vorlesung, zu dessen Verständnis es hilfreich ist den Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung aus dem ersten Teil der dritten Vorlesung zu kennen, dass Wittgensteins in seinen weiteren Sätzen beginnend mit 2 einen „logischen Atomismus“ verfolgt und dabei einen extensionalen Standpunkt der Logik einnimmt. Nur durch das Prinzip der extensionalen Logik ist zu erklären, warum Wittgenstein z.B. in Satz 2.014 sagt:
„Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle möglichen Sachverhalte gegeben.“
Weiterhin erklärt und Prof. Tetens wie es sich mit der Menge aller logisch möglichen Welten, dem logischen Raum und der Substanz der Welt verhält. Denn dadurch, dass wir extensional von den Gegenständen auf alle möglichen Sachverhalte schließen können, die übrigens nicht alle wahr sein müssen, ist es uns möglich Bilder von Welten zu machen. Und eben diese Gesamtheit der möglichen Bilder stellt die Menge aller logisch möglichen Welten dar, die Wittgenstein auch den logischen Raum oder, im Sinne des logischen Atomismus, die Substanz der Welt nennt.

Soweit die bisherigen Vorlesungen. Noch sind nicht alle Fragen beantwortet. Deshalb werde ich auch nächste Woche Mittwoch wieder eine Mitschrift der Vorlesung bloggen. Mal sehen, was uns Herr Prof. Tetens dann zu sagen hat.

Hilfreiche Quellen im Internet:
Eine Webdarstellung in Menuestruktur des Traktats von Christoph Hochholzer.
Der Wikipedia-Eintrag zum Tractatus Logico-Philosophicus 

Computer sind die besseren Menschen

Ein Computer ist zuerst einmal ein Werkzeug. Ein nützliches Gerät um eine Vielzahl von verschiedenen Aufgaben im Bereich der Informationsverarbeitung erledigen zu können. Darüber hinaus ist es ein Gerät, dass immer mehr Aufgaben automatisch erledigen kann. Ist der Computer noch mit anderen Computern vernetzt, z.B. durch einen Internetzugang, dann können Computerbenutzer sowie Computer (wieder automatisch) Informationen austauschen. Ein Computer ist somit ein Kommunikationsmedium und ein Gerät zur elektronischen Datenverarbeitung, welches außerdem die Funktion besitzt Aufgaben automatisch ausführen zu können.
Die Automatisierungsfunktion ist es, welche manche Computerbenutzer dazu veranlasst dem Computer einen „eigenen Willen“ zuzuschreiben. Diese Interpretation ist jedoch falsch und kann zu großen Problemen führen, wie ich später noch zeigen werde.
Der Kern der Fehlinterpretation liegt wohl darin, dass einige Benutzer „automatisch“ mit „autonom“ verwechseln. Ein Computer ist jedoch in keiner Weise „autonom“. Erstens muss der Benutzer grundlegend damit einverstanden sein, dass die Prozesse auf dem Computer ausgeführt werden (er/sie könnte ja auch auf das Programm verzichten, ein Anderes nehmen oder einfach den Computer nicht nutzen) und zweitens ist der Computer von den Software-Entwicklern abhängig, welche durch die Funktionen der Programme das „Verhalten“ des Computers bestimmen. Alles was ein Computer also macht, ist die ihm aufgetragenen Aufgaben auf die Weise auszuführen, welche ihm die Programmierung vorgibt.
[Hier will ich darauf hinweisen, dass es immer wieder Bestrebungen seitens einiger Software-Entwickler gibt, die Entscheidungsgewalt darüber wie und was auf einem Computer läuft den Benutzern vorzuenthalten und in mehr und mehr Bereichen wegzunehmen. Ein negatives Beispiel hierfür ist ein amerikanisches Unternehmen, welches mit deutschen Namen „Kleinweich“ heißt. Als Benutzer sollten Sie sich die Entscheidungsgewalt über die Prozesse Ihres Computers nicht so einfach wegnehmen lassen. Schließlich haben Sie doch für Ihr Eigentum gezahlt, weshalb es dann auch ganz und gar Ihnen gehören sollte.]
Eines der größten Probleme, welches durch dieses Missverständnis der Automatisierung von Prozessen entstehen kann, ist dass Benutzer glauben die Prozesse ihres Computers nicht verändern zu können. Diese Benutzer nehmen dann alles hin, was ein Computer so macht. Kontrolle, Überwachung und Spionage sind damit Tür und Tor geöffnet. Dabei müssen die Benutzer nicht einmal selbst programmieren können, um dennoch ihre Entscheidungsgewalt behalten zu können. Sie können sich immerhin für ein alternatives Programm entscheiden oder sich bei den Software-Entwicklern beschweren. Weiß man nicht wer dies im Einzelnen ist, dann reicht auch eine Beschwerde beim Verbraucherschutz.
Es stellt sich hier die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre eine Moral für die Software-Programmierung aufzustellen. Leider findet diese Frage, wie Programmierer in Zukunft die Welt durch ihre Programme gestalten sollen, zurzeit nur wenig Beachtung. Als aktuelles positives Beispiel können hier jedoch die Mitglieder der Gesellschaft für Informatik genannt werden, welche sich gegen die Nutzung und Programmierung des sogenannten Bundestrojaners aussprechen. (ZDF-Artikel)
Wenn Computer und Netzwerke dazu genutzt werden die Menschen in ihrem Tun zu kontrollieren, auszuspionieren und zu überwachen, und sei dies auch nur zum Zwecke der Produktivitätssteigerung in Unternehmen, dann werden hier Freiheiten missbraucht, welche Benutzer unwissentlich aufgegeben haben. Nicht zuletzt wegen dem Missverständnis der Automatisierung und einer fehlenden Moral im Bereich der Software-Programmierung gibt es immer wieder Warnungen vor einer Computer kontrollierten Gesellschaft. Dabei liegt es bei den Menschen zu entscheiden, ob es jemals soweit kommen darf.
Gunter Dueck, Manager bei IBM, vertritt in seinem Buch „Wild Duck“ (Amazon-Link) eine ziemlich spezielle Art von Programmierungsmoral. Herr Dueck behauptet, dass wenn man Computern die Gestaltung bestimmter Bereiche (z.B. der Arbeitsweise) überlassen würde, allein mit der Richtlinie diese möglichst ökonomisch einzurichten, dass diese dann alles daran setzten würden den Menschen ein Umfeld zu bieten, welches sie am glücklichsten machen würde. Denn glückliche Mitarbeiter sind immer ökonomischer als gestresste oder ängstliche Mitarbeiter. Auf die Frage, wie es Computer ausgerechnet schaffen sollen den Menschen glücklich zu machen, antwortet Dueck mit einer simplen Feststellung: Computer sind in der Lage tatsächlich individuell auf jeden Menschen einzugehen. Während die bisherigen Versuche großen Gruppen von Menschen ein solches Umfeld bieten zu können an den Verschiedenheiten der Menschen gescheitert sind, können Computer durch ihre Kapazitäten bei der Informationsverarbeitung diese ganz anders betreuen als Menschen. In diesem Sinne wären Computer dann wirklich die besseren Menschen. Leistungsdruck und Überwachung würden vielleicht bald der Vergangenheit angehören. Einen Haken hat dies jedoch: Computer brauchen für individuelle Betreuung Informationen. Viele Informationen. Ein heikles Thema also was den Datenschutz angeht.

Computer- und Netzethik werden zukünftig hoffentlich eine größere Rolle spielen. In nächster Zeit werde ich mich hier noch ausführlicher und philosophischer damit befassen. Literaturhinweise sind gerne willkommen.

Live: Tetens über Wittgensteins Tractatus - 3. Vorlesung - Teil 2

Wie kann uns die Unterscheidung zwischen Extension und Intention aus Teil 1 nun helfen, um Sätze wie 2.0123, 2.0124, 2.013 und 2.014 zu verstehen und sie vielleicht sogar als wahr einzusehen?
Dazu müssen wir uns, wie Wittgenstein es macht, in eine Gott ähnliche Sichtweise hineinversetzen. Prof. Tetens: „Angenommen, ich kenne alle Gegenstände. Dann kann ich mich auf die Gegenstände beziehen. Das tue ich, indem ich sie mit Hilfe von Namen benenne. […] Kenne ich alle Gegenstände mit Namen, dann kenne ich alle möglichen Extensionen, die Prädikate überhaupt nur haben können.
Um dies einzusehen benutzt Prof. Tetens eine Modellwelt, in der ganze zwei Gegenständen existieren. Die Gegenstände A und B, auf die jeweils das Prädikat F zutreffen kann oder nicht. Welche Extensionen kann F dann haben? Um dies beantworten zu können, benutzen wir die logische Kombinatorik.
1. Weder a noch b besitzen die Eigenschaft F. Dann ist die Extension leer. {Leere Menge}
2. Nur a hat die Eigenschaft F, die Extension enthält nur die Menge {a}
3. Nur b hat die Eigenschaft F, die Extension enthält nur die Menge {b}
4. Beide haben die Eigenschaft F, die Extension enthält die Menge {a,b}
Also sind in dieser Modellwert für die Eigenschaft F nur die vier Extensionen {leer}, {a}, {b} oder {a,b} möglich.
Soweit die Betrachtung der Eigenschaften von Gegenständen. Doch wie sieht es mit Relationen zwischen Gegenständen aus? Kann ich, wenn ich alle Gegenstände kenne auch auf alle möglichen Relationen schließen? Dies geht natürlich wieder über logische Kombinatorik. Um es einfach zu halten benutzt Prof. Tetens in der Modellwelt nur ein zweistelliges Prädikat als Relation R. Als Beispiel für ein zweistelliges Prädikat kann man hier „Vater“ nehmen. Die Menge aller möglichen Paare von Personen, bei der die erste Person der Vater von der zweiten Person ist, würde dann alle möglichen Relationen wiedergeben. Prinzipiell sind also folgende 16 Relationen bei einem zweistelligen Prädikat möglich:
{leer}, {(a,a)}, {(b,b)}, {(a,b)}, {(b,a)}, {(a,a),(b,b)}, {(a,a),(a,b)}, {(a,a),(b,a)}, {(b,b),(a,b)}, {(b,b),(b,a)}, {(a,b), (b,a)}, {(a,a),(b,b),(a,b)}, {(a,a),(b,b),(b,a)}, {(a,a),(a,b), (b,a)}, {(b,b),(a,b),(b,a)}, {(a,a),(b,b),(a,b),(b,a)}
Zusammenfassend erklärt Prof. Tetens also: “Kennen wir alle Gegenstände, so kennen wir alle möglichen Prädikate und damit alle möglichen Sachverhalte, an denen die Gegenstände beteiligt sind, soweit sie extensional unterschieden werden können.
Wenn Wittgenstein also z.B. in 2.014 sagt: „Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle möglichen Sachverhalte gegeben.“ so muss man ihm dabei unterstellen, dass er dabei den extensionalen Standpunkt der Logik einnimmt. Er benutzt also das „Prinzip der Extensionalität der Logik“. Andere Sätze wie z.B. 2.014 und 2.0123 sind dadurch hoffentlich verständlich.
Um die letzte Vorlesung nicht zu vergessen, unterstellen wir Wittgenstein also bisher folgende zwei Prinzipien:

1. Das Prinzip der transzendentalen Rolle der Logik.
2. Das Prinzip der Extensionalität der Logik.

Holen wir so die Grundannahme des Tractatus, dass alles was in der Welt der Fall ist, sich im Prinzip durch Aussagen darstellen lässt, noch mit ins Boot, dann ist leicht verständlich, wenn Professor Tetens nun folgendermaßen argumentieren kann:
In welchen möglichen Sachverhalten ein Gegenstand vorkommt, liegt von vornherein durch die Sprache fest, in der die Tatsachen der Welt (im Prinzip) alle darstellbar sind. Kenne ich die Namen für die Gegenstände in der Sprache, kenne ich extensional alle Prädikate und Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann. Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten ist logiktranszendental begründet in der Tatsache, dass jeder Gegenstand durch Namen benennbar sein muss. Die Möglichkeit des Vorkommens in Sachverhalten liegt in der logischen Natur der Gegenstände. Und wenn die Sprache zur Darstellung der Tatsachen in der Welt gegeben ist, sind alle Möglichkeiten des Vorkommens eines Gegenstandes in Sachverhalten durch die Sprache festgelegt, es können nicht nachträglich neue Möglichkeiten entdeckt werden. Die Möglichkeit ist eine logische Möglichkeit, keine nachträglich empirisch zu entdeckende.
Vergleichen Sie hiermit Sätze von Wittgenstein wie 2.0123, 2.012, oder die Klammerbemerkung in 2.0121.

Die Zahl der logischen Möglichkeiten von Prädikaten, die wir durch die Kombinatorik erschließen können, vergrößert sich, wenn man bedenkt, dass es nicht nur einstellige oder zweistellige, sondern auch andere mehrstellige Prädikate gibt. Die Menge der möglichen Extensionen explodiert mit der Anzahl der für die Gegenstände zugelassenen Prädikate. Und sie explodiert noch einmal mit der Zahl der Gegenstände in der Welt.
Dennoch können logisch nicht alle Möglichkeiten in einer Welt gleichzeitig der Fall sein, da sich manche gegenseitig ausschließen. Unsere Welt, die nach Wittgenstein die Gesamtheit der Tatsachen ist, die der Fall sind, ist nur eine unter den vielen möglichen Welten.
Professor Tetens weißt darauf hin, dass wenn Wittgenstein vom „logischen Raum“ spricht, er damit jedoch die „Menge aller logisch möglichen Welten“ meint. (Vgl. 1.13)

Wie schon in der letzten Vorlesung dargestellt wurde, reduziert Wittgenstein durch die Anwendung des Prinzips der transzendentalen Rolle der Logik die Anzahl der Gegenständen dadurch, dass er sich nur auf die voneinander unabhängigen Gegenstände bezieht. Denn, so erklärt uns Prof. Tetens, „wenn ein Gegenstand aus Teilen besteht, dann kann man die Aussagen über den komplexen Gegenstand auf Aussagen über seine Teile zurückführen. […] Die Tatsachen im logischen Raum sind aber logisch voneinander unabhängig. […] Die Gegenstände in den Tatsachen im logischen Raum müssen in dem Sinne einfach sein, dass sie sich logisch nicht auf andere Gegenstände zurückführen lassen.“ Dies kann man als „logischen Atomismus“ bezeichnen. (Vgl. 2.02 und 2.021)
In diesem Zusammenhang benutzt Wittgenstein dann auch den Begriff „Substanz“, einem der wichtigsten Begriffe innerhalb der Metaphysik. Die antiken Atomisten haben die Atome als die Substanzen beschreiben, aus denen die Welt besteht. Prof. Tetens fragt deshalb, ob es für Wittgenstein in diesem Sinne Substanzen gibt, aus denen die Welt besteht. Er fragt: „Sind die Dinge, die in den Tatsachen vorkommen, Substanzen?“ Wittgenstein schreibt dazu in 2.021 „Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.“ Dies ist verständlich, denn alle Tatsachen sind extensional bereits durch die Gegenstände festgelegt.
Bleiben noch Sätze wie 2.0211: „Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.“ Zuerst einmal müssen wir hier fragen, was der Sinn mit der Wahrheit zu tun hat. Da wir auch den Sinn von falschen Sätzen verstehen können, kann man sagen, dass der Sinn unabhängig ist von der Wahrheit. „Selbst wenn wir nicht wissen, ob Sätze wahr oder falsch sind, können wir mit ihnen beschreiben, wie wir glauben, dass die Welt beschaffen ist. Wir können uns ein Bild von der Welt machen.“ Dadurch, dass wir extensional von den Gegenständen auf alle möglichen Sachverhalte schließen können, die nicht alle wahr sein müssen, ist es uns erst möglich Bilder von Welten zu machen. Dass es einen logischen Raum der Tatsachen gibt, ermöglicht also, dass der Sinn eines Satzes unabhängig von dessen Wahrheit ist. Hier wird deutlich, dass für Wittgenstein die "Substanz" das Selbe ist wie der "logische Raum", welcher sich aus der "Menge aller logisch möglichen Welten" zusammensetzt. Halten wir also fest:

Die Menge aller logisch möglichen Welten
=
der logische Raum
=
die Substanz der Welt

Es steht noch nicht fest, ob nächsten Mittwoch die Vorlesung stattfinden wird. Sollte sie ausfallen, dann werde ich versuchen eine Zusammenfassung des bisherigen zu bloggen.

Live: Tetens über Wittgensteins Tractatus - 3. Vorlesung - Teil 1

Diese Mitschrift kann man nach 24 Stunden Verspätung nicht mehr „live“ nennen. Ich entschuldige mich dafür. Hatte direkt nach der Vorlesung keine Zeit mehr die Mitschrift fertig zu stellen. Ein Blogger Treffen kam dazwischen. Doch besser zu spät als nie!

Diesmal nimmt Professor Tetens die Semantik und die logische Kombinatorik zu Hilfe, um Wittgensteins Tractatus verständlicher zu machen. In Teil 1 meiner Mitschrift soll es um die Semantik gehen. In Teil 2 geht es dann um die Kombinatorik und die Anwendung auf Wittgenstein.

Gottlob Frege, der für Wittgenstein eine große Rolle gespielt hat, leistete auch im Bereich der Semantik einen wichtigen Beitrag. Prof. Tetens weist deshalb auf dessen Aufsatz „Über Sinn und Bedeutung“ (1892) hin (Amazon-Link), den jeder Student laut Prof. Tetens spätestens im Hauptstudium gelesen haben sollte. Um Wittgenstein verstehen zu können, muss man auch die komplexe Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die Frege entwickelt hat, verstehen können.
In der Umgangssprache reden wir, wenn wir einen sprachlichen Ausdruck untersuchen wollen, einfach von dessen Bedeutung. Tatsächlich hat ein sprachlicher Ausdruck sowohl eine Bedeutung, als auch einen Sinn. Als Ausgangspunkt für Freges Untersuchungen dienten Aussagen über die Identität von Gegenständen, wie z.B. die Aussage „Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern.“.
Die singulären Termini „Morgenstern“ und „Abendstern“ sind Eigennamen, welche einen Gegenstand benennen. Kennt man die Bedeutung von den Eigennamen, so kennt man auch die Gegenstände, die sie benennen. Da die Ausdrücke „Morgenstern“ und „Abendstern“ in diesem Fall beide auf die Venus verweisen, sind sie identisch. Man könnte sie also jeweils durch den anderen Term ersetzen. Doch warum ist dann die Aussage „Der Morgenstern ist identisch mit dem Morgenstern.“ ein uninformativer und trivialer Satz, während „Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern.“ für uns informativ ist? Das war auch Freges Ausgangsfrage.
Sicherlich benennen sie beide denselben Gegenstand. Dennoch muss es wohl eine zweite Bedeutungskomponente geben, in der sie sich deutlich voneinander unterscheiden. Und tatsächlich unterscheiden sie sich in der Weise ihrer Erscheinung. Der Morgenstern ist der Stern, der am längsten noch am Morgenhimmel sichtbar ist, während der Abendstern den Stern bezeichnet, welcher zuerst am Abendhimmel sichtbar wird. Nach Frege unterscheiden sie sich deshalb in der „Weise des Gegebenseins“.
Die umgangssprachliche Bedeutung eines Ausdrucks muss also in zwei Komponenten unterteilt werden. Prof. Tetens definiert sie so:

1. Die Bedeutung im engeren Sinne als der Gegenstand, auf den sich ein Eigenname bezieht.
2. Der Sinn des Eigennamens, der dadurch festgelegt ist, wie uns der Gegenstand gegeben ist, wenn wir mit dem Eigennamen auf ihn Bezug nehmen.

Prof. Tetens führt weiter aus, dass Eigennamen sich also in der Bedeutung und im Sinn unterscheiden können. Eigennamen können dabei dieselbe Bedeutung und einen unterschiedlichen Sinn haben, während es jedoch keine Eigennamen mit demselben Sinn und unterschiedlicher Bedeutung geben kann. Warum das so ist, kann sich jeder selbst denken.
Diese Unterscheidung lässt sich nicht nur bei singulären Termini, also Eigennamen, vornehmen, sondern auch bei generellen Termini, also Prädikaten und sogar bei ganzen Sätzen. „Die Bedeutung eines Prädikats ist“ nach Prof. Tetens „die Menge aller Gegenstände, […] die die Eigenschaft besitzen, die mit dem generellen Terminus dargestellt wird.“ Als Prädikatenbeispiel gibt Prof. Tetens hier die Prädikate „Lebewesen mit Herz“ und „Lebewesen mit Niere“ an. Hierbei muss man wissen, dass es kein Lebewesen gibt, das nicht Herz und Niere gleichzeitig besitzt. Beide Prädikate, obwohl sie sich auf die gleichen Objekte beziehen, unterscheiden sich dennoch wieder in ihrem Gegebensein.
Zusätzlich zu den oben genannten Definitionen kommt hier noch eine dritte hinzu:

3. Sinngleiche Prädikate sind immer auch bedeutungsgleich.

Als Beispiel für identische Sätze benutzt Prof. Tetens einmal „Benedikt XVI. ist ein Lebewesen mit Herz.“ und „Joseph Ratzinger ist ein Lebewesen mit Niere.“ Auch hier trifft Freges Unterscheidung zwischen Bedeutung und Sinn zu.
Hier ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass man für den Begriff „Bedeutung“ auch die Begriffe „Extension“, „Denotation“ und „Referenz“ verwendet. Für „Sinn“ wird auch „Intention“ und „Kennotation“ gesagt. Nachfolgend sollen deshalb zur besseren Unterscheidung anstatt „Bedeutung“ und „Sinn“ lieber die Begriffe „Extension“ und „Intension“ gebraucht werden.
Dabei macht Frege eine Entdeckung: Wenn in einer Aussage Namen oder Prädikate durch extensional gleiche Namen oder Prädikate ersetz werden bleibt die Wahrheit der Aussage erhalten, jedoch verändert sich der Inhalt (Intention) der Aussage. Deshalb kann man Extension und Intension nun folgendermaßen definieren:

- Die Extension einer Aussage gibt den Wahrheitswert (wahr oder falsch) an.
- Die Intention einer Aussage ist der Sachverhalt, die Proposition, den die Aussage beschreibt.

Open Access wird sterben

Wer heute noch behauptet, dass das Internet keine große Rolle spielt, der irrt gewaltig. Dem regelmäßigen Leser meines Blogs dürfte meine Internetaffirmation mittlerweile aufgefallen sein. Ich bin mir dieser Begeisterung bewusst und versuche sie regelmäßig zu reflektieren. Ich will jedoch behaupten, dass wenn man sich nur ein wenig mit den Themen Open Source, Hackerethik und Web 2.0 beschäftigt, dies für jeden nachvollziehbar ist. Man muss also kein Experte wie die Befragten dieses Web 2.0 Roundtables sein, um dies erkennen zu können.
So wird jeder bestimmt ein wenig von der Debatte um den Download von Musik und Filmen im Internet mitbekommen haben. Während die Film- und Musikindustrie versucht jeden unbezahlten Download ihrer Produkte zu kriminalisieren, um weiterhin diesen Kulturbereich kommerziell ausnutzen zu können, schöpfen technikbegeisterte Menschen die Möglichkeiten des Internets aus, um diesen Kulturbereich von der kommerziellen Nutzung durch Industrien zu 'befreien'. Beiden geht es hierbei angeblich um den Künstler. Die Film- und Musikindustrie behauptet, dass nur durch ihre Vermarktungsstrategien dieser Kulturbereich (in so hoher Qualität) überleben kann, während die Piraten entgegenhalten, dass sie zum Einen schon längst für diese Kulturgüter gezahlt haben und zum Anderen der Kulturbereich durch die Industrie zensiert wird.
Holt man diese Debatte auf die Metaebene, so sieht das Ganze so aus:
Vor dem Internet und dem Computer haben sich riesige Industriezweige entwickelt, welche sich um die Publikation und Verteilung von bestimmten Gütern gekümmert haben. Um einen produktiven und globalen Austausch dieser Güter zu gewährleisten waren diese Industrien zwingend notwendig. Mit der Entwicklung und Nutzung von Internet und Computer entstanden jedoch alternative Publikations- und Verteilungsmechanismen, die enorm preisgünstig und konsumentenfreundlich sind. Die Publikations- und Verteilungsmittel wurden durch Internet und Computer in die Hände der Öffentlichkeit gegeben, womit ganze Industriezweige nun überflüssig geworden sind. Das frühere Monopol der jeweiligen Industrien ist verloren gegangen und nun versuchen diese, ihre Abschaffung mit allen Mitteln zu verhindern. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie das Internet die Welt verändert.
Das gleiche Phänomen könnte man im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens sehen. Jedoch hat sich die Entwicklung hier anders vollzogen, als im Musik- und Filmbereich. Die Verlage waren etwas schlauer und das Internet hat in einer Hinsicht, aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte, noch keine perfekte Alternative entwickelt.
Wenige wissen, dass es auch im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens um viel Geld geht. So erfährt man in einem Interview mit Bruno Bauer, Leiter der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, dass es derzeit ungefähr 24.000 wissenschaftliche Zeitschriften mit sogenannten "Peer Review" Verfahren gibt, in denen jährlich zweieinhalb Millionen Fachartikel publiziert werden. Tendenz steigend. Der größte Wissenschaftsverlag Elsevier erzielte so im Jahr 2005 einen Reingewinn von 655 Millionen Euro bei einem Umsatz von sagenhaften 2,1 Milliarden Euro.
Das Peer Review Verfahren und der „Impact Factor“ (die wissenschaftliche Relevanz der Zeitschrift) machen es schwierig, wissenschaftliches Publizieren durch das Internet zu (r)evolutionieren. Peer Review bedeutet ein bestimmtes Maß an Qualitätskontrolle. Hierbei wird jeder Artikel vor Veröffentlichung von Experten anonymisiert begutachtet. „Weiterhin“, so sagt Herr Bauer, „muss der Aufsatz in einem öffentlichen Repositorium untergebracht sein, sodass der dauerhafte Zugriff auf den betreffenden Artikel gesichert ist, und in wissenschaftlichen Fachdatenbanken verzeichnet sein, damit eine entsprechende Rezeption für Beiträge, die oft nur mehr online vorliegen, möglich wird.“
Anders als die Film- und Musikindustrie hat sich die Industrie um das wissenschaftliche Publizieren rechtzeitig mit der Nutzung des Internets auseinander gesetzt und die ziemlich fortschrittliche Idee von „Open Access“ (Wikipedia-Link, Deutsche-Info-Seite-Link) umgesetzt. So hat sie es geschafft, dass es bis heute kaum eine Debatte um Alternativen gab, ihre Existenz bisher gesichert ist und sie weiterhin ihre Gewinne machen konnte. Ziemlich schlau also. Jedoch mehrt sich die Kritik an Open Access und es wird nicht lange dauern, bis das Internet seine strukturellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit seiner Beständigkeit durch verschiedene Mechanismen und Angebote kompensiert hat.
Im Interview mit Herrn Bauer wird die Kritik an Open Access konkretisiert. Seien es die dreijährigen Abo-Fristen, die Lizenzpolitik ohne Archiv-Nutzungsrechte, die immer noch hohen Abo-Kosten, die hohe Mehrwertsteuer von 20%, die immer noch offene Frage der Langzeitarchivierung, die hohen Veröffentlichungsgebühren für die Autoren (zwischen 500 und 2500 Euro) und der Freibrief für gewisse Nutzer. Zitat von Herrn Bauer: „Nachdem der Großteil der Forschung an den Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen stattfindet, könnte man, überspitzt formuliert, im Open Access-Publikationsmodell eine Subventionierung des Pharmabereiches und der Industrie sehen.“ Man kann also leicht erkennen, wer die wirklichen Nutznießer von Open Access sind. Ich hoffe damit die Parallele zu dem Beispiel der Film- und Musikindustrie deutlich gemacht zu haben. Die eigentliche Idee von Open Access, die Förderung des freien wissenschaftlichen Austauschs, wird damit zu einer Karikatur.
Das Internet und seine Aktivisten schlafen aber nicht und arbeiten unter Hochdruck an Alternativen. Die „Science Commons“ sind das beste Beispiel dafür. Blogs und Wikis dienen als Publikations- und Verteilungsinstrumente. Die deutschen Hard bloggin’ Scientists organisieren sich und in den USA gibt es Projekte wie die ScienceBlogs vom Seed Magazine. Es starten wissenschaftliche Wikis wie citizendium.org. Und schon gibt es die ersten Internetangebote, die sich darauf spezialisieren Zitate auf Online-Quellen dauerhaft und eindeutig abzusichern und diese gleichzeitig für jedermann nachvollziehbar zu machen. Beispiel ist hierfür das bald startende Internetangebot von traceableknowledge.com, welches jetzt schon ein sehr gutes und aktives Blog von Roberto De Simone zum Thema Open Access anbietet. Die Standards des wissenschaftlichen Publizierens werden also in absehbarer Zeit Konkurrenz bekommen.
Das Internet wird die Welt weiter verändern und vor kaum einer Angelegenheit halt machen. Die Philosophen haben hierbei die Aufgabe die Fortschritte zu interpretieren und eine Antwort auf die Frage zu finden, was dies für den Menschen in Zukunft bedeuten wird.
Zwei Literaturhinweise:
Special zu Open Access: Wissens-Management, Zeitschrift für Innovation, 1/2006, Lemmens Verlag, Bonn (hier als PDF)
Zum Beständigkeitsproblem des Internets: Vom Speichern zum Verteilen. Die Geschichte des Internet, Mercedes Bunz, Kulturverlag Kadmos, ab Mai 2007 (hier der Amazon-Link)
PS: Weil sich meine Internetaffirmation leicht politisch missverstehen lässt, will ich hier nochmal darauf hinweisen, dass ich mich von jeder Partei und ihren Programmen distanziere. Ich bin weder Kommunist noch Kapitalist. Ich bin nicht mal in der Piratenpartei. Bitte versteht meine Äußerungen nicht politisch, sondern als Technikfolgenabschätzung.

Live: Tetens über Wittgensteins Tractatus - 2. Vorlesung

In dieser und der nächsten Vorlesung will Prof. Tetens uns die Sätze 1.x und 2.x verständlich machen, in denen Wittgenstein Antwort darauf gibt, was die Welt ist.
Wittgenstein schreibt in Punkt 1 „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ und in Punkt 1.1 „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“. Nun, wie kommt Wittgenstein auf diese Antworten? Prof. Tetens will dieses verdeutlichen, indem er die Frage, was die Welt ist, erneut stellt. Zunächst antwortet er mit Beispielen wie Menschen, Berge, Finanzämter, Eheverträge, Kriege, Theorien, Naturgesetze und logische Schlussregeln. Also gibt es schon mal eine Menge von Dingen. Und denken wir noch etwas weiter darüber nach, so besitzen diese Dinge außerdem noch Eigenschaften und Beziehungen. Hier jedoch, so zeigt Prof. Tetens, können diese Eigenschaften und Beziehungen immer nur dann bestehen, wenn es der Fall, also die Tatsache ist, dass sie auf die Einzeldinge zutreffen und das Einzelding selbst existiert. Eigenschaften und Beziehungen existieren also nicht unabhängig von den Einzeldingen und den Tatsachen. Somit kann man bei der Beantwortung der Frage, was die Welt ist, die Eigenschaften und Beziehungen auslassen. Es bleibt also, dass die Welt die Gesamtheit der Tatsachen und der Dinge ist.
Wittgenstein widerspricht dem aber in seinem Punkt 1.1. Er sagt ganz deutlich, dass die Welt die Gesamtheit der Tatsachen ist, nicht der Dinge. Was meint Wittgenstein, wenn er von Tatsachen redet? Tatsachen sind Sachverhalte, die der Fall sind. Nach Prof. Tetens also Sachverhalte wie z.B. die, dass Papst Benedikt XVI identisch mit Joseph Ratzinger ist, der Mond die Erde umkreist und die Newtonsche Mechanik durch die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik abgelöst wurde. Prof. Tetens fügt hier ein, dass Wittgenstein behauptet, „dass es für Dinge wesentlich ist, in Sachverhalten vorzukommen“. Dies verdeutlicht Prof. Tetens folgendermaßen: „Wenn wir Einzeldinge wahrnehmen, nehmen wir sie immer als Einzeldinge mit bestimmten Eigenschaften und als in bestimmten Beziehungen zueinander stehend wahr. Insofern nehmen wir immer Dinge als Bestandteile von Sachverhalten wahr. So etwas wie eigenschaftslose oder beziehungslose Einzeldinge 'an sich' gibt es für uns in der Wahrnehmung gar nicht. Insofern hat Wittgenstein schon Recht: Wir können uns keinen Gegenstand 'außerhalb seiner Verbindung mit anderen', also außerhalb seines Vorkommens in Sachverhalten denken.“
Nun verweist Prof. Tetens auf den weiter einschränkenden Punkt 1.13 „Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt“. Wittgenstein unterstellt hier, dass alle Tatsachen sich durch logische Aussagen darstellen oder beschreiben lassen, was nicht heißen soll, dass alle beschrieben oder dargestellt sind. Er sagt nur, dass es im Prinzip möglich ist, alle Tatsachen durch Aussagen darzustellen. Wenn dies stimmt, dann müssen Tatsachen notwendig bestimmte Eigenschaften besitzen, damit sie sich durch logische Aussagen darstellen lassen. Also, erklärt uns Prof. Tetens weiter, spiegeln sich diese Eigenschaften von den Einzeldingen und Sachverhalten in den logischen Aussagen wieder. „Die logischen Eigenschaften der Sprache sind [damit] zugleich Bedingungen der Möglichkeit der sprachlich darstellbaren [Tatsachen].“ (Dies ist das Prinzip der transzendentalen Rolle der Logik in Wittgensteins Tractatus, welches zum Verständnis des Tractatus sehr wichtig ist).
Durch Anwendung dieses Prinzips kann man auch nachvollziehen, warum Wittgenstein den Begriff der Tatsache weiter einschränkt, wie er es z.B. in Punkt 2.061 „Die Sachverhalte sind von einander unabhängig“ macht. Wittgenstein behauptet nämlich, dass wenn man alle logisch voneinander unabhängigen Tatsachen kennt, man implizit alle Tatsachen kennt. Denn alle anderen Tatsachen lassen sich durch die logischen Eigenschaften der von einander unabhängigen Tatsachen ableiten.
Diese Logik, die Wittgenstein im Tractatus verwendet, soll nach Prof. Tetens übrigens auf der Theorie von Gottlob Frege beruhen. Haben wir erstmal das Prinzip der transzendentalen Logik verstanden, lassen sich also auch die meisten der Sätze 1.x und 2.x verstehen.
Leicht war die Vorlesung nicht. Doch zeigte sich hier schön, wie Wittgenstein ein bestimmtes Prinzip annimmt und auf Grundlage dessen mit Hilfe der Logik seine Antworten findet. Bleibt die Frage, ob das Prinzip wahr ist. (Anmerkung: Mir ist es bisher nicht gelungen es zu wiederlegen. Kennt jemand einen Philosophen, dem es gelungen wäre?)
Permalink 02.05.07    2 Kommentare »

Das antike Internet – Renaissance 2.0

Schreiben ist etwas anderes als Sprechen. Wer kann sich heute noch einen wissenschaftlichen Aufsatz in Umgangssprache vorstellen? Nun, dass war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen das miteinander Reden wichtiger war als die Beschäftigung mit Texten. Vor der Einführung des Buchdrucks beschäftigte man sich mit Texten entweder um sie erhalten zu können, welches in der Meisterschaft des Urkunden-Abschreibens gipfelte, oder um sich mit einer bestimmten Rhetorik vertraut zu machen. Denn anders als heute waren die Bücher von damals vor allem zum lauten Lesen, also zum Nachsprechen gedacht. Dem entsprechend gab es auch noch keine großen Unterschiede zwischen dem Schreib- und Sprechstil, obwohl schon Sokrates wohl damit seine Schwierigkeiten gehabt haben soll. Die neuen Sprachgewohnheiten seiner beleseneren bzw. im Schreiben geübteren Zeitgenossen brachten ihm nämlich so manche Verständnisprobleme, weshalb er hin und wieder nach den Bedeutungen von bestimmten Worten fragen musste. (Siehe Eric Havelock in „The Socratic Problem: Some Second Thoughts“)
Mit der Erfindung des Buchdrucks und der damit massenhaften Verbreitung von Schriftstücken änderte sich dieses jedoch. Nicht nur, weil Text besser dazu geeignet ist den Inhalt und die Darstellung zu reflektieren, sondern auch dadurch, dass zum Drucken der Text gesetzt werden musste, wurden Rechtschreibung und Grammatik wichtiger. Nach und nach entwickelten sich so Normierungen der Schrift, die nicht unbedingt alle Facetten einer schönen Rede mehr gerecht werden konnten. Lautes Lesen verlor an Attraktion.
Veränderung gab es auch in der Verwendung von Illustrationen. Früher waren Bücher reich illustriert und viele Texte wurden durch Darstellungen ergänzt. Der Buchdruck hatte damit so seine Schwierigkeiten, weshalb diese Gewohnheit verloren ging.
Heute, nach der Erfindung des Computers, dem Digitalen und des Internets, gibt es erneut einen Wandel. Es entwickelt sich ein E-Mail-, Chat- und SMS-Vokabular bei dem es meist wichtiger ist etwas schnell als sorgfältig geschrieben zu haben. Rechtschreibung und Grammatik verlieren ihre Wichtigkeit. Es wächst eine Generation heran, zu deren Alltag die Produktion von Videos, Bildern und Tonaufnahmen gehören wird. Youtube.com und Flickr.com sind die besten Beispiele dafür. Außerdem wird es nicht mehr lange dauern, bis alles Geschriebene auch automatisch vorgelesen, also in Laut-Sprache umgesetzt werden kann.
Zur kürzlich in Berlin stattgefundenen Web 2.0 Konferenz re:publica hat Spreeblick.com ein Printmagazin mit dem passenden Headliner „Print ist tot“ herausgegeben. Und tatsächlich kann man erkennen, dass die langsamen und geschriebenen Printmedien in Zukunft Probleme haben werden. Aber nicht nur diese werden sich anpassen müssen, sondern auch der auf Text basierte Wissenschaftsbetrieb.
Wenn Bild und Rede wieder in den Vordergrund rücken, stellt sich die Frage, ob das geschriebene Wort für wissenschaftliches Arbeiten noch zwingend notwendig ist. Denn vielleicht können die neuen Technologien, die es so leicht wie nie gemacht haben Videos, Bilder und Tondokumente zu erzeugen und zu verteilen, auch dem Wissenschaftsbetrieb neue Möglichkeiten eröffnen. Der ungarische Philosoph Kristóf Nyíri behauptet, dass Wittgenstein und Heidegger erste Zeugen dieses Wandels waren. Ihre Betonung auf den sich entwickelnden, lebenden Prozess und ihre Forderung die praktische Bedeutung der Begriffe wieder zur Kenntnis zu nehmen, lassen dies tatsächlich vermuten.
Die Geisteswissenschaften müssen sich der Aufgabe stellen die verschiedenen Medien miteinander zu vergleichen. Das geschriebene Wort in linearer Form bietet sicherlich Vorteile bei der Rekonstruierung und Entwicklung von Argumentationen. Die vernetzten, unlinearen Formen der Darstellung im Internet sind schneller und besitzen fast immer einen Rückkanal. Durch Animation und Projektion wird es in Zukunft möglich sein nicht nur Informationen über ein Thema zu bekommen, sondern das Thema sogar zu erleben.
Niemand kann sagen wie es sich in Zukunft mit dem geschrieben Wort verhalten wird. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Sprache, Kommunikation und Denken sich verändern wird. Ich glaube nicht, dass es durch die Umstellung auf Video, Bild und Ton zu einem Qualitätsverlust kommen wird. Es wird anders sein, spontaner, kreativer und fast immer wird sich alles in einem stetigen Entwicklungsprozess befinden. Die Wissenschaft wird durch die Nutzung anderer Medien den Text als Wissensbasis reflektieren müssen und dadurch vielleicht die eine oder andere Gewohnheit abschütteln können. Multimedialität kann somit auch hilfreich sein, wenn es darum geht Begriffe und Denkstrukturen zu überprüfen. Es müssen Mechanismen gefunden werden, welche die Vorteile des Textes ersetzen können. Das Wiki-System, obwohl es ebenso noch auf Text beruht, macht es vor, indem es die Historie der Textentwicklung speichert. Dadurch ist es möglich sich auf Versionen zu beziehen, die auch in Zukunft noch abgerufen werden können.
Das Web 2.0 bietet an, schon jetzt diese Multimedialität zu nutzen. Als Philosoph könnten Sie den Anfang damit machen, hier ein Blog zu eröffnen. Sie werden sehen, dass andere Medien nicht unbedingt schlechter sein müssen.

Vernetztes Denken – Philosophie 2.0?

Was hat freie Software-Entwicklung und wissenschaftliche Philosophie gemeinsam? Leider sehr wenig. Denn beide Disziplinen könnten viel von einander lernen.
Die Philosophie hat eine Geschichte, die über zweitausend Jahre alt ist. In all der Zeit hat sie viele Methoden entwickelt, um eine möglichst hohe Qualität ihrer „Produkte“ sicherzustellen. Sie ist die Mutter aller Wissenschaft, denn aus ihr heraus entstanden die meisten der heute betriebenen Wissenschaften. Ihr Anspruch an die vernunftgeleitete Entwicklung und die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse ist Grundlage aller Wissenschaftlichkeit.
Es gibt den Mythos des einsamen Philosophen im Lehnstuhl seines Elfenbeinturms. Dieser Mythos hat sicherlich einmal existiert und es gibt nicht wenige Philosophen, die sich diese Arbeitsweise gerne wieder zurück wünschen. Heute sind die Philosophen in den akademischen Anstalten im Zuge der Globalisierung und Vernetzung dazu angehalten, miteinander in Diskurs zu treten und wann immer es geht ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Es gibt viel berechtigte Kritik an dieser neuen Arbeitsmethode, denn sie scheint so gar nicht auf die Philosophie zu passen. Das populärste und praktischste Instrument für Philosophen ist nun einmal den eigenen Verstand zu gebrauchen. Soll heißen, dass Philosophieren immer auch Nachdenken bedeutet. Und zum Nachdenken braucht man Ruhe und Freiraum. Es gibt sicherlich viele Studien über Kreativität und Innovation, die belegen, dass diese Faktoren beträchtlich zur Steigerung ihrer Produktivität beitragen. Wirft man einen Blick auf die Arbeitsverhältnisse in den Exzellenzzentren, so sind die hier gebotenen Privilegien auch vor allem diese, Ruhe und Freiraum, sowohl beim Thema wie auch bei der Finanzierung. Kritik an den gegensätzlichen Entwicklungen an den Universitäten ist also angebracht. Außerdem ist es schon eine ziemliche Anmaßung von der Wirtschaft, der großen und weisen Philosophie eine bestimmte Arbeitsweise vorschreiben zu wollen.
Bei der freien Software-Entwicklung läuft es genau umgekehrt. Sie lebt von der Motivation ihrer ungeduldigen Programmierer. Linus Torvalds, der Erfinder vom Linux-Kernel, wurde in der Software-Entwicklung vor allem durch seinen größten Hack, die Entwicklung einer alternativen Arbeitsmethode berühmt. Vor Torvalds war es üblich eine Software erst dann zu veröffentlichen, wenn sie eine gewisse Reife hatte. In der Versionsangabe bedeutet dies ab der Nummer 1.0. Torvalds erste veröffentlichte Version vom Linux-Kernel hatte die Nummer 0.01. Dies sollte andeuten, dass es nur ein ganz früher Entwurf eines Programms war, dass dazu in der Lage sein sollte, die Prioritäten von mehreren Programmen auf einem Computer zu verwalten. Es war unfertig und bedurfte noch einer großen Menge an Entwicklung um als marktreif gelten zu können. Zusammen mit der Veröffentlichung seiner unfertigen Version rief Torvalds andere Entwickler dazu auf, an der weiteren Entwicklung mitzuwirken. Und das taten sie dann auch. An der Entwicklung von Linux sind heute tausende von Programmierern beteiligt, doch die letztendliche Entscheidung, was an neuen Entwicklungen aufgenommen wird und in welche Richtung es gehen soll, obliegt immer noch Linus Torvalds allein. Seine Führungsposition wurde bisher noch nie in Frage gestellt.
Eric S. Raymond, Hackerpoet und Sprachrohr der Szene, verglich in seinem Essay von 1996 mit dem Titel The Cathedral and the Bazaar die unterschiedlichen Arbeitsmethoden der Software-Entwicklung mit genau diesen Orten, einer Kathedrale und einem Basar. Eine Kathedrale wird von wenigen Personen geplant und gebaut. Erst nach ihrer Fertigstellung ist es der Öffentlichkeit gestattet die Kathedrale zu betreten. Linus Torvalds Arbeitsweise, die Veröffentlichung von unfertigen Programmen und die Einladung der Öffentlichkeit daran mitzuwirken, hat hingegen eher etwas von einem brodelnden und lauten Basar. Für die ungeduldigen Programmierer kam dies wie ein Segen. Alles, was sie gerade an Code in den Computer gehackt hatten, wurde veröffentlicht und innerhalb von sehr kurzer Zeit bekamen sie genug Feedback, um ihre Ideen verbessern oder aufgeben zu können. Die Spontaneität und das direkte Feedback gab ihnen die Motivation weiter zu entwickeln. Die Qualität ihrer Entwicklungen zeigt sich daran, inwieweit die Programmierung praxistauglich ist.
Ok, was passiert, wenn man beide Arbeitsweisen miteinander vergleicht? Man kann erahnen, welches Potenzial in einer Arbeitsweise liegen würde, welche die Vorteile beider Seiten vereinen würde. Durch Ruhe und Freiraum können große Ideen entstehen, doch der hohe Anspruch der Philosophie, möglichst alleine zu philosophieren und die Ergebnisse erst dann zu veröffentlichen, wenn sie ausgereift sind, scheint zumindest fragwürdig. Durch die Vernetzung und die Veröffentlichung von unfertigen Code kann eine Umgebung geschaffen werden, in der die Masse größeres errichten kann als ein Einzelner, doch der geringe Anspruch an die Qualität der Programmierung in der Informatik könnte ebenso mal überdacht werden. Die Behauptung, dass die Entwicklungsstufe der Produkte etwas mit ihrer Qualität zu tun hat, erweist sich als falsch. Natürlich ist ein ausgereiftes Produkt „stabiler“, aber selbst ein Haus, dass aus Spucke und Altpapier gefertigt wurde, wird irgendwann einmal stabil genug sein, um darin leben zu können. Die Qualität äußert sich in der Ästhetik der Umsetzung. So gibt es schöne Argumente, genauso wie es schönen Programmcode gibt. Die Fragen, was in diesem Zusammenhang Qualität nun wirklich bedeutet und ob es besser ist alleine oder im Netzwerk etwas zu entwickeln, lasse ich ganz im Sinne des Unfertigen offen und würde mich freuen es mit meinen Lesern in den Kommentaren dieses Beitrags diskutieren zu können.
Permalink 22.04.07    4 Kommentare »

Live: Tetens über Wittgensteins Tractatus

Professor Tetens nimmt uns in der ersten Veranstaltung der Vorlesung mit auf eine abenteuerliche Achterbahnfahrt zu der Frage, wie man Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus interpretieren kann. Zuerst baut er Wittgenstein anhand des Einflusses seines Buches auf um gleich darauf zu behaupten, dass er dessen besondere literarische Form nicht beachten will. Diese Nummerierung ist nämlich genauso fraglich wie Wittgensteins Anspruch, mit diesem Werk die Probleme der Philosophie endgültig gelöst zu haben. Den Boden erreichen wir dann, als Prof. Tetens die Stelle des Buches zitiert, an der Wittgenstein selbst behauptet, dass sein Werk sinnlos sei.

Aber die Fahrt endet hier natürlich noch nicht. Ganz langsam geht es wieder nach oben, indem festgestellt wird, dass Wittgenstein mit seinem Werk eine Grenze ziehen will, ähnlich wie es auch Kant gemacht hat. Bei Beiden verläuft diese Genze ungefähr da, wo die Naturwissenschaften keine Aussagen mehr treffen können. Bei Kant kann man darüber hinaus nichts mehr wissen, bei Wittgenstein nicht mal mehr sinnvoll sprechen und damit auch nicht denken. Beide Philosophen haben jedoch gemeinsam, dass sie den Teil, der hinter dieser Grenze liegt, die größere Bedeutung zugestehen. Also gerade den Bereichen der Philosophie und der Religion. Nicht zuletzt deshalb will Prof. Tetens Wittgensteins Tractatus als ein religöses Buch ansehen. Das, was im Tractatus geschrieben steht, scheint nun auf einmal nicht mehr so wichtig, und mir kommt der Gedanke, dass Wittgenstein hiermit vielleicht nur eine sehr ironische Schrift aufsetzen wollte, um die Unwichtigkeit und Langeweile der Naturwissenschaft deutlich zu machen. Deshalb auch der scheinbar übertriebene Anspruch, mit diesem Werk alle Probleme der Philosophie gelöst zu haben. Denn nun, nachdem dies geschafft ist, können sich die Menschen endlich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden, auch wenn sie über diese weder sinnvoll sprechen noch denken können. Vielleicht glauben?

Doch hier stehen wir auf einmal vor einem Problem. Wie sollen wir uns mit diesem wichtigen Bereich, der außerhalb dessen liegt, was sinnvoll gesagt werden kann, beschäftigen, wenn man ihn nicht mal mehr denken kann? Bei Kant war dies zumindest noch irgendwie möglich, man konnte in diesem Bereich nur nicht mehr vom Wissen sprechen. Die Probleme, die Wittgenstein mit dem Tractatus erschafft, beginnen jedoch schon früher. Wie kann man eine Grenze ziehen, wenn man diese Grenze nicht auch von der anderen Seite her ziehen kann? Wäre das nicht nur eine Näherungsgrenze, ähnlich wie die Quadratur des Kreises es auch nie schafft den gesamten Kreis zu erschließen? Eine absolute Welterklärung durch die Naturwissenschaften wäre dann nie möglich. Und auf welche Seite gehört der Tractatus selbst, also die Idee dieser Grenze? Auch er gehört zu dem Bereich, über den es nichts sinnvolles zu sagen gibt. Jetzt, wo uns Prof. Tetens auf die Spitze der Achterbahn gebracht hat frage mich was denn jetzt noch bleibt. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dies nicht die richtige Frage ist.

In vierzehn Tagen ist die nächste Veranstaltung. Dann gibt es vielleicht ein paar Antworten, oder zumindest eine Richtung.

Hilfe, mein Elfenbeinturm ist eine Touristenattrakion!

Da dies der erste Beitrag auf Philosophieblog.de ist, hält sich die Aufmerksamkeit in Grenzen. Auf die Original Hard Blogging Scientists trifft dies jedoch zu. Ihr Panel auf der kürzlich in Berlin stattgefundenen Web 2.0 Konferenz re:publica war gut gefüllt. Poppig bloggende Wissenschaftler sind populär. Vor allem weil sie mit dem Vorurteil aufräumen, dass poppige Wissenschaft nur populärwissenschaftlich und damit unwissenschaftlich wäre. Sie bloggen weil sie erkannt haben, dass bloggen weit mehr ist als nur ein Teenie-Hype.
Ein Blog ist ein unkompliziertes Sprachrohr mit direktem Rückkanal durch die Kommentarfunktion. Hier wird Wissenschaft nicht einfach präsentiert - hier wird Wissenschaft betrieben! Unfertige Ideen werden einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, welche Aufgrund einer dieser Ideen vielleicht die nötige Anregung bekommt um eine andere Idee weiter vervollständigen zu können. Und durch die Kommentare zu den Beiträgen erhält der Blogger Feedback, das er sonst nur auf Konferenzen oder in Wissenschaftszentren finden würde. Im Netz findet dieser Austausch jedoch 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr statt.
Dieses Moment der Entwicklung, des stätig Unfertigen, ist der Geist des Web 2.0 und eine große Chance für Wissenschaft und Mensch. Das erkannten vor allem die technikaffinen Künstler und setzten die letzte Transmediale gleich unter das Motto "unfinish!". Und das Time Magazin kürte Ende 2006 die Teilnehmer dieser Entwicklung zur "Person of the Year".
Die Kritik an Webblogs ist jedoch allgegenwärtig. Sie werden als Klowände des Internets bezeichnet und es wird geschätzt, dass 99% der Blogs Müll sind. Nun, wer Klowände untersucht, der wird auch hier die eine oder andere sehr beachtenswerte Äußerung finden. Und 99% der Blogs sind nur dann Müll, wenn man sie an gut finanzierte Redaktionen von Printmedien misst und den unfertigen Charakter ihrer Beiträge als Schwäche ansieht. Nein, solche Kritik kann man als Blogger nicht ernst nehmen.
Sinnvolle Kritik kommt hierzu vor allem aus den eigenen Reihen der Blogosphäre und wurde im Programm der re:publica ausführlich diskutiert. Hier besproche Probleme sind z.B. der Diebstahl von geistigem Eigentum, Datenschutz, negativer Citizen Journalism sowie die allgemein fehlende Medienkompetenz. Alle diese Probleme hängen miteiander zusammen und sind deshalb kompliziert.
Dem Diebstahl von geistigem Eigentum begegnet man mit der Nutzung von Creative Commons und als bloggender Wissenschaftler mit dem Bekenntnis zum Manifest der Hard Blogging Scientists. Dadurch wird das Problem zwar nicht gelöst, jedoch hoffentlich entschärft. Bei Wissenschaftsblogs träumt man von dem gleichen selbstverständlichen Zitieren wie in den klassischen wissenschaftlichen Arbeiten.
Die anderen Probleme sind Teilaspekte der Entwicklung wie sie Sennett (Amazon-Link) und Habermas (Amazon-Link) erkannt haben. Die Kultur des öffentlichen Raumes zerfällt und die Privatheit wird zum Status quo. Die neuen Technologien unterstützen diese Entwickung und die fehlende Medienkompetenz ihrer Benutzer erledigt das Übrige. Da sich die Produktionsmittel zu Hause befinden und die Internetnutzer nicht unmittelbar mit der Öffentlichkeit konfrontiert werden bleibt auch der Datenschutz zu Hause. Das freut Wirtschaft und Staat, die wie Netzpolitik.org zeigt, überall ihre Lauscher aufsperren und nur allzu gerne die preisgegebenen Informationen aufnehmen und verwerten. Sei es zur Gewinnsteigerung oder zur Kontrolle. So kommt es, dass die Bildzeitung, welche, wenn man sich Bildblog.de anschaut, noch nie viel Medienkompetenz in diesem Sinne besessen hat, zum unverschämten Citizen Journalism aufruft und damit meiner Meinung nach eine hoffnungsvolle (R)Evolution beschmutzt.
Ein Webblog zu führen bedeutet also Gefahr, Übung und Change für den Autor, Chance für die Wissenschaft, Unterstützung für die chaotische Macht der Blogosphäre, Daten für die Neugierigen oder eben eine weitere potenzielle Attraktion für Touristen. Mal sehen, was aus Philosophieblog.de wird. Der Start hat mir zumindest Spass gemacht.
Permalink 15.04.07    2 Kommentare »

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