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Dasein
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und Bewußtsein
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Was da ist,
wäre sonst
nicht da.

Die Frage, ob Philosophie nicht besser im Geheimen stattfinden sollte?

Wenn man ein kluger Mensch ist, dann ist es wohl das Dümmste, seine Gedanken auszusprechen. Spricht man die eigenen Gedanken aus, dann werden die anderen Menschen beleidigt sein und man hat nichts damit erreicht. Will man hingegen etwas erreichen und einen Plan in die Realität umsetzen, dann scheint es das Beste zu sein, so wenig wie möglich darüber zu reden. Ehe die Anderen bemerken, dass da etwas geschieht, ist der Plan schon verwirklicht.

 

„Ejakulation, vorzeitige

 

Wenn Sie eine Methode entdeckt haben, nach der die Luftverschmutzung pro Bundesland für fünf Mark beseitigt werden kann, so ist der schlechteste Weg, sie zu verwirklichen, wenn Sie Ihre Entdeckung öffentlich bekanntmachen. Sie werden erstaunt sein, [S. 39] wie viele Menschen sich Ihrem Plan widersetzen. Die beste Methode, am Leben und in Freiheit zu bleiben, ist es, die Luftverschmutzung einfach zu beseitigen, Land für Land.

Wenn eine Aufgabe, die mehrere Abteilungen oder Organisationen betrifft, erledigt werden muß, dann sprechen Sie nicht darüber. Verschaffen Sie sich die Grundlagen, rekrutieren Sie Ihre Verbündeten, denken Sie die Abwehrmaßnahmen der Gegner durch und dann – `ran! Eine vorzeitige Ankündigung dessen, was Sie zu tun gedenken, verwirrt die potentiellen Befürworter, gibt den Gegner Zeit, echte und fiktive Gegenargumente zu konstruieren, und birgt die Gefahr der Niederlage in sich.

 

Der wäre ein schlechter Bürokrat, der es nicht verstehen würde, einen guten Gedanken so lange madig zu machen, bis selbst dessen Urheber erleichtert ist, wenn er gestorben und begraben ist.

 

Robert Townsend: Hoch lebe die Organisation. Aus der Trickkiste eines Erfolgsmanagers. Droemersche Verlagsanstalt/Knaur 1973. S 38-39

 

Das gilt natürlich nur für diejenigen, die reden, um etwas zu sagen; nicht für diejenigen, die viel sagen, um schön zu reden. Um sich vor den Anderen wichtig zu machen, muss man freilich reden. Aber auch da muss man aufpassen, was man sagt. Das Beste ist dann, Meinungen von sich zu geben, die zumindest einer nicht zu kleinen gesellschaftlichen Gruppe gut gefallen. In dem Fall sollte man sich an dem orientieren, was der eigenen Zielgruppe zusagt, und nicht an dem, was man selber denkt.

Dem Gefühl nach würde ich jungen Menschen eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung empfehlen. Diese hat den Vorteil, dass sie nichts mit dem Wort zu tun hat. Techniker müssen ihre Meinung nicht sagen. Dadurch vermeiden sie es, den Zorn und die Ablehnung anderer Menschen zu erregen. Sie bauen tagein tagaus an ihrer Maschine – und leben in Frieden.

 

„43

Denken wie die Wenigsten und reden wie die Meisten

 

Gegen den Strom schwimmen zu wollen, vermag keineswegs einen Irrtum zu zerstören, sehr wohl aber in Gefahr zu bringen. Nur ein Sokrates konnte es unternehmen. Von Andrer Meinung abweichen, wird für Beleidigung gehalten; denn es ist ein Verdammen des fremden Urteils. Bald mehren sich die darob Verdrießlichen, teils wegen des getadelten Gegenstandes, teils um dessentwillen, der ihn gelobt hatte. Die Wahrheit ist für Wenige, der Trug so allgemein wie gemein. Den Weisen wird man nicht an dem erkennen, was er auf dem Marktplatz redet, denn dort spricht er nicht mir seiner Stimme, sondern mit der der allgemeinen Torheit, so sehr auch sein Inneres sie verleugnen mag. Der Kluge vermeidet ebenso sehr, daß man ihm, als daß er Andern widerspreche. So bereit er zum Tadel ist, so zurückhaltend sei er in der Äußerung desselben. Das Denken ist frei, ihm kann und darf keine Gewalt geschehn. Daher zieht der Kluge sich zurück in das Heiligtum seines Schweigens; läßt er sich bisweilen aus, so geschieht es im engen Kreise Weniger und Verständiger.“

 

Baltasar Gracian: Die Kunst der Weltklugheit. In dreihundert Lebensregeln. Paul Neff Verlag, Wien o. J. S. 38

 

Dieser mein Text hier ist sicherlich vor allem auch einer, der sich mit dem Bild der Philosophie in der Öffentlichkeit beschäftigt. Viele meinen ja, Philosophie sei es, wenn ein anerkannter Philosoph interessante und für alle Leute wichtige Gedanken in den Medien äußert. Das sind Menschen, die den Unterschied zwischen einem Philosophen und einem Philosophendarsteller nicht kennen. Der Philosophendarsteller stellt einen Philosophen in der Öffentlichkeit dar. Das ist notwendig, weil der Aspekt der Darstellung im Bereich der öffentlichen Rede perfektioniert und professionalisiert werden muss, damit Medientauglichkeit erreicht wird. Ein Philosophendarsteller kann prinzipiell auch ein Philosoph sein, aber nicht jeder Philosoph ist auch ein Philosophendarsteller. Wenn das richtig ist, dann ist es ein Jammer für die Philosophen, wenn die Menschen nur Philosophendarsteller für Philosophen halten.

Aber das ist eigentlich noch eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Atmosphäre, die in dem zitierten Aphorismus von Baltasar Gracian herrscht: Es ist das eine Atmosphäre von Krieg – jeder gegen jeden – und von absoluter Gefahr. Ich denke mir, ein Mensch muss wohl schon mit vielem in seinem Leben abgeschlossen haben, um sich daranmachen zu können, Gracians Ratschlag zu verwirklichen. Trotzdem mutmaße ich, dass Gracians Ratschlag wahrscheinlich der richtige ist.

Es gibt ja sogar Philosophen, für die ist Öffentlichkeit der rechte Ort für Philosophie. Volker Gerhardt ist mir als Anhänger dieser Meinung bekannt. Er hat geschrieben über einen Satz von Kant, in welchem Kant mehrere Male vom „ich“ zum „wir“ und zurückspringt. Die Botschaft ist klar: Philosophisches Sprechen ist für Gerhardt selbst schon ein öffentliches Sprechen, es ist ein Sprechen, bei dem es keinen Unterschied macht, ob man „ich“ oder „wir“ sagt, weil man ja nach einer Universalität der Gültigkeit strebt, also nur das zu denken versucht, was für alle Menschen oder gar für alle vernünftigen Wesen gilt.

Diese Denkweise nenne ich das „für alle-Denken“. Seine große Gefahr scheint mir vor allem darin zu liegen, dass darin die Zustimmung des anderen Menschen vorweggenommen wird. Also deshalb, weil mir etwas logisch und wahr und allgemeingültig ist, muss es der Andere auch akzeptieren. Was aber, wenn er es nicht tut?

Das Gegenteil vom „für alle-Denken“ ist das „für sich selber-Denken“. Das ist meiner Meinung nach das Höchste, was man beim Philosophieren mit gutem Gewissen erstreben kann. Aber sobald man seine Gedanken ausspricht, scheinen die Anderen keinen Unterschied mehr zu machen, ob sie von einem vereinnehmenden Für alle-Denker geäußert wurden oder von einem „für sich selber-Denker“, der ihnen zugesteht, auch eine eigene Meinung haben zu dürfen.

Trotzdem muss ich mich wundern über diejenigen, die Philosophieren gleichsetzen mit einem öffentlichen Sprechen: Blenden Sie denn die in den beiden Zitaten von Townsend und Gracian recht treffend dargestellte Realität völlig aus? Ich glaube, mein eigenes Philosophieren wäre halb so gut, wie es ist, wenn ich davon ausginge, dass rund um mich nur lauter verständige Menschen sind und die Gesellschaft eine jede Maßnahme, die vernünftig erscheint, mit viel Elan und Idealismus durchsetzt. Da ich den lebendigen Eindruck in mir trage, dass dem nicht so ist, philosophiere ich nicht so, als ob es so wäre und äußere vernünftige Argumente nicht so, als würde ich erwarten, dass ein jeder Mensch, der ein vernünftiges Argument sieht, es sofort mit Freuden aufnimmt, einfach weil es vernünftig ist.

Aber, wie gesagt, die Welt, die Gracian uns darstellt, ist hart. Es ist die Frage, ob man sich die ganze Zeit dessen bewusst sein will, dass man in einem erbarmungslosen Krieg aller Menschen gegen alle steckt, wenn man z.B. an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Gassen einer Stadt schlendert und die Leute gemütlich in den Schanigärten sitzen sieht. Immerhin lässt uns Gracian noch einen Ausweg: Es sind das die Wenigen und Verständigen, mit denen man manchmal doch über das reden darf, was einen selber interessiert.

Aber wenn ich in diese Richtung denke, dann wird mir die Sache ganz wackelig: Und – sind die Wenigen und Verständigen, die Freunde, mit denen man philosophieren kann, nicht auch ein Mythos? Und – was ist denn das für eine inkonsequente Haltung, bei der man am Markte redet wie alle und dann soll man bei einigen Menschen plötzlich umschalten können und sie so behandeln können, als wären sie wirkliche Menschen? Sollte man nicht, wenn man schon der Ansicht ist, dass die eigene Meinung die Anderen nur erzürnt, ganz beim Schweigen Zuflucht suchen, so hart das auch ist? Und die Wenigen und Verständigen, die handeln dann wohl draußen und am Markte auch so, als wären sie unverständige Holzköpfe – und ich soll trotzdem von ihnen eine gute Meinung bewahren, weil wir doch gestern so verständig miteinander philosophiert haben. Ein Wechselbad der Gefühle…

Trotzdem, der Meinung, dass die Philosophie in die Öffentlichkeit gehöre, kann ich mich auch nicht anschließen. Wenn man diese Meinung annimmt, dann begibt man sich in die Situation, in der man zu vielen Menschen spricht, die einem gar nicht zuhören wollen. Medienkompetenz wird demjenigen Menschen zugeschrieben, der selbst bei Menschen, die ihm gar nicht zuhören wollen, seine Botschaft noch rüberbringt. Aber hinter dieser Auffassung von Medienkompetenz steht ein Konzept von Kommunikation, dass so hässlich und abscheulich ist, dass ich zumindest am Kommunizieren keine Freude mehr hätte, wenn ich so kommunizieren müsste.

Meine Lösung für meine selbstgestellte Frage ist – bislang immer noch, denn gescheiter bin ich noch nicht geworden – der Zufall. Ich rede zu allen in der Hoffnung, dass sich darunter der eine oder andere Verständige befindet. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass meine Redeweise für die Öffentlichkeit nicht gut geeignet ist. Ich möchte sie nur nicht so öffentlichkeitstauglich mehr machen, dass diejenigen, die tatsächlich Lust hätten, zuzuhören, sich abgestoßen fühlen, weil sie den Eindruck haben, auch von mir werden sie mit dem üblichen intellektuellen Kommunikations- und Werbemüll zugemüllt.

Permalink 06.11.13    6 Kommentare »

Die analytischen Philosophen meinten, es genüge, streng zu sich zu sein

Gedanken bei der Lektüre von Stephen P. Schwartz: A Brief History of Analytic Philosophy. Wiley-Blackwell 2012. S. 272-280.

 

Meiner Meinung nach wurde die Philosophie erfunden, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein einzelner Mensch begann, selbst über Fragen, die ihm wichtig waren, nachzudenken.

Philosophieren ist gar nichts anderes als dieses selbst Nachdenken.

Dass das etwas Besonderes ist, kann man sich veranschaulichen, indem man den Historikern zuhört, wie sie über Individualität reden. Sie sagen gerne, dass Individualität eine historische Erfindung der Moderne sei und dass sich die Menschen früherer Zeiten nicht selbst als einzelne, unwiederholbare, individuelle Menschen gesehen haben.

Es ist das also etwas ganz Besonderes, wenn ein einzelner Mensch sich, wie man bei uns zu Hause sagt, „auf die Hinterbeine stellt“, um einen Gedanken zu denken, der seinem eigenen Antrieb entspringt, und der zum Zweck hat, sein eigenes Orientierungsbedürfnis zu befriedigen.

So etwas machen wir Menschen nicht alle Tage.

Doch sobald die Philosophie erfunden war, wurde sie sofort wieder vergessen – und blieb es bis zum heutigen Tage.

Das hat seinen Grund darin, dass man meint, wenn ein Mensch nachdenkt, dann ordne er sich infolge der (angestrebten) Logik und der (ebenfalls angestrebten) Universalität seiner Überlegungen sofort wieder in die menschliche Gemeinschaft ein.

Das heißt, man vergisst, dass er doch eigentlich nur einen Gedanken für sich, für ihn selbst, denken wollte.

Das ist auch der Grund, warum man die Philosophie immer wieder mit der Wissenschaft verwechselt. Begonnen hat diese Identifizierung von Philosophie und Wissenschaft ja bereits mit Aristoteles; aber es hat auch in späteren Jahrhunderten immer wieder Menschen gegeben, die nichts Besonderes und nichts Wertvolles darin zu erkennen vermochten, dass ein Mensch selbst denkt. Diese Menschen sind dann in der Folge regelmäßig auf den Gedanken verfallen, dass das Nachdenken des Einzelmenschen doch eigentlich nur dann Wert haben könne, wenn wahre und für alle Menschen gültige Erkenntnisse dabei rauskommen. Eh klar: Wenn das Denken des Einzelmenschen in sich wertlos ist, muss es seine Rechtfertigung darin haben, dass es wenigstens die Menschheit voranbringt.

Zuletzt waren es vor allem die analytischen Philosophen, die die Philosophie mit der Wissenschaft verwechselten. Sie wollten eine Philosophie nach Vorbild der Wissenschaft aufbauen; gelungen ist ihnen in der akademischen Philosophie die Entwicklung einer überaus spezialisierten Philosophie, die Detailprobleme zwar nicht löst, aber die zumindest theoretische Werkzeuge zu ihrer Behandlung entwickelt, die immer komplizierter werden und die von immer weniger Menschen verstanden werden.

Aber bei der Verwechslung der Philosophie mit der Wissenschaft ist den analytischen Philosophen, wie ich vermute, ein Irrtum unterlaufen: Leute wie Wittgenstein scheinen der Meinung gewesen zu sein, es sei schon Wissenschaft, wenn man möglichst streng zu sich selbst sei. Wenn man also das Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis möglichst hochhalte und sich um strenge wissenschaftliche Methoden bemühe. Sie konnten oder wollten nicht sehen, dass Wissenschaft wesentlich soziale Kooperation ist, also dass Wissenschaft nicht von einem einzelnen Menschen allein getrieben werden kann.

Wenn aber Wissenschaft Zusammenarbeit in Sachen Erkenntnis ist, dann ist es für den einzelnen Menschen nicht möglich, in ihr seine eigenen Gedanken zu denken.

Um seine eigenen Gedanken denken zu können, muss man Distanz zur Gemeinschaft gewinnen. Man muss sich von ihr und von ihren Diskussionen abwenden, um für sich zu sein. Erst wenn man sich von den Diskussionen der Anderen zurückzieht und für sich ist, kann man herausfinden, was einen selbst interessiert.

Ich glaube, sobald man einmal verstanden haben wird, dass Philosophie das eigene Nachdenken ist, wird man verstehen, was Philosophie ist. Doch noch ist es nicht soweit, noch wird dem Denken der einzelnen Menschen kein Wert zugemessen. Solange das so bleibt, kann die Philosophie auf dieser Welt keine Heimstatt finden. Sie wird immer etwas bleiben, von dem man eigentlich nicht weiß, was sie ist – und dem man nur Achtung entgegenbringen kann, wenn man es mit etwas anderem verwechselt, dessen sozialer Wert außer Frage steht. Das ist der Status quo: Philosophie hat keinen Wert, wenn sie nicht Wissenschaft ist.

 

Permalink 03.11.13    2 Kommentare »

täter und zeuge

Alles geschieht
ohne Täter,
ohne Zeugen.

Der Gedanke,
Täter und Zeuge zu sein,
ist bereits das,
was geschieht.

Ein schönes Buch wurde mir zur Rezension zugeschickt - und ich kann leider nichts damit anfangen

Link: http://www.politycki-partner.de/projekte/3970_presseinformation_ko.pdf

 Ein schönes Buch mit vielen Abbildungen vom Verlag rüffer & rub wurde mir zur Rezension zugeschickt. Es handelt sich um Hans Widmer: Das Modell des Konsequenten Humanismus. Der Begleitbrief sagt, sie würden sich freuen, wenn ich Interesse an einem Beitrag zu dem Buch hätte. Allein, ich weiß mich dem Buch nichts anzufangen. Wer meine Texte auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich immer darum bitte: „Bitte, bitte, nicht noch ein –ismus!“ Rummm – da wird mir ein Konsequenter HumanISMUS hineingeschoben.

 

Nach der Lektüre von drei Kapiteln (Anfang, Mitte, Schluss) überlege ich, was man mir da überhaupt geschickt hat. Es handelt sich um das Buch eines Wissenschaftlers und Technikers (Dr. Hans Widmer studierte Maschinenbau an der ETH Zürich, promovierte in Nuclear Engineering am MIT) und Unternehmers (übernahm ein Unternehmen in der Maschinenbau-Industrie). Ich habe sehr stark den Eindruck, es ist das ein „philosophisches“ Buch wie ein Wissenschaftler und Techniker sich ein „philosophisches“ Buch vorstellt. Das geht schon los bei der Aufgabenstellung:

 

„…ergibt das Modell des Konsequenten Humanismus unausweichlich, dass individuelles Glück nicht geringer ausfallen muss als das kühner Träume, vorausgesetzt, Menschen sind zweckmäßig organisiert, wissen, was gewusst werden kann, halten ihre Absichten über den Tag hinaus ein; Gesellschaften zweckmäßig organisiert sind, wenn Individuen selbst bestimmen, was sie bestimmen können…“ (Umschlagtext Buchrücken)

 

Mit einem Wort, das Buch beansprucht, alle Fragen gelöst zu haben, und zwar sowohl auf individueller Ebene (Denken, Willensfreiheit Glück) als auch auf kollektiver (zweckmäßige Organisation der Gesellschaft, Demokratie, Liberalismus, Mitbestimmung). Einen so großen Happen würde ich mir nie vornehmen; ich bin schon zufrieden, wenn ich auf einzelne meiner Fragen einzelne Antwortversuche finde, die wenigstens mir als aussichtsreich erscheinen. Ich weiß auch nicht, wie man zu so einem Philosophieverständnis kommt? Vielleicht kommt es dadurch zustande, dass der Wissenschaftler die wissenschaftlichen Disziplinen überblickt und dann daran denkt, was ihm zu seinem großen Glück noch fehlt – die Zusammenerklärung der vielen wissenschaftlichen Einzelerkenntnisse zu einer modellhaften Erklärung des Ganzen: „Wissenschaften erklären eingegrenzte Wirklichkeit aus eingegrenzter Wirklichkeit und haben darin eine exponentiell anwachsende, mittlerweile ungeheure Fülle an Erkenntnissen hervorgebracht; für ein widerspruchsfreies Ganzes hingegen fühlt sich keine zuständig.“ (S. 8)

 

Aussagen kann ich, was meiner Wahrnehmung nach dabei herauskommt: ein Buch, das schöne Bilder malt. Zukunftsbilder, Möglichkeitsbilder oder Bilder sogar, denen irgendwelche dahinter stehende wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage zugeschrieben werden, aber deren Relation zur bestehenden sozialen Wirklichkeit oder irgendeiner greifbaren Gestalt der Realität dennoch krass unterbeschrieben bleibt. So ist z.B. im Abschnitt „Zu Selbstwert anleiten“ zu lesen:

 

„Das erste Ziel für das Kind ist die Selbstachtung, sowohl chronologisch wie von der Priorität her:

-der Anfang davon kommt vom Sorgen für es, seinem sich willkommen Fühlen;

-danach vom Ausbilden seiner Kräfte, seinem Stolz darauf, was Forderung und Förderung voraussetzt, wonach ein selbstlaufender Zyklus in Gang kommt;

-von deren Bewährung in der Welt, aus dem eigenen Erfolg;

-schließlich von der sukzessiven Kohärenz seines Lebens, seiner Autonomie.“ (S. 209)

 

Ja, das wäre schön. Aber haben Sie in Ihrem Leben so etwas erlebt? Ich in meinem nicht. Rückblickend würde ich meine Bildungs- und Ausbildungskarriere eher beschreiben als den Versuch meiner LehrerInnen und ProfessorInnen, mich zu brechen – meinen Willen zu brechen, mein Interesse, meine Lebensfreude. Was ihnen letzten Endes auch weitgehend gelungen ist.

 

Zum Beispiel: Widmer geht davon aus, dass alles Denken mit dem Gefühl, mit dem Bedürfnis als Motivator für das Denken beginnt: „Gefühl, das Medium, das Denken die Motive liefert: Hunger, Schmerz, Unbehagen, Misstrauen, Verliebtheit, Übermut etc. sind Aufträge an das Bewusstsein, mit seinen Einsichten Problemlösungen zu finden oder Chancen zu ergreifen.“ (S. 103) Manchmal schreibe ich darüber, wie ich an der Universität mit der Wissenschaft in Kontakt gekommen bin und deren erste pädagogische Leistung darin bestand, mir das Formulieren meiner persönlichen Motive für die theoretischen Fragen, mit denen ich mich beschäftige, zu untersagen. Anstatt dessen, sagte man mir, solle ich schreiben, es bestünde an dieser Stelle in der Disziplin eine Forschungslücke oder: diese Frage sei noch nicht ausreichend beforscht. Die Konsequenz dieser Erfahrung war bei mir das Erlöschen der Motivation, mich mit diesen theoretischen Fragen zu befassen. Wissenschaft hat eben keine Einsicht in den Sachverhalt, dass am Beginn des Denkens eine emotionale Motivation stehen müsse. Sie meint, die ruhmreiche Aussicht, etwas zur Wissenschaft beitragen zu dürfen, reiche aus, um alle personale Motivation zu ersetzen.

 

Was ich sagen möchte: Ich habe diese Inhalte niedergeschrieben und publiziert, und kaum jemand hat sie je verstanden oder ernst genommen. Und nun bekomme ich ein Buch von Hans Widmer, in dem er schreibt, so als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre, „Der Zweck von Denken ist Bedürfnisbefriedigung“ und „Das Bedürfnis teilt sich über ein Gefühl mit“ (S. 99). Er hat doch auch studiert – sind ihm an der Hochschule nicht alle Gefühle erfolgreich ausgetrieben worden?

 

Doch das nur am Rande. Ich habe mich dann gefragt: Was ist das überhaupt für ein Buch und warum schickt man es mir zu? Bin ich als Philosoph oder Philosophierender berufen, darüber zu urteilen? Meine heutige Erkenntnis nach einiger Lektüre ist: Nein, WissenschaftlerInnen sollen darüber urteilen. Es finden sich in dem Buch mehrere Aussagen Widmers, die betonen, dass er meint, das Besondere an seinem Ansatz sei, dass er sich auf Erkenntnis stütze – und mit „Erkenntnis“ meint er wissenschaftliche Erkenntnis.

 

„Was Philosophie seit ihren Anfängen fragt, beantwortet das vorliegende Modell auf der Grundlage dessen, was Wissenschaft bisher hervorgebracht hat: etwa, was Leben sei, der Mensch, Freier Wille, Glück. Wissenschaftliche Erkenntnis rührt aus der systematischen Befragung davon, was als Wirklichkeit erscheint. Erkenntnis ist überhaupt nur aus solcher Befragung zu gewinnen. Philosophische Arbeit beginnt folglich mit der Einverleibung relevanter Erkenntnis…“ (S. 7)

 

„Konsequenter Humanismus baut auf Erkenntnis auf, was schon Kant dringend empfahl: „Wissenschaft (…) ist die enge Pforte, die zur Weisheit führt.“ Und Wissenschaft ist „kritische und systematische“ Befragung der Wirklichkeit.“ (S. 126)

 

„Die Erkenntnis über die Welt wird stetig vollständiger, was die Voraussetzung bildet für eine nachhaltige Symbiose der Menschheit mit der Welt und nicht nur das: spiegelbildlich auch für den harmonische, friedfertigen, nachhaltigen Umgang der Individuen mit ihrer unter dem Bewusstsein liegenden Natur.“ (S. 127)

 

Mit einem Wort, hier haben wir es mit einem Wissenschaftler (oder zumindest: mit einem Menschen mit wissenschaftlicher Grundorientierung) zu tun, der meint, die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft zusammenfassen zu können. Ich würde meinen, dass es die Aufgabe kompetenter FachwissenschaftlerInnen ist abzuklären, ob aus den von Widmer zusammengetragenen wissenschaftlichen Theorien überhaupt folgt, was er als seinen Vorschlag für eine Aufklärung der Individuen durch Erkenntnis ableitet: „die Wirklichkeit aus der Wirklichkeit erklären“; „Vertrauen aufbauen"; "instinktive in abstrakte Ethik zu transformieren“; „sich auf die Weisheit des Kollektivs zu verlassen“; „Kindern zu Selbstwert anzuleiten“; „das Göttliche in sich freizulegen“ (S. 201). Ich könnte mir vorstellen, dass dann der eine oder andere konkrete Einspruch erhoben wird. Oder die ganze Sache überhaupt als wissenschaftlich unentscheidbar abgetan wird.

 

Für mich ergibt sich aus dem Ansatz des Buchs schon eine grundsätzliche Frage: Wird denn das Wissen über die Welt dadurch, dass die Einzelwissenschaften immer mehr Wissen produzieren, wirklich auch VOLLSTÄNDIGER? Oder wird es nur MEHR Wissen? Und lässt sich wissenschaftliches Wissen ZUSAMMENFASSEN, sodass eine philosophische Orientierung von Individuum und Gesellschaft durch die Ergebnisse des wissenschaftlichen Wissens möglich wird? Ich bezweifle das. Ich würde annehmen, dass Fachleute aus den einzelnen Disziplinen Widmer nachweisen würden, dass er da eine sehr idiosynkratische Mischung aus wissenschaftlichen und philosophischen Theorien zusammengetragen hat. Was ihm gefallen hat und was er für seine Botschaft brauchen konnte, hat er in seinem Buch erwähnt.

 

Aber was soll ich mit dem Buch anfangen? Ich glaube ja nicht, dass es Aufgabe der Philosophie sein kann, den Menschen – individuell wie kollektiv – zu sagen, wo es lang geht. Diese Aufgabe ist viel zu groß für die Philosophie. Das Resultat wird immer ein „politischer Text“ sein, also einer, der beansprucht, unvereinbare Gegensätze vereinen zu können und der die Zukunft in den schönsten Farben malt.

 

Mein philosophischer Anspruch ist viel kleiner: Orientierung zu finden für mich selbst in der Welt, so wie sie gegenwärtig ist. Das ist ein Anspruch, den Widmer im Rahmen der psychologischen Entwicklung des Menschen bereits mit Abschluss der Adoleszenz für abgeschlossen hält: „Kinder haben einen starken, spontanen Antrieb, sich zurechtzufinden (auch bei Laborratten zu beobachten, wenn sie in eine neue Umgebung versetzt werden). […] Nach der Adoleszenz bilden sich die Anstrengungen für Welterkenntnis und –deutung zurück: der Fokus liegt auf dem Bestehen in der erkannten Welt.“ (S. 123-124) Ich sage es ehrlich: Ich kenne mich in unserer Welt, so wie sie ist, nicht aus.

 

Das ist auch der Grund, warum mich Hans Widmers Buch extrem ungeduldig macht. Es zeichnet zwar sehr viele schöne und hoffnungsfrohe Bilder, doch trägt es in keiner Weise zu meiner Orientierung in unserer Welt bei. Warum tut es das nicht? Nun, es geht nicht auf Probleme ein, die Widmers Visionen entgegenstehen (es bemerkt nur manchmal, dass wir „noch weit von der Umsetzung der Erkenntnis entfernt“ seien (S. 6)), es referiert keine Gegenpositionen, und es nimmt auch keinen Bezug auf meine Lebenserfahrungen, womit kein gemeinsamer Ausgangspunkt für das Nachdenken entsteht. (Widmer hätte ja die eine oder andere seiner eigenen Erfahrungen referieren können, wodurch sich – bei zufällier Übereinstimmung derselben mit einer Erfahrung des einen oder anderen Lesers – ein gemeinsames Thema ergeben hätte.)

 

Überhaupt wünschte ich mir so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für dieses Buch: Wer soll das lesen und was soll die jeweilige Person dann mit den Inhalten anfangen, nachdem sie sie gelesen hat?

 

Was für mich bleibt, ist ein schönes, aufwändig gemachtes Buch und eine gewisse Art von Feedback darüber, wie manche Menschen die Aufgabe der Philosophie auffassen. Inhaltlich bietet mir dieses Buch nichts Greifbares, weil es – obwohl es behauptet, auf dem festen Boden der wissenschaftlichen Erkenntnis zu stehen – sich in schönen Phrasen erschöpft und in die Niederungen der täglich erfahrbaren Realität nicht hinabsteigt. Worüber also könnte ich sprechen, wenn ich nach dem philosophischen Gehalt dieses Buchs Auskunft geben sollte? Nun, das einzige Erwägbare darin ist wohl, dass hier jemand meint, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrer schieren Unmöglichkeit und Unübersichtlichkeit ließen sich zusammenfassen und in ein neues philosophisches Programm mit Namen „Konsequenter Humanismus“ destillieren. Aber da bin ich sehr skeptisch: Ich glaube eigentlich nicht, dass bei der Zusammenschau aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse mehr als Verwirrung im Kopf eines Menschen entstehen kann.

 

Erschwerend kommt dazu, dass Widmer die Auswahl seiner bevorzugten wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht rechtfertigt und auf etwaige Gegenentwürfe nicht eingeht. Er stellt nur ein philosophisches Programm vor, zitiert eine Anzahl von wissenschaftlichen Theorien zur Unterstützung herbei und behauptet, die philosophische Theorie sei wissenschaftlich ausreichend unterstützt. Daher komme ich zu dem Schluss, WissenschaftlerInnen sollten entscheiden, ob sie das tatsächlich ist. Ich selbst sehe mich nicht in der Lage, das Buch zu Ende zu lesen, denn bei seiner Lektüre fühle ich mich wie zwischen Schlagwörtern hin- und hergeworfen und ohne Kontakt zu einer mir irgendwie greifbaren Realität, die mir dabei helfen könnte zu entscheiden, wo Widmer recht hat und wo er irrt. Es ist schon merkwürdig, dass jemand Lust hat, ein solches Buch zu schreiben!

 

Permalink 26.10.13    1 Kommentar »

Verwunderung über eine Definition von „theoretischer Philosophie“

In der Einleitung zum Grundkurs Philosophie, Band 4, Erkenntnis und Wissenschaftstheorie des Reclam Verlags gibt Wolfgang Detel folgende Bestimmung oder Definition von „theoretischer Philosophie“:

 

„Theoretische Philosophie befasst sich vornehmlich mit Aktivitäten und Ideen, die mit der Art und Weise zusammenhängen, wie wir die Welt auffassen und auf sie reagieren – mit dem Fühlen, dem Denken, dem Argumentieren und dem Erklären, aber auch mit unseren Ideen von der Natur, vom Geist und vom sozialen Bereich.“ (S. 7)

 

Diese Definition verwundert mich sehr, denn ich würde sie eigentlich für eine Definition von „praktischer Philosophie“ halten – und nicht von „theoretischer Philosophie“!

 

Dafür spricht schon der Beginn der Definition: „…beschäftigt sich vornehmlich mit Aktivitäten“. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass die „theoretische Philosophie“ sich vornehmlich mit „Aktivitäten“ befasst. Ich hätte die „theoretische Philosophie“ viel eher für eine Disziplin gehalten, die verschiedene Ideen und Inhalte beschreibt und dabei vergisst, dass durch diese Beschreibung und Bearbeitung von Ideen Aktivitäten ausgeübt werden. Aus dem Grund erschiene es mir auch wichtig, wenn denn jemand mir zuhören möchte, daran zu erinnern, dass auch die theoretische Philosophie letztlich Teil der praktischen Philosophie ist, weil auch sie durch Aktivitäten und Tätigkeiten realisiert wird.

 

Aber es geht noch weiter. Der weitere Wortlaut der Definition macht deutlich, dass es sich bei diesen Aktivitäten um solche von Menschen handelt, von konkreten, lebenden, atmenden und handelnden Menschen: „…wie wir die Welt auffassen und auf sie reagieren – mit dem Fühlen, dem Denken, dem Argumentieren und dem Erklären, aber auch mit unseren Ideen…“.

 

Das erscheint mir noch merkwürdiger. Ich hätte gemeint, die „theoretische Philosophie“ beschäftigt sich damit, wie die Zunft der Berufsphilosophen die Ideen über Natur, Geist, Erkenntnis und Wissenschaft sehen will, und zwar unabhängig und gewöhnlich im Gegensatz dazu, wie konkrete, lebende und handelnde Menschen sie auffassen. Und zwar wollen die Berufsphilosophen sie deshalb in einem Gegensatz zu den Ideen der lebenden Menschen konzipieren, weil es ihnen ja nicht um die Ideen geht, mit denen lebendige Menschen ihr Leben bestreiten, sondern um den Aufbau ihres Fachs. Die Logik und Entwicklungsdynamik des Fachs bewegt sie mit stillem Drängen in weiterer Folge dazu, so stellt sich das der kleine Helmut vom Lande vor, dass sie sich nicht mehr länger dafür interessieren, wie „wir die Welt auffassen“, sondern dafür „wie sie aufgefasst wird“, nicht mehr dafür, wie wir auf sie regieren, sondern dafür, wie auf sie reagiert wird. Und aus dem menschlichen Geist wird in der theoretischen Philosophie doch der Geist, der über allen Wassern schwebt, oder etwa nicht?

 

Völlig verblüfft hat mich in Detels Definition jedoch die Angabe, dass es in der theoretischen Philosophie um unser „Fühlen“ und „Denken“ gehe. Wo geht es denn in der „theoretischen Philosophie“ ums Fühlen? Vielmehr hat man den Eindruck, dass in der „theoretischen Philosophie“ ein jeder Ausdruck eines Gefühls absolut fehl am Platz wäre, weil es in ihr zwar um „Aktivitäten“ und um Sichtweisen der Wirklichkeit geht, aber nie um solche von Menschen. (Wenn es also in der theoretischen Philosophie z.B. um Wissenschaft geht, so nie darum, wie konkrete Menschen in der Wissenschaft handeln – das würde sie der Wissenschaftssoziologie überlassen -, sondern darum, wie Wissenschaft methodologisch korrekt durchgeführt werden sollte. Wo hätte denn in einem solchen Diskurs eine Aussage über das Gefühl eines Menschen Platz?)

 

Vom Denken aber kann in der „theoretischen Philosophie“ meiner Meinung nach gar nicht die Rede sein. Denken ist die Tätigkeit, die Bewegung des Denkens. Theoretische Philosophie hingegen geht mit Gedachtem um, mit fertigen Gedanken. Wahrscheinlich wird hier einfach, wie so oft, das Denken mit dem Gedachten verwechselt.

 

Meine Verwunderung und meine Fragen veranlassen mich zu dem Versuch, Detels Definition von „theoretischer Philosophie“ zu reformulieren. Mal sehen, ob sie auf diese Weise mit meinem Hintergrundwissen in Einklang zu bringen ist:

 

„Theoretische Philosophie befasst sich vornehmlich mit „theoretischen Inhalten“, manchmal aber auch mit Aktivitäten (nur tut sie dann so, als ob es nicht die Aktivitäten von Menschen wären); sie diskutiert bei Gedanken vor allem die Korrektheit ihrer Argumentationsweise, weil sie auf diese Weise vom Fühlen und Denken der Menschen abstrahieren kann; ihre bevorzugten Themen sind – in ebendieser Reihenfolge – die Natur, der Geist, die Wissenschaft, die Erkenntnis und am Ende kommt vielleicht auch irgendwo der soziale Bereich ins Spiel, aber immer so, dass die Naturbetrachtung das Paradigma der „theoretischen Philosophie“ bleibt und auch das Verständnis menschlicher Tätigkeiten diesem Paradigma so weit wie möglich angepasst wird.“

 

Ein bisschen umständlich ist er, mein Definitionsversuch von theoretischer Philosophie, aber, wie ich finde, doch treffender als der von Wolfgang Detel.

Permalink 25.10.13    1 Kommentar »

Über das Ich

Konrad Paul Liessmann schreibt in dem Artikel "In der Ich-Falle", Die Presse, Spectrum vom 28. 9. 2013, S. II:

"Was also ist das "Ich", diese wunderbare Entdeckung der Moderne, die im selben Atemzug gefeiert und dementiert wird? Ist es nur das Bewusstsein, eine unverwechselbare Einheit durch alle Formen und Phasen des Lebens durchalten zu können, oder ist damit auch eine Lebenswirklichkeit verbunden, die durch Einzigartigkeit und und Unverwechselbarkeit einer Person und ihrer Lebensvollzüge gekennzeichnet ist? Und worin erfährt dieses Ich sich als sich selbst? Wann sind wir bei uns, wann ist es unser Selbst-Sein, das sich in unserem Handeln artikuliert, und nicht ein Fremdes, Äußeres, dem wir uns einfach anschließen? Der moderne Mensch, der, ob er will oder nicht, einer umfassenden Massenkultur ausgesetzt ist, ist gleichzeitig wie kein anderer auf der Suche ach seinem Selbst."

Ich: Ich bin nicht "wie kein anderer" auf der Suche nach meinem Selbst; ich bin eigentlich schon froh, wenn man mal fünf Minuten davon ablässt, mir mein Ich mit Gewalt auszutreiben zu versuchen.

Liessmann schreibt: "Kaum war das Subjekt als entscheidende Kategorie entdeckt, schon zeigten Schopenhauer und Nietzsche, später dann Freud, dass es sich dabei eum eine manchmal grandiose, in der Regel eher erbärmliche Selbstillusionierung handelt. Dort, wo wir unser einzigartiges Ich vermuten, entdecken wir, sehen wir genauer hin, nichts als unsere physiologisch bedingten Triebe und Begierden, die wir mit allen teilen."

Ich: Das scheinen mir Aussagen zu sein, die einen modernen, postmodernen Intellektuellen interessant machen sollen: "Seht her, ich habe es verstanden, dass das Ich nur eine Illusion ist!" Aber was halten die Argumente? Schopenhauer war eine Art Buddhist, der sein Heil in der Ichauflösung sehen wollte. Nun gut, das wollen wir ihm zugestehen. Jeder nach seinem Geschmack. Nietzsche war - ganz im Gegensatz zu Liessmanns Behauptung - ein großer Theoretiker des Ichs, der empfahl, das eigene Ich weiterzuentwickeln und gab ihm "die große Vernunft des Leibes" zurück. Freuds Ich-Begriff ist lächerlich, das Ich ist bei ihm nur der Vermittler zwischen Es und Über-Ich ohne eigene Substanz.

Und was ist mit dem Argument, dass wird dort, "wo wir unser einzigartiges Ich vermuten, [...] nichts als unsere physiologisch bedingten Triebe und Begierden entdecken, die wir mit allen teilen"? Nun, eine simple Fehlbestimmung des Ich. Das Ich ist nicht deshalb (wahrhaftes) Ich, weil es einzigartig wäre, sondern weil der Mensch bei sich ist (wenn man ihn lässt). Es macht dem Ich also gar nichts aus, wenn es die gleichen physiologisch bedingten Triebe und Begierden wie alle anderen Menschen hat, es wird sich trotzdem als Ich fühlen. Im Übrigen braucht man sich um die Einzigartigkeit des Ichs keine Sorgen zu machen, denn diese entsteht durch sein Denken und seine Lebensgeschichte von selbst. Die Einzigartigkeit ist also ohnehin unausweichlich. Und die physiologisch bedingten Triebe und Begierden, die wir mit allen teilen, teilen wir mit ihnen übrigens auch in unterschiedlichem Ausmaß. Ein Blick auf die Straße reicht aus: Da gibt es Dünne und Dicke, manchen ist immer kalt, die Anderen laufen auch bei Kälte mit kurzen Ärmeln herum usf.

Liessmann schreibt: "Kein Bildungsreformer findet etwas daran, einerseits die Individualisierung des Unterrichts und die Förderung der besonderen Begabungen zu fordern und gleichzeitig für Bildungsstandards, Zentralmatura undden Einsatz von Testbatterien einzutreten, die alles an einem global gültigen Mittelwert ausrichten."

Ich: Ja, da sollten die Bildungsreformer wirklich einmal darüber nachdenken.

Liessmann schreibt: "Wenn es keine sozial verbindlichen Gefüge mehr gibt, die das Verhaltendes Einzelnen normieren, muss dieser die Grundlagen seines Handelns nicht nur in sich selbst suchen, sondern dieses Selbst muss selbst zur Grundlage jeglichen Handelns werden. Die Suche nach dem Selbst, das zuerst gefunden und dann verwirklicht werden will, ergibt sich so aus der Notwendigkeit, die Leere, die brüchig gewordene soziale Systeme hinterlassen haben, zu füllen. Natürlich ist jeder Mensch mit dieser Anforderung hoffnungslos überfordert."

Ich: Das ist wirklich Unsinn! Natürlich ist kein Mensch mit dieser Anforderung überfordert! Es gibt sie nämlich gar nicht. Der Mensch, wenn man ihn nicht fortwährend traktiert und ihn anders haben will, als er ist, wird einfach jeweils das Naheliegendste tun. Wenn ich mich also morgens vor die Aufgabe gestellt sähe, mein Selbst zur Grundlage meines Handelns zu machen, würde ich erst mal frühstücken. Besser und kürzer: Ich würde einfach frühstücken. Und danach würde ich Lust auf eine andere Tätigkeit haben. Wovon Liessmann da redet und uns beschwört, dass jeder Mensch damit überfordert wäre, das gibt es gar nicht.

Liessmann schreibt: "Das Ich, wäre es ein solches, benötigte nichts mehr als eine Privatsphäre, intime Räume, Rückzugsgebiete, wo es tatsächlich bei sich sein könnte. Dass die euphorisch begrüßte Technologie unserer Kommunikationsmedien in ihrer Logik das Gegenteil anvisiert - Transparenz, Durchsichtigkeit, Kontrolle, permanente Erreichbarkeit -, zeigt, wie schlecht es um das Individuum in Wirklichkeit bestellt ist."

Ich: Ich der Diagnose der Lage bin ich mir Liessmann einig. Ich frage mich nur, wie jemand wie er, dem das Ich nicht am Herzen liegt (siehe vorhergehende Zitate), etwas zur Lösung dieser Problematik beitragen könnte?

Wenn man den Bedarf des Individuums nach Privatsphäre und Rückzuggebieten, wo es bei sich sein kann, einsieht, dann müsste man eigentlich fordern, dass solche Räume der Privatsphäre auch im öffentlichen Raum und im Berufsleben geschaffen werden. Und man müsste auch fordern, dass der Mensch selbst dann, wenn er in der Öffentlichkeit unter Beobachtung durch Andere steht, nicht ausschließlich als öffentlicher Mensch, sondern auch als Privatmensch gesehen wird, also als einer, der, um mit Montaigne zu sprechen, selbst auf dem höchsten Thron immer noch mit seinem Hintern sitzt (und dort bisweilen auch mal furzt).

 

in ewigkeit

Das Nichts
ist eigenschaftslos.

Es hat weder
Dauer noch Ausdehnung.

Sonst wäre es
Zeit und Raum, Raumzeit.

Das Nichts kann also nur
nicht sein.

Das nicht seiende Nichts aber
ist Dasein in Ewigkeit.

ich und welt

Das Ich
besteht ausschließlich
in Bezug auf die Welt.

Die Welt
besteht ausschließlich
in Bezug auf das Ich.

Ich und Welt
bestehen ausschließlich
in Abhängigkeit voneinander.

Ich und Welt
sind ein Dasein.

zweisatz

Das gegenwärtige Dasein
ist bereits
die gesamte Welt.

Es gibt keine Welt
außerhalb
des gegenwärtigen Daseins.

tatsache

Dasein ergibt sich
aus der Tatsache,

daß Nichts
weder zeitliche
noch räumliche
Ausdehnung hat.

denkendes dasein

Was schreitet
als Zeit fort?

Was dehnt sich
als Raum aus?

Was besteht
als Stoff?

Was nimmt
als Geist wahr?

Nichts
als das Denken
des Daseins.

was ist

Keine Zeit,
wann sollte sie sein?

Kein Raum,
wo sollte er sein?

Kein Bestand,
nur das, was ist:

Dasein.

nichts außer gott

Niemand kann
gegen Gottes Willen handeln.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
Gott ergründen.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
Gott um etwas bitten.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
sich Gott ergeben.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
Gott leugnen.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
sich von Gott abgrenzen.
Denn es gibt nichts außer Gott.

Niemand kann
Teil von Gott sein.
Denn es gibt nichts außer Gott.

totlos

Das Nichts
hat weder räumliche
noch zeitliche Ausdehnung.
Folglich ist das Dasein ewig.

wer

Zu glauben,
es gäbe jemanden,
der entscheidet,
ist bereits
Gotteslästerung.

gottes wort

Nicht Gott ist tot,
der Mensch ist es.

Es hat ihn nie gegeben.
Er ist nur eine Erfindung der Sprache.

dasein

nichts kann nur nicht sein
deshalb ist ewiges dasein
ohne etwas, ohne jemanden

die frage

Es ist nicht die Frage,
warum etwas ist
und nicht nichts,
sondern,
warum sich nichts
für etwas
hält.

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