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Diversity in Forschung und Lehre

Am 18. 10. 2012 besuchte ich eine Konferenz zum Thema Diversity. Mein Resümee: Ich verstehe es einfach nicht, vielleicht kann mir das wer erklären?

Am merkwürdigsten fand ich es, dass das Problem, das mir beim Thema Diversity als erstes in die Augen springen würde, gar nicht angesprochen wurde: Wissenschaft ist doch vom Prinzip her der Diversity diametral entgegengesetzt. – Wie geht man damit um?

1.

In der Wissenschaft gibt es zumindest zwei Prinzipien, die der Diversity zuwiderlaufen. Das erste ist das der universellen Gültigkeit wissenschaftlicher Wahrheiten, das zweite ist das der Sparsamkeit wissenschaftlicher Erklärungen.

Das Prinzip der universellen Gültigkeit ist jenes Prinzip, das uns schon von allem Anfang an gar nicht auf die Idee kommen lässt, dass etwas für Frauen anders sein könnte als für Männer, für Homosexuelle anders als für Heterosexuelle oder für Schwarze anders als für Weiße. Was wahr ist, muss doch schließlich für alle Menschen in gleicher Weise wahr sein, nicht wahr? Wenn es aber dann doch einmal ausnahmsweise der Fall ist, dass nicht für alle Menschen dasselbe in gleicher Weise wahr ist (es bekommen eben z.B. nicht alle Menschen Kinder, sondern nur die Frauen), dann tritt das zweite wissenschaftliche Prinzip in Aktion, das der Sparsamkeit wissenschaftlicher Erklärungen. Dieses Prinzip besagt in ungefähr: Wissenschaft ist schon bereit, Diversität wahrzunehmen, wenn es sich aus Sachgründen absolut nicht vermeiden lässt; aber selbst in diesem Fall versucht sie, die Vielfalt des Diversen auf möglichst wenige Fälle zu reduzieren, die sich als Gesetze formulieren lassen.

Mit anderen Worten, Wissenschaft nimmt mitunter schon Diversität wahr, aber nie um des Diversen willen. Oder: Selbst dort, wo sie das Diverse wahrnimmt, sucht sie es zu zähmen und ihm den Charakter des Diversen zu nehmen. Wird die Diversität, wenn sie auf diese Weise behandelt wird, so anerkannt fühlen, wie sie sich das wünscht?

2.

Versuchen wir es anders: Was passiert eigentlich mit den Unterschieden, wenn sie auf die Wissenschaft treffen? Man kann natürlich sagen: Alle – ob Frauen oder Männer, Weiße, Schwarze oder Asiaten, Christen, Muslime und Atheisten, Hetero- oder Homosexuelle und Menschen mit einer Behinderung – dürfen bei der Wissenschaft mitmachen. Der Universitätscampus darf und soll so bunt wie möglich sein.

Ja, schon – aber wenn man das sagt, bedeutet das dann nicht, dass all diese Unterschiede zwischen den Menschen zwar existieren dürfen und im beruflichen Umgang miteinander sichtbar sein dürfen, zugleich aber in die Wissenschaft keinerlei Aufnahme finden – weil die Menschen zwar verschieden angezogen sein mögen oder von unterschiedlicher sexueller Orientierung, in der Forschung aber dieselben wissenschaftlichen Methoden anwenden, die universell sind? Ist das Diversität, wenn Unterschiede zwar existieren dürfen, aber nicht zur Geltung kommen dürfen? Wenn sie gewisser Weise nur Universitätscampus-dekorativen Charakter haben?

Aber die Forderungen der Diversity gegenüber der Wissenschaft gehen zum Teil noch weiter: So genügt es ihr etwa offenbar nicht, dass die Menschen, die Wissenschaft betreiben, verschieden sein dürfen, sondern es werden auch so genannte „diversity studies“ gefordert, durch welche die Diversität sogar in die Wissenschaft selbst hineingetragen und zum wissenschaftlichen Thema gemacht wird. Das bedeutet, dass man Diversität als Diversität studieren soll und bloß deshalb, weil sie existiert und viel Freude macht. Wie man sich das angesichts der grundsätzlichen Ausrichtung der Wissenschaft auf das Allgemeingültige vorstellt, ist mir schleierhaft. Will man die Wissenschaft etwa in ihr Gegenteil verkehren und aus ihr das Studium des Diversen als Diversen machen (statt des Studiums des Sich-Gleichbleibenden und Sich-Wiederholenden im Diversen)?

3.

Wenn man von dieser Grundannahme ausgeht: Unterschiede dürfen offenbar schon da sein, aber sie dürfen in der Wissenschaft nicht zur Geltung kommen – dann kommt man zu dem Gedanken, dass womöglich nur diejenigen Unterschiede erlaubt sein werden, die in der Wissenschaft nicht stören. Und hier habe ich, gelinde gesagt, meine Zweifel. Die Gegenthese würde lauten: Jeder Unterschied zwischen Menschen stört in der Wissenschaft.

Da man Wissenschaft nicht in fünf Minuten betreiben kann – eine Tatsache, die in der Praxis ebenso naheliegend ist wie sie in der Theorie unbeachtet bleibt – würde man annehmen, das Leben eines Mannes (der in seiner Familie Unterstützung findet, ohne viel Zeit mir ihr zu verlieren) ist dasjenige, in das sich am meisten Wissenschaft packen lässt. Wissenschaft akzeptiert an sich schon ungern Beschränkungen wie jene der gesetzlich festgesetzten Arbeitszeiten. Damit sich Wissen akkumuliert und ein Fortschritt erzielt werden kann, sind die Qualifikationswege lang (es dauert viele Jahre vom Studenten oder PhD bis zur Ernennung zum Professor) und wollen möglichst nicht durch Babypausen unterbrochen werden.

Das heißt, die Leistungsansprüche sind hier so hoch, dass hier eigentlich alles stört, was jemand tut, das nicht unmittelbar seinem oder ihrem wissenschaftlichen Fortkommen gilt. Oder, anders gesagt: Ob es jemandem gelingt, im Hintergrund des Privaten eine heterosexuelle oder homosexuelle Beziehung zu organisieren oder den Pflichten seines religiösen Kultus nachzukommen, ist der Wissenschaft zwar an sich gleichgültig, aber selbst das stört im Grunde, denn es ist mit einem Mehraufwand verbunden im Vergleich zu jenem Menschen, der nur Wissenschaftler ist und sonst nichts.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wissenschaft favorisiert einen bestimmten Lebensstil, nämlich jenen, in dem Menschen nichts anderes machen als wissenschaftlich zu arbeiten – und sie also nichts tun, das Unterschiede zwischen ihnen überhaupt entstehen oder entwickeln könnte.

4.

Auf vier statistische Kategorien, sagte unser kanadischer key note-speaker lege seine Universität besonderen Wert:

- gender
- ethnic minorities
- physical disabilities
- aboriginals

Das legt zumindest schon einmal den Verdacht nahe, dass es bei der Diversity gar nicht um alle denkbaren oder gegebenen Unterschiede zwischen Menschen handelt, sondern nur um bestimmte privilegierte. (In Anlehnung an einen cartoon von Scott Adams könnte man sagen: Kleine, dicke Männer darf man weiterhin aufziehen und foppen.) Für mich ergibt sich daraus ein weiteres Problem: Es haben also offenbar nicht alle Unterschiede gleiche Rechte? Warum sind manche Unterschiede zwischen Menschen höher zu achten als andere? Ist der Gesellschaft mein gender wichtiger als meine Individualität?

Ein Beispiel, dass durchaus nicht alle Unterschiede vor der Diversity Anerkennung finden, ist folgendes: Jemand wollte Medizin studieren, behauptete jedoch, eine learning disability insofern zu haben, dass er nur schriftliche Instruktionen versteht. Ja, aber: Die Berufspraxis in der Medizin basiert doch auf mündlichen Instruktionen; also kann man diese disability nicht anerkennen. Das stimmt schon, andererseits versucht man, Universitäten barrierefrei zu gestalten, um sie für Menschen mit Gehbehinderungen zugänglich zu machen. Das Problem bleibt: Manche Unterschiede finden vor dem Urteil der Diversity-Bewegung Anerkennung, andere nicht – gibt es da ein Kriterium dafür, welche das sind?

5.

Einige Sätze unseres key note-speakers, die ich mir notiert habe:

“Diversity brings different perspectives together.“
“Diversity is an integral part of the learning experience.“
“Diversity ensures all voices are heard and appreciated.”

Das klingt freilich alles sehr humanistisch und politically correct. Aber ich sehe da Konflikte mit den Prinzipien der Wissenschaft: Es ist schon richtig, dass es von der Sache her naheliegend ist, dass soziale Erkenntnisprozesse innovativer sind, wenn sie sich aus den Quellen vieler Perspektiven speisen und dass man hiermit also einen Grund hätte, der für eine diverse Organisation von Universität und Forschung sprechen würden. Allein ich habe noch nie gelesen, dass wissenschaftliche Hypothesen sich aus unterschiedlichen Perspektiven ergeben sollen, welche Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründe haben. Wissenschaftliche Hypothesen sollen sich auf der Basis möglichst umfassender Lektüre der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur zu einem bestimmten Thema ergeben – und auf keiner anderen Grundlage.

Diversität soll ein integraler Teil der Lernerfahrung sein. Das mag schon sein; aber auch hier sehe ich einen fundamentalen Widerspruch mit der Grundverfasstheit von Wissenschaft, welche ja nicht lernt, sondern weiß. Lernen ist jener prekäre Zustand, in welchem man seines Wissens noch nicht sicher ist, weil es noch soviel zu lernen gibt. Und obwohl es klar ist, dass an einer Universität gelernt werden muss – denn wie sonst kämen die jungen, unwissenden StudentInnen zu ihrem Wissen – hat die Wissenschaft mit dem Lernen ein großes Problem: Präsentiert sich die Wissenschaft als lernende, so untergräbt das ihren Status als Verwalterin von Wissen.

Dass schließlich alle Stimmen gehört und geschätzt werden – ist das etwa ein wissenschaftliches Prinzip? – Nein: Die Wissenschaft spricht mit einer Stimme, jener der Wahrheit.

6.

An verschiedenen Enden der Diversity-Debatte scheint man dann immer wieder bei der Interdisziplinarität anzugelangen, z.B. auch deshalb, weil verschiedene Perspektiven gehört werden und verschiedene Stimmen Anerkennung finden sollen.

Was mich dabei verblüfft, ist, dass man sich vorstellt, dass sie in ihrer Verschiedenheit gehört werden und verschieden auch bleiben, nachdem sie gehört wurden. Normalerweise „kommen beim Reden die Leute zusammen“; in der Diversity entsteht die diverse Gemeinschaft durch die Wahrnehmung derselben und dann wird sie gepflegt, damit sie divers bleibt.

Das scheint überhaupt ein charakteristisches Merkmal der Diversity zu sein: dass man die diverse Gemeinschaft wie etwas sehr Künstliches zuerst durch vielerlei Maßnahmen hervorbringen und dann in ihrer Diversität erhalten muss.

Das ist ein höchst sonderbarer Denkansatz, der mich auf den Gedanken brachte, dass das Nicht-Miteinander-Reden zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen eigentlich die beste Methode ist, Diversität innerhalb der Wissenschaft zu erzeugen und zu erhalten. Hier verhält es sich analog wie bei der Interkulturellen Kommunikation: Viele Menschen fordern heute Kommunikation zwischen den Kulturen. Wer sagt uns, dass Kommunikation zwischen den Kulturen nicht die Kulturen auslöscht und Nichtkommunikation zwischen ihnen die beste Methode wäre, um eine Vielzahl von Kulturen in ihrer Diversität am Leben zu erhalten?

Man sieht, ich bekomme es bei der Diversity-Frage nirgendwo fertig, ein Ende mit einem anderen zu verknüpfen. Kann mir jemand einen Hinweis geben, wie das gehen soll?

Permalink 20.10.12    1 Kommentar »

Perfekte soziale Mimikry

Angesichts der Tatsache, dass unsere heutige Gesellschaft (wieder) eine solche ist, die von ihren Mitgliedern absolute Anpassung fordert, war es für mich interessant zu erfahren, dass Wittgensteins Philosophie zu seiner Zeit einen Fall von perfekter Mimikry darstellte.

In ihrer 1973 erschienen Studie Wittgenstein’s Vienna (Elephant Paperbacks, Chicago 1996) erklärten Allan Janik und Stephen Toulmin Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus als den ersten Teil eines Werks, von dem der zweite, wichtigere, ungeschrieben blieb und ungeschrieben bleiben musste.

Der zweite Teil handelt von Ethik, Ästhetik und den Werten, und er musste ungeschrieben bleiben, weil er nach Wittgenstein dasjenige enthielt, was unsagbar ist oder sich nur auf indirektem Wege zum Ausdruck bringen lässt; beispielsweise durch ethische Fabeln, wie Tolstoi es gemacht hat.

Aber er musste nicht nur ungeschrieben bleiben, sondern Wittgenstein durfte nach Janik und Toulmin nicht einmal offen sagen, worauf sein Tractatus hinauswollte, weil es sich dabei um ein Projekt der Abgrenzung von innen nach dem Vorbild der Kantschen Kritik der reinen Vernunft handelte.

In dieser Kritik grenzte Kant das Gebiet dessen, was für die menschliche Vernunft zugänglich und prozessierbar ist, ab von dem, worüber keine vernünftigen Aussagen gemacht werden können – und Kant bewerkstelligte dies durch eine Darstellung der Mittel, die der menschlichen Vernunft zur Verfügung stehen, also durch eine Kritik der Vernunft.

Etwas Vergleichbares machte Wittgenstein im Tractatus durch eine Kritik der Sprache, doch mit einem wichtigen Unterschied in der Zielsetzung: Während Kant erreichen wollte, dass man sich doch endlich mit denjenigen Inhalten beschäftige, die der Vernunft auch wirklich zugänglich sind, war Wittgenstein der Ansicht, dass dasjenige, „worüber man nicht sprechen kann“, das eigentlich Wichtige sei.

 

The book’s point is an ethical one. I once meant to include in the preface a sentence which is not in fact there now, but which I will write out for you here, because it will perhaps be a key to the work for you. What I meant to write, then, was this: My work consists of two parts: the one presented here plus all that I have not written. And it is precisely this second part that is the important one. My book draws limits to the sphere of the ethical from the inside as it were, and I am convinced that this is the ONLY rigorous way of drawing those limits.” (S. 192, Wittgenstein in einem Brief an Ludwig von Ficker, den Herausgeber des “Brenner”)

 

Und er meinte offenbar auch, dass Andere ebenfalls zu diesem Schluss kommen mussten, wenn sie den Tractatus nur aufmerksam läsen und genau durchdächten. Das war aber nicht der Fall: Bertrand Russell hielt Wittgenstein für seinen Schüler und verschaffte ihm in Cambridge eine Professur, und der Wiener Kreis verwendete den Tractatus als Grundlage für den Logischen Positivismus.

Dass Wittgenstein Carnap Gedichte von Tagore vorlesen wollte, anstatt über technische Details des Tractatus zu diskutieren, irritierte die Mitglieder des Wiener Kreises; aber Wittgenstein hatte ja bereits eine Anstellung in Cambridge.

 

„At Schlick’s request, Wittgenstein agreed to meet Carnap and some of the other members of the Vienna Circle, but it immediately became apparent that their intellectual positions were far apart – perhaps, unbridgeably so. To begin with, Wittgenstein was unwilling to discuss technical points in philosophy with the members of the Vienna Circle, and he insisted rather on reading poetry to them, especially the poems of Rabindranath Tagore.” (S. 215)

 

Es ist nun nicht so, dass ich nicht glauben würde, einem Wittgenstein, dem Sohn eines großen Stahlmagnaten und eines der reichsten Männer der Habsburgermonarchie, wäre es nicht ohnehin offengestanden, seinen Tractatus zu veröffentlichen und Philosophie zu unterrichten, wenn er das wollte; ich denke nur, dass Wittgensteins Philosophie von der Form her ein interessanter Fall von Mimikry ist.

Es scheint, als wäre es Wittgenstein gar nicht bewusst gewesen, dass man seinen Tractatus dazu verwenden würde, um daraus den Logischen Positivismus des Wiener Kreises und den Logischen Empirismus der Analytischen Philosophie zu entwickeln – ebenso wie Janik und Toulmin zufolge Armin Schönberg und Adolf Loos Revolutionäre wider Willen waren und sich mit dem, was ihre Schüler aus ihren Thesen machten, nicht identifizieren konnten. Dabei hätte ihnen doch bewusst sein müssen, wohin das alles führt.

Das war aber nicht der Fall: Während Wittgenstein nach exakter philosophischer Analyse der Sprache glaubte, die Leiter wegwerfen zu können, auf der er hochgestiegen war, um sich nun Fragen der Ethik zuwenden zu können, meinten die Anderen, er habe die Grundlage für eine Philosophie als wissenschaftlicher Disziplin geschaffen.

Dass er das nicht gemacht hat, hat seinen Grund darin, dass Wittgenstein in seinem Tractatus nichts über das Verhältnis zwischen Logik und Welt gesagt hatte. Dass hier tatsächlich ein Problem liegt, ist ihm in der Folge bewusst geworden, und er hat ihm den gesamten zweiten Teil seiner Philosophie gewidmet.

Wittgenstein glich einem Durstigen, der mit keinem Wort das Wasser erwähnte. Er tat dies, um für Ethik und Kunst, die ihm wichtig waren, einen Bereich abzugrenzen, aus dem Wissenschaftler und Philosophen ausgeschlossen waren.

Leider hatte Wittgenstein kein Interesse an soziologischen Zusammenhängen. Sonst hätte ihm wie Janik und Toulmin auffallen können, dass er seinen Tractatus unter dem Eindruck der sklerotisierten Gesellschaft der Habsburgermonarchie formulierte, welche aufgrund der Künstlichkeit ihrer Umgangsformen keine öffentliche Diskussion moralischer Fragen zuließ.

Der eigentliche Inhalt des Tractatus ist damit: der Rückzug ins Private. Und sein Auslöser war eine Gesellschaft, in der junge Leute die Erfahrung machten, dass alles Fassade war, künstlich und falsch und sie ihre eigenen Ziele und Ideale im öffentlichen Leben nicht artikulieren konnten.

Mit dem ersten Weltkrieg zerfiel diese versteinerte Gesellschaft, und es folgte eine kurze Periode relativer Freiheit. Dann organisierten sich die einzelnen Disziplinen in Kunst und Wissenschaft und schufen ihre Standards für gute künstlerische Produktionen und gute wissenschaftliche Arbeit.

Damit wurde, nach Janik und Toulmin, ein „single-headed despotism [replaced] by a Hydra-headed one“ (S. 275) und also dieselbe Situation, die Karl Kraus und Wittgenstein eine strikte Trennung von Fakten und Werten fordern ließ, in neuer Gestalt reproduziert.

von innen

Die Welt
ist das Gehirn
von innen gesehen.
Und Sprache ist das Sehen.

oder was hast du gedacht

Sprache
begriffen durch Sprache
ist Eindruck.

Die Lage
von Eindrücken zueinander
ist Raum.

Die Folge
von Eindrücken nacheinander
ist Zeit.

Die Veränderung
der Lage von Eindrücken in Folge
ist Bewegung.

ich nicht

Nicht ich denke,
Sprache denkt
mich denkend.

Nicht ich bin,
Sprache denkt
mich seiend.

Nicht ich sehe,
Sprache denkt
mich sehend.

Nicht ich handle,
Sprache denkt
mich handelnd.

Ein kleines, gemeines Buch - über Ethik

Rezension von Bernard Williams: Der Begriff der Moral. Eine Einführung in die Ethik. Reclam, Stuttgart 1978. (Originaltitel: Morality. An Introduction to Ethics (1976))

 

Manche Büchlein kommen ganz harmlos daher, sodass man nicht gleich merkt, was sich in ihnen verbirgt. Und manche merken es wohl gar nicht und halten dieses hier vielleicht für eine ganz gewöhnliche populärphilosophische Einführung in die Moralphilosophie.

Das mag ja auch zu Beginn so erscheinen. Das Buch beginnt mit der Frage, wie man dem Amoralisten begegnet. Williams argumentiert gegenden Amoralismus - eh klar.

Dann behandelt es die Frage des Subjektivismus - ein weiterer Lieblingsgegner der Ethiker. Williams "entschärft" den Subjektivismus - eh klar.

Jetzt kommt der Relativismus an die Reihe, die Anschauung des Subjektivismus übertragen auf ganze Gesellschaften als Handlungssubjekte. Also die Überzeugung, was zu tun moralisch richtig sei, sei relativ in Bezug auf die Gesellschaft in der man lebe. Williams wendet sich gegen den Relativismus - eh klar.

Nun folgen die Argumente zum Thema der Grundlegung der Moral:  Kann man das moralisch Gute bestimmen ausgehend vom Wortinhalt des Wörtleins "gut" oder seinen Weisen des Gebrauchs? Kann man das moralisch Gute bestimmen über die Rollen, die der Mensch in seinem Leben einnimmt - z.B. ein guter Vater sein? Williams kommt am Ende der Kapitel "Gut" und "Gutsein und Rollen" zu dem Ergebnis, dass sich das moralisch Gute auf das beziehen müsse, was in Bezug zu unserem Gutsein "als Mensch" steht - was zu erwarten war.

Woher kommen jetzt die moralischen Maßstäbe? Williams diskutiert einen nicht-transzendenten Ansatz (Aristoteles) und einen transzendenten (Religion als Basis von Moral und verwirft beide. Wenn man, wie Aristoteles, die Vernunft des Menschen zu dessen charakteristischer Eigenschaft erklärt und die moralischen Maßstäbe daraus herleitet, dann verkürzt man dadurch den Menschen um andere Eigenschaften, die auch wertvoll sind oder ohne die er nicht sein wollen würde. Und wenn man, wie es der religiöse Mensch tut, sagt, dass man das Gute tun solle, weil Gott es gebietet, dann fragt sich, ob das Gute gut ist, weil Gott es gebietet oder ob es auch unabhängig davon gut ist, das Gott es gebietet. Wodurch sich erneut ergibt, dass wir das Gute tun sollen, weil es gut ist und nicht, weil Gott es gebietet, weil Gott es auch bloß deshalb tun kann, weil es eben gut ist. - Gut, das haben wir alles schon mal so oder so ähnlich gehört.

Doch nun kommt Kapitel 9 mit dem Titel: "Worum geht es bei der Moral?" Das ist etwas überraschend, denn an und für sich hätte der Leser gedacht, dass Williams schon in den Kapiteln 1-8 mit  diesem Thema beschäftigt gewesen wäre.  Doch er verwendet dieses Kapitel zu dem Zweck, um zu erklären, dass es in der Moral nicht um das Wohl der Menschen geht und auch nicht um deren Glückseligkeit, weil z.B. Luther der Meinung gewesen ist, das Ziel des Lebens bestehe darin, dass der Mensch durch Leiden und Gehorsam seine elende Lage empfinde (vgl. S. 88). Dieser protestantische Moralstandpunkt ist nach Williams deshalb moralisch, weil er davon spricht, was "dieser Auffassung nach für das Glück des Menschen wesentlich ist" (ebd.)

Der Auffassung, wonach zum Inhalt der Moral alles das gehöre, was von einem bestimmten Standpunkt aus als für das Glück des Menschen wesentlich angesehen werden könne, folgt Williams bis zu dem Satz von D.H. Lawrence: "Entdecke deinen tiefsten Impuls und folge ihm!" - und mit der Maßlosigkeit dieses Begriffs vom Wohl oder Glück des Menschen, der durchaus auch Risiken, Ungewissheit und Verzweiflung einschließt, sprengt Williams alles, was er in den Kapiteln vorher gesagt und wozu er in so netter Weise hingeführt hat.

"Andererseits spricht man, wenn man diese Auffassungen [die den Ausgangspunkt der Moral im Wohl der Menschen oder im Glück suchen; Anm. philohof] charakterisiert, von Dingen die Menschen faktisch für wertvoll, wünschens - und erstrebenswert halten; und wenn nun jemand - sofern sich das überhaupt klar sagen läßt - sagen wollte, daß der Mensch eine Welt braucht, in der es Risiken, Ungewißheit und die Möglichkeit des Verzweifelns gibt, könnt man auch Moralen, die diesen Aspekt (im Gegensatz zu den gleichsam ordnungsliebenden Moralen) hervorheben, auf das Wohl des Menschen gerichtet nennen. Freilich: Etwas würde immer noch ausgeschlossen bleiben, nämlich Wertsysteme und Gebote, die nichts von dem berücksichtigen, was Menschen unserem Verständnis nach wünschen oder brauchen könnten." (S. 92)

Nun folgt noch ein 10. und letztes Kapitel über den Utilitarismus. Man wundert sich ja, dass dem Utilitarismus eine solche Sonderstellung in einem Einführungsbuch zugestanden wird, sodass es gleichsam aussieht, als wäre er der Höhe- und Endpunkt aller moralphilosophischen Entwicklung. Aber Williams nutzt das Kapitel eigentlich hauptsächlich, um den Utilitarismus vor dem Hintergrund des in Kapitel 9 gewonnenen Vergleichsmaßstabs ordentlich herzubeuteln.

Williams schreibt, dass vier Punkte den Utilitarismus seinen Anhängern besonders attraktiv erscheinen lassen:

  1. dass er eine nicht-transzendente Moraltheorie ist (ganz innerweltlich, braucht keine Religion als Grundlage);
  2. dass das Glück als oberstes Gut der Utilitaristen scheinbar problemlos konsensfähig ist;
  3. dass alle moralischen Fragen durch Berechnung entscheidbar sind und dadurch das moralische Denken empirisch respektive ein Fall für die Sozialwissenschaft wird
  4. und dass der Utilitarismus mit dem Glück gleichsam eine allgemein gültige Währung (von Glückseinheiten) für die Moral einführt, die gegeneinander verrechenbar sind, sodass keine moralischen Dilemmata entstehen können.

Gut. Und nun setzt er wiederum beim Glück an und sagt, dass ein Glück, wenn es so beschaffen ist wie in den Punkten 3 und 4 nicht mehr erstrebenswert erscheint (S. 98): Je mehr man das Glück berechenbar machen will, desto mehr muss man interessante Aspekte des Glücks (persönliche Integrität, Spontaneität, Freiheit, Liebe, künstlerische Selbstentfaltung), die sich der Mathematisierung widersetzen, aus dem Glücksbegriff rausnehmen. Das utilitaristische Glück wird dadurch zu einer langweiligen Angelegenheit.

Von noch größerer Bedeutung aber ist die umgekehrte Überlegung: In Fragen der lokalen, regionalen oder auch nationalen Politik können sich heute oft schwer Werte durchsetzen, die sich nicht quantifizieren lassen.  (S. 100-101)

Am Schluss ätzt Williams noch gegen den Regelutilitarismus und zeiht den Utilitarismus, zu einer "moralischen Münzverschlechterung" zu führen, aber dadurch wird nur noch einmal der Entschluss des Autors unterstrichen, ein Einführungsbuch über Ethik mit einer fundamentalen Kritik, mit einem dicken "Nein!" am Schluss zu beenden. Der Funktionsmechanismus des Buchs hingegen besteht darin, das Wohl des Menschen als Inhalt der Moral in Kapitel 9 so anspruchsvoll zu machen, das ihm hinterher nichts mehr genügen kann.

Ein schönes Beispiel für philosophische Giftmischerei: Zum Glück, kann man sagen, handelt es sich hierbei nicht nur um ein einfaches Einführungsbuch um die Ethik.

Permalink 14.07.12    5 Kommentare »

wie kommt der mensch zur sprache?

Sprache spricht
zu sich selbst
von sich selbst.

Nicht der Mensch
hat die Sprache
erschaffen.

Die Sprache
hat den Menschen
erschaffen.

allmächtig

Gott ist allmächtig.
Er macht alles.
Er läßt uns sogar glauben,
wir seien die Handelnden.

getrennt?

Was sollte wovon
getrennt sein,
und was wäre
dazwischen?

beobachtung und zustand

Eine von einem Zustand ungetrennte Einheit
ist keine Einheit und kann deshalb
kein Beobachter sein.

Um einen Zustand beobachten zu können,
muß die betreffende Einheit
getrennt von ihm sein.

Doch eine von einem Zustand getrennte Einheit
kann diesen eben gerade deshalb
nicht beobachten.

Es ist also offensichtlich unsinnig,
Beobachtung und Zustand
begrifflich unterscheiden zu wollen,
denn sie sind ein- und dasselbe.

begriffen

begriff hat begriff
immer schon
begriffen

nichts
geschieht

nichts

Um Bestand zu haben,
müßte Raum sich innerhalb von Zeit erstrecken.

Raum wäre demnach von der Vergangenheit
über die Gegenwart bis in die Zukunft anwesend.

Was aber ist Vergangenheit?
Die Welt, in der diese Frage gestellt wurde,
gibt es nicht mehr.

Was ist Zukunft?
Die Welt, auf die sich diese Frage bezieht,
wird es niemals geben.

Vergangenheit und Zukunft sind also nichts anderes
als Nachvollzug und Vorwegnahme von etwas,
das nur als Begriff vorhanden sein kann,
nämlich Zeit.

Ohne Vergangenheit und Zukunft aber
kann auch Raum nur als Begriff vorhanden sein.

Schließlich muß alles,
was in Raum und Zeit stattzufinden scheint -
Stoff, Kraft, Bewegung,
reiner Begriff sein.

Damit wäre es aber immer schon begriffen,
niemals gegenwärtig,
nichts.

Die Frage also, warum etwas sei
und nicht viel mehr nichts,
beantwortet sich wie folgt:

Das, was zu geschehen scheint,
ist eben genau nichts.

das einzige

Warum ist etwas
und nicht nichts?

Weil ich bin.

Warum bin ich?

Weil 'ich bin'
das Einzige ist.

nichtwissen

sehen zeigt sich
als satz auf dem bildschirm
denkt es

niemand, der sieht
niemand, der denkt
niemand, der weiß

das anwesende
ist immer nichtwissen
und daher das allein wirkliche

tiefenlose oberfläche

denken mag sich
mit kraft, stoff, geist usw. beschäftigen
nichtsdestotrotz sind dies nichts als gedanken

das wirkliche ist allein
das anwesende:
sehen, hören, riechen schmecken,
tasten, fühlen, denken

das anwesende
ist keine substanz
weder stofflich noch geistig

kein subjekt davor
kein objekt dahinter
daher tiefenlose oberfläche

was?

was sollte das sein
das sich als raum ausdehnt
das als zeit fortschreitet
das als stoff besteht
das als kraft bewegt
das als geist bezeugt
das als ich entscheidet
das als gott erschafft -
was?

da ist nur das anwesende
als tiefenlose oberfläche -
reiner begriff

rückseite

die rückseite
von allem
ist nichts

ein/aus

jeder eindruck
ist ausdruck
des einen

wille?

Kein menschliches Gehirn
wird jemals in der Lage sein,
die koordinative Komplexität
der Proteinsynthese
zu begreifen.

Schon allein deshalb nicht,
weil diese jedem menschlichen Begreifen
immer schon zu Grunde liegt.

Und wenn man dieser Welt
unbedingt einen Willen unterstellen möchte,
so sollte man ihn als Antwort auf die Frage sehen,
wie es sein kann,
daß ein Protein
an seiner eigenen Synthese mitwirkt.

Naturgesetze / „ceteris-paribus-Gesetze“ / nichtstrikte Gesetze

mily: Arial;">Manche Philosophen, die sich mit dem Kausalgeschehen in unserer Welt befassen (zum Beispiel Donald Davidson), sind der Auffassung, dass nur Prozesse, denen strikte Naturgesetze zugrundeliegen, als Kausalprozesse angesehen werden können. Nur die Physik weise solche Gesetze auf (was ja im Hinblick auf die Quantenphysik auch nicht ganz korrekt ist). Gesetze der Biologie oder der Psychologie würden nur ceteris paribus gelten, d.h., nur soweit alle nicht von diesen Gesetzen erfassten Faktoren ausgeschaltet seien (ceteris paribus = wenn alles Andere gleich ist). Sie seien auch nichtstrikt und könnten somit keine Kausalprozesse begründen. Gelegentlich zeigt sich auch eine Begriffsverwirrung, wenn etwa die Nichtstriktheit von Gesetzen damit begründet wird, dass sie nur ceteris paribus gelten. Dazu kurz folgende Überlegungen:

1.

Der ceteris-paribus-Vorbehalt gilt für alle Naturgesetze, auch für die Gesetze der Physik. Selbst die Gesetze der klassischen Mechanik, die Paradebeispiel für strikte Gesetze dienen könnten, werden in der Wirklichkeit selten in aller Reinheit vollzogen, nämlich hauptsächlich in speziellen Experimenten, bei denen alle anderen Einflüsse abgeschirmt werden. Ansonsten wirken meist verschiedene Faktoren und die für sie geltenden Gesetze in den Kausalprozessen zusammen. Den physikalischen Gesetzen kann also kein Vorrang für das Kausalgeschehen zuerkannt werden, weil sie - vermeintlich - nicht ceteris paribus gelten.

2.

Die Gesetze der Biologie und der Psychologie sind nichtstrikt, weil sie komplexe Vorgänge, zum Beispiel das Zusammenwirken von Untersystemen bei lebenden Organismen, betreffen oder weil psychologische Vorgänge durch den Einfluss des Bewusstseins bei Tieren und Menschen noch zusätzlich kompliziert werden. Diese Gesetze sind aber gleichwohl Kausalgesetze: Sie liefern Erklärungen für Vergangenes (warum ist X erkrankt? oder warum hat sich Y geärgert?)und ermöglichen Voraussagen für Zukünftiges, dies aber nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. Die Vorgänge, denen sie zugrundeliegen, sind daher Kausalprozesse.

3.

Allen Kausalprozessen, auch den biologischen und den psychologichen, liegen physikalische Vorgänge mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten zugrunde. Das Vorherrschen von strikten Gesetzmäßigkeiten auf der physikalische Ebene schließt aber nicht aus, dass sich die Gesetze der Biologie und der Psychologie nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vollziehen, also nichtstrikt sind. Die physikalischen Vorgänge sind nämlich sozusagen nur das Baumaterial für die Vorgänge auf den höheren, komplexeren Ebenen.

Permalink 14.04.12    2 Kommentare »

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