Seneca "De brevitate vitae" (Von der Kürze des Lebens)

von antaeus E-Mail

Angespornt durch @Optimismus versuche ich mich mit einem meiner liebsten "alten" Texte: "De brevitate vitae" von Lucius Annaeus Seneca. Es kann nicht die Idee sein, den Text hier vollständig wiederzugeben (er ist in jeder Buchhandlung käuflich), sondern ich erlaube mir, jenes als Textfragmente - ohne weiteren Zusammenhang und störenden Kommentar meinerseits - aufzuführen, welches mich beim kürzlich erneuten Lesen fasziniert und berührt hat:


"So kommt es, dass das Leben den meisten Menschen bereits entgleitet, während sie noch Anstalten machen, das Leben zu beginnen."

"Niemand tritt für sich selbst ein, einer verzehrt sich im Dienste des anderen. Der eine kümmert sich um diesen, der andere um jenen. Um sich selbst kümmert sich keiner."

"Wieviel Zeit hast du selbst vertan, wieviel hat dir törichter Schmerz, alberne Lustigkeit, hässliche Begierde, leeres Geschwätz weggenommen?"

"Woran liegt das alles? Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet. Niemals kommt euch eure Hinfälligkeit zum Bewusstsein."

"Wahrlich, zu spät beginnt man erst dann mit dem Leben, wenn es ans Aufhören geht! In unserer Verblendung vergessen wir ganz, dass wir einmal sterben müssen."

"Am wenigsten aber versteht ein vielbeschäftigter Mann zu leben, denn das ist von allem die schwierigste Aufgabe."

"Leben aber muss man das ganze Leben lang lernen, und was dich vielleicht noch mehr wundern wird, auch sterben muss man das ganze Leben lang lernen."

"Es besteht kein Grund zu glauben, es habe einer lange gelebt, weil er graue Haare und Runzeln hat. Er hat nicht lange gelebt, er ist nur lange dagewesen."

"Aber niemand ersetzt dir deine Jahre, niemand gibt dich dir selbst zurück. Du bist beschäftigt, das Leben aber eilt dahin. Inzwischen tritt der Tod heran, für den du, magst du nun wollen oder nicht, Zeit haben musst."


Quelle: Seneca, Mächtiger als das Schicksal, Ein Brevier (Herausgegeben und aus dem Lateinischen übertragen von Wolfgang Schumacher 1942 im Verlag Dieterich, Leipzig) Ausgabe: Diogenes Taschenbuch 1999.

Über den Tod

von antaeus E-Mail

Philosophie kann schlüssig und einfach verständlich für jedermann zugleich sein...

Epikur schreibt in seinen Lehrbriefen, konkret im Brief an Menoikeus:

"Gewöhne dich auch an den Gedanken, dass es mit dem Tode für uns nichts auf sich hat. Denn alles Gute und Schlimme beruht auf Empfindung; der Tod aber ist die Aufhebung der Empfindung."

"Das angeblich schaurigste aller Übel also, der Tod, hat für uns keine Bedeutung; denn solange wir noch dasind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da."

Quelle: Aus: Diogenes Laertius: X. Buch. Epikur. Griechisch-deutsch. Übers. von Otto Apelt. Hrsg. sowie mit Vorw., Einl. und Anm. vers. von Klaus Reich und Hans Günter Zekl. Hamburg: Meiner, 1968. S. 101-111 (Brief an Menoikeus).

Gewaltloser Widerstand versus gewaltlose Durchsetzung

von antaeus E-Mail

Ein klassisches Oxymoron? Kann es gewaltlosen Widerstand per se geben? Ist an die Wortbedeutung Widerstand in dessen inhärenten Bedeutung nicht an und für sich Gewalt gekoppelt?

Es gilt, das Wort Widerstand genauer zu betrachten. Wikipedia liefert unter: Widerstand (Politik), die Gehorsamsverweigerung und Opposition gegen die Obrigkeit (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Widerstand). Genauer betrachtet erscheint Widerstand immer die Aktivität des Schwächeren zu beschreiben, und nie die des Objektes, gegen welchen sich der Widerstand richtet. Es wäre eine befremdliche Formulierung, wollte z.B. der Staat gegen vermehrte Einbruchdiebstähle zum "Widerstand" aufrufen. Widerstand scheint demzufolge in Abhängigkeit einer hierarchischen Stufe des zum Widerstand Bereiten zu stehen. Auf der obersten hierarchischen Stufe ist das Wort in seiner Bedeutung obsolet.

Gilt denn folgerichtig anzunehmen, dass auf der obersten hierarchischen Stufe das Wort Durchsetzung adäquat zu Widerstand verwendet werden kann oder gar muss? Kann dann auch von einer gewaltlosen Durchsetzung gesprochen werden? Oder stellt auch diese Formulierung ein Oxymoron dar?