Wer ist online?

  • Gäste: 45

Suche

hardbloggin scientists

Denkverbote beim Philosophieren vor dem Hintergrund des bürgerlichen Weltbilds

Liebe philosophischen BloggerInnen und BlogleserInnen,
heute möchte ich folgenden Gedanken mit Euch teilen:

Ich habe heute (28. Nov. 2009) die 13. Internationale Konferenz der Europäischen Akademie für Lebensforschung, Integration und Zivilgesellschaft (EALIZ) mit dem Titel "Der Wert des menschlichen Lebens im 21. Jahrhundert oder Zu den Grenzen der menschlichen Verfügungsmacht" besucht. In der ersten Referaterunde sprachen Dr. Wendy Drozenova (Prag) über die Wesenszüge des Menschen, Dr. Thomas Schauer (Direktor des Club of Rome Support Centre, Österreich)über Nachhaltigkeit, Dr. Alexander Andreev (Bonn) über die bulgarische Staatssicherheit und Prof. Nina Degele (Freiburg) über Zwänge zur körperlichen Schönheit.
Die Erfahrung, die mich dabei irritierte, war, dass Dr. Thomas Schauer in seinem Referat ausführte, wie wir im Begriff sind, unseren Planeten Erde auf direktem Wege gegen die Wand zu fahren, die an die Referate anschließende Diskussion sich aber hauptsächlich mit dem Beitrag von Frau Prof. Degele über soziale Zwänge zur körperlichen Schönheit befasste. (Die übrigen beiden Beiträge - obwohl sie auch interessant waren - wurden bei der Diskussion relativ wenig beachtet.)
Jetzt könnte man freilich sagen: "Das ist doch verständlich. Der eigene Körper ist dem Menschen eben näher als so etwas Abstraktes wie der Planet, auf dem wir leben." Und das hat schon seine Berechtigung: Schließlich schaffen die meisten Menschen in Europa es nicht einmal, in europäischen Dimensionen zu denken und sich als Bürger Europas zu sehen, geschweige denn (wie Kant) als Weltbürger.
Das scheint auch eine konkrete Untersuchung zu belegen, die Dr. Schauer vorbrachte: Gerade jene Menschen, die von sich selbst behaupten, ein Bewusstsein davon zu haben, dass der Klimawandel eine ernste Gefahr ist (eher junge Menschen, eher gebildete und im Beruf stehende Menschen) fahren dennoch am häufigsten mit dem Auto oder fliegen mit dem Flugzeug in den Urlaub. Das Problembewusstsein führt also zu keiner Verhaltensänderung. Auch hier könnte man sagen: Die Leute wüssten offenbar im Prinzip, welche die richtige Handlungsweise wäre, aber vielleicht sind sie nicht imstande, die globale Tragweite ihres Handelns zu sehen?
Ich habe da aber auch noch eine andere "Erklärung" für dieses Phänomen - bzw. vielmehr ist das eine Frage und ein Lebensproblem von mir: Ich hege die Vermutung, dass Herr Schauer die Leute nicht "mitbekommt", wenn er einen Diskurs führt vor dem Hintergrund, dass die auf unserer Erde laufenden Prozesse so dermaßen aus dem Ruder gelaufen sind, dass unserem Planeten der Kollaps droht. Ich hege den Verdacht, dass die Leute nicht einsteigen wollen in einen Diskurs, der den Hintergrund "Alles ist NICHT in Ordnung" hat. Hingegen vermute ich, dass ein Diskurs die Gestalt haben muss: "Alle ist in Ordnung, nur dieses eine, begrenzte Problem ist etwas, das nicht in Ordnung ist - und darüber will ich jetzt reden." Und diese grundsätzliche Einstellung einer jeden diskutierenswerten Frage gegenüber halte ich für verbunden mit dem, was ich das "bürgerliche Weltbild" nennen möchte (wobei ich hier an die Kleinbürger sogar noch mehr denke als an die Großbürger). Denn das "bürgerliche Weltbild" ist ja immer eines, dass davon ausgeht, dass die "Welt" und vor allem die Sozialwelt, also die Gesellschaft, "in Ordnung" ist. Es gibt zwar einzelne Probleme - und über die kann man diskutieren - aber wer ALLES, also die gesamte Ordnung für nicht in Ordnung hält, dass muss ein Umstürzler oder Revolutionär sein und den wollen wir nicht, weil er unsere Ordnung, die wir für unabdingbar halten für das soziale Leben, in Gefahr und durcheinanderbringt.
Ich kann nun versichern, dass Herr Dr. Schauer in keiner Weise aussah wie ein Revolutionär, ganz im Gegenteil, eher wie ein ganz besonders braver Bürgerssohn. Aber ich fand die Reaktion des Publikums auf die Vorträge eben doch bezeichnend und in keiner Relation zur Sache stehend: Da hatte uns gerade ein Mann darauf aufmerksam gemacht, wie es um unseren Planeten wirklich steht, und wir reagierten anstatt dessen auf Frau Prof. Degeles provokativer Forderung von mehr Lässigkeit und ihre Frage, warum wir nicht in Pyjama oder Bademantel zur Tagung gekommen seien. Da stimmt doch was nicht! Da ist doch irgendein Missverhältnis! Und ich glaube eben, das Missverhältnis wurde dadurch verursacht, dass Frau Prof. Degele uns Gelegenheit gab, die Welt als eine zu sehen, die grundsätzlich in Ordnung ist, während nur eine Sache in ihr (der Körperkult) aus dem Ruder gelaufen sei, während Dr. Schauer uns überhaupt keine Möglichkeit gab, von irgendeinem Rahmen auszugehen, in welchem die Welt in Ordnung ist oder zu sein scheint.
Und meine persönliche Erkenntnis aus dieser heutigen Erfahrung war, dass die menschliche Gesellschaft, wenn sie diese "bürgerliche Weltsicht" als Grundmuster für die Reaktion auf Probleme und auf Diskussionsanstöße beibehält, auf Warner vor dem Weltuntergang gar nicht reagieren kann und dass sie die in den Warnungen enthaltene reale Gefahr gar nicht zu sehen imstande ist! Sollte also der Weltuntergang oder der Kollaps des Planeten in absehbarer Zeit kommen, so werden wir in ihn hineingehen, während wir über körperliche Schönheit, über Mode, Sport, lokale Wirtschaftspolitik oder sonst ein Thema weit nachgeordneten Rangs diskutieren, weil wir uns durch das "bürgerliche Weltbild" die Möglichkeit, ein wirklich großes, alles umfassendes Problem zu sehen, selber genommen haben.
Über etwaige Denkanregungen und Kommentare zu dieser Frage würde ich mich freuen!
Mit bestem Gruß
philohof

Permalink 28.11.09    2 Kommentare »

2 Kommentare

Kommentar von: Hans Hirschel [Besucher] E-Mail · http://hhirschel.wordpress.com

Spätestens beim künftig zu erwartenden Streit um die Höhe einer Sonderabgabe zur Finanzierung der Verlegung Hamburgs und Bremens ins Binnenland wird es sicher auch auf Philosophie-Kongressen aufgeregte Debatten darüber geben, was uns der Erhalt der Schönheit historischer Architektur wert ist.
Bis dahin lohnt es sich vielleicht, der Frage nachzugehen, wie lange wir uns die kapitalistischen Weisen der Teilung von Arbeitsmühen, Genuss, Risiken und Schäden sowie von Verantwortung und Zweckbestimmungsmacht noch werden leisten können und was zur Schaffung einer menschlichen Weltgemeinschaft, die mitmenschliches Wollen und Entscheiden im Weltmaßstab zulässt getan werden kann.

Das ließe möglicherweise die Erkenntnis besser aushalten, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann.

Gruß hh
29.11.09 @ 12:04
Kommentar von: Rolf Grießhammer [Besucher] · http://miteinandersprechen.blogspot.com
Die Frage nach dem 'Kontext', in dem ein Thema diskutiert werden soll, scheint mir sehr bedeutend. Es gibt den Begriff des 'just world motive' - Menschen wollen eben die Welt als gerecht sehen, im Film muss also die Gerechtigkeit 'siegen'... nun weiss ich nicht genau, wie die Kontextgestaltung im Vortrag des Herrn Schauer aussah. Vermutlich waren die Bedürfnisse der Zuhörenden zu wenig angesprochen, vielleicht fehlt die konstruktive Anregung, etwas für unseren Planeten zu tun, der immerhin unsere Lebensgrundlage ist. Da gibt es sehr viel, das sich verbessern lässt... im Kleinen wie im Großen. Natürlich ist das Private wichtig, aber der globale Horizont ist schließlich auch eine Erfahrung persönlichen Wachstums...
Vielleicht brauchen manche Menschen eine Anleitung für den Prozess, einen umfassenderen Horizont zu entwickeln. Eine Anleitung, die so einfach ist, dass man kein jahrelanges Studium dafür braucht. Aber das allein genügt eben auch nicht - dass Einstellung und Verhalten nicht unbedingt sehr viel miteiander zu tun haben, ist eine sozialpsychologische Binsenweisheit. So manches klingelt eben nicht sofort... aber die Neigung, sich selbst zu erhalten, ist eine existenzielle Angelegenheit. Was globale Probleme betrifft, scheint die Not nicht groß genug, nicht drückend genug, um not-wendende Veränderungen wirklich zu motivieren. Möglicherweise muss also so manches erst noch schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Die Weltgemeinschaft ist im Moment wohl noch ein Zukunftstraum. Aber vielleicht genügt es schon, unterwegs zu sein...?
29.11.09 @ 22:13

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test