
Internationale Verflechtungen bedeuten immer auch Kommunikation zwischen den Nationen. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass mit jedem Fortschritt im Bereich der Kommunikations-, Informations- und Transporttechnik sich nicht nur die Quantität der Kommunikation, sondern auch die Qualität der Kommunikation geändert hat. Dies fing mit den Entwicklungen im Bereich der Nautik um 1475 (Wikipedia: Regiomontanus) an und hat sich heute durch Computer und Internet mehrfach potenziert. Einerseits wird dadurch der gefühlte Raum immer kleiner (Wikipedia: McLuhans „global village“), andererseits wird er jedoch auch komplexer und unübersichtlicher. Waren es früher hautsächlich Großmächte, welche globale Entwicklungen voran trieben, so kann heute jeder einzelne Mensch daran mitwirken.
Unübersichtlicher ist es auch in der Wirtschaft geworden, nachdem die Finanzwirtschaft sich von der Realwirtschaft abkoppelte und internationale Börsen entstanden. Wer von den Anlegern hat denn tatsächlich mal die Produktionsstätten gesehen, von denen sie Aktien besitzen? Klar, dass es damit immer wieder zu Fehleinschätzungen am Markt kommt. Die Abkoppelung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft hat jedoch noch tiefer gehende Auswirkungen: Anleger wollen nicht wie Firmen einfach nur Gewinn machen, nein, sie wollen jedes Jahr mehr Gewinn machen. Das Plus vor dem Plus, der Gewinnzuwachs hat das Management übernommen. Verantwortungsgerechtes Handeln von Führungspersönlichkeiten stört da nur. Der große Unternehmer wurde durch den austauschbaren Manager ersetzt, der ohne Skrupel und ohne Konsequenzen fürchten zu müssen tausende von Mitarbeitern entlassen und ganze Produktionszweige ins Ausland verlagern kann. Dass es nebenher durch den Übergang von Industriegesellschaft in die Informationsgesellschaft, welche ihrerseits selbst Ausdruck der Globalisierung ist, zu einer Entkoppelung von Arbeit und Einkommen kam, vergrößert bei vielen Menschen nur das Gefühl von zunehmender Ungerechtigkeit.
Der Austausch und die Entwicklung von Informationen und Wissen haben heute der Produktion von Gütern den Rang abgelaufen. Zwar werden weiterhin und in einem bisher nie dagewesenen Umfang Güter hergestellt, doch gibt es in diesem Bereich mittlerweile ein solches Überangebot in der ersten und zweiten Welt, dass hier nur noch Innovation die Zukunft eines Unternehmens sichern kann. Innovation und Schutzrechte. WTO und die Entwicklung des Urheber- und Patentrechts sprechen hier deutliche Worte. Konnte man früher ein Lied zehn Jahre schützen, so sind es heute schon siebzig. Dass diese Schutzmechanismen für Informationen und Wissen, welche von Natur aus nicht materiell und dadurch verlustfrei kopierbar, schnell verteilbar und leicht abänderbar sind, dafür sorgen, dass bestimmte Medikamente nicht wenn benötigt selbst hergestellt werden können, bestimmte Kartoffelsorten nicht gezüchtet werden dürfen und bestimmte Kulturgüter nicht der eigenen Kultur angepasst werden dürfen (Stichwort Kulturimperialismus), können viele Menschen nicht nachvollziehen.
Dass im Zeitalter der Informationsgesellschaft die Globalisierung auch anders verlaufen könnte, zeigt die Kritik am Globalismus (Wikipedia-Link) und der Planetarismus, welche den Begriff Globalisierung zu einem ideologischen Kampfbegriff gemacht haben. Dazu ein Zitat aus dem wirklich empfehlenswerten Aufsatz „Globalisierung. Versuch einer Annäherung“ (PDF) von Joseph Bordat:
[Der Planetarismus] stellt die Erde als natürliche Heimat des Menschen in den Mittelpunkt und nicht den Markt. Er betont die Ökologie, nicht die Ökonomie und unterlegt die Globalisierung auf diese Weise mit einem planetarischen Konzept. […]
Der Planetarismus hinterfragt radikal die „selbstverständlichen“ Voraussetzungen und schafft so neue Einsichten, die denen nicht möglich sind, die sich durch ihre TINA-Logik [„there is no alternative“] den Blick versperren und keine Motivation entwickeln können, die Fragen grundsätzlicher zu formulieren. Globalisierungskritik ist also Globalismus-Kritik i. S. d. planetarischen Konzepts einer am Menschen orientierten Politik- und Wirtschaftsform.
Nicht zuletzt deshalb ist die Nachwuchsgestaltung zu einem Lieblingsthema der Unternehmen geworden. Denn wenn man Aufgrund der vielen Erfahrung einen Mitarbeiter noch nicht ganz in die Selbstständigkeit entlassen kann, so kann man wenigstens dafür sorgen, dass der natürliche Nachfolger auf der Position schon perfekt ausgebildet und angepasst ankommt. Um Kosten zu sparen wurde diese Ausbildung auch gleich in die Universitäten mit einem neuen speziellen Studiengang ausgelagert, indem man hier die wenigen Professoren mit Drittmitteln versorgt und somit ihre Stellen bezahlt. Auf Bildung und der damit verbundenen Kenntnis von kritischem und selbstreflexiven Denken wird bei diesen Studiengängen gleich verzichtet, denn dies könnte nur die Produktivität stören.
So bringt Globalisierung, zumindest so wie sie momentan gemanagt wird, viel Beängstigendes, Verstörendes und Unverständliches mit sich. Wen wundert es also, dass wir gleichzeitig riesige Fluchtbewegungen in Richtung Esoterik, Sekten, Orthodoxe Religionen, Patriotismus, Fremdenfeindlichkeit, Linksradikalismus und der Entdeckung der Faulheit erleben. Selbst der Terrorismus ist bloß eine Gegenreaktion auf Globalisierung.
Dabei kann Globalisierung so viel „mehr“ an echter Qualität bedeuten. Z.B. ein menschenfreundliches Weltbürgertum i.S.v. Montaigne, Kant und Goethe, welches Ulrich Beck in seinem „Weltbürger-Manifest“ und zusammen mit Edgar Grande in „Das kosmopolitische Europa“ (Amazon-Link
Damit jedoch so etwas möglich gemacht werden kann und sich die Menschen gegen den globalen Wirtschaftsdruck wehren können, welcher die Macht der Nationalstaaten immer weiter schrumpfen lässt, bedarf es einer Aufwertung der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen. Das findet auch Joseph Bordat so:
Wenn der Nationalstaat (oder besser: das, was von ihm übrig bleibt) von Macht auf Bescheidenheit, von Absolutheit auf Ironie, von Subordination auf Koordination umschaltet, braucht es dann nicht eine „Weltzentralmacht“, die umgekehrt ihre bescheidene bis zurückhaltende, selbstironische und ausschließlich koordinative Rolle aufgibt und ein Regime der Subordination initialisiert, das für die zentralen Staatsfunktionen, die ehedem der Nationalstaat besorgte - Sicherheit und Wohlfahrt - Institutionen und Mechanismen bereitstellt, die den souveränen Staat ergänzen und - auf lange Sicht - ersetzen können?
