« Politik in der Nicht-GesellschaftDeutscher Kulturrat über die Neuen Medien: „Eine neue Dimension von Kultur“ »

9 Kommentare

  1. § mspro E-Mail sagte am:
    Hast du schon mal an die Gefahren gedacht, wenn man die Menschenwürde begründet?

    Nimmt einfach mal den hegelschen Satz als Begründung und setze ihn in Relation:

    Volk X hat eine reichhaltige Geschichte (viele Erfindungen, Architekturen, Kunst etc.) und damit auch viel Menschenwürde. Volk Y hat es nicht bis zur Schrift geschafft und damit keinerlei Geschichte, also auch keine Menschenwürde.

    So eine Begründung kann auch nur Europäern gefallen.

    Ich bin ja grundsätzlich gegen eine Definition und vor allem gegen eine Begründung der Menschenwürde. Es gibt keine Definition, die nicht ausschließt und keine Begründung, die nicht diskriminiert. Und sei es gegen irgendeine Menschheitsform der Zukunft, die wir heute noch nicht kennen.
  2. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    Natürlich wäre es mir lieber, wenn man Menschenwürde garnicht erst definieren muss. Menschenwürde zu definieren ist ein Glasperlenspiel mit vielleicht schwerwiegenden Folgen. Aber keine Begründung kann zur Abschaffung der Menschenwürde führen, was noch schlimmer wäre.

    Danke übrigens für dein Kommentar, es ist wichtig diesen Punkt richtig zu stellen.

    Dass mit der Rückbesinnung auf die Geschichte funktioniert nämlich so:
    Volk X gesteht der Menschenwürde einen hohen Wert zu, da es auf eine reichhaltige Geschichte zurückblicken kann. Trifft Volk X auf Volk Y, welches noch keine Schrift kennt und damit auf nur wenig Geschichte zurückblicken kann, dann sollte Volk X dem Volk Y mit großer Menschenwürde begegnen, ohne zu erwarten, dass Volk Y im selben absoluten Maße die Menschenwürde beachtet.

    D.h., je fortschrittlicher ein Volk ist, desto mehr ist es dazu verpflichtet jedem Menschen die Menschenwürde zuzugestehen. Fortschrittliche Völker sollten deshalb andere fortschrittliche Völker, welche diesem Anspruch nicht gerecht werden, zur Rechenschaft ziehen dürfen.

    Also ich finde die Begründung sogar brauchbar für irgendeine Menschenform in der Zukunft, oder?
  3. § mspro E-Mail sagte am:
    Ich glaube, ganz ehrlich, dass eine fehlende Begründung und Definition der Menschenwürde auch nicht im geringsten schadet. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine solche Festschreibung und ihre Gültigmachung ganz allein performativ erfolgt. Das macht das Konstrukt allerdings nicht weniger fragil, aber es folgen andere Forderungen. Statt nach Definitionen und Begründungen, würde ich nach stetigem Einfordern und Durchsetzen und dem täglichen Einstehen für Menschenwürde rufen.

    Menschenwürde IST ein Konstrukt, das aus der Welt nicht herleitbar ist. Und das ist auch gut so. Sonst müsste sie von den Menschen nicht erkämpft werden. Jeden Tag aufs neue.
  4. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    @mspro: Das hast du schön gesagt! Hoffen wir mal, dass dies irgendwann so kommen wird.
  5. § willyam E-Mail sagte am:
    Kurze Provokation: Ich halte, auch wenn Eure Diskussion inzwischen schon ausgeklungen ist, keine der Positionen für vertretbar.

    @ Michael: Keine Definition setzt keine Grenzen - und überlässt eine Durchsetzung (wovon, wenn's undefiniert bleibt?) dem Einzelnen oder den in Dialog tretenden Einzelnen.

    @ duerhager: Wenn Du Dich weigerst, die "Menschenwürde" zu definieren, verschiebst Du das Dilemma auf die Frage der "Fortschrittlichkeit".

    Für beide Positionen gilt, dass sie die Schwäche aktueller philosophischer Ansätze wie dem der Kosmopolitik spiegeln: Sie suggeriert einen beinahe wertfreien Dialog zwischen Individuen "auf Augenhöhe". Dass dieser Dialog aber "im Raum" stattfinden muss, in den Individuen ihre jeweiligen "Werträume" einbringen, und dieser "Ort" zugleich auch Machtraum ist, bleibt Außen vor.

    Verkürzter Vorschlag: Grundsätzlich würdig wäre es also vielleicht, nicht primär den Individuen, sondern ihren Wertstrukturen, ihren Ideenwelten Gleichheit zuzusprechen und auf diesem Weg die Stufungen zwischen traditionell und modern, mündlich und schriftlich, indigen und säkulär, unwürdig und würdig zu überwinden? Gälte es nicht, die universale Abstraktion der Menschenrechte rückgängig zu machen und "Würde" und Recht zu lokalisieren?
  6. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    @willyam: Das wäre dann ein pluralistischer, wenn nicht sogar kulturrelativistischer Ansatz, oder? Und versteh ich dich richtg, dass du hier nicht die Menschenwürde und Rechte, sondern nur ihre universale Begründung opfern willst, so dass aber weiterhin eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte möglich sein würde?
  7. § willyam E-Mail sagte am:
    Ich glaube kaum, dass sich Anspruch auf Würde und Recht damit relativierten. Meine Unterschrift unter die Worte Dipesh Chakrabatys: "To allow for plurality [...] is to think in terms of singularities. To think in terms of singularities, however, [...] is not to make a claim against the demonstrable and documentable permeability of cultures and languages. It is, in fact, to appeal to models of cross-cultural and cross-categorical translations that do not take a universal middle term for granted." Die Aufgabe von Universalien ist nicht der Punkt, der Schwierigkeiten verursacht; viel mehr Kopfarbeit verlangt die Umsetzung einer Gleichberechtigung, die nichts gleichsetzt, sondern akzeptiert, dass sie unterschiedliche Wertsetzungen nicht übersetzen, d.h. vollends für sich selbst verständlich machen kann. Die Menschenrechte blenden das vollkommen, ganz und gar, aus: Die 30 Paragraphen machen keinerlei Verweise darauf, dass menschliche Gemeinschaften auch in anderen Rahmen konstituiert sein können als den uns vertrauten industrialiserten, demokratischen Strukturen. Rechtsprechung, Sozial- und Bildungssystem, Arbeit - was, wenn sie für eine Gemeinschaft grundlegend anders konzipiert sind? Was, wenn sie keine Gewaltenteilung kennt, keinen Arbeitstag, weil Arbeit anders gedacht und nicht in Acht-Stunden-Schichten abgeleistet wird? Wenn Recht anders gesprochen wird? Wenn anders gebildet wird?
  8. § willyam E-Mail sagte am:
    Herr Dürhager,

    ich hab meinen letzten Kommentar mal ein wenig ausgesponnen. Da ich keinen Link setzen kann: einfach mal vorbeischauen - wenn's Dich interessiert ... ?

    _ Lyam
  9. § Hilli E-Mail sagte am:
    Die Menschenwürde müßte eigentlich in aller Munde sein. Aber in einer oberflächlichen Konsum- und Spaßgesellschaft ist es schwer, das bewußt zu machen. Sollte aber wenigstens an Schulen allen Beteiligten bewußt sein, insbesondere der Pollitik ein Anliegen sein, das zu nfördern, vorzuleben und solte vermittelt werden. Aber Reichtum läßt solches verkommen, läßt Mensch oberflächglich werden. Milan Kundera läßt in seinem Buch: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" Parmenides fragen, ob ein leichtes oder ein schweres Leben lebenswert ist und bringt es auf den Punkt. Denn der natürliche Mensch strebt immer nach einem leichten Leben und tendiert eher zu eher leichtfertigen, unbewußten Leben. Deshalb meine Frage: "Soll Gott uns ein eher leichtes oder eher schweres Schicksal zumuten. Leben ist also vom inneren Wert her betrachtet tatsächlich gerecht, so meine ich. Abschließend noch der Hinweis, dass schwere Zeiten eher den Menwsche zum Menwschen werden läßt, wenn er nicht verhärtet. das Bewußtsein schärft und leichter richtig handhaben laßen, als in leichten, wie den unseren. Aber der Einzelne kann sich in diesen leichten Zeiten aus eigener Kraft das noch bewußter machen, in seinem Leben, wenn er sich ermannt. Erstaunlich, wie alles immer wieder seine gerechten zwei Seiten hat, alles so sein Risiko und seine Chance hat!?
    Es grüßt Hilli

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