Bis auf die begriffliche Historie hat die heutige Politik nur noch wenig mit der antiken Polis gemeinsam. Über 2000 Jahre Geschichte und eine dementsprechend unterschiedliche soziale Wirklichkeit sorgen dafür, dass heutige Politik auf ganz anderen Institutionen, Prozessen und Inhalten fußt. Zwar reichen die historischen Wurzeln unserer Demokratie bis zur antiken Polis zurück, doch die Bedingungen der Politik haben sich mit jeder zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung verändert.
Dadurch, dass viele Individuen etwas Gemeinsames teilen und an Gemeinsamen teilhaben, bildet sich Zivilisation, Kultur und Gesellschaft. Die soziale Wirklichkeit, also das, was vom Menschen von Zivilisation und Kultur wahrgenommen und für wirklich gehalten wird, ist wiederum die Basis für die institutionellen (polity), prozessualen (politics) und inhaltlichen (policy) Dimensionen der Politik. Sitten und Normen prägen die Rechtsordnung und die Verfassung, nach denen das Zusammenleben der Bürger geordnet und die Institutionen der Macht verfasst werden. Außerdem setzen sie den Rahmen für gesellschaftliche Werte und politische Gemeinwohlvorstellungen, deren institutionellen Vertreter die Parteien sind. Wandelt sich nun die soziale Wirklichkeit, fordert diese Veränderung die Politik in all ihren Dimensionen heraus.
Um die gegenwärtigen Veränderungen der sozialen Wirklichkeit interpretieren zu können, ist es hilfreich die auf Kant zurückgehende Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur ins Gedächtnis zu rufen. Technische und wissenschaftliche Errungenschaften sind nach Kant nur zivilisatorische Fortschritte, während ein tieferes (moralisches) Selbstverständnis, Aufklärung und Humanität kulturelle Fortschritte sind. Vergleicht man beide Entwicklungen miteinander, könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass der Status quo unseres kulturellen Habitus antiquiert wirkt. So stellt sich dann die Frage, ob zivilisatorischer und kultureller Fortschritt überhaupt miteinander in Verbindung stehen.
In der Technikphilosophie und Technikgeschichte waren es Günter Anders und Hans Jonas, die an vielen Beispielen aufgezeigt haben, dass Zivilisation die Kultur zumindest herausfordert. Marshall McLuhans Medientheorie und Günter Ropohls systemtheoretische Untersuchungen der Technik haben ebenfalls gezeigt, dass Technik und Wissenschaft eine soziale und kulturelle Dimension besitzen. Schiff-, Zug-, Auto- und Flugverkehr, Buch, Telefon, Radio, TV und Internet, aber auch die Atombombe, Weltraummissionen und die wirtschaftliche Globalisierung wirken alle auf unsere Kultur.
Aktuell fördern die zunehmende internationale Vernetzung und Kommunikation nicht nur eine globale Identität, sondern ebenso ein pluralistisches Weltbild. Die Folge davon ist eine zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger grenzüberschreitender sozialen Partizipation. Die Politik eines Nationalstaats, einer territorialen Gesellschaft verliert hier an Bedeutung, weil die soziale Wirklichkeit der Bürger deren Grenzen überschreitet. Die Möglichkeiten direkter Partizipation und (globaler) Publikation stellen die Repräsentationsaufgabe von Parteien und Regierungen in Frage und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis semi-technische Meinungs- und Wissens-Aggregatoren auch eine inhaltliche Konsensbildung übernehmen können. Übrig bleibt also nur noch das aktive politische Streiten, welches aus Gründen der Arbeitsteilung wohl auch in Zukunft Repräsentanten übernehmen werden. Doch auf politisches Streiten verstehen sich nicht nur Politiker und Parteien, sondern ebenso Nichtregierungsorganisationen. In einer Nicht-Gesellschaft der Individuen haben die Letztgenannten zudem klare Wettbewerbsvorteile. Eine Nichtregierungsorganisation kann sich auf ein Thema spezialisieren und die jeweiligen Interessen auf jeder politischen Ebene vertreten.
Doch wie steht es mit tieferem (moralischen) Selbstverständnis, Aufklärung und Humanität? Die Zunahme an verfügbaren Informationen sorgt im Prinzip für eine größere Transparenz, gleichzeitig jedoch auch für eine größere Informationsdiversität. Eine ausgeprägte Medienkompetenz wird hier zur Schlüsselqualifikation, um den Sturm der Informationen nutzbar machen zu können. Nutzbar in dem Sinne, als dass durch eine bestimmte Filterung der Informationen eine eigene Position zur sozialen Wirklichkeit aufgebaut werden kann, womit wir beim Thema Identität wären. Wie oben beschrieben können nationale Gesellschaften dafür keine passenden Blaupausen mehr liefern, was dazu führt, dass Individuen sich auf die Suche nach Ersatz-Gesellschaften machen müssen. Bewegungen jeder Art bieten sich hierfür an, seien es Soziale, Ökologische, Religiöse oder Nationalistische, gemäßigt bis radikal, offen bis geschlossen. Einige von diesen Bewegungen bieten tatsächlichen kulturellen Fortschritt, andere zielen auf einen Rückschritt in Zivilisation und Kultur.
Zukünftige Politik muss in der Lage sein, diese Bewegungen in einen Dialog bringen zu können. Sie muss global, offen, transparent, vernetzt und vor allem kompetent genug sein, um die Probleme der neuen sozialen Wirklichkeit lösen zu können. Und sie muss im hohen Maße technisiert sein, um diese Ansprüche praktisch umsetzen zu können.
Diskutieren Sie mit: Wäre dies eine kosmopolitische, hochtechnisierte, repräsentativ-demokratische Epistokratie?
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Dadurch, dass viele Individuen etwas Gemeinsames teilen und an Gemeinsamen teilhaben, bildet sich Zivilisation, Kultur und Gesellschaft. Die soziale Wirklichkeit, also das, was vom Menschen von Zivilisation und Kultur wahrgenommen und für wirklich gehalten wird, ist wiederum die Basis für die institutionellen (polity), prozessualen (politics) und inhaltlichen (policy) Dimensionen der Politik. Sitten und Normen prägen die Rechtsordnung und die Verfassung, nach denen das Zusammenleben der Bürger geordnet und die Institutionen der Macht verfasst werden. Außerdem setzen sie den Rahmen für gesellschaftliche Werte und politische Gemeinwohlvorstellungen, deren institutionellen Vertreter die Parteien sind. Wandelt sich nun die soziale Wirklichkeit, fordert diese Veränderung die Politik in all ihren Dimensionen heraus.
Um die gegenwärtigen Veränderungen der sozialen Wirklichkeit interpretieren zu können, ist es hilfreich die auf Kant zurückgehende Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur ins Gedächtnis zu rufen. Technische und wissenschaftliche Errungenschaften sind nach Kant nur zivilisatorische Fortschritte, während ein tieferes (moralisches) Selbstverständnis, Aufklärung und Humanität kulturelle Fortschritte sind. Vergleicht man beide Entwicklungen miteinander, könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass der Status quo unseres kulturellen Habitus antiquiert wirkt. So stellt sich dann die Frage, ob zivilisatorischer und kultureller Fortschritt überhaupt miteinander in Verbindung stehen.
In der Technikphilosophie und Technikgeschichte waren es Günter Anders und Hans Jonas, die an vielen Beispielen aufgezeigt haben, dass Zivilisation die Kultur zumindest herausfordert. Marshall McLuhans Medientheorie und Günter Ropohls systemtheoretische Untersuchungen der Technik haben ebenfalls gezeigt, dass Technik und Wissenschaft eine soziale und kulturelle Dimension besitzen. Schiff-, Zug-, Auto- und Flugverkehr, Buch, Telefon, Radio, TV und Internet, aber auch die Atombombe, Weltraummissionen und die wirtschaftliche Globalisierung wirken alle auf unsere Kultur.
Aktuell fördern die zunehmende internationale Vernetzung und Kommunikation nicht nur eine globale Identität, sondern ebenso ein pluralistisches Weltbild. Die Folge davon ist eine zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger grenzüberschreitender sozialen Partizipation. Die Politik eines Nationalstaats, einer territorialen Gesellschaft verliert hier an Bedeutung, weil die soziale Wirklichkeit der Bürger deren Grenzen überschreitet. Die Möglichkeiten direkter Partizipation und (globaler) Publikation stellen die Repräsentationsaufgabe von Parteien und Regierungen in Frage und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis semi-technische Meinungs- und Wissens-Aggregatoren auch eine inhaltliche Konsensbildung übernehmen können. Übrig bleibt also nur noch das aktive politische Streiten, welches aus Gründen der Arbeitsteilung wohl auch in Zukunft Repräsentanten übernehmen werden. Doch auf politisches Streiten verstehen sich nicht nur Politiker und Parteien, sondern ebenso Nichtregierungsorganisationen. In einer Nicht-Gesellschaft der Individuen haben die Letztgenannten zudem klare Wettbewerbsvorteile. Eine Nichtregierungsorganisation kann sich auf ein Thema spezialisieren und die jeweiligen Interessen auf jeder politischen Ebene vertreten.
Doch wie steht es mit tieferem (moralischen) Selbstverständnis, Aufklärung und Humanität? Die Zunahme an verfügbaren Informationen sorgt im Prinzip für eine größere Transparenz, gleichzeitig jedoch auch für eine größere Informationsdiversität. Eine ausgeprägte Medienkompetenz wird hier zur Schlüsselqualifikation, um den Sturm der Informationen nutzbar machen zu können. Nutzbar in dem Sinne, als dass durch eine bestimmte Filterung der Informationen eine eigene Position zur sozialen Wirklichkeit aufgebaut werden kann, womit wir beim Thema Identität wären. Wie oben beschrieben können nationale Gesellschaften dafür keine passenden Blaupausen mehr liefern, was dazu führt, dass Individuen sich auf die Suche nach Ersatz-Gesellschaften machen müssen. Bewegungen jeder Art bieten sich hierfür an, seien es Soziale, Ökologische, Religiöse oder Nationalistische, gemäßigt bis radikal, offen bis geschlossen. Einige von diesen Bewegungen bieten tatsächlichen kulturellen Fortschritt, andere zielen auf einen Rückschritt in Zivilisation und Kultur.
Zukünftige Politik muss in der Lage sein, diese Bewegungen in einen Dialog bringen zu können. Sie muss global, offen, transparent, vernetzt und vor allem kompetent genug sein, um die Probleme der neuen sozialen Wirklichkeit lösen zu können. Und sie muss im hohen Maße technisiert sein, um diese Ansprüche praktisch umsetzen zu können.
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- Politikmüdigkeit #2 – Subjektives Beispiel für eine postnationale politische Identität.
