Diese Mitschrift kann man nach 24 Stunden Verspätung nicht mehr „live“ nennen. Ich entschuldige mich dafür. Hatte direkt nach der Vorlesung keine Zeit mehr die Mitschrift fertig zu stellen. Ein Blogger Treffen kam dazwischen. Doch besser zu spät als nie!
Diesmal nimmt Professor Tetens die Semantik und die logische Kombinatorik zu Hilfe, um Wittgensteins Tractatus verständlicher zu machen. In Teil 1 meiner Mitschrift soll es um die Semantik gehen. In Teil 2 geht es dann um die Kombinatorik und die Anwendung auf Wittgenstein.
Gottlob Frege, der für Wittgenstein eine große Rolle gespielt hat, leistete auch im Bereich der Semantik einen wichtigen Beitrag. Prof. Tetens weist deshalb auf dessen Aufsatz „Über Sinn und Bedeutung“ (1892) hin (Amazon-Link), den jeder Student laut Prof. Tetens spätestens im Hauptstudium gelesen haben sollte. Um Wittgenstein verstehen zu können, muss man auch die komplexe Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die Frege entwickelt hat, verstehen können.
In der Umgangssprache reden wir, wenn wir einen sprachlichen Ausdruck untersuchen wollen, einfach von dessen Bedeutung. Tatsächlich hat ein sprachlicher Ausdruck sowohl eine Bedeutung, als auch einen Sinn. Als Ausgangspunkt für Freges Untersuchungen dienten Aussagen über die Identität von Gegenständen, wie z.B. die Aussage „Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern.“.
Die singulären Termini „Morgenstern“ und „Abendstern“ sind Eigennamen, welche einen Gegenstand benennen. Kennt man die Bedeutung von den Eigennamen, so kennt man auch die Gegenstände, die sie benennen. Da die Ausdrücke „Morgenstern“ und „Abendstern“ in diesem Fall beide auf die Venus verweisen, sind sie identisch. Man könnte sie also jeweils durch den anderen Term ersetzen. Doch warum ist dann die Aussage „Der Morgenstern ist identisch mit dem Morgenstern.“ ein uninformativer und trivialer Satz, während „Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern.“ für uns informativ ist? Das war auch Freges Ausgangsfrage.
Sicherlich benennen sie beide denselben Gegenstand. Dennoch muss es wohl eine zweite Bedeutungskomponente geben, in der sie sich deutlich voneinander unterscheiden. Und tatsächlich unterscheiden sie sich in der Weise ihrer Erscheinung. Der Morgenstern ist der Stern, der am längsten noch am Morgenhimmel sichtbar ist, während der Abendstern den Stern bezeichnet, welcher zuerst am Abendhimmel sichtbar wird. Nach Frege unterscheiden sie sich deshalb in der „Weise des Gegebenseins“.
Die umgangssprachliche Bedeutung eines Ausdrucks muss also in zwei Komponenten unterteilt werden. Prof. Tetens definiert sie so:
1. Die Bedeutung im engeren Sinne als der Gegenstand, auf den sich ein Eigenname bezieht.
2. Der Sinn des Eigennamens, der dadurch festgelegt ist, wie uns der Gegenstand gegeben ist, wenn wir mit dem Eigennamen auf ihn Bezug nehmen.
Prof. Tetens führt weiter aus, dass Eigennamen sich also in der Bedeutung und im Sinn unterscheiden können. Eigennamen können dabei dieselbe Bedeutung und einen unterschiedlichen Sinn haben, während es jedoch keine Eigennamen mit demselben Sinn und unterschiedlicher Bedeutung geben kann. Warum das so ist, kann sich jeder selbst denken.
Diese Unterscheidung lässt sich nicht nur bei singulären Termini, also Eigennamen, vornehmen, sondern auch bei generellen Termini, also Prädikaten und sogar bei ganzen Sätzen. „Die Bedeutung eines Prädikats ist“ nach Prof. Tetens „die Menge aller Gegenstände, […] die die Eigenschaft besitzen, die mit dem generellen Terminus dargestellt wird.“ Als Prädikatenbeispiel gibt Prof. Tetens hier die Prädikate „Lebewesen mit Herz“ und „Lebewesen mit Niere“ an. Hierbei muss man wissen, dass es kein Lebewesen gibt, das nicht Herz und Niere gleichzeitig besitzt. Beide Prädikate, obwohl sie sich auf die gleichen Objekte beziehen, unterscheiden sich dennoch wieder in ihrem Gegebensein.
Zusätzlich zu den oben genannten Definitionen kommt hier noch eine dritte hinzu:
3. Sinngleiche Prädikate sind immer auch bedeutungsgleich.
Als Beispiel für identische Sätze benutzt Prof. Tetens einmal „Benedikt XVI. ist ein Lebewesen mit Herz.“ und „Joseph Ratzinger ist ein Lebewesen mit Niere.“ Auch hier trifft Freges Unterscheidung zwischen Bedeutung und Sinn zu.
Hier ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass man für den Begriff „Bedeutung“ auch die Begriffe „Extension“, „Denotation“ und „Referenz“ verwendet. Für „Sinn“ wird auch „Intention“ und „Kennotation“ gesagt. Nachfolgend sollen deshalb zur besseren Unterscheidung anstatt „Bedeutung“ und „Sinn“ lieber die Begriffe „Extension“ und „Intension“ gebraucht werden.
Dabei macht Frege eine Entdeckung: Wenn in einer Aussage Namen oder Prädikate durch extensional gleiche Namen oder Prädikate ersetz werden bleibt die Wahrheit der Aussage erhalten, jedoch verändert sich der Inhalt (Intention) der Aussage. Deshalb kann man Extension und Intension nun folgendermaßen definieren:
- Die Extension einer Aussage gibt den Wahrheitswert (wahr oder falsch) an.
- Die Intention einer Aussage ist der Sachverhalt, die Proposition, den die Aussage beschreibt.
