Wer heute noch behauptet, dass das Internet keine große Rolle spielt, der irrt gewaltig. Dem regelmäßigen Leser meines Blogs dürfte meine Internetaffirmation mittlerweile aufgefallen sein. Ich bin mir dieser Begeisterung bewusst und versuche sie regelmäßig zu reflektieren. Ich will jedoch behaupten, dass wenn man sich nur ein wenig mit den Themen Open Source, Hackerethik und Web 2.0 beschäftigt, dies für jeden nachvollziehbar ist. Man muss also kein Experte wie die Befragten dieses Web 2.0 Roundtables sein, um dies erkennen zu können.
So wird jeder bestimmt ein wenig von der Debatte um den Download von Musik und Filmen im Internet mitbekommen haben. Während die Film- und Musikindustrie versucht jeden unbezahlten Download ihrer Produkte zu kriminalisieren, um weiterhin diesen Kulturbereich kommerziell ausnutzen zu können, schöpfen technikbegeisterte Menschen die Möglichkeiten des Internets aus, um diesen Kulturbereich von der kommerziellen Nutzung durch Industrien zu 'befreien'. Beiden geht es hierbei angeblich um den Künstler. Die Film- und Musikindustrie behauptet, dass nur durch ihre Vermarktungsstrategien dieser Kulturbereich (in so hoher Qualität) überleben kann, während die Piraten entgegenhalten, dass sie zum Einen schon längst für diese Kulturgüter gezahlt haben und zum Anderen der Kulturbereich durch die Industrie zensiert wird.
Holt man diese Debatte auf die Metaebene, so sieht das Ganze so aus:
Vor dem Internet und dem Computer haben sich riesige Industriezweige entwickelt, welche sich um die Publikation und Verteilung von bestimmten Gütern gekümmert haben. Um einen produktiven und globalen Austausch dieser Güter zu gewährleisten waren diese Industrien zwingend notwendig. Mit der Entwicklung und Nutzung von Internet und Computer entstanden jedoch alternative Publikations- und Verteilungsmechanismen, die enorm preisgünstig und konsumentenfreundlich sind. Die Publikations- und Verteilungsmittel wurden durch Internet und Computer in die Hände der Öffentlichkeit gegeben, womit ganze Industriezweige nun überflüssig geworden sind. Das frühere Monopol der jeweiligen Industrien ist verloren gegangen und nun versuchen diese, ihre Abschaffung mit allen Mitteln zu verhindern. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie das Internet die Welt verändert.
Das gleiche Phänomen könnte man im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens sehen. Jedoch hat sich die Entwicklung hier anders vollzogen, als im Musik- und Filmbereich. Die Verlage waren etwas schlauer und das Internet hat in einer Hinsicht, aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte, noch keine perfekte Alternative entwickelt.
Wenige wissen, dass es auch im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens um viel Geld geht. So erfährt man in einem Interview mit Bruno Bauer, Leiter der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, dass es derzeit ungefähr 24.000 wissenschaftliche Zeitschriften mit sogenannten "Peer Review" Verfahren gibt, in denen jährlich zweieinhalb Millionen Fachartikel publiziert werden. Tendenz steigend. Der größte Wissenschaftsverlag Elsevier erzielte so im Jahr 2005 einen Reingewinn von 655 Millionen Euro bei einem Umsatz von sagenhaften 2,1 Milliarden Euro.
Das Peer Review Verfahren und der „Impact Factor“ (die wissenschaftliche Relevanz der Zeitschrift) machen es schwierig, wissenschaftliches Publizieren durch das Internet zu (r)evolutionieren. Peer Review bedeutet ein bestimmtes Maß an Qualitätskontrolle. Hierbei wird jeder Artikel vor Veröffentlichung von Experten anonymisiert begutachtet. „Weiterhin“, so sagt Herr Bauer, „muss der Aufsatz in einem öffentlichen Repositorium untergebracht sein, sodass der dauerhafte Zugriff auf den betreffenden Artikel gesichert ist, und in wissenschaftlichen Fachdatenbanken verzeichnet sein, damit eine entsprechende Rezeption für Beiträge, die oft nur mehr online vorliegen, möglich wird.“
Anders als die Film- und Musikindustrie hat sich die Industrie um das wissenschaftliche Publizieren rechtzeitig mit der Nutzung des Internets auseinander gesetzt und die ziemlich fortschrittliche Idee von „Open Access“ (Wikipedia-Link, Deutsche-Info-Seite-Link) umgesetzt. So hat sie es geschafft, dass es bis heute kaum eine Debatte um Alternativen gab, ihre Existenz bisher gesichert ist und sie weiterhin ihre Gewinne machen konnte. Ziemlich schlau also. Jedoch mehrt sich die Kritik an Open Access und es wird nicht lange dauern, bis das Internet seine strukturellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit seiner Beständigkeit durch verschiedene Mechanismen und Angebote kompensiert hat.
Im Interview mit Herrn Bauer wird die Kritik an Open Access konkretisiert. Seien es die dreijährigen Abo-Fristen, die Lizenzpolitik ohne Archiv-Nutzungsrechte, die immer noch hohen Abo-Kosten, die hohe Mehrwertsteuer von 20%, die immer noch offene Frage der Langzeitarchivierung, die hohen Veröffentlichungsgebühren für die Autoren (zwischen 500 und 2500 Euro) und der Freibrief für gewisse Nutzer. Zitat von Herrn Bauer: „Nachdem der Großteil der Forschung an den Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen stattfindet, könnte man, überspitzt formuliert, im Open Access-Publikationsmodell eine Subventionierung des Pharmabereiches und der Industrie sehen.“ Man kann also leicht erkennen, wer die wirklichen Nutznießer von Open Access sind. Ich hoffe damit die Parallele zu dem Beispiel der Film- und Musikindustrie deutlich gemacht zu haben. Die eigentliche Idee von Open Access, die Förderung des freien wissenschaftlichen Austauschs, wird damit zu einer Karikatur.
Das Internet und seine Aktivisten schlafen aber nicht und arbeiten unter Hochdruck an Alternativen. Die „Science Commons“ sind das beste Beispiel dafür. Blogs und Wikis dienen als Publikations- und Verteilungsinstrumente. Die deutschen Hard bloggin’ Scientists organisieren sich und in den USA gibt es Projekte wie die ScienceBlogs vom Seed Magazine. Es starten wissenschaftliche Wikis wie citizendium.org. Und schon gibt es die ersten Internetangebote, die sich darauf spezialisieren Zitate auf Online-Quellen dauerhaft und eindeutig abzusichern und diese gleichzeitig für jedermann nachvollziehbar zu machen. Beispiel ist hierfür das bald startende Internetangebot von traceableknowledge.com, welches jetzt schon ein sehr gutes und aktives Blog von Roberto De Simone zum Thema Open Access anbietet. Die Standards des wissenschaftlichen Publizierens werden also in absehbarer Zeit Konkurrenz bekommen.
Das Internet wird die Welt weiter verändern und vor kaum einer Angelegenheit halt machen. Die Philosophen haben hierbei die Aufgabe die Fortschritte zu interpretieren und eine Antwort auf die Frage zu finden, was dies für den Menschen in Zukunft bedeuten wird.
So wird jeder bestimmt ein wenig von der Debatte um den Download von Musik und Filmen im Internet mitbekommen haben. Während die Film- und Musikindustrie versucht jeden unbezahlten Download ihrer Produkte zu kriminalisieren, um weiterhin diesen Kulturbereich kommerziell ausnutzen zu können, schöpfen technikbegeisterte Menschen die Möglichkeiten des Internets aus, um diesen Kulturbereich von der kommerziellen Nutzung durch Industrien zu 'befreien'. Beiden geht es hierbei angeblich um den Künstler. Die Film- und Musikindustrie behauptet, dass nur durch ihre Vermarktungsstrategien dieser Kulturbereich (in so hoher Qualität) überleben kann, während die Piraten entgegenhalten, dass sie zum Einen schon längst für diese Kulturgüter gezahlt haben und zum Anderen der Kulturbereich durch die Industrie zensiert wird.
Holt man diese Debatte auf die Metaebene, so sieht das Ganze so aus:
Vor dem Internet und dem Computer haben sich riesige Industriezweige entwickelt, welche sich um die Publikation und Verteilung von bestimmten Gütern gekümmert haben. Um einen produktiven und globalen Austausch dieser Güter zu gewährleisten waren diese Industrien zwingend notwendig. Mit der Entwicklung und Nutzung von Internet und Computer entstanden jedoch alternative Publikations- und Verteilungsmechanismen, die enorm preisgünstig und konsumentenfreundlich sind. Die Publikations- und Verteilungsmittel wurden durch Internet und Computer in die Hände der Öffentlichkeit gegeben, womit ganze Industriezweige nun überflüssig geworden sind. Das frühere Monopol der jeweiligen Industrien ist verloren gegangen und nun versuchen diese, ihre Abschaffung mit allen Mitteln zu verhindern. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie das Internet die Welt verändert.
Das gleiche Phänomen könnte man im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens sehen. Jedoch hat sich die Entwicklung hier anders vollzogen, als im Musik- und Filmbereich. Die Verlage waren etwas schlauer und das Internet hat in einer Hinsicht, aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte, noch keine perfekte Alternative entwickelt.
Wenige wissen, dass es auch im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens um viel Geld geht. So erfährt man in einem Interview mit Bruno Bauer, Leiter der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, dass es derzeit ungefähr 24.000 wissenschaftliche Zeitschriften mit sogenannten "Peer Review" Verfahren gibt, in denen jährlich zweieinhalb Millionen Fachartikel publiziert werden. Tendenz steigend. Der größte Wissenschaftsverlag Elsevier erzielte so im Jahr 2005 einen Reingewinn von 655 Millionen Euro bei einem Umsatz von sagenhaften 2,1 Milliarden Euro.
Das Peer Review Verfahren und der „Impact Factor“ (die wissenschaftliche Relevanz der Zeitschrift) machen es schwierig, wissenschaftliches Publizieren durch das Internet zu (r)evolutionieren. Peer Review bedeutet ein bestimmtes Maß an Qualitätskontrolle. Hierbei wird jeder Artikel vor Veröffentlichung von Experten anonymisiert begutachtet. „Weiterhin“, so sagt Herr Bauer, „muss der Aufsatz in einem öffentlichen Repositorium untergebracht sein, sodass der dauerhafte Zugriff auf den betreffenden Artikel gesichert ist, und in wissenschaftlichen Fachdatenbanken verzeichnet sein, damit eine entsprechende Rezeption für Beiträge, die oft nur mehr online vorliegen, möglich wird.“
Anders als die Film- und Musikindustrie hat sich die Industrie um das wissenschaftliche Publizieren rechtzeitig mit der Nutzung des Internets auseinander gesetzt und die ziemlich fortschrittliche Idee von „Open Access“ (Wikipedia-Link, Deutsche-Info-Seite-Link) umgesetzt. So hat sie es geschafft, dass es bis heute kaum eine Debatte um Alternativen gab, ihre Existenz bisher gesichert ist und sie weiterhin ihre Gewinne machen konnte. Ziemlich schlau also. Jedoch mehrt sich die Kritik an Open Access und es wird nicht lange dauern, bis das Internet seine strukturellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit seiner Beständigkeit durch verschiedene Mechanismen und Angebote kompensiert hat.
Im Interview mit Herrn Bauer wird die Kritik an Open Access konkretisiert. Seien es die dreijährigen Abo-Fristen, die Lizenzpolitik ohne Archiv-Nutzungsrechte, die immer noch hohen Abo-Kosten, die hohe Mehrwertsteuer von 20%, die immer noch offene Frage der Langzeitarchivierung, die hohen Veröffentlichungsgebühren für die Autoren (zwischen 500 und 2500 Euro) und der Freibrief für gewisse Nutzer. Zitat von Herrn Bauer: „Nachdem der Großteil der Forschung an den Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen stattfindet, könnte man, überspitzt formuliert, im Open Access-Publikationsmodell eine Subventionierung des Pharmabereiches und der Industrie sehen.“ Man kann also leicht erkennen, wer die wirklichen Nutznießer von Open Access sind. Ich hoffe damit die Parallele zu dem Beispiel der Film- und Musikindustrie deutlich gemacht zu haben. Die eigentliche Idee von Open Access, die Förderung des freien wissenschaftlichen Austauschs, wird damit zu einer Karikatur.
Das Internet und seine Aktivisten schlafen aber nicht und arbeiten unter Hochdruck an Alternativen. Die „Science Commons“ sind das beste Beispiel dafür. Blogs und Wikis dienen als Publikations- und Verteilungsinstrumente. Die deutschen Hard bloggin’ Scientists organisieren sich und in den USA gibt es Projekte wie die ScienceBlogs vom Seed Magazine. Es starten wissenschaftliche Wikis wie citizendium.org. Und schon gibt es die ersten Internetangebote, die sich darauf spezialisieren Zitate auf Online-Quellen dauerhaft und eindeutig abzusichern und diese gleichzeitig für jedermann nachvollziehbar zu machen. Beispiel ist hierfür das bald startende Internetangebot von traceableknowledge.com, welches jetzt schon ein sehr gutes und aktives Blog von Roberto De Simone zum Thema Open Access anbietet. Die Standards des wissenschaftlichen Publizierens werden also in absehbarer Zeit Konkurrenz bekommen.
Das Internet wird die Welt weiter verändern und vor kaum einer Angelegenheit halt machen. Die Philosophen haben hierbei die Aufgabe die Fortschritte zu interpretieren und eine Antwort auf die Frage zu finden, was dies für den Menschen in Zukunft bedeuten wird.
Zwei Literaturhinweise:
Special zu Open Access: Wissens-Management, Zeitschrift für Innovation, 1/2006, Lemmens Verlag, Bonn (hier als PDF)
Zum Beständigkeitsproblem des Internets: Vom Speichern zum Verteilen. Die Geschichte des Internet, Mercedes Bunz, Kulturverlag Kadmos, ab Mai 2007 (hier der Amazon-Link
)
Special zu Open Access: Wissens-Management, Zeitschrift für Innovation, 1/2006, Lemmens Verlag, Bonn (hier als PDF)
Zum Beständigkeitsproblem des Internets: Vom Speichern zum Verteilen. Die Geschichte des Internet, Mercedes Bunz, Kulturverlag Kadmos, ab Mai 2007 (hier der Amazon-Link
PS: Weil sich meine Internetaffirmation leicht politisch missverstehen lässt, will ich hier nochmal darauf hinweisen, dass ich mich von jeder Partei und ihren Programmen distanziere. Ich bin weder Kommunist noch Kapitalist. Ich bin nicht mal in der Piratenpartei. Bitte versteht meine Äußerungen nicht politisch, sondern als Technikfolgenabschätzung.
