Die Folter der eigenen Würde »

15 Kommentare

  1. § DrB E-Mail sagte am:
    Schön dargestellt die Zusammenhänge zwischen Politik als Folge der Verstädterung, Zivilisation als Folge der Politik und Kultur als, äh, was nun? Als Ethikmodell mit seinen Ritualen, Tabus und Normierungen und was es da sonst noch gibt, gerne auch auf verschiedenen metaphorischen Ebenen?!
    Bzgl. der neuen Medien (hier ist letztlich immer das Internet bzw. dessen Dienste gemeint) spricht man teilweise neuerdings auch von einer neuen Kommunikationskompetenz, die erforderlich geworden ist, von der Webkompetenz (die keinesfalls nur technische Kenntnisse fordert). Einer der Vorkämpfer im deutschen Raum ist hier Stefan Münz.
    Vor Internationalismus und "Vorreitertum" sei dennoch gewarnt, in hierarchischen Strukturen gilt es für die Substrukturen aus Gründen der Kompetitivität (die das ist, was den Menschen zu dem gemacht hat, was er ist) immer noch primär ihre eigenen Interessen zu beachten (was ein wenig nach Hegel klingt und auch klingen soll). Epistokraten und Elitisten werden zudem von den gegebenen Systemen in Schach gehalten, vermutlich aus gutem Grund.
    Beste Grüße und vielen Dank für diesen Beitrag!
  2. § Optimismus E-Mail sagte am:
    Wunderbarer Text! Und sehr klarer Schreibstil. Ich stimme dir in allen Punkten zu. Aber unsere heutige Politik kann durchaus etwas von der alten Polis lernen: Griechenland war in fast 600 selbstständige Stadtstaaten unterteilt und dennoch durch dieselbe Sprache und Schrift mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl erfüllt, sodass sich alle Griechen gemeinsam als "Hellenen" bezeichneten.

    Auf die heutige Lage übertragen könnte die Politik trotz starker Individualisierung einzelner Personen und Gruppen international durch gemeinsame Wert- und Zielsetzungen das Zusammengehörigkeitsgefühl erschaffen, was uns alle stolze politische Weltbürger werden lassen würde. So wäre nach meiner Meinung der Weg zu einem aktuelleren Rechtssystem mit humanistischen Grundgesetzen geebnet.

    Liebe Grüße und Dank für diesen Text
  3. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    @DrB:

    Politik als Folge von Zivilisation und Kultur ist deren institutionelle Umsetzung und spiegelt damit auch das Ethik- und Normierungsmodell wieder.

    Danke für den Hinweis auf Stefan Münz. Aufgund deines Hinweises habe ich erfahren, dass er selbst ebenfalls Philosophie studiert hat. Bzgl. der neuen Medien, so will ich diese ungern auf das Internet und dessen Dienste beschränken. Der Billigflug-Verkehr, die Öffnung vieler Grenzen und die internationale Berichterstattung in Print- und Fernsehen zählen mit dazu. Aber ja, Internet spielt eine der wichtigsten Rollen unter den neuen Medien.

    Ebenfalls Danke für die ergänzende Warnung bzgl. der Eigeninteressen einzelner Gruppen. Eine idealistische Unterstellung eines überall vorhandenen Kosmopolitismus wäre unvorsichtig, dennoch kann man von einer zukünftigen Politik insgesamt fordern, dass sie sowohl nachhaltig als auch kosmopolitisch handelt. Anders sehe ich keine Möglichkeit die Probleme der sozialen Wirklichkeit zu lösen.

    Und das mit den Epistokraten ist so gemeint: Durch die größere Transparenz können Politiker/Interessensvertreter sich nicht mehr hinter ihrem Posten/Partei/Organisation verstecken. Sie müssen ihre Arbeit für die Öffentlichkeit transparent machen und den Menschen die Möglichkeit geben, durch Nähe und Dialog ihre Identität und Qualifikation erkennen zu können. Haben sie außer Kommunikations- und Organisationskompetenz keine inhaltliche Qualifikation vorzuweisen, sind sie nicht die richtigen Interessensvertreter für die Individuen der Nicht-Gesellschaft. Die zukünftigen politischen Repräsentanten müssen zeigen können, dass sie Experten auf dem Gebiet sind, für welches sie den Wähler vertreten wollen. Deshalb also repräsentativ-demokratische Epistokratie.
  4. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    @Optimismus:

    Danke für das Lob und das Kommentar. Du sprichst die Frage an, wie die Welt zu einer Art "Wir-Intentionalität" gelangen kann und verweist dafür auf das Beispiel der "Hellenen". Wie du schon schreibst, teilten diese eine Sprache und eine Schrift. Außerdem verband sie ihre räumliche Nähe und ab und zu gemeinsame Feinde.

    Für ein Weltbürgertum fehlen viele dieser Gemeinsamkeiten und machmal hat man das Gefühl, dass wenn nicht irgendwann feindliche Außerirdische auftauchen, wir zu keiner Gemeinsamkeit finden werden. Andere Beispiele bereiten jedoch Hoffnung. Als 1972 nach der Apollo 17 Mission die erste Weltraumaufnahme der Erde veröffentlicht wurde, war dies auch der Start für eine globale Umweltbewegung. Hier zeigt sich deutlich, dass ein Mehr an Information durchaus kulturellen Wandel bringen kann.
  5. § DrB E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Duerhager,
    selbstverständlich legen die neuen Medien eine grundsätzlich andere Organisationsform nahe, ich freue mich, dass Sie Hr.Münz und seine Arbeiten zur Kenntnis genommen haben und neue Wege zeigen. Nichts ist mehr so wie früher.
    Ich hatte mich en passant kurz gegen den Zentralismus gewandt (bzw. gewendet ;--),
    viele Grüße und nochmals danke!
    Dr.B.
  6. § Westerkamp® E-Mail sagte am:
    Ich finde den Eintrag auch großartig, und bin ehrlich beeindruckt. Und ich stimme dir in deiner Zukunftsvision zu, allerdings nur in einem halbwegs optimistischen Modell. Politik ist eben kein unbeeinflusstes Nullsummenspiel der saturierten Gesellschaft, und deswegen finde ich, das du Dritte Welt, Klimawandel und ähnliche Probleme (Globale Epidemien etc.) zu wenig berücksichtigt. Dies sind Faktoren die in einer globalen Welt wie du sie entwirfst nicht vergessen werden. Eine gobale Gesellschaft, in der ein Viertel der Menschheit Hunger leidet oder Länder wie die Malediven im Meer versinken wird ganz andere Probleme als medienkompetenz haben.
  7. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    Ja, eine globale Gesellschaft wird sicherlich mehr Probleme als die Medienkompetenz haben. Viele davon sind dringend und in ihrem Ausmaß dramatisch.
    Doch auch hier können die neuen Medien dafür sorgen, dass Informationen über diese Kriesen den Rest der Menschheit erreichen. Mit den neuen Medien ist man also immer noch besser dran als ohne.

    Die oben abgeleitete politische Utopie beruht jedoch tatsächlich auf einer großen Anzahl von notwendigen Bedingungen, gerade was den zivilisatorischen Fortschritt angeht. Diese Bedingungen (möglichst wenig Not) überall auf der Welt zu erfüllen, wäre wohl ein Teilziel dieser globalen Gesellschaft. Interessant ist, dass dieses Teilziel wahrscheinlich ebenfalls nur kosmopolitisch gelöst werden kann.
  8. § willyam sagte am:
    Um Dich zu provozieren: "Saturiert" ist ein feines Stichwort, um die Bedeutung und den möglichen Einfluss neuer Medien zu hinterfragen. Bis vor einiger Zeit habe ich mich auch als Verfechter kosmopolitischer Utopien gesehen - bis ich Timothy Brennan in einem Vortrag argumentieren hörte, Kosmopolitik sei inzwischen nichts mehr als ein Anhängsel des Globalisierungsdiskurses. Die Hoffnung auf eine "globale Ökumene", auf ein Zusammenleben, das auf "diversity in unity" aufbaut, ist nichts anderes als die mittelalterliche "concordia mundi" säkularisiert: Es müssen alle Kosmopoliten sein, die alle um ihre gegenseitige Vernetztheit, Pluralität und grundsätzlich antinomische Natur wissen. Das ist im Kern ein intellektuell "saturierendes" Wohlfühlprogramm, das von eigentlich maßgeblicheren Realitäten (z.B. "http://www.foreignpolicy.com/story/cms.php?story_id=4173&page=0", http://www.materialien.org/planet/Planetofslums.pdf) ablenkt.
  9. § Claudia E-Mail sagte am:
    Kommt hier noch was oder ist das Blog tot?
  10. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    Hier kommt noch etwas. Bestimmt. Versprochen. Ich werde den Blog nicht sterben lassen.
  11. § Optimismus E-Mail sagte am:
    Hallo iSophus,

    ich würde mich über einen philosophischen Text über die anstehende Europawahl sehr freuen. Besonders würde mich interessieren, ob die Philosophie ein Werkzeug besitzt, welches für die Menschen nützliche und unnütze Wahlprogramme der Parteien auswählen könnte. Die Motive der zugelassenen Parteien sind ja recht unterschiedlich, sodass sicher viele Wähler ein solches Werkzeug begrüßen würden.

    Liebe Grüße!
  12. § Peter E-Mail sagte am:
    Hallo Robert,

    leider bin ich zu müde und verrutsche beim lesen zwischen den Zeilen - daher keine ausführliche Antwort.

    Ich denke subsidiare globale Demokratie ist unser Zukunftsmodell. Auf dem Weg zu solch einer Demokratie werden wir vielfältige Änderungen vornehmen (müssen).

    neue Partizipationsformen z.B.:
    http://www.citizens-initiative.eu/
    http://echologic.org/

    Institutionelle Änderungen z.B.:
    http://unpacampaign.org

    technologische Innovationen z.B.:
    Internet

    Kulturelle Veränderungen z.B.:
    ...
  13. § Philosophiebüro E-Mail sagte am:
    Sehr gut aufbereitet, leserlich und lesenswert. Wollte das Thema aufgreifen und werde den Beitrag wohl als Basis nehmen und verlinken - sofern niemand dagegen spricht.
  14. § Spannocchi Eugen E-Mail sagte am:
    Wenn man die (technische) Zivilisation und die (lebenspraktische) Kultur im jetzigen Zustand beschreiben will, muss man wohl, wie Sie festhalten: die Zivilisation ist global. das beweisen uns die Technik der Netze und generell der elektron. Medien sowie auch die Ökonomie, aber auch globale Bedrohungen wie die Umweltbelastungen etc. Die Kultur bildet dieses Zustand nicht ab, sie ist im Wesentlichen noch national. Das betrifft die politischen Verhältnisse (nationale Wahlen), aber auch die (patriotische) Identität bzw Mentalität der Bürger (citoyens). Eine Folge des brüchig werdenden identitätsstiftenden Angebots der Nationen ist ja auch der Aufstand von Regionen, separatist. Bewegungen etc. Soweit stimme ich Ihnen zu. Der Verlust einer allgemeineren, "höheren" Einheit hat natürlich auch die zunehmende Individualisierung zur Folge. Da die Probleme aber nur gemeinschaftlich gelöst werden können, kann es bei der Individualisierung nicht bleiben. Es bilden sich also neue, vom Individuum selbst gesteuerte bzw ausgewählte Gruppen, Bewegungen, insbesonderev im Netz, auch die erwähnten NGO's usw.
    Allerdings: das sind alles nur vorpolitische Meinungsgruppen, Stimmungssammler etc. Wie man dzt am "Arab. Frühling" sieht: die neuen Medien sind eben nur Medien. Am Schluss müssen sie in polit. Realität übersetzt werden. dazu bedarf es dann einer staatl (nationalen) Struktur: Parlament, Verwaltung etc. Und zur Übersetzung der Anliegen bedarf es, wie Kelsen zurecht festhält, der Parteien. Der Unterschied zu früher ist: die Parteien sind nicht für immer festgesetzt, sie können verschwnden, neue können sich bilden.
    Das können auch neu entsandene sein, aber mit einer Organisation, Hierarchien usw.
    Dh: alle diese kulturellen Bewegungen ersetzen die "alte" Politik nicht, sondern ergänzen sie. Und das ist ja immer die Frage der NGO's: mit allden useren und Unterschriften im Hintergrund Politiker, Abgeordnete zu motivieren, entsprechende Anträge einzubringen: Loyyarbeit eben.
  15. § freidenker® E-Mail sagte am:
    Ihre Webseite gefällt mir. Auch ich zeige in meiner Freidenker Galerie viele Philosophie Zitate. Es würde mich freuen, wenn Sie mal reinschauen.
    Rainer Ostendorf
    www.freidenker-galerie.de

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