Mit dem Wissen, dass ein Satz also aus Namen und deren syntaktischen Beziehungen besteht, kommen wir nun zu Wittgensteins Philosophie der idealen Sprache.
Im ersten Teil der 3. Vorlesung wurde schon auf die Semantik (Bedeutung und Sinn) eingegangen, welche ein Gebiet der Semiotik (Lehre der Zeichen) ist. Die anderen Gebiete der Semiotik sind die Syntax (Regeln der Zusammenstellung von Wörtern und Teilsätzen) und die Pragmatik (Beziehung zwischen Zeichenbenutzer und Zeichen). Nachdem nun festgestellt wurde, dass die syntaktischen Beziehungen von Namen im Satz eine wichtige Rolle spielen, liegt also nichts näher als sich ein wenig mit der Syntax zu befassen.
Nun sollte es für jeden klar sein, dass die Syntax auch immer zur Semantik beiträgt. Denn die Semantik der Sätze „Heinz zeigt Julia den Weg.“ und dessen syntaktische Umstellung „Julia zeigt Heinz den Weg.“ ist unterschiedlich.
Weiterhin hängt die Bedeutung eines Wortes jedoch auch von dessen Stellung im Satz ab. Während im Satz „Thomas Mann ist Autor“ das Wort „ist“ eine Kopola darstellt, welche Gegenständen eine Eigenschaft zuspricht, steht das Wort „ist“ im Satz „Thomas Mann ist Autor des Romans 'Doktor Faustus'.“ für die Relation der Identität. Doch damit noch nicht genug, denn auch Sätze mit scheinbar gleicher syntaktischen Form können Unterschiedliches bedeuten. So sind die logischen Formen der Sätze „Rot ist eine Stadt.“ und „Rot ist eine Farbe.“ tatsächlich nicht gleich. Denn „Rot ist eine Stadt.“ besagt, dass dem Gegenstand a die Eigenschaft F zukommt, während „Rot ist eine Farbe“ bedeutet, dass jedem Gegenstand, auf dem die Eigenschaft F zutrifft, auch die Eigenschaft G zukommt.
Die jeweilige semantische Funktion eines Wortes oder Satzes herauszufinden ist somit nicht immer einfach. Wittgenstein geht auf diese Problematik in den Sätzen 3.32 und 3.324 ein. Wie Frege und Russell verfolgt auch Wittgenstein deshalb ein Programm der Erschaffung einer idealen Spache, dessen Zeichensystem eindeutig ist (vgl. Satz 3.325). Prof. Tetens: „Eine Sprache mit eindeutiger logischer Syntax ist verglichen mit der syntaktisch vieldeutigen Umgangssprache eine ideale Sprache. In einer solchen idealen Sprache lässt sich der Sinn eines Satzes unmittelbar und eindeutig an seiner syntaktischen Zeichengestalt ablesen.“ Für Wittgenstein ist es Ziel der Philosophie die Umgangssprache durch eine ideale Sprache zu ersetzen, mit der dann „alles, was wissenschaftlich und philosophisch gesagt werden kann, eindeutig und unmissverständlich gesagt wird.“ (Prof. Tetens)
Nun ist auch verständlich, warum für den Wiener Kreis, welcher sich mit der Philosophie einer idealen Sprache intensiv befasst hat, den Tractatus und Wittgenstein, neben Frege und Russell, so enorm wichtig war. Prof. Tetens weist darauf hin, dass man hier auch gut den Unterschied zwischen dem Wittgenstein des „Tractatus logico-philosophicus“ und dem Wittgenstein der „Philosophischen Untersuchungen“ (Amazon-Link
) aufzeigen kann. Im letzteren vertritt Wittgenstein nämlich eine Philosophie der normalen Sprache. Aufgrund beider Werke gilt Wittgenstein deshalb auch als einer der wichtigsten Gestalten der (Spach-)Analytischen Philosophie.
Zusammenfassend für die bisherigen Vorlesungen lässt sich also sagen, dass Wittgenstein im Tractatus die Welt vom Standpunkt der Logik und einer logisch ideal gebauten Sprache betrachtet. „Was lässt sich über die Welt sagen, wenn die Logik bzw. die logisch ideal gebaute Sprache ein Spiegelbild der Welt ist, wenn die Logik transzendental ist, also eine Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände und Tatsachen in der Welt ist?“ Dies ist die Frage, auf die nach Prof. Tetens Wittgenstein im Tractatus antwortet.
Hierbei ist jedoch sofort festzustellen, dass dieser Standpunkt selber ein Ideal ist, welches nie ganz erreicht werden kann. Als Beispiel hierfür gibt Prof. Tetens an, dass Wittgenstein „immer wieder von der Fiktion ausgeht, dass uns alle logisch atomaren Gegenstände gegeben sind“. Welche atomaren Gegenstände das sind, kann uns nämlich weder Wittgenstein noch die Logik sagen. „Denn die Logik sagt nicht, was in der Welt tatsächlich der Fall ist, die Logik sagt nur, was möglich ist und was angesichts aller Möglichkeiten notwendig ist“ (Prof. Tetens). Welche logischen Möglichkeiten in der Realität zutreffen, können uns nur die Naturwissenschaften sagen. (Vgl. 5.551 und 5.552, welche die Logik als das einzige apriorische Wissen der Welt darstellen.)
Und dann wird es noch mal richtig spannend:
5.61: Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen. Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht.
Das würde nämlich voraussetzen, dass wir gewisse Möglichkeiten ausschließen und dies kann nicht der Fall sein, da sonst die Logik über die Grenzen der Welt hinaus müsste: wenn sie nämlich die Grenzen auch von der anderen Seite betrachten könnte.
Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können.
Literatur:
Michael Stölzner und Thomas Uebel: „Wiener Kreis“ (Amazon-Link
)
Richard Rorty: „The Linguistic Turn“ (Amazon-Link
)
Rudolf Carnap: „Logische Syntax der Sprache“ (Wird bei Amazon nicht mehr geführt, wird jedoch von Prof. Tetens aufgrund der Klarheit empfohlen)
Im ersten Teil der 3. Vorlesung wurde schon auf die Semantik (Bedeutung und Sinn) eingegangen, welche ein Gebiet der Semiotik (Lehre der Zeichen) ist. Die anderen Gebiete der Semiotik sind die Syntax (Regeln der Zusammenstellung von Wörtern und Teilsätzen) und die Pragmatik (Beziehung zwischen Zeichenbenutzer und Zeichen). Nachdem nun festgestellt wurde, dass die syntaktischen Beziehungen von Namen im Satz eine wichtige Rolle spielen, liegt also nichts näher als sich ein wenig mit der Syntax zu befassen.
Nun sollte es für jeden klar sein, dass die Syntax auch immer zur Semantik beiträgt. Denn die Semantik der Sätze „Heinz zeigt Julia den Weg.“ und dessen syntaktische Umstellung „Julia zeigt Heinz den Weg.“ ist unterschiedlich.
Weiterhin hängt die Bedeutung eines Wortes jedoch auch von dessen Stellung im Satz ab. Während im Satz „Thomas Mann ist Autor“ das Wort „ist“ eine Kopola darstellt, welche Gegenständen eine Eigenschaft zuspricht, steht das Wort „ist“ im Satz „Thomas Mann ist Autor des Romans 'Doktor Faustus'.“ für die Relation der Identität. Doch damit noch nicht genug, denn auch Sätze mit scheinbar gleicher syntaktischen Form können Unterschiedliches bedeuten. So sind die logischen Formen der Sätze „Rot ist eine Stadt.“ und „Rot ist eine Farbe.“ tatsächlich nicht gleich. Denn „Rot ist eine Stadt.“ besagt, dass dem Gegenstand a die Eigenschaft F zukommt, während „Rot ist eine Farbe“ bedeutet, dass jedem Gegenstand, auf dem die Eigenschaft F zutrifft, auch die Eigenschaft G zukommt.
Die jeweilige semantische Funktion eines Wortes oder Satzes herauszufinden ist somit nicht immer einfach. Wittgenstein geht auf diese Problematik in den Sätzen 3.32 und 3.324 ein. Wie Frege und Russell verfolgt auch Wittgenstein deshalb ein Programm der Erschaffung einer idealen Spache, dessen Zeichensystem eindeutig ist (vgl. Satz 3.325). Prof. Tetens: „Eine Sprache mit eindeutiger logischer Syntax ist verglichen mit der syntaktisch vieldeutigen Umgangssprache eine ideale Sprache. In einer solchen idealen Sprache lässt sich der Sinn eines Satzes unmittelbar und eindeutig an seiner syntaktischen Zeichengestalt ablesen.“ Für Wittgenstein ist es Ziel der Philosophie die Umgangssprache durch eine ideale Sprache zu ersetzen, mit der dann „alles, was wissenschaftlich und philosophisch gesagt werden kann, eindeutig und unmissverständlich gesagt wird.“ (Prof. Tetens)
Nun ist auch verständlich, warum für den Wiener Kreis, welcher sich mit der Philosophie einer idealen Sprache intensiv befasst hat, den Tractatus und Wittgenstein, neben Frege und Russell, so enorm wichtig war. Prof. Tetens weist darauf hin, dass man hier auch gut den Unterschied zwischen dem Wittgenstein des „Tractatus logico-philosophicus“ und dem Wittgenstein der „Philosophischen Untersuchungen“ (Amazon-Link
Zusammenfassend für die bisherigen Vorlesungen lässt sich also sagen, dass Wittgenstein im Tractatus die Welt vom Standpunkt der Logik und einer logisch ideal gebauten Sprache betrachtet. „Was lässt sich über die Welt sagen, wenn die Logik bzw. die logisch ideal gebaute Sprache ein Spiegelbild der Welt ist, wenn die Logik transzendental ist, also eine Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände und Tatsachen in der Welt ist?“ Dies ist die Frage, auf die nach Prof. Tetens Wittgenstein im Tractatus antwortet.
Hierbei ist jedoch sofort festzustellen, dass dieser Standpunkt selber ein Ideal ist, welches nie ganz erreicht werden kann. Als Beispiel hierfür gibt Prof. Tetens an, dass Wittgenstein „immer wieder von der Fiktion ausgeht, dass uns alle logisch atomaren Gegenstände gegeben sind“. Welche atomaren Gegenstände das sind, kann uns nämlich weder Wittgenstein noch die Logik sagen. „Denn die Logik sagt nicht, was in der Welt tatsächlich der Fall ist, die Logik sagt nur, was möglich ist und was angesichts aller Möglichkeiten notwendig ist“ (Prof. Tetens). Welche logischen Möglichkeiten in der Realität zutreffen, können uns nur die Naturwissenschaften sagen. (Vgl. 5.551 und 5.552, welche die Logik als das einzige apriorische Wissen der Welt darstellen.)
Und dann wird es noch mal richtig spannend:
5.61: Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen. Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht.
Das würde nämlich voraussetzen, dass wir gewisse Möglichkeiten ausschließen und dies kann nicht der Fall sein, da sonst die Logik über die Grenzen der Welt hinaus müsste: wenn sie nämlich die Grenzen auch von der anderen Seite betrachten könnte.
Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können.
Literatur:
Michael Stölzner und Thomas Uebel: „Wiener Kreis“ (Amazon-Link
Richard Rorty: „The Linguistic Turn“ (Amazon-Link
Rudolf Carnap: „Logische Syntax der Sprache“ (Wird bei Amazon nicht mehr geführt, wird jedoch von Prof. Tetens aufgrund der Klarheit empfohlen)
