Es ist kein Geheimnis, dass der Tractatus für den Wiener Kreis eine Art Offenbarung darstellte. Offenbarung jedoch nicht im Sinne der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (Wikipedia), sondern eher im Sinne einer starken Inspiration hin zum Logizismus (Wikipedia) und logischen Empirismus (Wikipedia). Es ist also nicht verwunderlich, dass der Wiener Kreis sich fast ausschließlich um die logische Seite des Tractatus kümmerte und jede weitere Dimension des Tractatus, welche durchaus existieren, für überflüssig hielt. Da Philosophie sich jedoch nicht nur mit der Logik auseinander setzt, hat Wittgenstein auch zu anderen Themen und sogar zur Philosophie selbst Stellung bezogen. Ein Blick auf Wittgensteins Philosophiekritik und dessen Auswirkungen auf den Wiener Kreis ist deshalb sicherlich interessant anzuschauen.
Wittgenstein sagt in 4.11 „Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften)“. Wenn wie in 4.1 beschieben der wahre Satz das Bestehen eines Sachverhalts darstellt und die Gesamtheit dieser bestehenden Sachverhalte die Gesamtheit der Naturwissenschaften ist, dann stellt sich die Frage, was für einen Sinn die Philosophie noch macht, wenn diese eben nicht unter die Naturwissenschaften fällt. Zuerst stellt sich jedoch die Frage, wie Wittgenstein darauf kommt in 4.11 nur die Naturwissenschaften als diejenigen Wissenschaften anzusehen, welche Erfahrungen über das Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes machen können. Warum sagt Wittgenstein hier nicht einfach „Erfahrungswissenschaften“? Wie kommt er dazu allen Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften, der Theologie und der Philosophie diese Eigenschaft, das Erfahren vom Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten, abzusprechen? Und was macht Wittgenstein mit der Mathematik?
Nun im Fall der Mathematik schließt sich Wittgenstein Freges und Russells Logizismus an, welcher behauptet, dass sich die Sätze der Mathematik logisch-definitorisch auf die Sätze der Logik zurückführen lassen. Somit sagt die Mathematik, genauso wie die Logik (siehe 2. Teil der 6.Vorlesung), nichts über das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten aus.
Zu den anderen ausgeschlossenen Wissenschaften äußert sich Wittgenstein nicht. Keine Begründung, nicht einmal ein Versuch dazu. Prof. Tetens: „Wittgenstein redet hier eine Gedankenlosigkeit und ein (unter einigen Naturwissenschaftlern, Logikern, Mathematikern und nicht zuletzt einigen Philosophen) beliebtes Vorurteil einfach nach.“
Erst der Wiener Kreis liefert mit dem Physikalismus den Versuch einer Erklärung, welcher besagt, dass alle Erfahrungswissenschaften sich letztlich auf die Physik zurückführen lassen. Prof. Tetens erklärt dieses große Reduktionsprojekt wie folgt: „Alle Geistes, Sozial- und Kulturwissenschaften, sofern sie nicht sinnlos sind wie die Theologie und die traditionelle Metaphysik (Philosophie), werden zunächst auf die Psychologie reduziert. Die Psychologie wird auf die Biologie reduziert. Die Biologie wird auf die Chemie und die Physik reduziert. Die Chemie wird auf die Physik reduziert.“
Für den Wiener Kreis stellt die Physik deshalb eine Einheitswissenschaft dar. Somit gibt es eigentlich nur diese eine Erfahrungswissenschaft, in dessen Sprache und mit dessen Methoden letztlich alles, was sinnvoll und wahr über die Welt gesagt werden kann, erfasst wird. Wittgensteins Wahl des Terminus „die gesamte Naturwissenschaft“ in 4.11 kann damit indirekt erklärt werden. Ob er diese Wahl tatsächlich aufgrund des physikalistischen Reduktionismus getroffen hat, kann jedoch aus Mangel an einer Begründung nicht bewiesen werden.
Mancher Leser wird sich bei einer solchen Einteilung der „Wissen schaffenden Bereiche“ an Kant erinnert fühlen, welcher ebenfalls eine Einteilung vorschlug. Prof. Tetens hat den Unterschied beider Modelle in zwei Tabellen zusammengefasst:
Wittgenstein sagt in 4.11 „Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften)“. Wenn wie in 4.1 beschieben der wahre Satz das Bestehen eines Sachverhalts darstellt und die Gesamtheit dieser bestehenden Sachverhalte die Gesamtheit der Naturwissenschaften ist, dann stellt sich die Frage, was für einen Sinn die Philosophie noch macht, wenn diese eben nicht unter die Naturwissenschaften fällt. Zuerst stellt sich jedoch die Frage, wie Wittgenstein darauf kommt in 4.11 nur die Naturwissenschaften als diejenigen Wissenschaften anzusehen, welche Erfahrungen über das Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes machen können. Warum sagt Wittgenstein hier nicht einfach „Erfahrungswissenschaften“? Wie kommt er dazu allen Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften, der Theologie und der Philosophie diese Eigenschaft, das Erfahren vom Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten, abzusprechen? Und was macht Wittgenstein mit der Mathematik?
Nun im Fall der Mathematik schließt sich Wittgenstein Freges und Russells Logizismus an, welcher behauptet, dass sich die Sätze der Mathematik logisch-definitorisch auf die Sätze der Logik zurückführen lassen. Somit sagt die Mathematik, genauso wie die Logik (siehe 2. Teil der 6.Vorlesung), nichts über das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten aus.
Zu den anderen ausgeschlossenen Wissenschaften äußert sich Wittgenstein nicht. Keine Begründung, nicht einmal ein Versuch dazu. Prof. Tetens: „Wittgenstein redet hier eine Gedankenlosigkeit und ein (unter einigen Naturwissenschaftlern, Logikern, Mathematikern und nicht zuletzt einigen Philosophen) beliebtes Vorurteil einfach nach.“
Erst der Wiener Kreis liefert mit dem Physikalismus den Versuch einer Erklärung, welcher besagt, dass alle Erfahrungswissenschaften sich letztlich auf die Physik zurückführen lassen. Prof. Tetens erklärt dieses große Reduktionsprojekt wie folgt: „Alle Geistes, Sozial- und Kulturwissenschaften, sofern sie nicht sinnlos sind wie die Theologie und die traditionelle Metaphysik (Philosophie), werden zunächst auf die Psychologie reduziert. Die Psychologie wird auf die Biologie reduziert. Die Biologie wird auf die Chemie und die Physik reduziert. Die Chemie wird auf die Physik reduziert.“
Für den Wiener Kreis stellt die Physik deshalb eine Einheitswissenschaft dar. Somit gibt es eigentlich nur diese eine Erfahrungswissenschaft, in dessen Sprache und mit dessen Methoden letztlich alles, was sinnvoll und wahr über die Welt gesagt werden kann, erfasst wird. Wittgensteins Wahl des Terminus „die gesamte Naturwissenschaft“ in 4.11 kann damit indirekt erklärt werden. Ob er diese Wahl tatsächlich aufgrund des physikalistischen Reduktionismus getroffen hat, kann jedoch aus Mangel an einer Begründung nicht bewiesen werden.
Mancher Leser wird sich bei einer solchen Einteilung der „Wissen schaffenden Bereiche“ an Kant erinnert fühlen, welcher ebenfalls eine Einteilung vorschlug. Prof. Tetens hat den Unterschied beider Modelle in zwei Tabellen zusammengefasst:
Die Einteilung nach Kant:
| A priori | A posteriori | |
| analytisch | Logik | - |
| synthetisch | Mathematik als „Reine Naturwissenschaft“ | Physik als Erfahrungswissenschaft |
Die Einteilung des Wiener Kreises im Anschluss an den Tractatus:
| Apriorisches Wissen | Erfahrungswissen |
| Logik und Mathematik | Physik als Einheitswissenschaft |
Prof. Tetens: „Bei der Einteilung des Wiener Kreises gibt es kein synthetisches apriori. Ein Satz ist genau dann a priori wahr ist, wenn er eine Tautologie der Logik ist. Ein Satz ist genau dann synthetisch, wenn er ein Satz der Erfahrungswissenschaft ist.“
