Den Beweis für seine These aus Teil 3 der 7. Vorlesung will Carnap dann anhand Heideggers Antrittsvorlesung an der Freiburger Universität erbringen, welche der Frage „Was ist Metaphysik“ gewidmet war. Hierzu stellt Carnap eine geeignete Satzreihe über „das Nichts“ aus Heideggers Vorlesung zusammen, um diese dann in einer Tabelle mit nicht-metaphysischen Sätzen über „den Regen“ zu vergleichen. Damit will er zeigen, dass Heidegger den negierten Existenzoperator („es gibt nicht etwas, für das gilt:...“) fälschlicherweise als einen singulären Terminus „das Nichts“ missverstanden hätte.
Prof. Tetens parodiert in seiner Vorlesung Carnap dann mit einem erfundenen Gespräch zwischen einem Therapeuten und dessen Klienten, um die Unangebrachtheit von Carnaps Vorhaben deutlich zu machen. Zuerst ein solches Gespräch, wie es normalerweise verlaufen könnte:
Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Haben Sie Angst vor dem Tod?“
Klient: „Nicht vor dem Sterben. Ich habe davor Angst, überhaupt nicht mehr da zu sein, nicht und nichts zu sein. Obwohl ich mich frage, wovor ich da eigentlich überhaupt Angst habe.“
Therapeut: „Flößt Ihnen der Gedanke, Angst zu haben, ohne benennen zu können wovor, Angst und Schrecken ein?“
Klient: „Ja, irgendwie schon. Es ist nichts Bestimmtes, vor dem man Angst hat, aber dass es nichts Konkretes ist, macht mir Angst.
Sobald dieser Gedanke einer Angst vor nichts von mir Besitz ergriffen hat, scheint mir alles in meinem Leben auf einmal irgendwie bedeutungslos und nichtig zu sein.“
Und nun das Gespräch in Carnapscher Manier:
Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Ein bißchen mehr Logik, wenn ich bitten darf. Wenn Sie vor nichts Angst haben, haben Sie keine Angst; denn es gehört zur logischen Syntax des Ausdrucks „Angst haben“, dass derjenige, der vor nichts Angst hat, keine Angst hat. Sie haben also gar keine Angst oder Sie sagen nicht, was Sie eigentlich meinen.
Machen Sie sich das bitte klar und antworten Sie auf meine Fragen in Zukunft nur in sinnvollen Sätzen. Konsultieren Sie im Zweifelsfall ein Lehrbuch der Logik. Mit ihren sinnlosen Äußerungen kommen wir jedenfalls nicht weiter!“
Wenn Heidegger in seiner Antrittsvorlesung nämlich Sätze wie „Was ist draußen?“, „Draußen ist nichts“, „Wie steht es um dieses Nichts“, „Wir kennen das Nichts“, „Das Nichts selbst nichtet“ vorbringt, dann geht es Heidegger nicht um den Gegenstand des „Nichts“. Prof. Tetens: „Heidegger analysiert das menschliche Dasein. Das Unbestimmte der Angst, die alles einbezieht und doch nicht auf etwas Bestimmtes zielt, das Radikale der Angst, in der es um Sein und Nicht-Sein geht, ihr Zusammenhang mit der Endlichkeit des Daseins und dem Tod, der am Ende alles vernichtet und der manchen von uns das Dasein in der Welt insgesamt als nichtig erscheinen läßt, dieses und noch mehr klingt in dem von Carnap logisch zensierten Heidegger-Satz „Das Nichts nichtet“ an.“
Heidegger redet über Stimmungen, wobei er es nicht dabei belassen will diese Stimmungen mit deskriptiven Sätzen auszudrücken, welche ihrerseits die Stimmungen nicht ausdrücken, sondern er will sie mit seinen Sätzen erzeugen, was für Carnap eben ein sprachlogisches Unding ist. Deshalb vergleicht Carnap am Ende seines Aufsatzes Metaphysiker auch mit Musikern: „Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Fähigkeit. Dafür besitzen sie eine starke Neigung zum Arbeiten im Medium des Theoretischen, zum Verknüpfen von Begriffen und Gedanken.
Anstatt nun einerseits diese Neigung im Gebiet der Wissenschaft zu betätigen und andererseits das Ausdrucksbedürfnis in der Kunst zu befriedigen, vermengt der Metaphysiker beides und schafft ein Gebilde, das für die Erkenntnis gar nichts und für das Lebensgefühl etwas Unzulängliches leistet.“
Heidegger kann dieses Verkürzen der Äußerungen von Sätzen auf ihren propositionalen Gehalt nicht mitmachen. Heidegger will das „Geworfensein“ ins Dasein nicht verharmlosen, indem er darüber Auskunft gibt, ob das „Geworfensein“ der Fall ist und in welchen Relationen das „Geworfensein“ zu den Ängsten, Sorgen und Zweifeln des „Vorlaufen“ zum Tode steht. Er will diese Stimmungen erzeugen, weshalb er auch nicht davor halt macht die Sprache ein wenig zu verfremden bzw. neu zu erfinden, um aus den verharmlosenden Klischees des „Man“ auszubrechen. Heideggers „Sein und Zeit“ (Amazon-Link
) lebt von diesem eigentümlichen Pathos, diesem dramatischen Tonfall. Und ließt man den Tractatus, so lassen sich auch hier Sätze finden, welche diesen existenziellen Expressionismus innehaben. Der Wiener Kreis hatte nur mit dieser Seite des Tractatus so seine Schwierigkeiten, weshalb er einfach ignoriert wurde.
Abschließend lässt sich sagen, dass Wittgensteins unbegründete Philosophiekritik anmaßend ist. Carnap hat zumindest den Versuch unternommen die Sinnlosigkeit der Metaphysik zu begründen, Wittgenstein hingegen verkündet diese einfach nur in einem All-Satz (DIE Philosophie). Prof. Tetens: „Wittgenstein war bei weitem nicht so gut in der Geschichte der Philosophie bewandert, als dass er sich solche falschen Verallgemeinerungen erlauben könnte. […] In Wahrheit finden sich überzeugende Belege für die These, dass bestimmte Philosophien sich einem Missverständnis der „logischen Grammatik“ der Sprache verdanken, weder bei Carnap noch beim Wittgenstein des Tractatus, sondern zum Beispiel bei einem Philosophen wie Gilbert Ryle mit seiner Kritik am Cartesianischen Dualismus. Bei aller Kritik an Wittgensteins Philosophiekritik steckt in seiner These, dass die Sätze der Philosophie sinnlos seien, doch ein sehr tiefer Gedanke, den wir bisher noch gar nicht erfasst haben.“ Dies soll in der nächsten Vorlesung geschehen.
Prof. Tetens parodiert in seiner Vorlesung Carnap dann mit einem erfundenen Gespräch zwischen einem Therapeuten und dessen Klienten, um die Unangebrachtheit von Carnaps Vorhaben deutlich zu machen. Zuerst ein solches Gespräch, wie es normalerweise verlaufen könnte:
Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Haben Sie Angst vor dem Tod?“
Klient: „Nicht vor dem Sterben. Ich habe davor Angst, überhaupt nicht mehr da zu sein, nicht und nichts zu sein. Obwohl ich mich frage, wovor ich da eigentlich überhaupt Angst habe.“
Therapeut: „Flößt Ihnen der Gedanke, Angst zu haben, ohne benennen zu können wovor, Angst und Schrecken ein?“
Klient: „Ja, irgendwie schon. Es ist nichts Bestimmtes, vor dem man Angst hat, aber dass es nichts Konkretes ist, macht mir Angst.
Sobald dieser Gedanke einer Angst vor nichts von mir Besitz ergriffen hat, scheint mir alles in meinem Leben auf einmal irgendwie bedeutungslos und nichtig zu sein.“
Und nun das Gespräch in Carnapscher Manier:
Therapeut: „Wovor haben Sie Angst?“
Klient: „Ich weiß nicht, vor nichts Bestimmtem. Irgendwie vor allem und nichts.“
Therapeut: „Ein bißchen mehr Logik, wenn ich bitten darf. Wenn Sie vor nichts Angst haben, haben Sie keine Angst; denn es gehört zur logischen Syntax des Ausdrucks „Angst haben“, dass derjenige, der vor nichts Angst hat, keine Angst hat. Sie haben also gar keine Angst oder Sie sagen nicht, was Sie eigentlich meinen.
Machen Sie sich das bitte klar und antworten Sie auf meine Fragen in Zukunft nur in sinnvollen Sätzen. Konsultieren Sie im Zweifelsfall ein Lehrbuch der Logik. Mit ihren sinnlosen Äußerungen kommen wir jedenfalls nicht weiter!“
Wenn Heidegger in seiner Antrittsvorlesung nämlich Sätze wie „Was ist draußen?“, „Draußen ist nichts“, „Wie steht es um dieses Nichts“, „Wir kennen das Nichts“, „Das Nichts selbst nichtet“ vorbringt, dann geht es Heidegger nicht um den Gegenstand des „Nichts“. Prof. Tetens: „Heidegger analysiert das menschliche Dasein. Das Unbestimmte der Angst, die alles einbezieht und doch nicht auf etwas Bestimmtes zielt, das Radikale der Angst, in der es um Sein und Nicht-Sein geht, ihr Zusammenhang mit der Endlichkeit des Daseins und dem Tod, der am Ende alles vernichtet und der manchen von uns das Dasein in der Welt insgesamt als nichtig erscheinen läßt, dieses und noch mehr klingt in dem von Carnap logisch zensierten Heidegger-Satz „Das Nichts nichtet“ an.“
Heidegger redet über Stimmungen, wobei er es nicht dabei belassen will diese Stimmungen mit deskriptiven Sätzen auszudrücken, welche ihrerseits die Stimmungen nicht ausdrücken, sondern er will sie mit seinen Sätzen erzeugen, was für Carnap eben ein sprachlogisches Unding ist. Deshalb vergleicht Carnap am Ende seines Aufsatzes Metaphysiker auch mit Musikern: „Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Fähigkeit. Dafür besitzen sie eine starke Neigung zum Arbeiten im Medium des Theoretischen, zum Verknüpfen von Begriffen und Gedanken.
Anstatt nun einerseits diese Neigung im Gebiet der Wissenschaft zu betätigen und andererseits das Ausdrucksbedürfnis in der Kunst zu befriedigen, vermengt der Metaphysiker beides und schafft ein Gebilde, das für die Erkenntnis gar nichts und für das Lebensgefühl etwas Unzulängliches leistet.“
Heidegger kann dieses Verkürzen der Äußerungen von Sätzen auf ihren propositionalen Gehalt nicht mitmachen. Heidegger will das „Geworfensein“ ins Dasein nicht verharmlosen, indem er darüber Auskunft gibt, ob das „Geworfensein“ der Fall ist und in welchen Relationen das „Geworfensein“ zu den Ängsten, Sorgen und Zweifeln des „Vorlaufen“ zum Tode steht. Er will diese Stimmungen erzeugen, weshalb er auch nicht davor halt macht die Sprache ein wenig zu verfremden bzw. neu zu erfinden, um aus den verharmlosenden Klischees des „Man“ auszubrechen. Heideggers „Sein und Zeit“ (Amazon-Link
Abschließend lässt sich sagen, dass Wittgensteins unbegründete Philosophiekritik anmaßend ist. Carnap hat zumindest den Versuch unternommen die Sinnlosigkeit der Metaphysik zu begründen, Wittgenstein hingegen verkündet diese einfach nur in einem All-Satz (DIE Philosophie). Prof. Tetens: „Wittgenstein war bei weitem nicht so gut in der Geschichte der Philosophie bewandert, als dass er sich solche falschen Verallgemeinerungen erlauben könnte. […] In Wahrheit finden sich überzeugende Belege für die These, dass bestimmte Philosophien sich einem Missverständnis der „logischen Grammatik“ der Sprache verdanken, weder bei Carnap noch beim Wittgenstein des Tractatus, sondern zum Beispiel bei einem Philosophen wie Gilbert Ryle mit seiner Kritik am Cartesianischen Dualismus. Bei aller Kritik an Wittgensteins Philosophiekritik steckt in seiner These, dass die Sätze der Philosophie sinnlos seien, doch ein sehr tiefer Gedanke, den wir bisher noch gar nicht erfasst haben.“ Dies soll in der nächsten Vorlesung geschehen.
PS: Wer mehr über Heidegger wissen will, dem Empfehle ich den Blog "phainomena" von Manuel Schölles.
