Dennoch soll hier ein weiterer Erklärungsversuch unternommen werden, um zu begründen, warum Wittgenstein die These, dass die Sätze der Ethik sinnlos sind, so scharf vertreten hat. Am Ende seiner „Vorlesung über die Ethik“ sagt Wittgenstein (auf Seite 19): „Soweit die Ethik aus dem Wunsch hervorgeht, etwas über den letztlichen Sinn des Lebens, das absolut Gute, das absolut Wertvolle zu sagen, kann sie keine Wissenschaft sein.“
Ist es dies? Will Wittgenstein mit seiner These sagen, dass die Fragen der Ethik keine Fragen der Wissenschaft sind? Prof. Tetens ist dieser Meinung und fasst deshalb diese und andere Thesen, die Wittgenstein vertreten hat noch einmal zusammen:
6.52: Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.
6.521: Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist dies nicht der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
Dass Wittgenstein mit seinen Thesen über die Ethik diese von den Wissenschaften und Wissenschaftlern trennen wollte, ist nicht nur die Überzeugung von Prof. Tetens. Auch Allan Janik und Stephen Toulmin interpretieren in ihrem Buch „Wittgensteins Wien“ (ZVAB-Link) den Tractatus so:
„Kurz gesagt: der Autor des Tractatus hatte das Anliegen, den Bereich der Lebensführung gegen Übergriffe des spekulativen Denkens zu schützen.
Er war sich wie Karl Kraus der Tatsache bewusst, dass die Vernunft nur dann ein Werkzeug des Guten ist, wenn sie die Vernunft eines guten Menschen ist. Das Gute des guten Menschen ist nicht eine Funktion seiner Rationalität; für ihn ist die Ethik eine Form zu leben, nicht ein System von Sätzen. [...] Deshalb war der Tractatus vor allem ein Angriff auf alle Formen rational begründeter Ethik.
Er behauptete natürlich keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Moral; nur dürfen die Grundlagen dieser nicht in jener gesucht werden. Wittgenstein und Schopenhauer finden beide – und jetzt im klaren Gegensatz zu Kant – die Basis der Moral eher im „richtigen Empfinden“ als in „zwingenden Gründen“. In jenen Grenzziehungen, die sich aus der Unterscheidung von Sagbarem und Sich-Zeigendem ergaben (Vernunft/Ethik – Ästhetik; Logik/Naturwissenschaft; Naturwissenschaft/Dichtung; Beschreibung/indirekte Kommunikation), glaubte Wittgenstein die philosophischen Probleme gelöst zu haben. Seine Bildtheorie des Satzes bestätigt Kierkegaards Diktum, dass der Sinn des Lebens kein rationaler Diskurs sei.
Ethik wird nicht durch Argumentation gelehrt, sondern in Beispielen moralischer Lebensführung. Darin liegt eine Aufgabe für die Kunst, exemplarisch erfüllt in Tolstois späten Erzählungen, die in Beispielen wahren religiösen Lebens zeigen, was Religion ist. Der Sinn des Lebens war für Wittgenstein wie für Tolstoi keine Frage akademischer Vernunft.
Die Bildtheorie des Satzes konnte [...] in der Zuweisung des Objektivitätsideals an die Wissenschaft jenen tatsachenfreien, wenn man so will: subjektiven Raum der Ethik reklamieren.“ (Vgl. Seite 232 und 233)
Ist es dies? Will Wittgenstein mit seiner These sagen, dass die Fragen der Ethik keine Fragen der Wissenschaft sind? Prof. Tetens ist dieser Meinung und fasst deshalb diese und andere Thesen, die Wittgenstein vertreten hat noch einmal zusammen:
- Tatsachen haben als Tatsachen an sich keinen Wert.
- Tatsachen können keine Werte begründen; aus deskriptiven Sätzen folgen keine normativen Sätze (naturalistischer Fehlschluss).
- Es gibt keinen intrinsischen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit einer Person, Werte und Normen rational oder gar wissenschaftlich zu begründen, und der Motivation und inneren Stärke einer Person, das ethisch Richtige zu tun.
- Es wird immer wieder viel zu viel über das Ethisch Richtige geredet, statt es einfach zu tun.
- Ethische Fragen sind keine wissenschaftlichen Fragen.
6.52: Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.
6.521: Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist dies nicht der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
Dass Wittgenstein mit seinen Thesen über die Ethik diese von den Wissenschaften und Wissenschaftlern trennen wollte, ist nicht nur die Überzeugung von Prof. Tetens. Auch Allan Janik und Stephen Toulmin interpretieren in ihrem Buch „Wittgensteins Wien“ (ZVAB-Link) den Tractatus so:
„Kurz gesagt: der Autor des Tractatus hatte das Anliegen, den Bereich der Lebensführung gegen Übergriffe des spekulativen Denkens zu schützen.
Er war sich wie Karl Kraus der Tatsache bewusst, dass die Vernunft nur dann ein Werkzeug des Guten ist, wenn sie die Vernunft eines guten Menschen ist. Das Gute des guten Menschen ist nicht eine Funktion seiner Rationalität; für ihn ist die Ethik eine Form zu leben, nicht ein System von Sätzen. [...] Deshalb war der Tractatus vor allem ein Angriff auf alle Formen rational begründeter Ethik.
Er behauptete natürlich keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Moral; nur dürfen die Grundlagen dieser nicht in jener gesucht werden. Wittgenstein und Schopenhauer finden beide – und jetzt im klaren Gegensatz zu Kant – die Basis der Moral eher im „richtigen Empfinden“ als in „zwingenden Gründen“. In jenen Grenzziehungen, die sich aus der Unterscheidung von Sagbarem und Sich-Zeigendem ergaben (Vernunft/Ethik – Ästhetik; Logik/Naturwissenschaft; Naturwissenschaft/Dichtung; Beschreibung/indirekte Kommunikation), glaubte Wittgenstein die philosophischen Probleme gelöst zu haben. Seine Bildtheorie des Satzes bestätigt Kierkegaards Diktum, dass der Sinn des Lebens kein rationaler Diskurs sei.
Ethik wird nicht durch Argumentation gelehrt, sondern in Beispielen moralischer Lebensführung. Darin liegt eine Aufgabe für die Kunst, exemplarisch erfüllt in Tolstois späten Erzählungen, die in Beispielen wahren religiösen Lebens zeigen, was Religion ist. Der Sinn des Lebens war für Wittgenstein wie für Tolstoi keine Frage akademischer Vernunft.
Die Bildtheorie des Satzes konnte [...] in der Zuweisung des Objektivitätsideals an die Wissenschaft jenen tatsachenfreien, wenn man so will: subjektiven Raum der Ethik reklamieren.“ (Vgl. Seite 232 und 233)
