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4 Kommentare

  1. § Lars E-Mail sagte am:
    Hi,
    ich finde den Vergleich von OpenSource und philosophischem Argumentieren ganz gelungen dargestellt. Nur an der Charakterisierung der Philosophie habe ich etwas auszusetzen. Du sprichst von "der großen und weisen Philosophie" und vergleichst sie implizit mit dem Bau einer Kathedrale. Warum aber vernachlässigst bzw. verharmlost Du den zutiefst politischen Charakter der Philosophie und die gesellschaftliche Sprengkraft ihrer Ideen? Dabei würde sich doch gerade hier eine Parallele zur OpenSource Entwicklung herstellen. Es sieht so aus, als wolltest Du Ästhetik und/oder einen vermeintlich philosophischen Lebensstil (Digerati?) der Wirtschaft und den anderen 'abtrünnigen' Wissenschaften gegenüber stellen und ersteren mit dem Hackerethos aufladen. Den Text mit der Frage enden zu lassen, ob jetzt Qualität über die Binarität von subjektivem Nachdenken und Austausch in einem Netzwerk bestimmt werden kann, finde ich demnach auch nicht prickelnd.
  2. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    Vielen Dank Lars für das anregende Kommtentar.
    Wenn ich hier von "der großen und weisen Philosophie" im Zusammenhang mit Ratschlägen der Wirtschaft rede, dann ist das als eine ironische Anspielung auf all die Philosophen gemeint, welche immer noch glauben zu den alten Arbeitsweisen (Kathedrale oder Sisyphos-Arbeit) zurückkehren zu können und deshalb jeden Vorschlag zur philosphischen Arbeitsumgestaltung missachten.

    Deine Parallele der Wirkungsmöglichkeit der Philosophie und der OpenSource Entwicklung finde ich sehr interessant. Tätsächlich hätte man den Beitrag dahingehend weiterführen können, doch dies lag nicht in meiner Absicht. Auch die Gegenüberstellung von der Wertschätzung der Ästhetik bzw. philosophischem Lebensstil und der Wirtschaft bzw. 'abtrünnigen' Wissenschaften hätte man aus dem Beitrag entwickeln können. Doch auch dies war hier nicht geplant. Beides sind jedoch sehr interessante Ideen und ich überlege mir hierzu nochmal etwas zu schreiben. Solltest du einen Beitrag dazu schreiben, dann gib mir bitte darüber Bescheid.

    In meinem Beitrag ging es mir um die verschiedenen Arbeitsmethoden und die Überlegung, ob die OpenSource Arbeitsmethode unbedingt im Gegensatz zur alten philosophischen Arbeitsmethode ein Qualitätsverlust mit sich bringen würde. Denn dies ist meist das Argument der Gegner neuer Arbeitsmethoden in der Philosophie - der Verlust der Qualität. Ich hoffe in meinem Beitrag dies als Missverständnis sichtbar gemacht zu haben.
  3. § Lars E-Mail sagte am:
    Lieber Duerhager,
    danke für die Klarstellungen. Nur eines ist mir noch nicht ganz verständlich: Worin soll der Unterschied genau bestehen? Ist es die Öffentlichkeit/Veröffentlichung vorläufiger Ergebnisse anstatt abgerundeter Endergebnisse, die die Grenze zwischen OpenSource und klassischen Arbeitsmethoden bildet? Oder die Frage nach Autorschaft, die zwischen individuell und kollektiv besteht?
    Was die Verkrustung der Strukturen an deutschen Unis gerade im Bereich Philosophie angeht, stimme ich dir zu. Andererseits ist es ja traditionell eher so, dass Überlegungen lange ausgearbeitet werden und gerade während dieses Prozesses immer wieder der Kritik zugänglich gemacht werden (durch Diskussionen, Vorträge, etc.). Dabei dürfte der Unterschied zu OpenSource darin bestehen, dass die klassische Methode innerhalb eines beschränkten Kreises stattfindet, der auf verschiedene Weisen kontrolliert wird, während die Publikation im Web per se für jeden zugänglich ist und den Zugriff gestattet (wie bei z.B. Diskussionen um die wissenschaftliche Qualität von Wikipedia).
    Eine letzte Frage: was genau meinst du mit "den alten Arbeitsweisen (Kathedrale oder Sisyphos-Arbeit)", eine Arbeitsweise oder eine Vorstellung von Philosophie?
  4. § Robert Duerhager® E-Mail sagte am:
    Wenn man eine größere Perspektive einnimmt, dann gibt es zwischen Wissenschaft und OpenSource eigentlich keine Unterschiede. Sowie bei der Entwicklung der Erkenntnisphilosophie wie auch bei Linux ist es immer ein Kollektiv von Spezialisten, welche das jeweilige Großprojekt weiter voran bringen.
    Betrachtet man jedoch die Zwischenschritte der Entwicklung, dann gibt es hier, wie Sie richtig erkannt haben, zwei Unterschiede. Die Veröffentlichung von Zwischenergebnissen bzw. unfertigen Ideen und die kollektive bzw. individuelle Autorenschaft.
    In der Philosophie werden fast nur größere Projekte veröffentlicht, welche eine Person (evtl. noch im Austausch mit wenigen Anderen) entwickelt hat. Hier werden große Schritte gemacht, welche nicht selten an die Neuentwicklung des Rades erinnern. Bei OpenSource werden von bloßen Ideen über Patches (Flicken), kleinen Hacks (Veränderungen), neuen Plugins (Erweiterungen) bis zu fertigen neuen Realeses (Versionen) alles veröffentlicht. Jeder dieser Entwicklungen kann von jedem weitergeführt, ergänzt oder für etwas ganz neues genutzt werden. Dadurch entsteht eine sehr breite Entwicklung, welche es in der Philosophie so nicht gibt, da bloße Ideen oder Zwischenschritte nicht die Möglichkeit bekommen sich in andere Richtungen weiter entwickeln zu können. Zumindest entsteht hier eine Verzögerung bei der Nutungsmöglichkeit.
    Es stellt sich natürlich die berechtigte Frage, wie man bei einer breiteren Entwicklung in alle Richtungen noch die Qualität sichern kann, welche in der Philosophie eine große Tradition und Wichtigkeit besitzt. In der OpenSource Geschichte haben sich dazu die sogenannten Distributionen (Zusammenstellungen) entwickelt. Diese versammeln viele einzelne qualitativ hochwertige Programme zu einem ganzen (Betriebs-)System.

    Noch ein paar Sätze zu "den alten Arbeitsweisen (Kathedrale oder Sisyphos-Arbeit)". Immer wieder wird das Argument gebracht, das z.B. ein Kant in der heutigen Zeit nicht mehr möglich wäre. Denn Kant hat über zehn Jahre hinweg keine Veröffentlichung gemacht, bis er dann mit der Kritik der reinen Vernunft aufwartete. Das kann sich heute niemand mehr an der Universität leisten. Kant hat in den zehn Jahren in mühevoller Arbeit eine „Kathedrale“ gebaut, deren Betreten der Öffentlichkeit bis zur Fertigstellung untersagt war.
    Der Feststellung, dass ein zehnjähriges Schweigen in der heutigen Zeit unmöglich geworden ist, kann ich nur zustimmen. Jedoch bedeutet dies nicht, dass ein so großes Werk wie es Kant in den zehn Jahren entwickelte, heute nicht mehr möglich wäre. Im Gegenteil, ich will sogar behaupten, dass wenn man die Chancen der Zeit nutzt man innerhalb von zehn Jahren noch größere Projekte entwickeln könnte, eben durch die Vernetzung und dem öffentlichen Austausch der Zwischenschritte.

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