Der britische Videokünstler Phil Collins hat auf der diesjährigen Berlin Biennale einen Film über ehemalige DDR ML-Lehrer vorgestellt. Spiegel Online berichtet darüber hier.
Für diejenigen, die jetzt nicht wissen, worüber ich rede: ML ist die Abkürzung für Marxismus-Leninismus und damit die Bezeichnung für die Staatsideologie der Deutschen Demokratischen Republik und der anderen sich sozialistisch oder kommunistisch nennenden Länder. Diese Ideologie, welche in eher religiöser Weise, aber mit wissenschaftlichem Anspruch ausgeübt wurde, basierte weitgehend auf den Werken von Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin). Eine oder zwei Generationen vor meinem Studium spielte noch Stalin die entscheidende Rolle.
Fortsetzung:
Weil es naturgemäß eine große Spannung gab zwischen der ideologisch - religiösen Verarbeitung dieser Werke und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung, fand diese Staatsideologie und ihre Verbreitung auf verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Weisen statt.
Die Pole waren die pseudoreligiöse Vermittlung als Glaube in einem Extrem und die wissenschaftliche Einordnung in das gegenwärtige philosophische Denken und die ständige Weiterentwicklung als Wissenschaft im anderen Extrem. Das ist in etwa vergleichbar mit dem Anliegen der Erziehung der Jugend in Ehrfurcht vor Gott in einigen bundesdeutschen Verfassungen (Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz). Es gibt also keinen Grund, arrogant auf die DDR zu zeigen und deren Indoktrinierung anzuprangern.
Wie bei jeder Religion wurde der ML von den Orthodoxen als einzig wahre Erleuchtung und einzig mögliche Weltanschauung empfunden und jede andere Auffassung oder Religion als falsch, kindlich oder feindlich angesehen. Wir finden ein ähnliches Denken im extremen Islamismus unserer Zeit. Das Ziel war, den Klassikern (vergleichbar dem Koran oder der Bibel oder den religiösen Schriften) möglichst nahe zu kommen. Dementsprechend wurden diese Klassiker auch in einem teilweise extremen Personenkult durch Benennung von Straßen, Schulen, Bergen, Städten usw. und durch überdimensionierte Denkmäler als übermenschlich herausgehoben.
Aufgabe der Gläubigen war es, die Lehre zu kennen und bestenfalls zu interpretieren, sie aber nicht zu verändern. Das taten die Revisionisten und die Opposition, welche dafür teilweise äußerst brutal verfolgt wurden.
Demgemäß gab es mehrere Ebenen:
- Die Staatsbürgerkundelehrer, vergleichbar mit Katecheten, welche aus einem Kanon von Aussagen heraus hauptsächlich an der Bewußtseinsbildung und dem Glauben von Schülern der ersten Klasse bis zum Ende der Berufsausbildung arbeiteten.
- Die ML-Lehrer, die in den Fach- und Hochschulen für das Marxistisch-Leninistische Grundlagenstudium zuständig waren. Das bedeutete, dass jeder und jede Studierende im ersten Jahr Philosophie, im zweiten Jahr Politische Ökonomie und im dritten Jahr Wissenschaftlichen Kommunismus (um die Jahre 1980 umbenannt in wissenschaftlichen Sozialismus) gelehrt bekam. Auch diese Lehre, vergleichbar mit Religionsunterricht, hielt sich an einen Kanon von Lehrunterlagen und Büchern, welche speziell für diesen Zweck von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED erarbeitet wurden. Ziel dieser Lehrer war, möglichst alle Studierenden auf einem höheren Niveau als in der Schule mit der Lehre vertraut zu machen und Verbindungen zu den jeweiligen Studienfächern, Medizin, Ingenieurwissenschaften herzustellen. Ein gewisses Maß an Kritik war hier schon möglich, aber das hing sehr vom Orthodoxiegrad der jeweiligen Lehrer ab.
- Die Philosophen, die in den Hochschulen und Universitäten teilweise für die Lehre, aber teilweise für die Weiterentwicklung der Theorie zuständig waren. Diese Weiterentwicklung spaltete sich in der DDR in zwei Bereiche. In Berlin gab es die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, welche die Aufgabe hatte, vorrangig die Kanonisierung und das Funktionieren der sozialistischen Ideologie sicherzustellen. Das kann man vergleichen mit dem Papst und seinen Funktionären in Rom für die katholische Religion. Hier fand auch der Abgleich mit den politischen Ereignissen der Zeit statt. Herausragend waren hier die Leute um Manfred Buhr.
Mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit und dem Bedürfnis nach internationaler Anerkennung entstand das Problem, eine Institution zu schaffen, welche nicht so stark an die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) und damit an die Staatsmacht, sondern mehr an der wissenschaftlichen Tradition angelehnt war. Das war die Akademie der Wissenschaften.
Die Aufgabe dieser Philosophen war die Weiterentwicklung der Wissenschaft, als welche sich marxistisch-leninistische Philosophie empfand, Exegese der Texte der "Klassiker", Einordnung und Verarbeitung neuer wissenschaftlicher Entdeckungen und die Kritik der "bürgerlichen Ideologie", das heißt Philosophiegeschichte. Das kann verglichen werden mit der Theologie als Religionswissenschaft. Herausragend waren hier die Philosophen um Herbert Hörz, Karl Friedrich Wessel, Peter Ruben, Wolfgang Heise, welche sich mit philosophischen Problemen der Naturwissenschaften beschäftigten. Mein Lehrer in Geschichte der Philosophie war der Spinoza-Kenner Helmut Seidel.
Auch ich habe zu DDR Zeiten in diesem Fach ca. 8 Jahre lang mein Geld verdient. Studiert habe ich in Leipzig. Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden und Literaturwissenschaft studieren. Da war aber kein Studienplatz mehr verfügbar. So wurde es Philosophie, obwohl ich bis zum Beginn meines Studiums (und eigentlich auch noch die nächsten drei Jahre) keine Ahnung hatte, was das eigentlich ist. Ich wusste nur, es war keine Mathematik dabei, vor der ich zu dieser Zeit eine Allergie hatte. Von 1981 bis 1989 habe ich, mit 18 Monaten Unterbrechung für den Grundwehrdienst, an der Technischen Hochschule Wismar Philosophie für Studenten unterrichtet. Mein Status war der eines Philosophen, der sich zur Akademie der Wissenschaften hingezogen fühlte. Ich war aber niemals stark, klug und einflussreich genug, mir dort eine tragfähige wissenschaftliche Position aufzubauen.
Als Philosoph habe ich mich in meinem Selbstverständnis immer als Weltbürger und Bestandteil des Flusses des allgemeinen Geistes des Denkens unabhängig von Religionen und Ideologien gesehen. Das kann leicht auch in den Artikeln dieses Blogs beobachtet werden. Aus diesem Selbstverständnis entstanden auch die wenigen Spannungen und Probleme, denen ich in dieser Zeit ausgesetzt war. Auf Grund meiner Unbedeutendheit war ich aber nie gefährlich genug, um über Kleinigkeiten hinaus gemaßregelt zu werden. So war ich weder ein Verfolgter des SED Regimes (was mir jetzt vielleicht nützen würde), noch ein Vertreter des SED-Regimes (als der ich jetzt vielleicht Reue, Schuld oder Bitterkeit ob des Verlustes meiner geistigen Heimat oder meiner Privilegien spüren würde).
Meine Freunde in Wismar waren ausnahmslos in den Bürgerrechtsbewegungen jeder Farbe engagiert. Aber die Staatssicherheit hat sich, soviel ich bisher weiss, nie ernsthaft für mich interessiert.
Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass "nicht gefördert zu werden" gleichbedeutend mit Verfolgung empfunden wurde und vielleicht auch war. Eine politische Funktion durfte ich nie ausüben, im Gegensatz zu unserer jetzigen Bundeskanzlerin, ich werfe ihr das nicht vor, ich stelle nur fest, dass es keinen Grund gibt, jemanden wegen einer solchen Funktion zu verurteilen. Man kann auch als ehemalige FDJ-Funktionärin oder gar in weiteren Funktionen Erfolg in der heutigen demokratischen Welt haben! Ich war einfach nicht würdig genug für eine solche Funktion. Ich durfte auch nicht in einem Kulturthema, wie ich es mir gewünscht hatte, promovieren, sondern in einem Thema der Arbeitswissenschaften. Aber ich durfte promovieren! Dadurch habe ich Wissen gewonnen, das mich befähigt, heute noch Einzelpersonen wie Unternehmen und Einrichtungen zu helfen, erfolgreich zu werden.
Meine Studenten waren an Philosophie eher mehr interessiert, so daß die Lehre Spass machte und in der Regel in interessanten Diskussionen stattfand. Auch hier habe ich Glück gehabt, und niemandem geschadet, der oder die im Seminar vielleicht eine "abweichende" Meinung äußerte.
Manchmal, besonders in Diktaturen, scheint es auch gut zu sein, keine herausragenden Fähigkeiten zu haben.
Wir nannten das den Champignon Effekt: Erst wird der Mist unserer Politik und des ökonomischen Alltags ausgelegt, dann das Myzel der Wissenschaft geimpft und wenn sich ein helles Köpfchen zeigt, wird es sofort abgeschnitten.
Nach dem Untergang des Staatssozialismus war auch die Staatsreligion obsolet und unsere Institute wurden in mehr oder weniger würdiger Art und Weise zerstört und "abgewickelt".
Die Identifikation mit der alten ML-Religion haftet mir sicher noch an. Stellen Sie sich einfach mal vor, die Muslime übernehmen die Macht in Europa! Wie werden sich die Priester, die Theologen, die Kirchen fühlen? Selbst wenn Sie die ganze Zeit Kritiker der Kirche waren, wie Dawkins oder Drewermann, wenn das kritisierte Objekt plötzlich weg ist, ist auch ihre Kritik obsolet. Aussagen, welche Sie eben noch ihre Existenz gekostet hätten oder wegen denen Sie verfolgt wurden, sind nun einfach irrelevant, nicht einmal mehr im Bordsteinjournalismus, geschweige denn in einem wissenschaftlichen Zusammenhang bedeutsam.
Im Gegensatz zu vielen ehemaligen ML-Lehrern denke ich nicht mit Bitterkeit an die grundlegende Veränderung meiner Lebens- und Arbeitsbedingungen durch die politische Wende.
Das scheint überhaupt für diejenigen, die in meiner Altersgruppe studiert und gearbeitet haben, nicht untypisch zu sein. Auf einem Klassentreffen vor einigen Jahren fiel mir auf, dass die meisten ganz gut überlebt hatten. Akademische Karrieren hatten nur noch einer oder zwei aus 4o, welche ich wiedergesehen hatte. Viele ehemalige Kommilitonen haben mehr oder weniger erfolgreiche Business-Karrieren hinter sich. Überhaupt schien sich die Lage meiner ehemaligen Kommilitonen nicht von der Lage jeder anderen Gruppe dieses Alters zu unterscheiden. Ein Klassentreffen aus meiner Lehre als BMSR-Techniker zeigte, dass alle meine männlichen Mitlehrlinge als Ingenieure gearbeitet hatten, teilweise kleine Unternehmen gegründet oder feste Jobs hatten. Die weiblichen Mitlehrlinge waren in der Regel die "rechten Hände" ihrer Männer.
Eine ganze Generation vor mir hatte es weitaus schwerer, Wolfgang Biermann hat das in sehr bildhafte Sprache dargestellt in seiner Rede zur nachträglichen Verleihung des Philosophie-Diploms und der Ehrendoktorwürde an der Humboldt-Universität.
Nach der Wende habe ich dann wieder Philosophie studiert, an der Universität Potsdam, zusammen mit Anglistik und Amerikanistik. Weil ich aber meinen Lebensunterhalt verdienen muss, habe ich dort keine Abschlüsse gemacht. Ich geniesse es bis heute, Seminare an den Universitäten zu besuchen und dabei immer wieder Neues zu lernen.
Irgendwie habe ich also nie aufgehört, ein Student der Philosophie zu sein. Mir macht Philosophie einfach Spass, auch wenn ich akademisch nicht die Spur einer Chance habe.


Beeindruckt war ich über die Eloquenz der dargestellten Personen (hab ich nicht anders erwartet, aber nicht zu hoffen gewagt) Es wurden drei verschiedene Personen mit drei verschiedenen Biografien dargestellt, wobei eine ML-Lehrerin und zwei Personen Ökonominnen waren. Das war noch mal eine ganz andre Schiene. Und es gab noch einen Exkurs über den DDR Sport.
So war das meines Erachtens nicht gerade ein Film über ML-Lehrerinnen sondern unter anderem mit ML-Lehrerinnen. Und so schreibt das ja auch der Spiegel.
Den im Spiegel-Artikel erwähnten zweiten Teil des Films, den mit der Lehrveranstaltung, habe ich nicht entdeckt, vieleicht war ich zu ungeduldig.
Der sehr lange zitierte Werbefilm zum Staatsbürgerkundeunterricht (zum Thema Ausbeutung) zeigte, wie nutzlos die Materialien waren, welche für den Unterricht zur Verfügung standen.
Ich kann mich auch nicht erinnern, ob jemals einer meiner Kollegen und Kolleginnen solch ein Material benutzt hat. Ich jedenfalls nicht.
Das zeigt aber auch eine Schwierigkeit von Geschichtsschreibung. Wenn zum Beispiel der ML-Unterricht in der DDR nur ausgehend von solchen Lehrmaterialien oder gar den Büchern und Lehrunterlagen betrachtet werden würde, entsteht ein falsches Bild. Das gesprochene Wort nämlich, die lebendige Diskussion existiert nicht als Dokument, nur noch als nicht belegbare Behauptung. Vielleicht hat man Glück und es existiert eine Stasi-Mitschrift ;-)
Manchmal leide ich darunter und fühle mich mißverstanden oder mißinterpretiert. Und das hat ja auch Folgen für die öffentliche Meinung.