« Philosophie im 21. Jahrhundert: eine Vorstellung von „Jungert, M.; Romfeld, E.; Sukopp, T.; Voigt, U.: Interdisziplinarität: Theorie, Praxis, Probleme. Darmstadt: WBG 2010.“Die Relation von Geist und Materie - oder: ich bin weder Materialist noch Mechanist »

26 Kommentare

  1. § Rolf Grießhammer E-Mail sagte am:
    Ein sinnvolles (argumentatives) Streitgespräch setzt auch in der Schriftform die wechselseitige Bereitschaft voraus, zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen. Wer sich an den Prinzipien der Wissenschaft und der vernünftigen Argumentation orientiert, findet trotz mancher Unterschiede über die Disziplinen hinweg eine Grundlage, auf der man sich verständigen kann. Ob es sinnvoll ist, sich ausführlich mit Leuten auseinanderzusetzen, die damit nichts anfangen können oder wollen, ist fraglich... Offenbar ist manchen die Wissenschaft völlig fremd. Und Wissenschaftstheorie ist eine abstrakte Angelegenheit. Aufklärung - muss hier wohl auf einem sehr viel niedrigeren Niveau ansetzen.
  2. § Jochen Ebmeier® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Heichele! Ihr Bemühen, der Geisterseherei in den Weg zu treten, hat meine ganze Sympathie. Aber laufen Sie nicht Gefahr, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen? Das leibliche Bedürfnis nach Übersinnlichem hat doch gar keine rationalen Wurzeln. Wie soll man ihm da mit rationaler Argumentation beikommen?

    Überdies läuft man dabei Gefahr, auf Bananenschalen auszugleiten, die man selber hingeworfen hat. Der Gefahr sind Sie auch nicht ganz entgangen. Sie schreiben. "„Wahrheit“ kann dann im Sinn der strukturellen Korrespondenztheorie als strukturelle Übereinstimmung zwischen Satz und dem von ihm beschriebenen Teil der Realität verstanden werden." Damit überzeugen
    Sie nicht nur keinen Geisterseher, sondern nicht einmal mich. Der - wie Sie richtig formulieren - 'beschriebene Teil' der Wirklichkeit ist ja wohl doch nicht die Wirklichkeit selbst, sondern eine... Beschreibung. Ein BILD derselben. Der theoretische Satz wäre dann ein Bild von diesem Bild. Was an Wahrheitsqualität gewonnen ist, wenn ein Bild in ('strukturelle) Übereinstimmung mit einem Bild gebracht wird, kann ich nicht einsehen. Es wird ja doch immer die Übereinstimmung der Bilder MIT DER WIRKLICHKEIT erstrebt. Was natürlich nur dann einen Sinn hätte, wenn wir von der Wirklichkeit etwas wissen könnten, BEVOR sich ein... Bild zwischen sie und mich geschoben hat!

    Was das aber heißen möchte: die Dinge "'an sich"'... - das hat noch nie ein Mensch plausibel machen können.
  3. § heichele® E-Mail sagte am:
    @Rolf Grießhammer
    Im Prinzip sehe ich das genau so. Ich denke, diejenigen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – absichtlich (und nicht aus Unwissen) der Wissenschaft verschließen, werden sich von wissenschaftstheoretischen Ausführungen nicht beeindrucken lassen. Die Frage ist, ob sie sich überhaupt von irgendeiner Art der Entgegnung beeindrucken lassen… Im Prinzip ist Wissenschaft so etwas Einfaches und Schönes: jeder kann, unabhängig von Geschlecht, Religion, Nationalität usw. mitreden – es bedarf nur eines Minimums an kognitiven Fähigkeiten und der Bereitschaft, diese auch einzusetzen.

    @Jochen Ebmeier
    Ich habe nichts gegen den Glauben an Übersinnliches (es kommt auch ein wenig auf die Definition des Begriffs an), aber eben bitte nicht in den Bereichen, in denen das wissenschaftliche Wissen hochgradig bestätigt ist und schon gar nicht unter dem Deckmantel der Wissenschaft.

    Ich stimme natürlich zu, dass das Ding an sich nie zu erkennen sein wird – gleichzeitig muss ich aber die strukturelle Korrespondenztheorie, die sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss ist (aber was ist das schon?) gegen den vorgebrachten Einwand verteidigen.

    Der „beschriebene Teil der Realität“ ist keine – wie Sie vermuten – Beschreibung und auch kein Bild. Ich schrieb ja nicht von einer Übereinstimmung von Satz und Beschreibendem. In einem sehr einfachen Fall wird die Korrespondenztheorie als Übereinstimmung zwischen Aussage und Realität aufgefasst. Bei obiger Definition der strukturellen Korrespondenztheorie wurden nun einige Verfeinerungen gemacht, wenn z.B. auf die strukturelle Übereinstimmung (man denke z.B. an ontologische Probleme, wenn man sich bzgl. der Referenz von Begriffen und deren Repräsentation in Worten oder den metaphysischen Status von Beobachtungsbegriffen Gedanken macht) Wert gelegt wird. Die Struktur des Satzes und damit der Aussage soll mit der Struktur der Realität übereinstimmen – nachdem aber der Satz sich nur auf einen Teil der Realität bezieht (mit einem Satz sind ja nicht alle Tatsachen abgedeckt), wird dies dahingehend berücksichtigt, dass sich die strukturelle Übereinstimmung auch nur tatsächlich auf den beschriebenen, d.h. angesprochenen oder erwähnten, Teil der Realität bezieht. Der „Teil der Realität“ (bzw. genau genommen die Referenz dieser drei Wörter in Anführungszeichen) ist somit Bestandteil der (Referenz des Begriffs) Realität und nicht etwa ein sprachliches (Ab)Bild oder eine Beschreibung.
  4. § Helmut Hofbauer E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,
    Sie machen einen großen Fehler. Gut, Sie kämpfen gegen Esoteriker - für die habe ich auch nichts über. (Ich möchte an dieser Stelle auch bemerken, dass mir weder Herr Freistetter noch Herr Broers bekannt sind.) Aber sie beschreiben Wissenschaft - und hier sind wir bei einem Leibthema von mir - als eine Tätigkeit. Das ist aristotelisch! Könnten wir uns darauf einigen, dass wir, was die Wissenschaft betrifft, post Whewell leben? Und seit dem 19. Jh. ist die Wissenschaft einfach keine Tätigkeit mehr, sondern eine Organisation. Das bedeutet: Wenn jemand also alleine arbeitet und all die methodologischen Anweisunge befolgt, die Sie in Ihrem Beitrag erwähnt haben, arbeitet er nicht wissenschaftlich! Warum nicht - weil die Anerkennung durch die Scientific community noch fehlt. Aber - könnte man nicht so arbeiten/erkennen, wie sie das fordern, und dann behaupten, dass es wissenschaftlich sei, weil man sich ja an alle Regeln gehalten hat? Nein, das kann man nicht, weil man die Anerkennung der Scientific community nicht erzwingen kann. Aus diesem Grund enthält Ihr Blogbeitrag eine große Falle für alle naiven, intelligenten, jungen Leute: Sie könnten glauben, wenn sie sich an diejenigen Regeln halten, die Sie aufgelistet haben, arbeiten sie wissenschaftlich - und werden folglich auch von der wissenschaftlichen Gemeinschaft in ihrem Bemühen anerkannt werden. Das aber ist idealistisches Wunschdenken. Die Sorge, dass junge, gutgläubige Menschen in dieser Weise verführt werden, ist bei mir gleich groß wie Ihre Sorge und Abscheu bezüglich Esoterikern. Mit besten Grüßen aus Wien
    Helmut Hofbauer
  5. § heichele® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Hofbauer,

    ich bin mir keines Fehlers bewusst. Ich schreibe von Wissenschaft – und hier sind wir bei einem Leibthema von mir – als einer Form der Weltorientierung mit besonderer Begründungspraxis. Das ist modern. Ihre wissenschaftssoziologische Deutung ist weder neu noch besonders originell. Und sie trifft (in ihrer Gänze) auch nicht zu. Eine der Kernaufgaben der Wissenschaftstheorie ist die Definition und Benennung der Kriterien wissenschaftlicher Rationalität – und hier habe ich einen kleinen Auszug gegeben. Und: natürlich kann man nach oben genannten Regeln arbeiten und dann sagen, dass das Wissenschaft ist (wie haben denn Sie eigentlich Ihre Promotion hinbekommen? Durch Würfeln?).

    Dass selbst die scientific community mitunter Regeln der Wissenschaft verletzt, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass Wissenschaft heute vorzugsweise gemeinschaftlich betrieben wird. Mir scheint, ihr ganzer Blick richtet sich ausschließlich auf die erstrebte Anerkennung der scientific community – und die Anerkennungsmechanismen muten mir zudem ein wenig suspekt an…

    So kann ich nur fragen: wo bleibt der Gag?

    Beste Grüße zurück
    Thomas Heichele
  6. § Jochen Ebmeier® E-Mail sagte am:
    Herr Heichele, Sie drehen sich im Kreis: "Die Struktur des Satzes und damit der Aussage soll mit der Struktur der Realität übereinstimmen ." Wo anders haben Sie denn eine 'Struktur der Realität', als in Ihrem Wissen? In Ihrem Wissen finden Sie ein Bild (das Sie - oder Ihr Gehirn, wie mancher sagen würde - sich zuvor selber gemacht haben). Über dieses Bild sagen Sie Sätze. Sie übersetzen ein analoges Bild in ein digitales Zeichensystem. Deren 'Übereinstimmung' ist selber ein Problem, aber nur eines der Richtigkeit.

    Ein Problem der Wahrheit wäre die Übereinstimmung der Bilder mit 'der Realität'; wobei kein Mensch sagen kann, was eine Realität außerhalb, unterhalb, oberhalb der Bilder sein mag, die wir uns von ihr machen; noch sagen kann, was denn 'Übereinstimmung' hier bedeuten solle!

    Im Übrigen teile ich im Wesentlichen die Auffassung von Herrn Hofbauer. Siehe meinen Beitrag "Wissenschaft ist öffenbtliches Wissen, punctum" hier im Philosophieblog: http://philosophieblog.de/ebmeier/agoratrans-jpg-1
  7. § heichele® E-Mail sagte am:
    @Jochen Ebmeier
    Ich schrieb nicht umsonst, dass das Ding an sich nicht zu erkennen ist. Was die Letztbegründung anbelangt, gebe ich ihnen Recht - mir ging es v.a. darum, zu klären, an welcher Stelle die Kette des sicher Begründbaren abreißt, das war wohl ein Missverständnis. Es ist ein Problem der Korrespondenztheorie, dass es kein absolutes Mittel (quasi einen archimedischen Punkt) gibt, um die Korrespondenz zwischen Satz und Wahrheit mit Sicherheit zu beschreiben. Hier bietet z.B. die Kohärenztheorie einen Ausweg – der ausschließliche Vergleich mit anderen Aussagen ist mir metaphysisch jedoch zu wenig. Das komparative Element genügt einem Platonisten nicht ;-) Aus der letztlichen Unbeweisbarkeit habe ich aber nie einen Hehl gemacht.
  8. § Florian Freistetter E-Mail sagte am:
    Schöner Artikel und eine gute Beschreibung des Dilemmas. Danke!
  9. § Jochen Ebmeier® E-Mail sagte am:
    Dass das Ding-an-sich nicht zu erkennen sei, ist eine Halbwahrheit, die an den Unsinn grenzt. Das Ding-an-sich ist ein Ungedanke, nicht umsonst (oder doch?) schrieb ich, dass kein Mensch sinnvoll erklären kann, WAS DAS SEIN SOLL.

    Wie Sie sehr richtig - aber ohne es wohl ganz so zu meinen - schreiben, GIBT ES keinen solchen archimedischen Punkt nicht, ohne den der Gedanke an eine objektiv 'gegebene' Wahrheit mehr wäre als... Geisterseherei, die in der wissenschaftlichen Philosophie nichts zu suchen hat.

    Wahrheit ist nicht Etwas, das 'es gibt', sondern etwas, das schlechterdings sein SOLL. Sollen liegt nicht im Objektiven. Nur ein Subjekt kann sollen.

    Nichts, was IST, kann wahr sein, sondern nur das, was absolut GELTEN soll.

    Auch dazu habe ich in diesem Blog schon geschrieben, unmittelbar vor Ihrem Beitrag: "Der wahre schöne Schein", http://philosophieblog.de/ebmeier/der-wahre-schoene-schein. Dort ist das Thema ausgeführt.
  10. § heichele® E-Mail sagte am:
    @Florian

    Danke. Das hab ich auch als dringend notwendig erachtet. Diese Mentalität der Beliebigkeit der ganzen Pseudowissenschaftler regt mich ungemein auf…


    @Jochen Ebmeier

    Der Glaube an eine objektive Wahrheit, die im absoluten (und nicht etwa im intersubjektiv objektivierbaren) Sinn verstanden wird, hat in der Tat in der wissenschaftlichen Philosophie nichts zu suchen – wenn es sich dabei um die alleinige und entscheidende epistem(olog)ische Grundlage handeln würde. Das ist aber nicht der Fall. Ich sprach auch nicht von der Korrespondenztheorie als einzig verträglicher Wahrheitstheorie (und legte bei dem Begriff Realismus Wert auf den Zusatz „minimal“).
  11. § Jochen Ebmeier® E-Mail sagte am:
    Auch ein minimaler Unsinn hat keinen Sinn.
  12. § skeptikus E-Mail sagte am:
    Interessante Ausführungen. Anbei noch ein Linktipp zum Thema
    Parawissenschaften/Pseudowissenschaften auf den Seiten der GWUP www.skeptiker.de

    http://www.gwup.org/infos/themen/698-parawissenschaften-und-pseudowissenschaften

  13. § heichele® E-Mail sagte am:
    @Jochen Ebmeier
    Der minimale Realismus (der ja noch wesentlich „stärkere“ Realismen zulässt) ist im Sinne eines abduktiven Schlusses die vernünftigste Erklärung dafür, dass es irgendwelche Arten von Wahrnehmung gibt und geht davon aus, dass das, was wir als Wahrnehmung bezeichnen, in irgendeinem kausalen Zusammenhang mit etwas außerhalb von uns Liegendem steht. Er ist nicht empirisch beweisbar, sondern muss sich über den Erfolg der Erfahrungserkenntnis rechtfertigen. Selbstverständlich ist auch er der prinzipiellen Fallibilität unterworfen.
  14. § Helmut Hofbauer E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,
    was Sie mir auf meinen Einwurf geantwortet haben, finde ich wirklich sehr lustig. Einmal davon abgesehen, dass Argumente nicht dadurch richtig oder falsch werden, dass sie alt oder jung sind, aber Sie schreiben:

    "Ich schreibe von Wissenschaft [...] als einer Form der Weltorientierung mit besonderer Begründungspraxis." - Und ich sage Ihnen, Wissenschaft ist keine individuelle Weltorientierung sein, kann keine sein, weil sie eine soziale Organisation sein. Das heißt, natürlich können Sie sich die Wissenschaft zusätzlich auch zur persönlichen Weltorientierung machen - das würde ich ein "idealistisches Wissenschaftsbild" machen, aber das tun Sie dann auf eigene Gefahr. Ob sich dann die Scientific community oder die Gesellschaft an das halten wird, was Sie für wissenschaftlich halten wollen, ist dann Ihr Risiko. (Ich finde es halt ein bisschen überflüssig, auch selbst, subjektiv Teil einer Gemeinschaft sein zu wollen, deren Regeln darauf hinauslaufen, dass man allein ist.)
    Weiters schreiben Sie: "Und: natürlich kann man nach oben genannten Regeln arbeiten und dann sagen, dass das Wissenschaft ist (wie haben denn Sie eigentlich Ihre Promotion hinbekommen? Durch Würfeln?)." Darauf kann ich Ihnen nur antworten: Ja, durch Würfeln. Aber ich habe nicht gewürfelt. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat gewürfelt. Und es hätte genauso gut auch "Kopf ab" heißen können, egal wie gut die wissenschaftliche Arbeit ist.
    Und hier machen Sie wiederum einen Fehler, Herr Heichele: Wenn Sie schon ein persönliches Wissenschaftskonzept verfolgen - Wissenschaft als Welthaltung, Wissenschaft als Lebensorientierung - dann müssten Sie eigentlich auch einen ganz klaren Schnitt machen und sagen, dass es Ihnen egal ist, ob die Scientific communitiy Ihr Bild von Wissenschaftlichkeit anerkennt. Wenn Wissenschaft hingegen eine soziale Organisation ist, dann halten Sie sich an die wissenschaftlichen Regeln - und das können auch solche sein (wie ich gerade bei Carl Djerassi lese), den Reviewern Ihrer Arbeit im Vorhinein zu schmeicheln etc. Auch das sind wissenschaftliche Regeln.
    Mit freundlichen Grüßen
    Helmut Hofbauer
  15. § heichele® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Hofbauer,

    Sie schreiben schon wieder nichts Neues und nichts Überzeugendes. Von ihren ersten Anfängen an war (Proto)Wissenschaft der Versuch, gesichertes Wissen in Abgrenzung zum reinen Glauben zu generieren – und von ihren Anfängen an gab es Schulen, in denen gewissermaßen institutionalisiert den wissenschaftlichen Leitbildern nachgegangen wurde.

    Nun gab es aber auch eine Menge an (proto)wissenschaftlichen Revolutionen, Aufklärungsphasen und dergleichen. In diesem Zuge hat sich nach und nach ein einigermaßen universelles Wissenschaftskonzept entwickelt. Ich schreibe im Übrigen im Allgemeinen von Wissenschaft als „einer Form der Weltorientierung“ – Sie machen daraus eine „individuelle Weltorientierung“. Zudem behaupten Sie, etwas Derartiges könne Wissenschaft gar nicht sein, da sie eine soziale Organisation sei. Wir fassen zusammen: erstens verkürzen Sie meine Aussage in unzulässiger Weise, zweitens schließen Sie etwas, was nicht sein muss bzw. nicht ist.

    Natürlich ist Wissenschaft AUCH eine individuelle bzw. subjektive Welt- und Lebensorientierung – nämlich dahingehend, dass es zuallererst der Wissenschaftler als Subjekt ist, der entsprechende Untersuchungen/Überlegungen anstellt. Nachdem dies jedoch nicht nach beliebigen Kriterien, sondern im Sinne eines rationalen Konsenses nach allgemein anerkannten Leitlinien (nach solchen, die sich in 2500 Jahren Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte als die – bis jetzt – vernünftigsten herausgestellt haben) geschieht, wird aus der subjektiven einer intersubjektive Angelegenheit. So hat Wissenschaft sowohl ein individuelle, als auch eine sozialen Komponente. Das Ziel der Wissenschaft – im subjektiven wie auch im intersubjektiven Bereich – bleibt dabei stets unverändert: wahre und gehaltvolle Aussagen – bzw., mit anderen Worten, eine besondere Form der Weltorientierung (die Begründungspraxis sieht vor, dass es um einen Wahrheitsbezug geht, dass das Ganze methodengeleitet sein soll und nachprüfbar ist).

    Sie nehmen sich einen kleinen Bereich dessen, was Wissenschaft notwendigerweise, ist, heraus und behaupten, das sei alles. Dass in der Praxis mitunter im Sinne eines Selbstorganisationsprozesses eine gewisse Eigendynamik innerhalb der scientific community entsteht, bezweifle ich nicht (das schrieb ich auch oben) – das Ziel als Leitbild bleibt davon jedoch unberührt.

    Nur weil Wissenschaft AUCH eine soziale Komponente hat (das ist ja genau ihr Trumpf: die intersubjektive Objektivierbarkeit), heißt das weder, dass sie nicht auch eine individuelle bzw. subjektive Komponente hat (die muss es geben, da der Wissenschaftler/Mensch stets Subjekt ist), noch, dass damit die besondere Form der Weltorientierung unmöglich ist. Glücklicherweise ist es immer noch Bestandteil der menschlichen Kultur, als Gemeinschaft Wissen ansammeln zu wollen…

    Beste Grüße
    Thomas Heichele
  16. § Helmut Hofbauer E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,
    haben Sie herzlichen Dank für Ihre Antwort auf meine Einwände, aber darf ich Sie vielleicht trotzdem bitten, meine Argumente nicht in neue/originelle und alte/unoriginelle zu kategorisieren, denn es sind ganz einfach meine - und sie haben auch nicht nur einfach den Zweck, um Sie zu ärgern, sondern diese Gedanken beschäftigen mich ganz akut in meinem eigenen Leben.
    Noch ein zweiter kurzer Vorbau, bevor ich zu meinem heutigen Argument oder Einwand komme: Ich glaube nicht, dass ich Ihre Argumentation unzulässigerweise verkürzt habe, als ich ihre "Weltorientierung" in eine "individuelle Welthaltung" verwandelt habe; vielmehr denke ich, dass Ihre Aussage keine andere Interpretationsmöglichkeit zuließ. Denn was soll denn eine Weltorientierung sein - irgendjemand muss ja orientiert sein?
    Zu meinem heutigen Einwand, direkt auf Ihre letzte Antwort: Sie scheinen von einem primitiven soziologischen Verständnis von individuell und sozial auszugehen, wie es mir zuletzt in John Stuart Mills "Utilitarism" begegnet ist. In dieser Vorstellung ist das Soziale ganz einfach die Erweiterung des Individuellen in Form der Gemeinschaft und was für viele/alle Menschen (also für die Gemeinschaft oder Gesellschaft) gut ist, muss folglich auch für alle einzelnen Menschen gut sein. Nun können Sie aber z.B. von Luhmann lernen (oder Sie können zu dem Zweck genauso gut Adorno lesen), dass das Soziale sich mit und gegen die Intentionen der einzelnen Menschen als eine ganz andere Systemebene etabliert, als es jene Systemebene ist, auf der die Einzelmenschen funktionieren/operieren. Deminfolge können die Interessen des Sozialsystems - und auch die Erkenntnisinteressen der Wissenschaft als Sozialsystem - den Interessen und Erkenntnisinteressen der Einzelmenschen widersprechen. Niklas Luhmann hat das sehr schön zum Ausdruck gebracht, indem er sein Hauptwerk "Die Gesellschaft der Gesellschaft" nannte: Die wissenschaftliche (=soziologische) Perspektive auf die Gesellschaft ist jene aus der Sicht des Gesellschaftssystems, und nicht jene aus der Sicht des Menschen. Diese Tatsache macht andere, unwissenschaftliche Beschreibungen der Gesellschaft ebenfalls notwendig, denn die einzelnen Menschen müssen sich ja auch orientieren (und von der soziologischen Gesellschaftbeschreibung haben sie wenig, weil diese nicht für ihre Bedürnisse geschaffen wurde), welche Luhmann konsequenterweise als gleichberechtigt neben der wissenschaftlichen Gesellschaftbeschreibung stehen lässt.
    Zusammengefasst: Wissenschaft ist nicht einfach eine Realitätsbeschreibung, die versucht, möglichst objektiv und richtig zu sein, sondern sie ist vor allem eine Realitätsbeschreibung auf einer anderen Ebene als es individuelle Realitätsbeschreibungen sind. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie gesellschaftliche Erkenntnisinteressen zu befriedigen sucht (Achtung: "gesellschaftlich" bedeutet nicht "wir alle", sondern meint jene höhere Systemebene, auf der wir als Individuen nicht mehr mitspielen, auf der sich solche Größen tummeln, die Luhmann Subsysteme nennt: Wirtschaft, Rechtssystem, Politik, Medien etc.) und dass ihre Erkenntnisse oft nicht mehr dazu geeignet sind, als Antworten auf die Fragen des Einzelmenschen zu dienen.
    Mit freundlichen Grüßen
    helmut hofbauer
  17. § heichele® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Hofbauer,

    glauben Sie mir, ich bin sowohl mit der Theorie komplexer Systeme und Selbstorganisationsprozessen im Allgemeinen als auch konkret mit deren Anwendung auf unterschiedliche Aspekte des Sozialen vertraut. Jetzt können wir auch gerne über verschiedene emergente Phänomene im realen Wissenschaftsbetrieb sprechen – doch das ändert alles nichts an meiner Grundaussage.

    Ich stimme im Übrigen auch Ihrer Zusammenfassung größtenteils zu:

    „Wissenschaft ist nicht einfach eine Realitätsbeschreibung, die versucht, möglichst objektiv und richtig zu sein [… ]“

    Richtig, Wissenschaft – in einem weiten Verständnis (!) – ist nicht NUR das.

    „[… ] sondern sie ist vor allem eine Realitätsbeschreibung auf einer anderen Ebene als es individuelle Realitätsbeschreibungen sind. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie gesellschaftliche Erkenntnisinteressen zu befriedigen sucht“

    Aha – auch hier bleiben Sie bei „Realitätsbeschreibung“. Dass auf dem Weg, wahre und gehaltvolle Aussagen aufzustellen, diverse Selbstorganisationsprozesse auf verschiedenen (Meta)Ebenen ablaufen, bestreite ich keineswegs. Was sind denn „gesellschaftliche Erkenntnisinteressen“? Das sind (zum großen Teile) die von mir erwähnten Ideale.

    Natürlich ist es möglich, dass sich in dem ganzen Prozess der unterschiedlichen Aktivitäten (innerhalb) der scientific community gewisse Eigendynamiken entwickeln, die sich im schlimmsten Fall gegen die ursprünglichen Intentionen der einzelnen Individuen richten. Das ist dann jedoch ein Mangel in der Praxis – und es ist u.a. die Aufgabe der Wissenschaftstheorie, solche Mängel zu benennen. Es ist nicht Sinn der Sache, den Wissenschaftsbetrieb – einmal ins Rollen gekommen – für alle Zeit unbeaufsichtigt zu lassen. Ohne äußere Korrekturen kann es zu einer Entfernung von den ursprünglichen Zielen kommen. Die Abgrenzung von Wissenschaft zu Nicht-Wissenschaft findet u.a. im Benennen solcher Mängel statt.

    Sie nennen auch das noch Wissenschaft, was in meinen Augen längst keine mehr ist – v.a. machen sie dies zum Kriterium für Wissenschaft. WENN sich entsprechende Mängel im System zeigen, DANN ist es keine Wissenschaft mehr. Nicht alle Ränder, die sich unter dem Label „Wissenschaft“ verstecken, sind noch Wissenschaft – dafür braucht es eben Kriterien. Und ich gehe den Schritt nicht mit, die scientific community (in einem sehr weiten Verständnis) im Ganzen als so weit von den ursprünglichen Idealen entfernt zu sehen. Wissenschaft ist u.a. deswegen so schön, weil sie selbstkorrektiv ist…

    Ich kann mich nur noch einmal wiederholen: die Beantwortung der Frage, was Wissenschaft ist, obliegt im Endeffekt der Wissenschaftstheorie – und Wissenschaftstheorie geht NICHT ausschließlich deskriptiv, sondern zu einem großen Teil auch normativ vor.

    Beste Grüße
    Thomas Heichele
  18. § Helmut Hofbauer E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,

    vielen Dank für Ihre letzte Reaktion: Damit haben Sie viel zur Klärung unserer Standpunkte beigetragen.
    Verstehen kann ich Ihren Standpunkt freilich weiterhin nicht, denn Sie behaupten, Systemtheorie und Selbstorganisationsprozesse zu kennen und sind dennoch weiterhin der Ansicht, Wissenschaft habe letztlich den einzelnen Individuen zu dienen, bzw. wenn das nicht der Fall ist, nennen Sie das einen "Mangel in der Praxis". Ich glaube hingegen, dass Sie die psychische Systemebene mit der gesellschaftlichenen Systemebene vermischen und dass dasjenige, was Sie als "Mangel in der Praxis" bezeichnen, gar kein Mangel irgendeiner Art ist, sondern ganz einfach eine Folge der Organisation von Wissenschaft.

    Immerhin habe ich jetzt mit Ihnen jemanden kennen gelernt, der ein ganz empathisches Wissenschaftsbild hat, der eine große Nähe zur Wissenschaft empfindet und sich mit den Idealen der Wissenschaftlichkeit persönlich identifizieren kann. Sie können sich vorstellen, dass ich Sie anstarre, wie Kierkegaard jemanden angestarrt haben muss, der wirklich glauben konnte, während er selbst von Zweifeln zerfressen war.

    Bei unseren Vorstellungen bezüglich der etwaigen Ziele der Wissenschaft meine ich übrigens auch eine Unterschiedlichkeit wahrzunehmen (Sie sind ja auch unzufrieden mit meinem Wort "Realitätsbeschreibungen"): Mit "möglichst gehaltvollen Aussagen" und "Hypothesen", die sich "empirisch bewahrheiten" meinen Sie offenbar eine ausschließlich nomothetische Wissenschaft - ich würde doch sagen, dass auch das Festhalten von einmaligen Vorfällen in ihrem individuellen Sosein einen Erkenntniswert hat. Doch das nur am Rande.

    Was nun die "gesellschaftlichen Erkenntnisinteressen" sind, ob das nicht eben die von Ihnen erwähnten "Ideale" sind - damit meinen Sie offenbar eben das, was Sie nach "Für Wissenschaft lautet das oberste Erkenntnisziel" angeführt haben", nämlich "möglichst wahre und gehaltvolle Aussagen, Gesetze oder Theorien über einen bestimmten Gegenstandsbereich" und "Hypothesen aufzustellen hat, die sich empirisch bewahrheiten und die sich als gehaltvoll und konsequenzenreich erweisen" - da bin ich mir nicht so sicher, ob das der Fall ist. Ich bin dem selber auf der Spur, welche die "gesellschaftlichen Erkenntnisinteressen" in der Wissenschaft sein könnten. Es könnte dabei um z.B. (wissenschaftliche) Argumentationsweisen gehen, welche das Individuum in der Erkenntnis enteignen, indem man z.B. nur wissenschaftliche Vorgangsweisen gelten lässt, die in der Durchführung zu aufwändig für den Einzelmenschen sind und nur von der Institution Wissenschaft bewältigt werden können. Auf diese Weise schlägt man 2 Fliegen mit einer Klappe: Zum einen schafft man sich den Einzelmenschen als unliebsamen Kritiker vom Hals und zum anderen betätigt man die Unabkömmlichkeit von Wissenschaft als Institution für die Gewinnung von wirklich wahrer und wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie sehen also, in welche Richtung meine Überlegung geht: "gesellschaftliche Erkenntnisinteressen" könnten sich darin äußern, dass die höheren Ebenen gesellschaftlicher Organisation gegenüber den individuelleren und informaleren Ebenen gestärkt werden. Ein gutes Beispiel dafür sehe ich z.B. im derzeitigen Wandel der alten Geisteswissenschaften in Kulturwissenschaften. Hier wurde z.B. der Begriff des "kollektiven Gedächtnisses" eingeführt - und einige scheuen sich nicht zu proklamieren, die Wissenschaft solle unser kollektives Gedächtnis "verwalten". Zusammenfassend: "Gesellschaftliche Erkenntnisinteressen" in der Wissenschaft sind z.B. Interessen, wie die Wissenschaft als Institution ihre Herrschaft und Vormundschaft gegenüber den Individuen ausbauen kann. "Gesellschaftliche Erkenntnisinteressen" in der Wissenschaft sind aber auch die Interessen der Wissenschaft als Institution, ihre Stellung in der Gesellschaft, anderen Subsystemen gegenüber, zu stärken. "Gesellschaftliche Interessen" in der Wissenschaft könnten weiterhin sein: Wissenschaftsinterne Interessen, z.B. an Regeln, wie die Hierarchie der Positionen, wissenschaftliche Anerkennung für ForscherInnen und der Aufstieg im System geordnet werden sollen. (Solche Regeln sind aus Sicht der gesellschaftlichen Systemebene wichtig, weil die Wissenschaft als Institution durch sie die menschlichen Individuen, die in ihr teilnehmen, diszipliniert, uns sich so als gesellschaftliches Teilsystem stabilisiert. - Das "gesellschaftliche Interesse" besteht also im Systeminteresse, sich zu stabilisieren.) Und schließlich scheint mir, wirken in der Wissenschaft auch viele "gesellschaftliche Interessen", die selbst keine wissenschaftlichen Interessen sind und auch keine des Wissenschaftssystems, z.B. das Interesse, Medikamente gegen weit verbreitete Krankheiten der Menschen zu entwickeln oder neue technische Geräte zu ermöglichen, deren Vermarktung ihrerseits einen neuen Kreislauf von Wirtschaftswachstum ermöglicht. (Ich habe übrigens nie bestritten, dass die Wissenschaft den Individuen über den Umweg der Technik Nutzen bringt; festzuhalten ist aber doch, dass die Wissenschaft in der Wahl des Forschungsgegenstands eigentlich nie reflektiert, sondern blind Zielen folgt, die von Politik oder Gesellschaft als solche erklärt werden und für die Forschungsgelder zur Verfügung gestellt werden.)

    Zum Schluss noch ein Wort zur normativen Rolle der Wissenschaftstheorie. Ich tue mir schwer, wenn man das Normative und das Reale vermischt: Also die Wissenschaftstheorie soll normativ sein - ob sich dann auch jemand daran hält, ist eine andere Frage. Wissenschaft soll ja z.B. auch "intersubjektiv" sein. Das setzt voraus, dass man sich über seine individuellen und subjektiven Beobachtungen verständigt und diese diskutiert, um das Intersubjektive an ihnen herauszufiltern. Ich war nun schon bei einigen wissenschaftlichen Tagungen in meinem Leben, aber ich habe dort noch nie eine Diskussion erlebt. Im Gegenteil, sobald eine wirkliche Diskussion begänne, würden sich die TeilnehmerInnen sofort beleidigt zeigen. Eine weitverbreitete Praxis wissenschaftlicher Meinungsfindung - und überall beobachtbar - ist hingegen das (in der Wissenschaftstheorie wahrscheinlich nicht berücksichtigte) Totschweigen. Unliebsame Meinungen von Kollegen, werden einfach nicht behandelt, nicht zitiert; man tut so, als ob es deren Bücher gar nicht gäbe. Es ist gar nicht nötig, diese KollegInnen aktiv zu bekämpfen, Nicht-Förderung genügt schon, damit diese nach ein paar Jahren frustriert aufgeben.

    Was ich damit sagen will: Wenn die Wissenschaftstheorie normativ vorgeht und ich mich darauf verlassen könnte, dass die Regeln, die sie aufstellt, im Wissenschaftssystem auch gelten, dann wäre ich der Erste, der mitmacht. Aber Wissenschaft beruht eben auf Konventionen, damit meine ich diese ungeschriebenen sozialen Gesetze, auf die man sich als Individuum nicht ordentlich berufen kann, weil sie nicht aufgeschrieben sind und die im Zweifelsfall immer dem Ranghöheren dienen. Oder, wie ich bei Sandra Beaufays gelernt habe: Die Gutachter wissenschaftlicher Arbeiten wissen, was wissenschaftlich ist und was nicht, weil sie Erfahrung im Begutachten wissenschaftlicher Arbeiten haben; der Gutachter ist ProfessorIn und hat Erfahrung, also muss er oder sie wissen, was eine gute wissenschaftliche Arbeit ist. Hier haben wir so einen typischen Zirkel vor uns, in welchem das Wissen und die Beurteilungskompetenz über die Wissenschaftlichkeit oder Unwissenschaftlichkeit wissenschaftlicher Arbeiten sich nicht durch die Berufung auf normative Regeln der Wissenschaftstheorie legitimiert, sondern einfach durch die Tatsache, dass jemand Professor und Gutachter ist.

    Mit einem Wort, wenn Wissenschaftstheorie dazu beiträgt, Regeln für die Wissenschaft aufzustellen, auf die man sich dann auch tatsächlich berufen kann, sodass man als einzelner Wissenschaftler nicht immer unter dem Gesetz des "Trick 22" steht (Joseph Heller) (= Machst du es so, bist du der Angeschmierte, machst du es anders, bist du ebenfalls der Angeschmierte), dann bin ich sofort auf der Seite der Wissenschaftstheorie.

    Dient Wissenschaftstheorie aber nur dazu, um die Ideale der Wissenschaft zu verklären und dadurch zugleich den realen Betrieb und dessen Funktionsregeln zu verschleiern, dann habe ich sie nicht so gern.

    Mit herzlichen Grüßen
    helmut hofbauer
  19. § heichele® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Hofbauer,

    danke für den konstruktiven Kommentar.

    „Ich glaube hingegen, dass Sie die psychische Systemebene mit der gesellschaftlichenen Systemebene vermischen und dass dasjenige, was Sie als "Mangel in der Praxis" bezeichnen, gar kein Mangel irgendeiner Art ist, sondern ganz einfach eine Folge der Organisation von Wissenschaft“

    „Mangel“ bezieht sich hier auf ein (vermutlich im Sinne systemtheoretischer Überlegungen vor dem Hintergrund der vielen Individuen im Wissenschaftsalltag durchaus „notwendiges“) Nicht-Vollständig-Erreichen des theoretisch Wünschenswerten in der Praxis.

    „Mit "möglichst gehaltvollen Aussagen" und "Hypothesen", die sich "empirisch bewahrheiten" meinen Sie offenbar eine ausschließlich nomothetische Wissenschaft - ich würde doch sagen, dass auch das Festhalten von einmaligen Vorfällen in ihrem individuellen Sosein einen Erkenntniswert hat.“

    Die Windelband-Trennung in nomothetische und idiographische Wissenschaft gehe ich nicht mit, da ich keinen Methodendualismus vertrete (das wäre aber ein anderes Thema). Das einmalige, unwiederholbare Auftreten mag zwar einen Erkenntniswert haben – dieser ist aber zwangsläufig nicht im gleichen Maße intersubjektiv objektivierbar und damit nicht in gleichem Maße in der Wissenschaft zu verwenden.

    Sie schreiben sehr viel zu den „gesellschaftlichen Erkenntnisinteressen“ – darunter befindet sich auch viel Kluges. Ich kann Ihren Ausführungen einmal mehr größtenteils zustimmen – wenn man sie als (quasi-)emergente (Neben)Phänomene im Wissenschaftsbetrieb betrachtet und NICHT als primäres „Erkenntnisinteresse“.

    „Ich war nun schon bei einigen wissenschaftlichen Tagungen in meinem Leben, aber ich habe dort noch nie eine Diskussion erlebt. Im Gegenteil, sobald eine wirkliche Diskussion begänne, würden sich die TeilnehmerInnen sofort beleidigt zeigen. […]“
    1. Ich habe Diskussionen erlebt – kenne aber auch das von Ihnen Beschriebene.
    2. Tagungen sind ein Teil des Wissenschaftsbetriebs, aber nicht alles (es ist ähnlich, wie in der Politik: die große, konstruktive Politik wird oft nicht im Parlament betrieben, sondern an anderer Stelle – eine Parlamentssitzung verkommt wie die wissenschaftliche Tagung zur Show).

    „Was ich damit sagen will: Wenn die Wissenschaftstheorie normativ vorgeht und ich mich darauf verlassen könnte, dass die Regeln, die sie aufstellt, im Wissenschaftssystem auch gelten, dann wäre ich der Erste, der mitmacht.“

    Es ist ja nicht so, dass Wissenschaftstheorie ausschließlich normativ vorgeht (das habe ich auch nirgends so geschrieben), aber sie hat eine starke normative Komponente. Ich bestreite nicht, dass es die von Ihnen beschriebenen Mängel (jetzt sind wir wieder bei dem Wort – siehe oben) gibt – aber das ist nicht alles. Die Wissenschaftstheorie schaut sich natürlich die de-facto-Wissenschaftsgeschichte an und all das, was gegenwärtig unter dem Label „Wissenschaft“ läuft. Es ist nicht so, dass sich Wissenschaftstheorie ausschließlich im normativistischen Sinn mit der rationalen Rechtfertigung von Wissenschaft (also mit dem Begründungszusammenhang) beschäftigt, sondern sie schaut sich auch den Entstehungszusammenhang an. Und hier kommen wir zu dem entscheidenden Punkt: aus Musterbeispielen der realen Wissenschaft(sgeschichte) wird gelernt und diese Erkenntnisse der deskriptiven Arbeit werden in den normativen Bereich transferiert. Und Unzulänglichkeiten werden benannt…

    Beste Grüße
    Thomas Heichele
  20. § an_fi E-Mail sagte am:
    Vielen Dank für diesen Betrag! Ich stimmte dem weitesgehend zu. Einen Einwand habe ich allerdings: Diejenigen, die sich diesen Text wirklich zu Herzen nehmen sollten (das sind die "Esoteriker"), werden ihn nicht verstehen. Insofern wird er "wirkungslos" verpuffen.
  21. § Augenauf E-Mail sagte am:
    Guten Morgen,
    ich muss gestehen, dass ich nicht alle Kommentare in diesem Thread gelesen habe, musste ich auch nicht...
    Wobei es mir immer relativ übel wird sind solche Aussagen, wie sehr sich doch die "Wissenschaft" an Wahrheit orientiert.
    An wessen Wahrheit und zu wessen grösstmöglichen Nutzen?
    Diese Frage stellt sich mir da zwangsläufig.
    Es geht hierbei gar nicht um isolierte Themen, wie das des Broers, es geht vielmehr um die Gesamtheit des bestehenden "wissenschaftlichen" Systems.
    Nehmen wir als Beispiel HIV, Aids und den ganzen Rattenschwanz.
    Stand öffentlicher, "wissenschaftlicher" Information ist, dass das HIV Virus nachgewiesen wurde, oder nicht?
    Und alle der höchstgiftigen Medikamente sind auf dieses "Virus" zugeschnitten, oder?
    Fakt ist ja nun, dass HIV auf einem Consensus omnium o.ä. ;=) beruht, das heisst, dass es schlicht eine Abmachung, ein Beschluss ist, oder?
    Das HIV Dogma beruht auf einem Beschluss und zig Menschen sterben an den Medikamenten, besonders in Afrika, z.B.
    Seltsamerweise überleben in unseren Breiten so ziemlich ausschliesslich nur die einst positiv Getesteten, die auf die Medikamenteneinnahme verzichtet haben. (Nachweislich).
    Schulmedizin, die ja auch nur zu gerne als "wissenschaftlich" bezeichnet wird, sowie alle, die daran profitieren, kämpfen dafür, dass dieses HIV Dogma aufrechterhalten bleibt.
    Sie alle gehen buchstäblich (und durchaus gewollt, unterstelle ich da mal) über Leichen.
    Weiteres Beispiel: www.seebald.at
    Lange Rede kurzer Sinn, HIV ist ein Mythos, als Virus in keinster Weise wissenschaftlich nachgewiesen.
    Da drängt sich einem schon die Frage nach dem warum auf, oder?
    Die Zellpartikel auf Fotos aus der angeblichen Virushülle sind Partikel, wie sie in jedem Menschen vorkommen. Und warum bitteschön sollte man nur Partikel aus einer Virushülle ablichten? Oo
    Viren einer Art sind so ziemlich alle gleich, gleich gross, gleich aussehend etc, und man kann sie isolieren und elektronenmikroskopisch ablichten, oder?
    Und das soll jetzt nur ein Beispiel für viele sein.

    DESHALB stelle ich viele Aussagen unserer sogenannten "Wissenschaft" durchaus in Frage.
    Man kann das alles nicht mehr isoliert betrachten, sondern muss einfach das Gesamtsystem in dem wir leben ins Auge fassen, nur so kann mancher vllt Zusammenhänge erkennen und anfangen Sachen zu hinterfragen.
    Fast alles, was irgendwie mit der Menschheit an sich zu tun hat, wird verborgen, zugedeckelt, als esoterische Spinnerei etc abgetan.
    Ägyptologen etc sind da auch ein hervorragendes Beispiel. Vieles, was da bereits unseren Kindern in der Schule gelehrt wird, entspricht einfach nicht den Tatsachen. Auch nur so als Beispiel.
    Mir sticht immer nur ins Auge, dass diejenigen am lautesten "alles Spinnerei und Pseudowissenschaft"
    schreien, die grosses Interesse daran haben, dass alles beim Alten bleibt.
    Wer von den Herren "Wissenschaftlern" würde auch den "Ast absägen" wollen, auf dem es so schön gemütlich und sicher ist? OO
    Und das obwohl mittlerweile klar ersichtlich ist, dass unser bestehendes Sytem durch und durch marode ist.
    Es gibt ja durchaus viele Beispiele, wie Wissenschaftler als Spinner und Scharlatane zerrissen wurden, nur weil ihre Aussagen das bisherige Bild sprengten, oder?
    Und irgendwann stellte sich doch heraus, dass sie den "Durchblick" hatten und richtig lagen...
    Es ist völlig egal, worum es sich dabei handelt.
    Sobald es etwas ist, was die "Elite und Mächtigen" dieser Welt, dieses bestehenden Systems entthronen und somit dieses System sprengen würde, wird es verdammt.
    Es geht in dem System in dem wir leben nicht um Wahrheit, um Wissenschaft im wahren Sinn, sondern schlicht um Macht und dem dadurch entstehenden Profit und umgekehrt.
    Und alle, die das in Frage stellen und gefährden durch ihre Erkenntnisse, Aussagen o.ä. werden dann halt entweder als gefährlich, durchgeknallt oder was auch immer bezeichnet.
    Grüße
  22. § Augenauf E-Mail sagte am:
    Nachtrag:
    Zitat:" Wie allerdings gezeigt wurde, sind diese Kriterien nicht zum Spaß aufgestellt worden, sondern sind der nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge beste und sicherste Weg, zu so etwas wie Wahrheit zu gelangen."
    Ich finde, dieser Satz sagt bereits alles aus. Besonders der Mittelteil zum einen und dann als Gesamtes.
    Genau da liegt doch der "Hund begraben"...
    Mit anderen Worten: Man ist nicht wirklich an innovativen Ideen und Modellen interessiert, sondern vielmehr am Bestehen und Erhalten des Bestehenden!
    Und welche Bedeutung hat denn wohl der "gegenwärtige Stand der Dinge" ???
    Er sagt lediglich aus, dass zur Zeit gewisse Dinge von gewissen Leuten auf gewisse Art und Weise gesehen werden (wollen) und möglichst gefälligst auch so bleiben sollen.
    Es krankt meiner Meinung nach u.a. am Mangel an interdisziplinärer Forschung.
    "Teile und herrsche" kommt hier imo auch ganz wunderbar zum Tragen.
    Denn wer will denn schon Ergebnisse/Erkenntnisse, die etwas verändern könnten?
    Es ist bereits der Ansatz an sich, der die heutige "Wissenschaft" eigentlich zur Farce verkommen hat lassen.
    Hier wird nicht wirklich Wissen geschaffen, sondern eher verschleiert.
    Was nicht ins Bild und ins bestehende System passt, darf und kann nicht sein.
    Der heutige Forschungsansatz der meisten "Wissenschaftler/Wissenschaften" dient doch tatsächlich nur dazu das bestehende System zu unterstützen und nicht dazu wirklich bahnbrechende Innovationen evtl gar das System gefährdende, hervorzubringen.
    Und da kann man hin und her theoretisieren.
    Und wenn ich dann solche posts wie Nr. 20 lese ist wieder einmal offensichtlich, dass vielen Menschen soviel fehlt, dass sie es gar nicht merken können.
    Grüße
  23. § heichele® E-Mail sagte am:
    @Augenauf

    Auf einen solchen groben Unfug (siehe die Meinung zu Aids) gehe ich gar nicht näher ein – mit derartigen Aussagen disqualifiziert man sich selbst. Das hat auf einem Wissenschaftsblog nichts zu suchen – also war es das auch.

    Grüße
  24. § FrankS E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,

    Ihr Beitrag klingt sehr vernünftig und plausibel. Vielleicht sollte sich Wissenschaft mal die Frage stellen, was ihre Aufgabe ist.

    Aus meinem Empfinden ist es die Erschließung von Wissen zum Nutzen des Menschen. Oberste Priorität hätte aus meiner Sicht hier die Verwendung einer Sprache, die es den Menschen möglich macht Ihren Erkenntnissen zu folgen.
    Sie dagegen verwenden im wesentlichen Worte (Fach-Terminologie) die für „Normal-Sterbliche“ nicht nachvollziehbar ist. Selbst in Ihrem Beitrag . Und wundern sich dann, dass die Menschen sich von der Wissenschaft abwenden.

    Vielleicht versuchen Sie sich mal ein wenig in Selbstreflektion. „Wer lange genug mit dem Kopf schüttelt, wird in jeder Suppe ein Haar finden“ (das gilt für beide Seiten) und „wer mit dem Finger auf andere Zeigt, hat immer noch mindestens 3 Finger in die eigene Richtung„.

    Aus meiner Überzeugung geht es um Kooperation von allen Disziplinen, wenn man die Herausforderungen der Zukunft lösen möchte. Und das ist doch wohl ein übergreifendes Ziel aller Menschen. Oder?

    Freundlichst, FrankS
  25. § heichele® E-Mail sagte am:
    Besten Dank für den Kommentar. Wissenschaft per se in ihrer Reinform ist in meinen Augen erst einmal verwendungsneutral. Der Entstehungs- sowie Begründungszusammenhang wissenschaftlicher Erkenntnis ist dem Verwendungszusammenhang vorausgehend, wenngleich es in der Realität natürlich sein kann, dass festgelegte, auf den unmittelbaren Nutzen orientierte, Ziele bereits den Entstehungszusammenhang maßgeblich beeinflussen (allerdings sollte/darf diese Zielsetzung nicht aus der Wissenschaft selbst kommen, sondern von externen Quellen).

    In der aristotelischen Tradition ist Wissenschaft Selbstzweck – Wissenschaft wird um des reinen Wissens Willen betrieben und nicht, weil man damit einen bestimmten (praktischen) Nutzen verbindet. Über das Wesen des Universums denke ich (innerhalb der Wissenschaft) nach, weil ich als vernunftbegabtes Wesen nach Wissen strebe. Ein Stuhl stelle ich demgegenüber her, damit ich darauf sitzen kann – und wenngleich ich dafür natürlich auch Kenntnisse und Fertigkeiten benötige, ist das keine Wissenschaft (und kein Selbstzweck).

    Bei z.B. Bacon dagegen hat Wissenschaft dem Menschen zu dienen: das Wesen der Wissenschaft ist es, sich am Nutzen und Wohlergehen der Menschen zu orientieren. Der Mensch soll Macht über seine Umwelt erreichen und schrittweise mehr und mehr (nützliches) Wissen ansammeln.

    Wenngleich auf den ersten Blick die Wissenschaftsauffassung in der Tradition Bacons vielleicht „praktischer“ und dem Menschen eher dienend erscheint, sollte man die aristotelische Wissenschaftsauffassung als Selbstzweck nicht zu schnell verdammen. Zum einen ist es oft (zumindest bei einigen Menschen) tatsächlich ein Ziel, zu wissen. Plump gesprochen wäre es eine Schande, diesen wunderbaren Denkapparat des Menschen nicht vollständig zu nutzen. Auf der anderen Seite – und eine solche Argumentation ist frei von aller Romantik – muss man berücksichtigen, dass sich der Nutzen für den Menschen oftmals erst im Laufe der vorerst „freien“ Grundlagenforschung im Sinne des Selbstzweckes ergibt. Von daher wäre es unverantwortlich, ausschließlich anwendungsorientiert zu forschen.

    Zur Fachterminologie habe ich eine eindeutige und schnell darzulegende Meinung: das ist eine Frage der Ökonomie und Präzision – in vielen Fällen sogar die einzig mögliche Art Kommunikation. Man denke beispielsweise hier nur an den Versuch, Quantenmechanik vollständig mit einer rein qualitativen Natursprache anstelle der Mathematik beschreiben zu wollen. Es ist allerdings vollkommen klar, das Wissenschaft möglichst transparent sein sollte und folglich der Versuch unternommen werde sollte, in einer verständlichen Sprache zumindest Grundprobleme/-ideen einer breiten Bevölkerungsschicht nahezubringen. Im Übrigen wäre es allerdings auch falsch, anzunehmen, man könne irgendwelche relevanten Probleme (in der Wissenschaft) mal eben so im Vorbeigehen verstehen. Hier ist auch eine gewisse Portion Interesse und Lernwilligkeit notwendig. Ich beschwere mich auch nicht beim KFZ-Mechaniker, ich könne auf den ersten Blick nicht verstehen, warum er dies oder jenes mache. Dann muss man eben nachfragen und sich informieren – wozu es jedoch selbstverständlich wiederum notwendig ist, dass sich die gegenüberliegende Seite mit mir beschäftigt und mir bereitwillig Antworten gibt.

    Abschließend: natürlich geht es um die Kooperation von Disziplinen (zur Interdisziplinarität habe ich auch auf dem Blog schon einiges geschrieben). Aber eine krude Spinnerei von Esoterikern oder Verrückten beispielsweise wird nicht zur erkenntniserweiternden Disziplin, bloß weil sie (oder sonst wer) das möchten. Ein Haufen Mist bleibt ein Haufen Mist – auch, wenn ich ein Schild mit dem Wort „Pudding“ anbringe…

    Beste Grüße
  26. § Yusuf E-Mail sagte am:
    Ich empfehle allen das Buch "Das Urwort" von Dr. Michael König (Quantenphysiker). Meinungen sind unterschiedlich, sei jetzt mal dahingestellt ob wir zu einem höheren Bewusstsein gelangen oder nicht. Wer sich schonmal im Leben gefragt hat, was ist, wenn man tot ist, der hat sich für einen kurzen Moment mit seinem Bewusstsein oder mit seiner Seele unterhalten. Dinge wie "nie wieder Fußballspielen, nie wieder Party, nie wieder Lachen" haben sich sicher viele schon gestellt...Und wenn ihr intensiv darüber nachdenkt, womöglich das Leben dannach als etwas kostbareres sieht, selbst dann, habt ihr einen Bewusstseinsschritt getan...

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