Folgender Überblick muss aufgrund seiner Kürze zwangsweise an vielen Stellen sehr selektiv und verallgemeinernd sein.
Anfang und erster Höhepunkt
Die Geschichte der (abendländischen) Philosophie beginnt an der Wende vom 7. zum 6. vorchristlichen Jahrhundert mit Thales von Milet. Der Anfang der Philosophie war Proto-Naturwissenschaft, er war Naturphilosophie – es ging um die Loslösung von Mythen und die Zuwendung hin zu einer rationalen Welterklärung, vorerst v.a. bezogen auf die Natur und das Weltall. Das Paradigma hierbei lautete „Vom Mythos zum Logos“. In der Folgezeit versuchten die vorsokratischen Naturphilosophen, allgemeine Ordnungsprinzipien in der Natur aufzuspüren und die alles bestimmenden Gesetze aufzudecken: Phänomene sollten sich nach grundlegenden Prinzipien verhalten und nicht mehr der Beliebigkeit beispielsweise der Götterwelt ausgesetzt sein. Mit Sokrates (und in gewisser Weise den Sophisten) setzte in der Philosophie ein Wandel ein, der nun das Augenmerk auf den Menschen selbst richtete: was ist das Gute und wie soll man handeln? Ist die Philosophie bei Sokrates nun ein wenig in Richtung Ethik und Moral eingeengt, wächst sie bei seinem Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles ein erstes Mal quasi zu der kompletten Bandbreite menschlich-rationalen Denkens an. Egal ob beispielweise Mathematik, Astronomie, Ethik, Ontologie oder Zoologie, politische Theorie, Theologie, Logik oder Kosmologie – Philosophie repräsentierte die ganze Weite der Wissenschaft. Dieses Verständnis der Einheit von Philosophie und Wissenschaft sollte im Wesentlichen bis weit in die Neuzeit hinein bestehen bleiben. Philosophie sollte Wahrheit statt Meinung, begründetes Wissen statt reinen Glaubens liefern und damit die rationale Orientierung in der Welt durch theoriengeleitete Überlegungen ermöglichen.
Neue Aufgaben und die verengte Rolle der Philosophie
Mit dem Aufkommen des Christentums und in der Folge des (Neu-) Platonismus erfuhr die Philosophie eine neue Aufgabenstellung. Philosophie diente nun – insbesondere in der wirkmächtigen neuplatonischen Tradition – als Begründungsinstanz für das Frühchristentum. Philosophen und Kirchenväter sind wie im Fall Augustinus in einer Person vereint. Den christlichen Überzeugungen kommt in dieser Zeit dabei insbesondere die philosophische Tradition des Platonismus entgegen, welche den Fokus auf das Geistige bzw. Jenseitige lenkt. So wie für den wahren Philosophen nicht der konkrete, sich vor einem befindliche Stuhl die eigentliche philosophische Beachtung verdient, sondern nur die metaphysisch verortete Idee des Stuhls bzw. sein Wesen, ist für den Christen wahre Erkenntnis nicht abschließend in der empirisch zugänglichen unvollkommenen Wirklichkeit zu suchen: die Suche nach der höchsten Idee, der Idee des Guten und dem höchsten Geist lässt sich bestens mit der Suche nach Gott und dem höchsten Sein vereinen. Gab es bereits eine gegenseitige Adaption von christlichem Glauben und Philosophie in dieser Zeit, verstärkte sich die hier schon feststellbare Einengung der Philosophie im weiteren Verlauf noch merklich weiter. Während auf der einen Seite die Kultivierung der Logik und der Glaube an die universelle Anwendbarkeit derselben mit Nachdruck vorangetrieben wurde, glitt auf der anderen Seite die Philosophie mehr und mehr in die Rolle als Magd der Theologie. Diese Entwicklung war nun nicht etwa eine rein von außen (konkret etwa durch die Kirche) gesteuerte Angelegenheit, sondern hatte durchaus auch Gründe in der selbst gewählten Zielsetzung und den veränderten geopolitischen Machtverhältnissen und damit verbunden der (Nicht)Verbreitung großer Felder der griechischen Kenntnisse in der lateinisch-christlichen Welt. Eine weitere gegenseitige Adaption von Christentum und Philosophie setzt in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends mit dem nahezu vollständigen Bekanntwerden des antiken griechischen Wissens auf dem Umweg über die islamische Welt ein, insbesondere vorangetrieben von Denkern wie Albertus Magnus und seinem Schüler Thomas von Aquin. In der Folgezeit gab es eine überaus enge Verflechtung zwischen Philosophie (mit stark aristotelischer Prägung) und Christentum, die sich auch auf weite Bereiche der damaligen Naturphilosophie und damit naturwissenschaftliche Kenntnis erstreckte.
Neue Blütezeit und Abspaltung der Einzelwissenschaften
Im Rahmen und in der Folge der Renaissance und des Humanismus erlebte die Philosophie eine neue Blütezeit. Hier ist insbesondere eine neue Subjektbezogenheit (vgl. auch Erkenntniskritik) und damit verbunden die Emanzipation in der Philosophie festzuhalten. Überkommene Strukturen und Grenzen wurden verworfen und vom (abstrakten) Individuum ausgehend in Anlehnung an antikes Wissen neu konzipiert. Mit der Betonung der menschlichen Eigenverantwortung ergeben sich neue Perspektiven und Aufgaben in der Politik bzw. politischen Philosophie. In diese Zeit fallen auch die Entstehung der naturphilosophisch begründeten neuzeitlichen Naturwissenschaften (mit einem neuen Verständnis von Mathematik, Theorie und Empirie) und eine – damit durchaus zusammenhängende – an vielen Stellen feststellbare veränderte Rolle der Religion im Sinne der natürlichen und negativen Theologie. In einem weiten Rationalisierungsprozess lieferte die Philosophie entscheidende emanzipatorische Antriebe, welche mit der Betonung von Vernunft, Eigenverantwortlichkeit und Unabhängigkeit die Grundlage für ein neues Zeitalter schufen. Diese neue Blütezeit sollte jedoch auch dazu führen, dass die Philosophie nun etliche Aufgabengebiete an neu entstandene Fachdisziplinen abzugeben hatte, durch die wiederum neue Bereiche dem menschlichen Denken zugänglich gemacht wurden.
Mit Ausnahme der Mathematik (und mit gewissen Abstrichen Theologie) kann grundsätzlich auf eine eindeutige Entstehung der wissenschaftlichen Teildisziplinen aus der Philosophie verwiesen werden – über gemeinsame bzw. unterschiedliche Anfänge von Philosophie und Mathematik kann man trefflich streiten. Nachdem es in Folge der Scholastik zur Trennung von Philosophie und Theologie kam, lösten sich die Naturwissenschaften in der Neuzeit durch immer stärkere Spezialisierung (auch Aufkommen der Ingenieurswissenschaften) von der Philosophie ab. Ebenso war im weiteren Verlauf die Loslösung und Begründung der Wirtschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften zu beobachten. Die Abspaltung der Einzelwissenschaften führte zu einer veränderten Rolle der Philosophie, die insbesondere durch die Abgabe von Kompetenzen an Einzelwissenschaften charakterisiert war. Vor diesem Hintergrund brauchte die Philosophie Zeit, um sich den neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Hier ist auch ein entscheidender Schritt des bis heute nachwirkenden Streits zu verorten, inwiefern die Philosophie sich hinsichtlich Methode und Aufgabe an das Vorbild der Naturwissenschaften angleichen muss, um weiterhin bestehen zu können. Gerade das naiv-optimistische Naturwissenschaftsbild im 19. Jahrhundert schien nur eine Antwort zu kennen und Philosophie streckenweise überflüssig zu machen – manch einer glaubte in der Folgezeit gar, Philosophen gäbe es gar nicht mehr. Hierzu passt allerdings ein Zitat von Adolf von Harnack: „Man klagt darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe. Mit Unrecht: Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät, sie heißen Planck und Einstein.“
Der Status Quo
Wenngleich in der folgenden Aufzählung natürlich oftmals keine scharfen Abgrenzungen möglich sind und viele der genannten philosophischen Fachdisziplinen wiederum anderen untergeordnet und in andere überführt werden können, soll hier – ausdrücklich ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ein Überblick über das weite Feld der gegenwärtigen Philosophie geworfen werden: (philosophische) Anthropologie, Ästhetik, Computerphilosophie, Erkenntnistheorie, Ethik, Geschichtsphilosophie, Gesellschaftstheorie, Kosmologie, Kulturphilosophie, Logik, Metaphysik, Mystik, Medienphilosophie, Naturphilosophie, Neurophilosophie, Ontologie, Philosophie der Biologie, Philosophie des Geistes, Philosophie der Mathematik, Philosophie der Physik, Philosophiegeschichte, Politische Philosophie, Rechtsphilosophie, Religionsphilosophie, Sprachphilosophie, Technikphilosophie, Wirtschaftsphilosophie, Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftstheorie.
Ohne Notwendigkeit einer singulären Verortung in eine der eben genannten Disziplinen gibt es gewisse Grundfragen, die den Menschen und der Philosophie seit mehr als 2000 Jahren erhalten bleiben: Was ist Wirklichkeit? Welche Art Dinge existieren tatsächlich? Was ist die Welt? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Warum ist überhaupt etwas? Ebenso gibt es weitere Themenfelder bzw. Fragenkomplexe, die (gerade heute) von großer Bedeutung für die Philosophie sind – eine kleine Auswahl daraus ist folgende Darstellung: Determinismus/Vorherbestimmung, Evolution, Freier Wille, Geist, Genforschung, Gerechtigkeit, Mensch-Maschine-Interaktion, Neuroenhancement, Orientierung in der technisch-wissenschaftlichen Welt, Sterbehilfe, Positives Recht und Rechtsempfinden, Technikfolgenabschätzung. Bei aller Wertschätzung für die Philosophie muss jedoch klar gesagt werden, dass praktisch sämtliche erwähnten Gebiete und Fragen von der Philosophie nicht mehr im Alleingang bearbeitet werden können, sondern lediglich im Verbund mit (bzw. unter Kenntnisnahme der Ergebnisse von) anderen Wissenschaften.
Philosophie als alte/neue Leitwissenschaft?
Die Philosophie war für über 2000 Jahre (mit gewissen Einschränkungen im Mittelalter) Leitwissenschaft, sie spielte ihre ganze „Macht“ in zwei Aufklärungsphasen aus. Dennoch schien sie (von stark wissenschaftsorientierten Strömungen abgesehen) im 20. Jahrhundert nicht mehr überall auf der Höhe der Zeit. Doch die immer stärker werdenden Spezialisierungen beförderten mit dem Wunsch nach Verständnis, Erklärung und Orientierung einen alten Drang des Menschen, den die Philosophie mit ihrer ureigenen Aufgabe und ihrem über Jahrtausende gewachsenen Selbstverständnis befriedigen konnte und kann: der antike Charakter des universalen und wahren Wissens betraf das Ganze und das Eine – und im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Philosophie zum neuen Diskussionsplatz der aktuellen Forschung; in ihr fand und findet das Paradigma der Interdisziplinarität wieder seine Entsprechung. Neben den tradierten Aufgaben der Philosophie hat sie heute einen zentralen Auftrag, der da lautet: Orientierung im Dschungel der Einzelwissenschaften. Der Philosophie obliegen die Interpretation und der Blick auf das Ganze – sie ist die Verbindung mit anderen Einzelwissenschaften. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund, dass sich die Probleme und Aufgaben der modernen Technik-, Wissenschafts- und Gesellschaftsentwicklungen nicht mehr in überkommene Grenzen fachwissenschaftlicher Disziplinen pressen lassen. Es ist an der Philosophie, die Klärung der Begrifflichkeiten und Arbeitsmethoden zu betreiben (auch an dieser Stelle muss noch einmal betont werden, dass all dies zwar im Haus der Philosophie geschieht, dessen Bewohner und Gäste jedoch aus den verschiedensten akademischen Bereichen kommen). Die Philosophie spielt eine elementare Rolle für die Orientierung des Menschen, denn sie legt die Strukturen für begründetes Wissen frei und verweist dabei mit den Mitteln der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie aber gleichzeitig auf den begrenzten Blick des Menschen auf die Welt. So verstanden bedeutet – ein Aristoteles würde sich ob der Aussage freuen – Philosophie nichts anderes als den Vollzug der menschlichen Anlage zum vernunftbegabten Wesen.

Damit komme ich schon zu meiner Kritik an ihrem Vorschlag. Sie stößt sich daran, dass Sie Philosophie als "alte/neue Leitwissenschaft" vorzuschlagen scheinen. Das ist aber nicht möglich, denn wenn die Einzelwissenschaften eben dadurch diesen "Dschungel" der Unübersichtlichkeit produzieren, dass sie Wissenschaften sind, dann kann die Philosophie als Wissenschaft diese Situation nur verschlimmern; um ihr jedoch zu begegnen oder sie hinterfragen zu können, dürfte sie keine Philosophie sein.
Bitte, überlegen Sie sich meinen Einwand, bevor Sie ihn rundweg ablehnen: Mein Anliegen besteht darin, das Denken in die eigene Hand zu bekommen, um sich überhaupt rational mit irgendwelchen inhaltlichen Fragen auseinandersetzen zu können. Sagt man, die Philosophie sei eine Wissenschaft oder sie sei ein Fach, so resultiert daraus, dass der Philosophierende wie in allen anderen Einzelwissenchaften bei jeder seiner Überlegungen im Namen des Fachs spricht. Sie tun das übrigens auch, wenn sie schreiben, die Philosophie solle "die Klärung der Begrifflichkeiten und Arbeitsmethoden [der fachwissenschaftlichen Disziplinen] betreiben". Aber nicht nur dadurch, sondern auch, indem sie in ihrem Beitrag die Geschichte "der" Philosophie beschreiben. Wenn also sagen, die Philosophie solle dieses oder sie solle jenes, dann wird sie sich ganz bestimmt in all die einzelwissenschaftlichen Begehrlichkeiten im akademischen und wissenschaftlichen Feld verstricken, die es verhindern, dass man ein Problem überhaupt anpackt und inhaltlich über es nachdenkt. Nicht die Philosophie sollte also diese oder jene Aufgabe übernehmen, sondern die Philosophierenden sollten das tun. (Es ist übrigens aus dieser Verwirrung über das Subjekt philosophischen Denkens auch immer das Problem zu verstehen, was gemeint ist, wenn sie etwa schreiben: "So verstanden bedeutet [...] Philosophie nichts anderes als den Vollzug der menschlichen Anlage zum vernunftbegabten Menschen." Welchen Menschen meinen Sie da eigentlich? Wenn Philosophie für eine Wissenschaft halten, dann können Sie nicht den gewöhnlichen, rationalen Menschen damit meinen, weil dieser aus der Wissenschaft ausgeschlossen ist. Wissenschaft ist Sache der Wissenschaftler, denn Wissenschaft ist ja nicht (wie für Aristoteles) bloß eine bestimmte Art und Weise, mit Fragen und Problemen umzugehen, sondern Wissenschaft, das ist die Scientific Community. Und wer da nicht drin ist, der hat keinen Anteil am "Vollzug der menschlichen Anlage zum vernunftbegabten Menschen".)
In diesem Zusammenhang würde ich mir noch etwas von Ihnen wünschen: An Ihrer Darstellung der Geschichte der Philosophie ist im Grunde nichts auszusetzen, aber warum ziehen sie nicht noch zusätzlich zweite, reflexive Ebene ein und sagen: "Ich bin es, der die Geschichte der Philosophie so erzählt." "Es ist eine Geschichte, die ich da erzähle. Ein bloße Geschichte, eine Konstruktion also." "Warum eigentlich erzähle ich sie so?" "Auf welches Bild, auf welche Verfasstheit der Philosophie heute möchte ich damit hinerzählen (oder erzähle ich sie vielleicht nur so, weil alle sie so erzählen?) - worauf möchte ich mit meiner Erzählung hinaus?"
Es würde mich freuen, wenn Sie etwas mit meinem Kommentar anfangen können. Mit besten Grüßen Helmut Hofbauer
entschuldigen Sie bitte, dass ich erst jetzt reagiere. Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel Arbeit.
1. Erst einmal vielen Dank für Ihre ausführliche und durchaus konstruktive Replik! Herzlichen Dank für Ihr Lob und gleichzeitig Zustimmung zu Ihren im Lob getätigten Aussagen bzgl. der Rolle der Philosophie und der „Reichweite“ mancher Wissenschaften.
2. Nun komme ich zu Ihrer Kritik, die ich als zwar in sich wohl begründet, aber von falschen Grundannahmen ausgehend ansehe. Es ist nicht unmittelbar das Wesen „Wissenschaft“ an sich, das zu diesem Dschungel führt, sondern es ist der (pragmatischen Gründen geschuldete) uneinheitliche Zugang zu diesem Wesen und das (für die Grundlagenforschung zu Recht und notwendigerweise realisierte) „Sich-Verlieren“ im Detail. Die Philosophie muss die wesentlichen Erkenntnisse aufnehmen und interpretieren, sie integrieren und überprüfen – sie muss/darf sich nicht im Sammelsurium der Alltagsaufgaben der einzelnen Wissenschaften verlieren. Wissenschaft versucht, wahre und gehaltvolle Aussagen zu treffen und die Welt nach gewissen Vorgaben zu strukturieren – das ist (inkl. Überprüfung der Vorgaben) auch die Aufgabe der Philosophie. Sie ist reine Wissenschaft, Meta- und Reflexionswissenschaft und Auftraggeber für die Wissenschaft in einem. Sie ist nicht „nur“, aber auch Wissenschaft. Sie beginnt mit dem reinen Denken, geht aber doch darüber hinaus.
3. Ich widerspreche nachdrücklich, dass eine solche Konzeption der Philosophie (als Wissenschaft) nicht jedem – wie Sie schreiben – „gewöhnlichen, rationalen Menschen“ zugänglich sein sollte: zumindest im Prinzip! Hier gibt es keinen Unterschied zur Physik, Soziologie oder Ökonomie (Stichwort „Rationaler Dialog“). Natürlich müssen philosophische Aussagen plausibel sein – aber sie dürfen nicht in der Anbiederung an die (vermeintliche) Einfachheit gipfeln. Kein Mensch sieht das Aufschlagen einer Kokosnuss als bewunderungswürdigen Akt der Kochkunst an, kein Mensch nennt den Billardspieler Physiker und kein Mensch sollte meinen, man sei mit dem Stellen einer klugen Frage ein Philosoph. Philosophie benötigt Wissen, Ausbildung und Schulung – wie das Fußballspiel, das Musizieren mit der Geige oder die Chemie. Was wäre die Philosophie, wenn sie sich einem jeden augenblicklich in Ihrer ganzen Fülle präsentieren würde? Definitiv keine wohlbegründete Antwort beispielsweise auf die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt und die Frage nach dem eigentlichen Wesen der Dinge. Es wäre doch absurd, anzunehmen, dass Fragen und Antworten nach den komplexesten Dingen in der Welt auf einer wesentlich einfacheren Ebene abzuhandeln wären, als die Fragen und Antworten der Fachwissenschaften, die die Philosophie ja zu integrieren hat. Natürlich muss Philosophie (neben ihren ureigensten Methoden) auch von diesen Antworten abstrahieren und die elementaren und relevanten Kerne herausarbeiten – aber eine vorschnelle und künstlich einfach gehaltene Abstraktion ist eine Abstraktion der Beliebigkeit. Philosophie muss plausibel sein, aber Plausibilität darf nicht durch unzulässige Vereinfachung und Verallgemeinerung erkauft werden – das ist keine Plausibilität, das ist Vernebelung und bloßer Schein. Auch Plausibilität muss erarbeitet werden: in dem Moment, in dem ich eine entsprechend große Menge an Information habe, benötigt auch das Plausible eine prozesshafte Aufdeckung und Enthüllung. Philosophische Erkenntnis überfällt einen nicht aus dem Nichts – und wenn einmal doch, sollte man die plötzliche Einsicht überprüfen, wenn der „göttliche Rausch“ verflogen ist. Philosophie hat sich entwickelt – und mit der Entwicklung der Philosophie steigen die relativen Anforderungen an den Philosophen. Die Tatsache, von natürlichen Bewegungen schwerer Körper zum Weltmittelpunkt zu sprechen, erntet heute zu Recht Gelächter und entbehrt jedes naturwissenschaftlichen Gehalts – wenn ein Aristoteles eine solche Aussage vor 2400 Jahren vor dem Hintergrund seiner Zeit trifft und dies in ein bewundernswertes methodisches und inhaltlichen Gesamtkonzept einpasst, ist dieses Gesamtkonzept eine Leistung, die bis heute außergewöhnlich (und in vielerlei Hinsicht fruchtbar) ist. Philosophie ist für jeden da, doch ihre Inanspruchnahme gibt es nicht für lau…
4. Zu Ihrem letzten Wunsch: natürlich ist es „meine“ Geschichte, die ich erzähle – und natürlich ist das ein vorerst subjektiver Zugang. Aber es ist an wesentlichen Stellen auch ein intersubjektiv objektivierbarer Zugang. Es ist ein vernünftiger Zugang und die Vernunft wird von den Menschen geteilt. Was ich erreichen möchte? Ich möchte mit Vehemenz dagegen vorgehen, dass Philosophie zur Beliebigkeit verkommt. Philosophie ist Anstrengung und Befriedigung, Philosophie ist der Wegweiser durch die Welt – aber das kostet! Auf dem Weg zur maximal möglichen Erkenntnis kommt niemand an der Philosophie vorbei – und die Philosophie kommt in vielen Fällen nicht an den Erkenntnissen anderer Wissenschaften vorbei. Die heutigen Probleme und Aufgaben lassen sich alleine schon in ihrer Benennung nicht in die überkommenen Grenzen fachwissenschaftlicher Disziplinen pressen – zu ihrer Lösung erst recht nicht. Es ist das Plädoyer für ein interdisziplinäres Denken, das alte Fragen (und Lösungsmöglichkeiten) der Philosophie aufnimmt, alle Wissenschaften (und damit die intsitutionalisierten und regelgeleiteten Formen des rationalen und auf Wahrheit ausgerichteten Denkens) in diesem Denkprozess anhört und zur Mitarbeit anregt und abschließend in ein möglichst schlüssiges philosophisches Konzept packt. Es geht um das Verständnis der Welt im Ganzen und damit um die Erkenntnis des Menschen. Wer hier meint, auf die grundlegenden (methodischen und strukturellen) Ansätze eines Platon oder Aristoteles verzichten zu können, bleibt schon bei der Artikulation entsprechender Fragen erfolglos – wer meint, hier stehen bleiben zu können, hat den Fortschritt und dynamischen Prozess des Denkens nicht verstanden.
Beste Grüße
Thomas Heichele