« Die Relation von Geist und Materie - oder: ich bin weder Materialist noch MechanistUNESCO Welttag der Philosophie »

2 Kommentare

  1. § philohof® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele, Lob und Kritik habe ich für Ihren Eintrag über Ursprung und Aufgaben der Philosophie, wobei beides natürlich zu relativieren ist, denn es handelt sich hier um ein äußerst schwieriges Thema. Auch hängen Lob und Kritik zusammen, doch das wird sich gleich zeigen. Also zuerst zum Lob: Auch Sie haben gesehen, dass die Philosophie heute den zentralen Auftrag habe, Orientierung im Dschungel der Einzelwissenschaften zu bieten. Das wissen nämlich die meisten Leute noch nicht (sowohl Akademiker wie auch Nichtakademiker): dass die Wissenschaft eine neue Unübersichtlichkeit schafft, und mag das Wissen auch wahr sein, das sie hervorbringt. Bisher denkt man allgemein immer noch, die Wissenschaft erforsche etwas und dann sei es erforscht, dann wissen "wir" es. Für die meisten Menschen und die meisten Fachfragen macht es aber überhaupt keinen Unterschied, ob etwas schon von der Wissenschaft erforscht ist oder noch nicht, das Wissen erreicht sie ohnehin nicht.
    Damit komme ich schon zu meiner Kritik an ihrem Vorschlag. Sie stößt sich daran, dass Sie Philosophie als "alte/neue Leitwissenschaft" vorzuschlagen scheinen. Das ist aber nicht möglich, denn wenn die Einzelwissenschaften eben dadurch diesen "Dschungel" der Unübersichtlichkeit produzieren, dass sie Wissenschaften sind, dann kann die Philosophie als Wissenschaft diese Situation nur verschlimmern; um ihr jedoch zu begegnen oder sie hinterfragen zu können, dürfte sie keine Philosophie sein.
    Bitte, überlegen Sie sich meinen Einwand, bevor Sie ihn rundweg ablehnen: Mein Anliegen besteht darin, das Denken in die eigene Hand zu bekommen, um sich überhaupt rational mit irgendwelchen inhaltlichen Fragen auseinandersetzen zu können. Sagt man, die Philosophie sei eine Wissenschaft oder sie sei ein Fach, so resultiert daraus, dass der Philosophierende wie in allen anderen Einzelwissenchaften bei jeder seiner Überlegungen im Namen des Fachs spricht. Sie tun das übrigens auch, wenn sie schreiben, die Philosophie solle "die Klärung der Begrifflichkeiten und Arbeitsmethoden [der fachwissenschaftlichen Disziplinen] betreiben". Aber nicht nur dadurch, sondern auch, indem sie in ihrem Beitrag die Geschichte "der" Philosophie beschreiben. Wenn also sagen, die Philosophie solle dieses oder sie solle jenes, dann wird sie sich ganz bestimmt in all die einzelwissenschaftlichen Begehrlichkeiten im akademischen und wissenschaftlichen Feld verstricken, die es verhindern, dass man ein Problem überhaupt anpackt und inhaltlich über es nachdenkt. Nicht die Philosophie sollte also diese oder jene Aufgabe übernehmen, sondern die Philosophierenden sollten das tun. (Es ist übrigens aus dieser Verwirrung über das Subjekt philosophischen Denkens auch immer das Problem zu verstehen, was gemeint ist, wenn sie etwa schreiben: "So verstanden bedeutet [...] Philosophie nichts anderes als den Vollzug der menschlichen Anlage zum vernunftbegabten Menschen." Welchen Menschen meinen Sie da eigentlich? Wenn Philosophie für eine Wissenschaft halten, dann können Sie nicht den gewöhnlichen, rationalen Menschen damit meinen, weil dieser aus der Wissenschaft ausgeschlossen ist. Wissenschaft ist Sache der Wissenschaftler, denn Wissenschaft ist ja nicht (wie für Aristoteles) bloß eine bestimmte Art und Weise, mit Fragen und Problemen umzugehen, sondern Wissenschaft, das ist die Scientific Community. Und wer da nicht drin ist, der hat keinen Anteil am "Vollzug der menschlichen Anlage zum vernunftbegabten Menschen".)
    In diesem Zusammenhang würde ich mir noch etwas von Ihnen wünschen: An Ihrer Darstellung der Geschichte der Philosophie ist im Grunde nichts auszusetzen, aber warum ziehen sie nicht noch zusätzlich zweite, reflexive Ebene ein und sagen: "Ich bin es, der die Geschichte der Philosophie so erzählt." "Es ist eine Geschichte, die ich da erzähle. Ein bloße Geschichte, eine Konstruktion also." "Warum eigentlich erzähle ich sie so?" "Auf welches Bild, auf welche Verfasstheit der Philosophie heute möchte ich damit hinerzählen (oder erzähle ich sie vielleicht nur so, weil alle sie so erzählen?) - worauf möchte ich mit meiner Erzählung hinaus?"
    Es würde mich freuen, wenn Sie etwas mit meinem Kommentar anfangen können. Mit besten Grüßen Helmut Hofbauer
  2. § heichele® E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Hofbauer (sollten wir uns auf dem bzw. grundsätzlich einem Blog nicht eher duzen?),

    entschuldigen Sie bitte, dass ich erst jetzt reagiere. Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel Arbeit.

    1. Erst einmal vielen Dank für Ihre ausführliche und durchaus konstruktive Replik! Herzlichen Dank für Ihr Lob und gleichzeitig Zustimmung zu Ihren im Lob getätigten Aussagen bzgl. der Rolle der Philosophie und der „Reichweite“ mancher Wissenschaften.

    2. Nun komme ich zu Ihrer Kritik, die ich als zwar in sich wohl begründet, aber von falschen Grundannahmen ausgehend ansehe. Es ist nicht unmittelbar das Wesen „Wissenschaft“ an sich, das zu diesem Dschungel führt, sondern es ist der (pragmatischen Gründen geschuldete) uneinheitliche Zugang zu diesem Wesen und das (für die Grundlagenforschung zu Recht und notwendigerweise realisierte) „Sich-Verlieren“ im Detail. Die Philosophie muss die wesentlichen Erkenntnisse aufnehmen und interpretieren, sie integrieren und überprüfen – sie muss/darf sich nicht im Sammelsurium der Alltagsaufgaben der einzelnen Wissenschaften verlieren. Wissenschaft versucht, wahre und gehaltvolle Aussagen zu treffen und die Welt nach gewissen Vorgaben zu strukturieren – das ist (inkl. Überprüfung der Vorgaben) auch die Aufgabe der Philosophie. Sie ist reine Wissenschaft, Meta- und Reflexionswissenschaft und Auftraggeber für die Wissenschaft in einem. Sie ist nicht „nur“, aber auch Wissenschaft. Sie beginnt mit dem reinen Denken, geht aber doch darüber hinaus.

    3. Ich widerspreche nachdrücklich, dass eine solche Konzeption der Philosophie (als Wissenschaft) nicht jedem – wie Sie schreiben – „gewöhnlichen, rationalen Menschen“ zugänglich sein sollte: zumindest im Prinzip! Hier gibt es keinen Unterschied zur Physik, Soziologie oder Ökonomie (Stichwort „Rationaler Dialog“). Natürlich müssen philosophische Aussagen plausibel sein – aber sie dürfen nicht in der Anbiederung an die (vermeintliche) Einfachheit gipfeln. Kein Mensch sieht das Aufschlagen einer Kokosnuss als bewunderungswürdigen Akt der Kochkunst an, kein Mensch nennt den Billardspieler Physiker und kein Mensch sollte meinen, man sei mit dem Stellen einer klugen Frage ein Philosoph. Philosophie benötigt Wissen, Ausbildung und Schulung – wie das Fußballspiel, das Musizieren mit der Geige oder die Chemie. Was wäre die Philosophie, wenn sie sich einem jeden augenblicklich in Ihrer ganzen Fülle präsentieren würde? Definitiv keine wohlbegründete Antwort beispielsweise auf die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt und die Frage nach dem eigentlichen Wesen der Dinge. Es wäre doch absurd, anzunehmen, dass Fragen und Antworten nach den komplexesten Dingen in der Welt auf einer wesentlich einfacheren Ebene abzuhandeln wären, als die Fragen und Antworten der Fachwissenschaften, die die Philosophie ja zu integrieren hat. Natürlich muss Philosophie (neben ihren ureigensten Methoden) auch von diesen Antworten abstrahieren und die elementaren und relevanten Kerne herausarbeiten – aber eine vorschnelle und künstlich einfach gehaltene Abstraktion ist eine Abstraktion der Beliebigkeit. Philosophie muss plausibel sein, aber Plausibilität darf nicht durch unzulässige Vereinfachung und Verallgemeinerung erkauft werden – das ist keine Plausibilität, das ist Vernebelung und bloßer Schein. Auch Plausibilität muss erarbeitet werden: in dem Moment, in dem ich eine entsprechend große Menge an Information habe, benötigt auch das Plausible eine prozesshafte Aufdeckung und Enthüllung. Philosophische Erkenntnis überfällt einen nicht aus dem Nichts – und wenn einmal doch, sollte man die plötzliche Einsicht überprüfen, wenn der „göttliche Rausch“ verflogen ist. Philosophie hat sich entwickelt – und mit der Entwicklung der Philosophie steigen die relativen Anforderungen an den Philosophen. Die Tatsache, von natürlichen Bewegungen schwerer Körper zum Weltmittelpunkt zu sprechen, erntet heute zu Recht Gelächter und entbehrt jedes naturwissenschaftlichen Gehalts – wenn ein Aristoteles eine solche Aussage vor 2400 Jahren vor dem Hintergrund seiner Zeit trifft und dies in ein bewundernswertes methodisches und inhaltlichen Gesamtkonzept einpasst, ist dieses Gesamtkonzept eine Leistung, die bis heute außergewöhnlich (und in vielerlei Hinsicht fruchtbar) ist. Philosophie ist für jeden da, doch ihre Inanspruchnahme gibt es nicht für lau…

    4. Zu Ihrem letzten Wunsch: natürlich ist es „meine“ Geschichte, die ich erzähle – und natürlich ist das ein vorerst subjektiver Zugang. Aber es ist an wesentlichen Stellen auch ein intersubjektiv objektivierbarer Zugang. Es ist ein vernünftiger Zugang und die Vernunft wird von den Menschen geteilt. Was ich erreichen möchte? Ich möchte mit Vehemenz dagegen vorgehen, dass Philosophie zur Beliebigkeit verkommt. Philosophie ist Anstrengung und Befriedigung, Philosophie ist der Wegweiser durch die Welt – aber das kostet! Auf dem Weg zur maximal möglichen Erkenntnis kommt niemand an der Philosophie vorbei – und die Philosophie kommt in vielen Fällen nicht an den Erkenntnissen anderer Wissenschaften vorbei. Die heutigen Probleme und Aufgaben lassen sich alleine schon in ihrer Benennung nicht in die überkommenen Grenzen fachwissenschaftlicher Disziplinen pressen – zu ihrer Lösung erst recht nicht. Es ist das Plädoyer für ein interdisziplinäres Denken, das alte Fragen (und Lösungsmöglichkeiten) der Philosophie aufnimmt, alle Wissenschaften (und damit die intsitutionalisierten und regelgeleiteten Formen des rationalen und auf Wahrheit ausgerichteten Denkens) in diesem Denkprozess anhört und zur Mitarbeit anregt und abschließend in ein möglichst schlüssiges philosophisches Konzept packt. Es geht um das Verständnis der Welt im Ganzen und damit um die Erkenntnis des Menschen. Wer hier meint, auf die grundlegenden (methodischen und strukturellen) Ansätze eines Platon oder Aristoteles verzichten zu können, bleibt schon bei der Artikulation entsprechender Fragen erfolglos – wer meint, hier stehen bleiben zu können, hat den Fortschritt und dynamischen Prozess des Denkens nicht verstanden.

    Beste Grüße
    Thomas Heichele

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