Nachdem ich bereits hier über das von Focus und Focus Online erstellte Ranking der Top-Wissenschaftler geschrieben habe, möchte ich heute noch ein paar Informationen zu deren Nummer 36 (Stand 04.04.09) nachliefern: Nikolaus von Kues (Cusanus). Ich habe mir die Artikel zu den unterschiedlichen Forschern und Wissenschaftlern ein wenig näher angeschaut und war bei Cusanus doch überrascht... Es mutet nämlich schon seltsam an, wie in einem so kleinen Artikel einer ansonsten sauber arbeitenden Institution wie Focus dermaßen viele Fehler bzw. Missverständnisse gestreut werden können. Doch von vorne:
Der Untertitel preist Cusanus als „Wegbereiter des Rationalismus“ – doch warum das so ist, bleibt vor dem Hintergrund des Textes schleierhaft. Nun ist Cusanus in der Tat ein Rationalist und kann als Wegbereiter des klassischen Rationalismus, der mit Descartes beginnt, bezeichnet werden. Er steht in der Tradition antiker Rationalisten (insbesondere natürlich Platon, aber z.B. auch Parmenides und Pythagoras) und sieht Erkenntnis der letzten Wirklichkeit/Wahrheit bzw. die Annäherung daran nur über den Verstand als möglich an. Das Erkennen läuft über den Verstand und dieser ist auch ausreichend gut konstituiert, um sich in der Alltagswelt zurechtzufinden. In gewisser Weise nimmt hier Cusanus auch Kant ein wenig vorweg: das Kantische „Ding an sich“ ist nicht zu erkennen – es gibt eine Differenz zwischen Denken und Sein. So ist das Seiende lediglich als erkanntes Seiendes zugänglich, und das ist natürlich nicht mehr das Seiende an sich. Hier ist eine Quasi-Kopernikanische Wende bei Cusanus zu finden, da die Erkenntnismöglichkeiten ins Subjekt verlagert werden und dort die Dinge – qua Gedanken und Verstand – durch das Gedachtwerden eine Art zweite Existenz erfahren. Beim Denken des Absoluten stößt er allerdings an seine Grenzen – und genau hier ist die Überleitung zur im Focus-Text erwähnten Unendlichkeit bei Cusanus zu suchen.
Cusanus „lehrte als Erster die Unendlichkeit des Kosmos“ – so liest es sich bei Focus. Nun sollte man erst einmal festhalten, dass bei Cusanus das Attribut „unendlich“ Gott zukommt. Gott ist die absolute/aktuale Unendlichkeit – aber erst Bruno wird hier in seinem Pantheismus Gott durch Kosmos ersetzen (wobei darüber gestritten werden kann, ob nicht schon Thomas Digges kurz vor Bruno die aktuale Unendlichkeit des Universums vertreten hatte). Doch zurück zu Cusanus, bei dem die Welt NICHT unendlich ist und der schreibt: „Obwohl die Welt nicht unendlich ist, so läßt sie sich doch nicht als endlich begreifen, da sie der Grenzen entbehrt, innerhalb deren sie sich einschließen ließe“ (Nikolaus von Kues: De docta ignorantia. Zitiert nach Koyré, Alexandre: Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum. Frankfurt am Main 1980, S. 21). Der Kosmos hat bei Cusanus – ganz (Neu-) Platonist – Anteil an der Unendlichkeit Gottes, muss aber dennoch qualitativ „weniger“ sein, weswegen er nur unbegrenzt ist. Darüber hinaus zeigt das Fehlen der „perfekten“ Begriffe Zentrum und Rand die Unvollkommenheit der Welt auf – in dieser Unvollkommenheit sind solche Begriffe nicht realisiert.
Nachdem ich oben geschrieben habe, dass der Verstand beim Denken des Absoluten – der Unendlichkeit Gottes – an seine Grenzen stößt, liegt es nahe, kurz zu erläutern, wie der Verstand (zumindest ein wenig) seine eigenen Grenzen überwinden kann und sich dem Absoluten, sprich Gott, annähern kann. Das Erkennen in diesem Zusammenhang vollzieht sich über Analogien, Metaphern und Symbole und die Grundlage dafür bildet die Mathematik. In der Unendlichkeit Gottes fallen alle Gegensätze zusammen (coincidentia oppositorum), so z.B. auch der Gegensatz von Gerade und Kreis (Krümmung). So wird der geometrische Gegensatz von Krümmung und Gerade aufgelöst, wenn man den Radius eines Kreises ins Unendliche vergrößert. Auf diese Weise entspricht der unendliche Kreis einer unendlichen Geraden.
Neben der Tatsache, dass Cusanus eben nicht die Unendlichkeit des Universums postuliert hatte (das kam nur Gott zu), behauptet der Artikel auch, Cusanus lehrte die Unendlichkeit „als Erster“. Auch das ist schlicht und ergreifend falsch. Unabhängig davon, dass er nur die Unbegrenztheit vertrat, war diese Ansicht eine sehr alte. So finden sich derartige kosmologische Ansätze beispielsweise bereits im antiken Griechenland bei den Atomisten (dort gab es auch unendlich viele bewohnte Erden) und auf römischer Seite bei Lukrez. Wenn es nun heißt
„Laut seinen Überlegungen konnte die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls sein, denn ein unendlicher Raum besitze keinen Mittelpunkt. Eine Ansicht, die im 15. Jahrhundert unerhört war und erst Hundert Jahre später von Kopernikus bestätigt werden sollte.“,
dann stimmt der Teil mit dem Mittelpunkt bei Cusanus (mehr oder weniger) schon. Davon, dass Kopernikus diese Ansicht bestätigt haben soll, kann dagegen in keinerlei Weise gesprochen werden. Erst einmal leitete Kopernikus die Zurückweisung der Erde als Mittelpunkt des Alls natürlich nicht aus Unendlichkeitsgedanken ab (er vertrat mit größter Wahrscheinlichkeit ein endliches Universum), sondern aus antiken Vollkommenheitsgedanken. Zudem sollte die Bestätigung dessen erst viel später erfolgen (in dem Zusammenhang sind u.a. Newton, Bradley und Bessel interessant – der Spaß beginnt also Ende des 17. Jahrhunderts).
Tja, so gibt es unterschiedliche Cusanus-Bilder: eines gehört der Wissenschaft, eines Focus…
