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6 Kommentare

  1. § Leuchtspur sagte am:
    Eine kleine Ergänzung:
    "Galilei war kein "Opfer des mittelalterlichen Obskurantismus", was der Agnostiker Paul Feyerabend 1976 erkennt: "Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen."
    Carl Friedrich von Weizsäcker ist sogar noch einen Schritt weitergegangen. Der Physiker
    erkennt, dass Galilei sich auf einem Pfad bewegte, der direkt zur Atombombe geführt hat. Galilei verkörperte eine Naturwissenschaft, die vollkommen frei sein will - frei auch von Gott."

    Quelle: URL: http://www.welt.de/wams_print/article1575319/Galileo_Galilei_war_kein_Maertyrer_der_Vernunft.html
  2. § heichele® E-Mail sagte am:
    Danke für Deinen Beitrag.

    So ganz kann man den Artikel in der Welt (aus dem Du zitierst) nicht für voll nehmen. Dass Langer einen sehr einseitigen bis unzulässig verkürzenden Blick auf die ganze Geschichte hat, dürfte nicht schwer nachzuvollziehen sein.

    So ist es definitiv falsch, zu sagen, für „Kirche und Papst war das kopernikanische Weltbild nie ein Problem“. Natürlich hatten (große) Teile der Kirche, wie die zeitgenössische Naturwissenschaft, damit ein Problem. Im Artikel geht es weiter: „Galilei wollte Kopernikus beweisen. Doch mit Ebbe und Flut geht das nicht - und Besseres hatte er nicht in der Hand.“ Das ist ja noch viel schlimmer… Selbstverständlich hatte er besseres in der Hand: ich erinnere nur an die ganzen naturphilosophischen Widerlegungen des aristotelisch-ptolemäischen Systems sowie astronomielastiger natürlich die Venusphasen und indirekt die Jupitermonde.

    Korrekt ist, dass Galilei keinen „Beweis“ hatte (an der Stelle ließe sich trefflich über die prinzipielle Beweisbarkeit naturwissenschaftlicher Aussagen im Gegensatz beispielsweise zur vollständigen Induktion der Mathematik diskutieren) – und dass an diesem Punkt die Kirche im „Recht“ war, von Galilei zu verlangen, dass er den Hypothesencharakter betonen solle (wenngleich es natürlich prinzipiell hochgradig bestätigte Hypothesen gibt, deren Wahrheit nach allem menschlichen Ermessen als gegeben anzusehen ist). Deswegen allerdings der Kirche eine größere Vernunft als Galilei zubilligen zu wollen, ist für mich auch absolut nicht nachvollziehbar. „Die“ Vernunft (was ist das überhaupt genau? Dort kein Wort der Definition) hätte der Kirche (genau wie den naturwissenschaftlichen Aristotelikern – aber die werden im Artikel nicht angesprochen) klar machen müssen, dass die eigene Position nicht haltbar ist – das wird auch nicht dadurch geändert, dass Galileis Position (noch) nicht bewiesen war. Aber Galilei konnte für sich eindeutig eine epistemisch vorteilhafte Lage beanspruchen – zumindest, wenn man Brahe außen vor lässt.

    Auch die Aussage, Galilei fühlte sich (mit seiner Naturwissenschaft) vollkommen frei vor Gott, ist einfach falsch. Galilei sah in der Naturwissenschaft (und Mathematik) einen Weg ZU Gott, sie „diente“ ihm sozusagen. Nur hatte er richtigerweise darauf bestanden, dass bei der Naturerkenntnis/Naturforschung nicht die Theologie das Primat haben sollte.

    Gruß
  3. § Leuchtspur sagte am:
    Was ich noch sagen wollte:
    Es mag schon stimmen, daß Langer in mancher Beurteilung daneben liegt, ich kann das nicht beurteilen. Mir ging es im Wesentlichen um das Feyerabend- und Weizsäcker-Zitat.
    Was bei dem ersteren Zitat die höhere Vernunft(hier vielleicht die Beurteilung der vorliegenden Fakten: der Augenschein, die Erklärungen des Ptolemäus, die Aussagen der Schrift,etc.) der Kirchenvertreter im Vergleich zu der Galileis sein könnte, so kann ich deren Opposition nachvollziehen, wenn ich mich in die Zeit versetzte.
    Dazu eine kleine Anektode. Im Nachbardorf lebte eine Frau, die bei der Gartenarbeit ihrem mittlerweile hochbetagten Sohn einschärfte, er solle sich nicht von den gottlosen Erklärungen der Erdbewegung (und Planetenbewegung) in die Irre führen lassen. Es sei völlig offensichtlich, wie er selber doch sehen könne, daß die Sonne im Osten auf und im Westen untergehe.
    Und die Frau hatte keine Ahnung von Ptolemäischen Erklärung der Rückläufigkeit der Planetenbahnen und ähnlichem.
    Bemerkenswerter scheint mir vor allem der Hinweis Weizsäckers zu sein, daß mit Galilei ein Prozeß begann, der u.a. zur Atombombe führte.Eine Beurteilung, die der Weizsäcker-Freund Georg Picht so ausdrückte: Eine Wissenschaft (und Technik), die zur Zerstörung der Lebenswelt führt, kann das Wahre nicht sein.
    Viele Grüße
  4. § heichele® E-Mail sagte am:
    Zu dem ersten Zitat: da habe ich ja schon geschrieben, dass das Festhalten am ptolemäischen System vernunftwidrig war - allerdings auch, dass das kopernikanische (noch) nicht bewiesen war.

    Zu dem zweiten Zitat, zu dem ich aus Galileis Sicht ja schon geschrieben habe: mich wundert Weizsäckers Aussage - weniger von prinzipiellen Gehalt, als vielmehr wegen des Bezugs zu Galilei.

    Sie ist höchstens dahingehend "gerechtfertigt", wenn man die moderne Naturwissenschaft an sich als Unheilsbringer (z.B. Atombombe) verteufelt - denn die hat Galilei begründet. Aber das ist eigentlich auch nicht Weizsäckers Intention (wäre auch völlig daneben).

    Auf einem anderen Blatt stehen die Wertfreiheit/Wertneutralität von Wissenschaft und deren moralische Verantwortung. Doch würde ich prinzipiell eher "dem" Menschen als "der" Wissenschaft die Schuld geben. Auch ich bin der Meinung, dass man wissenschaftlich nicht alles machen sollte/darf, was man rein theoretisch könnte. Die Grundlagen solcher normativen Positionen könn(t)en sich dabei allgemein aus einem breiten Spektrum speisen - von humanistischen Errungenschaften bis hin zu religiösen Überzeugungen. Doch sehe ich auch einen großen Unterschied zwischen (der unheimlich wichtigen) Grundlagenforschung und Anwendung des entsprechenden daraus gewonnenen Wissens. Vorsicht sollte man - wenn nötig - insbesondere im zweiten Bereich walten lassen.

    Viele Grüße

    PS. Die Anekdote mit der Frau im Nachbardorf finde ich unglücklich, da die Kirche (bzw. viele ihrer Vertreter) ja wissenschaftlich auf dem Laufenden war. Sie betrieb auch selbst Astronomie etc., es gab also nicht "die" schlaue Naturwissenschaft und "die" unwissende Kirche. Die Kirche hatte die gleichen Vorraussetzungen wie die Physik- (also Naturphilosophie-)Professoren - und beide "wollten" nicht...
  5. § antaeus® E-Mail sagte am:
    Sehr lesenswert. Kompliment!
    Manchmal ist an den Dingen mehr die Essenz der Aussage wichtig, als deren Détails.
    Wobei ich keinesfalls Fehler in den Détails unterstellen möchte; ich nehme sie als gegeben hin und habe sie nicht überprüft;
    Für das war der Text zu interessant *smile*
  6. § heichele® E-Mail sagte am:
    Danke für das Lob. Vor Fehlern ist niemand gefeit - aber ich meine belegen zu können, dass die sich hier sehr spärlich aufhalten :-)

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