Bei den vorsokratischen Naturphilosophen findet erstmals in der Menschheitsgeschichte eine systematische und von Rationalität geprägte Auseinandersetzung mit den Fachgebieten statt, die auch noch heute im Rahmen der Naturwissenschaften behandelt werden – metaphorisch erblickt hier die Wissenschaft (noch ausschließlich unter dem Namen „Philosophie“) das Licht der Welt. Die antike griechische Philosophie beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit einem Themenspektrum, das immer noch als hochgradig forschungsintensiv gelten kann: es war, um nur einen kleinen Ausschnitt aufzuzeigen, die Rede von Evolutionsmodellen, dem atomaren Aufbau der Welt, der Stellung des Menschen und der Erde im Kosmos. Die Frage nach Geist und Bewusstsein spielte ebenso eine Rolle wie das Problem der (Un)Endlichkeit des Universums. All diesen Untersuchungen war ein Merkmal gemeinsam: das Ziel war eine rationale Erklärung der Welt.
Werfen wir nun einen Blick auf Aristoteles, der in der Antike und in Hinblick auf die Wirkmächtigkeit – neben Platon – die entscheidende Rolle in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte spielte. Als erstes möchte ich mich kurz mit der aristotelischen Methode befassen: Philosophie war gleichbedeutend mit und ein Synonym für Wissenschaft, und Wissenschaft beschäftigte sich – anders als die Kunstfertigkeit zum Beispiel – stets mit dem Allgemeinen, den Grundstrukturen und Grundgesetzen. Im strengen Sinn bedeutet Wissen hier, etwas beweisen zu können. Die Philosophie (Wissenschaft) ist nach Aristoteles aufgeteilt in die theoretische und die praktische (sowie poietische) Philosophie. Die theoretische Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Wissen selbst und mit der Erkenntnis um der Erkenntnis willen. Die praktische Philosophie handelt von der Verwirklichung der erkannten Gesetze und Normen in der Praxis. Die theoretische Wissenschaft ihrerseits erfährt eine Unterteilung in Naturphilosophie, Mathematik und Metaphysik. Das aristotelische Wissenschaftsverständnis spiegelt sich auch in seiner Konzeption der Naturphilosophie (Naturwissenschaft) wider. Naturforschung wird um der Erkenntnis willen betrieben und sie hat die Suche nach den zugrunde liegenden Elementen und Prinzipien zur Aufgabe. Naturphilosophie soll Erklärung und Wissen von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen liefern. Naturwissenschaftliche (naturphilosophische) Erkenntnis wird durch Erklärung erreicht, nicht durch das bloße Sammeln von Fakten – und als erklärt kann gelten, was auf allgemeine Prinzipien zurückgeführt ist.
Neben diesem methodologischen Aspekt ist auch ein Blick auf die aristotelischen Inhalte für das weitere Verstehen der Wissenschaftsgeschichte notwendig: wenngleich eine adäquate Würdigung der aristotelischen Leistungen den Rahmen dieses kleinen Beitrags massiv sprengen würde, müssen ein paar kleine Anmerkungen erlaubt sein. Mir geht es hierbei insbesondere um einen speziellen Punkt, der für die Entwicklung der Wissenschaftsgeschichte von einer immensen Bedeutung war – und das ist die aristotelische (und in der aristotelischen Tradition stehende) Betrachtungsweise der Bewegung mit ihrer Aufteilung in natürliche und erzwungene Bewegungen. Dort wird die Ortsveränderung als ein Prozess und Vorgang der Veränderung angesehen, der dem Ziel der Ruhe entgegengesetzt ist. Die Bewegung, die eine Veränderung des Körpers selbst darstellt, ist ein Werden und Vergehen und steht damit ontologisch auf einer vollkommen anderen Ebene als die Ruhe, die als Zustand charakterisiert werden kann. Da jeder Körper von sich aus den Zustand der Ruhe (am natürlichen Ort) anstrebt, wird eine Kraft benötigt, sofern sich der Körper in Bewegung befindet. Die aristotelische Physik hat folglich unter anderem ein Problem mit dem Phänomen des Werfens, wo sich zum Beispiel der geworfene Speer, sobald er in der Luft ist, offensichtlich ohne Krafteinwirkung bewegt. Da eine Fernwirkung der Kräfte abgelehnt wird und eine Übertragung nur durch Berührung stattfinden kann, weicht Aristoteles auf das angeblich die Bewegung vermittelnde Medium – in diesem Fall die Luft – aus. Die von Johannes Philoponos im 6. Jahrhundert entwickelte und von Johannes Buridan verfeinerte Impetustheorie bietet zu diesem Ansatz eine Alternative bzw. Weiterentwicklung. Nach der Impetustheorie wird der Körper zu Beginn seiner Bewegung mit einem Impetus bzw. einer Kraft ausgestattet, die ihn so lange in Bewegung hält, bis sie erschöpft und aufgebraucht ist.
Die aristotelische Philosophie sollte also in zweifacher Hinsicht dem Verlauf der Wissenschaftsgeschichte ihren Stempel aufdrücken: zum einen galt das unumstößliche Gebot, Wissenschaft werde um ihrer selbst Willen betrieben und sie sei eine Erklärung des „Warum“. Zum anderen konnte die aristotelische Naturphilosophie bzw. Physik inhaltlich eine Wirkung erzielen, die bis zu dem Beginn der Neuzeit prägend war – und die Physik war in ein (auch im wahrsten Sinne des Wortes) allumfassendes System eingebettet. Die aristotelische Bewegungs- und Elemententheorie begründet seine Kosmologie und steht in engem Zusammenhang mit den aristotelischen Grundbegriffen Form, Materie, Möglichkeit und Wirklichkeit sowie Bewegung und Veränderung. Wollte man an der aristotelischen Physik etwas verändern, musste man praktisch das gesamte Gebäude einreißen – und dieser Preis galt über eine sprichwörtlich halbe Ewigkeit als zu hoch, war das aristotelische System doch im Laufe der Zeit quasi einer Dogmatisierung unterworfen wurden. Dies galt sowohl (und vor allem) in einem weltlichen Sinne, doch gleichzeitig und bekanntermaßen auch in einem kirchlichen. Nachdem der Aristotelismus zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert Einzug in die islamische Welt erhalten hatte (u.a. Averroes und Avicenna), begann ab dem 11. Jahrhundert ein Rücktransfer in das lateinisch-christliche Abendland (Albertus Magnus, Thomas v. Aquin), wo eine starke Verflechtung zwischen den christlichen und aristotelischen Lehren entstand. Folglich bedeutete Kritik an Aristoteles gleichzeitig auch Kritik am Christentum.
