Die zuletzt angesprochene verschieden geartete Dogmatisierung des aristotelischen Systems war ein maßgeblicher Grund dafür, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis (mit wenigen Ausnahmen) und das „Konzept“ der Naturwissenschaften über Jahrhunderte praktisch stagnierten. Was sollte nun zum Beginn der Neuzeit zu dem Wandel in der Wissenschaft führen, der schließlich eine Vielzahl von Einzelwissenschaften hervorbrachte und zu einem wahren Feuerwerk an neuen Einsichten führte? Die an so vielen Punkten vollzogene Abkehr vom Aristotelismus ging mit einer erneuten Zuwendung zum (Neu)Platonismus und dessen enormen Wertschätzung der Mathematik einher (Anm.: die Abkehr fand nicht in allen aufkommenden wissenschaftlichen Teildisziplinen statt. Die Biologie z.B. stand noch weitaus länger in der aristotelischen Tradition). Charakteristische Beispiele hierfür des 16. und frühen 17. Jahrhunderts sind Kopernikus, Galilei und Kepler (eine Besinnung auf Platon lässt sich in dieser Zeit in vielen Feldern beobachten, auch außerhalb der Physik). Werfen wir – um eine Fachdisziplin hervorzuheben – einen Blick auf die Kosmologie und Astronomie, so finden sich zum Beispiel, außer dem oben genannten Trio, mit Cusanus (15. Jahrhundert) und Bruno weitere Entwickler eines modernen Bildes unseres Universums, die unter dem Einfluss Platons standen.
Den Beginn der modernen Naturwissenschaft möchte ich nun kurz exemplarisch am Beispiel Galileis verdeutlichen, der oft auch als Begründer der modernen Physik genannt wird (vgl. dazu auch hier). Mit der galileischen Vorstellung von Naturwissenschaft wird ihre Emanzipation sowohl von Aristoteles als auch von der Philosophie im Allgemeinen weiter verstärkt. Noch zur Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert beschränkt sich die universitäre Ausbildung der verschiedensten (heutigen) naturwissenschaftlichen Teildisziplinen größtenteils auf die Rezeption der Kommentare zu den aristotelischen Werken und auf die Vermittlung der in der aristotelischen Tradition stehenden Arbeiten. Von diesem Hintergrund ausgehend ist ja das bis zum Beginn der Neuzeit hauptsächlich vorherrschende Ziel und einzige Verständnis von Wissenschaft zu erklären, durch ein geschlossenes System von Theorien die Erklärung der Ursachen zu erreichen. An diesem Punkt treten mit Galilei zwei Neuerungen ein, deren erste sich auf die vormals geforderte „Allumfassendheit“ bezieht. Wenngleich auch Galilei den (prinzipiellen) Wunsch einer einheitlichen Physik nicht verwirft, bietet er kein geschlossenes Theoriengebäude mehr an. Die neuen Erkenntnisse werden ihrer eigenen Wahrheit wegen für korrekt empfunden, selbst um den Preis, dass damit ein geschlossenes System nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Darüber hinaus kann mit Galilei eine in ihrer Wirkung bis heute anhaltende Verschiebung der primären Aufgabenstellung von (Natur)Wissenschaft festgestellt werden. Die seit der Antike vornehmliche Aufgabe der Ursachenforschung weicht nun der Suche nach Gesetzmäßigkeiten.
Zu diesem Zweck kommt es mit Galilei zu der die Entwicklung der Physik maßgeblich bestimmenden Verbindung von Naturphilosophie und Mathematik, gepaart mit dem Einsetzen von Experiment und Messung. Insbesondere in der Annahme der Mathematisierbarkeit der Naturphänomene und der Anwendung der Mathematik auf die Welt weicht Galilei deutlich von Aristoteles ab. Wenngleich die Aristoteliker die Korrektheit mathematischer Sätze nicht bezweifeln, gilt für sie die (zu abstrakte) Mathematik zur Beschreibung der Welt als unpassend bzw. ungenügend, da diese mit den tatsächlich anzutreffenden Erscheinungen nicht in Einklang zu bringen ist. Die (folglich nichtmathematische) Physik muss sich demnach, auf den Sinneswahrnehmungen beruhend, mit dem qualitativen Wesen der Natur beschäftigen. Galilei befindet sich dagegen, wie erwähnt, in der platonischen Tradition mit ihrer Wertschätzung der Mathematik, geht jedoch noch über Platon hinaus. Während Platon, von seiner Ideenlehre ausgehend, der Mathematik lediglich in ihrer idealen und reinen Form den Anspruch wahrer Erkenntnis zuschreibt, postuliert Galilei „die tatsächliche Realisierung der mathematischen Formen in der Welt“. So spricht Galilei auch von dem Universum als Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist und nur von dem verstanden werden kann, der diese Sprache beherrscht.
Auf einen konkreten Fall bezogen, der hinsichtlich seiner ontologischen Implikation von einer tiefgreifenden philosophischen Bedeutung ist, komme ich nun noch einmal auf das oben erwähnte „Wurfproblem“ der aristotelischen Physik zurück, um den Wandel bei Galilei und damit der Naturwissenschaft zu illustrieren. In seinen „Discorsi“ geht Galilei einen neuen Weg, indem er den Wurf als eine geometrisch zusammengesetzte Bewegung beschreibt, die aus einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung und der gleichförmig beschleunigten Fallbewegung besteht, wodurch eine Parabelbahn entsteht. Die hier maßgebliche Voraussetzung, dass ein Körper ohne Krafteinwirkung idealerweise eine geradlinig-gleichförmige Bewegung vollführen kann und eine Kraft zur Ablenkung benötigt, begründet das für die newtonsche und damit die moderne Physik fundamentale Trägheitsprinzip. Dieses fehlt sowohl in der aristotelischen wie auch in der Impetusphysik vollkommen, da dort die Bewegung einer Veränderung im Körper entspricht. Mit dem Trägheitsbegriff kann die Bewegung demnach, ebenso wie die Ruhe, ein Zustand sein, der auch von Dauer ist.
Am Beispiel Galilei können also weite Bereiche aufgezeigt werden, die für den Beginn der neuzeitlichen Physik und Naturwissenschaften allgemein charakteristisch sind: dies sind eine Abkehr von der aristotelischen Philosophie und eine Zuwendung zum Platonismus und der Mathematik – die Natur wurde mathematisiert. Gleichzeitig wurde zu Beginn der Neuzeit in Kauf genommen, dass es kein einheitliches, alles umfassendes physikalisches System mehr gab – wenngleich dieser „Makel“ mit Newton behoben wurde, der Galileis Erdphysik mit Keplers Himmelsphysik vereinte: der Fall des Steines gehorchte beispielsweise nun wieder den gleichen Gesetzen wie die Bewegung des Mondes. Die Suche nach mathematischen Gesetzen bedeutete einen weiteren Wandel, der das Selbstverständnis der Wissenschaften berührt: die Suche nach dem „Wie“ ersetzte die Suche nach dem „Warum“, unterstützt von systematischen Experimenten und Messungen. Das „neue“ Bild der Wissenschaften wird mit der an sie gerichteten Aufgabenstellung Bacons abgerundet, der in Wissenschaft keinen Selbstzweck mehr sieht, sondern Wissenschaft in den konkret messbaren Dienst der Menschheit gestellt sehen mag und deren praktischen Nutzen betont. An dieser Stelle kommt nun ein wenig Wehmut auf, sollte Wissenschaft damit unter das Diktat einer ausschließlichen Fortschrittskommerzialisierung geraten – die aristotelische Suche nach dem „Warum“ mag doch der stärkste Antrieb sein, der dem Charakter des Menschen als nach Wissen strebendem Wesen entspricht.
