Philosophie im 21. Jahrhundert: eine Vorstellung von „Jungert, M.; Romfeld, E.; Sukopp, T.; Voigt, U.: Interdisziplinarität: Theorie, Praxis, Probleme. Darmstadt: WBG 2010.“ »

13 Kommentare

  1. § philohof E-Mail sagte am:
    Hallo Herr Heichele,

    ich habe gewisse Probleme beim Dekodieren Ihres Texts: Handelt es sich um eine Aufzählung verschiedener Wissenstheorien (oder Positionen innerhalb derselben) oder handelt es sich um eine Argumentation?

    Das heißt, ist die Aussage: "Die Tatsache, dass wir Menschen(artigen) nach über 5 Millionen Jahren immer noch auf der Welt sind [...], zeigt, dass es [...] zumindest eine gewisse Übereinstimmung zwischen der realen Welt und unserer Deutung von ihr geben muss." in irgendeiner Weise eine Schlussfolgerung? (Und wenn ja, wo sind die Argumente, die uns dorthin führen?)

    Meine Frage bezieht sich also auf den Unterschied zwischen Reden und Sagen: Reden Sie nur (=zählen Sie nur auf) oder sagen Sie auch etwas (=bringen Sie Dinge vor, um damit auf etwas hinzuweisen)?

    Mit bestem Gruß philohof
  2. § heichele® E-Mail sagte am:
    Hallo Herr Hofbauer,

    wir haben es mit einer Feststellung zu tun, die sich auf gute Gründe stützt… :-)

    Nachdem eine adäquate Wirklichkeitsdeutung (die, welch Glück, durch zuverlässige Prozesse zustande kommt) eine notwendige Bedingung für das Überleben darstellt und wir (bis jetzt) überlebt haben, liegt es nicht allzu fern, diese adäquate Wirklichkeitsdeutung anzunehmen... Ob einem das reicht, um Begriffe wie „Wissen“ in dem Kontext zu verwenden, hängt stark davon ab, ob man eher internalistische oder externalistische Positionen vertritt. Im Endeffekt ist das erst einmal ein gutes Argument (wenngleich kein Beweis) für eine gewisse realistische Zugangsweise zur Wirklichkeit (insbesondere über den Aspekt des Artensterbens)…

    Beste Grüße
  3. § philohof E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,

    danke für Ihre Antwort. Ich habe ja auch (noch) nicht gesagt, dass Sie was Falsches behauptet haben. Ich meine nur, dass, bevor man über etwas reden kann, man irgendwie verstanden haben muss, wovon die Rede ist.

    Durch ihre Antwort weiß ich nun schon 2 Elemente mehr als zuvor: 1. die Tatsache, dass wir Menschen noch nicht ausgestorben sind, ist schon als eine Schlussfolgerung zu verstehen, und sie hängt 2. mit den internalistischen oder externalistischen Positionen in den Wissenstheorien zusammen.

    Als nächstes würde sich die Frage nach der Relevanz des Problems stellen, also Reichweite der Relevanz, Art der Relevanz etc. Dann kämen wir einem Problemverständnis näher; vorher macht es wenig Sinn, etwa kritische Einwände auszuprobieren.

    schöne grüße philohof
  4. § heichele® E-Mail sagte am:
    Hallo Herr Hofbauer,

    entschuldigen Sie bitte die späte Antwort.

    „Durch ihre Antwort weiß ich nun schon 2 Elemente mehr als zuvor: 1. die Tatsache, dass wir Menschen noch nicht ausgestorben sind, ist schon als eine Schlussfolgerung zu verstehen, und sie hängt 2. mit den internalistischen oder externalistischen Positionen in den Wissenstheorien zusammen.“
    Sagen wir dazu besser: 1. Aus (u.a.) der Tatsache, dass wir Menschen noch nicht ausgestorben sind, lassen sich einige Schlussfolgerungen ableiten. 2. Wenn man will, kann man dies mit Wissenstheorien (v.a. externalistischen) in Verbindung bringen.

    Zu Ihrer Frage der Relevanz (wenngleich ich nicht genau weiß, an welcher Stelle genau Sie die Relevanz erörtert haben möchten): die allgemeinen Probleme bzgl. der Frage, was denn Wissen ist, sind von grundsätzlicher Relevanz für jeden, der nach Wissen strebt. In dem Kontext kann man nun – was ich gemacht habe – eine Richtung vertiefen (nicht, weil es unbedingt der am meisten Erfolg versprechende Ansatz ist, sondern weil er das Problem von einer weiteren Seite beleuchtet, die oft vergessen wird), indem man vor dem Hintergrund der Evolution sowohl die spezifische Ausrichtung des menschlichen Erkenntnisapparates als auch offensichtlich zuverlässige Prozesse bei der Deutung der Wirklichkeit beachtet.

    Herzliche Grüße von Ihrem Blogkollegen
  5. § philohof E-Mail sagte am:
    Sehr geehrter Herr Heichele,

    späte Antworten sind kein Problem, aber mit dem Inhalt Ihrer Antwort komme ich nicht recht weiter. Sie schreiben:

    "Zu Ihrer Frage der Relevanz (wenngleich ich nicht genau weiß, an welcher Stelle genau Sie die Relevanz erörtert haben möchten): die allgemeinen Probleme bzgl. der Frage, was denn Wissen ist, sind von grundsätzlicher Relevanz für jeden, der nach Wissen strebt."

    Ich glaube nicht, dass das richtig ist, dass die Frage, was denn Wissen sei, relevant ist für einen jeden, der nach Wissen strebt. Im Gegenteil: Die Frage ist von solcher Allgemeinheit, dass sie erst einer Konkretisierung bedarf, um überhaupt auffassbar zu werden.

    Nun ist es aber so, dass Sie, wenn Sie die Frage nach dem Wissen mit jener nach dem Überleben der Menschheit verbunden haben, eine solche Konkretisierung und damit in gewisser Weise auch eine Interpretation der Frage nach dem Wissen schon geleistet haben. Auch Relevanzbereiche deuten sich damit an, während Sie zugleich andere durchgestrichen haben:

    Sie haben damit möglicherweise schon entschieden, dass der Einzelne nicht eine Einheit ist, die Wissen besitzen kann, denn überleben (oder nicht) kann ja nur die Menschheit. Bleibt ein einzelner Mensch nach einer Katastrophe übrig, kann in ihm nicht die Menschheit überleben.

    Sie haben also schon viele Vorentscheidungen getroffen, die ihren Sinn daher beziehen, wo Sie am Ende rauswollen, d.h. was Ihr konkretes Problem ist und was Ihnen als Lösungsvorschlag für dieses konkrete Problem vorschwebt.

    Kennt man Ihr konkretes Problem (also nicht das des Wissens in allgemeiner Form, sondern das, auf das Sie am Ende rauswollen) nicht, kann man Ihre Vorentscheidungen nicht beurteilen und sie auch nicht als notwendige Glieder in der Argumentationskette erkennen.
  6. § heichele® E-Mail sagte am:
    Hallo Herr Hofbauer,

    salopp formuliert könnte man sagen, Sie finden Antworten, die ich nicht gegeben habe und finden gegebene Antworten nicht…

    „Ich glaube nicht, dass das richtig ist, dass die Frage, was denn Wissen sei, relevant ist für einen jeden, der nach Wissen strebt. Im Gegenteil: Die Frage ist von solcher Allgemeinheit, dass sie erst einer Konkretisierung bedarf, um überhaupt auffassbar zu werden.“

    Ohne sich im Klaren darüber zu sein, was Wissen bedeutet, kann es womöglich zu Schwierigkeiten kommen, danach zu streben (sofern man das Streben nach einer Sache mit dem Versuch der Verwirklichung eines bewusst gesetzten Ziels gleichsetzt – ohne ein Ziel zu kennen, kann ich nur schwerlich zielgerichtet agieren)…

    „Nun ist es aber so, dass Sie, wenn Sie die Frage nach dem Wissen mit jener nach dem Überleben der Menschheit verbunden haben, eine solche Konkretisierung und damit in gewisser Weise auch eine Interpretation der Frage nach dem Wissen schon geleistet haben. Auch Relevanzbereiche deuten sich damit an, während Sie zugleich andere durchgestrichen haben: Sie haben damit möglicherweise schon entschieden, dass der Einzelne nicht eine Einheit ist, die Wissen besitzen kann, denn überleben (oder nicht) kann ja nur die Menschheit. Bleibt ein einzelner Mensch nach einer Katastrophe übrig, kann in ihm nicht die Menschheit überleben.“

    Ich habe nicht entschieden (und auch nirgendwo geschrieben), dass ein einzelner Mensch kein Wissen haben kann. Ihre behauptete Verbindung zwischen Wissen und Überleben der Menschheit existiert auch nicht in der Form, wie Sie andeuten: aus der Tatsache, dass die Menschheit bis jetzt überlebt hat, folgt ja keineswegs nur für „die“ Menschheit, sondern vor dem Hintergrund der wohl begründeten Annahme, dass es zentrale Gemeinsamkeiten zwischen den Erkenntnisapparaten aller Menschen gibt, für (nahezu) jeden einzelnen Menschen, dass er über ein einigermaßen wirklichkeitsadäquates Instrumentarium zur ansatzweise korrekten Deutung der Welt verfügt (das mögliche Vorhandensein gewisser kognitiver Handicaps blende ich hier mal aus).

    „Sie haben also schon viele Vorentscheidungen getroffen, die ihren Sinn daher beziehen, wo Sie am Ende rauswollen, d.h. was Ihr konkretes Problem ist und was Ihnen als Lösungsvorschlag für dieses konkrete Problem vorschwebt.“

    Auch das ist falsch. Ich habe lediglich gezeigt, dass man, sofern man entweder die ganze Wissensthematik von einem externalistischen Standpunkt aus angehen oder aber sich Gedanken über grundsätzliche Erkenntnisleistungen machen möchte, auf ein altes Mittel der Philosophie zurückgreifen kann (man denke hier an ein transzendentales Argument à la Kant): hat man eine notwendige Bedingung (in unserem Fall eine adäquate Wirklichkeitsdeutung) der Möglichkeit einer nicht bezweifelbaren Sache (in unserem Fall: wir sind noch da) gefunden, kommt man nicht umhin, die Wirklichkeit der Bedingung anzunehmen. Gleichzeitig habe ich darauf hingewiesen, dass – vor demselben Hintergrund – man stets bedenken muss, dass unser Gehirn nicht auf eine perfekte kognitive Durchdringung der Welt angelegt ist.

    „Kennt man Ihr konkretes Problem (also nicht das des Wissens in allgemeiner Form, sondern das, auf das Sie am Ende rauswollen) nicht, kann man Ihre Vorentscheidungen nicht beurteilen und sie auch nicht als notwendige Glieder in der Argumentationskette erkennen.“

    Das von Ihnen angedeutete „konkrete Problem“ von mir kann man nicht kennen, weil es ein solches nicht gibt. Sagen Sie doch einfach, welchen Argumentationsschritt Sie nicht verstehen oder als lückenhaft ansehen, und wir werden den Punkt vielleicht klären können.

    Beste Grüße
  7. § philohof E-Mail sagte am:
    Hallo Herr Heichele,

    danke, jetzt bin ich zufrieden!

    Sie schreiben: "Das von Ihnen angedeutete „konkrete Problem“ von mir kann man nicht kennen, weil es ein solches nicht gibt."

    Wenn das so ist, kann ich Sie weiter nichts fragen. Schon allein deshalb, weil ich nicht wüsste, was mich interessieren könnte. Falls Sie mal ein konkretes Problem haben, können wir darüber nachdenken respektive philosophieren.

    Sie schreiben: "Ich habe lediglich gezeigt, dass man, sofern man entweder die ganze Wissensthematik von einem externalistischen Standpunkt aus angehen oder aber sich Gedanken über grundsätzliche Erkenntnisleistungen machen möchte, auf ein altes Mittel der Philosophie zurückgreifen kann (man denke hier an ein transzendentales Argument à la Kant): hat man eine notwendige Bedingung (in unserem Fall eine adäquate Wirklichkeitsdeutung) der Möglichkeit einer nicht bezweifelbaren Sache (in unserem Fall: wir sind noch da) gefunden, kommt man nicht umhin, die Wirklichkeit der Bedingung anzunehmen."

    Das wollte ich wissen. Ihnen ist es also darum gegangen, eine bestimmte Argumentationsfigur vorzuführen. Gut. Jetzt weiß ich das. Aber wie hätte ich das wissen sollen? Ohne Gebrauchsanweisung ist Ihr Text nicht dekodierbar – jetzt haben wir die Gebrauchsanweisung.

    Herzlichen Gruß philohof
  8. § maier® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Heichele,
    ich begrüße Ihren verdienstvollen und klar durchgeführten Beitrag und teile im Wesentlichen Ihre Auffassungen. Zu zwei Punkten möchte ich etwas anmerken:
    1. Das Gettier-Problem:
    Der Glaube von Smith, dass b), kann zwar logisch von a) abgeleitet werden. Er muss aber richtig analysiert werden: Smitth glaubt nämlich nur , dass b) unter der Voraussetzung, dass a) wahr ist. Er hat keine Veranlassung anzunehmen, dass ein anderer, falls er den Job bekommt, 10 Münzen in der Tasche hat. Für diesen Fall fehlt es bei Smith schon an einer Überzeugung, die Frage ob diese wahr und gerechtfertigt ist, stellt sich dann gar nicht.
    2. Erkenntnis der "Wirklichkeit an sich"?
    Sie verneinen das: Man könne nur ein Bild der Wirklichkeit konstruieren. das nur vorläufigen Charakter hat und bei dem bestenfalls eine strukturelle Korrespondenz zur Wirklichkeit besteht. Ich meine dagegen, dass wir die Wirklichkeit an sich erkennen können. Wenn ich galube, dass sich im Kühlschrank noch etwas zum Essen und zum Trinken befindet und ich dann feststellen muss, dass der Kühlschrank leer ist, dann habe ich - trotz Kant und Heichele - ein trauriges Wissen von einer Wirklichkeit an sich. Desgleichen, wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich meine Brille vergessen habe.
    Schöne Grüße
    Günter Maier
  9. § heichele® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Maier,

    besten Dank für Ihren freundlichen Kommentar.

    Zu Punkt 1 möchte ich festhalten, dass es ja nicht um „einen anderen“ geht, in Bezug auf den eine Überzeugung vorhanden sein soll, sondern es geht um „denjenigen“, der den Job bekommt und Münzen hat.

    Zu Punkt 2 bleibt in meinen Augen zu sagen, dass ich auch in diesem Fall nicht von der Wirklichkeit an sich sprechen würde, sondern höchstens von einem Teilaspekt der Wirklichkeit im Sinne eines konkreten realisierten bzw. nicht-realisierten Sachverhalts. Und auch hier muss man zum einen bedenken, dass sie nur über das sprechen und denken können, was sich für sie als Kühlschrank oder Essen darstellt (ohne über deren endgültigen ontologischen Status abschließende Aussagen treffen zu können), und zum anderen alle Ihre Aussagen diesbezüglich stets fallibel sind und wissenschaftstheoretisch strenggenommen weder verifiziert (siehe Popper) noch falsifiziert (siehe Duhem-Quine) werden können.

    Herzliche Grüße
  10. § maier® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Heichele,
    es freut mich, dass Sie auf meinen Kommentar reagiert haben. Ich möchte Ihnen nun direkt antworten.
    Zu 1.: Ich denke,dass Sie mich nicht verstanden haben; vielleicht, weil ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt habe. Für mich ist der Schluss von a) auf b) nur dann logisch, wenn man b) einschränkend interpretiert wie folgt: „Die Person, die den Job bekommt, nämlich Jones, hat 10 Münzen in der Tasche.“ Versteht man b) dagegen wie folgt: „Die Person, die den Job bekommt, wer sie auch sei, hat 10 Münzen in der Tasche.“ wäre das eine unzulässige Erweiterung, dessen, was Smith glaubt. Würde man ihn fragen, ob er von b) in dem erweiterten Sinn überzeugt ist, würde er das natürlich ablehnen. Das, was sich dann tatsächlich ereignet, nämlich, dass Smith den Job bekommt und 10 Münzen in der Tasche hat, erfüllt b) nur in dem erweiterten Sinn und entspricht nicht der richtig verstandenen Überzeugung von Smith. Diese ist schon deshalb kein Wissen, weil sie nicht wahr ist.
    Der Fall Smith/Jones zeigt daher meines Erachtens nicht, dass das Gettier-Problem ein Problem ist.
    Zu 2.: Wenn ich einen konkreten Sachverhalt als Teilaspekt der Wirklichkeit erkenne, erkenne ich Wirklichkeit an sich, wenn auch natürlich nicht die totale Wirklichkeit unserer Welt. Gewiss, der Mensch ist fallibel, aber manche Sachverhalte kann man sogar verifizieren. Wenn ich zum Beispiel Wurst und Käse aus dem - diesmal gefüllten - Kühlschrank hole und mir die Brotzeit schmecken lasse, brauche ich trotz aller philosophischen Überlegungen keine weitere Verifikation. Wenn dagegen der Kühlschrank leer ist und ich hungrig ins Bett gehen muß, verifiziere ich auch etwas. Die Bedenken, die Popper gegen die Möglichkeit von Verifikation vorgebracht hat, beziehen sich meines Erachtens auf durch Induktion ermittelte Gesetzmäßigkeiten und nicht auf konkrete Sachverhalte. Selbst die Aussage „Alle Schwäne sind weiß“ ist als eine solche Gesetzmäßigkeit zu verstehen: Weil alle bisher beobachteten Schwäne weiß sind (was nebenbei gar nicht stimmt), kann es (unzulässiger Induktiv-Schluss!) keine schwarzen Schwäne geben. Eine solche Behauptung einer Gesetzmäßigkeit kann falsifiziert werden, wenn auch nur durch ein einziges Gegenbeispiel, und darum geht es Popper.
    Herzlichen Gruß
    Günter Maier
  11. § heichele® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Meier,

    eine ausführliche Frage bzw. Anmerkung verdient auch eine ausführliche(re) Antwort bzw. Replik.

    Zu Punkt 1
    Ich kann Ihren Punkt (glaube ich) nachvollziehen, möchte/muss ihn aber zurückweisen. Die logische Ableitbarkeit ist tatsächlich so gegeben, wie beschrieben: aus (a) „Jones ist die Person, die den Job bekommen wird und Jones hat 10 Münzen in seiner Tasche“ ist (b) „Die Person, die den Job bekommt, hat 10 Münzen in der Tasche“ abzuleiten – Ihr (b*) „Die Person, die den Job bekommt, nämlich Jones, hat 10 Münzen in der Tasche.“ tut hier nichts zur Sache. Vielleicht wird das etwas deutlicher, wenn Sie (a) dahingehend verstehen, dass darin gesagt wird, dass es eine Person x gibt, die den Job bekommt, 10 Münzen in der Tasche hat und dass diese Person Jones heißt, woraus natürlich folgt, dass es (b) irgendeine Person gibt, die den Job bekommt und (gleichzeitig) 10 Münzen in der Tasche hat. (Eine Hilfe mag die Existenzeinführung in der Logik sein: aus „Dieser Apfel ist rot.“ folgt „Es gibt ein Ding, das rot ist.“) Und genau dieser Sachverhalt wird eben auch realisiert, wenn Smith (im genannten Fall unter den entsprechenden Bedingungen) den Job bekommt. Das Gettier-Problem möchte ja aufzeigen, dass die Bedingungen der Standardanalyse nicht ausreichen: (i) p ist wahr, (ii) S glaubt, dass p und (iii) S hat gute Gründe, zu glauben, dass p – denn hier sind alle drei Bedingungen erfüllt und trotzdem kein Wissen vorhanden. Was Sie im Endeffekt machen (so verstehe ich Sie), ist, zu bemängeln, dass in (a) mehr ausgesagt wird als in (b). Das ändert aber nichts daran, dass (b) aus (a) logisch ableitbar und begründbar ist. Das Beispiel wird ja lediglich gebracht, um einen Fall zu konstruieren, in dem (u.a.) gute Gründe nicht ausreichen (vielleicht ist das ja Ihr Knackpunkt?). Sie hätten nun natürlich die Möglichkeit, zu fordern, dass für die Rechtfertigung keine falsche Überzeugung der Ausgangspunkt sein darf – aber das wurde ja ebenfalls als unzureichend dargestellt.

    Zu Punkt 2
    Die Probleme bzgl. der Induktion sind durchaus für unser Beispiel mit dem Kühlschrank und der von mir im Text erwähnten Annahme einer grundsätzlich wirklichkeitsadäquaten (aber eben nicht wirklichkeitsabbildenden) Weltdeutung relevant. Sie können aus dem grundsätzlich (in der Vergangenheit sich als adäquat – aber eben NICHT unmittelbar die Wirklichkeit abbildend – erwiesenen) funktionierenden Erkenntnisapparat nicht schließen, dass er im Moment (oder gar zukünftig) funktioniert (und sie nicht etwa gerade träumen, halluzinieren oder dergleichen). Und selbst wenn er das täte, würden sie die Wirklichkeit immer nur mit Hilfe Ihrer „Konstruktionsbrille“ betrachten können.

    Beste Grüße
  12. § maier® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Heichele,
    vielen Dank für die nochmalige Antwort. Ich denke, wir sollten unseren Diskurs noch etwas fortführen, weil er der Vertiefung der Fragen dienen kann.
    Zu Punkt 1.
    Ihr Hinweis auf die Existenzeinführung in der Logik hat mir zu denken gegeben. Sicherlich: Aus a), dass es eine Person x gibt, die den Job bekommt, 10 Münzen in der Tasche hat und (nicht nur Jones heißt, sondern) der bewusste Jones ist, muß man folgern, dass es b) irgendeine Person gibt, die den Job bekommt und 10 Münzen in der Tasche hat, weil jedenfalls Jones die durch b) geforderten Prädikate hat. a) ist damit eine Spezialfall von b). Weil b) geringere Anforderungen an eine Erfüllung stellt als a), kann es von einer größeren (eigentlich einer unbegrenzten) Zahl von Personen erfüllt werden, z.B. von Miller, während a) nur von Jones erfüllt wird. Nun kommt es aber auf die Überzeugung von Smith an, die zu bewerten ist, ob sie Wissen darstellt. Der springende Punkt ist, dass Smith von b) nur überzeugt ist, weil er von a) überzeugt ist . Für die Überzeugung a) hat er Gründe (ob gerechtfertigt oder nicht), für die Überzeugung b) hat er nur den Grund, dass er a) für wahr hält. Seine Überzeugung, dass b), beschränkt sich also auf den Fall, dass Jones den Job bekommt; diese Überzeugung erfasst nicht den Fall, dass Miller den Job bekommt, sonst müsste Smith annehmen, dass Miller 10 Münzen in der Tasche hat, und dazu hat er keinen Grund. Deshalb: Bekommt Miller den Job, dann ist Smith´s richtig verstandene Überzeugung zu b) nicht erfüllt und damit nicht wahr. Die Frage, ob sie gerechtfertigt ist, stellt sich dann nicht und das Gettier-Problem ist nicht in Sicht.

    Zu Punkt 2:
    Mit der „Konstruktionsbrille“ haben Sie sicherlich recht. Ich denke aber, dass wir mit unserer sinnlichen Erfahrung die Dinge in unserer Umgebung so gut und so sicher erkennen können, dass wir insoweit die „Wirklichkeit an sich“ erfassen und davon „Wissen“ haben können. Schließlich können wir im Allgemeinen Traum und Wachsein unterscheiden, z.B. wenn wir von einem Albtraum aufwachen.

    Beste Grüße
    Günter Maier
  13. § heichele® E-Mail sagte am:
    Lieber Herr Maier,

    ich denke, ich habe zuletzt nur etwas verkürzt argumentiert: Smith glaubt ja begründet nicht nur, dass irgendjemand 10 Münzen hat und den Job bekommt, sondern DERJENIGE, der 10 Münzen hat den Job bekommt. Nun hat Smith die Auswahl zwischen zwei Personen (Miller spielt also keine Rolle) und glaubt (begründet), eine solche Beschreibung sei hinreichend dafür, dass quasi die Identität von Jones darin aufgeht. Es wird gewissermaßen ein Beispielparameter eingeführt, von dem Smith ausgeht, er würde auf Jones zutreffen, ohne dass dies logisch folgt – aber Smith meint ebenfalls, dass dies gar nicht folgen müsse. Mit dem Punkt der geringeren Anforderung von (b) an eine Erfüllung im Vergleich zu (a) haben Sie völlig Recht, wobei das ja genau das Problem ist – in Smiths Gedankenwelt kann er sich das leisten.

    Herzliche Grüße

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