Nachdem ich hier im 1. Teil bereits über die Funktionsweise des Gehirns, fragwürdige Begrifflichkeiten und Freiheit geschrieben habe, folgt nun Teil 2.
Klassische Positionen zur Willensfreiheit
Hinsichtlich der Plausibilität der methodischen Folgerichtigkeit innerhalb ihrer Position liegen Deterministen und Libertarier auf einer ähnlich hohen Ebene: der Determinist leugnet jegliche physikalische und auch jede menschliche Freiheit. Der Libertarier (ebenfalls Non-Kompatibilist) leugnet den Determinismus und setzt an diese Stelle eine offene Welt, in der es menschliche Freiheit gibt.
Eine (auf den ersten Blick) seltsame Mittelposition nehmen die Kompatibilisten ein, die Freiheit und Determinismus als miteinander vereinbar sehen (Inkompatibilisten verneinen diese Möglichkeit) und beides für existierend halten.
Zusätzlich können Non-Kompatibilisten angeführt werden, die aus dem probabilistischen Weltbild kommend den strengen Determinismus ablehnen und eine offene Welt propagieren, gleichwohl aber auch die Freiheit verneinen. In dieser Denkrichtung wird im folgenden Kapitel argumentiert werden.
Grundsätzlich scheint es schwierig zu sein, in allen Fällen eine eindeutige Zuordnung machen zu können. Dies gilt insbesondere auch deswegen, da nicht immer klar ist, für welche ontologischen Bereiche die präferierte Position zutreffen soll. Als kleines Beispiel sei der Determinismus angeführt: so ist hier nicht immer klar, worauf sich der Glaube an die mathematisch-physikalische eindeutige Vorherbestimmtheit richtet – die materielle Welt, das Bewusstsein, beides oder einen metaphysisch belegten Weltlauf im Sinne einer globalen Teleologie. Darüber hinaus besteht oft die Schwierigkeit, Determinismus von physikalischer Notwendigkeit zu trennen. Dies liegt an der sprachlich unsauberen Art und Weise, häufig Determinismus und Freiheit als die beiden einzigen möglichen Positionen zu betrachten.
Ist der Wille frei?
Nun stellt sich die Frage, ob wir es realiter mit einem freien Willen zu tun haben. Zur Beantwortung ist zuerst eine Definition dessen erforderlich, „was“ (Wille) genau „wovon“ frei sein soll und wie diese Freiheit auszusehen hat.
Als erstes scheint es angebracht, Willensfreiheit von Handlungsfreiheit abzugrenzen. Handlungsfreit ist bereits dann gegeben, wenn die Wahl zwischen verschiedenen möglichen Handlungen gefällt werden kann – unabhängig von dem Auslöser oder Ursprung der konkreten Wahl. In obiger Herausarbeitung der Voraussetzungen für freie Entscheidungen war dies Punkt 1. Somit ist gezeigt, dass dieser Aspekt alleine nicht hinreichend ist, um von freier Entscheidung zu sprechen, da hier der zur Handlung führende Wunsch (*1) nicht unbedingt dem Subjekt in einem bewussten Prozess auf Basis eines selbstverfügbaren Ichs entspringen muss. Die Punkte 2 und 3 können dahingehend zusammengefasst werden, dass ein schließlich zur Handlung/Entscheidung führender Wille originär und zwanglos im Subjekt auf Basis einer bewussten Entscheidung seinen Ursprung haben soll.
Während die Urheberschaft (Punkt 2) im weiteren Sinne noch problemlos dem (zumindest „System“) Mensch/Gehirn zugeschrieben werden kann, ergeben sich bei der geforderten Zwanglosigkeit der bewussten Willensbildung als Voraussetzung der Freiheit gravierende Probleme. Wenngleich Zwang und Notwendigkeit in einem sehr engen Verhältnis zum Determinismus stehen, können sie auch im Falle nichtdeterministischer Konzeptionen als unumstößlich angesehen werden. Bevor allerdings dieses Problemfeld angegangen wird, soll noch kurz auf die Schwierigkeit einer konsistenten Postulierung des freien Willens unabhängig von neurophilosophischen Gesichtspunkten in Abhängigkeit der modernen Hirnforschung hingewiesen werden.
Hierzu scheint es angebracht, prinzipiell zwischen dem unbewussten und bewussten Teil der Willensbildung zu unterscheiden. Als unbewusst können alle früheren Einflüsse der Konstituierung und Prägung des entscheidenden Ichs bezeichnet werden, die auf die konkrete Willensbildung unter Abwägung der durch die gleichen Einflüsse entstandenen Wünsche einwirken. Dem ist das bewusste Abwägen von Argumenten durch die entscheidende Person hinzuzufügen. Geschieht nun der Entscheidungsvorgang unabhängig von äußeren und inneren Zwängen, ist man auf den ersten Blick versucht, von einer freien Entscheidung zu sprechen. Dabei werden allerdings einige Dinge stillschweigend unterschlagen: Abgesehen von der Tatsache, dass – wie im Folgenden noch zu zeigen ist – die inneren und äußeren Zwänge auf neurobiologischer Ebene nicht auszuschalten sind, wird von einer fragwürdigen Konzeption des bewusst entscheidenden Ichs ausgegangen. Ein Wille kann mir nur dann als bewusst konstituiert zugeschrieben werden (*2), wenn er mir entspringt. Das setzt jedoch voraus, dass ich aus einer Situation heraus argumentiere, die nicht beliebig ist und gewissen gewachsenen Strukturen entspringt. Doch bereits hier wirft sich die Frage auf, ob ich – mit all meinen Charaktereigenschaften und Wünschen – unter exakt gleichen perfekten Bedingungen ohne jede Zwangseinwirkung mich unterschiedlich entscheiden könnte. Wäre dem nicht so, kann nicht von einem wirklich freien Willen im Sinne eines offenen Ausgangs gesprochen werden – in einem einzigen Ereignisraum wäre stets nur eine Entwicklungslinie denkbar. Auf der anderen Seite stellt sich bei der Bejahung der Frage das Problem, inwieweit der daraus resultierende Aspekt der Beliebigkeit mit einem vollständig selbstverfügbaren Willen in Verbindung gebracht werden kann. Wenn in diesem Fall von freiem Willen gesprochen werden soll, ist automatisch auch ein von mir freier Wille gemeint.
Abschließend soll noch ein kurzer Blick auf den freien Willen aus neurobiologischer Sicht geworfen werden. Hier kann an den letzten Satz des vorhergehenden Abschnitts angeschlossen werden: aus neurobiologischer Sicht ist der Wille durchaus frei – im Gegensatz zu einem strengen Determinismus. Das bedeutet allerdings nicht, dass der freie Wille ein dem entscheidenden Subjekt zur aktiven Verfügung stehendes Etwas ist, sondern dass das Gehirn wie die ganze Welt ein offenes und (neben natürlich auch deterministischen Abläufen) probabilistisches System ist, in dem aus dem Jetzt-Zustand zukünftige Entwicklungen nicht ableitbar sind. Die Willensbildung läuft offenbar auf Grundlage der nichtlinearen Wechselwirkung der sich selbstorganisierend verschaltenden Neuronen ab, die wiederum den Naturgesetzen folgen. Freier Wille und selbstverfügbares Ich werden so zur Illusion eines passiven Beobachters, die ihren Ursprung in den emergenten Geist-Eigenschaften des Gehirns haben, die durch verschiedene Iterationen und Rückkopplungen, quasi durch Verschaltungsmuster von Verschaltungsmustern und der daraus folgenden Selbsttranszendenz erklärt werden können. Aus der evolutionären Entwicklung heraus lässt sich dieses Phänomen sowohl physiologisch als auch psychologisch erklären. Neben der bereits erfolgten physiologischen Erklärung kann die psychologische Fehldeutung eines alles steuernden und kontrollierenden Ichs mit dem wiederum evolutionär begründbaren Unvermögen des menschlichen Geists aufgelöst werden, die mitunter emergenten Auswirkungen nichtlinearer Wechselwirkungen korrekt zu erfassen. Die prägende Alltagswelt ließ den Menschen ein Intuitionskonstrukt aufbauen, wonach komplexere Strukturen höheren Informationsgehalts eines Planers bedürfen. Das Zelt des Urmenschen errichtete sich ebenso wenig von selbst wie die Steinschleuder, die Taverne oder das Auto. Vor diesem Hintergrund schuf sich das Gehirn Erklärungsmuster, die auf es selbst angewendet unnötige Zusatzannahmen erzwingen.
Sollte neurobiologisch wider Erwarten auf irgendeine Weise der freie Wille dennoch existieren, müsste dies allem Anschein nach über ontologische Ebenen funktionieren, deren Annahme heute dem ontologischen Sparsamkeitsprinzip widersprechen. Mögliche Einfallstore könnten die Emergenzstufen des Geistes sein, die dann in Nähe des (Neu)Platonismus zu verorten wären. Anders als zuweilen behauptet, sind mit der aktuellen Hirnforschung nämlich nicht alle platonischen Elemente vertrieben worden. Der cartesische Dualismus von Geist und Materie ist zu Zeiten des „embodied mind“ zwar nicht mehr haltbar, doch erlauben die unterschiedlichen phänomenologisch-qualitativen Ebenen der rein materiellen mikroskopischen und emergenten makroskopischen Welt des Gehirns durchaus platonische und quasi-dualistische Sichtweisen.
Es bleibt noch festzuhalten, dass es mir vollkommen klar ist, dass an manchen Stellen eine relativ einseitige (wenngleich insgesamt konsistente) Sicht der Dinge vorgenommen wird. Gerade im Sinne einer diskussionsanregenden „Initialzündung“ ist dies jedoch in meinen Augen gerechtfertigt. Insbesondere die konkrete Freiheitsdefinition des Willens lässt viel Spielraum für andere Schlussfolgerungen (v.a. in Richtung der Kompatibilisten gehend), ebenso wie die neurobiologischen Erkenntnisse noch keineswegs am Endpunkt eines wissenschaftstheoretischen Verifikations- und (v.a.) Falsifikationsprozesses angelangt sind.
(*1) Wenngleich für die Grundaussage nicht relevant, sollte beachtet werden, dass in vorliegender Konzeption Wunsch und Wille nicht identisch sind. Aus den Wünschen bildet sich der Wille, der anschließend über die Entscheidung zur Handlung führt.
(*2) Das muss er, denn sonst wäre der Wille nicht „meiner“, sondern käme auf irgendeine Art von „außen“.

Wenn mir bewußt ist, daß ich in identischen Situationen gleich reagiere, kann ich a) auswählen in welche Situation ich mich begebe oder b) Strategien trainieren, um mich anders zu entscheiden.
Nun müsste man genau untersuchen: einen Schritt vor was genau? Erinnert mich ein wenig an die ganzen Libet-Experiment-Interpretationen. Bei der Wahl (a) oder dem Training (b) stellt sich darüber hinaus die Frage, welche Art "Ich" das sein soll - ein tatsächlich "freies" oder das wieder auf im Endeffekt physikalisch-chemische Welchselwirkungen rückführbare. Ich sehe da also keine grundsätzlich neuen Ansätze.
Gruß
Thomas
wenn wir auf dieser deiner ebene diskutieren kommen wir aus meiner sicht nicht wirklich weiter, da wir assoziert und nicht dissoziert darüber nachdenken. wir stecken zu tief in der frage selbst drin und denken in reparaturkonformitäten. ich schlage vor: wir sollten die EIN-WERTIGE-LOGIK der selbstorganisation nutzen. d.h. alle ureinwohner waren und fühlten sich als TEIL der natur. somit funktionierten sie nach den naturgesetzen, emergent nach den epigenetischen gesetzen. wir modernen menschen denken (leider) mindestens ZWEI-WERTIG, d.h. dual.somit kommt es auf den standpunkt an, von welcher seite aus wir den freien willen diskutieren. jedenfalls meine ich persönlich, von unseren standpunkt aus werden wir so nicht weiterkommen. libet kommt auch vom unbewussten teil unseres seins, eben aus der einwertigkeit.
liebe grüße
bernhard