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Peer 2 Peer University: Neuroethics and International Biolaw

Link: http://randfigur.wordpress.com/2009/08/25/p2p/

Ich habe mich soeben für einen Onlinekurs an der ersten virtuellen Universität angemeldet, die sämtliche Ressourcen aus im Internet kostenfrei zugänglichen Informationen schöpft. Die zu erbringenden Teilprüfungsleistungen würden, sofern ich als Student angenommen werde, in meinen englischsprachigen Blog erscheinen.

Bisher gibt es wenige Beiträge deutschsprachiger Blogger, die das 'Edupunk' phänomen im Rahmen der social networks und der open source Materialien aufgreifen. Leben deutsche Studenten und akademisch Interessierte nun gänzlich in der englischen Blogosphäre? Oder geht dieses Phänomen gänzlich an der deutschen 'Bildungselite' vorbei? Wäre das überhaupt schlimm?

Permalink 26.08.09    1 Kommentar »

Hallo

Hallo, bin neu hier. Werde mich zuerst mal umsehen, um dann zu sehen, was ich schreiben will. Ich bin ursprünglich der Blog-Idee eher abgeneigt gewesen: Blog hat sowas von "nur sehr kurze Zeit aktuell"-Sein an sich, so eine vorsätzliche Produktion von elektronsischem Zeitungspapier statt elektronischem Buchpapier. Und als Philosophierender möchte man doch, wenn schon nicht etwas völlig Zeitloses, so doch etwas länger Anhaltendes und längere Zeit Aktuelles von sich geben. Schon um unserer Gesellschaft, die auch im geistigen Bereich eine Wegwerfgesellschaft ist, etwas entgegenzusetzen. Auf der anderen Seite aber sucht man natürlich auch das Gespräch, schon um zu erfahren, was andere philosophisch Gesinnte und Menschen mit philosophischen Unruhen denken. Gewiss, man könnte immer die Klassiker lesen, da hätte man wenigstens etwas Gutes zu lesen. Aber was mich interessieren würde: Ob es eigentlich wirklich so etwas wie eine philosophische Diskussion in der Gegenwart gibt? Gibt es das - oder macht ein jeder nur so vor sich hin? Umso mehr würde mich das interessieren, da sich meine Vorstellung von Philosophie in einem kurzen Satz zusammenfassen lässt: Philosophie ist philosophieren. Und damit stürzt natürlich schon alles über mir zusammen, weil unser gesamter Wissenschafts- und Universitätsbetrieb umgekehrt funktioniert. Nirgendwo steht da das Denken, Lernen oder Forschen im Mittelpunkt, sondern überall nur die Forschungsergebnisse. Nun, die Gesellschaft verdient freilich Forschungsergebnisse und ein Mittel gegen Krebs oder sonst alle denkbaren Innovationen. Aber in der Philosophie auf die Ergebnisse des Denkens zu setzen, das bedeutet: Die Professionellen der Philosophie, die Philosophen und Philosophieprofessoren philosophieren für und anstatt des gewöhnlichen Menschen, sie repräsentieren die Philosophie und erklären dem gewöhnlichen Menschen die Denkergebnisse zu denen sie gekommen sind - und der gewöhnliche Mensch denkt dadurch nicht. Weil es ja auch gar nicht vorgesehen ist. Was haben wir nur für eine un-, antiphilosophische Gesellschaftsordnung? Und über was haben Philosophierende in einer solchen antiphilosophischen Gesellschaftsordnung in Blogs zu reden? Worüber gelüstet es sie zu reden? Und wie verständigt man sich beim Diskutieren in Blogs darüber, ob das Philosophie ist, was man da tut? Das würde mich interessieren

Permalink 25.08.09    1 Kommentar »

Geist und Materie

Eine These:
Geist kann in unserer Welt zusammen mit Materie einheitliche Dinge bilden und in einheitlichen Vorgängen wirksam werden. In diesen Vorgängen sind die geistigen Wesensmerkmale vorangehender Zustände kausal relevant für die geistigen Wesensmerkmale nachfolgender Zustände. Dies gilt entsprechend für die physikalischen, chemischen und biologischen Wesensmerkmale. Psychophysische Wechselwirkungen gibt es nicht, sondern nur einheitliche Vorgänge.
Wenn Dinge und Vorgänge einmal von ihrer physischen und einmal von ihrer geistigen Seite her beschrieben werden, sind es doch dieselben, unter den verschiedenen Beschreibungen mit sich identischen geistig-materiellen Dinge und Vorgänge.

Die kausale Kraft des Geistigen

Bei physikalischen Abläufen verursachen vorausgehende Zustände die ihnen folgenden Zustände, wobei auch die Wirkung physikalischer Energie mit im Spiel ist. Man kann daher davon sprechen, dass physikalische Zustände eine kausale Kraft haben. Wie steht es nun mit der kausalen Kraft geistiger Zustände oder Dinge, wie Gedanken, Ideen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Büchern, Kunstwerken? In der Philosophie des Geistes wird vielfach angenommen, dass diese Dinge keine eigene kausale Kraft haben, weil es hier keine Energie gibt, die die kausalen Abläufe antreiben könnte. Geistige Dinge seien daher entweder bloße Begleiterscheinungen (Epiphänomene) physischer Abläufe oder sie würden ihre kausale Kraft von den physischen Abläufen „erben“, mit denen sie verbunden sind.
Nun ist es so, dass geistige Dinge in aller Regel eine materielle Basis haben, so etwa mentale Dinge in neuronalen Hirnvorgängen, Romane in gedruckten Büchern oder sonstigen Medien, Gemälde in Leinwand und Farben, und dass sie diese Basis benötigen, um kausal wirksam zu werden. Die Identitätstheorie sieht hier geistig-materielle Einheiten mit dem Doppelaspekt des Geistigen und des Materiellen. Wenn man aber kausale Kraft nur der materiellen Ebene zuschreibt oder allein aus dieser herleitet, übergeht man die spezifische kausale Wirksamkeit der geistigen Dinge. So kann man die Wirkung von Büchern, die die Welt bewegen, nicht auf Papier und Druckerschwärze zurückführen. Gedanken und Ideen haben unter Umständen eine Wirkmächtigkeit, die es verbietet, ihnen eine eigene kausale Kraft abzusprechen.

Permalink 18.07.09    25 Kommentare »

Blinde können nicht sehen!

Immer wieder wird dem Skeptizismus ein performativer Selbstwiderspruch vorgeworfen. Dass dieses Argument logisch nicht haltbar ist, wird in den seltensten Fällen explizit gemacht. Ich möchte nun einmal hier darstellen, worin, meines Erachtens, der Denkfehler der Skeptizismusgegner liegt.
Erst einmal: Was ist Skeptizismus überhaupt? Es ist die Feststellung, dass es keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt. Der Skeptizismus besagt ganz einfach, dass alle Annahmen angezweifelt werden können. Dass es also kein objektives Wissen über die Welt gibt.
Dieser Gedanke, ist an sich ja schon recht einleuchtend. Woher soll man auch irgendeine Sicherheit nehmen können, wenn man sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann?
Wie die Umgebung erfahren wird, ist durch die Kriterien der Nützlichkeit und des Zufalls diktiert. Eigenarten der Sinnesorgane und neuronaler, psychischer und kognitiver Prozesse bestimmen was wir wahrnehmen. Die Kategorien in denen wir denken, sind Artefakte unserer Erfahrung und der Evolution des Menschen. Sie haben sich lediglich in der praktischen Anwendung bewährt. Neugeborene, zum Beispiel, sind in der Reizverarbeitung anscheinend wesentlich undifferenzierter als ältere Kinder und Erwachsene. Ihre Perzeption ist synästhetisch. Das heißt, ihre Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) sind nicht voneinander getrennt, sondern noch formlos verschmolzen. Erst im Laufe des weiteren Lebens, kristallisieren sie sich als separate Einheiten heraus.
Von Zeit zu Zeit sollte man sich auch vor Augen führen, wie Insekten ihre Umwelt wohl erfahren. Kann man allen Ernstes behaupten, dass sie in der gleichen Realität leben wie wir? Sie nehmen, praktisch in jeder Hinsicht, vollkommen andere Informationen auf als ein Mensch. Nicht nur rein physiologisch, sondern auch in den Dimensionen des Raumes und der Zeit. Für einen Schmetterling beispielsweise, wäre eine Filmvorführung, wie sie in jedem herkömmlichen Kino stattfindet, nicht mehr als eine öde Diashow.
Der Skeptizismus macht allerdings immer nur Aussagen über die externe Realität. Sonst wäre er schon lange durch Descartes’ Cogito ergo sum widerlegt worden. Wir müssen uns schließlich sicher sein können, dass wir irgendwie existieren, denn unsere Form des Daseins, ist die Definition für Existenz, die wir auf die Welt projizieren. Das Ich ist das Eichmaß, das Urmeter, der Existenz.
Was der Skeptizismus feststellt, ist also dass eben diese einzige Sicherheit, die uns gegeben ist, uns daran hindert irgendeine andere Sicherheit zu erlangen.
Nun, wie kann von Kritikern, an so etwas Schlüssigem, wie dieser Erkenntnis, überhaupt gezweifelt werden? Die Kritiker jedenfalls argumentieren, dass der Zweifel ja eben genau der wunde Punkt der Überlegungen sei. Wenn man laut Skeptizismus an allem zweifeln soll, dann müsse man auch am Skeptizismus selbst zweifeln. Es wird dem Skeptizismus also eine Antinomie vorgeworfen: Die Menschen sollen laut ihm nichts wirklich wissen können. Doch wie können sie dann wissen, dass sie nichts wissen können?
Ist dieser Einwand nicht, als ob man behaupten würde, dass Blinde sehen könnten, weil sie nichts „sehen“? Der Skeptizismus ist doch nicht etwas, was ist, sondern er ist die Abwesenheit von etwas, nämlich von Sicherheit. Sowenig wie Blinde sehen können, sowenig können wir etwas sicher wissen.
Als Skeptiker stelle ich mich in die Welt, deute auf die Sachverhalte in ihr und sage immer wieder: „Dessen kann man sich nicht sicher sein! Und dessen kann man sich nicht sicher sein! Und ... etc.“. Aber wo finde ich denn den Skeptizismus, auf den ich zeigen und feststellen kann: „Dessen kann man sich nicht sicher sein!“? Die Antwort lautet: Mein Finger ist der Skeptizismus. Doch er ist kein Teil der Welt. Er ist eine Negation. Ich kann nicht auf ihn weisen, denn dazu müsste ich ihn verwenden.
Das schöne an ihm ist letztendlich, dass er seine Feinde mit den eigenen Waffen schlägt. Er nutzt die Logik um zu beweisen, dass er entweder Recht hat und somit seine Kritiker Unrecht haben. Oder die Welt nicht logisch ist und es in diesem Fall ohnehin kein Richtig oder Falsch gibt.
Ich bin ich, und alles andere ist nicht ich. Man muss an allem zweifeln, weil man nicht daran zweifeln kann.

Permalink 11.07.09    22 Kommentare »

Externalisirung und Transcendenz

Der Mensch, als subiectiver sowohl denn als intersubiectiver Acteur, neigt, nicht zuletzt aus einer gewissen Nothwendigkeit, dazu, internalistisch gebildete Principien und Concepte zu externalisiren. Dies trifft, stärker noch als in der Erkenntnistheorie, namentlich auf die Ontologie der Ethik zu. Die Feststellung, daß sich jenseits irdischer Sphären keine Götterwelt befindet, hat nicht nur den Horizont der Menschheit als Species, mithin auf intersubiectiver Ebene, erweitert, sondern zugleich die Säulen der Ordnung, auf welchen die Welt zu ruhen dünkte, bis ins Mark erschüttert. Die zugleich einsetzende Simplificirung der Religion mit Hinblick auf die Zahl der Götter, überdem die Erkenntniß, daß die Erde keine Scheibe, sondern, wie Aristoteles bereits in der Antike geschlossen hatte, eine Kugel ist, zusammen mit der Möglichkeit, weit in den Himmel hineinzuschauen, haben die Sphären des Göttlichen, so man aus diversen Gründen nicht gewillt war, aufzugeben, um eine Stufe entrückt, wenn nicht fortgestoßen hier der bessere Ausdruck ist. Das Postulat einer intentional-causalen, extrinsischen Ordnung, welche wiederum einen Sinn des Ganzen mit sich brächte, machte das zweite Postulat der endgültigen Endrückung, mithin scheinbare Unergründlichkeit, nämlich dasjenige der Transcendenz des Göttlichen, unumgänglich.
Nun ist mittlerweile lange bekannt, daß das Erkennen von Mustern und Regelmäßigkeiten, die wenigstens in Ähnlichkeiten münden, welche wir dann oftmalen als Gleichheit categorisiren, nicht in jedem Falle den thatsächlichen Gegebenheiten entspricht. Vielmehr glauben wir auch dort Muster und so fort zu erkennen, wo keine sind. So wird ferner häufig der Begriff der Naturgesetze mißdeutet, wenn nicht mißbraucht, in dem Sinne, daß es sich bei den Naturgesetzen um Gesetze im juridischen Sinne handele; was ganz offenbar nicht der Fall ist. Vielmehr handelt es sich bei den Naturgesetzen um Beschreibungen der Vorgänge in der Natur – welche im Übrigen keinen subsistirenden, intentionalen Acteur darstellt, weil es keine solche subsistirende Entität gibt –, als wir sie in solcher Fülle beobachtet haben, daß wir es für unwahrscheinlich halten, es könne Ausnahmen geben. Die Naturgesetze sind mithin keine obiectiven, subsistirenden Vorschriften, wie sich die Natur zu verhalten habe. Überhaupt scheint es zweifelhaft, daß es so etwas als eine uniforme Natur gebe, wenn wir beyspielsweise an die Quantenmechanik und die für den Mikrokosmos gültigen Gesetze denken, welche anscheinend von dem des Makrokosmos abweichen, wobey freylich noch nicht einmal klar ist, wo die Grenzen zwischen beyden zu ziehen ist. Es kommt aber eine weitere Componente hinzu. So wie in menschlichen Systemen die führenden Persönlichkeiten den Regirten, Beherrschten, Repräsentirten oder wie immer man will Sicherheit geben, und sey diese nur vorgetäuscht, so müsse es doch, zumal aufgrund der scheinbar vorzufindenden extrinsischen Ordnung, auch mit Hinblick auf die gesamte Menschheit ein führendes Wesen geben. In Analogie zum Menschen wird dabey ein intentionaler Acteur, der wie die Menschen selbst zu allen Affecten und Emotionen fähig ist, vorgestellt; zugleich aber werden demselben alle Fehler jener abgesprochen, indem ihm alle Attribute der Vollkommenheit, d. i. Omnipotenz, Omnipräsenz et cetera, beigelegt werden, um ihm nicht zuletzt die Fähigkeiten, gleichzeitig als Schöpfer und Wächter funktioniren zu können, zu verleihen. Die damit unmittelbar zutage tretenden Widersprüche müssen dann freylich ignorirt werden, und in der That dünkt es, viele Menschen acceptirten diese Widersprüche ohne weiters.
Bringt nun jemand zur Verteidigung dieser Ansicht vor, (der monotheistische) Gott sey ob seiner Transcendenz für den Menschen unbegreifbar, so widerlegt er sich beziehungsweise die Ansicht, so er zu verteidigen gedenkt, selbst. Denn ist etwas unbegreiflich, d. i. nicht dem menschlichen Verstande zugänglich, so macht es nicht bloß keinen Sinn, sondern es ist und muß unmöglich seyn, darüber zu reden. Nur was sich begreifen läßt, läßt sich denken und glauben; alles andere ist nichts weiter als eine verklärte, chimärische Vorstellung. Daß genaugenommen vorstellen und denken nicht dasselbe sind, habe ich bereits an anderer Stelle ausgeführt; um weswillen es hier nur noch einmal skizzirt sey: Vorstellen können wir uns alles, und zwar meine ich damit, daß etwas Vorgestelltes nicht klar und abgeschlossen beschreibbar seyn müsse. Denken hingegen läßt sich nur, was klar und abgeschlossen durch den Verstand erfaßbar ist. Die Behauptungen und Auswüchse der Transcendenz aber erlauben es einem nicht einmal, sich eine Vorstellung zu machen von dem, was da angeblich jenseits des uns Bekannten oder wenigstens potentiell zu Erkennenden liegen solle; und ist mithin ein Unsinn.

Permalink 02.07.09    2 Kommentare »

Paul Feyerabend und der wissenschaftliche Realismus

Paul Feyerabend war der "Anarchist" unter den Wissenschftsphilosophen. "Alles geht!" meinte er in seinem bekanntesten Werk "Wider den Methodenzwang". Aber um zu dieser These zu kommen hat er es sich nicht leicht gemacht, wie seine Arbeiten zum Wissenschftlichen Realismus zeigen.

Link: Paul Feyerabend

Permalink 14.05.09    3 Kommentare »

Faszination Universum – Faszination Märchen: warum macht Harald Lesch so einen Unfug mit?

„Leider“ habe ich vorhin nur einen kleinen Ausschnitt aus der ZDF-Sendung „Faszination Universum“ mit Harald Lesch gesehen: das Thema lautete „Das neue Bild des Kosmos. Von Tycho Brahe zu Galileo Galilei“. Was ich in den fünf Minuten zu sehen bekam, hatte allerdings mit der historischen Wahrheit nicht viel zu tun. Was macht man in solchen Fällen? Nachschauen, ob zufälligerweise auf der Homepage des Senders etwas zu der Sendung steht. Und siehe da: auch dort findet sich der Unfug…

Nachdem ich zu Galilei und dem ganzen Umfeld seiner Verurteilung bereits etliches geschrieben habe, werde ich hier auf eine ausführliche Widerlegung der nur exemplarisch angeführten ZDF-Zitate (es gibt noch mehr Blödsinn als die unten stehenden Aussagen, aber zu viel Zeit möchte ich für die 1000. Klarstellung auch nicht aufbringen) verzichten und das Ganze nur stichpunktartig abhandeln.

„Die Wissenschaften unterstanden dem Einfluss der Kirche, sie bestimmte, was richtig und was falsch war. Das änderte sich, als man Phänomene am Himmel entdeckte, die sich nicht in die bisherigen Erklärungsmodelle einfügten und ein völlig neues Weltbild erforderlich machten. Bis ins 16. Jahrhundert hinein unterlag das Weltbild der Deutungshohheit der Kirche: Die Erde ist das Zentrum des Kosmos, der Mensch steht im Mittelpunkt des Universums. Wer an den vermeintlich ewigen Wahrheiten rüttelte und eine Theoriebildung auf Basis von genauen Beobachtungen und Berechnungen anstrebte, sah sich schnell im Konflikt mit dem Vatikan.“

Einseitiger geht es kaum... Die Wissenschaften unterstanden AUCH dem Einfluss der Kirche: zu dieser Zeit war die etablierte Wissenschaft auf der gleichen Seite wie die Kirche und jeder Angriff auf das tradierte Weltbild war ein Angriff auf Kirche UND Wissenschaft. Die ersten Angriffe gegen Galilei z.B. kamen von seinen Fachkollegen, nicht aus der Kirche.

„An seinem berühmten Hauptwerk, dem "Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme", schrieb Galilei 20 Jahre. Darin trägt er seine Argumente für das heliozentrische Weltbild geschickt in Form fiktiver Gesprächsinhalte vor. Rom entging die Veröffentlichung dieses Werkes nicht, denn Galileo war einer der bedeutensten Gelehrten seiner Zeit. Eine päpstliche Kommission analysierte Galileis Werk, bald nachdem es in Florenz gedruckt worden war - und empörte sich. Die Haltung eines so angesehenen Mannes wie Galilei konnte man nicht ignorieren. So wurde der mit 68 Jahren alte und gebrechliche Wissenschaftler vor die Inquisition zitiert und dazu gezwungen, seinen Theorien abzuschwören. Doch dieser Triumph des Klerus war von kurzer Dauer. Der aus Sicht der Kirche ungeheuerliche Gedanke, dass statt der Erde die Sonne im Zentrum des damals bekannten Unversums steht und die Planeten um die Sonne kreisen - dies war von nun an nicht mehr eine ketzerische Idee, sonderen eine wissenschaftlich belegte Theorie.“

Warum sich die Kirche empörte, war nicht einfach der oben erwähnte Grund (was die Empörung natürlich nicht viel besser macht): es ging unter anderem um die (vermeintliche) Widersetzung gegen einen persönlichen päpstlichen Befehl, persönliche Beleidigungen und die fragwürdige Erlangung der Druckerlaubnis. Zudem, noch einmal für alle zum mitschreiben: mindestens genauso empört wie die Kirche waren Galileis Kollegen aus Philosophie und Physik, also der Wissenschaft. Des Weiteren war der Heliozentrismus von nun an keine „wissenschaftlich belegte Theorie“, sondern z.B. mit Brahes Kompromiss eine Alternative zum widerlegten Geozentrismus: wenngleich Galilei das aristotelisch-ptolemäische Weltbild (der Kirche UND Wissenschaft) wiederlegen konnte, hatte er keinen Beweis für den Heliozentrismus – nur Indizien.

Ich habe selten so etwas Dummes im ZDF gesehen (gelesen). Eine dermaßen billige und polemische „Wissenschaftssendung“ sollte eigentlich unter dem Niveau des ZDF sein. Und warum Harald Lesch das mitmacht, ist mir auch schleierhaft. Für gewöhnlich – was er in den verschiedensten Sendungen und auch „live“ präsentiert – ist er ja sowohl ein redlicher Wissenschaftler als auch (neben den unbestrittenen konkret-fachlichen Qualifikationen und seinen Unterhaltungsqualitäten) ein guter Kenner der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte.

Bildungsfernsehen zum Internationalen Jahr der Astronomie ist ja etwas schönes, aber dann doch bitte unter Berücksichtigung des Wortes „Bildung“. Eine derart primitive Meinungsmache gegen die Kirche ist einfach widerlich. Die Kirche hat mit Sicherheit genug Fehler in ihrer Geschichte gemacht - sowohl in ihrem Verhalten Galilei gegenüber als auch gegenüber der Wissenschaft/Philosophie im Allgemeinen: wenn man nun kritisieren möchte, sollte man dann aber auch an den richtigen Stellen bohren und sich nicht einem breitgetretenen Märchen anschließen. Fehlt nur noch, dass behauptet wird, Galilei sei auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, weil er die kirchliche Lehre der Erdscheibe zurückgewiesen hätte…

Permalink 03.05.09    12 Kommentare »

Wahrheit und Bedeutung

Die Bedeutung von Sätzen wie "Es regnet." hat man verstanden wenn man weiß, was draußen los sein muss, damit der Satz wahr ist. Mit einem Satz wie "Der König steht auf dem Blatt" ist es aber nicht ganz so einfach...

Link: Wahrheit und Bedeutung

Das Politische jenseits der Politik

Politik im engeren Sinne, das sind die Handlungen der Regierungen und Parlamente, das ist Gesetzgebung und internationale Diplomatie. Aber auch außerhalb dieser Sphäre wird Handeln oft als politisch bezeichnet. Dabei ist nicht gemeint, dass Entscheidungsträger der Politik auch in anderen Bereichen wie der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kultur tätig werden, also Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturpolitik betreiben. Es ist ein bestimmtes Verhalten der Akteure innerhalb des jeweiligen Systems, welches wir als „politisches“ charakterisieren.

Von solchem politischen Verhalten sprechen wir z.B.

wenn Positionen und Ämter nach anderen Kriterien als nach fachlicher oder personeller Eignung vergeben werden, aber auch persönliche Beziehungen und „Seilschaften“ keine unmittelbare Rolle spielen,
wenn langfristige Kooperationsvereinbarungen getroffen werden, deren unmittelbarer Nutzen nach den üblichen Kriterien nicht ersichtlich ist,
wenn Gemeinsamkeiten innerhalb einer Gruppe und Unterschiede zu anderen Gruppen betont werden ohne dass diese im Einzelfall nachweisbar sind oder ihre Relevanz für die Lösung der anstehenden Probleme klar erkennbar ist.
Was ist das Gemeinsame an diesen Handlungen und was ist an ihnen das spezifisch Politische? Die Antwort auf diese Frage kann helfen, dieses Verhalten zu verstehen und besser mit ihm umzugehen sowie seine (gewollten und ungewollten) Auswirkungen und Konsequenzen in eigene Entscheidungen einzubeziehen.

Carl Schmitt gab in seiner Schrift „Über den Begriff des Politischen“ den entscheidenden Hinweis: Unter dem Politischen erfasst er all das, was sich auf das Freund-Feind-Schema zurückführen lässt. Dabei hat der einzelne mit seinen Freunden gewisse Gemeinsamkeiten, und sie sind durch eine klar gezogene Grenze von den Anderen, den Fremden, getrennt. Die Fremden werden im Extremfall zum Feind, wobei der Feind in seinem radikalen Anderssein uns selbst (mich und meine Freunde) radikal in Frage stellt.

In dieser Sichtweise lassen sich tatsächlich alle Handlungen, die wir als politisch oder politisch motiviert bezeichnen, interpretieren und verstehen. Positionen werden mit Personen besetzt, die „uns“ stärken und „die Anderen“ schwächen – oder Vertreter der „Anderen“ werden geschickt eingebunden, um deren Widerstand zu brechen. Allianzen werden geschmiedet mit anderen, die so sind wie wir, die also eigentlich zu uns gehören, um den Fremden gegenüber gemeinsam stärker sein zu können. Gemeinsamkeiten werden betont und idealisiert, die Fremden werden bis zur Karikatur vereinfacht dargestellt, um ihr Fremdsein zu betonen.

Politische Handlungen dienen der Stabilisierung und Immunisierung der jeweiligen Institution durch Abgrenzung und Polarisierung, gerade in unsicherem Handlungsumfeld. Wenn z.B. ökonomische Entwicklungen nicht absehbar sind, wenn Märkte sich in unbekannte Richtung verändern, dann wird politisch gehandelt, indem „für alle Fälle“ Kooperationen auf der Basis von Gemeinsamkeiten und Abgrenzung gegen fremde Dritte vereinbart werden.

Häufig werden natürlich politische Ziele nicht als solche deklariert, sie werden auf diejenigen Ziele und Normen abgebildet, die dem jeweiligen System natürlicherweise zugeordnet werden. Unternehmensentscheidungen zur Vergabe von Managerposten oder zur Kooperation mit Wettbewerbern werden ökonomisch begründet, die politische Zielstellung wird verdeckt. Für den, der in einem solchen Umfeld agieren muss, ist es wichtig, den politischen Hintergrund eines Prozesses zu durchschauen, damit er sich nicht in ökonomischen oder sonstigen system-adäquaten Argumentationen verschleißt sondern seine Ziele auf dem Feld verfolgt, auf dem die Auseinandersetzung gerade stattfindet: auf dem politischen.

Andererseits werden system-interne Konflikte häufig politisch aufgeladen, weil politische Ziele, die mit Freund-Feind-Zuordnungen, mit Abgrenzungen zwischen „uns“ und „den anderen“ arbeiten, häufig einfacher vermittelbar sind. Eine „feindliche Übernahme“ eines Unternehmens durch ein anderes kann ausschließlich ökonomisch begründet sein, ob diese ökonomischen Gründe jedoch dem einzelnen Mitarbeiter plausibel zu machen sind, ja, ob sie mit seinen jeweiligen ökonomischen Interessen tatsächlich übereinstimmen, ist fraglich. „Übernahmeschlachten“ werden deshalb politisch geführt: „wir“ gegen „die“, „gelb“ gegen „blau“. Unternehmenskulturen werden gepriesen und gegeneinander ausgespielt, Loyalitäten gefordert und die „Corporate Identity“ gestärkt.

Carl Schmitt hatte bereits darauf hingewiesen, dass solche politischen Zuspitzungen, wenn sie auch z.B. aus ökonomischen Interessen entwickelt werden, niemals auf dieses Ökonomische reduziert werden können, dass sie eine Eigendynamik entwickeln und eine wirklich neue – politische – Dimension gewinnen. In dieser Eigendynamik können die ursprünglichen ökonomischen Ziele völlig aus dem Blick geraten – das ökonomische Resultat kann dem ursprünglich angestrebten entgegengesetzt sein.

Das, was hier am Beispiel der Ökonomie gesagt wurde, gilt natürlich ebenso im künstlerischen, kulturellen und in jedem sonstigen institutionellen Bereich. Ob es um die Besetzung eines Vorstandspostens eines Konzerns oder um die Intendantenstelle des städtischen Theaters geht, ob zwei Unternehmen oder zwei Orchester miteinander kooperieren, es sind überall gleiche Motive und Handlungs-Strategien zu beobachten.

Die Zuspitzung system-adäquater Probleme zu politischen Konflikten kann notwendig und richtig sein, um gemeinsames zielgerichtetes Verhalten von unterschiedlichen Subjekten zu motivieren und damit überhaupt ein System in Bewegung zu bringen. aber es ist auch immer ein Spiel mit dem Feuer, denn wer politisch argumentiert und entscheidet, wo es um ökonomische, künstlerische, sportliche, religiöse, ästhetische oder moralische Ziele geht, kommt niemals wirklich dort an, wo er hin wollte, und er hat seine Welt immer auch ein bisschen in einer Weise verändert, die er nicht beabsichtigt hatte.

Permalink 24.04.09    2 Kommentare »

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