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Jede Aussage über einen

sinnlich nicht unmittelbar zugänglichen Zustand

darf getrost als metaphysisch bezeichnet werden.

Das Ich

als Gedanken-Ursache

ist wiederum nur ein Gedanke

ohne Denker.

Diese Welt muß ganz und gar

aus Gedanken bestehen.

Wie sonst könnten Gedanken

die Welt verändern.

Gedanken sind weder innen noch außen.

Einige sind sinnlich erfahrbar,

andere sind es nicht.

Das ist alles.

Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch

Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch. Ich bemühe mich in meinen Forschungen, der objektiven Wahrheit möglichst nahe zu kommen und habe eine große Scheu davor, auch nur eine Zehenspitze in das Territorium der Esoterik zu setzen. Ich lasse mithin also keine andere Art von Wahrheit gelten als jene, die auch die der Wissenschaft ist.

Doch ich tue es immer für mich. Wenn ich etwas erforsche, dann gewöhnlich einfach deshalb, weil ich es wissen will. Ich gebe nicht an, in welcher Weise meine Forschung ein Beitrag zur Wissenschaft sein könnte und wo, zu welchem Teil der Wissenschaft. Es interessiert mich nicht. Ich sehe darin auch kein Problem: Sollen sie sich doch selber den Kopf darüber zerbrechen, wozu mein Beitrag ein Beitrag sein könnte. Aber genau hier liegt das Problem: Das wollen sie nicht. Nicht ich habe ein Problem mit der Wissenschaft, die WissenschaftlerInnen haben eines mit mir.

Das ist etwas, das gerade heute einmal ganz klar gemacht werden muss: Wenn es heute darum geht, was wissenschaftlich ist und was unwissenschaftlich, so ist nicht in erster Linie eine Frage dessen, ob jemand derselben Art von Wahrheit anhängt wie die Wissenschaft. Der wissenschaftliche Mensch unterscheidet sich also nicht in erster Linie vom unwissenschaftlichen dadurch, dass er sagt: „Ich halte die objektive Wahrheit hoch, die rationalisierbare und falsifizierbare, die intersubjektiv argumentierbare!“ – während der unwissenschaftliche Mensch Ansichten vertritt, die sich letztlich nicht begründen lassen und die man nur glauben kann. Die wahre Unterscheidung zwischen dem wissenschaftlichen und dem unwissenschaftlichen Menschen ist heute die, dass der wissenschaftliche Mensch bei einer jeden seiner Forschungen sagt: „Ich möchte einen Beitrag leisten zu (dieser oder jener Forschungsrichtung in diesem oder jenem Fach).“, während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich möchte einfach wissen, wie es ist.“

Nein, das muss noch stärker formuliert werden: Der wissenschaftliche Mensch ist nicht derjenige, der sagt „Ich möchte einen Beitrag leisten…“ während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich will’s einfach wissen.“, sondern der wissenschaftliche Mensch sagt sein: „Ich will einen Beitrag leisten zu dieser oder jener etablierten Forschungsfrage.“ – indem er aufgehört hat zu sagen: „Ich will dieses oder jenes wissen“ – oder auch: „Dadurch habe ich dieses oder jenes gelernt."

Wenn ich also sage: „Ich habe dieses oder jenes wissen wollen.“ – oder auch: „Ich habe dieses oder jenes erfahren.“ – oder: „Ich habe dieses oder jenes gelernt.“, dann hören die WissenschaftlerInnen aus diesen Sätzen heraus: „Aha, er will also gar keinen Beitrag zur Wissenschaft leisten.“ Und deshalb bin ich – aus ihrer Sicht – ein unwissenschaftlicher Mensch. Ein wissenschaftlicher Mensch umgekehrt hat gelernt, nichts mehr für sich zu wollen. Er (oder sie) gibt alles der Wissenschaft hin.

Dadurch enthüllt sich uns auch der wahre Sinn von bekannten Sätzen in wissenschaftlichen Texten wie: „Das ist ein Beitrag zur …-Forschung.“ – oder: „Dieser schließt eine Forschungslücke in der …-Forschung.“ Diese Sätze wollen eigentlich sagen: Die Forschungen von WissenschaftlerInnen erschöpfen sich darin, Beiträge zu sein zum Gebäude der Wissenschaft. Sie sind nichts mehr darüber hinaus und wollen es auch gar nicht sein. Vor allem sind sie keine Beiträge zur Erkenntnis des Wissenschaftlers (der Wissenschaftlerin), der (die) diese Forschungen durchführt. Denn anstatt dessen sind sie ja Beiträge zur Wissenschaft. Analog gilt auch, dass sie keine Beiträge zur Erkenntnis der LeserInnen dieser wissenschaftlichen Schriften sind, sein wollen oder es auch nur ertrügen zu sein, denn sie wurden nicht geschaffen, um das Wissen irgendeines Menschen zu vermehren, sondern um das der Wissenschaft zu vermehren.

Bitte, da will ich nicht mit. Das interessiert mich nicht. Es interessiert mich deshalb nicht, weil ich mich, seitdem ich mich erinnern kann, immer nur für pädagogische Fragen interessiert habe. Und zwar in gleichem Maße dafür, wie man anderen etwas beibringen kann, wie auch dafür, wie man selber etwas lernen kann. Für mich ist Erkenntnis immer ein Lernen und Wahrheit immer ein Erlernen der Wahrheit. Wie sollte ich mit einer Wissenschaft wie der heutigen etwas anzufangen wissen, die die Verbindung zwischen der Erkenntnis und dem Lernen, zwischen der Wahrheit und ihrer Aneignung durch die Menschen gekappt hat?

Im Wiener NIG, dem Neuen Institutsgebäude, steht am Stiegenaufgang der Spruch: „Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.“ Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft eine Lehre hat. Wissenschaft ist Wissenschaft genau dadurch, dass sie niemandem eine Lehre anzubieten hat. Wissenschaft ist Antipädagogik, weil sie sagt: „Alles, was ihr erforscht, hat Teil von mir zu sein; aber wenn ihr dadurch etwas lernt, dann ist das nicht Wissenschaft, dann hat das nichts mit Wissenschaft zu tun!“

Ich möchte etwas lernen. Das ist das einzige, was mich interessiert. Deshalb bin ich ein unwissenschaftlicher Mensch. Nicht grundsätzlich, aber heute schon, gemäß der heutigen Konzeption von Wissenschaft.

Permalink 29.01.11    9 Kommentare »

Der Sinn des objektiven Wissens

Natürlich wäre es kretinhaft zu bestreiten, dass man beim Philosophieren und in der Erkenntnis manchmal auch Klarheit über etwas gewinnen möchte, um sich anderen Fragen zuwenden zu können. Aber die scheinbar selbstverständliche Ansicht, man müsse beim Philosophieren nach objektiver Erkenntnis streben, weil dieses sonst zum endlosen Herumgerede gerate, stimmt so nicht. Vielmehr lässt das Argument, Philosophieren habe ohne die Ausrichtung auf objektive Erkenntnis keinen Sinn, den Umstand außer acht, dass viele Menschen im objektiven Wissen noch ganz andere Zwecke suchen als den, den es vordergründig zu haben scheint, nämlich: uns über die Wirklichkeit aufzuklären…

Jener Text, der meiner Kenntnis nach am besten zum Ausdruck bringt, was objektives Wissen für die Menschen ist und warum sie es anstreben, ist Theodor W. Adornos Vortrag „Philosophie und Lehrer“ im Band Eingriffe. Neun kritische Modelle, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1996, S. 29-53. Der Text ist zwar schon ein bisschen alt (aus dem Jahr 1961), aber wir werden keine Mühe haben, die Situation, die in ihm geschildert wird, wiederzuerkennen, besonders zumal die in ihm zum Ausdruck gebrachten Tendenzen sich in der Zwischenzeit sogar noch verstärkt haben. Mit anderen Worten: Dieser Text stimmt für heute vielleicht sogar noch mehr als für die Zeit, in der er verfasst wurde.

Adorno thematisiert darin eine Philosophieprüfung im Land Hessen. Diese Prüfung mussten Studenten absolvieren, die Lehrer werden wollten. Der Zweck der Prüfung bestand nicht darin, die Junglehrer mit einem zusätzlichen Fach, der Philosophie, zu belasten, sondern darin, „fest[zu]stellen, ob der Bewerber den Bildungssinn und die Bildungskräfte seiner Fachgebiete erfaßt hat und sie von den lebendigen philosophischen, pädagogischen und politischen Fragen der Gegenwart her zu betrachten versteht“ (S. 31-32) Anders gesagt, die Prüfer sollen herausfinden, ob die Lehramtskandidaten (von Kandidatinnen ist im Text nicht die Rede) ein bisschen über das nachdenken, was sie in ihrem Studium gelernt haben.

Wie reagieren nun die Prüfungskandidaten auf dieses Prüfungsdesign? Sie reagieren so darauf, indem sie unter allen Umständen zu vermeiden versuchen, sich dem Prüfer als denkende Menschen zu zeigen. Zu diesem Zwecke rekurrieren sie auf das objektive Wissen und auf das Fachwissen. Als ob sie damit sagen wollten: „Etwas auswendig Gelerntes herzusagen, kann man bei einer Prüfung von mir verlangen; aber niemand soll von mir verlangen zu zeigen, ob ich das Gelernte auch verstanden habe und etwas mit ihm anzufangen weiß!“ Die besondere Tragik und Ironie, die sich aus dieser Situation für einen Philosophielehrer wie Adorno (für den Philosophie „Bewusstsein des Geistes von sich selbst“ (S. 31), also der nachdenkende, sich selbst bewusste Mensch war) ergab, ist natürlich die, erleben zu müssen, wie Philosophie ausgerechnet von den Studenten zu einem Fachwissen gemacht wurde, nur um sich über dieses Fach beklagen zu können.

 

„Das Bewußtsein der in Rede stehenden Kandidaten sucht überall nach Deckung, Vorschriften, nach bereits Kanalisiertem; ebenso um in eingeschliffenen Bahnen sich zurechtzufinden, wie doch wohl auch, um den Gang des Examens selbst so zu normieren, daß eben jene Fragen unterbleiben, um derentwillen das ganze Examen da ist. Man begegnet, mit einem Wort, dem verdinglichten Bewußtsein. Das aber, die Unfähigkeit, Erfahrungen zu machen und zu irgendeiner Sache frei und autonom sich zu verhalten, ist der offenbare Widerspruch zu all dem, was man vernünftigerweise und ohne Pathos unter dem denken kann, was in der Prüfungsordnung, als Zweck der höheren Schulen, ‚echte Geistesbildung’ heißt. Man gewinnt bei den Verhandlungen über die Themenwahl den Eindruck, als hätten die zu Prüfenden Brechts Satz „Ich will ja gar kein Mensch sein“ sich zur Maxime erkoren, auch und gerade wenn sie den Kategorischen Imperativ in seinen verschiedenen Fassungen auswendig gelernt haben. Die über die Zumutung des Faches Philosophie sich entrüsten, sind die gleichen, für die Philosophie nicht mehr bedeutet als ein Fach.“ (S. 39)

 

- So Theodor W. Adorno im Wortlaut. Ich denke, spätestens mit diesem längeren Zitat sind wir im Bilde, was die Situation betrifft, von der die Rede ist. Aus dem, was die Studenten respektive Prüfungskandidaten in ihr anstreben, lässt sich nur ziemlich gut ablesen, wofür „objektives Wissen“ steht. Auch wenn die folgende Liste nicht vollständig ist, so kann man doch mit Recht behaupten, objektives Wissen steht

 

  • für die Trennung von Wissen und Reflexion über das Gewusste;
  • für die Trennung des Menschen von seinem Wissen;
  • für die Trennung der Bestandteile des gewussten Wissens voneinander (Wissen kann, darf und soll also „Flickwerk“ sein)

 

Des Weiteren wendet sich objektives Wissen offenbar dezidiert gegen

  • die Idee der Bildung (weil Bildung ja immer nur eine Eigenschaft eines Menschen sein kann, nie aber eines des Wissens selber);
  • gegen die Idee des Menschen (Die Überzeugung, dass Wissen nur dann wahr sein könne, wenn es nicht davon abhängt, von wem es geäußert wird, findet hier seine Entsprechung in der von Adorno angesprochenen Haltung des „Ich will ja gar kein Mensch sein“.)

Freilich, man könnte nun sagen: „Die Studenten verhalten sich doch nur deshalb so, weil sie in der Prüfungssituation nach Sicherheit streben!“ Das ist zweifelsohne richtig – und war auch Theodor W. Adorno bewusst. Aber: Ich würde wirklich davor warnen wollen, deshalb alle anderen möglichen Ursachen für dieses Verhalten außer Acht zu lassen. Besondere Beachtung verdient dabei das unter den Menschen offenbar verbreitete, wenn auch nicht eingestandene, merkwürdige Bedürfnis, gar kein Mensch sein zu wollen. Es scheint sogar der Schlüsselpunkt unter den von mir aufgelisteten „Zwecken“ des objektiven Wissens zu sein. Alle anderen (Trennung des Wissens von seiner Reflexion, Trennung des Wissens vom Menschen, Trennung des Wissens voneinander, Desavouierung des Bildungsbegriffs) scheinen nur Mittel zu sein, die ihm dabei helfen, seinem Ziel näher zu kommen.

Wie dem auch sei. Die weiterführenden Spekulationen sind unsicher. Die Situation, mit der wir es hier zu tun haben, wenn wir sie auf ihre wesentlichen Bestandteile zurückführen, gibt verlässliche Auskunft: Wir haben es hier mit einer Prüfung zu tun, die nachsehen soll, ob die Kandidaten Menschen (denkende Wesen) sind. Die Prüfungskandidaten jedoch wehren sich aus irgendeinem Grund heftigst gegen diese Zumutung, indem sie Zuflucht nehmen beim objektiven Wissen. Dieses hat gegenüber dem menschlichen Wissen den Vorteil, dass es nicht reflektiert, sondern nur gespeichert werden muss. Speichern aber ist etwas, das ein Computerchip auch kann. Somit präsentieren sich die Kandidaten dieser Prüfung selbst mit Absicht und offenbar sogar mit gutem Gewissen – als Dinge.

Und sie könnten das natürlich nicht tun, wenn sie sich damit nicht auf eine heute herrschende allgemeine Übereinkunft beziehen würden: Jene, dass Wissen heute nicht mehr gewusst und verstanden, sondern nur noch gespeichert werden muss, damit es Wissen sei. Voilà eine weitere Bestimmung von objektivem Wissen: Objektives Wissen ist jenes Wissen, bei dem wir nur danach fragen, ob es gespeichert ist oder nicht, abrufbar ist oder nicht. Objektives Wissen kann in einer Schuhschachtel sein, in einem Computer oder in einem Studenten – und es ist überall in der gleichen Form. Denn objektives Wissen ist einfach da. Oder es ist nicht da.

Permalink 25.01.11    7 Kommentare »

Gemeinhin wird unter Erleuchtung

die Verschmelzung menschlichen Bewußtseins

mit dem göttlichen Bewußtsein verstanden.

Wahre Erleuchtung jedoch findet statt,

wenn eingesehen wird,

daß es so etwas wie Bewußtsein

weder in menschlicher noch in göttlicher Form,

sondern lediglich als Wort gibt.

Es gibt sichtbare und unsichtbare Gedanken.

Die unsichtbaren halten wir für Geist,

die sichtbaren für Materie.

Doch es gibt weder Geist noch Materie. -

Nur Physiker, die ihren eigenen Gedanken

im Teilchenbeschleuniger nachjagen.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

sind deckungsgleich.

Sie sind ein und dasselbe.

Die einzige Wahrnehmung,

welche sich in unserem Kopf befände,

wenn wir nachschauen würden,

wäre die eines Gehirns.

Ist die Raumzeit etwas an sich Existierendes?


Für Kant sind Raum und Zeit Formen der Anschauung, die unserem Denken vorgegeben sind. Kant verwirft Newtons These von Raum und Zeit als an sich bestehenden Dingen (Klassiker der Philosophie II, hg. Otfried Höffe, C.H. Beck Verlag 1981, S.20).
Auch ich neige zu der Auffassung, dass Zeit nichts an sich Existierendes ist, sondern etwas, was wir mit unserem Denken an die Welt herantragen. Was es in der Welt gibt, sind Dinge und Ereignisse, und mit unseren Zeitbegriffen bringen wir Ordnung in die Ereignisse. Da gibt es eben ein Vorher und ein Nachher, einen Anfang und eine Ende, eine Vergangenheit und eine Zukunft. Statt eines in die Zukunft gerichteten Zeitpfeils (bei dem man sich fragen müsste, ob er eine kausale Wirksamkeit hat) kann man sich Koordinaten in Richtung Zukunft und in Richtung Vergangenheit vorstellen, auf denen wir die Ereignisse abtragen, wobei wir auch die Abstände zwischen den vergangenen und den zu erwartenden oder möglichen künftigen Ereignissen feststellen können. Wir messen die Zeit mit Uhren und Kalendern. Es gibt jedoch keine Stunden, Tage und Jahre, sondern das sind Maßeinheiten, die wir an die Ereignisse herantragen. Dabei ist es verständlich und naheliegend, dass wir die Drehung der Erde um sich selbst als Maßeinheit für den Tag und die Drehung der Erde um die Sonne als eine solche für das Jahr verwenden. Das ist aber nicht zwingend, siehe das islamische Jahr!
Nun sagen uns die Physiker, dass sich die Bewegung der Himmelskörper und auch die des Lichts nach der aktuellen Struktur(oder: der "Geometrie") der Raumzeit richtet. Die Physiker gehen davon aus, dass die Raumzeit etwas Existierendes ist, weil sie kausal wirksam ist. Mit dem Urknall sei die Raumzeit entstanden. Ich habe dazu meine eigene Meinung: Die Himmelskörper bewegen sich zwar nach der Struktur der Raumzeit. Die Raumzeit wird aber gleichzeitig durch die Massenverteilung dieser Körper geformt. Ich sehe die Raumzeit daher wie ein Naturgesetz, das die Bewegung der Körper in Relation zueinander beschreibt und - wie das bei Naturgesetzen so ist - Voraussagen ermöglicht. Die Raumzeit ist also nicht etwas, das von aussen auf die Bewegung der Körper einwirkt, ebenso wenig wie in der klassischen Mechanik das Gravitationsgesetz die wechselseitige Anziehung von  Körpern bewirkt. Die Körper ziehen sich halt entsprechend der Größe ihrer Massen an und das Gravitationsgesetz beschreibt das. Die Naturgesetze sind den Dingen gleichsam eingeschrieben, anders als etwa Rechtsvorschriften, die von Menschen gemacht werden und auf Menschen von aussen einwirken (und möglicherweise befolgt werden).


Permalink 17.01.11    2 Kommentare »

Unweltverschutzung

Mich wundert heute der Begriff der „Umwelt“. Bisher erschien er mir klar, seit heute sehe ich ein Problem darin. Dieses Problem lässt sich in etwa so formulieren: Wie sollen die Menschen dazu motiviert sein, ihre Umwelt zu schützen, wenn diese zugleich begrifflich ausgegrenzt wird. Denn der Mensch lebt ja nicht in seiner Umwelt, sondern in seiner Welt – wie groß auch immer diese Welt sich im Horizont des einzelnen Individuums ausnehmen mag.

Anders gesagt, das Wort „Umwelt“ scheint von sich aus schon auf aktuelle Probleme im Zusammenhang mit dem Umweltschutz oder der politischen Umweltbewegung hinzudeuten, die uns allen nur allzu bekannt sind: Indem es jene „Welt“ zu bezeichnen scheint, die um unsere gewöhnliche Lebenswelt „herum“ ist, meint es offenbar jene Blümchen und Bäumchen, die wir erst erreichen müssen, indem wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Stadt verlassen; oder es ist auf jenes „Gestrüpp“ gerichtet, das rund um die Autobahn herum wuchert, während wir selber auf die Autobahn konzentriert sind, die jetzt unsere Lebenswelt darstellt, indem sie unsere Aufmerksamkeit fesselt, während wir mit hoher Geschwindigkeit über sie drüberbrettern.

Zusammengefasst: Im Wort Umwelt selbst ist jener Bruch oder jene Differenz angelegt, die erklären kann, warum es in Wien Neubau, der Region in Österreich mit den wenigsten Grünflächen die meisten Anhänger der Grünen gibt: Ja, wenn der Umweltschutz „Weltschutz“ hieße, dann wäre es klar, dass wir unsere Lebenswelt schützen sollten. Aber da er eben Umweltschutz heißt, ist unsere Schutzmotivation auf dasjenige Gebiet gerichtet, das um Wien Neubau herum liegt in irgendeinem fiktiven noch unberührten „Außerhalb“. In einem Außerhalb, das es in Wirklichkeit nicht gilt, denn wenn wir immer dasjenige schützen wollen, das außerhalb unseres unmittelbaren Einflussbereichs liegt, dann werden wir am Ende gar nichts schützen. Das einzige, wozu der Begriff „Umwelt“ zu taugen scheint, ist für Produktmarketingkampagnen: Umwelt meint dann die saubere Umwelt etwa in den Alpen, wo „unsere“ Bauern wohnen und wo unsere sauberen Lebensmittel herkommen.

Aber wieso haben sich die Naturschützer eigentlich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben und nicht den Weltschutz oder Lebensweltschutz? Ist es wirklich ihr Anliegen, den Wald zu schützen, in den kein Mensch hineingeht und den zu schützen folglich kein Mensch motiviert sein wird, weil er nicht Teil seiner Lebenswelt ist und er ihn überhaupt nicht kennt?

Diese Problemerkenntnis hat mich wieder an frühe Kabarettprogramme von Lukas Resetarits erinnert. In einem aus den späten 70er oder frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts spricht er „von dem Neuen, das da jetzt ist“ und meint damit den „Umwelt“-Begriff, der zu der Zeit offenbar zum ersten Mal in den Medien aufgekommen ist und noch vielen Menschen unbekannt war. Und er verballhornt ihn auch gleich gehörig: „Unwelt“ sagt er statt „Umwelt“ und „Unweltverschutzung“ statt „Umweltverschmutzung“. Ein Schelm, wer sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass diese Begriffe durch die Verballhornung nicht vielleicht sogar richtiger werden und besser das treffen, was ihr eigentlicher Inhalt ist: Eine Welt, die für uns eine „Unwelt“ ist, weil sie gar nicht zu unserer Lebenswelt gehört, soll „verschutzt“, also zugleich geschützt und vor uns verschlossen werden, um ein idyllisches Außerhalb zu jenem verschmutzen Lebensraum darzustellen, in dem wir unser Leben zubringen.

In den frühen 80er Jahren gab es ja dann die Debatte um das Donaukraftwerk Hainburg, in der Lukas Resetarits seine Figur sagen ließ: „Kollega sagt“, Strom sei ihm lieber als „Frosch im Gatsch“. Hier haben wir alles versammelt, was der Begriff der „Umwelt“ auszusagen scheint: den Frosch als ein abstoßendes Tier und den Gatsch als eine grausliche, unsaubere Lebenswelt, der man entfliehen möchte. Es ist klar, dass dem Menschen in dieser Situation elektrischer Strom wichtiger sein wird als Umweltschutz.

Aber mir scheint diese Reaktion der Kabarettfigur von Resetarits eher die Folge einer logisch-begrifflichen Operation zu sein, die ihr mittels des „Umwelt“-Begriffs von außen, von den Medien her, aufgedrängt worden ist, denn naheliegende Gedanken des Hausverstands des gewöhnlichen Bürgers: Wenn die Umwelt begrifflich zuerst aus dem Bereich der Welt hinausexternalisiert wird, der mich interessieren kann, wie soll sie mich dann hinterher interessieren? Sie wird mir „Frosch im Gatsch“ sein, also etwas, das mich nicht interessiert und das zu schützen ich auch keine Interessen habe.

Es wäre interessant diesen Gedanken jetzt noch weiterzuspinnen und zu schauen, welche Einflüsse er auf die verschiedenen Systemtheorien hat: Wollen wir uns mit der Differenz von System und Umwelt zufrieden geben? Und was beinhalten diese Begriffe, wenn wir miteinbeziehen wollen, dass der Mensch immer schon in einer Welt lebt, die dann folglich entweder dem Systembegriff oder dem Umweltbegriff zugezählt werden muss? Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

Nicht ich denke, sondern Wollen denkt.

Nicht ich will, sondern Denken will.

Wollen denkt und Denken will. -

Ich, Selbst, Gott,

Bewußtsein, Erinnerung, Vorstellung.

Das alles sind lediglich Passwörter,

welche sich dieser anonyme, wechselwirkende Prozeß ausstellt,

um als autonomes Subjekt durchzugehen.

Die Suche nach der Weltformel ist nichts anderes

als der von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuch

eines Gottesbeweises mit physikalischen Mitteln.

Das menschliche Individuum

mag mit seinem Handeln Ziele verfolgen.

Der Mensch als Gattung hingegen

hat kein Ziel, keine Bestimmung.

Er ist genauso bedeutungslos

wie etwa die Amöbe, die Ameise

oder der gesamte Kosmos.

 

Die Bedeutung eines Wortes

ist die Rolle, welche es in der Geschichte spielt,

die sich gerade selbst erzählt.

Außerhalb der Geschichte

gibt es weder Wörter noch Bedeutungen.

Das Wort als selbständiges Element der Verweisung

ist ein Mythos, der seltsame Blüten treibt. -

Das magische Denken, die platonischen Ideen,

die Luftschlösser der Semiotiker.  

Und – was denkt Ihr übers Denken?

Link: http://philosophieblog.de/maier/spielen-quantenphysikalische-zufaelle-im

Neues Jahr – neue Frage.

Günter Maier meinte in seinem letzten Blogeintrag – ich übersetze das jetzt in eine ein bissl einfachere Sprache -, wenn unser kleines Lebensboot vollständig vom Lauf der Kanäle bestimmt wäre, durch die es treibt, dann wäre das schlimm, denn dann wäre alles vorherbestimmt und kein noch so kleines Stückchen Freiheit in unserem Leben.

Demgegenüber muss man es schon als einen großen Zugewinn von Freiheit ansehen, wenn der Kahn unseres Ichs nicht bloß von naturgesetzlichen Notwendigkeiten sondern auch von der Freiheit des quantenmechanischen Zufalls bestimmt wird.

Andererseits: vom Zufall bestimmt zu werden, hat ebenso wenig mit Freiheit zu tun wie von Notwendigkeit bestimmt zu werden, denn das würde bedeuten, dass wir mit unserem Schicksalsnachen ohne Ruder unterwegs sind und der blinde Zufall uns nach links oder rechts abdriften ließe.

Dieses Problem löst Maier so, indem er vorschlägt, dass wir ohne Ruder innerhalb der Kanalwände unseres Charakters dahintreiben. Hierin sieht er die größte Freiheit für uns: Darin ist die Freiheit enthalten, durch welche uns der Zufall von der Notwendigkeit befreit, und die Freiheit hinzuaddiert, durch welche uns die Notwendigkeit vom Zufall befreit. (Ausgeblendet sind allerdings die Freiheit, die zunichte gemacht wird, dadurch dass der Zufall uns von unseren Rudern befreit und die Freiheit, die zunichte gemacht wird durch die Notwendigkeit des Kanalverlaufs, welcher uns die freie Wasserfläche nimmt, auf der wir die Wahl haben, mit unserer kleinen Zille in verschiedene Richtungen zu paddeln.)

Alles in allem wirkt das auf mich nicht wirklich wie eine zufriedenstellende Lösung. (Es wirkt eher wie der Versuch, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben.) Allerdings muss ich sagen, dass ich innerhalb dieses Problemaufrisses auch keinen besseren Lösungsvorschlag habe.

 

Deshalb möchte ich eine andere Frage stellen, welche auch mit der menschlichen Freiheit zu tun hat. Wie ich übers Denken denke, weiß ich selber – aber von Euch möchte ich gerne wissen, wie Ihr darüber denkt:

 

Ist das Denken des Menschen

a) ein Akt der Selbstaufgabe, des Sich-Selbst-aus-der-Hand-Gebens, durch den denkenden Menschen, indem er/oder sie das eigene Urteil aufgibt zugunsten eines Sich-Einordnens der eigenen Position in das außer uns bestehende Gebäude der Rationalität?

b) Oder ist Denken ganz im Gegenteil ein Streben nach Sich-selbst-in-die-Hand-Bekommen und Aneignung der Welt durch eigene Denkanstrengung?

 

Ad a) In ihrem Roman „Corpus Delicti“, in dem es um eine Gesundheitsdiktatur Mitte des 21. Jahrhunderts geht, lässt Juli Zeh Mia Holl und ihren großen Widersacher Heinrich Kramer folgende Dinge zueinander sagen:

 

„„Ich schaue nicht kämpferisch“, sagt Mia. „Sondern interessiert. Im Übrigen bin ich, anders als Sie, in der bequemen Lage, das Rationalisieren aufgegeben zu haben. Ich kann jetzt mit dem Herzen denken.“

„Süß. Da sind wir ja ganz das gefühlige Weibchen geworden. Sie haben sich verändert, Mia. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder es bedauern soll. Noch vor ein paar Tagen hätte ich mich Ihnen fast verwandt gefühlt.“

„Es ist mir eine Ehre, Ihnen möglichst wenig verwandt zu sein.““

 Juli Zeh: Corpus Delicti. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2009. S. 183. 

Hier haben wir es mit einer bekannten Differenz zu tun: „Mit-dem-Herzen-Denken” versus „Rationalisieren“, oder, kürzer: Gefühl versus Vernunft. Diese Differenz nimmt ein Mensch dann für sich in Anspruch, wenn er/oder sie versucht, im Gespräch selbst auf die Gefahr hin, für nicht mehr zurechnungsfähig (also nicht mehr vernünftig) gehalten zu werden, etwas Eigenes zu retten. Das eigene Gefühl ist zwar nicht Teil des vernünftigen Baus der gemeinsamen Welt – aber es ist zumindest zweifelsfrei etwas Eigenes. Aus dieser Perspektive erscheint das Denken (das Rationalisieren) als Aufgabe des eigenen Standpunkts zugunsten der Annahme eines vernünftigen Standpunkts, der einem selbst äußerlich ist und der dem großen Gerüst der allgemeingültigen Rationalität angehört, in deren Besitz die Welt, also die menschliche Gesellschaft, ist.

 

Ad b) Auf der ersten Seite von Martin Heideggers Vorlesung „Was heißt Denken?“ sind folgende zwei merkwürdige und bemerkenswerte Sätze zu finden:

 

„Das Bedachte ist das mit einem Andenken Beschenkte, beschenkt, weil wir es mögen. Nur wenn wir das mögen, was in sich das zu-Bedenkende ist, vermögen wir das Denken.“

 

Martin Heidegger: Was heißt Denken. Vorlesung Wintersemester 1951/52. Reclam, Stuttgart 1992. S. 3.

 

In b) wird das Gefühl ins Denken integriert und wird selber zu einem Teil des Denkens. Oder, vielmehr: Das Denken wird zum eigentlichen Ausdruck des Gefühls. Es betrachtet das genauer, was der Mensch mag oder gern hat. Das ist einerseits verständlich, denn: Worüber hätte der Mensch mehr Lust nachzudenken als über das, was er/oder sie mag, was ihn/oder sie interessiert? Andererseits sind diese beiden Sätze merkwürdig, weil das mit Vernunft Gedachte sich herkömmlich als dasjenige darstellt, das frei (und gereinigt) von Gefühl ist. Wie also? - Sollte das Denken am Ende nicht bloß nicht nur nicht das Gegenteil des Gefühls sein, sondern sogar sein eigentlicher differenzierter und ausgearbeiteter Ausdruck?

 

Nun frage ich Euch: Wie haltet Ihr es mit dem Denken? Ist das Denken für Euch Selbstaufgabe zugunsten einer fremden Macht? Oder ist es Selbst-Gewinnung durch die Kraft des eigenen Denkens?

Für a) würde sprechen, dass man sich denkend immer auf etwas bezieht (Argumente, die Vernunft, die Logik), das außerhalb von einem selbst steht; für b) würde sprechen, dass es immer der Einzelmensch selber ist, der denkt und dass er/oder sie wohl keine Motivation hätte zu denken, wenn er/oder sie damit nicht etwas dächte, das seine/ihre Persönlichkeit, Autonomie und Handlungsfähigkeit stärkt.

Permalink 01.01.11    11 Kommentare »

Spielen quantenphysikalische Zufälle im Gehirn eine Rolle bei unseren Entscheidungen?

Wenn wir bewusste Entscheidungen treffen, gehen wir meist von vernünftigen Überlegungen aus. Wir gestehen uns aber auch zu, dass persönliche Vorlieben, die unseren Charakter prägen und nicht unbedingt rational sind, für die jeweilige Entscheidung maßgeblich sein können. Dies passt durchaus zu unserer Überzeugung , dass wir frei entscheiden können, nämlich nach dem, was wir für richtig halten,  oder nach dem, was wir vorziehen, weil es uns halt besser gefällt. Nun beruht aber unser geistig-psychisches Leben auf Vorgängen in unserem Gehirn und damit letztlich auf physikalischen Abläufen, die den Gesetzen der Physik unterliegen.
Wenn diese Abläufe durch die Naturgesetze vollständig determiniert wären, dann würde seit dem Urknall (Gedanke von John Searle in dem Buch „Der Geist“) feststehen, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt denken und entscheiden werden. Das ist keine sehr befriedigende Vorstellung; unser Willensfreiheit erscheint nämlich dadurch in Frage gestellt.  Hilft nun die Erkenntnis, dass die physikalischen Abläufe wegen der quantenphysikalischen Zufälligkeiten gar nicht determiniert sind? Man muß ja davon ausgehen, dass derartige mikrophysikalische  Ereignisse sich unter bestimmten Voraussetzungen auf die makrophysikalische Ebene auswirken. Was wäre aber dann die Folge? Unser Entscheidungen würden dann nicht nur von den Gesetzen der Makrophysik, sondern auch von mikrophysikalischen Zufällen abhängen. Das ist noch weniger befriedigend; es eröffnet keinen Bereich von Freiheit, wie wir ihn gerne hätten. Statt von Zufällen, auf die wir keinerlei Einfluss haben, möchten wir in unseren Entscheidungen lieber von unseren Überlegungen, Kenntnissen und charakterlichen Eigenheiten abhängig sein. Diese sind in entsprechenden Gehirnstrukturen niedergelegt und die geistigen Abläufe werden durch physische Vorgänge realisiert. Auch wenn die physischen und mit ihnen die geistigen Vorgänge determiniert wären, wären es doch unsere Überlegungen, Kenntnisse und charakterliche Eigenheiten, die unser Handeln bestimmen.
Wenn wir nun Freiheit des Willens durch das Maß ausdrücken, in welchem die Entscheidungen einer Person von ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen, Kenntnissen und spezifischen Charakterzügen geprägt sind, dann  beschränkt der Einfluss von zufälligen Quantenereignissen diese Freiheit. Es erscheint daher wünschenswert, dass dieser Einfluss möglichst gering ist. Ich denke, dass starke Charakterzüge in diese Richtung wirken. Sie zeichnen gleichsam feste Bahnen vor, innerhalb deren sich mögliche Entscheidungen bewegen können, so wie ein markantes Flusstal erzwingt, in welche Richtung das Wasser ablaufen kann. Quantenphysikalische Zufälle können dann nichts Anderes bewirken.

Permalink 29.12.10    1 Kommentar »

Die Philosophie, nach der wir leben

Dieser Blogeintrag steht in Zusammenhang mit dem letzten, in welchem ich Gerhard Polt als einen der größten Philosophen deutscher Sprache gerühmt habe (tatsächlich kann oft nur das Anhören der Kabarett-Dramolette von Gerhard Polt dem bei der Lektüre professioneller PhilosophInnen eingeschlafenen Kopf wieder zu neuen Gedanken verhelfen). Es ging in diesem letzten Blogeintrag um die Segmentierung unserer Gesellschaft in Fachbereiche und Spezialisationen, die es im Fall der Philosophie einigen Personen erlaubt, sich durch Fachwissen und Anerkennung bei FachkollegInnen die gesamte Philosophie sozusagen „unter den Nagel zu reißen“, während sie es den übrigen Menschen, also den Nichtphilosophen, ermöglicht, „nichts von Philosophie zu verstehen“. - Es ist das ja auch eine wichtige Service-Leistung unserer Gesellschaftsordnung, dass sie allen Nicht-Fachleuten zu einem allseits anerkannten Recht auf Unbildung verhilft (denn man kann sich ja schließlich nicht in allen Spezialdisziplinen auskennen). Dieser Blogeintrag nun schließt an den vorigen insofern an, als er versucht, die Konsequenzen aufzuzeigen, welche die Entscheidung, Philosophie auf ein Fachgebiet einzuschränken, nach sich zieht. Diese Konsequenzen werden logischerweise in dem Umstand zu finden sein, dass, wenn Philosophie (nur) ein Fachgebiet ist, alles, was außerhalb liegt, als nichtphilosophisch gelten wird bzw. Philosophie als dafür nicht zuständig angesehen wird. Wenn also Philosophie nur ein Fach ist (ein beschränkter Bereich), dann folgt daraus, dass wir unser Leben (welches freilich über den beschränkten Fachbereich hinausreicht) unphilosophisch führen: Betrachtet man nun unser heutiges Leben, nach welchen Gesetzlichkeiten und Werten es sich richtet, dann muss man sagen, dass es hauptsächlich ein wirtschaftliches, ein ökonomisches Leben ist. Der (unphilosophischen) Ordnung unserer Welt nun entspricht es, dass wir diese Entscheidung für ein ökonomisches Leben, die wir getroffen haben, nicht für eine Entscheidung halten wollen, sondern wir halten das Leben nach ökonomischen Gesichtspunkten für etwas, das an und für sich richtig ist und dem man nicht entkommen kann. Wenn also Philosophie darin besteht, sich verschiedene Lebensmöglichkeiten und Argumente für und wider sie anzusehen, um dann bewusst eine Entscheidung für die eine oder andere Option zu treffen, dann besteht das unphilosophische Leben darin, ethische Entscheidungen (die bewusste Wahl des Lebensstils) umzuwandeln in Erkenntnisse über Tatsachen und sie an die Einzelwissenschaften zu delegieren. Auf diese Weise hat sich auch die Entscheidung durchgesetzt, dass wir ein ökonomisches Leben leben müssten, indem uns die Wirtschaftswissenschaft gesagt hat, dass das an und für sich das Beste sei und indem wir vergessen haben, dass dieser Lebensstil die Folge einer Entscheidung von uns ist; einer Entscheidung darüber, ob wir denn überhaupt wirtschaftlich leben wollen oder nicht. Und weil wir unseren Lebensstil nicht als die Folge einer Handlungsentscheidung betrachten, fehlt uns freilich auch die Motivation, über ihn nachzudenken und ihn einer philosophischen Prüfung zu unterziehen. Das wiederum sieht man unserem Lebensstil deutlich an: Abgesehen von den Meinungen der Fachleute scheint unser wirtschaftlicher Lebensstil im Wesentlichen von unreflektierten Vorurteilen im größten Teil der Bevölkerung getragen zu werden Das Zentrum dieser Vorurteile liegt in der Überzeugung, dass die wirtschaftliche Lebensweise deshalb die richtige ist, weil sie „sparsam“ sei. Allein schon diese Überzeugung wirkt bei näherer Betrachtung ziemlich zweifelhaft. Wirtschaftliche Effizienz definiert sich als Input:Output (z.B. Ressourceneinsatz:Erträge). Im Falle eines Autos etwa bestünde wirtschaftliche (und technische) Effizienz darin, mit möglichst geringem Treibstoffeinsatz möglichst viele Kilometer fahren zu können. Und hier frage ich mich halt: Sieht man es heute als sparsam an, mit einem Auto möglichst viele Kilometer zu fahren? In meinen Augen eher Verschwendung. Doch wirtschaftliches Denken führ zu solch einem Resultat, weil es Sparsamkeit in ein Verhältnis packt (möglichst effiziente Mittelverwendung), nicht aber das Handeln insgesamt auf seine Sinnhaftigkeit hin betrachtet (Soll ich überhaupt soviel Auto fahren?). Wenn für Aristoteles das rechte Maß in der Mitte liegt, etwa in der Freigiebigkeit, die die Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht ausmacht, dann haben wir uns heute aus ökonomischen Gesichtspunkten gegen sie entschieden: Wir geizen auf der einen Seite (fahren ein möglichst sparsames Auto), um uns dadurch die Möglichkeit zu eröffnen, auf der anderen Seite möglichst viel zu verschwenden (möglichst viele Kilometer zu fahren). Das sei zumindest zu jenen Leuten gesprochen, die sich manchmal wundern, warum unser Wirtschaftssystem fortwährend Saltos schlägt und Pirouetten dreht (einmal eine Hausse und einmal ein Crash), warum es dauernd wachsen muss und ein kleiner Rückgang schon eine große Katastrophe darstellt und warum darin soviel Gier und Not und Zwang und Druck sind: Unser Wirtschaftssystem ist kein ausgeglichenes Gebilde, es gleicht eher einem wahnsinnig gewordenen Yogi, der Amok läuft. Das soll nur ein Beispiel sein – das man freilich noch viel tiefer und detailreicher diskutieren könnte –, welches zeigt, wie unser heutiges Leben grundlegend auf Vorurteilen aufgebaut ist. Und diese Vorurteile wiederum fußen darauf, dass wir den Bereich der Wirtschaft den Wirtschaftswissenschaftlern zuschreiben (und überlassen), von denen wir annehmen, dass sie schon wissen werden, was sie tun (oder es zumindest besser wissen als wir es je könnten). Indem wir sagen, man müsste zuerst etwas von Wirtschaft verstehen, um darüber reden zu können, haben wir aufgehört, uns um dasjenige zu kümmern, was unser Leben bestimmt. Und das machen wir genau in der Weise auch in anderen Lebensbereichen. Über dasjenige nachzudenken, was unser Leben bestimmt – wie unvollkommen und dilettantisch dieses Nachdenken notgedrungen auch immer sein muss -, aber hieße Philosophieren. Oder, noch einmal anders gewendet: Wenn wir heute vorwiegend nach ökonomischen Gesichtspunkten leben, dann ist das natürlich unsere Philosophie, nach der wir heute leben – es ist eine Philosophie im Sinne einer Entscheidung für eine bestimmte Lebensweise, die wir für richtig halten. Wirtschaft – ein Leben, das von wirtschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt wird -, das ist die Philosophie, nach der wir heute leben. Die heutigen Philosophien in unserer segmentierten Welt unterscheiden sich von früheren nur dadurch, dass sie nicht zugeben wollen, Philosophien – also bewusste Entscheidungen – zu sein. Anstatt dessen verkauft man sie uns als Tatsachenerkenntnisse von SpezialistInnen. Dadurch hören sie natürlich nicht auf, Philosophien zu sein – sie sind bloß unreflektierte, also schlechte Philosophien. Die (heute weit verbreitete, ja eigentlich: für unsere Gesellschaftsordnung grundlegende) Einstellung: Wir wollen nicht ins (endlose) Philosophieren kommen, sondern verwirklichen (ganz pragmatisch) zuerst einmal das, von dem wir sicheres Wissen haben! - taugt also nicht, dem Philosophieren zu entkommen. Man tauscht dadurch nicht Philosophie gegen philosophiefreie Wissenschaft, sondern nur gute gegen schlechte (unreflektierte) Philosophie.

Permalink 28.12.10    5 Kommentare »

Würdigung eines der größten deutschen Philosophen

Jetzt zur Weihnachtszeit wird’s auch mir im Herzen ein wenig feierlich zumute, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, einen Menschen zu würdigen, der als einer der größten deutschsprachigen Philosophen unserer Zeit gelten kann – Gerhard Polt.

 Gerhard Polt ist in erster Linie als Kabarettist bekannt; dass seine Kabarett-Dramolette tatsächlich philosophische Analysen sind, erkennt man daran, wie sie gearbeitet sind – nämlich begrifflich. Hier ein gutes Beispiel:

 Die Garage

http://www.youtube.com/watch?v=eEbLICnYVNM

 

„Ich baue in meinem Leben bloß noch einmal eine Garage. […] Aber wenn ich eine Garage baue, dann ist das auch eine Garage – und eine Garage, die den Namen „Garage“ verdient!“

 

Was Gerhard Polts philosophische Arbeit am Begriff auszeichnet, ist, dass sie – wie man es hier am Beispiel des Begriffes „Garage“ sehen kann, dem tatsächlichen Gebrauch des jeweiligen Begriffs in der sozialen Realität nachspürt. Oft hört oder liest man ja Dinge wie: Dieser oder jener Begriff werde in der Alltagssprache auch gebraucht; der alltagssprachliche Gebrauch sei jedoch zu ungenau für eine philosophische Behandlung und deshalb müsse er zuerst definiert werden, damit man philosophisch mit ihm arbeiten könne. Aber damit geht man methodologisch genau in die falsche Richtung. Ein Begriff wird nicht richtiger dadurch, dass man ihn unter den Glassturz stellt.

 Anstatt dessen sollte man – wie Gerhard Polt es vorzeigt – dem sozialen Gebrauch des Begriffs nachspüren und dabei möglichst das gesamte Bedeutungsspektrum, welches ihm im Alltagsgebrauch innewohnt sowie auch alle inneren Widersprüche in diesem Gebrauch miteinbeziehen – und auf diese Weise das erreichen, was Gilles Deleuze „einen Begriff zum Schwingen bringen“ nannte. Der Begriff wird zum Leben erweckt, indem man seinen sozialen Gebrauch genau nachzeichnet. Tut man das nicht, sondern definiert die Begriffe, bevor man mit ihnen arbeitet, dann betreibt man nicht Philosophie sondern Wissenschaft.

 Unter Wissenschaft verstehen wir jene Form der Darstellung von Wissen aus kollektiver Perspektive, welche für den Einzelmenschen nicht immer unbedingt zugänglich ist (und auch nicht den Zweck hat, dem Individuum die Welt zu eröffnen), während Philosophie jene Disziplin ist, mit welcher das Individuum sich darum bemüht, Zugang zur Welt zu gewinnen. Wissenschaft vermehrt das Wissen der Menschheit, ohne dadurch das Wissen des Menschen zu vermehren.

 Hier in weiteres Beispiel für ein philosophisches Meisterwerk von Gerhard Polt; in diesem Monolog geht es um den zentralen philosophischen Begriff der Freiheit:

 Freiheit

http://www.youtube.com/watch?v=HQs9ReCEUM0&feature=more_related  

“…Freiheit, das geht natürlich im Grunde, wenn man sie aufrechterhalten will, nur mit billiger Arbeitskraft.“

 

Den Wert dieses großartigen philosophischen Werkstücks kann erst derjenige  so richtig schätzen, der Kenntnis davon besitzt, welch langweilige und gegenstandslose Gedanken PhilosophInnen sonst etwa zum Thema der Freiheit entwickeln. Indem sie die soziale Dimension dieses Problems von vornherein ausblenden, reduzieren sie dieses Problem häufig auf jenes der Willensfreiheit und lassen es so erscheinen, als ob unser Kampf um Freiheit hauptsächlich einer mit den Naturgesetzen wäre.

 

Die philosophischen Analysen von Gerhard Polt arbeiten jedoch nicht nur begrifflich, sondern  machen auch aus logischer Sicht viel Spaß; ganz besonders ist das im folgenden Monolog über Minderheiten der Fall, in welchem Polt uns Dinge erklärt wie, dass die Minderheit immer ursächlich für die Mehrheit ist und dass Minderheiten ihre dummen Ideen aus dem Fernsehen haben, weil sie zur falschen Zeit fern sehen, also nicht das Hauptabendprogramm – und dass sie das deshalb tun können, weil sie morgens nicht zeitig aufstehen müssen...

 Minderheiten

http://www.youtube.com/watch?v=BmGh2NpmhU8&feature=more_related

 

“Jeder hat das Recht sich einer Mehrheit anzuschließen und sich anständig zu benehmen.” „Die Minderheitden, das sind immer so Singles, Invidiuen, Querulanten, so Einzelgänger, die immer: Quack, quack, quack!““

 

Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für das philosophische Genie von Gerhard Polt; hier nur einige wenige von ihnen:

 

Toleranz

http://www.youtube.com/watch?v=vCML-0NN-ro

 

Der Standort Deutschland

http://www.youtube.com/watch?v=d7VUhZbOVHc

 

Democracy

http://www.youtube.com/watch?v=UZe4LzAG1lA

 

Ein Nichtschwimmer ersäuft

http://www.youtube.com/watch?v=wJlLHw11Joc&feature=more_related

  

Jetzt werden sich wohl manche fragen: Ist dieser Blogeintrag als Scherz gemeint?

 Antwort: Nein, ganz sicher nicht! Es ist mir todernst damit, Gerhard Polt zu den größten Philosophen deutscher Sprache zu zählen. Aber es ist mir nicht nur ernst damit, sondern dieses Thema ist zudem von allergrößter Wichtigkeit: Viele Menschen nehmen sich heute das Recht zu behaupten, nichts von Philosophie zu verstehen, weil sie die PhilosophInnen und PhilosophieprofessorInnen, die offiziell zum Fach Philosophie gehören, nicht kennen und deren Texte nicht gelesen haben. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die über Fachwissen über Philosophie verfügen und aus diesem Grund das Recht beanspruchen, über  Philosophie sprechen zu dürfen.

 Auf diese Weise wirken in unserer Gesellschaft Ein- und Ausschlussmechanismen, welche alle gewöhnlichen Menschen aus der Philosophie ausschließen und die Philosophie in einem winzigen Teilbereich der Gesellschaft einschließen, in welchem es ihr nicht länger gelingen kann, etwas Relevantes oder für viele Menschen Interessantes auszusagen.

 Philosophie wird nicht überleben können, wenn wir sie aus der dunklen Ecke, in die wir sie hineingedrängt haben, nicht wieder herausbekommen. Und um das zu erreichen, ist es notwendig, ihre Äußerungen überall dort anzuerkennen, wo immer sie auftreten, z.B. in den Kabarett-Monologen von Gerhard Polt. D.h., es ist den Menschen zu vermitteln, dass Philosophie nicht nur dort ist, wo sich etwas explizit „Philosophie“ nennt oder offiziell als „Philosophie“ gilt.

 Umgekehrt ist auch die philosophieschädliche Praxis zu unterlassen, von einer „aktuellen philosophischen Diskussion“ über ein bestimmtes Thema zu sprechen, weil das die Existenz einer fachinternen  Philosophiediskussion suggeriert (so als ob es so etwas gäbe!) und philosophische Äußerungen, die keine fachspezifischen sind (auch besonders wichtige wie jene von Gerhard Polt), als unphilosophische erscheinen lässt und sie auf diese Weise ausgrenzt.

Permalink 26.12.10    2 Kommentare »

WER BIN ICH?

WER WILL DAS WISSEN?

NUR NICHT-WISSEN MACHT FREI.

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