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Das Problem des Wissens aus philosophischer Sicht

Blogkollege Thomas Heichele schreibt in seinem letzten Blogbeitrag („Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution“): „Wissen wäre also etwas so Wunderbares und Sicheres, wenn es nicht so schwer zu begründen wäre…“

Nun, ich wäre mir da nicht so sicher, ob Wissen so etwas Wunderbares wäre. Wäre es wirklich so wunderbar, wenn die Angelegenheit mit dem Wissen leichter wäre? Und vor allem: Wäre dann Philosophieren noch möglich?

Eugen Maria Schulak, Kollege von der Gesellschaft für angewandte Philosophie (www.gap.or.at), schreibt auf dem Faltblatt, mit dem er für seine Philosophische Praxis wirbt:

 

„WAS HEISST PHILOSOPHISCH

„Philosophisch“ heißt, dass sich die Dinge stets auch noch anders betrachten lassen, als sie sich uns zeigen, und dass die Vielfalt dieses „Anderen“ der Wirklichkeit schon etwas näher kommt. „Philosophisch“ heißt, das Selbstverständliche in Frage zu stellen sowie das Fragliche nicht unbedingt gleich zu beantworten.“

 

Dem kann ich nur aus vollstem Herzen zustimmen. Wenn nun die Angelegenheit mit dem Wissen so einfach wäre, wie Herr Heichele sie sich wünscht, dann wäre es nicht länger möglich, die Dinge auch noch anders zu betrachten. Denn Wissen ist ein „So ist es!“ und ein „So ist das zu betrachten – und nicht anders!“ Freilich ließe es sich in einer Welt ganz ohne Möglichkeit zu wissen, in welcher alles eine graue, ununterscheidbare Masse bliebe, auch nicht philosophieren (oder nachdenken: Philosophieren ist ja ein Nachdenken). Aber wäre Wissen wirklich bis zum Ende möglich und begründbar, so wäre das das Ende von Philosophie. Denn Philosophie besteht darin darüber nachzudenken, ob ich mich dazu entscheiden kann und soll, eine Sache so oder auch anders zu sehen. Wissen aber macht diese Entscheidung überflüssig, denn Wissen ist selbst schon die Entscheidung, wie eine Sache zu sehen ist.

Eine andere Gefahr für das Philosophieren (und das Denken) durch das Wissen zeichnet sich in folgendem Zitat ab, welches aus einem Interview mit einem anderen GaP-Kollegen, Leo Hemetsberger, stammt:

 

„STANDARD: Das scheint aus der Mode gekommen zu sein… [Gemeint ist: das Denken und die „Flexibilität, sich vermeintlich Bekanntem von anderer Seite zu nähern“, Anm. philohof]

Hemetsberger: Ja. Aus Zeitmangel und auch durch ein Phänomen: Wir wollen immer mehr Expertenwissen haben, das wir auf uns beziehen und dem wir unsere Verantwortung umhängen können. Dabei verwechseln wir Information mit Wissen. Informationen machen kein Wissen, weil wir dafür die Urteilskraft nicht haben.“

[„Der Standard“, Printausgabe vom 2./3. Oktober 2010, Seite K22]

 

Worum geht es also: Wissen, habe ich gesagt, ist eine Entscheidung darüber, wie eine Sache richtig zu sehen ist, und die trifft derjenige, der einen Wissensvorsprung hat. Das werde aber in den meisten Fällen nicht ich sein, sondern ein Experte/eine Expertin des jeweiligen Faches. Wissen lädt also dazu ein, mit dem Denken aufzuhören, weil ich den ExpertInnen ohnehin nie das Wasser reichen werde können. Andererseits ist die Existenz von ExpertInnen für die heutigen Menschen sehr bequem, denn man kann ihnen die eigene Verantwortung überlassen. Wir machen das, indem wir dem Rat dieser ExpertInnen folgen. Dieser mag zwar im Einzelfall richtig sein, aber wir befolgen ihn ohne eigene Einsicht, weil wir uns ja auch nicht um die Entwicklung der eigenen Urteilskraft bemüht haben (Wozu hätten wir sonst Experten!). So degeneriert Wissen wieder – selbst wenn es schon einmal erreicht ist/sein sollte – und wird zur Information. Das Ergebnis des Strebens nach Wissen ist also im gesellschaftlichen Kontext nicht Wissen, sondern Information (im Sinne von unverstandenem Wissen) – jedenfalls ist es dann das Ergebnis, wenn man beim Denken gesellschaftliche Konsequenzen von Zielen, die man als erstrebenswert ansetzt, mitberücksichtigt. Und die Aussage von Hemetsberger deutet im Übrigen an, dass wir auf diesem Weg schon ein ganzes Stück weit gegangen sind…

Zum Schluss noch ein Wort darüber, warum ich das hier (gesondert) schreibe: Es hätte nicht in die Diskussion von Thomas Heicheles Blogbeitrag gepasst. Es hätte keinen Platz gefunden in seinem Fragezusammenhang (den ich nicht verstehe) und in seiner Argumentation. Und es hätte ihn womöglich auch nicht interessiert. (Ich hätte höchstens, um meine Frageinteressen in die Diskussion über seinen Blogeintrag einzubringen, witzig sein können, indem ich etwa die Frage gestellt hätte, ob Schildkröten denn um soviel mehr wissen als wir Menschen, da sie doch schon viele Millionen Jahre länger auf dieser Erde existieren als wir; sie schauen ja auch sehr weise aus! Aber das bringt ja nichts, es hätte höchstens zu einer kommunikativen Konfrontation ohne Erkenntnisgewinn geführt.) Deshalb war es notwendig, meine Fragen, welche MEINE EIGENEN Erkenntnisinteressen bezüglich des Problems des Wissens zum Ausdruck bringen, an gesondertem Ort zu formulieren.

Permalink 28.11.10    4 Kommentare »

Was außen geschieht,

passiert nicht im Gehirn.

Denn das Gehirn ist außen

und kann sich nicht selbst enthalten. 

Was innen geschieht,

passiert nicht im Gehirn.

Denn das Gehirn ist außen,

wo es kein Innen geben kann.

Wo also findet das Geschehen statt?

Es gibt keinen Raum für das, was geschieht.

Es gibt nur das, was geschieht.

Jedes Argument gegen die Existenz des Ego

gibt beredtes Zeugnis ab

für eben jene Existenz.

Denn wer anders kann die Existenz des Ego leugnen

als nun einmal dieses Ego selbst.

Das Ego begriffen als synthetische Einheit der Apperzeption,

ohne die es nicht möglich wäre,

auch nur einen sinnvollen Satz zu formulieren.

Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution

Nach einer (eigentlich zu) langen Zeit ohne neue Einträge gibt es heute von mir mal wieder ein paar Sätze… Konkret geht es um die Zusammenfassung einiger Gedanken zu Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution.

Da das alltagssprachlich zwar oft verwendete, aber philosophisch hinsichtlich seiner genauen Bedeutung gar nicht so eindeutig geklärte Wort „Wissen“ im Folgenden eine zentrale Rolle spielt, bietet es sich an, einen ersten allgemeinen Überblick inklusive einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten darzulegen (einen guten Einstieg dazu findet man hier).

 
Wissen: eine erste Hinführung
 
Die Definition von Wissen nach der sogenannten Standardanalyse sieht Wissen dann als gegeben, wenn es sich um eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung handelt. Was heißt das genau? Grundsätzlich findet jede sprachliche bzw. gedankliche Annäherung an die Welt wie folgt statt: ein Subjekt S glaubt zum Zeitpunkt t mit dem Grad r, dass p. Ohne nun auf diverse Wahrheitstheorien näher eingehen zu können, wird im einfachsten Fall im korrespondenztheoretischen Sinne festgehalten: die Überzeugung eines Subjekts S, dass p, ist genau dann wahr, wenn „p“ wahr ist. Wie wir gesehen haben, muss Wissen wahr sein, während Überzeugungen nur wahr oder falsch sein können müssen. Nun ist es notwendig, dass es eine Rechtfertigung der wahren Überzeugung gibt, um zufälligerweise wahre Überzeugungen auszuschließen, da diese ja kein Wissen darstellen.

Und genau dieser Aspekt der geforderten Rechtfertigung wirft schnell Probleme auf. Besonders prominent hierbei ist das Münchhausen-Trilemma, das genau deswegen virulent wird, da die Rechtfertigung als Bedingung des Wissens gute Gründe verlangt, die jedoch wiederum gewusst werden müssen. So bleiben letztlich nur folgende Möglichkeiten: infiniter Regress, dogmatischer Abbruch oder ein Zirkelschluss. Im Falle des infiniten Regresses kann die Suche nach und das Liefern von Gründen bis in die Unendlichkeit verschoben werden: jeder Grund muss wieder begründet werden bzw. auf jede Antwort kann erneut eine „Warum-Frage“ erfolgen. Diesem infiniten Regress kann man zwar mit einem dogmatischen Abbruch entkommen, doch stellt sich hier die berechtigte Frage, ob eine solche willkürliche Setzung eines Anfangs- bzw. Ausgangspunktes einen wirklich guten Grund darstellt, auf dem weiter aufgebaut werden sollte. Eine andere Möglichkeit, dem infiniten Regress zu entkommen um eine (vermeintlich) sichere Basis herzustellen, von der aus argumentiert werden kann, ist der Zirkelschluss, bei dem die Begründung im Kreis verläuft – ein einfaches Beispiels sollte hier zu Veranschaulichung reichen: „Warum ist Heinrich satt? – Weil er keinen Hunger mehr hat. – Und warum hat er keinen Hunger mehr? – Weil er satt ist!“

Wissen wäre also etwas so Wunderbares und Sicheres, wenn es nicht so schwer zu begründen wäre… Nun taucht allerdings zu allem Überfluss auch noch ein weiteres Problem auf: die drei Bedingungen der Standardanalyse sind nicht hinreichend für Wissen! Dies zeigte Edmund Gettier, der in einem Aufsatz 1963 auf das nach ihm benannte Problem hinwies. Die Standardanalyse sieht – wie wir gesehen haben – Wissen genau dann gegeben, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: (i) p ist wahr, (ii) S glaubt, dass p und (iii) S hat gute Gründe, zu glauben, dass p. Gettier bringt nun u.a. folgendes Gegenbeispiel:
 
Smith und Jones haben sich beide für einen Job beworben. Smith hat starke Gründe, Folgendes zu glauben: (a) „Jones ist die Person, die den Job bekommen wird und Jones hat 10 Münzen in seiner Tasche“. Die Gründe, warum Smith von (a) so stark überzeugt ist, liegen beispielsweise darin, dass der Firmeninhaber Smith versichert hat, dass Jones am Ende den Job bekommen wird und dass Smith persönlich vor wenigen Minuten die Münzen in der Tasche von Jones gezählt hat (vielleicht ist er ein Kleptomane, der sich gerade noch zurückgehalten hat). Aus (a) ist folgender Schluss (b) ableitbar: (b) „Die Person, die den Job bekommt, hat 10 Münzen in der Tasche“. Smith erkennt die logische Ableitbarkeit von (b) aus (a) und akzeptiert (b) wegen der starken Gründe für (a). Also ist Smith eindeutig gerechtfertigt, (b) zu glauben. Nun bekommt aber, ohne dass Smith dies weiß, Smith selbst den Job und zudem hat auch Smith, ebenfalls ohne dass er dies weiß, 10 Münzen in der Tasche. (b) ist also wahr, obwohl (a), woraus (b) gefolgert wurde, falsch ist. In diesem Beispiel bedeutet dies: (i) (b) ist wahr, (ii) Smith glaubt, dass (b) wahr ist und (iii) Smith hat gute Gründe, zu glauben, dass (b) wahr ist. Dennoch ist klar, dass Smith nicht weiß (!), dass (b) wahr ist – (b) ist nur wahr wegen der Anzahl der Münzen in Smiths Tasche und weil Smith den Job bekommt (davon hat Smith aber keine Ahnung). Smith gründet seine Überzeugung auf das Nachzählen der Münzen in Jones‘ Tasche, von dem er fälschlicherweise annimmt, dieser würde den Job erhalten.
 
Als Konsequenzen aus dem Gettier-Problem können nun diverse internalistische und externalistische Theorien des Wissens angeführt werden, die hier nur in aller Kürze vorgestellt werden. Die Internalisten bestehen auf dem Aspekt der (internen) Rechtfertigung – um dem Gettier-Problem nun zu entkommen, braucht man also eine vierte Bedingung, die beispielsweise darin liegen könnte, dass die Rechtfertigung nicht auf einer falschen Überzeugung basieren darf. Bedauerlicherweise gibt es auch hier Probleme und das Gettier-Problem wird nicht gelöst (Alvin Goldman präsentierte hierzu sein Scheunenbeispiel). Eine andere mögliche Formulierung der vierten Bedingung berücksichtigt, dass die Rechtfertigung nicht durch relevante Zusatzinformationen angefochten werden kann. Im Gegensatz zu den Internalisten sehen Verfechter externalistischer Wissenstheorien bereits die internalistisch verstandene Rechtfertigungsbedingung als falsch an: Wissen und wahre Überzeugung unterscheiden sich demnach durch Faktoren, die nicht zwingend dem Wissenssubjekt zugänglich sein müssen. Ein Kerngedanke in diesem Kontext lautet, dass es für Wissen notwendig ist, dass die entsprechende wahre Überzeugung auf eine verlässliche Art und Weise zustande gekommen ist.

Wirft man einen näheren Blick auf Wissen als wahre Überzeugung, die auf eine verlässliche Art zustande gekommen ist, kann man sich z.B. Hilary Kornblith und sein „Knowledge and its Place in Nature“ (oder in Kurzform Kornbliths Aufsatz „Wissen: ein natürliches Phänomen. In: T. Sukopp/G. Vollmer (Hrsg.): Naturalismus: Positionen, Perspektiven, Probleme. Tübingen: Mohr Siebeck 2007; S. 83 – 97“) anschauen. Für Kornblith ist es klar, dass das Studium tierischen Verhaltens in der kognitiven Ethologie zeigt, dass Wissen eine kausale und erklärende Rolle spielt. So lassen sich beispielsweise nur durch die Zuschreibung von Meinungen und Wünschen im Rahmen intentionaler Zustände einige besonders komplexe Verhaltensmuster wie das Termitenfischen bei Schimpansen voraussagen und erklären. Obwohl man nun auf den ersten Blick meinen könnte, dass es völlig ausreicht, vor diesem Hintergrund Tieren (wahre) Überzeugungen statt gleich Wissen zuzuschreiben, ist dem nicht so: es wurden im Laufe der Evolution zuverlässige Fähigkeiten zum Erwerb wahrer Überzeugungen über die eigene Umgebung selektiert, weil nur so biologische Bedürfnisse befriedigt werden konnten. Somit haben wir es in diesem Fall mit Wissen im Sinne einer zuverlässig erzeugten wahren Überzeugung zu tun.

 
Die Erkenntnisfähigkeit im Kontext der Evolution: Evolutionären Erkenntnistheorie
 
Wenn man bei der Beschäftigung mit Wissen bereits bei der Evolution angelangt ist, bietet es sich an, sich einige grundlegende Aspekte der Evolutionären Erkenntnistheorie näher anzuschauen (einen hervorragenden Überblick hierzu gibt es beispielsweise bei Gerhard Vollmer).
 
Wenn wir der Frage nachgehen wollen, warum wir als Menschen die Welt recht passabel erkennen können, machen wir bereits einige implizite Voraussetzungen: dazu zählen u.a. die Annahmen, dass es überhaupt so etwas wie die Welt gibt und dass wir tatsächlich – wenngleich nicht vollständig oder ohne jeden Irrtum – über diese Welt Erkenntnisse sammeln. Von daher bleibt festzuhalten, dass an dieser Stelle in metaphysischer Hinsicht ein hypothetisch-konstruktiver Realismus angenommen werden muss/sollte, der überhaupt erst einen sinnvollen Umgang mit dieser Frage erlaubt. Unter einem hypothetisch-konstruktiven Realismus kann man die metaphysische Überzeugung verstehen, dass es eine vom Erkenntnissubjekt unabhängig existierende irgendwie geartete Wirklichkeit gibt, ohne dass damit die Behauptung verbunden ist, man könne über diese Wirklichkeit alles erfahren. Die Charakterisierung hypothetisch-konstruktiv verweist darauf, dass wir nie etwas über die Wirklichkeit an sich erfahren, sondern uns in Abhängigkeit unserer Sinnesorgane und kognitiven Leistungen ein Bild dieser Wirklichkeit konstruieren und dass dieses Konstrukt gleichzeitig nur vorläufigen Charakter hat. Folglich geht es nicht um eine identische Widerspiegelung dieser Wirklichkeit, sondern eine strukturelle Korrespondenz zwischen wahrer Überzeugung und Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund können nun die Leistungen und – das ist von großer Bedeutung – auch die Fehlleistungen des menschlichen Erkenntnisapparates angegangen werden.
 
Wenn wir davon ausgehen, dass wir die Welt nach bestimmten Kriterien und Prinzipien konstruieren, stellt sich die Frage sowohl nach dem Wesen als auch der Herkunft der Kriterien und Prinzipien. Wir konstruieren ein zeitlich geordnetes und gerichtetes dreidimensionales Bild der Welt, das von einer beeindruckenden Regelmäßigkeit und naturgesetzlichen Strukturierung durchzogen ist, was uns nicht zuletzt bemerkenswerte Prognosen über zukünftige Entwicklungen vor dem Hintergrund gemachter Erfahrungen erlaubt. Da unser Ausgangspunkt in diesem Blogbeitrag das Wissen und eine sichere Begründung war, verdient an dieser Stelle die Induktion einen genaueren Blick: induktive Schlüsse funktionieren nur dann, wenn die entsprechende Welt ausreichend regelhaft und selbstähnlich in Bezug auf Vergangenheit und Zukunft ist – doch dafür gibt es keine logische Notwendigkeit. Gleichzeitig ist es nicht gestattet, die Induktion durch Erfahrung zu rechtfertigen – denn Induktionsschlüsse beziehen sich ja gerade auf das, was der Erfahrung noch nicht zugängig war. Und wenn wir versuchen würden, die Induktion mit Hilfe der Induktion zu begründen, wären wir wieder ziemlich nahe am Anfang dieses Blogbeitrages – beim Zirkelschluss (vgl. auch Schurz, S.47ff.). Welch Glück, dass wir bis jetzt trotzdem ganz gut damit gefahren sind…
 
Doch nun zurück zur Evolutionären Erkenntnistheorie und einigen ihrer Grundthesen: den Ausgangspunkt macht die Verortung unserer kognitiven und sensorischen Fähigkeiten als Produkt eines in der Evolution entstandenen Gehirns. Sowohl auf phylogenetischer als auch auf ontogenetischer Ebene fanden/finden Anpassungen an die Wirklichkeit statt, da nur mit Hilfe einer einigermaßen realistischen Weltdeutung das Überleben von Individuen (über einen längeren Zeitraum) gesichert werden kann. Mit dem Ansatz, unsere Erkenntnisstrukturen an die biologische Evolution zu koppeln, können nicht nur Leistungen, sondern auch Fehlleistungen erklärt werden: in der Evolution ging es nie um irgendwelchen absoluten Maxima oder Optima, sondern lediglich um deren lokale Gestalt – es wurde keine Perfektion im platonischen Sinne belohnt, sondern Effizienz vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen. So überrascht es auch nicht, dass der Mensch hinsichtlich seiner Erkenntnisfähigkeiten und Intuitionen in der Alltagswelt des Mesokosmos gut zurechtkommt, wohingegen die Welt im ganz Kleinen und sehr Großen sich unseren unmittelbaren Vorstellungen und dem intuitiven Verständnis ebenso entzieht wie die Bereiche zu großer Komplexität. Quantenmechanik, Allgemeine Relativitätstheorie und Komplexitätstheorie sind jedoch gute Beispiele dafür, wie es der Mensch im Laufe seiner Kulturgeschichte geschafft hat, insbesondere mit den intellektualtechnischen Mitteln der philosophischen Propädeutik, der Logik und der Mathematik in seinem wissenschaftlichen Wirken die alten Grenzen zu überschreiten und in ihm lange Zeit verschlossene Gebiete vorzudringen.
 
Die Annahme von im Laufe der Evolution (der Steigerung der Überlebensfähigkeit dienenden) immer besser gewordenen Erkenntnisleistungen steht in engem Zusammenhang mit der Theorie der natürlichen Selektion. Die Tatsache, dass wir Menschen(artigen) nach über 5 Millionen Jahren immer noch auf der Welt sind und uns an die vielfältigsten (auch selbstverursachten) Veränderungen mit unserer Lebensweise angepasst haben, zeigt, dass es vor dem Hintergrund unserer komplexen Wechselwirkungsweise mit der Umwelt zumindest eine gewisse Übereinstimmung zwischen der realen Welt und unserer Deutung von ihr geben muss. Dies wird umso deutlicher, je genauer man sich die Funktionsweise der natürlichen Selektion in Zusammenhang mit Artensterben anschaut. Populationen oder ganze Arten scheitern für gewöhnlich entweder, weil sie mit den Rahmenbedingungen ihrer (sich schnell ändernden) Umwelt nicht mehr zurechtkommen, oder weil sie von besser angepassten Konkurrenten verdrängt werden. Während Gegner der Theorie der natürlichen Selektion hier vor einem Rätsel stehen, machen ihre Verteidiger den Sack der Argumentation zu: mag es für den Erfolg von Arten auch noch andere Erklärungen geben, so ist es schlussendlich das Scheitern, das ein eindeutiges Argument für die Selektionstheorie und damit zusammenhängend eine (konstruktiv-) realistische Auffassung der Wirklichkeitsdeutung von Lebewesen liefert. 
 
Literatur (u.a.):
Ernst, Gerhard: Der Wissensbegriff in der Diskussion. In: Information Philosophie 2007, 3; S. 38 – 48.
Gettier, Edmund L.: Is Justified True Belief Knowledge? In: Analysis 1963, 23; S. 121 – 123.
Kornblith, Hilary: Wissen: ein natürliches Phänomen. In: T. Sukopp/G. Vollmer (Hrsg.): Naturalismus: Positionen, Perspektiven, Probleme. Tübingen: Mohr Siebeck 2007; S. 83 – 97.
Schurz, Gerhard: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 2. Aufl. Darmstadt 2008.
Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Argumente zur Evolutionären Erkenntnistheorie. In: C. Asmuth/H. Poser (Hrsg.): Evolution: Modell Methode Paradigma. Würzburg 2007; S. 221 – 238.
Permalink 14.11.10    13 Kommentare »

Der NUTZEN der Philosophie (=von Philosophieren)

(Die Aufgabe, die ich mir heute gestellt habe: So kurz wie möglich den Nutzen von Philosophie zu beschreiben.) Dein persönlicher Nutzen durch die Philosophie besteht darin zu erkennen, was für DICH Nutzen hat.Im ersten Schritt erkennst du dann, dass dein bisheriger Nutzenbegriff sehr ENG ist und eine Überlegung über deinen persönlichen Nutzen gar nicht zulässt.(Anmerkung: Hätte die Philosophie nicht MEHR Nutzen, als was du jetzt als Nutzen für dich erkennen und begreifen kannst, wäre das ein sehr jämmerlicher Nutzen.)Was du bisher für deinen Nutzen gehalten hast, war zum Großteil etwas, was dir von ANDEREN bzw. von der GESELLSCHAFT als dein Nutzen zugedacht worden ist; nicht aber etwas, was du dir selbst als nützlich für dich ausgesucht hast.Damit ist nicht nur gemeint, dass die Gesellschaft oder die Werbung dir irgendwelche Nutzen EINREDET (obwohl es das auch gibt), sondern es geht darum zu begreifen, dass viele Nutzen selbst nur innerhalb und durch gesellschaftliche Umstände bestehen: Einen Steuervorteil gibt es nur, wo es ein Steuersystem gibt; eine Professorenstelle gibt es nur, wo es Hochschulen und ein Wissenschaftssystem gibt.Was du bisher für deinen Nutzen hieltst, waren also nur BELOHNUNGEN, die vom System (oder von Organisationen) für die Menschen vorgesehen sind, welche an ihm teilnehmen.Was du bisher für deinen Nutzen hieltst, war also eigentlich eher die sprichwörtliche KAROTTE, welche dem Esel, der einen Wagen zieht, mit der Angel vor die Nase gehalten wird, damit er sich anstrengt.Je mehr man diesen Karotten nachläuft, desto mehr verliert man seine eigenen Lebensziele – also seinen WIRKLICHEN Nutzen – aus den Augen.Du darfst nämlich nie vergessen – höchster Grundsatz ethischer Lebensführung -, dass du die meisten jener Nutzenangebote, von denen du bisher eine Vorstellung hast, nur dann erreichen wirst, wenn du die Berufung, dein eigenes Leben zu führen, zurückstellst, um dich ganz in den Dienst einer Organisation zu stellen und nur noch DEREN Ziele zu verfolgen. – Willst du also nach dem streben, was wirklich Nutzen für dich hat, wirst du viel von dem AUFGEBEN müssen, was du bisher für deinen Nutzen gehalten hast!Erringst du (hypothetisch) JEDEN Nutzen, den du dir bisher für dich vorstellen kannst, so wirst du alles haben, was die Gesellschaft für dein Glück für nötig hält, aber du wirst nicht glücklich sein.Philosophie dient dir dazu, von all den Nutzenangeboten, die an dich herangetragen werden, jene AUSZUWÄHLEN, welche für dich passen; darüber hinaus hilft dir Philosophie zu einem Konzept deines eigenen Lebens, welches es dir überhaupt erst erlaubt zu erkennen, was FÜR DICH Nutzen haben kann und was nicht.

Permalink 12.11.10    7 Kommentare »

Eine Frage an die Volkswirte

Eine Frage, die mich immer noch beschäftigt, stammt aus einem einseitigen Interview der WirtschaftsWoche mit dem Philosophen Richard David Precht. Es geht um die Frage, ob der Kapitalismus ein erfolgreiches Wirtschaftssystem ist?

Im erwähnten Interview sind sich Interviewer und interviewter Philosoph darin völlig einig. Der Interviewer bemerkt:

 

Der uns in den vergangenen 200 Jahren nie gekannten Wohlstand verschafft hat…

 

Und der Philosoph antwortet:

 

„Precht: Völlig d’accord. Der Kapitalismus ist das erfolgreichste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das wir je hatten.“ (WirtschaftsWoche Nr. 41, 11.10.2010, S. 128)

 

Ich aber frage mich: Woher nehmen die beiden diese Überzeugung, dass der Kapitalismus so erfolgreich ist? Das meine ich so: Der Kapitalismus mag in den letzten 200 Jahren einen „nie gekannten Wohlstand“ geschaffen haben, aber er hat zugleich eine Bevölkerungsexplosion zur Folge gehabt, die die Weltbevölkerung vervielfacht hat. Diese Tatsache alleine wäre jetzt noch nicht schlimm, wenn man nicht den Eindruck haben müsste, dass auch die gegenwärtige Entwicklung der Marktwirtschaft immer noch von der weiteren Zunahme der Bevölkerung abhängig ist. Ein enormes Wachstum an hungrigen VerbraucherInnen und billigen Arbeitskräften rund um die Welt ermöglicht es einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Menschen, sich jedes Jahr ein größeres Stück vom gemeinsam erwirtschafteten Kuchen abzuschneiden, ohne welches sie nicht länger bereit wären, jene unternehmerischen Tätigkeiten weiterzuführen, die der Menschheit Nahrung, Kleidung und Unterkunft verschaffen. Ohne dieses weltweite Bevölkerungswachstum würde es womöglich zu Verteilungskämpfen von solcher Härte kommen, die auch die Wirtschaftsaktivitäten lähmen.

Kurz: Wir wissen eigentlich nicht, ob der Kapitalismus bei stabilen Bevölkerungsverhältnissen funktionieren kann. Der Kapitalismus ist nicht einfach „erfolgreich“, sondern er hat ein weltweites demographisches Experiment angestoßen, dessen Ausgang wir noch nicht kennen. Der Eindruck des „Erfolgs“ des Kapitalismus kann meinem Dafürhalten bloß daher kommen, dass wir nur auf unsere unmittelbare Umgebung blicken – also vor allem auf Europa oder auf die Industriestaaten, wo Bevölkerungslage und Wohlstand bislang relativ stabil sind, das heißt, indem wir die Weltregionen ausblenden, in welchen sich die wirklich großen Veränderungen abspielen.

Unlängst saß ich mit einem Freund beim Essen und wir sprachen darüber, dass wir eigentlich beide den Eindruck haben, dass unser Planet Erde auf einen Abgrund zutreibt. Diesen Eindruck werden wohl viele Menschen teilen. Er ist verbunden mit der fehlenden Wahrnehmung von Anstrengungen auf politischer Ebene oder jener der Wirtschaftseliten, sich auf das kommende Desaster vorzubereiten. Anstatt dessen hat man den Eindruck, dass viele Menschen sehr zufrieden mit der gegenwärtigen Situation sind, weil sie gut an ihr verdienen und kein Interesse haben, etwas zu verändern. Um mich klar auszudrücken: Ich rede nicht davon, dass ich wüsste, wie viele Milliarden Menschen auf der Erde leben sollten oder nicht leben sollten, sondern ich spreche nur von meinem Eindruck, dass soziologische Prozesse von gewaltiger Eigendynamik auf unserem Planeten laufen, von denen ich nicht weiß, ob wir sie denn unter Kontrolle bekommen könnten, wenn sich denn einmal die Notwendigkeit ergibt, sie unter Kontrolle zu bringen.

 

Aber auch übrigen Ideen von Richard David Precht in diesem Interview mit der WirtschaftsWoche scheinen mir nicht recht plausibel zu sein. Er hat nämlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Die Kunst, kein Egoist zu sein. Im Egoismus sieht er einen „Moralzehrer“ im Kapitalismus, welcher außerdem auf einem falschen Menschenbild beruht: Wir hätten, so Precht, stammesgeschichtlich betrachtet die längste Zeit in Horden gelebt und seien in Wirklichkeit mehr auf Kooperation ausgerichtet denn auf Egoismus.

Der Problemaufriss, der Kapitalismus sei mit Egoismus verknüpft und Altruismus könne als Korrektiv des Kapitalismus dienen, scheint mir aber eine falsche Fährte zu sein, die vom Kapitalismus selber nahe gelegt wird. In der end- und fruchtlosen Anstrengung, mehr Altruismus in den Kapitalismus zu bringen, vergessen wir nämlich – was ganz im Sinne des Kapitalismus ist – danach zu fragen, auf welchen Elementen er wirklich beruht.

In Wirklichkeit: Was wollen denn all die angeblichen Egoisten (und unmoralischen Banker, die die Finanzkrise ausgelöst haben) im Kapitalismus? Sie wollen alle mehr Geld, mehr Besitz, mehr Einfluss, mehr institutionelle Anerkennung. Also, sie wollen alle das Gleiche und noch dazu das, was ihnen das Wirtschaftssystem als Belohnung verspricht, wenn sie seine Anforderungen erfüllen. Kann man das wirklich Egoismus nennen? Viel eher scheint es sich hier um Menschen zu handeln, die es ihr Leben lang verabsäumt haben, sich mit sich selber zu verständigen und die aus diesem Grund gar nicht wissen (können), was sie selber wollen. Aus Verlegenheit wollen sie am Ende das, was ihnen die Gemeinschaft als höchste Güter anpreist. Diese Menschen, die so „uneigennützig“ nach Eigennutz streben, hinterher auch noch als Egoisten zu verunglimpfen, erscheint beinahe unfair.

Die Lösung für das von Precht ins Auge gefasste Problem würde ich daher eher in der Gegenrichtung suchen. Warum gibt es so wenig Egoisten? Unter Egoisten verstehe ich dabei Menschen, die sich die Mühe machen, ihre EIGENEN Wünsche herauszufinden und die danach streben, sie sich zu erfüllen. Anstatt dessen wünschen sich in der Realität alle Menschen die gleichen Güter und krachen dabei natürlich aufeinander. Sie krachen dabei aufeinander nicht deswegen, weil die Wirtschaft nicht in der Lage wäre, für alle Menschen ausreichend Güter herzustellen, sondern weil bei manchen der herkömmlich erstrebten Gütern (Geld, Macht, Einfluss, Anerkennung, öffentliche Aufmerksamkeit etc.) ein Mehr für die eine Person per se ein Weniger für eine andere Person bedeutet. Meine Ausgaben sind jemand Anderes Einnahmen, wie es so schön heißt.

„Alphatiere und Ichlinge haben keine Zukunft mehr.“, schließt Richard David Precht das Interview. Dabei erklärt er kurz vorher, wie Egoismus nicht aus egoistischen Trieben des Menschen kommt, sondern ganz gezielt im kapitalistischen Wirtschaftssystem „gezüchtet“ wird: „Nette Altruisten werden selten Spitzenbanker“, sagt er, und: „Arbeitet man in einem so hoch kompetitiven Umfeld, bedingt das bestimmte Charaktereigenschaften. In so einer Horde wird der Egoismus gezüchtet – wie generell im Kapitalismus.“

Merkt er da keine inneren Widersprüche in dem, was er vorbringt? Wenn im Kapitalismus der Egoismus gezüchtet wird und Precht dem Kapitalismus eine Rückkehr zu einer „Kultur des Anstands“ vorschlägt, dann kann Prechts Vorschlag nur auf einen schlechten und ineffizienten Kapitalismus rauslaufen.

Solche Überlegungen machen wenig Lust, sein Buch zu lesen. Dass sich heute junge Philosophen immer noch von überkommenen begrifflichen Entgegensetzungen wie Egoismus-Altruismus foppen lassen, ist wirklich ärgerlich.

Permalink 11.11.10    1 Kommentar »

Meine Zielgruppe: Individuen

Link: http://www.philohof.com/philosophie/ethik/arbeitsblattethik_ludwighohl_wasistarbeit.pdf

Heute habe ich wieder eines meiner beliebten Arbeitsblätter verfasst. Das ist etwas, das ich mir als österreichischer Lektor in Breslau angewöhnt habe – Arbeitsblätter zu erstellen. Das heutige philosophische Arbeitsblatt ist für mich persönlich besonders wichtig, es geht in ihm um den Begriff der Arbeit, wie der Schweizer Philosoph Ludwig Hohl ihn konzipierte. Hohl meinte nämlich: Das, was ich rasch noch tun möchte, wenn ich mir der Kürze meines Lebens bewusst werde, das sei Arbeit. Nicht Arbeit sei dagegen das, was die meisten Leute dafür halten, nämlich leere Bewegung, Beschäftigung, business (von busy – beschäftigt sein).

Was mir an dieser Konzeption von Arbeit besonders gefällt, ist: Wenn man Arbeit so auffasst, wie Ludwig Hohl es tut, dann fällt vieles wieder auf seinen richtigen Platz zurück, das vorher verrückt war, und das Leben bekommt wieder mehr Sinn. Und wenn mehr Leute ihn ernst nähmen, dann würde vieles in unserer Gesellschaft auf seinen Platz zurückfallen, und das Leben in ihr würde aufhören, eines in einer organisierten Sinnlosigkeit zu sein, mit welchem Namen man die heutige Gesellschaft recht gut bezeichnen könnte. Selbst das größte Verbrechen der Gesellschaft am Menschen, die Arbeitsteilung, würde uns dann nicht mehr so scharf schneiden, weil der Gedanke existierte, ein Mensch in seiner gesellschaftlichen Funktion habe mehr zu sein als ein Rädchen in einer Maschinerie.

Im Umgang mit diesen Gedanken, die mir persönlich sehr wichtig sind, ist mir heute wieder die Frage in den Kopf gestiegen, für welche Zielgruppe meine philosophischen Botschaften denn eigentlich sind. Denn oft habe ich ja den Eindruck: Da gibt es viele Perlen z.B. auf meiner Homepage, und die Leute wissen das nicht richtig zu würdigen. Vielleicht ist das deshalb so, weil sie nicht wissen, für wen das geschrieben ist und wie diese Botschaften zu gebrauchen sind?

Meine Zielgruppe aber weiß ich nicht anders zu bestimmen als mit dem Wort „Individuen“. „Individualisten“ trifft es nicht, denn das hört sich nach Personen an, die aus ihrer Individualität eine Religion machen, und die meine ich nicht. Aber in wen auf der anderen Seite nicht ein höllischer Schmerz hineinfährt, wenn im wissenschaftlichen Seminar gesagt wird: „Dein Erkenntnisinteresse zählt hier nicht, weil es unwissenschaftlich (weil subjektiv, weil… deines) ist!“, der wird mit mein Überlegungen wohl gar nichts anfangen können. Denn meine Ausarbeitungen sind rettende Gedanken für Individuen, scharfe Haken, mit denen man sich im letzten Augenblick auf dem glatten Abhang gesellschaftlicher Kommunikationslosigkeit vor dem Absturz in den geistigen Tod bewahren kann.

Trotzdem gibt es – das weiß ich mittlerweile, obwohl ich ihre Existenzen nicht fassen kann – viele Menschen, denen der eigene geistige Tod nichts ausmacht. Die Möglichkeit dieser Wahl liegt offenbar auch im Bereich des menschlichen Individuums. Der Mensch als Individuum hat auch die Möglichkeit, von sich abzusehen. Und diese Menschen machen wohl die überwiegende Mehrzahl der Menschen in der Gesellschaft aus. Sie werden freilich in meinem Blog oder auch auf meiner Homepage nichts finden können, was ihnen irgendwie sinnvoll erscheint.

Auch Menschen, welche

  • Organisationen,
  • die Gesellschaft,
  • die Wissenschaft oder
  • die Wahrheit

 

über den Menschen stellen, werden unter meinen Sachen nichts Interessantes für sich finden. Denn meine Gedanken sind für den Menschen gedacht, das ist: für Individuen – also für Menschen, die ihre Aufgabe, ihr Leben als individuelles Schicksal zu leben, auf sich genommen haben.

Eine weitere Gruppe, für die meine philosophischen Entwürfe ebenfalls uninteressant sind, möchte ich noch besonders hervorheben. Es sind das die Menschen, die

  • einfach nur leben möchten.

 

Das ist sicherlich nicht einfach nur eine sehr große Gruppe in unserer Gesellschaft, sondern es ist in gewisser Weise die „Ideologie“, unter der wir heute alle leben: Was will denn der Mensch? – Einfach nur leben!

Über die Menschen, die einfach nur leben möchten, sagt Ludwig Hohl in seinen Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung (Suhrkamp Taschenbuch 1000, S. 15): „…wo du nicht positiv – nicht eigenes Leben – lebst, lebst du schon negativ, schon das Leben anderer;“

Gerade also, wer nur sein Leben leben möchte, lebt nicht sein Leben. Und gerade die, die nichts mehr als nur leben möchten, bestimmen in ihrer Summe das Leben der Anderen mit, indem sie kein Verständnis dafür zulassen, dass diese ihr eigenes Leben leben wollen, ihre Aufgabe als Individuen auf sich nehmen wollen.

Ludwig Hohl ist/war ein Individuum. Das merkt man in seiner Prosa, und man merkt es freilich in seiner Theorie der Arbeit, welche eine individualistische – und also: eine philosophische – ist. Alleine die Tatsache, dass er gelebt hat, und dass sein Buch existiert, ist eine große Erleichterung für ein anderes Individuum: Ich bin nicht allein! – Ich bin doch nicht ganz allein unter lauter „letzten Menschen“, wie Nietzsche sie genannt hat. Eine derartige Erleichterung, wie Ludwig Hohl sie mir bereitet und mir dabei ein Stückchen Lebensfreude zurückgibt, das ich an den heiligen Orten unserer heutigen Gesellschaft (Einkaufscenter, Autobahnknoten, Amtshäuser) verloren habe – eine derartige Erleichterung möchte ich mit meinen Texten auch anderen Individuen verschaffen, wenn ich sie denn erreichen kann.

Denn ich weiß sehr gut: Individuen sind keine Gruppe; sie können also nicht gut eine Zielgruppe sein!

Aber vielleicht hilft es meinen Texten, wenn ich klar mache, dass sie für Individuen geschrieben sind! Und mir würde es sehr helfen, wenn ich erführe, dass da draußen außer mir und Ludwig Hohl noch einige andere Individuen sind!

Permalink 10.11.10    1 Kommentar »

Jede Äußerung eines Individuums hat die folgende Botschaft:

Ich will wahrgenommen werden.

Doch was geschieht, wenn ich diese von anderen

eingeforderte Aufmerksamkeit

meinem vermeintlichen Ich

von meiner Seite zukommen lasse?

Das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, verschwindet.

Das sogenannte Ich ist also nichts anderes

als das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden.

Die Aufmerksamkeit anderer nährt dieses Bedürfnis. 

Sobald ich aber meine Aufmerksamkeit mir selbst zuwende,

löst sich dieses Bedürfnis auf, und ich verschwinde mit ihm.

Ein einfaches Selbst-Experiment kann zeigen,

ob die Überzeugung, jemand zu sein,

der Wirklichkeit entspricht.

Dazu braucht es lediglich die Bereitschaft,

den Ich-Gedanken beim Wort zu nehmen,

indem man an ihm festhält.

In der Regel stellt sich folgendes Ergebnis ein:

Der Ich-Gedanke löst sich augenblicklich auf.

Zurück bleibt die eine namenlose Wirklichkeit

unserer selbst.

Wissenschaft ist… wenn man nicht miteinander redet!

Folgendes Zitat stammt aus Mario Biagiolis Buch: Galilei. Der Höfling. Er bricht darin – in einem Kapitel der Auseinandersetzung mit Thomas Kuhns Paradigmenbegriff – eine Lanze für nichtkommunikatives Verhalten in der Wissenschaft.

Dieses Zitat stellt sicherlich den Höhepunkt meiner nun seit etwas mehr als einem Jahr betriebenen „philosophischen Wissenschaftsforschung“ dar. Denn: Ich konnte es freilich für möglich halten, dass die heutigen WissenschaftlerInnen so denken, schließlich war mir nichtkommunikatives Verhalten von WissenschaftlerInnen aus eigener Erfahrung im Verkehr mit ihnen bekannt – aber es so deutlich ausgeprochen zu finden, und zwar mit dem expliziten Versuch der Rechtfertigung! Das hat noch einmal eine andere Qualität!

 „Wenn Weltbilder nur von Menschen geschaffen werden können, die ein bestimmtes Sprachspiel miteinander gemein haben, dann müssen diese Menschen auch weiterhin für einen gewissen Zusammenhalt sorgen, damit kognitives Handeln möglich wird. In diesem Sinne spielt nonkommunikatives Handeln eine Rolle bei der kognitiven und sozioprofessionellen Artbildung. Wenn alle bereit wären, das Weltbild des „Anderen“ zu erlernen, ergäbe sich daraus keine vollkommen ökumenische und deshalb vollkommen rationale Wissenschaft, sondern eine Situation, in der es keine unterschiedlichen Gruppen, Disziplinen, Paradigmen und daher auch keine Wissenschaft gäbe. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, nonkommunikative Einstellungen seien das unglückliche Ergebnis soziohistorischer Kontingenzen. Sie sind kein Hindernis für kognitives Handeln, sondern schaffen gleichsam einen schützenden Rahmen, in dem solches Handeln sich erst zu entfalten vermag.“

Mario Biagioli: Galilei. Der Höfling. Entdeckungen und Etikette: Vom Anfang der neuen Wissenschaft. S. Fischer, Frankfurt/Main 1999. S. 263.

 

Falls das tatsächlich wahr ist und WissenschaftlerInnen heute so denken, dann würde ich aber doch für die Philosophie fordern, dass zumindest in ihr solches nonkommunikative Handeln nicht Platz greifen darf!

Denn: Das Weltbild des anderen Menschen ist ja gerade das, worum es in der Philosophie geht. Es geht ja in der Philosophie nicht um irgendeine abstrakte Wahrheit, die zwar wahr ist, aber dafür niemanden etwas angeht. Und es geht auch nicht um eine gemeinschaftliche Wahrheit, um eine Gruppenwahrheit. Sondern es geht um die Weltbilder, mit denen wir leben und leben müssen und innerhalb derer wir nach „Wahrheit“, also nach einem besseren Weltbild für unser je individuelles Leben suchen.

Es geht in der Philosophie ja nicht um die Wahrheit um der Wahrheit willen, also einfach darum, dass sie halt wahr ist. Sondern es geht um den Menschen, der spricht, der die Wahrheit oder etwas, was er (oder sie) dafür hält, ausspricht und damit ernst genommen werden will. Philosophie ist die Ehrfurcht vor dem Menschen, der spricht. Philosophie ist Ehrfurcht vor dem anderen Menschen, der die Aufgabe angenommen hat, für sich persönlich nach der Wahrheit zu suchen. Philosophie ist Ehrfurcht vor dem Menschen, und das was ihn ausmacht: sein Wort, das, was er uns mitzuteilen hat.

Somit kann man sagen: Hier zeigt sich wieder einmal: Wo Philosophie anfängt, hört Wissenschaft (in der heutigen Vorstellung von Wissenschaft) auf! Wo der Philosophierende anfängt, einen rationalen Dialog zu entwickeln, begegnet ihm der Wissenschaftler/die Wissenschaftlerin mit nonkommunikativem Handeln, also mit Gesprächsverweigerung. Falls das in der Wissenschaft erlaubt ist, aber in der Philosophie darf es nie soweit kommen, dass wir das rationale Wort unseres Mitmenschen abweisen!

Beim Philosophieren muss die Rationalität unter allen Umständen gegenüber dem Interesse der Gruppe nach Gruppenbildung und Gruppenzwang für ihre Mitglieder den Vorrang behalten!

Der Gedanke 'ich bin'

führt das Denken

an seine eigene Quelle,

wo es sich auflöst.

Im Ich-Bin-Modus (IBM)

fällt das Denken

mit seinem eigenen Ursprung zusammen.

In dieser Einheit von Denken und Sein

offenbart sich die Singularität,

aus der heraus

sich der gesamte Kosmos

manifestiert.

Die Lieblingserzählung der kosmologischen Physikalisten

ist die vom Urknall.

Darin wird einer ominösen Substanz namens Materie

die Fähigkeit zugeschrieben,

sich selbst aus dem Nichts hervorzuzaubern.

Die Lieblingserzählung der terrestrischen Biologisten

ist die von der Evolution.

Darin wird einer ominösen Entität namens Molekül

die Fähigkeit zugeschrieben,

sich selbst von seiner Umgebung mittels einer Membran abzugrenzen.

Meine Lieblingserzählung heißt 'ich bin'.

Darin halte ich mich an das einzig sichere Faktum

meiner eigenen Existenz,

welche in letzter Instanz

mit dem Urgrund aller Existenz identisch ist

und das Ende aller Erzählungen bedeutet.

Was wir 'ich' nennen,

ist nicht mehr

als die Verinnerlichung

des vermeintlichen Bildes,

welches sich andere von uns machen.

Damit aber verdecken wir unsere wahre Natur,

die uns mit dem göttlichen Ursprung des Universums eint.

Sie ist das nicht weiter hintergehbare Mysterium des 'ICH BIN',

welches sich jedem einzelnen unmittelbar offenbart.

Wird daran festgehalten,

tritt die Identifikation mit dem vermeintlichen 'ich'

zusehends in den Hintergrund,

und Frieden stellt sich ein.

Gedanken sind Geschichten,

die sich selbst erzählen.

Viele davon halten sich für wahr.

Doch auch Wahrheit

ist nur eine weitere Geschichte.

UNI BRENNT (ab)! – Warum schaffen wir sie nicht ab?

Soeben habe ich den Artikel „Was ist Hochschulbildung wert?“ von Eva Maltschnig in „Progress“, 05 (Oktober)/2010, Magazin der Österreichischen HochschülerInnenschaft, gelesen. Die Autorin widmet sich darin dem Thema, wie die Rendite von Bildung gemessen werden kann und welchen Sinn dieses Argument in der gegenwärtigen Diskussion um mehr Geld für Österreichs Hochschulen macht.

3,79% der Bundesausgaben, rund 3 Milliarden Euro, so Maltschnig, wurden 2009 für die 22 öffentlichen Universitäten und 19 Fachhochschulen ausgegeben. Das sei zu wenig. Doch Österreich rechne 2010 mit einem Defizit von 4,7% und einer Schuldenquote von 70,2% des BIP und müsse ab 2011 „konsolidieren“. Aber soll man bei der Bildung sparen? Ökonomen seien, so Maltschnig, geschlossen gegen diese Idee. 

In der jährlich erscheinenden OECD-Studie Education at a Glance wurden öffentliche Investitionserträge von 300% für tertiäre Bildung errechnet: „Für jeden Euro, den die Staaten in Akademiker (!) investieren, kommen drei zurück“. Zudem verdienten AkademikerInnen nach dem Studium mehr und zahlten daher mehr Mehrwertsteuer; sie lebten gesünder und seien politisch interessierter, was als „positive externe Effekte“ (=wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusatznutzen) bezeichnet werde, listet Eva Maltschnig die weiteren ökonomischen Vorteile von staatlichen Bildungsinvestitionen auf.

Am Ende ihres Artikels stellt sie das alles wieder ein bisschen infrage, indem sie etwa die Grundannahme der Humankapitaltheorie kritisiert: Gewinnmaximierung sei nicht das einzige Kriterium für menschliche Entscheidungen; indem sie festhält, dass aus demokratiepolitischer Sicht sofort auch wieder die Verteilungsfrage für diese durch Bildung zusätzlich erwirtschaftete Rendite diskutiert werden müsse und indem sie generell die Ökonomisierung der Argumente beklagt: Themen, die in den 1970er Jahren die Bildungsdiskussionen dominierten – Hochschulbildung als Mittel sozialen Aufstiegs, ihre Bedeutung für selbstkritische und offene Gesellschaften und Bildung als Akt geistiger Befreiung – eigneten sich heute nicht mehr, um Podiumsdiskussionen zu gewinnen. 

Soweit Eva Maltschnig.

Und ich frage mich halt wieder: Warum entschließt man sich nicht doch endlich dazu, die Universitäten abzuschaffen? Nicht ersatzlos natürlich! Wir würden sie einfach in Fachhochschulen umbenennen, die Leute könnten auch weiterhin ihre akademischen Titel erwerben und würden durch die Abschaffung der Universitäten keinen Schaden erleiden. 

Aber wir könnten dadurch eben doch ein klares Zeichen setzen und auch klarmachen, über welches Problem wir in der politischen Diskussion über die Hochschulbildung eigentlich reden wollen: Durch die Abschaffung der Universitäten würden wir uns deutlich gegen die Grundidee der Universität aussprechen, nämlich die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, welche ein gemeinsames inhaltliches Interesse an ihrem Wissensgegenstand eint. Anstatt dessen würden wir uns zur Verschulung des Studiums bekennen, für die die Fachhochschulen stehen und für die Trennung von Lehrenden und Lernende in Wissende (die Lehrenden) und in solche, die sich Wissen erst aneignen müssen, um mitreden zu dürfen (die Studierenden).

Bei der Gelegenheit würden mir noch zwei weitere essentielle Umbenennungsvorschläge für den Bildungsbereich einfallen: 

Die Naturwissenschaften sollte man umbenennen in: „Forschung“. Dieses Wort findet ja auch jetzt schon in der öffentlichen Diskussion immer häufiger Verwendung – und nicht ohne Grund: Es bringt zum Ausdruck, dass uns naturwissenschaftliches Wissen eigentlich egal ist, sofern es nicht dazu dienlich ist, neue technische Entwicklungen anzustoßen. Investitionen in F&E nennen wir das, in Forschung und Entwicklung.

Und die kürzlich schon umbenannten Kulturwissenschaften (vormals Geisteswissenschaften) sollte man umbenennen in: „Staatliche Verwaltung von kulturellem Wissen“. Zugegeben, dieser Name ist ein bisschen sperrig, aber er drückt am besten den Inhalt der gegenwärtigen Kulturwissenschaften aus. Diese zeichnen sich ja, insbesondere im deutschsprachigen Raum, durch eine prononciert antipädagogische Haltung aus. Sie sind also das ziemlich genaue Gegenteil der BCS, der British Cultural Studies aus Birmingham, die von der Erwachsenenbildung ihren Ausgang nahmen und Wege suchten, den Menschen mehr Einsicht in die Zusammenhänge ihrer eigenen Kultur zu verschaffen. Heutige Kulturwissenschaften hingegen vermitteln keine Einsichten, sie haben einfach nur recht und existieren, weil man sich eine Institution im Lande wünscht, die bei einer jeden Frage kulturwissenschaftlicher Art das letzte Wort behält. Kulturwissenschaften verwalten also Wissen – man könnte sie in „Verwaltungsfakultäten“ unterbringen. Durch diese Umbenennung der Kulturwissenschaften in Verwaltungsdisziplinen kulturellen Wissens würden wir uns deutlich gegen die Idee der Bildung aussprechen. 

Was wäre damit gewonnen? – Wir hätten uns dann bewusst von der Idee der Universität, der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, abgewandt; wir hätten uns bewusst von der Idee abgewandt, dass es uns um Wissen geht; und wir hätten uns bewusst von der Idee abgewandt, dass es uns um Bildung geht. Und damit hätten wir dann erreicht, dass wir auch von dem reden, wovon wir heute tatsächlich reden, mit einem Wort: Wir hätten die Wörter an ihre gegenwärtigen realen Inhalte in der Gesellschaft angepasst.

Wir hätten dann klargestellt, dass ein Universitätsstudium ein eindeutig ökonomisches Projekt ist, bei dem es uns darum geht, im globalen ökonomischen Konkurrenzkampf vor den Chinesen und Indern zu bleiben – was ja tatsächlich mehr oder weniger der Fall ist. 

Anders gesagt, wir hätten dann durch die Veränderung der Begriffe in der öffentlichen Diskussion nachvollzogen, dass sozialer Aufstieg durch Bildung, die Heranbildung selbstkritischer junger Menschen und Bildung als geistige Befreiung tatsächlich heute den Großteil der Menschen nicht mehr interessiert.

Besonders, dass auch im Diskurs der HochschülerInnen immer noch „Bildung“ mit „Ausbildung“ verwechselt wird, stört mich als ehemaligen Studenten sehr: Durch die von mir vorgeschlagenen Umbenennungen wäre auch klar gemacht, dass uns heute Bildung (die Formung der Persönlichkeit des Menschen) nicht mehr interessiert, sondern nur noch Ausbildung (der Erwerb von Qualifikationen für den Arbeitsmarkt) im Mittelpunkt eines Studiums steht. 

Das alles sage ich nicht, weil ich ein Gegner der Idee der Universität bin, sondern als deren glühender Anhänger. Die Idee der Universität würde ich gerne als Ideal retten, indem ich für die Abschaffung ihrer pervertierten realen Gestalt plädiere, denn diese lässt uns die Idee der Universität mit dem verwechseln, was real gerade unter ihrem Namen besteht. Für die Begriffe Wissen und Bildung gilt dasselbe.

Mein Vorschlag ist also einfach der: Wenn wir uns entschließen, das Hochschulstudium ökonomisch zu betrachten (was ein Entschluss ist, den wir real schon vollzogen haben, da können wir uns gar nichts vormachen), dann aber richtig ökonomisch! Bitte, ich glaube ja nicht daran, dass uns das tatsächlich wirtschaftlich vor den Chinesen halten wird. Aber wenn man sich politisch schon einmal zu diesem volkswirtschaftlichen Spiel auf globaler Ebene entschlossen hat, warum macht man dann in der Weise halbe Sachen? 

Wenn klar ist, dass wir uns auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gegen die Ideen des gemeinsamen Lernens, des Wissens und der Bildung gewandt haben, dann hätten neue Institutionen die Möglichkeit, sich um diese verwaisten Anliegen anzunehmen, sollten sie auch nur eine extreme Minderheit interessieren. Diese Entwicklung ist jetzt, wo man in der öffentlichen Diskussion vorwährend Begriffe gebraucht, aber etwas ganz anderes mit ihnen meint, als was der eigentliche Inhalt dieser Begriffe wäre, blockiert.

Das bedeutet, die Entwicklung des Hochschulstudiums zu einem rein ökonomischen Element für unsere Volkswirtschaft ist durch die gegenwärtige Diskussion, in der man sich weigert, die Begriffe an den aktuellen Stand der Dinge anzupassen, ebenso blockiert wie – auf der anderen Seite – die Pflege von Wissen und Bildung. Würde man die von mir vorgeschlagenen Umbenennungen umsetzen und die Universitäten definitiv abschaffen, dann wäre den Argumenten, mit denen Humankapitaltheorie und OECD für mehr staatliches Geld für den Hochschulsektor eintreten, rückhaltlos zuzustimmen. Allerdings wäre dann auch klar, dass ökonomische Berechnungen bestimmen, welche Studienrichtungen den größten Return on Investment bringen, und diese sollten entsprechend den größten Anteil der verfügbaren finanziellen Mittel erhalten.

John Searles großes Problem

Link: http://webcast.berkeley.edu/course_details_new.php?seriesid=2010-B-67280&se

Vor Kurzem habe ich damit begonnen, John Searles Vorlesungen über Philosophy of Mind als webcast von der Universität Berkeley zu hören. Das ist wirklich sehr unterhaltsam - da würde ich allen raten, dem angegebenen Link zu folgen und mal eine Vorlesung zu probieren.

Und bei der Gelegenheit bin ich auch auf John Searles größte Frage gestoßen. Sie lautet ungefähr so: Wie kann man das begreifen, dass wir Menschen vernünftige, bewusste Kreaturen sind inmitten von vernunftlosen, bedeutungslosen physikalischen Partikeln.

Zuerst reagierte ich gar nicht auf diese Frage, die mir doch ein bisschen merkwürdig erschien. Was ist denn eigentlich wirklich interessant an dieser BIG QUESTION? Bis mein Kopf heute auf die Frage stieß: Ja, und was ist eigentlich MEINE größte Frage? Mein größte Frage ist: Wie kann ich das begreifen, dass ich mich als Individuum allein fühle unter lauter Menschen, die sich wie Dinge verhalten?

Sieht man da nicht eine eigentümliche Parallelität zwischen meiner größten Frage und jener John Searles? Der Unterschied besteht nur darin, dass er offenbar alle anderen Menschen mit ins Boot nimmt und das Menschliche vom Nichtmenschlichen abgrenzt. Und ich unterscheide mich selbst von fast allen Menschen, die mir nichtmenschliche Verhaltensweisen an den Tag zu legen scheinen.

Jetzt weiß ich, warum ich nicht verstanden habe, was groß sein soll an John Searles BIG Question, denn: Wie kommt er überhaupt dorthin, sich mit allen übrigen Menschen gleichzusetzen?

Wie zum Beweis für meine Überlegungen ereignete sich heute bei der Sitzung der Gesellschaft für angewandte Philosophie Folgendes: Jemand brachte als Thema für eine geplante Diskussionsverstaltung der GaP zum Zwecke des Marketing für die Gesellschaft auf: "Ist Denken heute heute noch erlaubt?" Daraufhin erklärte Manfred, dass dieses Thema "keinen müden Hund hinterm Ofen hervorlocken" würde. Er selber habe sich mit Marketing beschäftigt und sei dort immer wieder auf denselben Ratschlag gestoßen: Man solle den Kundennutzen konkretisieren.

Gut, jetzt war ich einigermaßen baff. Der unmittelbare Nutzen von Denken steht für mich nämlich außer Zweifel. Denken ist wie körperliche Bewegung, und es fühlt sich auch so an. Wenn ich nicht denken kann, ist das, als ob ich gefesselt wäre. Nein, schlimmer noch, viel schlimmer. Eigentlich empfinde ich Denken wie Atmen. Wenn man mich am Denken hindert, ist es also so, als ob man mich würgt. Dann schnappe ich nach Luft und schlage um mich, weil ich Panik bekomme, im nächsten Moment ersticken zu müssen. (Dabei meine ich natürlich Denken und nicht Rechnen, also nicht jenes Denken mit vorherbestimmten Ergebnissen, welches genau das Gegenteil vom freien, genußvollen Denken ist.)

Also: Denken zu dürfen is ein zentrales Thema meines Lebens - und ich würde nicht soviel herumschlagen, hier, auf meiner Homepage und in anderen Foren, wenn ich den Eindruck hätte, dass Denken erlaubt und willkommen wäre. Und nun sagt Manfred, das locke keinen müden Hund hinterm Ofen hervor, und man müsse erst den Kundennutzen bestimmen. Ja, da frage ich mich dann wirklich, wo ich eigentlich lebe? Lebe ich unter Menschen oder nicht? Der Nutzen von Denken - ein jeder interessante Gedanke, den man erleben kann, ist ein Hochgenuss, das ist doch klar! Die Gedanken im eigenen Kopf in ihrer Bewegung (wenn sie gelingt) zu fühlen, ist ein großes Stück Lebensqualität - das ist der Nutzen von Denken!

Aber - was soll ich sagen - Manfred hat höchstwahrscheinlich trotzdem recht. Die anderen Menschen empfinden das wahrscheinlich tatsächlich nicht so wie ich. (Ich möchte betonen, dass ich hier nicht von fehlender Intelligenz rede - es scheint sich mir eher um einen bewussten Entschluss vieler Menschen gegen das Denken zu handeln.) Ich weiß nicht, lebt da nichts in ihren Köpfen? Ich kann ja nicht in sie hineinschauen. (Deshalb sind für mich ja auch philosophische und literarische Texte so wichtig: Sie künden mir davon, dass da doch in einzelnen Personen im Kopf etwas lebendig war, dass ich vielleicht doch nicht ganz allein bin mit meiner Empfindungsweise - Lebenszeichen aus der Ferne, gewissermaßen.) Aber im konkreten Leben sieht das ganz anders aus: Da hat Manfred recht: Da brauchen die Menschen einen Nutzen des Denkens, denn lebendige Gedanken ist offenbar nicht etwas, das sie wertschätzen.

Ich wiederhole noch einmal: Ich habe das Gefühl zu ersticken, wenn ich nicht denken kann. Und ich erlebe, wie die allermeisten Menschen rund um mich offenbar nicht einmal das Bedürfnis haben nach einem Gedanken. Dieses Paradoxon staune ich mit großen Augen an. Ich verstehe es nicht. Daran kiefle ich: genau so wie John Searle, der sich darüber wundert, wie es uns geben kann, wenn doch rund um uns nur lauter leblose Materie im Weltall herumschießt.

Wie kann es mich geben?

Wenn ich einmal fertig bin mit diesem Problem, werde ich verstehen, was interessant ist an John Searles großer Frage und mich ihrer annehmen. Aber noch bin ich nicht soweit.

Permalink 23.10.10    4 Kommentare »

Was war zuerst da - Attribut oder Rolle?

In der grundlegenden Frage danach, was "weiblich" (dasselbe gilt analog für das "Männliche") ist, stehen sich Behaviorismus und Biologismus konträr gegenüber. Gibt es "das Weibliche" an sich oder wird alles, was Weiblichkeit ausmacht, sozial erlernt? Simone de Beauvoir vertrat letztere Ansicht, wie ihr berühmtestes Zitat "On ne naît pas femme, on le devient" ("Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.") besagt. Lou Andreas-Salomé dagegen ging von einem Weiblichkeitskonzept aus, das naturgegeben dem männlichen als völlig unabhängig voneinander gegenübersteht.

Demnach muss es das "Weibliche" schon vorher geben. Damit sind nicht die inneren und äußeren körperlichen Geschlechtsmerkmale gemeint, sondern etwas darüber Hinausgehendes, das im Geist verortet ist. Und hier tun sich sofort eine Menge Fragen auf:

-> Was ist überhaupt Geist? (Die Philosophie des Geistes hat eine lange Tradition und es gibt tausende fantastischer Arbeiten, die sich dieser übermächtigen Frage schrittweise nähern)

-> Kann Geist geschlechtsspezifisch sein? (Gibt es hierfür Belege aus der Praxis, z.B. aus der linguistischen, aber auch aus der neurowissenschaftlichen Forschung?)

-> Was sind Primärattribute (im Gegensatz zur Sekundärattributen)

-> Wenn es Primärattribute gibt, welche sind es? Lassen sie sich benennen?

-> Wie sieht es mit modernen Fällen aus? Man denke hierbei nur an Transsexualität oder an den Sonderfall des David Reimer, stützen oder widerlegen diese Fälle eine der beiden Annahmen?

-> Kann man überhaupt Simone de Beauvoirs Ansatz mit dem von Lou Andreas-Salomé vergleichen, oder reden beide Philosophinnen über unterschiedliche Dinge, weil sie auf unterschiedlichen Ebenen argumentieren? Und wenn es unterschiedliche Ebenen gibt, welche sind es?

Die Frageliste kann noch um ein Vielfaches verlängert werden und im Laufe der künftigen Arbeit, der ich mich stellen möchte, werden auch noch viel mehr Fragen auftauchen. Aber das Forschungsfeld ist spannend, sehr spannend. Ich freue mich bereits darauf.

Das Schöne an einer philosophisch-kritischen Diskussion ist schließlich, dass nicht einfach argumentiert wird und dass derjenige "gewinnt", der am überzeugendsten seine Argumente logisch vorbringt, sondern dass das Gesagte/Geschriebene dann anhand von realen Fällen überprüft wird. In der philosophischen Wissenschaft geht es nicht um Überzeugungen, sondern um die Suche nach Fakten. Erst dort, wo wir keine sichtbaren Fakten finden, müssen wir ein Denkmodell konstruieren, das in sich schlüssig und unangreifbar ist. Dann wird es theoretisch. Doch uns Philosophen unterscheidet von Mystikern/Esoterikern/Was-auch-immer, dass wir nicht einfach etwas glauben, weil es gut klingt. Es muss auch kritischen Fragen standhalten können.

Und die Frage nach einem eigenen Weiblichkeitskonzept darf sich in ihrem Versuch nach einer Beantwortung nicht darauf gründen, dass uns etwas als "richtig und plausibel" erscheint, sondern es muss hieb- und stichfest gemacht werden mit logischen Argumenten.

Also, an die Arbeit, packen wir's an!

Ist Philosophie männlich?

Wirft man einen Blick in die großen Standardwerke der Philosophiegeschichte, stellt man mit Erstaunen fest, dass in nahezu allen Epochen Frauen faktisch gar nicht vorkommen. Woran liegt das? Gab es keine Philosophinnen? Diese Frage ist zu verneinen und auf das zweibändige Werk Marit Rullmanns zu verweisen, die Philosophinnen von der Antike beginnend bis in die Jetztzeit charakterisierte. (Rullmann, Marit: Philosophinnen Bd. I + II, 1995 Zürich, Dortmund: Suhrkamp Verlag)

Die Antike kannte weise Frauen wie Diotima aus Mantinea, die es sogar zur namentlichen Erwähnung bei Platon im "Symposion" brachte, aber auch die jüngst verfilmte Hypatia aus Alexandrien. Das Mittelalter war die Zeit der Mystikerinnen: Hildegard von Bingen, die beiden Mechthilds (von Magdeburg und von Hackeborn), aber auch Gertrud die Große von Helfta, um nur einige aufzuzählen, die in dieser Zeit philosophisch gewirkt hatten. Später widmet sich Rullman den Damen des "Rationalismus bis zur Aufklärung und ihrer Überwindung". Dazu zählen Damen wie Lady Anne Conway, die in ihrer monistischen Philosophie den Begriff der "Monade" entwarf, den später G.W. Leibnitz für seine Monadenlehre übernommen hatte. Von der Romantik bis zur Jetztzeit gab es philosophisch-reflektierende Damen wie Bettina von Armin und Rahel Varnhagen, wobei letztere ihr gesammeltes Gedankengut vor allem brieflich mitgeteilt hatte, und in späteren Zeiten folgten Lou Andreas-Salomé, Rosa Mayreder, Helene Stöcker und viele weitere, die bei Rullmann ausführlich beschrieben werden. Am bekanntesten dürften die Philosophinnen des 20. Jh. sein: Hannah Arendt, Simone de Beauvoir und heute Martha Nussbaum, die noch praktiziert.

Woran liegt es also, dass Frauen kaum Erwähnung finden in den Werken der Philosophiegeschichte? Ist daraus zu schließen, dass Philosophie männlich ist, oder noch schlimmer, dass Männer weibliche Philosophie nicht anerkennen? Dieser Blog soll weder ein Plädoyer gegen die großen (männlichen) Denker der Philosophiegeschichte werden, noch sich um eine Art Einführung einer "philosophischen Frauenquote" bemühen. Vielmehr sollen Werke von Philosophinnen hier (nur in kleinster Auswahl) etwas vertiefter dargestellt werden, um zu zeigen, dass Frauen mindestens ebenso gute (oder schlechte) philosophische Werke hervorgebracht haben wie ihre männlichen Kollegen.

Permalink 08.10.10    7 Kommentare »

Wenn ich klar sehe,

daß ich Gott bin,

sehe ich nichts.

Und darin erscheint alles.

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