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in der tat gibt es absolute wirklichkeit

es ist die unmittelbare aktualität dieses augenblicks

das permanente 'und dann?' des wollens

ist dagegen nichts

als eine vorübergehende überschattung dieser wirklichkeit

sprache ist die große illusionistin

der es immer wieder gelingt

über die substanzlosigkeit

ihrer begriffe hinwegzutäuschen

Philosophy of mind

Heute habe ich mich mit „philosophy of mind“ beschäftigt. Da gibt es unter anderem folgende Positionen:  Dualism, monism, physicalist position, interactionist dualism, psychophysical parallelism, occasionalism, property dualism, epiphenomenalism, non-reductive physicalism, phenomenalism, behaviorism, philosophical behaviorism, type physicalism, functionalism, anomalous monism, emergentism, eliminative materialism, externalism and internalism (semantic, cognitive, phenomenal externalism), naturalism, biological naturalism. (www.wikipedia.org)  

Klingt alles sehr einschüchternd – so wie der Begriff “philosophy of mind” selber. Vermutung: dass man diesen Begriff erfunden hat, um andere Menschen aus der Diskussion auszuschließen. „Was, du weißt nicht, was „philosophy of mind“ ist, dann kannst du nicht mitreden!“

Aber liest man dann bei wikipedia nach, stellt sich schnell heraus, dass es sich bloß um eine Version des Leib-Seele-Problems handelt – respektive des Leib-Geist-Problems, so wie es Descartes („res cogitans“) aufgeworfen hat: „He was therefore the first to formulate the mind-body problem in the form in which it still exists today.“ – Und zwar mit lauter Argumenten, die man auch alle irgendwie kennt (das sind die –isms oben), wenn auch sicherlich von amerikanischen Philosophen weiter ausgearbeitet und verfeinert.

Was einem soziologisch aufmerksamen Philosophen wie mir bei der Lektüre dieses wikipedia-Artikels auffällt, ist: Dass man sich offenbar gar nicht darüber wundert, dass die verschiedenen Positionen zum body-mind problem alle Namen tragen, die weniger sachbezogen sind als dass sie die Institutionen reflektieren, die sie hervorgebracht haben: Es ist ja eben die Frage, ob etwas, wenn es z.B. natürlich ist, gleich ein „naturalism“ ist?

Um es an einem Beispiel zu erklären: Ich als Philosoph würde, wenn ich auf den Hintern gefallen wäre und mir am Steiß weggetan hätte, sagen: „Ich bin auf den Hintern gefallen, deshalb tut mir der Steiß weh.“ Die wissenschaftliche Version dieses Satzes lautet: „Aufdenhinternfallismus führt zu Steißwehwehismus.“ (Gewiss, sie würden die –ismen bevorzugt mit lateinischen und griechischen Fremdwörtern als Wortteilen bilden.)

Es wäre freilich auch möglich dass sie nur sagen: „Aufdenhinternfallismus führt zu Steißschmerzen.“ Aber in dem Fall bildeten die Steißschmerzen kein besonderes Krankheitsbild, das sich von anderen Krankheitsbildern unterscheidet – und wäre deshalb für die WissenschaftlerInnen weniger interessant.

Die Anhänger der Steißwehwehismusthese wären dann die Steißwehwehisten. Sie würden Kongresse für Steißwehwehlogie ausrichten und zu diesen nur ausgesuchte Experten, ganz berühmte Steißwehwehlogen, einladen. Es würden Lehrbücher und Begriffslexika zur Steißwehwehlogie erscheinen und am Ende würde vielleicht sogar ein Nobelpreis für eine große Entdeckung in der Steißwehwehlogie vergeben. Diese Diskursbildung findet in der Weise auch dann statt, wenn Zweifel daran bestehen, dass Steißwehwehismus überhaupt ein eigenes und ernstzunehmendes Thema ist – wie es übrigens auch bei „philosophy of mind“ der Fall ist: „However, Hilary Putnam, the originator of functionalism, has also adopted the position that the mind-body problem is an illusory problem…“

Ich weiß, das klingt jetzt sehr nach Herabwürdigung, aber wie soll man sich denn ausdrücken, wenn man bemerkt, dass gar keine Sensibilität dafür besteht, dass derartige Diskursmuster und Muster der Diskursorganisation sich auch inhaltlich auf die Diskussion über ein bestimmtes Thema übertragen? Wissenschaft scheint immer so detailgenau wie möglich über die Wirklichkeit zu reden, in Wirklichkeit redet sie bei allem immer in erster Linie von sich selbst.

Und so nimmt es nicht wunder, dass „philosophy of mind“, wie sich herausstellt, trotz des Namens im Grunde gar kein philosophisches Problem ist, sondern ein wissenschaftliches: „Yet it also seems to many that science will eventually have to explain such experiences. This follows from the logic of reductive explanations.“ Diese Sätze, die auf die Notwendigkeit der Erklärung der „qualia“, also qualitativer geistiger Zustände, gemünzt ist, gibt auch einen Hinweis auf die wissenschaftliche Vorgehensweise: Wissenschaft sucht immer, komplexere Zustände aus weniger komplexen Ebenen heraus zu erklären. (Erst wenn sich das als unmöglich herausstellt, wechselt sie auf die komplexere Ebene und sucht dort nach Mustern und Regelmäßigkeiten.) Der Hintergrund ist die Suche der Wissenschaft nach allgemeinen Gesetzlichkeiten, nach Naturgesetzen. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch eine interessante Frage sein kann, wie geistige Vorstellungen aus neuronalen (körperlichen) Bewegungen heraus entstehen. Sondern nur, dass das die Wissenschaft interessieren muss, weil sie auf die körperlichen Zustände des Menschen Zugriff hat (=diese mit Messgeräten untersuchen kann) und von dort aus eine Brücke auf die nächsthöhere (und wissenschaftlichen Geräten nicht unmittelbar zugänglichen) Ebene – jene des Geistigen – zu schlagen versucht.

„Philosophy of mind“ erweist sich also trotz des Namens als ein wissenschaftliches Problem (ein Problem, das sich aus dem Konzept des wissenschaftlichen Diskurses und seinen Funktionsgesetzlichkeiten ergibt) und als kein philosophisches! Ich habe mir überlegt, was zu tun wäre, um daraus ein philosophisches Problem zu machen: Als erstes müsste man es seiner wissenschaftlichen Sprache entkleiden. Denn die –isms sind wie unverrückbare Türme; sie zurren die Gedanken fest und verhindern das Denken. Das Zweite wäre: Man müsste herausarbeiten, was für einen Einzelmenschen (denn Philosophie ist der Blick auf die Welt vom Individuum aus) gewonnen oder verloren wäre, wenn man diese oder jene Frage so oder anders beantwortet. Zum Beispiel: Dostojewskis Diktum „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt!“ – ist zwar falsch, aber wenigstens philosophisch, denn es konturiert das, was für den einzelnen Menschen bei dieser Frage auf dem Spiel steht. Und dadurch, dass man weiß, was für den Einzelmenschen auf dem Spiel steht, weiß man auch, worum es bei der Frage überhaupt geht.

Sehen Sie: Und bei der „philosophy of mind“ weiß man das nicht! An keiner einzigen Stelle versucht der wikipedia-Artikel zu erklären, warum man denn unbedingt die Übersetzung von Gehirn in Vernunft genau erklären will. Man findet nur folgende blasse Anzeigetafel, die eine Richtung weist:

„There are countless subjects that are affected by the ideas developed in the philosophy of mind. Clear examples of this are the nature of death and its definitive character, the nature of emotion, of perception and of memory. Questions about what a person is and what his or her identity consists of also have much to do with the philosophy of mind. There are two subjects that, in connection with the philosophy of the mind, have aroused special attention: free will and the self.”

Die Person, freier Wille, das Selbst… das Problem ist nur, dass diese Fragen mit wissenschaftlichen Mitteln gar nicht gelöst werden können, weil Wissenschaft diese Entitäten von Vornherein verneint. Wozu übrigens ebenfalls ein guter Hinweis in demselben wikipedia-Artikel zu finden ist: „This article uses first-person ("I"; "we") or second-person ("you") inappropriately. Please rewrite it to use a more formal, encyclopedic tone. (July 2010)“ Dieser Artikel (es ist der „qualia“-Artikel) verwendet die persönlichen Fürwörter freilich nicht falsch, sondern er verwendet sie überhaupt. Diese haben aber in der Wissenschaft keinen Platz. Daher wundert mich nicht, dass: „ The view of the self as an illusion is widely accepted by many philosophers, such as Daniel Dennett and Thomas Metzinger.” In der Wissenschaft hätte ich nur Platz, wenn ich kein Helmut wäre, sondern ein Helmutismus.

Somit folgt aus dieser Untersuchung: Die Wissenschaft (oder die wissenschaftliche akademische Philosophie) will mit „philosophy of mind“ eigentlich Probleme lösen, die sie von vornherein ausgeschlossen hat, deren Behandlung sie nicht einmal zulässt. Wenn ich vorher als Philosoph mit soziologischem Blick gesprochen habe, so will ich nun noch davon sprechen, was ich mit meinem Sinn für das Individuelle in diesem Artikel sehe: Es wird in dem ganzen Artikel nicht genauer beschrieben und differenziert, was denn mit „mind“ gemeint ist – ob es sich hier um die einzelmenschliche Vernunft handelt oder um die gemeinsame Vernunft, an der wir alle Anteil haben und an die wir Anschluss suchen, wenn wir Argumente gebrauchen. (Diese Differenzierung klingt nur in einer nebensächlichen Bemerkung über Hegels „subjektive“ und „objektive Vernunft“ an.) Und wenn es sich um die gemeinsame Vernunft handelt, ob man sich vorstellt, dass die Individuen einen ganzen oder nur teilweisen Zugang zu ihr haben. Ober aber es handelt sich bei „philosophy of mind“ ja überhaupt nur um die Frage der „artificial intelligence“ – aber in dem Fall würde es auch genügen, wenn man etwas erfände, das bloß wie Vernunft ist und in der Praxis bei Computern und Robotern funktioniert und müsste gar nicht das mind-body problem beim Menschen lösen. Also auch diese Frage nach dem genauen Verständnis von „mind“ wäre bei einer philosophischen Behandlung des Themas zu klären.

    

Permalink 13.08.10    7 Kommentare »

Jean Piaget: "Weisheit und Illusionen der Philosophie"

Das Buch, das ich gerade lese – Jean Piaget: Weisheit und Illusionen der Philosophie (Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974 (1. Aufl. 1965) – gibt mir Gelegenheit, meine Einstellung zur Wissenschaft zur überdenken:

 

Piagets Grundthese halte ich für richtig:

„die Philosophie führt zu „Einsichten“ (sagesse), auf die vernunftbegabte Wesen wie die Menschen für die Koordinierung ihrer verschiedenen Tätigkeiten angewiesen sind, aber nicht zu dem eigentlichen, durch Kontrollverfahren überprüfbaren Wissen, das wir „Erkenntnis“ nennen. (S. 7)

 

Zwei Dinge bleiben mir trotzdem zu diesem Buch zu sagen:

 

1)      Piaget kämpft (ab Kapitel III, S. 103) gegen etwas, das er „suprawissenschaftliche Erkenntnis“ nennt. Er meint damit „bestimmte Philosophien“, die ab dem 19. Jh. entstanden, welche meinen, der Wissenschaft an Dignität gleichwertige oder sogar überlegene Wahrheitsaussagen liefern zu können und die sich dabei bloß auf die Reflexion und die Intuition als Erkenntnisquellen stützen. Piaget wendet sich insbesondere gegen die philosophischen Psychologien von Maine de Biran, Bergson, Sartre und Merleau-Ponty, erwähnt aber auch Husserl, Heidegger und andere. Ich denke, Piaget ist darin Recht zu geben, dass Philosophie keine wesensmäßig andere Erkenntnisart als Wissenschaft ist und diese Philosophen daher ein unrechtmäßiges und auch ein aussichtsloses Projekt verfolgten. Allerdings meine ich auch, dass sie dabei in einer Art „Notwehr“ gegenüber der Wissenschaft handelten: Der gesellschaftliche Erfolg der Einzelwissenschaften zwang sie, wenn sie in der Öffentlichkeit Gehör finden wollten, zu Wahrheitsbehauptungen auf derselben Anspruchsebene, auf der sich auch die wissenschaftlichen Wahrheitsbehauptungen bewegten. Da sie aber als Individuen nicht ebensoviel leisten konnten wie die Wissenschaften, die in Teamarbeit verfuhren, waren sie gezwungen, durch die Behauptung einer anderen Erkenntnisweise einen Erkenntnisvorsprung zumindest vorzutäuschen. Was wäre nämlich passiert, hätten sie es nicht getan? Es wäre offenbar geworden, wie ungenügend sie über den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt in den einzelnen Disziplinen auf dem Laufenden waren. Was ich daraus folgere: Ist Philosophie, so wie Piaget sie definiert „eine vernünftige Einstellung zur Totalität des Realen“, dann schließt sie also die gesamte Bandbreite des Realen ein und geht damit weit über die beschränkten Arbeitsfelder von EinzelwissenschaftlerInnen hinaus. Und war es am Ende des 19. Jhs. schon unmöglich für Intellektuelle und Vielleser, sich über die Fortschritte der einzelnen Disziplinen informiert zu halten, dann ist das heute noch viel unmöglicher. Das hat zur Folge, dass, wenn heute jemand sich ein Herz nimmt zu philosophieren, er/sie unvermeidlicherweise soviel Blödsinn über einzelne wissenschaftliche Problemstellungen oder Erkenntnisse sagen wird, dass es den WissenschaftlerInnen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Aber: Wir können nur entweder das akzeptieren oder andernfalls die Konsequenz ziehen, dass Philosophieren und Denken heute unmöglich geworden sind, weil die Wissenschaft in jeder Frage höchstwahrscheinlich alles besser weiß als wir Individuen. Aber das wäre gewissermaßen der soziale Tod des Menschen.

2)      Jean Piaget wirft den Philosophen aber nicht in erster Linie vor, dass sie uninformiert seien. Das tut er zwar auch, aber der Hauptvorwurf lautet dahingehend, dass sie nicht bereit seien, ihre durch Reflexion und Introspektion gewonnenen Erkenntnisse mittels geeigneter Prüfverfahren zu objektivieren und zu Tatsachenerkenntnissen zu erhärten. Und hier fand ich besonders die Seiten 206-207 interessant, auf denen mir Piaget ungefähr Folgendes zu sagen scheint: Er, Piaget, sei bereit, einen jeden Gesprächsteilnehmer ernst zu nehmen, welcher seine persönlichen Beobachtungen oder Ideen durch rationale und für alle einsichtige Beweise untermauere. (Piaget zitiert zustimmend den Psychologen Th. Flournoy, der für seine wissenschaftliche Arbeit zwei Prinzipien hatte: „1. Alles ist möglich („es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als in der gesamten Philosophie“); 2. Das Gewicht der Beweise muß der Befremdlichkeit der Tatsachen angemessen sein (ich würde hinzufügen: sowie dem mehr oder weniger persönlichen Charakter ihrer ersten Beobachtung).“ (S. 207) Bei der Lektüre dieser Stelle fiel mir ein, dass meine eigene „Abwendung“ von der Wissenschaft (ohne dass damit eine Entscheidung verbunden gewesen wäre, unwissenschaftlich zu werden) durch Erlebnisse während meines Studiums an der Universität verursacht worden war, die mir SOGAR DAS noch verboten: Ich durfte nicht länger selber beobachten und eigene Gedanken entwickeln, denn beides, so lehrte man mich, sei subjektiv und methodisch unkontrolliert. Anstatt dessen hätte ich meine Forschungshypothesen von vornherein in eine bestehende allgemeine Theorie einzubetten (z.B. in die Psychoanalyse, in die Wissenssoziologie oder in die Systemtheorie) und von dieser auszugehen. Es versteht sich von selbst, dass man mir dadurch genau jene Wurzel abschnitt, aus der mein Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit seine Energien bezog. Fazit: Mit WissenschaftlerInnen vom Schlage Piagets hätte ich offenbar noch gekonnt, denn er hätte es mir erlaubt, meine subjektiven Eingebungen nachträglich durch rationale Beweise und empirische Prüfverfahren zu bestätigen – mit heutigen WissenschaftlerInnen ist das jedoch nicht mehr möglich. Diese Entwicklung steht vermutlich in einem größeren Zusammenhang, in welchem heute zunehmend empirische Wissenschaft durch Evidenzwissenschaft ersetzt wird. Hinter diesen beiden für den Uneingeweihten Beobachter harmlosen Begriffen verbirgt sich der Vorrang, welchen man heute den Ergebnissen von organisierten Studien (ohne deren Inhalt und Machart nachzuvollziehen) der konkreten Beobachtung von Fakten gegenüber einräumt. Es wird einem also heute in der Wissenschaft das Schauen und das Denken verboten (wohingegen das blinde Für-Wahr-Halten von Ergebnissen von Studien, welche man inhaltlich nicht einmal nachvollzogen hat, durchaus in Ordnung zu sein scheint). Das also ist der eigentliche Grund für meine „Abwendung“ von der Wissenschaft: nicht meine Weigerung, mich mit Tatsachen auseinanderzusetzen (was das ist, was Piaget an den Philosophen kritisiert), sondern - genau umgekehrt - meine Begierde nach der Auseinandersetzung mit Tatsachen, die mir jedoch in verschiedenen Seminaren wiederholt verboten worden war.

Gibt es Universalien, zum Beispiel "die Amsel"?

Der Universalienstreit zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte. Vielfach wird die Auffassung vertreten, dass es nur einzelne Dinge gibt, die wir Menschen mit Begriffen klassifizieren, die als Produkte unseres Denkens nur in unserem Denken und unserer sprachlichen Kommunikation existieren.Es gäbe demnach nur einzelne Amseln (oder Stubenfliegen oder Gänseblümchen), aber nicht "die Amsel". Das ist m.E. nicht haltbar: "Die Amsel" hat einen bestimmten Bauplan, der in der Evolution entstanden ist und jeweils weitervererbt wird.Diesen Bauplan gibt es; er ist eine wesentliche Eigenschaft der "Amsel". Zu behaupten, dass es "die Amsel" nicht gibt, wäre vergleichbar mit der Behauptung, dass es den "VW-Polo" oder das "Erdinger Weißbier" nicht gibt, sondern nur einzelne Exemplare, die wir mit unserem Denken unter diese Begriffe einordnen.

Permalink 25.07.10    5 Kommentare »

wollen ist lediglich ein gefühl

welches handlungen begleitet

die ohnehin geschehen

oder eben ausbleiben

Sokrates, soziologisch betrachtet

Ich lese gerade das Taschenbuch Sokrates von Eva-Maria Kaufmann (dtv, München 2000), ein Buch, das mir ganz gut gefällt, obwohl es im Grunde eine Themenverfehlung ist. Denn den Angaben auf dem Buchumschlag folgend, erwartet man sich "Biographien bedeutender Frauen und Männer aus Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst und Musik"; anstatt dessen erklärt einem Eva-Maria Kaufmann Sokrates' Philosophie. Vielleicht tut sie das auch deshalb, weil es über Sokrates nicht genug zu wissen gibt? Andererseits, soviel würden die Quellen schon hergeben, dass man damit 160 Seiten füllt und bei jeder einzelnen Angabe jeweils abzuschätzen versucht, ob das auf den historischen Sokrates zugetroffen hat oder nicht.

Doch das soll mir hier einmal egal sein. Was mir als Waldviertler Bauernbub in diesem Buch auffällt - wenn die platonischen Dialoge in so gedrängter Form an einem vorüberziehen - das ist die soziale Stellung der Gesprächspartner von Sokrates, auf die ich früher nie so sehr geachtet hatte. So spricht Sokrates in Nikias und Laches z.B. mit zwei Feldherren; Alkibiades, der z.B. im Gastmahl besoffen auftaucht, ist ein talentierter, aufstrebender athenischer Politiker gewesen; bei diesem Gastmahl sind aber auch der Komödiendichter Agathon und der Komödiendichter Aristophanes anwesend; in der Politeia ist Sokrates wiederum am Hafen Piräus im Hause des reichen Händlers Kephalos zu Gast und dieser sowie sein Sohn Polemarchos sind bereit, mit ihm zu diskutieren, etc.

Das bedeutet, Sokrates - von dem wir selber nicht wissen, wie es um sein finanzielles Einkommen stand (wir wissen nur von seiner großen Bescheidenheit in materiellen Dingen) - hatte die ganze Zeit Umgang mit reichen und berühmten Leuten. Ich denke, das wäre in der heutigen großen und komplexen Gesellschaft unmöglich. Wahrscheinlich verdankt sich im Falle von Sokrates dieser Umstand der Kleinheit und einer ländlichen Art des Zusammenlebens im antiken Athen. Heute bekämst du keinen Feldherrn und keinen reichen Händler zu Gesicht, die würden in ihrer Kaserne und in ihrem Bürogebäude in ihren Büros sitzen, zu denen du keinen Zutritt hast. Im antiken Athen war es offenbar möglich, diesen Menschen auf dem Marktplatz zu begegnen. Im heutigen Wien nun trifft man auch allerhand Prominenz auf der Straße, aber der Unterschied zur Antike besteht darin, dass man nicht mit ihnen ins Reden kommt. Man bemerkt sie, freut sich, dass man sie gesehen hat - und lässt sie in Ruhe.

Anders gesagt, dieses Buch von Eva-Maria Kaufmann lesend, wird mir (ganz im Gegensatz zur Intention dieses Buchs, weil dieses Thema gar nicht zur Sprache gebracht wird) die antike athenische Gesellschaftsordnung als Ermöglichungsgrund für Sokrates' Philosophie bewusst. Sokrates hatte offenbar die Möglichkeit, mit Männern von Rang in der athenischen Gesellschaft zu diskutieren - das wertete auch seine philosophische Tätigkeit auf. Ginge man heute auf Marktplätze oder suchte an öffentlichen Orten wie Gasthäusern und Cafés Menschen, die Zeit hätten, mit einem zu philosophieren, so fände man wahrscheinlich hauptsächlich Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, weil die reichen Leute und solche in hoher beruflicher Stellung einerseits diese offen zugänglichen Orte nicht aufsuchen und andererseits durch ihre Verpflichtungen so sehr in Anspruch genommen werden, dass sie keine Zeit hätten zum Philosophieren.

Das ist es, was ich meine: Sokrates lebte in einer Gesellschaft. Er lebte in einer Gesellschaft, weil seine Gesellschaft offenbar klein genug war, sodass Sokrates - ohne dafür besonders reich oder in einer bestimmten Funktion sein zu müssen - allein als Mensch und athenischer Bürger am öffentlichen Leben teilnehmen konnte. Heute haben wir diese Art der Gesellschaft (nennen wir sie: Inklusionsgesellschaft) nicht mehr. Tritt man auf die Straße hinaus und geht auf den Markt, geht man nicht in die Gesellschaft hinein, sondern aus ihr heraus. Wollte man in die Gesellschaft und in das öffentliche Leben hinein, dürfte man nicht auf den Markt gehen, sondern müsste in irgendeine Institution hinein, z.B. in eine Zeitung, in ein Unternehmen, in eine öffentliche Körperschaft, die die Teilnahme an der Öffentlichkeit vermittelt. Freilich nimmt man an der Öffentlichkeit dann auch nur noch in der jeweiligen Funktion teil, die man in der jeweiligen Institution innehat - sowohl als Mensch als auch als Bürger nimmt man am gemeinsamen, öffentlichen Leben nicht mehr teil.

Das hat auch inhaltliche Konsequenzen, weil Sokrates z.B. in seiner Philosophie ganz stark das Gemeinschaftliche in Gestalt der gemeinsamen Vernunft verteidigte, wenn er z.B. die Gültigkeit der Gesetze verteidigte. Wenn also Sokrates meinte, es sei besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, dann verteidigte er damit nicht nur die allgemeingültige Vernunft, sondern er verteidigte damit gewiss auch seine Gesellschaft, in der er lebte, und die ihm offenbar als etwas ganz Besonderes (und auch: besonders Wertvolles) erschien, zumal die Demokratie in dieser Zeit noch jung (und der Respekt vor den Gesetzen ungefestigt) war. Sokrates spürte wohl das Vorrecht, das es bedeutete, ein Bürger dieses Gemeinwesens zu sein, das einen einfachen Bürger mitmachen ließ, mitentscheiden ließ, ihm eine Rolle im öffentlichen Leben zugestand - und diese Gesellschaft wollte er verteidigen.

Heute dagegen leben wir in einer Gesellschaft allgemeinen Ausschlusses, in der wir nur noch jeweils mit einem Teil unserer Persönlichkeit teilnehmen, wenn wir z.B. krank werden und in ein Krankenhaus müssen, wenn wir ein Einkaufszentrum betreten, wenn wir in die Schule gehen müssen oder an einer politischen Wahl teilnehmen. Überall erfüllen wir entweder eine Pflicht oder man erbringt eine Leistung für uns - und dann schickt man uns wieder weg. Bei einem philosophischen Gespräch, an dem wir als ganze Menschen teilnehmen, können wir uns dann nur noch mit anderen Ausgestoßenen und Außenseitern der Gesellschaft treffen, denn die Feldherren und Tragödiendichter hätten gewiss keine Zeit für uns. Wir säßen also dann, wenn wir es wie Sokrates machen wollten, mit einfachen Leuten am Wirtshaustisch und philosophierten mit ihnen - wobei nicht offenbar werden dürfte, dass das Philosophieren ist, was wir tun, denn einfache Leute haben fürs Philosophieren kein Verständnis - mit der Folge, dass unsere sokratische Tätigkeit sofort entwertet wäre und ohne große Folgen bliebe.

Wir glauben ja heute, wenn wir derartige Darstellungen wie die von Eva-Maria Kaufmann lesen, Sokrates beeindruckte die Menschen einfach durch seine Lebensweise und seinen philosophischen Eros. Aber wenn man so dächte, hätte man den damaligen Sokrates schlicht in unsere heutige Zeit projiziert und die gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit nicht mitberücksichtigt. Tatsache ist, dass Sokrates als selber nicht reicher und wichtiger Mensch mit reichen und wichtigen Männern seiner Gesellschaft verkehrte und von diesen ernst genommen wurde. Das wäre heute nicht mehr möglich. Also liegt es nicht allein am sokratischen Gespräch, dass Sokrates berühmt wurde, sondern auch daran, dass er in einer Gesellschaft der Nähe lebte, in der man leicht mit Personen ins Gespräch kommen konnte, die heute unerreichbar wären.

Philosophische Spannung

Ich habe vor kurzem zwei populärphilosophische Bücher gelesen. D.h. das eine von A.D. habe ich zu Ende gelesen (es war immerhin sehr lustig), in dem anderen von G. Sch. habe ich nur herumgelesen. Beide jedoch haben mich aus einem Grund unbefriedigt gelassen, den ich hier erörtern möchte. Ich erwähne die Namen der beiden Autoren nicht, denn es geht mir nicht darum, sie vorzuführen; auch suche ich nicht in ihrer Intelligenz den Grund dafür, dass mich ihre Bücher kalt ließen. Sondern ich würde die Ursache dafür eher in gesellschaftlichen Vorstellungen suchen, und zwar in solchen, die wir heutigen Menschen alle teilen und deren Inhalt darin besteht, dass wir ein stereotypes Bild davon haben, wie ein philosophisches Buch aussehen soll. Dieses Bild (das die Bücher fade macht), besteht aus zwei Bestandteilen:

1. (Gilt für wissenschaftliche und philosophische Bücher:) Von einem solchen Buch erwartet man, dass der Autor/die Autorin davon berichtet, wo er oder sie schon angekommen ist, also von seinem oder ihren Resultaten oder vom Wissen, das sie besitzen.

2) (Gilt für dergleichen Bücher in ihrer populären Variante:) Hier erwartet man ebenfalls, dass der Autor oder die Autorin berichtet, was er oder sie schon weiß, aber es zum besseren Verständnis für die Allgemeingebildeten in eine einfachere Sprache kleidet.

Die Konsequenzen dieser Haltung sehen folgendermaßen aus: Punkt 1 bewirkt, dass das Buch STEHT - es gibt keine Bewegung in ihm. Es ist wenig interessant, weil man schon weiß, dass man nirgendwo hinkommen wird, denn man ist ja schon von der ersten Seite an angekommen. Punkt 2 bewirkt, dass die Sprache oft flapsig wirkt und beim Leser den Eindruck erweckt, als wäre dem Autor oder der Autorin das Thema oder seine/ihre Gedanken darüber selbst nicht so wichtig.

Ich selbst gehöre nun zu denjenigen Menschen, die auch bei einem solchen Buch immerhin wissen, worum es gehen sollte, selbst wenn das Buch hingeschludert wirkt. Und ich glaube, diese Eigenschaft der Tatsache zu verdanken, dass ich in meiner eigenen geistigen Entwicklung den Ton von Philosophie vor der Philosophie selber erlernte. Und zwar geschah das bei Thomas Bernhard:

 "Ein solcher Mensch und ein solcher Charakter und eine solche Existenzbegabung wie Roithamer mußte, denke ich, an einem bestimmten Punkte seiner Entwicklung, eben an dem äußersten Punkte, aufhören, er mußte explosionsartig aufhören, zerreißen. Denn mit welcher Größenordnung habe ich es zu tun, wenn ich mich mit Roithamer beschäftige? frage ich mich, mit einem Kopfe, der alles zum äußersten zu treiben gewillt und gezwungen ist und in dieser Wechselwirkung als Geistesbeziehung zu allem, zu den höchsten Höchstleistungen befähigt ist, der seine eigene Entwicklung, die Entwicklung seines Charakters und seiner ihm vorgegebenen Geistesanlagen bis zu dem äußersten Punkte und an die äußerste Grenze und in höchstem Grade entwickelt und dazu auch noch seine Wissenschaft ebenso an die äußerste Grenze und zu dem äußersten Punkte und im höchsten Grade und dazu dann auch noch seine Idee des Baues des Kegels für seine Schwester ebenso bis zum äußersten Punkte und in höchstem Maße und an die äußerste Grenze und dazu auch noch die Erklärung zu geben gewillt ist in äußerster Konzentration und in höchstem Maße und bis an die äußerste Grenze seines Geistesvermögens und der alles das, was er schließlich ist, zu einem einzigen äußersten Punkte zusammentreiben und an die äußerste Grenze seines Geistesvermögens und seiner Nervenanspannung führen und tatsächlich an dem höchsten Grade dieser Ausdehnung und Zusammenführung und immer wieder vollkommenen Konzentration zerreißen muß." (Thomas Bernhard: Korrektur. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1988, S. 38-39)

Als ich den Anfang der Korrektur nach langer Zeit wieder las, wunderte ich mich, wie wenig da inhaltlich drinsteht. Es geht um einen Wissenschaftler, Roithamer, der - wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Wittgenstein-Parodie - für seine Schwester einen Kegel, ein perfektes Bauwerk, in der Mitte des Kobernaußerwalds errichten will. Nun gut, aber wahrscheinlich ging es mir beim ersten Mal Lesen dieses (und anderer Bücher) von Thomas Bernhard gar nicht um ihren sachlichen Inhalt, sondern eher um Folgendes: In diesen Sätzen (wie den oben zitierten) spürt man, wie JEMANDEM ETWAS WICHTIG IST! Ich meine, wo findet man das sonst in der heutigen, wahrnehmbaren Realität? Nirgends! Ich musste bis zu Thomas Bernhard kommen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das überhaupt aussehen könnte, wenn jemandem etwas wirklich wichtig ist. Derartiges fand ich nicht in den Zeitungen, nicht im Fernsehen, nicht in den Leben der Menschen rund um mich herum, sondern erst bei Thomas Bernhard. Die Frage, die mich kitzelte, war: Wie würde das Leben aussehen, wenn man sich dazu entschlösse, etwas ernst zu nehmen?

Und diese Haltung fand ich dann auch in den Werken einzelner Philosophen wieder, solcher, die ich für gute Philosophen halte. Sie muss jedoch nicht in jedem Fall die Gestalt der Übertreibung und des wuchtigen Geschimpfes wie bei Thomas Bernhard annehmen. Aber zwei grundsätzliche Eigenschaften muss ein philosophisches Buch meiner Meinung nach schon aufweisen, damit es überhaupt interessant und spannend sein kann:

1) Der Autor/die Autorin betrachtet sich selbst noch nicht als angekommen, sondern ringt mit sich selbst um ein noch besseres Verständnis des Themas. Ein philosophisches Buch, in dem man nicht sieht, wie sein Autor/seine Autorin über das, was er oder sie schon weiß, noch hinauszugehen versucht, ist langweilig - und ich frage mich, ob es überhaupt noch ein philosophisches Buch ist, denn es verkündet Wissen, nicht Denken.

2) Der oder die Autorin bemüht sich um eine einfache Sprache, aber nicht, um sich von seinem/ihrem hohen Ross herabzulassen und einfachen Menschen schwierige Tatbestände verständlich zu erklären (die man besser und richtiger in schwieriger Sprache darstellen könnte), sondern gerade aus dem umgekehrten Motiv: weil die einfache Sprache noch deutlicher zu sehen erlaubt, wo sie mit ihrem Denken angelangt sind und welche Bedeutung ihre Gedanken haben. Ist man beim Denken ausgerutscht und mit dem Hinterteil im Dreck gelandet, lässt sich das durch eine komplizierte Sprache kaschieren, bei einer einfachen Sprache wird es offensichtlich. Nicht also, weil es einfacher ist, einfach zu sprechen, sollte man es tun, sondern weil es schwieriger ist, als schwierige Sprache zu verwenden.

Letztendlich, glaube ich, ist ein gutes philosophisches Buch ein populärphilosophisches Buch. Denn philosophische Bücher werden für die Menschen geschrieben und nicht - wie wissenschaftliche - für Fachkollegen. Wenn populärphilosophische Bücher heute Qualitätsmängel aufweisen, dann liegt der Grund dafür nicht darin, dass sie populärphilosophisch sind, sondern darin, dass es gewisse Anschauungen darüber gibt, wie populärphilosophische Bücher auszusehen haben, und diese Anschauungen haben ihren Ursprung in unserer wissenschaftlichen Kultur. So besagt die allgemeine Anschauung, dass populärwissenschaftliche Bücher so aussehen sollen wie wissenschaftliche, nur einfacher geschrieben. Dieses Schema wird dann auch auf populärphilosophische Bücher angewandt, und das Resultat ist: Anstatt dass wir einen Menschen, der an einem Thema interessiert ist, beim Denken beobachten können, bekommen wir einen Menschen zu sehen, der in seinem Denken stillesteht und die bisher angesammelten Gedanken wegwirft, als hätten sie keinen Wert. Und das wird sich wohl auch nicht ändern, solange wir nicht diejenigen Elemente, die Philosophie von Wissenschaft unterscheiden (Philosophie: die Bewegung des Denkens und der persönlicher Bezug des Individuums zum Thema stehen im Vordergrund; Wissenschaft: nur erreichtes Wissen, das nützlich ist für viele und gleichzeitig oft gleichgültig ist für den Einzelmenschen, zählt), klar herausarbeiten und allgemein bekannt machen. - Wer will dabei helfen?

Wir haben heute Anschauungen, die das, was Philosophie auszeichnet und zu etwas Besonderem macht, nicht sichtbar werden lassen, weil sie von der Philosophie gerade das fordern, was sie nicht gut kann, und dasjenige geringschätzen, was sie gut kann. Solange wir diese Anschauungen nicht aufklären, werden populärphilosophische Bücher weiterhin qualitativ zu wünschen übrig lassen, da ihre Autoren sie so schreiben, wie sie sich vorstellen, dass ein Nichtphilosoph/eine Nichtphilosophin (und natürlich der Verlag) sich ein populärphilosophisches Buch vorstellt.

Das ist mir alles klar, und dennoch täte ich die AutorInnen philosophischer Bücher ersuchen: Schreibt doch so, dass ein bisschen ein Graben, ein Suchen, ein Ringen um etwas spürbar ist, sonst werden Eure Bücher recht langweilig!

Permalink 24.06.10    3 Kommentare »

Wie ersetzen wir den ausgebliebenen Krieg?

 Vorweg: Beim Nachfolgenden handelt es sich um einen Nachdenktext (daher die Form), der seines Inhalts wegen allerdings von großer Wichtigkeit ist. Man könnte ja sonst glauben: Mit Ausnahme der Finanzkrise ist jetzt durchaus alles in Ordnung im ruhigen Europa. Ist es aber nicht. Nichts ist in Ordnung. Das ist der Ausgangspunkt.

Wie ersetzen wir den ausgebliebenen Krieg?

 

Heute Gespräch mit meinem Mitbewohner: Unsere Welt standardisiert sich immer mehr. Ein Charakterkopf in der Politik ist nicht mehr möglich. Auch wenn ihn die Bevölkerung gern wählen würde. Aber er würde wohl schon vorher, beim Sich-Hochdienen in der Partei, aussortiert werden. Auf der anderen Seite haben sich die Verwaltungssysteme der Gesellschaft so weit entfaltet, dass es nur noch ganz geringe Entscheidungsspielräume gibt. Deshalb würde unser Charakterkopf seinen Tatendrang wahrscheinlich eher woanders ausleben als in der Politik. Was man können müsste, rätselten wir, wäre: sich anpassen und nett sein, solange man sich in der Hierarchie hocharbeitet und dann tun, was man will, sobald man Entscheidungsmacht hat. Aber dieses Szenario ist unrealistisch: Wer sich über Jahre hochgedient hat, dem ist das Kinn soweit abgeschliffen, dass er nicht einmal mehr ein Gesicht hat.

Die Politik aber soll nur als Beispiel dienen. Es gibt heute Menschen, denen fällt das Lächeln überhaupt nie mehr aus dem Gesicht. Es ist bei ihnen so etwas wie eine Übertreibung der political correctness, und sie halten es für eine Forderung der Gesellschaft an sie. Sie halten sich dann für besonders kommunikationsfähig. Und sie haben ja auch nicht unrecht: Die Spielräume werden überall enger. Heute darfst du in keine Institution mehr rein, wenn du vorher nicht bewiesen hast, dass du „brav“ bist. Willst du in ein Unternehmen, musst du vorher schon beweisen, dass du nicht nur fähig bist, sondern auch bis zur Anspannung angepasst. Willst du in die Universität, musst du akademischer sein als die Akademiker. Willst du in die Städtischen Bäder, musst du bademeistriger sein als der Bademeister – und selbstverständlich ein Experte sein  im Wassertemperaturmessen mit Diplom.

Das ist die Last des Friedens. Wir arbeiten immer noch dahin, als wäre Wirtschaftsaufschwung. Doch ist schon lange kein Wirtschaftsaufschwung mehr, und all unser Arbeiten und Barabern dient nur einem Zweck: die Konkurrenz zwischen uns zu verstärken, es einander gegenseitig schwerer zu machen. Die Folge davon: Das Öl wird dick in der Gesellschaftsmaschine und stockt. Nirgendwo kann mehr was hinfließen. Klar, alle Plätze sind ja besetzt, alle Arbeiten getan, alle Aufgaben erledigt. Wir könnten uns niedersetzen und das Leben genießen, wäre da nicht der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ihm gehorchend streben wir rein ins System, das von uns überall nur Engagement und Anpasssung verlangt. Hier wirst du neun Monate mit Wissenstests geschunden, um Putzfrau zu werden, dort musst du durch halb Europa ins Assessment-Center jetten für einen Job als Kaffeekocher in einem Büro. Und die Ansprüche werden immer weiter hinaufgeschraubt, die Kontrolle, das Monitoring lückenlos gemacht. WissenschaftlerInnen werden heute in kürzesten Abständen evaluiert. Es wird ohnehin immer wieder davor gewarnt: Wem soll unter solchen Arbeitsbedingungen noch was einfallen? Was erreicht wird, ist bloß, die Arbeitsbedingungen werden immer noch unterträglicher. Der Gesellschaft ist das egal. Das Leben wird eben immer härter.

Das Leben wird härter, und es wird langweiliger. Wir haben langweilige Politiker, langweilige Radiosender, langweiliges Fernsehen und langweilige Zeitungen. „Formate“ nennt man diesen Sieg des Präsentationsformats in den Medien über die Inhalte. Es ist kein Wunder, wenn die Jungen nur noch Gratiszeitungen lesen. Sie haben begriffen, dass in den so genannten Qualitätszeitungen auch nichts Besseres drinsteht. Aber was sollte denn auch drinstehen? Wir wissen ohnehin, dass alles so bleibt, wie es ist. Und dass die meisten wollen, dass es so bleibt, wie es ist, weil sie sich vor Veränderung fürchten.

Woher sollte also das Leben kommen in einer Gesellschaft, die überall verstopft ist? Woher die aufregende Politik, wenn du als Politiker zuerst zwanzig Jahre lang bewiesen haben musst, wie langweilig du bist, damit sie dich überhaupt als Kandidaten aufstellen? In der Geschichte war bisher für solche Situationen die Lösung immer ein Krieg. Nach einem Krieg ist die Bevölkerung dezimiert und viele Stellen werden vakant. Auf diese Stellen dürfen dann Menschen hin, die dafür nicht ausgebildet und zurechtgemacht worden sind, und solange diese Generation von Menschen am Ruder ist, ist das gesellschaftliche Leben interessant. Doch dann sind die Stellen bereits wieder besetzt, das Öl beginnt zu verdicken und zu verklumpen. Nichts geht mehr durch. Alles professionalisiert sich und wird langweilig. Inhaltliches Interesse und die Lust am Zupacken zählen dann nicht mehr (der Mensch der Tat hätte in der heutigen Gesellschaft keinen Erfolg mehr, weil sie ihn nicht zupacken lässt; weil sie ihn zuerst solang durch niedrige Dienste systemkonform macht, bis er/sie kein Mensch der Tat mehr ist), Erfolg hat das öde, im Gesicht eingefrorene Marketinglächeln.

Es ist klar, ein Krieg könnte diese Sklerose der Gesellschaft lösen. Aber niemand will einen Krieg. Kriege sind heute auch viel zu gefährlich. Wir könnten dabei unseren Planeten teilweise dauerhaft unbewohnbar machen, wenn wir ihn nicht ganz vernichten. Es wäre also notwendig, wie mein Mitbewohner das formulierte, das fahrende Schiff umzubauen. Was das Schwierigste sei. Bislang sei es immer in den Hafen geschossen worden, jetzt hingegen leben wir schon ziemlich lange im Frieden, 65 Jahre. (Mein Mitbewohner ist kein Philosoph, er ist Historiker). Das sei eine lange Zeit.

Und ich denke mir: Vielleicht hat er recht damit, dass das schwierig ist. Aber mehr noch frage ich mich, ob dieses Problembewusstsein überhaupt besteht? Ob sich die Leute dessen bewusst sind, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die so perfekt ist, dass kein Schritt mehr möglich ist, jede Bewegung verunmöglicht? Weil alles so ausdifferenziert ist und geregelt, verregelt, dass der Mensch keine Luft mehr kriegt? Ihr glaubt doch nicht, dass es Zufall ist, dass etwa Politik so langweilig ist? Oder dass es an der Politik an sich liegt, die so langweilig ist, während andere Sachen interessanter sind? Nein, es ist das die Verstopfung der Gesellschaft, die bewirkt, dass – egal mit welchem Elan gepresst wird – nur Mittelmaß herauskommt. Dran ändert sich auch nichts, wenn wir es so wie heute „Exzellenz“ und „Elite“ nennen. (Obwohl die Wörter nicht falsch sind: Wer heute wo reinkommen will, der muss schon exzellentes Mittelmaß sein, wer nur halbherzig oder unvollkommen mittelmäßig ist, hat da keine Chance.) Das wäre also eine Charakterisierung jener „Endzeit“, in der wir leben, unserer Zeit, in der den Leuten alles egal geworden ist, weil sie ohnehin nichts verändern oder gestalten können. Weil alle gesellschaftlichen Regelsysteme ja schon da sind und so komplex und interdependent sind, dass sich an keiner Stelle was ändern lässt. Dabei wäre Änderungsbedarf gegeben. Die Bevölkerung altert, habe ich gehört, und die Pensionssysteme drohen, unfinanzierbar zu werden. Aber wir bleiben weiter bei alten Modellen und betreiben an diesen ein wenig Kosmetik.

Wie bauen wir sie um, die sklerotische Gesellschaft (so nenne ich die Leistungsgesellschaft), die Gesellschaft, in der alle Plätze besetzt sind und die Menschen sich unter dem Gewicht einer Unzahl von Verhaltensregeln krümmen? Die Gesellschaft, die so langweilig ist, weil man in allen Berufspositionen nur angepasste, abgeschliffene Menschen sieht, nur Experten und Leute, die dorthin passen? Die Gesellschaft, die nichts zulässt, was eigenständig und kreativ ist, weil das ja den gängigen Formaten, dem einstudierten professionellen Verhalten oder den Regeln des Fachs nicht entsprechen würde? Mit einem Wort: Wie bauen wir sie um, unsere Gesellschaft, die so gut ist, dass sie einem wie ein Würgen im Hals steckt?

Für ein paar kantige Typen, werden wir ein bisschen Prärie brauchen, ein bisschen Wildnis und ein bisschen Dschungel auch innerhalb der Gesellschaft. Ist das eigentlich irgendjemandem klar, dass man mit der kontinuierlichen Verbesserung der Gesellschaft auch zu weit gehen kann – und dass wir über diesen Punkt sogar schon weit hinaus sind? Herkömmlich war es so, dass, wenn die Staaten so überschuldet waren wie jetzt, dieses Problem bald einmal mit einem Krieg gelöst wurde. Es ist also höchste Zeit zu handeln! Aber bitte nicht nur das Finanzsystem retten! Sondern bei der Gelegenheit auch eine Gesellschaft schaffen, in der Platz ist für den Menschen zum Leben! Denn das Eine hängt ja mit dem Anderen zusammen: Schulden wurden nur gemacht, um das Wirtschaftsvolumen aufzublasen und dadurch mehr Platz zu schaffen für die Menschen. Weil wir keinen Platz zum Leben haben. Aber das hat nicht funktioniert. Alle Versuche der letzten 15-20 Jahre, die Wirtschaft wachsen zu lassen, haben nur den Konkurrenzdruck in ihr erhöht und sie dadurch noch undurchlässiger gemacht. Heute geht nichts mehr. Die Gesellschaft ist überall zu, verschlossen, absolute Verstopfung.

das leben braucht

keinen sinn

es ist sich selbst genug

Was passiert mit einem Thema, wenn es wissenschaftlich behandelt wird?

Link: http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/wilhelm_schmid_grundlegungderlebenskunst.pdf

Seit geraumer Zeit versuche ich, meinen Mitmenschen zu veranschaulichen, dass mit einem Thema MEHR passiert als nur dass seine Inhalte objektiv richtig und wahr dargestellt werden, wenn sie in wissenschaftlicher Weise dargestellt werden.

Zu diesem Behufe habe ich jetzt einen neuen Versuch gestartet, indem ich mir die Mühe gemacht habe, das Vorwort von Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. (Suhrkamp, Frankfurt/Main 1998. S. 9-14 zu analysieren unter der Annahme, dass es sich dabei um ein wissenschaftliches Werk handelt (was der Fall sein muss, wenn es sich bei dieser Arbeit um Schmids Habilitationsschrift handelt).

Ich möchte vorneweg betonen, dass das Folgende in keinster Weise gegen Wilhelm Schmid gerichtet ist. Schmid hat auch andere Bücher über Lebenskunst geschrieben, die ich nicht kenne. Vielleicht sind sie besser als dieses. In diesem Buch habe ich jedenfalls von Lebenskunst nicht einmal ein Anzeichen gefunden (obwohl das Wort auf dem Buchumschlag steht und es vielleicht viele Menschen deshalb gekauft haben). Der Grund dafür, warum Lebenskunst in diesem Buch nicht einmal vorkommt, könnte in der Wissenschaftlichkeit des Buchs liegen.

Nun, was passiert also mit der Lebenskunst dadurch, dass sie von Wilhelm Schmid eine wissenschaftliche Behandlung erfährt? Die kurze Antwort vorweg: Aus der Lebenskunst, die an und für sich eine Disziplin sein sollte, mithilfe derer der einzelne Mensch nach einem besseren Leben strebt, wird ein Wissensgebiet, ein Fachgebiet. In der Folge dreht es sich sofort nicht mehr um die Bedürfnisse, derentwegen der Mensch zur Lebenskunst kommen könnte, sondern um die Bedürfnisse dieses Wissensgebiets in unserer Gesellschaft mit besonderer Rücksicht ihrer Organisationsstrukturen. Z.B. muss das Wissensgebiet, um nicht in der öffentlichen Diskussion sofort wieder weggewischt zu werden, abgesteckt und befestigt werden. Der Autor, Wilhelm Schmid, beginnt also einen Diskurs, der sich zugleich auf der Ebene der Öffentlichkeit (des Politischen) und der der Wissenschaft bewegt und die Gesellschaft davon überzeugen soll, dass die Lebenskunst nützlich für sie ist. Es ist klar, dass dabei die Ziele der Lebenskunst umgedeutet werden müssen: Das Ziel, für den Einzelmenschen ein besseres Leben zu erreichen, wird ersetzt durch Ziele, die die Gesellschaft als Ziele auffassen und begreifen kann (denn wenn es dem einzelnen Menschen besser geht, dann "spürt" die Gesellschaft das ja nicht unmittelbar). Schmid bringt also solche Ziele vor wie, eine zweite Aufklärung zu befördern oder die ökologischen Probleme der Gesellschaft zu lösen.

Abgesehen von der gewaltsamen Umdeutung der Ziele der Lebenskunst (weil die Gesellschaft das Ziel eines besseren Lebens ja nicht verstehen kann, das bessere Leben ist was Subjektives, und die Gesellschaft kann nicht in den Menschen hineinschauen) ist wesentlich, dass Wilhelm Schmid, indem er das Thema der Lebenskunst wissenschaftlich behandelt, es nicht mehr länger bloß mit einem Thema zu tun hat, sondern er wird dadurch zu einer Art Politiker, einem Regenten oder Feldherrn seines Wissensgebiets, das er gegenüber anderen wissenschaftlichen Wissensgebieten abgrenzen und nachbarschaftliche Verhältnisse herstellen muss, die ihm Rahmen der bestehenden organisationellen Struktur unserer Gesellschaft praktikabel sind. Es ist nun kaum vorstellbar, dass man, wenn man die ruhige Studierstube gegen das windige Terrain eines wildumkämpften Wissensgebiets vertauscht, noch sachlich an dieses herangehen kann.

Was im Konkreten passiert, ist Folgendes: Bei der wissenschaftlichen Behandlung eines Themas werden die Bedürfnisse des Menschen gegenüber diesem Thema durch die Bedürfnisse des Themas selber im sozialen Raum abgelöst. Das hatten wir schon. Doch wie kämpft man nun feldherrenhaft für sein Thema? Das funktioniert so, indem man dem Thema alles zuschreibt, was in den Augen der Gesellschaft Größe besitzt. So muss das Thema historische Dimensionen gewinnen, für die Philosophie der Lebenskunst ist da sehr vorteilhaft, dass es in der antiken Philosophie bereits eine Auseinandersetzung mit dem Thema Lebenskunst gegeben hat. Wenn man sich fragt, ob diese Geschichte der Lebenskunst in der Philosophie für das Thema Lebenskunst unabdingbar ist, dann müsste man eigentlich mit "Nein!" antworten - man könnte ja auch alles neu erfinden. Es geht auch nicht darum, dass es gute Einsichten schon gibt und man sich ihrer bedienen sollte. Es geht nur darum, dass sich diese Krake "Wissensfeld Lebenskunst" mit einem Arm auch in die Vergangenheit verlängert, weil die Gesellschaft davor Achtung hat.

Was passiert noch mit der Lebenskunst als wissenschaftlichem Thema? Nun, sie muss in Teile zerfallen, denn das entspricht offenbar der Teile-Logik der Gesellschaft. Wäre sie selbst nur ein Teil, würde man sie einfach bald in einem anderen Themenbereich einfügen und sie könnte nicht als eigenes Thema bestehen. Um als Ganzes bestehen zu können, muss sie paradoxerweise selbst Teile aufweisen, und zwar viele Teile, damit man lange mit ihrem Studium Arbeit hat, bevor man sich rühmen kann, ein Spezialist in ihr zu sein. Überhaupt besteht die wissenschaftliche Behandlung eines Themas darin, aus ihm die Wohnstatt des Spezialisten zu machen. Das Ziel der wissenschaftlichen Themenbehandlung besteht darin, dass der Spezialist oder Experte sagen kann, dass er sich in ihm auskennt, dass er aufgrund seines Wissens mehr Hausrecht dort hat als andere, die von außen kommen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ein wissenschaftliches Buch über Lebenskunst einem Menschen, der sich mit ihm beschäftigen will, von vornherein gar nichts anbieten kann. Denn der Sinn des wissenschaftlichen Buchs besteht darin, sich vor dem Laien zu verschließen, um den Experten als rechtmäßigen Eigentümer seiner Inhalte zu etablieren.

Noch einmal: Das ist keinerlei Bosheit von Seiten Wilhelm Schmids. Es ist die gesellschaftliche Logik, die Logik der Wissenschaft, die von uns solche Bücher fordert. Am beeindruckendsten war für mich bei der Lektüre dieses Buchs (das ich nicht zur Gänze gelesen habe, da würde ich den Verstand verlieren) zu sehen, wie aus Wilhelm Schmidt durch die wissenschaftliche Darstellungsweise sofort zu einer Art Feldherr oder Kapitän seines wissenschaftlichen Lebenskunst-Schiffes wurde, das er etablieren und gegen alle möglichen Einwände und Attacken von Seiten der Gesellschaft verteidigen wollte - und wie er dabei von Anfang an die Bedürfnisse des Individuums vergaß, das die Lebenskunst am Ende anwenden soll, was aber auch klar ist, weil diese im Rahmen von Diskursen von gesellschaftlicher Bedeutsamkeit keine Rolle spielen.

Meine unmittelbare emotionale Reaktion auf diese Lektüre sagte mir: "Da hast du es, warum die Philosophen zu allen Zeiten in die Einsamkeit gegangen sind um nachzudenken: Man muss wirklich alle diese fiktiven (und doch so realen) Kämpfe vergessen, die Wilhelm Schmid in diesem Buch mit anderen wissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen oder möglichen gesellschaftlichen Erwartungen an ein Fach, das sich "philosophische Lebenskunst" nennt, leidenschaftlich führt, vergessen, um über die Sache selber nachdenken zu können, um die es eigentlich geht - um die Lebenskunst."

Vernünftigkeit und Wahnsinn

Ich habe neulich eine Kurzgeschichte gelesen, die mir zu denken gab. Und zwar ist es ja so: Normalerweise halten wir jemanden für vernünftig oder für in den Wahnsinn abgetrieben, aber vielleicht ist dieser Gegensatz nicht so einfach. Die Kurzgeschichte, von der ich spreche, ist eine zugegegen schon älteren Semesters, nämlich "The Breakout" von Joyce Cary (1888-1957), die sich für mich allerdings so anfühlt wie "aus dem Herzen unserer Kultur". Wer mich kennt, weiß ja, dass ich zwischen Texten aus der Philosophiegeschichte und solchen aus der Literatur nicht viel Unterschied mache, weil ich meine, dass die Philosophie, wenn sie sich auf das, was ihr von Fach wegen an Inhalten zusteht, beschränkt, an Sinnlosigkeit erkranken, ausdörren und letztlich aussterben wird.

Nun aber zum Inhalt der Erzählung: Ein 53-jähriger gutverdienender Mann mit Frau und 2 Kindern stellt mit der Zeit fest, dass sich eine Entfremdung zwischen ihm und Frau und Kindern eingestellt hat. Kommt er in den Raum, verstimmt das zuvor lustige Gespräch. Fragt er, worüber gelacht worden ist, sagt man ihm "über nichts Wichtiges" oder man werde es ihm später noch erzählen, doch man erzählt ihm nichts. Mit einem Wort, bald fragt sich der Mann: Wofür arbeite ich denn noch? Nun, an einem dieser Tage haut er morgens einfach ab, fährt anstatt zur Arbeit an den Strand (es ist Februar!) und plant seiner Frau einen Brief zu schreiben, in dem er ihr seine Emotionen erklärt, den er jedoch nie abschickt. Eines Tages taucht unvermutet sein Bruder an dem Strandort auf, die Konversation verläuft seltsam, der Bruder spielt den Verständigen, der Mann haut ab, fährt mit dem Bus in eine andere Stadt.

Von dort aus gibt er seinem Chefbuchhalter in der Firma Anweisung, ihm Geld zu schicken, doch der schickt nicht. Und nach ein paar Tagen erfolglosen Versuchens tauchen Frau, Kinder, Chefbuchhalter und ein offenbar körperlich sehr kräftiger Psychiater (mit einem professionellen Lächeln) auf und bringen unseren Protagonisten in die Klapsmühle. Nach 6 Wochen ist er wieder zu Hause, ist zurück in der Arbeit und alles geht so weiter wie bisher. Sogar seine Frau und seine Kinder haben aufgehört, ihn mit übertriebener Vorsicht zu behandeln. Es ist alles wieder normal.

Ich habe mir nun gedacht: Eine ideologische Lesart dieser Geschichte würde einfach sagen: "Die Gesellschaft ist schlecht!" und das Geschick von Tom, so heißt der Mann, interpretieren als einen Fehltritt, den diese ach so böse Gesellschaft erbarmungslos korrigiert.

Aber ich vermute mal, sowas überzeugt heute keinen Menschen mehr. Und es ist auch nicht wahr. Der Punkt ist, dass das, was Tom erleidet, die Symptome eines "breakdowns", also eines psychischen Zusammenbruchs zeigt und auch wirklich ein solcher "breakdown" ist. Und die Menschen, die ihn da abholen kommen, inclusive des kräftigen Psychiaters, der ihn ins Taxi zur Klapsmühle schiebt, ihm tatsächlich helfen wollen.

Aber: Gleichzeitig  zeigt die Kurzgeschichte sehr eindeutig, wie sowohl der Bruder von Tom wie auch der Psychiater taub gegenüber dessen rationalen Gründen für sein Verhalten werden, eben deswegen, weil sie ihn für durchgeknallt halten. Den Abbruch der Kommunikation also habe ich als sehr scherzhaft in dieser Erzählung erlebt. Und was ebenfalls unerträglich ist, ist zu sehen, wie die Probleme, die Tom am Anfang der Erzählung nüchtern diagnostiziert hat (die Entfremdung von seiner Familie), am Ende und nach seiner Rückkehr nach Hause fröhliche Urständ feiern.

 Es gibt das also nicht: das Vernünftige und das Verrückte - nämlich in dem gebräuchlichen Sinn, dass es sich nicht lohnte, dem Verrückten zuzuhören, weil er doch verrückt ist. Der Verrückte gibt Gründe zu verstehen - und insofern er das tut, kann man diese Gründe nachverfolgen und feststellen, ob sie in der Realität bestehen. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass man den Verrückten für vernünftig halten muss oder denjenigen, der einen "nervous breakdown" erlitten hat, für den wirklich Gesunden. Nein, er hat wirklich einen Zusammenbruch erlitten - aber dieser Zusammenbruch hatte eben unter anderen auch rationale Gründe und Ursachen, die dingfest gemacht werden können und nachverfolgt werden müssen.

Wie sieht es nun aus mit der Gegenseite, mit der Seite der Vernünftigkeit. Die vernünftige Seite ist offenbar krank, wenn man der Kurzgeschichte von Joyce Cary trauen darf: Sie besteht in einer Gesellschaft, in der eine Entfremdung zwischen dem Familienvater und dem Rest der Familie entsteht - und sie findet das ganz normal. Ich habe unlängst eine Aktualisierung dieses Vorwurfs gegen die Gesellschaft erlebt, die mich bis heute beschäftigt: Im Gespräch mit einem anderen praktischen Philosophen (ich besuche jetzt der Reihe nach praktische Philosophen), der u.a. Männerseminare organisiert, erfuhr ich, dass Männer, die zusammenbrechen, weil sie a) eine Scheidung hatten, b) ihren Job verloren, c) krank wurden, nach diesem lebensverändernden Vorkommnis noch ca. 5-6 Jahre brauchen, bis sie professionelle Hilfe suchen (denn Hilfe zu suchen, gilt in unserer Gesellschaft als unmännlich!). Daran erkennt man, dass unsere Gesellschaft schon sehr krank sein muss - also nicht nur ein bisserl krank, sondern sehr krank!

Und trotzdem gelten natürlich die Vekehrsregeln. Das heißt, wer in die Gegenrichtung fährt (wenn alle anderen in die entgegengesetzte Richtung fahren), der ist der Geisterfahrer. Und das, obwohl er vielleicht nach sachlichen Gründen gerechnet Recht hat! Aber die Mehrheit hat nie Unrecht, die Mehrheit bestimmt, was Recht ist!

Und trotzdem täte ich die hier in diesem Blog anwesenden LeserInnen und BloggerInnen innigst bitten: Wenn Euch ein Verrückter oder eine Verrückte seine oder ihr Gründe aufzählt, dann schaut, was sachlich-logisch dran ist. Denn daran hängt auch die gesamte Philosophie: Wenn wir die logisch richtigen Argumente eines Verrückten zurückweisen, dann haben wir die gesamte Logik nicht verdient!

Permalink 10.06.10    7 Kommentare »

auch wenn ein transzendentales subjekt des erkennens

prinzipiell nicht nachweisbar ist,

heißt das nicht,

daß nicht alles, was ist,

der phänomenalität zugerechnet werden kann.

alles, was ist, ist immer irgendwie

nichts, was ist, ist eigenschaftslos

ohne eigenschaften sein, heißt, nicht sein

eigenschaftslos sein und nicht sein

bedeutet ein und dasselbe

Nebenwirkungen kritikloser Begeisterung für Objektivität

Heute nehme ich mir ein besonders wichtiges Thema vor. Es ist ja so: Wir leben in einer „objektiven“ Gesellschaft, in einer Gesellschaft, die besonders überzeugt ist vom Wert objektiver Erkenntnis. Nur scheint sie die Nebenwirkungen ihrer Haltung zu wenig zu bedenken. Vielleicht sieht sie sie auch einfach nicht, vielleicht ist sie blind dafür? Es käme also darauf an, sie ihr ein wenig zu zeigen: Da wäre also z.B. folgende: Als ich noch ein kleiner Bub war, führte mich mein Vater an die tschechische Grenze, zeigte auf die großen Steine, die auf den Feldern der tschechischen Seite lagen und erklärte mir, dass die „Behm“ (= die Böhmen, also die Tschechen) die Steine nicht abklauben, weil sie im Kommunismus leben, die Felder und die Maschinen nicht ihnen gehören und es ihnen deshalb völlig egal sei, ob die landwirtschaftlichen Maschinen durch die großen Steine kaputt gingen. – So lernte ich, was Kommunismus ist. Es ist deshalb ein besonderer Scherz der Geschichte, dass mein Vater „auf seine alten Tage“ noch lernen muss, schlampig zu arbeiten, so schlampig wie die Tschechoslowaken seinerzeit im Kommunismus – denn wenn eine Sache gegen sein Naturell geht, dann ist es das: schlampig zu arbeiten. Das kann er einfach nicht. Aber wir leben ja jetzt in der Europäischen Union, und diese hat meinen Vater eingefangen in einer großen, europaweiten, zentral gesteuerten Organisation. Der heutige Landwirt muss da zwar nicht mitmachen, aber da landwirtschaftliche Produkte auf dem Markt keine Preise erzielen, gibt es, gelinde gesagt, einen gewissen Druck, von EU-Förderungen zu leben. Und diese EU-Förderungen für die Bauern – ich weiß nicht, ob alle das wissen – gibt es nun nur, wenn man innerhalb bestimmter zeitlicher Fristen sät, begrünt, düngt, spritzt oder Jauche ausbringt. Auf die witterungsbedingte Sinnhaftigkeit dieser Arbeiten nimmt das EU-Regelwerk nur wenig Rücksicht. Der Erfolg dieser Förderbedingungen ist dieser: Da kann das Feld noch so nass sein und die Aussichten, dass etwas wächst, gering, die angemeldete Saat muss hineingepatzt werden. So sollte mein Vater jetzt – wenn er es übers Herz bringt – das machen, was er an den kommunistischen Kolchosearbeitern in der Tschechoslowakei immer kritisiert hatte: Dienst nach Vorschrift. Als ich das gehört hatte, meine ich: „Lustig! Dann geht es Papa ja jetzt genauso wie es meinen Studenten gegangen ist (als ich noch Universitätslehrender gewesen bin)!“ Den StudentInnen an der Universität war nämlich auch klar gewesen, dass der Inhalt einer Seminararbeit (oder ihr Gehalt, die Qualität des Inhalts) völlig gleichgültig ist; das Einzige, was zählt, ist das Papier, mit dem man den Studienabschluss bestätigt. Dementsprechend verhielten sie sich: Sie stellten sich zum Teil so dumm und desinteressiert an, dass man sich fragte, wie diese Menschen denn ihren Weg in eine Universität gefunden hatten. Aber in Wirklichkeit verhielten sie sich äußerst intelligent. Durch das offene Bezeigen von Desinteresse und das Jammern über den Schwierigkeitsgrad der Unterrichtsinhalte senkten sie das Niveau des Unterrichts – und das ermöglichte es ihnen, zwei Studien gleichzeitig zu absolvieren in der Zeit, die ein interessierter Mensch für ein Studium braucht. (Vor inhaltlichem Interesse ist daher dringend zu warnen: Der Mensch, der es hat, schneidet sich dadurch nur ins eigene Fleisch!) Unsere Zeit ist ja witzig: Meine KollegInnen an der Universität jammerten, die StudentInnen interessierten sich für gar nichts – und tatsächlich hört man ja auch sonst immer wieder die Klage, dass sich die heutige Jugend für gar nichts interessiere -, aber die Ursache dafür ist eben, dass die StudentInnen verstanden hatten, dass die heutige Gesellschaft inhaltliches Interesse für etwas nicht honoriert. Ist ja auch folgerichtig: Inhaltliches Interesse für etwas wäre etwas Subjektives und nicht leicht Objektivierbares. Und das Subjektive schätzt man ja nicht in der heutigen Zeit: Also schätzt man auch nicht den Menschen, der sich ehrlich für etwas interessiert. Was schätzt man also anstatt dessen? Alles, was objektivierbar ist. Und wenn es nicht objektivierbar ist, tut man so, als ob es das wäre. Die Folge davon ist eine Fülle von Zeugnissen, Zertifikaten und Befähigungsurkunden. Ob allen diesen „Objektivierungen“ auf der subjektiven Seite, also im konkreten Menschen, irgendeine tatsächliche Fähigkeit oder ein tatsächliches Wissen gegenübersteht, ist für die Gesellschaft (das heißt, für den Arbeitsmarkt) völlig egal. Das einzige, was zählt ist, dass die betreffende Person diese Qualifikationsnachweise irgendwie errungen hat. Hier treffen sich die Schicksale meines Vaters und das der heutigen Studierenden, beide müssen danach streben, formalen Bestimmungen zu entsprechen bevor sie versuchen können, reale Ergebnisse zu erzielen. Das soll heißen: In der Realität kommt es dann zum Erzielen realer Ergebnisse gar nicht mehr, denn die Energie, die zum Erzielen realer Ergebnisse aufgewandt werden kann (also z.B. dazu, sich irgendwelche Lerninhalte tatsächlich anzueignen), wird umgeleitet und hingelenkt auf die Erreichung oder Einhaltung formaler Bestimmungen. Mit anderen Worten: Wenn Sie so einen richtig desinteressierten Studenten oder eine Studentin vor sich haben: Der oder die ist nicht blöd, sondern einfach ein Kind unserer Zeit, in welcher das Subjektive (also tatsächliches Wissen oder Können) immer weniger zählen und anstatt dessen nur noch das Objektive (schriftliche Befähigungsnachweise) in Betracht gezogen werden. Jetzt wird meine These vielleicht wer kritisieren, indem er/sie sagt: „Ja, das stimmt schon, aber was er hier vorführt, das ist ja nicht der reine Begriff des Objektiven, so wie man ihn sich vorstellt, sondern das sind bestimmte Verfallserscheinungen und Fehlentwicklungen, die mit dem wahren Streben nach objektiver Erkenntnis gar nichts zu tun haben!“ Darauf sage ich: „Ja, das stimmt schon. Aber: Man kann doch nicht etwas beurteilen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was aus ihm wird, wenn man es in die Maschine der Gesellschaft einführt und die Gesetze des Sozialen es prozessieren!" Prozessieren die Regeln der sozialen Realität die heutige gesellschaftliche Begeisterung für das Objektive, ist eben das dasjenige, was als Ergebnis herauskommt: Bauern, die die Saat in den nassen Boden hineinpatzen, um keine Fristen zu versäumen und StudenInnen, die kein Interesse zeigen, weil das Interesse von einer am Objektiven orientierten Gesellschaft nicht honoriert wird. Das hier Vorgebrachte ist jedoch bloß eine demonstrative und keine taxative Aufzählung; das wahre Schuldenregister der Überzeugung von dem Wert objektiver Erkenntnis ist viel länger. Wie wäre es z.B. bei Gelegenheit, über ein anderes Liebkind unserer objektiven Zeit zu verhandeln: über die Multiple Choice-Tests?

Ich bin echt primitiv! Wirklich!

Möglicherweise haben auch Sie schon gedacht: Der Hofbauer ist echt primitiv! Das nachfolgende Zitat sagt Ihnen, warum das so ist - und klärt sie so über ihre undeutlichen Gefühle auf:

 „Das primitive Denken ist vor allem durch den starken Einfluß des Strebungs- und Gefühlsmäßigen gekennzeichnet; entsprechend der Struktur der ungeschiedenen Ganzheit ist das denkende Verhalten noch wenig abgehoben vom Gesamtseelenleben. Am Denken ist auch der „ganze Mensch“ beteiligt.

Ferner bewegt sich das primitive Denken auf der Ebene des Anschaulichen und Individuellen, während das fortgeschrittene Denken zum Abstrakten und Allgemeinen vordrängt.

Die Verhaftung im Anschaulichen verhindert zum Beispiel, ein Ding in wechselnden Erscheinungsformen als dasselbe zu erfassen; Naturvölker durchschauen gelegentlich nicht die Metamorphose in der Tierwelt; der Forschungsreisende Thurnwald wurde ausgelacht, als er behauptete, dass Raupe und Schmetterling dasselbe Tier seien.

Weil das Urteil Primitiver im Individuellen bleibt, wird auch nur festgestellt, da etwas so ist, nicht auch das Gesetzmäßige, Notwendige, daß es so sein muß. Ein Bakairi konnte den Satz „Jedermann muß sterben“ nicht begreifen, es war ihm so fremd, wie wenn man behauptete, „alle Menschen müssen ermordet werden“.

Daher bereiten auch „Annahmen“ dem primitiven Denken Schwierigkeiten. Ein sechsjähriges Kind weigerte sich, die Frage zu beantworten: „Wenn dein Bruder um ein Jahr älter ist als du, wie alt ist er dann?“ mit der Begründung, da es keinen Bruder habe. (Nach H. Werner.)“

Quelle: Dr. Franz Hörburger (Landesschulinspektor in Salzburg) und Dr. Anton Simonic (Landesschulinspektor in Wien): Philosophischer Einführungsunterricht. Handbuch der Pädagogik. Erster Band. Österreichischer Bundesverlag, Verlag für Jugend und Volk, Wien 1948. S. 185.

 Übrigens, die Behauptungen in den Asätzen 3, 4 und 5 im dargebrachten Textausschnitt halte ich aus meiner "primitiven" Sicht für falsch, weil sie MÖGLICHE Konsequenzen des anschaulichen Denkens, aber nicht NOTWENDIGE darstellen. (Bei Absatz 5 vermute ich überhaupt, dass es sich ganz einfach um ein witziges Kind gehandelt hat.)

 Was mich interessieren würde ist, wie es um die Beurteilung dieses Sachverhalts heute bestellt ist. Wahrscheinlich würde man ein konkretes und anschauliches Denken gemäß den Regeln der political correctness nicht mehr "primitiv" nennen (also vielleicht nur mehr denken, dass es primitiv ist, es aber nicht mehr sagen), so wie man Naturvölker heute auch nicht mehr als "Primitive" bezeichnet. Aber: Ist das heute überhaupt noch ein Thema? Oder ist vielleicht das konkrete Denken im öffentlichen Diskurs schon soweit abgeschlagen, dass man es gar nicht mehr als "primitiv" zu bezeichnen braucht, weil es einfach gar nicht mehr Thema ist?

Ich selbst verstehe mich übrigens als tolerant, weil ich der Meinung bin, dass man beide Gehirnhälften zum Denken gebrauchen kann. Intolerant bin ich nur gegenüber denen, die sagen: "Nur die Arbeit der linken Gehirnhemisphäre ist Denken, die der rechten nicht!"

Verursachung "nach unten" ("downward causation")

Kausalität auf verschiedenen Seinsebenen: Können die Vorgänge auf höheren Ebenen die Vorgänge auf niedrigeren Ebenen beeinflussen?
Bei Lebewesen lassen sich verschiedene Seinsebenen unterscheiden, etwa die physikalische, die chemische, die biologische und  - bei höheren Lebewesen - die mentale Ebene, mit möglichen Zwischenstufen und weiteren Aufgliederungen. Gehen wir einmal davon aus, dass  auf der physikalischen Ebene Kausalvorgänge ablaufen (ungeachtet der in der Nachfolge David Humes aufgestellten Behauptung, dass es gar keine objektive Kausalität gibt). Jeder physikalische Vorgang geht auf vorangegangene physikalische Vorgänge oder Zustände zurück und kann gemäß den Gesetzen der Physik – strikten oder lediglich statistischen – erklärt werden. Kausale Einflüsse von höheren Ebenen würden diese Gesetze durchbrechen. Nach dem weithin anerkannten Grundsatz der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen wird das abgelehnt.
Wie verhalten sich nun die Abläufe auf den höheren Seinsebenen der Lebewesen zu den Abläufen auf der physikalischen Ebene? Nehmen wir die biologische Ebene: Was sich im Körper von Lebewesen ereignet, folgt auch den Gesetzen der Biologie. Die erforderliche Energiezufuhr ist Voraussetzung für die Erhaltung der Lebensfunktionen. Die Organe des Lebewesens erfüllen ihre jeweilige kausale Rolle im Gesamtzusammenhang des Körpers. Das Zusammenspiel der einzelnen Teilfunktionen wird durch ein hochkomplexes Regelsystem (Nerven, Hormone) gesteuert. Es gibt also bei einem Lebewesen vielfältige kausale Zusammenhänge, die nicht mit den Begriffen der Physik beschrieben werden können. Den biologischen Abläufen liegen zwar physikalische Abläufe zugrunde. Sie führen auch nicht zu einer Durchbrechung physikalischer Gesetzmäßigkeiten; es gibt also keine Kausalität „von oben nach unten“ (im englischen Schrifttum: „downward causation“). Die gesetzmäßigen kausalen Abläufe der biologischen Ebene verwenden vielmehr die physikalischen Abläufe mit den ihnen eigenen Gesetzen wie Bausteine. Durch die Einbeziehung der physikalischen Elemente in ein System höherer Ordnung erfüllen sie kausale Rollen in diesem System ohne gegen Gesetze der Physik zu verstoßen.

Die mentale Ebene mit ihren Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Entschlüssen, sprachlichen Vorgängen verhält sich nun zu den „darunter“ liegenden Ebenen – auch der biologischen Ebene - ganz analog zum Verhältnis der biologischen zur chemischen und der physikalischen Ebene. Sie stellt ein System höherer Ordnung gegenüber diesen Ebenen dar, in welchem die Vorgänge dieser Ebenen wie Bausteine verwendet werden. Die biologischen Zustände und Vorgänge im Gehirn eines Menschen mit der hochkomplexen Verflechtung der Neuronen, dem Feuern der Synapsen, der Ausschüttung von Botenstoffen können zwar mit biologischen (neurophysiologischen) Begriffen auf dieser Ebene vollständig beschrieben werden.
Diese Beschreibungen würden aber die Vorgänge der übergeordneten mentalen Ebene nicht erfassen; hierzu braucht man mentale Begriffe. Die Hirnforscher beziehen daher sinnvollerweise bei ihrer Arbeit die mentale Ebene mit ihren Begriffen ein; sie beschreiben etwa, welche neuronalen Muster sich bei bestimmten mentalen Vorgängen im Gehirn ergeben.
Mit der Unterscheidung von Ebenen mit jeweils eigenen Systemeigenschaften und Gesetzlichkeiten, die aber in einem hierarchischen Bau zu einem Ganzen zusammengefügt sind, lassen sich also die kausalen Abläufe bei Lebewesen -  einschließlich der mentalen Abläufe bei höheren Lebewesen - und ihr harmonisches Zusammenstimmen erklären.

Permalink 27.05.10    2 Kommentare »

Bringt Philosophie denn Erkenntnis?

Gestern war ich bei einem praktischen Philosophen zu Besuch. (Wer das war, will ich jetzt mal nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob es ihn freuen würde und weil es auch gar nichts zur Sache tut.) Jedenfalls fragte ich ihn - eine Frage, die zu stellen bei einem praktischen Philosophen nicht ungewöhnlich sein sollte - was denn seiner Meinung nach der Kundennutzen von Philosophie sei, und er sagte so ungefähr: Man gewinne durch die philosophische Beschäftigung mit verschiedenen Themen Erkenntnisse, man unterhalte sich gut und befriedige ein Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis zu philosophieren.

Da war ich fürs Erste perplex. Philosophie bringt doch keinerlei Erkenntnis, dachte ich. Deshalb stünden doch in der Philosophie mit Recht die Fragen über den Antworten?!

Was soll ich sagen, heute denke ich wieder anders, nämlich umgekehrt: Freilich bringt Philosophieren Erkenntnisse, sonst unterzöge ich mich seiner Mühe nicht. Besonders wenn man das macht, was der praktische Philosoph, mit dem ich sprach, offenbar besonders gern tut, nämlich sich der großen und klassischen Themen der Philosophie annehmen sowie sich an Begriffen abarbeiten, dann kann man schon leicht behaupten, dass Philosophieren einem mehr Aspekte von Begriffen wie Freiheit, Liebe, Freundschaft oder Tod zeigt, als man ohne sie gesehen hätte, und auch mehr eigene Vorstellungen, die man an diese Begriffe drangehängt hat.

Habe ich also heute Recht und gestern hatte ich Unrecht? Nein, gestern hatte ich auch Recht! Aber was habe ich gestern gemacht? Ich habe gestern die Philosophie beurteilt mit dem Erkenntnisbegriff, der heute vorherrschend ist und den uns die heutige Wissenschaft lehrt. In diesem Erkenntnisbegriff ist Erkenntnis gleichbedeutend mit Resultat. Eine Disziplin, die keine Resultate liefert (siehe: Philosophie) liefert daher auch keine Erkenntnisse. (Nicht missverstehen, wenn ich sage, dass das der wissenschaftliche Erkenntisbegriff ist: Dieser Erkenntnisbegriff hat sich heute allgemein durchgesetzt, und alle Menschen erwarten, wenn man ihnen Erkenntnisse ankündigt, Resultate - und nicht etwa Einsichten in Zusammenhänge und Ursachen.)

Dabei ist dieser heutige Erkenntnisbegriff ja paradox: Er ist deshalb paradox, weil die bloße Nennung des Ergebnisses die Erkenntnis selber sein soll! Aber die bloße Erwähnung eines Ergebnisses wirft ja nur ein kurzes und auf einen Punkt beschränktes Schlaglicht auf die Realität. Mit einem Wort: Sie erhellt einem gar nichts. Das mag nun vielleicht nicht für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin selber gelten, der oder die diese Erkenntnis verlautbart, denn er oder sie beschäftigt sich ja mit dem gesamten Themenbereich und hat somit einen schon noch einen größeren Einblick in die Zusammenhänge, aber es gilt mit Sicherheit für die Menschen, zu denen der oder die WissenchaftlerIn als ExpertIn spricht. (Und wahrscheinlich gilt es auch immer mehr für die Wissenschaftler selber und zwar in dem Maße, wie sie durch die Spezialisierung des Wissens gezwungen sind, sich mit immer kleineren Themenfeldern zu beschäftigen.)

Philosophieren ist dagegen so etwas wie ein heilloses Umwege-Machen, ohne dass man je zu einem endgültigen Ziel käme. Dieses Umwege-Machen führt - gewissermaßen als Nebenprodukt - dazu, dass man sich in der (geistigen) Gegend, die man da die ganze Zeit ablatscht, mit der Zeit recht gut auskennt. Das nennen wir Philosophen Erkenntnis - und empfinden es auch so. Die Welt, in der wir leben, nennt solche Umwege hingegen sinnlos und spricht ihnen jeden Wert - auch jeden Erkenntniswert - ab.

Ich bin noch nicht fertig. Das Wichtigste kommt noch: Um sich jetzt zu vergegenwärtigen, was das von mir Gesagte bedeutet, genügt es nicht, diese beiden Vorstellungen von Erkenntnis nebeneinanderzustellen und halt zu sagen: "Sie sind verschieden!" Sondern man muss sich zu Bewusstsein bringen, welche Funktion Erkenntnis für die heutigen Menschen hat. Denn darin verbirgt sich der Grund, warum Erkenntnis heute als das Wissen über eine zweifelsfrei gewisse Tatsachen bestimmt wird und nicht als die Kenntnis eines größeren Fragenfelds: Erkenntnis hat für die heutigen Menschen den Sinn und die Funktion, ihnen eigene Forschungen und Bemühungen um Erkenntnis zu ersparen. Diese erledigt für sie der Fachmann/die Fachfrau - und teilt ihnen hinterher das Ergebnis mit.

Philosophie hingegen würde die Menschen dazu animieren, sich selbst mit den Fragen zu beschäftigen - und sie genau damit in jene langwierige Beschäftigung hineinbringen, die sie sich dadurch ersparen wollen, indem sie eine Abneigung gegen langwierige Erörterungen aufbauen und anstatt dessen auf Erkenntnis setzen in dem Sinne, wie sie Erkenntnis verstehen - als schnell aufzufassendes Resultat.

Und das ist auch der eigentliche Grund, warum ich so perplex war, als der praktische Philosoph allen Ernstes behauptete, dass Philosophie Erkenntnis bringe. Ja, schon: für ihn, für mich und für alle, die sonst noch bereit sind, das einzusehen. Aber damit gebrauchte er das Wort "Erkenntnis" in einem anderen Sinn als die Zeit, in der wir leben, es gebraucht: Erkenntnis ist für unsere Zeit das, was den Menschen das Erkennen erspart, weil sie die Erkenntnis von den Wissenschaftlern schon fertig abgepackt bekommen so wie von den Supermärkten die Schokolade.

Ich hingegen gebrauchte in und durch meine Verwunderung über den Gebrauch des Worts "Erkenntnis" durch den praktischen Philosophen das Wort so, wie unsere heutige Zeit es gebraucht. Und eigentlich, muss ich zugeben, wunderte ich mich (zumindest heute) mehr über mich als über ihn: Warum lasse ich mir die Bedeutung von Wörtern immer von unserer Zeit aufdrücken? Warum bin ich so ein Sensibelchen, das wie ein Schwamm oder eine Radioantenne durch die Welt geht und den Gebrauch von Wörtern und Begriffen in privaten Gesprächen oder aus der öffentlichen Diskussion in den Nachrichtenmedien so aufnimmt wie man schlechte Luft einatmet?

Permalink 26.05.10    4 Kommentare »

NICHTS IST NICHT VORSTELLBAR.

DAHER DER GLAUBE AN EXISTENZ.

Griechenland - Finanzhilfe - es geht um die WettbewerbsUNfähigkeit

Vielleicht kann ich als Philosophierender auch einmal zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen - es wird der Philosophie ohnehin immer vorgeworfen, dass sie das zu wenig tue.

 Und vielleicht kann ich dabei die Stärken ins Spiel bringen, die Philosophie meiner Meinung nach hat - nämlich das logische Denken und dadurch die Fähigkeit, Argumente auch mal von der anderen Seite zu betrachten.

Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise und Krise des Euro nun hört und liest man immer wieder (was man immer in einer Wirtschaftskrise hört und liest), nämlich: Wir müssen wettbewerbsfähiger werden, um unseren Wohlstand zu erhalten. Weil der globale Wettbewerb immer härter werde, müssten wir uns noch mehr anstrengen - und insbesondere müssten wir auf Technologieführerschaft setzen, also noch mehr in Forschung und Entwicklung investieren.

Wenn wir dieses Argument nun einmal so hinnehmen, dann bedeutet das - logisch betrachtet - dass jemand (im Vergleich zu uns) wettbewerbsunfähiger werden müsste, damit es uns weiterhin gut geht. Also, ich bitte freilich alle und insbesondere alle, die was von Wirtschaft verstehen, mich in dem Punkt zu korrigieren, falls an diesem Gedanken etwas falsch sein sollte... aber rein logisch sieht es so aus: Wenn man Wohlstand - wie das ja mit diesem Argument der Wettbewerbsfähigkeit behauptet ist - nur dann erhalten kann, wenn man als Volkswirtschaft einen der vorderen Ränge im internationalen Wettkampf einnimmt, dann folgt daraus, dass man sich vom Wohlstand verabschieden muss, sobald man an Wettbewerbsfähigkeit verliert und im globalen Vergleich ein paar Ränge zurückrutscht.

Wenn das so ist, (also so, wie unsere Politiker und Wirtschaftsbosse behaupten), dann ist Wohlstand ein rein relationales Phänomen. Also unser Wohlstand ist, wenn wir sehen, dass es jemand anderem schlechter geht als uns.

Mit dieser Erkenntnis erweitert sich unser Blick um 100%, weil wir jetzt die vorher im Dunkeln liegende Seite einblenden, die das einseitige Argument, es gehe bei der Frage nach dem Wohlstand bloß um unsere Wettbewerbsfähigkeit, ausgeblendet hatte. Es geht eben nicht nur um unsere Wettbewerbsfähigkeit, sondern es geht auch um die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen Länder. Ja, mehr noch: Unsere Wettbewerbsfähigkeit ist ja selber gar nichts anderes als die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen. Ein solcher Gedanke legt natürlich den nächsten nahe, ob man da nicht ein bisschen nachhelfen könnte, dass es den anderen schlechter geht - aber in diese Richtung will ich keinen einzigen Schritt tun. Dennoch folgt aus unserer Überlegung: Wenn Marktwirtschaft wirklich so ein relationales Phänomen ist, wie es vom Argument der Wettbewerbsfähigkeit behauptet wird, dann müssen wir uns jetzt in der Krise überlegen, wem es in Hinkunft für uns schlecht gehen soll, damit es uns gut gehen kann?

Bislang ging es ja den Chinesen für uns schlecht - ihre Armut war unser Reichtum und wir konsumierten ihn in Gestalt billiger Kleidung oder Kinderspielzeuge, die sie für uns fertigten. Aber die Chinesen stemmen sich durch ihr Wirtschaftswachstum langsam dagegen, für uns arm zu sein - und ihr zunehmender Reichtum ist unser sinkender Wohlstand, weil durch ihn die T-Shirts für uns teurer werden. Daher fragt sich, wer in Zukunft für uns arm sein will, um aus dieser Armut heraus gezwungen zu sein, für uns einfache Industriegüter zu fertigen, die wir selber nicht fertigen würden, weil die Gewinnmargen dieser Güter zu klein sind und man sie daher nur in einem Niedriglohnland fertigen kann?

Nun, an und für sich wäre Griechenland dran, dieser gefallene Engel der europäischen Wohlstandszivilisation, weil es ja zunehmend die Chinesen nicht mehr für uns machen. Aber aufgrund der Währungsunion hat die Europäische Union beschlossen, Griechenland zu retten, weil sie Europa als eine Wohlstandszone sieht, in der es keine underdogs geben soll. Das finde ich auch sehr in Ordnung, nur drängt sich aus unserer Überlegung der Eindruck auf, dass das dem Funktionsprinzip der Wirtschaft nicht entsprechen kann.

Denn wenn es in der Wirtschaft - wie es uns gelehrtere und erfahrenere Persönlichkeiten sagen, als ich es bin - um die permanente Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit geht, dann geht es auch um die Frage, wem gegenüber unsere Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden soll? Wer soll uns gegenüber ins Hintertreffen kommen? Vielleicht wird man sagen: China und Indien. Oder auch: die BRIC-Staaten, also mit Brasilien dazu. Ich glaube ja jetzt nicht, dass diese Hoffnung sich erfüllen wird, weil sich binnen Kurzem zeigen wird, dass China und Indien wesentlich stärker sind als Europa. Aber das ist ja jetzt egal: Hier sollte nur der Gedanke ausgeführt werden, dass es in einem "Spiel", in dem es nur den Gewinnern gut geht, Verlierer geben muss, damit es den Gewinnern gut geht.

Wer also sagt, es gehe um unsere Wettbewerbsfähigkeit, der sagt gleichzeitig damit auch, es gehe um die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen. Irgendwer muss diese Verliererrolle einnehmen. Wenn es nicht Griechenland ist, weil wir es retten - wer will es sonst sein?

Permalink 15.05.10    6 Kommentare »

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