Die galileische Kosmologie
Nach längerer Zeit der Schreib-Abstinenz komme ich mit einer Literaturempfehlung zurück. Und zwar möchte ich an dieser Stelle – natürlich ganz uneigennützig – Werbung für mein neues Buch machen ;-) Es ist beim Akademischen Verlag München (Meidenbauer) erschienen, bei dem ich mich auch für die sehr gute und unkomplizierte Zusammenarbeit bedanke (ich kann ihn nur weiterempfehlen):
Ich bin nun mal so frei und stelle hier den offiziellen Infotext ein:
Das Buch bietet einen wissenschaftsphilosophischen Einblick in das Werk Galileo Galileis (1564 – 1642). Mit der Schwerpunktsetzung auf die Kosmologie und Astronomie sind die galileischen Leistungen dabei eingebettet in die Wissenschaftsgeschichte, angefangen bei den alten Griechen bis hin zur Kosmologie des 21. Jahrhunderts. Neben den naturwissenschaftlichen Aspekten liegt auch ein wesentliches Augenmerk auf den Konsequenzen, die Galilei aus seinen Forschungen für sein Weltbild gezogen hatte. Die Gründe für Galileis Eintreten für das Kopernikanische System kommen dabei ebenso zur Sprache wie Entstehung und Ablauf des Inquisitionsprozesses gegen ihn. Das Buch liefert somit vor dem Hintergrund des Wirkens Galileis – und dabei insbesondere vor seiner selten betrachteten Kosmologie – sowohl einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der neuzeitlichen Kosmologie als auch eine Analyse der noch heute nachwirkenden Auseinandersetzungen zwischen Galilei und der Kirche.
Um das ganze ein wenig zu präzisieren, gebe ich noch gern schlagwortartig einen kurzen Überblick über den Inhalt der einzelnen Kapitel:
Im ersten Teil des Buches geht es zum Zwecke der Einordnung der galileischen Leistungen in den entsprechenden wissenschaftshistorischen und –philosophischen Kontext um den allgemeinen Wandel kosmologischer Weltmodelle. Dabei wird mit der Kosmologie am Anfang des 21. Jahrhunderts begonnen, um mit dem heutigen Stand der Forschung im Hinterkopf die historischen Positionen bezüglich ihrer Aktualität beurteilen zu können. Die wesentlichen Aspekte hierbei sind die Allgemeine Relativitätstheorie als Grundlage der modernen Kosmologie, das Kosmologische Prinzip und das kosmologische Standardmodell. Anschließend wird ein Blick auf die Anfänge der Kosmologie in der griechischen Antike geworfen. Schlagworte hier sind die vorsokratischen Naturphilosophen, das eudoxische Sphärenmodell, Platon und Aristoteles sowie das ptolemäische Weltbild. Als Abschluss des ersten Teils findet als chronologische Hinführung zu Galilei eine Beschäftigung mit der Kosmologie im Mittelalter statt.
Der zweite Teil des Buches dreht sich um Galilei und die Auflösung des antik-mittelalterlichen Kosmos. Als entscheidender Schritt dabei wird die Auflösung der Fixsternsphäre als ein Schritt in Richtung Unendlichkeit gesehen. Neben Galilei selbst liegt in diesem speziellen Fall das Augenmerk auch auf Cusanus, Digges und Bruno. Als nächstes folgt eine kurze Darlegung der Entwicklung des heliozentrischen Systems mit dem Schwerpunkt auf Kopernikus, Brahe und natürlich Galilei. Als wesentlicher und elementarer Punkt für die Zerstörung des antiken Weltbildes wird darüber hinaus auch die Astronomie Galileis gesehen, weswegen eine eingehende Beschäftigung mit diesem Themenbereich (Teleskop, Mond, Planeten und Sterne) folgt. Anschließend wird die Entwicklungslinie der „neuen“ Erd- und Himmelsphysik von Galilei und Kepler zu Newton aufgezeigt.
Der dritte Teil des Buches handelt von der Rolle Galileis als (vermeintlichem?) Märtyrer der modernen Wissenschaft. Das Verhältnis Galilei-Kirche wird näher beleuchtet, indem die Entwicklung von den ersten Konflikten über das Einschreiten der Inquisition bis hin zum Inquisitionsprozess beschrieben wird. Abschließend wird über Galileis Rehabilitation geschrieben, die neben der Bestätigung des Kopernikanischen Weltbildes auch eine Beschäftigung mit Johannes Paul II. nötig macht. Mit der Bearbeitung der Frage, wer in der Auseinandersetzung im „Recht“ war bzw. wer die „Schuld“ trägt, endet der Hauptteil.
Abschließend kann ich nur sagen: kaufen! ;-)
Die Theodizee: Möglichkeit und Wirklichkeit von Hirngespinsten
Eines der bekanntesten und kontroversesten Bücher von dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz ist seine Theodizee. Sie trägt den langen Titel "Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels" und ist 1710 in Amsterdam erschienen. Hautsächlich ist sie motiviert durch eine Auseinandersetzung mit dem aufklärerischen "Dictionnaire historique et critique", das Pierre Bayle einige Jahre zuvor veröffentlicht hat. Diese Auseinandersetzung fand nun weniger zwischen Leibniz und Bayle statt, als vielmehr zwischen Leibniz und der Königin Sophie Charlotte von Hannover.
Wie Leibniz in einem Brief schreibt, ist die Theodizee aus Konversationen und Schriftstücken zwischen ihm und der Königin hervorgeganen. Sein Hauptanliegen war es dabei, die Königin von der Nichtigkeit der Einwände von Bayle zu überzeugen. Nachdem die Könin unerwartet gestorben war, formte Leibniz -- wohl auch zum literarischen Andenken an die von ihm sehr geschätzte Sophie Charlotte -- aus den Schriftstücken die Theodizee. Deswegen wirkt das Werk auch weniger systematisch und gleicht eher einer wilden Aneinanderreihung ähnlicher Argumente.
Inhaltlich argumentiert Leibniz in der Theodizee natürlich für die Welt als die beste aller möglichen Welten. Um diese These zu verdeutlichen: Nach Leibniz ist in der Welt in der wir leben das meiste Glück und das wenigste Unglück realisiert! Ich brauche wohl nicht weiter darauf einzugehen, dass es dabei um eine sehr kontraintuitive These handelt. Obendrein reicht es Leibniz schon aus, Hirngespinste als Argumente für diese These gelten zu lassen. So erwidert er etwa dem Einwand, das Übel überwiege auf der Welt, mit einem Hinweis auf die Möglichkeit uns unbekannter aber intelligenter Kreaturen irgendwo im Universum, die die Quote des Glücks nach oben korrigierten. Er erklärt explizit, dass man diese Tatsache nicht beweisen könnte. Die Wahrheit einer solchen Möglichkeit spielt für ihn also keine Rolle.
Leibniz als der Philosoph der großen Vernunftprinzipien denkt dabei natürlich daran, dass die Möglichkeit als solche schon ausreichend ist für ihre Wirklichkeit. Denn nach Leibniz kann der perfektionistische Gott nicht anders, als die beste aller möglichen Welten zu realisieren. Demnach reicht ihm jedes Hirngespinst als Argument für seine Theodizee, solange nur die Quantität von Glück erhöht wird.
Was ist Liebe?
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Wenn LIEBE das wäre, was jeder sich darunter vorstellt (nach Gutdünken), wäre Liebe zugleich ein wandelbarer Begriff, schlimmer noch ein reiner RELATIVISMUS. Dies ist ein inflationärer Gebrauch des Wortes, welcher der WILLKÜR (im modernen Sinne) Tür und Tor öffnet.
Wenn nun jemand sagte: Liebe sei für ihn, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen, ohne ihnen auf irgendeine Art verpflichtet zu sein, was mögliche Schwangerschaften impliziert - würden wir ihm zustimmen resp. ihn gewähren lassen? Überdem hätte dies strafrechtliche Konsequenzen. Dafür, dass man liebt, darf man nicht bestraft werden. Da aber nun dieser besagte jemand für sich Liebe so bestimmt hat, dass er mit möglichst vielen Frauen schlafen kann, ohne denselben irgend verpflichtet zu sein, mögliche Schwangerschaften eingeschlossen, dürfte er, weil er ja auf diese Weise liebt, nicht dazu verurteilt werden, Alimente zu zahlen u. dgl. m. Auch aus ethischen Gesichtspunkten ist dies abzulehnen: es widerstreitet nämlich unseren INTUITIONEN, so namentlich in ethischen Fragen von großer Bedeutung sind, ja nicht außen vor gelassen werden dürfen.
Gleichwohl ist Liebe fürwahr ein nicht völlig fest zu umreißender Begriff, da die unter demselben subsumierten Inhalte mannigfaltig (was auf die Verbindung einander in vielfältiger Hinsicht widerstreitender und dem Bewusstsein nur begrenzt zugänglichen KOGNITIONEN wie EMOTIONEN zurückzuführen ist), indes nicht beliebig sind.
Um die These, Liebe müsse jeder für sich definieren, (zugegebenermaßen redundanterweise) ad absurdum zu führen: Liebe wäre sonach ebenso wohl als HASS bestimmbar - welche Begriffe einander widerstreiten*; überdem würde dies dazu führen, dass wir uns nicht mehr über Liebe miteinander unterreden könnten - da jeder etwas anderes darunter verstünde.
Zunächst einmal ist der Begriff der LIEBE von dem des VERLIEBTSEINS resp. der VERLIEBTHEIT abzugrenzen. Letztere beide sind spontane wie kurzweilige und, im Falle der Erwiderung, angenehme Rauschzustände, so zwar, dass namentlich die eigene Libido im Mittelpunkt des Blickpunktes steht. Des ungeachtet kann dies freilich Grundlage einer sich noch zu entwickelnden partnerschaftlichen Liebe sein, dies indes lediglich problematisch, nicht apodiktisch.
Überdem geht gilt es freilich, zwischen LIEBE im wörtlichen und solcher im übertragenen Sinne zu unterscheiden. So ist die Liebe zu einem DING niemals mit der zu einem LEBEWESEN vergleichbar; diejenige zu einem TIER nicht mit derjenigen zu einem MENSCHEN; ferner diejenige zu einem Verwandten nicht mit derjenigen zu einem Freund; endlich diejenige zu einem Partner nicht mit irgendeiner anderen überhaupt.
Die Gemeinsamkeit - und hier allererst finden wir ein erstes, obzwar verschwommenes, positives Charakteristikum - besteht in einer tiefen Verbundenheit zum OBJEKT der Liebe. Es erhellt aber hieraus: dass die Liebe zum Ding nicht gleichzusetzen sei mit derjenigen zum Lebewesen insofern, als das Ding Liebe nicht erwidern, ja überhaupt nicht zu haben (im weitesten Sinne) vermag. Liebe trifft nicht nur sein Objekt, vielmehr spiegelt sie sich darin und daran und wird reflektiert (man hüte sich vor dem Missverständnis, dies mit Erwiderung gleichzusetzen!). Allein dies ist nur bei Lebewesen möglich. Liebe ist ein Entwurf des entis-cogitantis-agentis** auf seine Möglichkeiten hin, das zu werden, was es sein will, d. i. ein Werden aus inneren Beweggründen, nämlich der unfreien Freiheit***, welche demselben, als in sein Sein geworfen, eignet.
Dies vom Ding zu behaupten, wäre völlig verfehlt. Das Ding kann sich nicht auf Möglichkeiten hin entwerfen, um das zu werden, was es sein will, da ihm solche abgehen. Weder ist es der Liebe, welche demselben entgegengebracht werden, zugänglich, noch kann es dieselbe ablehnen, weder kann es sich hingeben noch kann es sich verweigern.
Hingegen ist das Tier in der Lage, tatsächlich Objekt der Liebe zu sein insofern, als es der Liebe zugänglich ist, d. i. es kann sich hingeben oder verweigern. Überdem kann es die Liebe gar erwidern, allein es kann sie nicht aus sich selbst heraus zuerst zeugen, so demselben keine Freiheit eignet. Dieweil dem Menschen als ens-cogitans-agens** eine unfreie Freiheit*** eignet, ist das Tier wesentlich unfrei. Die Liebe, welche es seinen Jungen entgegenbringt, ist vorherbestimmt; diejenige, welche es einem Menschen entgegenbringt, ist lediglich eine erwiderte Liebe, so es sie nämlich durch den Menschen zuerst erfahren hat, d. i., der Mensch hat zuerst dem Tier die Liebe entgegengebracht, welche das Tier nun nicht einzig als Objekt spiegelt und reflektiert, sondern zugleich erwidert.
Was aber endlich nicht einzig Objekt bzw. erwiderndes Objekt der Liebe sein kann, sondern zugleich auch Liebender i. S. eines Subjektes, welches , als ens-cogitans-agens, ebenso wohl Liebe aus sich selbst heraus allererst zu zeugen vermag, ist der Mensch, wie er sich im ANDEREN darstellt. Einzig der Mensch vermag SUBJEKT und OBJEKT der Liebe zugleich zu sein, da demselben als einziger Entität, als in sein Sein geworfen, die unfreie Freiheit*** eignet, sich auf seine (individuellen) Möglichkeiten hin zu entwerfen, um das zu werden, was er sein will. Der Mensch ist gleichsam immer im WERDEN begriffen, so zwar, dass er nicht gewählt hat, zu werden, dabei aber doch nicht stets passiv bleibt.
Was aber ist diese tiefe Verbundenheit? Ich antworte: Sie ist eine KORRELATION aus KOGNITIONEN und EMOTIONEN, die sich in besonderer Weise dem Objekt zuwenden. Am stärksten findet dies statt, wie wir gesehen haben, zwischen zwei entibus-cogitantibus-agentibus**. Namentlich ist von Liebe zu sprechen, wenn (was, wie ich unumwunden zugestehe, ein idealisierter Fall ist - dafür befinden wir uns hier freilich in thesi, nicht in praxi) nicht egoistische Absichten der Befriedigung der eigenen Libido, sondern altruistische, d. i. dem Anderen zu geben, was er braucht, um glücklich zu sein, im Vordergrund stehen. Inwieweit dies tatsächlich statthatt, überdem in welchem Maße, muss freilich unausgemacht bleiben. Genauso wie in Kants Moralkonzeption ist hiebei der Unterschied zwischen thesi und praxi zu beachten. Wir können natürlich (im wörtlichen Sinne) nicht feststellen, inwiefern unsere Maximen unabhängig von Neigungen (persönlichen Präferenzen usf.), d. i. egoistisch motiviert sind, zumal dem Bewusstsein nur eine begrenzte Zahl der Entscheidungsprozesse überhaupt zugänglich ist.
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*Eine HASS-LIEBE im wörtlichen Sinne kann es nicht geben; vielmehr handelt es sich hiebei um Liebe in einem leicht differenten Sinne: Die einander widerstreitenden KOGNITIONEN und EMOTIONEN tun dies in einem außergewöhnlich starken Sinne und sind dem Bewusstsein zugänglicher als für gewöhnlich.
***unfreie Freiheit: Das ens-cogitans-agens, als in sein Sein geworfen, hat nicht gewählt, frei zu sein, d. i. es hat sich nicht auf seine individuellen Möglichkeiten hin entworfen, um das zu werden, was es sein will; vielmehr ist demselben Freiheit auferlegt, es ist, könnte man sagen, zur Freiheit verdammt.
Überdem kann es sich nur auf seine individuellen Möglichkeiten hin entwerfen, d. i. auf diejenigen, welche ihm, als in sein Sein geworfen, überhaupt gegeben sind. Somit lässt sich ohne Widerspruch sagen: Dem enti-cogitanti-agenti eignet eine unfreie Freiheit.
Verzweifelt nicht man selbst sein wollen und verzweifelt man selbst sein wollen

Etwa auf den heutigen Tag vor 159 Jahren erschien Kierkegaards Buch "Die Krankheit zum Tode" (dänischer Titel "Sygdommen Til Døden"). Wenn man Kierkegaard etwas aufmerksamer liest stellt man schnell fest, dass er häufiger in seinen Texten sich wiederholende Phrasen als rhetorisches Mittel einsetzt. Auch in diesem Buch ist das oft der Fall und in den Wiederholungen bringt er zwei wichtige Begriffe seiner Philosophie auf den Punkt, nämlich das Selbst und die Verzweiflung.
Das Buch beginnt gleich im ersten Abschnitt mit einer vielzitierten Passage über das menschliche Selbst -- diese Stelle ist auch auf der abgebildeten Manuskriptseite im untersten Abschnitt zu sehen.
"Der Mensch ist Geist. Was aber ist Geist? Der Geist ist das Selbst. Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist dasjenige am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält"
Das Interessante an dieser Stelle ist -- und nach Ernst Tugendhat ist Sören Kierkegaard einer der ersten Philosophen, der diesen Punkt überhaupt in Worte gefasst haben -- dass der Mensch sich zu sich selbst verhalten kann. Dabei bestimmt Kierkegaard das menschliche Selbst nicht als etwas Gegenständliches sondern als ein Verhältnis, in dem man sich zu sich selbst verhält. Und um es genau wiederzugeben: Das Selbst ist das Dass dieses Verhältnisses. Ein solches Verhältnis ist etwa der Umgang mit sich oder die Aneignung von sich bei einer Handlung. Es ist Sören Kierkegaard ein großes Anliegen in seiner Philosophie die ethische Relevanz dieses Selbstverhaltens herauszuarbeiten.
Gemeint mit der Krankheit zum Tode ist die Verzweiflung (dän. "Fortvivlese") und diese bringt Kierkegaard auf die folgende Formeln: "Verzweifelt nicht man selbst sein wollen" und "Verzweifelt man selbst sein wollen". Verzweifelt ist man, da man sein eigenes Ideal nicht loswerden bzw. erreichen kann. Im ersten Fall möchte man nicht derjenige Mensch sein, der man eigentlich ist. Im zweiten Fall möchte man ein anderer Mensch sein, ein selbst erdachtes Ideal. Beides ist nach Kierkegaard nicht möglich, denn im Sichzusichverhalten verhält man sich stets gegenüber etwas Zukünftigem. Martin Heidegger würde hier vom Entwurf des Daseins sprechen und dieser Wurf ist nach vorne gerichtet, also in die Zukunft.
Die Frage nach Sinn als Eröffnung der Horizonte einer umfassenden Philosophie (3): Der Weltbegriff
 Der folgende Text, vorläufig als zehnter Paragraph eingeordnet, handelt von dem Weltbegriff, der für eine umfassende Philosophie eine conditio sine qua non darstellt. Inwiefern und an welcher Stelle in der Gesamtabhandlung er sich in den Kontext einbetten lassen wird, wird sich im weiteren Verlaufe meiner Arbeit noch ergeben müssen.
DER WELTBEGRIFF
Welt ist überhaupt nicht, vielmehr ist alles Seiende zusammengenomen Welt. Welt begegnet uns als entes-cogitantes-agentes in jedem Seienden einschließlich uns selbst. Wir stehen nicht isoliert von allem anderen Seienden da und verstehen uns imgleichen nicht, wie schon Heidegger in seiner Vorlesung "Die Grundbegriffe der Metaphysik" aus dem Wintersemester 1929/30 die philosophische Tradition (wie ich sage: spätestens) seit Descartes kritisiert, zunächst wesentlich und notwendig aus uns selbst heraus; vielmehr definiert sich jedes Seiende als es selbst durch Abgrenzung zu dem übrigen Seienden seiner Umgebung - besser: Mitwelt -, d. i., erst dadurch, dass es nicht alles andere Seiende ist, ist es es selbst. Sonach findet ebenfalls der Vollzug des Sich-als-sich-selbst-begreifens invers zu der von der Tradition behaupteten Weise statt. Dazu aber muss dem enti-cogitanti-agenti das andere Seiende, das es nicht selbst ist, zugänglich sein, und zwar auf eine tiefere - oder besser: unmittelbarere - Weise als in der Form der bloßen Erscheinung. Wenn Kant sagt, die Dinge der Welt (man beachte, dass hier ein anderer Weltbegriff vorausgesetzt wird) seien uns bloß zugänglich, wie sie uns erschienen, was nicht als Schein i. S. einer Täuschung aufzufassen sei, so sind sie uns doch zugänglich, wie sie sind, nämlich als Mit-Seiende; ein Seiendes an sich - oder wie Kant sagt: das Ding an sich - ist unmöglich, weil es zugleich für sich isoliert und unzugänglich sowie mit-seiend sein müsste, was sich widerspricht. M. a. W.: Jedes Seiende müsste mitweltlich und weltlos sein. Allein erst dadurch, dass alles Seiende mit-ist, hebt es sich voneinander ab und wird (für uns als entes-cogitantes-agentes) jeweils als Individuum bestimmbar bzw. (metaphorisch gesprochen) zeichnen sich seine Konturen ab.
§4 Der Sinn des Seins des ens-cogitans-agens und das Paradoxon der unfreien Freiheit
Der folgende Text stellt eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines Abschnittes (die Paragrapheneinteilung ist ebenfalls neu) meines bereits auf diesem Weblog veröffentlichten Textes "Die Frage nach Sinn als Eröffnung der Horizonte einer umfassenden Philosophie" dar. Namentlich der Begriff der Freiheit wird hier näher erläutert, der wesentlich für die Bestimmung des Sinns des Seins des Menschen als ens-cogitans-agens, d. i. als ein Seiendes, das ist, indem es denkt und handelt, mithin stets im Werden begriffen ist, von Bedeutung ist.
§4
Wie wir den Begriff der Freiheit nun bestimmt haben, müssen wir gleichsam ein Paradoxon erkennen: Unsere Freiheit, so scheint es, ist eine unfreie. Wie aber kann Freiheit unfrei sein? Zunächst einmal ist Freiheit uns auferlegt, ja man kann sagen: wir sind, als in unser Sein geworfen, zur Freiheit verdammt. Dass Freiheit aber niemals absolut sein kann, erhellt daraus: dass sie nämlich, wäre sie absolut, d. i. vollkommen unbedingt, ein bloßes Begriffsspiel wäre und wir von ihr, selbst wenn sie uns eignete, keinen Gebrauch von ihr machen könnten, denn sie wäre etwas Leeres. Hier allererst wird deutlich, warum wir oben stets von individuellen Möglichkeiten gesprochen haben. Wir sind nämlich nur insofern frei, als wir uns auf diejenigen Möglichkeiten hin entwerfen können, welche uns, als in unser Sein geworfen, gegeben sind. Mithin können wir nunmehr ohne Widerspruch sagen: uns eignet eine unfreie Freiheit.
Ferner ist diese Konzeption, wie anzumerken ist, eine atheistische insofern, als kein Schöpfer benötigt wird, um Moralität zu rechtfertigen bzw. derselben Sinn zu verleihen, wie es die kantische Konzeption erfordert. Des ungeachtet darf hier nicht das Missverständnis auftreten, wir wollten hiemit zugleich vom Atheismus überzeugen, d. i. gleichsam gläubige Menschen gewaltsam von ihrem Glauben wegzerren. Dies liegt keineswegs in unserer Absicht; vielmehr soll bloß Moralität als religions- und politikunabhängig, d. i. für alle Menschen gleichverbindlich, dargetan werden, dass also jeder ganz ohne schlechtes Gewissen gegenüber seiner Glaubens- oder sonstigen Gesinnungsgemeinschaft diese lebensbejahende Philosophie annehmen könne, so er sich denn in den davon unabhängigen Aspekten überzeugt weiß.
Die Frage nach Sinn als Eröffnung der Horizonte einer umfassenden Philosophie (2)
Das Problem, das ich bei den drei genannten Philosophen resp. in dero Konzeptionen sehe, nimmt seinen Anfang bereits in den Wurzeln der abendländischen Philosophie. Dieweil die Einteilung der Entitäten (onta bzw. entia) in Dinge und Handlungen bei Platon noch unproblematisch bleibt, stoßen wir bei Aristoteles bereits auf die weniger unproblematische Verallgemeinerung, nämlich diejenige Einteilung in Substanz, als das Zugrundeliegende, und Akzidens, als die dem Ersteren zufällig anhaftende Eigenschaft. Dies geschieht in Analogie zu der grammatischen Unterscheidung von Subjekt und Prädikat als Satzteilen sowie von Nomen und Verbum als Wortarten, wodurch eine äußerst fragwürdige Verflechtung der traditionellen Ontologie mit linguistischen Bestimmungen hervorgegangen ist. Warum ist dies so problematisch? Es fragt sich zunächst einmal, was Sprache überhaupt sei. Fasst man sie als Medium auf, so bleibt zu fragen, ob, und wenn ja, inwiefern Sprache überhaupt als adäquates Mittel zur Wiedergabe dessen, was uns in, durch und mit der Welt begegnet. Es zeigt sich an dieser Stelle der enge und gleichsam unvermeidbare Zusammenhang zwischen Ontologie, Epistemologie und Sprachphilosophie. Was ist Sein? Ist Sein bzw. sind Seiende und wir gleichermaßen so beschaffen, dass wir Erkenntnisse über sie gewinnen können? Und falls ja, ist Sprache in der Lage, diese Erkenntnisse korrekt wiederzugeben, d.i., verhalten sich (vermeintliche) Erkenntnisse und Aussagen über dieselben äquivalent zueinander?
Diese Fragen, wofern nicht schon geschehen, werden sämtlich in der Folge zu beantworten sein. Wir wollen freilich vorher in kurzer Form die Antworten Kants, Heideggers und Sartres vorstellig machen, um gleichsam dero Schwächen aufzuzeigen und der These, sämtliche besagter Konzeptionen liefen auf einen Solipsismus hinaus, ein begründetes Fundament zu verschaffen. Allein wir haben vordem noch einen Schritt zu tun, als da wäre: einen Blick auf die der Antike folgende abendländische Tradition zu werfen, bevor wir uns der uns wesentlich obliegenden Aufgabe zuwenden können.
[Fortsetzung folgt]
Die Frage nach Sinn als Eröffnung der Horizonte einer umfassenden Philosophie
Widmen wir uns zunächst der Frage, welche die Bedingungen der Möglichkeit von Sinn sind. An dieser Stelle ist en detail zu fragen: Besteht die Bedingung der Möglichkeit von Sinn in der Zwecksetzung, der tatsächlichen Zweckerfüllung oder gar in beiden? Findet Zwecksetzung aktiv oder auch passiv statt? Zunächst scheint es, dass Zwecksetzung zwar die notwendige, Zweckerfüllung aber allererst die hinreichende Bedingung der Möglichkeit von Sinn sei. Dies ist allerdings bei genauerer Betrachtung unplausible, ja es widerstreitet gar unseren Intuitionen. Führen wir zur Verdeutlichung folgendes Beispiel an. Jemand setzt sich als Zweck seiner Handlung die Rettung eines Menschen aus einem brennenden Haus. Auf Grund des starken Rauches und des Feuers, das den Weg zu dem Stockwerk, in welchem sich der in Not befindliche Mensch befindet, versperrt, gelingt es ihm jedoch nicht, diesen zu retten, d.i., seine Handlung hat ihren Zweck verfehlt resp. nicht erfüllt. Würden wir sagen, seine Handlung sei sinnlos gewesen? Sicherlich nicht. Das Problem besteht hier wie in vielen Fällen darin, dass die Erfüllung (beziehungsweise die Möglichkeit derselben) eines gesetzten Zweckes für uns unabsehbar ist. Die hinreichende Bedingung für die Möglichkeit von Sinn kann folglich nicht in Zweckerfüllung, sondern lediglich in deren Vorstufe, d.i. in derselben notwendigen Bedingung, nämlich Zwecksetzung bestehen. Wäre aber Zweckerfüllung allererst hinreichende Bedingung der Möglichkeit von Sinn, wäre es völlig verfehlt, nach der Motivation ethischer Handlungen zu fragen, weil wir in zu vielen Fällen keinen Sinn (!) darin sähen, sittlich zu handeln. Noch weniger kann Zweckerfüllung die notwendige Bedingung der Möglichkeit von Sinn sein, da dies besagtes Problem noch in einem höheren Grade aufwürfe - was wir intuitiv ablehnen.
Es deuten sich uns nunmehr zwei ontologische Horizonte an. Der eine besteht in der Frage, welchen Entitäten überhaupt Sinn zugesprochen werden könne; der andere darin, wie sich Sinn ontisch verhalte. Meine These bezüglich ersterer Frage lautet: Sinn kann nur Handlungen zugesprochen werden. So mag es zwar zunächst scheinen, als könnten wir auch anderen Entitäten, in concreto: Gegenständen, Sinn zusprechen. Allein hiebei handelt es sich um alltagssprachliche Verwirrung. Betrachten wir das Beispiel eines Hammers. Wir können alltagssprachlich, worin uns niemand widerspräche, sagen: Der Hammer erfüllt den Zweck, mit demselben Nägel in ein Brett, eine Wand usf. zu schlagen. Sehen wir indes genauer hin, entdecken wir, dass zwar nicht unmittelbar, dafür aber mittelbar, d.i. über den Gegenstand, tatsächlich Handlungen Sinn zugesprochen wird, und zwar sowohl auf die mit dem Hammer möglichen Handlungen als auch die Herstellung desselben. Was bedeutet dies? Die Herstellung des Hammers, d.i. eine Handlung, erfüllt den Zweck der Eröffnung des Horizontes der Möglichkeit des Nägeleinschlagens mit demselben. Oder allgemein: Ein Gegenstand wird hergestellt, um den Horizont der Möglichkeiten von (bestimmten) Handlungen (mit demselben) zu eröffnen.
Was die zweite Frage anlangt, wie sich nämlich Sinn ontisch verhalte, so müssen wir hier eine allgemeine These vorausschicken: Es muss unterschieden werden zwischen zwei unterschiedlichen Formen des Seins von Seienden. Zum einen gibt es Seiende, die "sind", indem sie "existieren"; ich behalte das Verbum "existieren" denjenigen Seienden vor, welche sich materialisieren. Zum anderen gibt es Seiende, die lediglich "sind", indem sie "inhärieren" - nämlich dem menschlichen Denken. Dies trifft auf alle Abstrakta zu, die nirgends anders in der Welt als in unserem Denken angetroffen werden können. Dazu zählen beispielsweise Wahrheit und Sinn. Sie "sind" zwar, insofern sie unserem Denken inhärieren und gleichsam mit uns in der Welt sind, allein sie sind nicht sinnlich erfassbar, d.i. sie materialisieren sich nicht (physiktheoretische Annahmen wie Antimaterie einmal ausgeklammert). Sinn, Wahrheit usf. konstituieren sich allererst in Relation zu ... und in Abhängigkeit von ..., und zwar innerhalb unseres Denkens. Hieraus erhellt ferner, dass, wenn wir auch einer Handlung Sinn zusprechen, dieser sich nicht auf die durchgeführte Handlung, weder in deren Verlaufe noch nach deren Abschluss, beziehen kann, sondern sich auf unser intentioniertes Denken rückbezieht. Dies meint, die Handlung, wie sie sich innerhalb unseres Denkens gestaltet, hat Sinn, nicht die physikalisch realisierte. Denn wie wir oben festgestellt haben, kann nur die Zwecksetzung, welche sich augenscheinlich nur im Denken ereignen kann, Bedingung der Möglichkeit von Sinn sein. Verschwände die Menschheit, verschwände auch, wofern es keine anderen (vernünftigen) Wesen gibt, die danach zu fragen vermögen, Sinn sowie alle anderen Abstrakta überhaupt. Zwar ist von unserem Standpunkt aus das Fortgehen von Zwecksetzung durch das von uns als "Natur" Bezeichnete denkbar (!), allein wir legen nur Zwecksetzung und -erfüllung in die Natur hinein, wie Kant u.a. in seinem Traktat "Zum ewigen Frieden" deutlich machte, weil wir nicht anders zu denken in der Lage sind. Insofern wir nun Zwecksetzung in die Natur hineinlegen, tun wir dies zugleich mit Sinn in Bezug auf die Ereignisse. Daraus folgt, um eine weitere der oben aufgeworfenen Fragen zu beantworten, dass die Zwecksetzung immer aktiv stattfindet, obzwar es uns bisweilen so vorkommen mag, als wären wir gegen die Zwecksetzung (und -erfüllungen) der Natur, welche tatsächlich unsere eigenen, da von uns hineingelegt, sind, passiv.
Wenn Sinn nun, wie wir gezeigt haben, Handlungen zugesprochen werden kann, ist es möglich, die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt zu beantworten. Zu sein nämlich, ist die conditio sine qua non des Vermögens, überhaupt handeln zu können. Handeln zu können wiederum bedingt das Vermögen, sich Zwecke setzen und, um mit Heidegger zu sprechen, sich auf seine Möglichkeiten hin entwerfen zu können, d.i. zu werden. Es ist unmöglich, nicht zu handeln; etwas zu unterlassen, bedeutet, ebendies zu tun, d.i. zu handeln. Gleichsam ist es unmöglich, nicht zu werden; ein starres Sein wäre ein sinnloses, weil es keine Horizonte der Bedingung der Möglichkeit von Handlungen eröffnete. Wir sind sonach, wie Sartre sagt, für unser Handeln vollständig verantwortlich, wiewohl wir als in unser Sein geworfen nicht dafür verantwortlich sind, verantwortlich zu sein, denn zu sein haben wir nicht gewählt. Innerhalb unseres Seins indes wählen wir uns auf unsere Möglichkeiten hin, wir setzen uns Zwecke für unsere Handlungen, die unserem Sein Sinn verleihen. Der Sinn des Seins des Daseins besteht ergo letztlich darin, sich Zwecke zu setzen, um das zu werden, was es sein will. Somit sind wir also durch die Verantwortung für unser Handeln genauso verantwortlich für den Sinn unseres Lebens. Innerhalb seines Seins kann sich jedes Dasein, obzwar nicht unbegrenzt, dafür aber auf seine individuellen Möglichkeiten hin entwerfen und kann keinem anderen Dasein daraus einen Vorwurf machen. In ethischer Hinsicht muss allerdings mit Kant eingewandt werden: diese Freiheit darf nur so weit gehen, als sie mit der jedes anderen zusammenstimmt, d.i. derselben keinen Abbruch tut. Denn für sein Handeln vollständig verantwortlich sein, das meint nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf jedes andere Dasein bezogen Verantwortung zu tragen, ja durch die Freiheit des Sich-wählens zu übernehmen. Der Sinn ethischen Handelns folglich besteht wiederum darin, die Freiheit des einzelnen Daseins, sich auf seine Möglichkeiten hin zu entwerfen, um das zu werden, was es sein will, zu gewährleisten, wenngleich es auf Grund ebendieser Freiheit möglich ist, dass ein Dasein ein anderes in dero Freiheit einschränkt. Hier tritt im Übrigen kein Widerspruch ein, wenn wir sagen, dass das Dasein sich auf seine Möglichkeiten hin entwerfe, um das zu sein, was es will. Denn ebendas ist Segen und Fluch desselben zugleich: Es erstarrt nicht, um Sartres Terminologie zu verwenden, aus dem Für-sich in ein An-sich; vielmehr wird es immer wieder feststellen, dass es, wenn es das geworden ist, was es sein wollte, etwas anderes sein will - denn ebendies ist Sinn seines Seins, dass es sich auf seine Möglichkeiten hin entwerfe, mithin immer im Werden begriffen sei. Einzig der Tod verhindert, dass sich dieser Prozess ad infinitum fortsetzt. Ob das Dasein nun mit dem Tode zum An-sich erstarre, ob es trotz des physischen Todes weiter "ist", läuft auf metaphysische Spekulation hinaus, welcher wir uns nicht hingeben wollen. Ferner ist diese Konzeption, wie anzumerken ist, eine atheistische insofern, als kein Schöpfer benötigt wird, um Moralität zu rechtfertigen bzw. derselben Sinn zu verleihen, wie es die kantische Konzeption erfordert.
Kopernikus, "sein" Prinzip und die Rezeption...
Im Folgenden möchte ich mich ein wenig eingehender mit dem aktuellen Beitrag des Quantenmechanikers Joachim Schulz von WISSENSlogs auseinandersetzen und gleichzeitig Nikolaus Kopernikus und sein Werk näher vorstellen.
Der Grund meiner Untersuchungen sind (teilweise) die einmal mehr festzustellenden Ungenauigkeiten bzw. Vereinfachungen, die in oben genanntem Beitrag wie auch grundsätzlich häufig anzutreffen sind, wenn von (zweifelsohne guten) Fachwissenschaftlern oder -journalisten über (relativ fachfremde) wissenschaftshistorische Aspekte gesprochen wird (diese Unkenntnis möchte ich Schulz nicht unterstellen). Allerdings ist auch mir klar, dass aus Gründen der einfachen bzw. schnellen Wissensvermittlung Abstriche in der Detailtiefe gemacht werden müssen. So will ich meinen Beitrag weniger als Kritik, sondern vielmehr als Ergänzung verstanden wissen.
Schulz bezieht sich in seinem Blog auf das Kopernikanische Prinzip und jüngste Bestrebungen der experimentellen Überprüfung aus der Zeitschrift Physical Review Letters.
Hierbei ist - vor einer wissenschaftshistorischen Analyse der kopernikanischen Leistung - zuallererst festzustellen, dass Schulz allem Anschein nach das Kopernikanische Prinzip mit dem Kosmologischen Prinzip gleichsetzt. Er schreibt gleich zu Beginn, dass das Kopernikanische Prinzip die „Annahme [sei], dass wir nicht an einem besonderen Punkt im Universum (dem Zentrum) leben, sondern der Kosmos von jedem Punkt gleich aussieht“. Der erste Teil ist nun zweifelsohne Bestandteil des Kopernikanischen Prinzips, das besagt, dass wir uns an keiner ausgezeichneten Stelle im Universum befinden. Die Homogenität (bzw. auch Isotropie) des Universums, auf die Schulz auch noch einmal im letzten Absatz verweist, ist allerdings eindeutig Bestandteil des Kosmologischen Prinzips. Meines Erachtens darf eine Gleichsetzung dieser beiden Prinzipien nicht geschehen, die im Übrigen auch hinsichtlich der Formulierung unterschiedliche Entstehungsgeschichten haben: das Kosmologische Prinzip wurde 1935 durch Milne und das Kopernikanische Prinzip 1952 von Bondi „ins Leben gerufen“.
Schulz schreibt, die Ablehnung, die Kopernikus hinsichtlich seines heliozentrischen Modells (Anm.: das nicht neu war, vgl. z.B. das Modell von Aristarch von Samos in der Antike) entgegengebracht wurde, sei „nicht nur aus religiösen Motiven“ entstanden. An diesem Punkt gibt es mit Sicherheit Diskussionsspielraum, doch in meinen Augen müsste man eher sagen, „auch“ aus religiösen Motiven – war das bis zu Kopernikus vorherrschende aristotelisch-ptolemäische Modell unseres Universums doch (u.a.) stark auf die Aristotelische Elementenlehre gestützt, aus der sich der Mittelpunkt der Erde im Universum als Konsequenz der Physik ergibt. Und obschon es eine enge Verbindung zwischen Aristotelismus und Religion (Christentum) gab, war es doch, wie auch bei Galilei, vor allem die aristotelisch geprägte Wissenschaftsgemeinde, die sich gegen die Neuerungen stellte – und an ihr klebend und sich auf sie berufend auch Vertreter der Kirche. Hier scheint auch wieder der Mythos von Kopernikus als dem großen Revolutionär aufzutauchen (vgl. zum Folgenden auch hier):
Nikolaus Kopernikus ist aber bei genauerer Betrachtung weit weniger ein Revolutionär, als es der erste Eindruck und die nach ihm benannte „Kopernikanische Wende“ vermuten lassen. Wie tief Kopernikus (einerseits) im antiken Gedankensystem verwurzelt war, zeigt sich mit Blick auf seine Beweggründe, die ihn letztendlich dazu veranlassten, der Erde eine Bewegung um die Sonne und um die eigene Achse zuzuschreiben. Er war tief vom eudoxisch-platonischen Axiom der gleichförmigen Kreisbewegung überzeugt und stieß sich in Folge dessen insbesondere an der Notwendigkeit des Ausgleichspunktes im ptolemäischen Modell. Der Beseitigung von Ausgleichspunkt und Ausgleichskreis räumte er fortan oberste Priorität ein. Für Kopernikus, der seine Konzeption im Gegensatz zum kinematisch-mathematischen Charakter des ptolemäischen Systems als Beschreibung der realen Verhältnisse verstand, ist die Entfernung der Erde aus dem Weltmittelpunkt dabei keine a-priori-Bedingung, sondern Resultat rationaler Überlegungen. Auf diese Weise wurde mit Kopernikus aus dem Planetensystem ein Sonnensystem.
Der Heliozentrismus sah sich seit der Antike einer Reihe von Einwänden ausgesetzt, die lange Zeit seine Akzeptanz verhinderten – Schulz bezieht sich vor allem auf die fehlende Parallaxe. Bereits die Alten Griechen erklärten die Bewegung der Erde als kaum nachvollziehbar, da man beispielsweise ansonsten auf der Erde enorme Winde feststellen müsste. Ebenso könne ein von einem Turm oder senkrecht in die Luft geworfener Stein nicht im Lot auf den Boden fallen. Für die Erklärung, dass die Erde die gesamte Luft mitsamt den fallenden Steinen mit sich führt, fehlte das entsprechende Verständnis des Trägheitssatzes. Ein weiterer Aspekt, der gegen die Erdbewegung sprach, war eben das Fehlen einer Fixsternparallaxe. Sollte die Erde nicht ruhen, müsste bei den Fixsternen eine scheinbare Bewegung festzustellen sein. Diese Messung gelang jedoch erst 1838 Friedrich Willhelm Bessel. Kopernikus schloss, was auch Schulz besonders hervorhebt, aus der nicht beobachteten Fixsternparallaxe korrekt, dass das Universum wesentlich größer sein musste, als bis zu diesem Zeitpunkt angenommen. Obschon sein Modell nicht mit der zu seiner Zeit geltenden (aristotelischen) Physik in Einklang zu bringen war, sah er nicht die Notwendigkeit einer (erst von Newton realisierten) neuen Physik. Er meinte, Modifikationen des bestehenden Systems reichten aus. In der Genese seines heliozentrischen Modells lassen sich zwei markante Stationen angeben.
Ungefähr 1510 – 1514 verfasst Kopernikus eine kleine Schrift, „Commentariolus“, in der er in sieben Sätzen die Grundzüge seines Weltmodells vorstellt. Im „Commentariolus“ nimmt Kopernikus einige Modifikationen des ptolemäischen Modells vor. Die ptolemäische Exzenter- und Ausgleichsbewegung eines Planeten wird durch zwei Epizykeln ersetzt, die gleichförmig rotieren. Der Mittelpunkt M1 des ersten Epizykels umkreist die Sonne, die das (unbewegliche) Zentrum des Universums ist. Dieser Epizykel ersetzt den Exzenter mit Zentrum M und bewegt sich wie der Deferent um E, jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Auf dem Epizykel bewegt sich der Mittelpunkt M2 des zweiten Epizykels mit dem Planeten P (einschließlich der Erde). Mit diesem sich mit doppelter Geschwindigkeit bewegenden Epizykel wird die Ausgleichsbewegung überflüssig. Wurde bei Ptolemaios noch eine scheinbare Verdoppelung der Exzentrizität erreicht, indem Exzenter- und Ausgleichspunkt im gleichen Abstand zum Kreismittelpunkt lagen, wird sie bei Kopernikus auf beide Epizykeln verteilt. Der Radius r1 des ersten Epizykels ist eineinhalb Mal so groß wie die Exzentrizität e des ptolemäischen Deferenten, der Radius r2 des zweiten einhalbmal so groß. Mit dem daraus resultierenden Verhältnis der Radien r1 : r2 = 3 : 1 kann praktisch dieselbe Bahn wie bei Ptolemaios erreicht werden.
In seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ verbessert Kopernikus seine im „Commentariolus“ dargelegten Überlegungen weiter. Der erste Epizykel verschwindet mit dem konzentrischen Deferenten und wird durch einen kinematisch äquivalenten exzentrischen Deferenten ersetzt. Der Grund für diese Modifikation ist die durch Kopernikus entdeckte Veränderung der Absidenlinie der Erde wie bei den übrigen Planeten. Somit stand der einheitlichen Darstellung durch Exzenterpunkte nichts mehr im Weg. Als Konsequenz dieser „Operation“ steht nun die Sonne nicht mehr exakt im Zentrum der Planetenbahnen, sondern auf einem Exzenterpunkt. Streng genommen handelt es sich also bei Kopernikus ebenso wenig um ein heliozentrisches Modell, wie bei Ptolemaios um ein geozentrisches.
Wenngleich Kopernikus immer noch mit Epizykeln und Exzenterpunkten arbeitete, benötigte er zumindest keine Ausgleichspunkte mehr. Sein Modell ist geometrisch gesehen einfacher als das des Ptolemaios, ohne jedoch hinsichtlich der Prognosen bessere Werte zu liefern. Ein eindeutiger Vorteil des kopernikanischen Modells gegenüber dem ptolemäischen System ist allerdings in der nun einfacheren Erklärung der scheinbar rückläufigen Planetenbewegungen zu sehen, die sich nun als ein durch die jährliche Rotation der Erde um die Sonne auftretender Effekt deuten lassen. Nach Kopernikus bewegt sich dabei die Erde schneller als die äußeren Planeten und langsamer als die inneren.
An dieser Stelle sei der Vollständigkeit wegen noch darauf hingewiesen, dass das kopernikanische Universum kugelförmig und endlich ist. Die Kugelförmigkeit hat ihren Grund zum Teil darin, „weil diese Form, als die vollendete, keiner Fuge bedürftige Ganzheit, die vollkommenste von allen ist, theils weil sie die geräumigste Form bildet, welche am meisten dazu geeignet ist, Alles zu enthalten und zu bewahren; oder auch weil alle in sich abgeschlossene Theile der Welt, ich meine die Sonne, den Mond, und die Planeten, in dieser Form erscheinen“ (Kopernikus, Nikolaus: De Revolutionibus. Hildesheim 1984, S. 7. Dt. Übers. nach Koyré, Alexandre: Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum. Frankfurt am Main 1980, S. 39.). Hinsichtlich eines möglicherweise unendlichen Kosmos verweist Kopernikus zwar auf die für diese Frage zuständigen Naturphilosophen, seine gesamte Konzeption zeugt jedoch von der Endlichkeit der Welt.
Kommen wir noch einmal zum Kopernikanischen Prinzip und der „Verlorenheit“ des Menschen und der Erde im Universum zurück – um den Rahmen hier nicht zu sprengen jedoch nur im unmittelbaren zeitlichen „Umfeld“ von Kopernikus (Vgl. zu einer ausführlichen Debatte über das Kopernikanische Prinzip: Jung, Tobias: Jenseits von Zentrum und Rand - Eine wissenschaftshistorische Untersuchung zur Entstehung und Entwicklung des Kopernikanischen und des Kosmologischen Prinzips, Beiträge zur Astronomiegeschichte 8, 2005, akzeptiert). Lässt man somit antike Diskussionen nun einmal außen vor, so sollte unbedingt auf Cusanus verwiesen werden, der knapp 100 Jahre vor Kopernikus über eine sich bewegende Erde (allerdings ohne Heliozentrismus) und die Unendlichkeit des Universums nachgedacht hatte. Um die Erde ihrer bevorzugten Stellung zu berauben, musste allerdings zunächst einmal die noch bei Kopernikus bestehende Fixsternsphäre aufgelöst werden. Neben den Arbeiten von Cusanus und vor allem Bruno zu einem unendlichen Universum ist es insbesondere Thomas Digges, der hier Bahnbrechendes leistet.
Mit Digges bekennt sich zum ersten Mal ein (bis auf die Frage nach der Unendlichkeit der Welt) strenger Vertreter des Kopernikanismus zu einem unendlichen Universum. Digges, der in England maßgeblich zur Verbreitung des heliozentrischen Weltbildes beigetragen hat, verwirft in seiner 1576 erschienenen Schrift „A Perfit Description of the Caelestiall Orbes“ die Vorstellung einer materiellen Fixsternsphäre. Digges übersetzte Kopernikus’ „De revolutionibus“ und fügte dabei etliche Zusätze an. Er erkannte dabei unter anderem, dass das kopernikanische Modell einer Fixsternsphäre nicht mehr bedurfte. Da die beobachtbare Bewegung der Fixsterne im heliozentrischen Modell nun auf die Eigenbewegung der Erde zurückgeführt werden konnte, bestand für Digges kein Anlass mehr, an der eine Einheit generierenden Fixsternsphäre festzuhalten.
Nachdem die Erde ihren bevorzugten Platz im Universum an die Sonne abtreten musste und das All in den verschiedenen Modellen durch immer bessere Instrumente größer und größer wurde, kam auch bald der Sonne kein besonderes Privileg mehr zu, sie war ein Stern unter vielen in der Milchstraße (Vgl. dazu insbesondere auch die wegweisenden Leistungen Galileis, mit dem Teleskop die Milchstraße in einzelne Sterne aufzulösen). Die Vertreibung des Menschen macht(e) allerdings auch hier keinen Halt, bedenkt man nur die Entdeckung der enormen Zahl an Galaxien(haufen) und die zeitgenössischen Debatten über Multi- und Paralleluniversen.
Die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaft (2)
Die zuletzt angesprochene verschieden geartete Dogmatisierung des aristotelischen Systems war ein maßgeblicher Grund dafür, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis (mit wenigen Ausnahmen) und das „Konzept“ der Naturwissenschaften über Jahrhunderte praktisch stagnierten. Was sollte nun zum Beginn der Neuzeit zu dem Wandel in der Wissenschaft führen, der schließlich eine Vielzahl von Einzelwissenschaften hervorbrachte und zu einem wahren Feuerwerk an neuen Einsichten führte? Die an so vielen Punkten vollzogene Abkehr vom Aristotelismus ging mit einer erneuten Zuwendung zum (Neu)Platonismus und dessen enormen Wertschätzung der Mathematik einher (Anm.: die Abkehr fand nicht in allen aufkommenden wissenschaftlichen Teildisziplinen statt. Die Biologie z.B. stand noch weitaus länger in der aristotelischen Tradition). Charakteristische Beispiele hierfür des 16. und frühen 17. Jahrhunderts sind Kopernikus, Galilei und Kepler (eine Besinnung auf Platon lässt sich in dieser Zeit in vielen Feldern beobachten, auch außerhalb der Physik). Werfen wir – um eine Fachdisziplin hervorzuheben – einen Blick auf die Kosmologie und Astronomie, so finden sich zum Beispiel, außer dem oben genannten Trio, mit Cusanus (15. Jahrhundert) und Bruno weitere Entwickler eines modernen Bildes unseres Universums, die unter dem Einfluss Platons standen.
Den Beginn der modernen Naturwissenschaft möchte ich nun kurz exemplarisch am Beispiel Galileis verdeutlichen, der oft auch als Begründer der modernen Physik genannt wird (vgl. dazu auch hier). Mit der galileischen Vorstellung von Naturwissenschaft wird ihre Emanzipation sowohl von Aristoteles als auch von der Philosophie im Allgemeinen weiter verstärkt. Noch zur Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert beschränkt sich die universitäre Ausbildung der verschiedensten (heutigen) naturwissenschaftlichen Teildisziplinen größtenteils auf die Rezeption der Kommentare zu den aristotelischen Werken und auf die Vermittlung der in der aristotelischen Tradition stehenden Arbeiten. Von diesem Hintergrund ausgehend ist ja das bis zum Beginn der Neuzeit hauptsächlich vorherrschende Ziel und einzige Verständnis von Wissenschaft zu erklären, durch ein geschlossenes System von Theorien die Erklärung der Ursachen zu erreichen. An diesem Punkt treten mit Galilei zwei Neuerungen ein, deren erste sich auf die vormals geforderte „Allumfassendheit“ bezieht. Wenngleich auch Galilei den (prinzipiellen) Wunsch einer einheitlichen Physik nicht verwirft, bietet er kein geschlossenes Theoriengebäude mehr an. Die neuen Erkenntnisse werden ihrer eigenen Wahrheit wegen für korrekt empfunden, selbst um den Preis, dass damit ein geschlossenes System nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Darüber hinaus kann mit Galilei eine in ihrer Wirkung bis heute anhaltende Verschiebung der primären Aufgabenstellung von (Natur)Wissenschaft festgestellt werden. Die seit der Antike vornehmliche Aufgabe der Ursachenforschung weicht nun der Suche nach Gesetzmäßigkeiten.
Zu diesem Zweck kommt es mit Galilei zu der die Entwicklung der Physik maßgeblich bestimmenden Verbindung von Naturphilosophie und Mathematik, gepaart mit dem Einsetzen von Experiment und Messung. Insbesondere in der Annahme der Mathematisierbarkeit der Naturphänomene und der Anwendung der Mathematik auf die Welt weicht Galilei deutlich von Aristoteles ab. Wenngleich die Aristoteliker die Korrektheit mathematischer Sätze nicht bezweifeln, gilt für sie die (zu abstrakte) Mathematik zur Beschreibung der Welt als unpassend bzw. ungenügend, da diese mit den tatsächlich anzutreffenden Erscheinungen nicht in Einklang zu bringen ist. Die (folglich nichtmathematische) Physik muss sich demnach, auf den Sinneswahrnehmungen beruhend, mit dem qualitativen Wesen der Natur beschäftigen. Galilei befindet sich dagegen, wie erwähnt, in der platonischen Tradition mit ihrer Wertschätzung der Mathematik, geht jedoch noch über Platon hinaus. Während Platon, von seiner Ideenlehre ausgehend, der Mathematik lediglich in ihrer idealen und reinen Form den Anspruch wahrer Erkenntnis zuschreibt, postuliert Galilei „die tatsächliche Realisierung der mathematischen Formen in der Welt“. So spricht Galilei auch von dem Universum als Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist und nur von dem verstanden werden kann, der diese Sprache beherrscht.
Auf einen konkreten Fall bezogen, der hinsichtlich seiner ontologischen Implikation von einer tiefgreifenden philosophischen Bedeutung ist, komme ich nun noch einmal auf das oben erwähnte „Wurfproblem“ der aristotelischen Physik zurück, um den Wandel bei Galilei und damit der Naturwissenschaft zu illustrieren. In seinen „Discorsi“ geht Galilei einen neuen Weg, indem er den Wurf als eine geometrisch zusammengesetzte Bewegung beschreibt, die aus einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung und der gleichförmig beschleunigten Fallbewegung besteht, wodurch eine Parabelbahn entsteht. Die hier maßgebliche Voraussetzung, dass ein Körper ohne Krafteinwirkung idealerweise eine geradlinig-gleichförmige Bewegung vollführen kann und eine Kraft zur Ablenkung benötigt, begründet das für die newtonsche und damit die moderne Physik fundamentale Trägheitsprinzip. Dieses fehlt sowohl in der aristotelischen wie auch in der Impetusphysik vollkommen, da dort die Bewegung einer Veränderung im Körper entspricht. Mit dem Trägheitsbegriff kann die Bewegung demnach, ebenso wie die Ruhe, ein Zustand sein, der auch von Dauer ist.
Am Beispiel Galilei können also weite Bereiche aufgezeigt werden, die für den Beginn der neuzeitlichen Physik und Naturwissenschaften allgemein charakteristisch sind: dies sind eine Abkehr von der aristotelischen Philosophie und eine Zuwendung zum Platonismus und der Mathematik – die Natur wurde mathematisiert. Gleichzeitig wurde zu Beginn der Neuzeit in Kauf genommen, dass es kein einheitliches, alles umfassendes physikalisches System mehr gab – wenngleich dieser „Makel“ mit Newton behoben wurde, der Galileis Erdphysik mit Keplers Himmelsphysik vereinte: der Fall des Steines gehorchte beispielsweise nun wieder den gleichen Gesetzen wie die Bewegung des Mondes. Die Suche nach mathematischen Gesetzen bedeutete einen weiteren Wandel, der das Selbstverständnis der Wissenschaften berührt: die Suche nach dem „Wie“ ersetzte die Suche nach dem „Warum“, unterstützt von systematischen Experimenten und Messungen. Das „neue“ Bild der Wissenschaften wird mit der an sie gerichteten Aufgabenstellung Bacons abgerundet, der in Wissenschaft keinen Selbstzweck mehr sieht, sondern Wissenschaft in den konkret messbaren Dienst der Menschheit gestellt sehen mag und deren praktischen Nutzen betont. An dieser Stelle kommt nun ein wenig Wehmut auf, sollte Wissenschaft damit unter das Diktat einer ausschließlichen Fortschrittskommerzialisierung geraten – die aristotelische Suche nach dem „Warum“ mag doch der stärkste Antrieb sein, der dem Charakter des Menschen als nach Wissen strebendem Wesen entspricht.
