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Was ist eigentlich aus der "romantischen Wissenschaft" geworden

Link: http://www.philohof.com/literaturwissenschaft/oliversacks_romantischewissenschaft.pdf

Was ist eigentlich aus der romantischen Wissenschaft geworden? Weiß da wer was?

Ich habe mich gerade - obenstehender Link - mit Oliver Sacks' faszinierendem Buch The Man Who Mistook His Wife For a Hat auseinander gesetzt - daher die Frage.

Für diejenigen, die den Ausdruck "romantische Wissenschaft" noch nicht gehört haben: Er stammt - in dem gemeinten Zusammenhang - vom russischen Neurologen Alexander Luria und ist vom amerikanischen Neurologen Oliver Sacks (bekannt geworden durch Awakenings, Buch und dann verfilmt) wieder aufgegriffen worden.

Romantische Wissenschaft meint nicht romantische Schwärmerei oder Gefühlsduselei, sondern die Wissenschaft des Konkreten. Herkömmliche rechnerische (computational) Wissenschaft fasst die Wirklichkeit auf, indem sie sie in ihre Einzelteile zerteilt und sie nachträglich wieder durch einen logisch-kalkulatorischen Prozess erneut zusammensetzt. Dadurch nimmt sie allerlei wahr, aber nie ETWAS, weil etwas immer etwas GANZES sein muss.

Oliver Sacks vergleicht die herkömmliche Wissenschaft mit Dr. P., einem Musikschullehrer, der aufgrund eines Gebrechens in der rechten Gehirnhemisphäre nicht mehr in der Lage ist, die Gesichter seiner Musikschüler zu erkennen. Er kann überhaupt keine Gesichter mehr erkennen, auch keine Landschaften, Szenen oder anderes Zusammengesetztes. Kein Problem hat er hingegen mit analytischer Wahrnehmung und logischem Denken. Sacks diagnostiziert, dass Dr. P. die Urteilskraft abhanden gekommen ist und er computer-like geworden ist. So beschreibt er einen Handschuh in gleichsam wissenschaftlicher Sprache als eine kontinuierliche Oberfläche mit fünf Ausstülpungen, doch er ist unfähig, in dem Gegenstand, den er vor Augen hat, einen Handschuh zu erkennen. Eine ähnliche Art der Wahrnehmung sieht Sacks in der modernen Neurologie und überhaupt in den cognitive sciences.

Was ist nun das Gegenteil dieses analytischen, zerlegenden Wahrnehmens? Es ist das Wahrnehmen von etwas als einem Ganzen, das Eigenschaften hat. Diese Eigenschaften oder Qualitäten können durchaus auch Quantitäten sein. Sacks bringt das Beispiel von 2 zahlenbegabten geistig zurück gebliebenen Zwillingen: Sie können bei einer Menge von auf den Boden gefallenen Streichhölzern mit einem Blick sehen, dass es 111 Stück sind. Das kann freilich nicht ein jeder Mensch, aber bei einem jeden Menschen, so Sacks, komme das konkrete Wahrnehmen vor dem Verständnis abstrakter Allgemeinbegriffe. Die phänomenale (oder phänomenologische) Wahrnehmung von Ganzheiten ist äußerst wichtig, weil sie uns zu(m Gefühl von) Realität verhilft. Realitätswahrnehmungen der abstrakt-schematischen Wissenschaft sind immer nur vermittelt, zwischen der Realität und uns stehen abstrakt-logische Konstruktionen. Romantische oder phänomenologische Wahrnehmung hingegen ist unmittelbar - in starken Farben und vielen Details lässt sie uns durch die wahrgenommene Informationsfülle bisweilen Dinge sehen, auf die das blaße, rekombinierte Bild, das die abstrakt-schematische Wissenschaft von der Realität erzeugt, uns nie gebracht hätte.

Nach Sacks lässt und romantische Wissenschaft, also die unmittelbare Wahrnehmung konkreter Ganzheiten bisweilen die Realität besser erkennen als die abstrakt-schematische Wissenschaft (die Sacks jedoch nicht abschaffen will, sondern er stellt sich ein friedliches Nebeneinander zwischen den beiden vor). Aber sie entspricht auch dem Menschen besser, weil konkrete Ganzheiten in der Gestalt von Bildern, Drehbüchern, Partituren und Erzählungen der Stoff seien, aus dem eigentlich unser brain's record bestehe. Tatsächlich ermöglichen es Geschichten schon kleinen Kindern, extrem komplexe und schwierige Zusammenhänge aufzufassen, obwohl sie zum Verständnis von abstrakten Allgemeinbegriffen noch nicht fähig sind. Sie bewerkstelligen diese schwierige Aufgabe, indem sie das Erzählte nicht über den Umweg abstrakt-logischer Analyse verstehen, sondern es in seiner Gesamtheit aufnehmen wie ein konkretes Ganzes.

Erzählungen bzw. die Wahrnehmung des Konkreten (auch etwas in bildlicher, zeichnerischer Form) verhelfen uns also zu einem Erkenntnis-Turbo, der durchaus ausreichen kann, damit ein Mensch mit einem sehr niedrigen Intelligenzquotienten in einem Bereich, in dem er zur konkreten Wahrnehmung talentiert ist, einen doppelt so gescheiten Menschen übertreffen kann.

Es stellt sich daher die Frage, wenn doch die romantische Wissenschaft ein solches Potential in der Erkenntnis hat, warum man sie in der Praxis so wenig miteinbezieht. Die Vermutung ist, wenn alle Menschen zur konkreten Wahrnehmung fähig sind, eine geringere Anzahl jedoch zur von der heutigen Wissenschaft geforderten abstrakt-schematischen Wahrnehmung, dass man in der Wissenschaft abstrakt-logische Diskurse bevorzugt, um den Großteil der Menschheit von wissenschaftlichem Wissen fernzuhalten. Das abstrakt-logische Denken ist gewissermaßen der gatekeeper zu etwas, was andere Menschen auch verstehen könnten, wenn man es ihnen nur in einer ein wenig anderen Form erklären würde.

ETWAS HAT BEDEUTUNG, WENN SEIN ZUSAMMENHANG

MIT BEREITS BEKANNTEM VERSTANDEN WERDEN KANN.

ETWAS, DAS PER DEFINITIONEM NICHT

MIT BEREITS BEKANNTEM IN ZUSAMMENHANG STEHT,

WIE ETWA GOTT, ICH ODER BEWUSSTSEIN,

KANN PRINZIPIELL NICHT VERSTANDEN WERDEN

UND IST DAHER BEDEUTUNGSLOS.

Philosophieren ist eine zutiefst religiöse Tätigkeit

Ich habe diesen Gedanken, wonach Philosophieren im Grunde eine zutiefst religiöse Tätigkeit ist, zuerst bei Fernando Savater gelesen, ihn aber damals nicht besonders ernst genommen, weil ich zu der Zeit noch sehr vom Gedanken der Aufklärung durchdrungen war. Erst jetzt merke ich immer mehr, wie viel da eigentlich dran ist.

Jetzt geht es freilich zuerst einmal darum, sich mit den verschiedenen Assoziationen auseinanderzusetzen, die mit dem Wort "religiös" verbunden sind, denn in ihrer Mehrheit treffen sie sicherlich nicht auf die Philosophie zu, damit die Gedanken nicht auf eine falsche Bahn gelenkt werden. So stellt man sich unmittelbar eine religiöse Tätigkeit immer verbunden mit Gott oder einer Gottesvorstellung vor. Das ist jedoch bei Philosophie nicht der Fall: Philosophie geht, wie Schopenhauer sagte, ihren Weg unabhängig vom Gängelband der Religion. Wenn also Philosophie eine Religion ist, dann ist es eine ohne Gott oder sie ist eine des Zweifels am Glauben an Gott.

Dann gibt es auch noch eine Religion, den Buddhismus, in dem man strenggenommen an nichts glaubt, an das Nirwana nämlich - und durch die religiöse Tätigkeit der Meditation zu der Erkenntnis zu kommen versucht, dass alles, was uns in diesem Leben hier auf Erden begegnet, nur eitler Trug ist und dass es darauf ankomme, innerlich leer zu werden und dadurch gewissermaßen die Weisheit fernöstlichen Typs zu erreichen. Dieser Religion hing im Grunde auch Schopenhauer an, ich denke aber nicht, dass sie Philosophie ist, auch wenn viele Menschen heute noch immer den fernöstlichen Weisen als einen Archetyp des Philosophen sich vorstellen.

Philosophie ist also weder der Glaube an Gott - und die daraus folgende religiöse Tätigkeit, der Anbetung z.B. - noch ist sie der Glaube an das Nichts. Sondern sie ist die lebendige Auseinandersetzung mit der Fülle der Dinge, die wir in unserem Leben vorfinden. Das ist doch aber nun etwas ganz Weltliches und Normales - warum also möchte ich dennoch von einer "religiösen Tätigkeit" sprechen? Ich möchte deshalb von einer religiösen Tätigkeit sprechen, um einen Aspekt der philosophischen Beschäftigung mit der Welt besonders zu betonen: Es ist das derjenige, dass der Philosophierende nicht einfach bloß zu einer Erkenntnis der Wahrheit kommen möchte, sondern er (oder sie) möchte dieser Wahrheit innewerden, möchte sie spüren, möchte sich selbst im Besitz oder in der Betrachtung dieser Wahrheit spüren. Freilich geht es mir, wenn ich das sage, nicht um die Anschauung der Wahrheit insgesamt, in einem esoterischen Sinne, sondern um die Wahrheit des konkreten Gegenstandes, mit dem man sich eben gerade beschäftigt. Eine solche philosophische Beschäftigung mit der Welt kommt in ihrer geistigen und emotionalen Intensität dem Gebet oder der Meditation nahe - aus dem Grund ist sie eine religiöse Tätigkeit. Sie ist da übrigens in demselben Sinne eine religiöse Tätigkeit wie künstlerische Tätigkeiten religiöse Tätigkeiten sind, da in ihnen ebenfalls das Element des Sich-Hineinversetzens in die Dinge eine zentrale Rolle spielt.

Und das wäre nun eigentlich eine Selbstverständlichkeit und gar nicht besonders erwähnenswert, wenn wir nicht heutzutage mit der modernen Wissenschaft einen mächtigen Gegenentwurf zur philosophischen Welterkenntnis hätten. Wissenschaftliche Erkenntnis besteht, man könnte sie fast so definieren, in Welterkenntnis ohne Selbsterkenntnis, in Wissen ohne Einbezug des Wissenden, also die Person, die etwas wissen soll. Sieht der Wissenschaftler also den um seinen Weltbezug ringenden philosophierenden Menschen, so wirft er ihm sofort Unwissenschaftlichkeit vor, selbst wenn dieser sich bemüht, logisch nachvollziehbare Argumentationen vorzulegen. Doch der wissenschaftliche Mensch spürt die Quelle dieser Argumentation, er spürt darin die religiöse Tätigkeit des Philosophierenden, der um das Innewerden von Wissen bemüht ist, und empfindet sie als Gefährdung der Wissenschaft.

Man muss bei diesem Gedanken wirklich betonen, wie schlecht die Philosophie in unsere heutige Zeit passt. Denn die Verausgabung des Menschen - mit Ausnahme von wirtschaftlichem und sportlichem Wettbewerb - erscheint uns heute mittelalterlich. Philosophieren ist aber Verausgabung des Menschen in der Erkenntnis an die Dinge. Eine Trennung der Tätigkeit von ihren Resultaten, so wie das der Vorschlag der Wissenschaft ist, ist im Fall der Philosophie nicht möglich. Die Wissenschaft hingegen hat ihr Pendant in der Wirtschaft, im Konsum nämlich, welcher uns Produkte zur Bedürfnisbefriedigung ohne Bedürfnisbefriedigung anbietet. Auch hier wirkt derselbe verkürzte Schluss wie in der Wissenschaft: So wie die Wissenschaftler sagen, sie hätten eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht und dann daran unmittelbar den Satz anschließen, "wir" wüssten dieses oder jenes jetzt - ohne sich über die fehlenden Zwischenglieder zwischen diesen beiden Sätzen Gedanken zu machen - ebenso bietet uns die Wirtschaft Artikel zur Bedürfnisbefriedigung an und meint, die Bedürfnisbefriedigung wäre damit schon gewährleistet.

Der Erfolg davon ist, dass wir unseren Kaffee in uns hineinsaufen, und wir schmecken nicht besonders viel von ihm, dass wir unsere Schnitzel in uns hineinfressen und die Schokolade dann hinten nachstopfen, dass wir mit unserem neuen Auto fahren, und es macht uns nicht besonders viel Spaß etc. Der Grund dafür ist, dass mit den Dingen in Kontakt zu treten und uns ihrer bewusst zu werden, eine zutiefst religiöse Tätigkeit ist. Deren Überflüssigkeit wird uns heute jedoch zugleich von einer Wissenschaft, der es nur auf die Wahrheit des Wissens ankommt, nicht aber auf die Hervorbringung guter Wissender, weisgemacht wie auch von der Wirtschaft, die uns mit "guten" und genussbringenden Dingen zuschüttet, ohne auf die Bedürfnisse des Menschen zu achten.

Permalink 10.05.10    2 Kommentare »

Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse (mehr)!

Gerhard Schurz’ Einführung in die Wissenschaftstheorie (Darmstadt 2006) zufolge ist die Wissenschaftstheorie „jene Wissenschaftsdisziplin, welche die Funktionsweise wissenschaftlicher Erkenntnis untersucht, ihre Zielsetzungen und ihre Methoden, ihre Leistungen und ihre Grenzen“ (S. 11). Mit einem Wort, man könnte den Eindruck gewinnen, dass man von der Wissenschaftstheorie etwas über die Wissenschaft erfährt.

 

Die Hauptfragen der allgemeinen Wissenschaftstheorie nach Gerhard Schurz  (die speziellen Wissenschaftsheorien sind auf einzelne Disziplingattungen bezogen) sind nun folgende:

 

„(i) wie ist eine wissenschaftliche Sprache aufgebaut?

(ii) was sind die Regeln für die Gültigkeit eines Arguments?

(iii) was zeichnet eine wissenschaftliche Beobachtung aus?

(iv) worin besteht eine Gesetzeshypothese, und worin eine Theorie?

(v) wie werden Gesetzeshypothesen und Theorien empirisch überprüft?

(vi) was leistet eine wissenschaftliche Voraussage, was eine Kausalerklärung? […]

(vii) gibt es eine objektive Wahrheit bzw. eine objektiv erkennbare Realität?

(viii) welcher Zusammenhang besteht zwischen Wissenschaft und Werturteilen?“ (ebd. S. 11)

 

Ich habe mich in den letzten Monaten – seit September 2009 – intensiv mit dem Thema Wissenschaft beschäftigt, habe viel über das Thema gelesen und mit WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen aus dem größeren Bereich der sog. Lebenswissenschaften gesprochen, und mein Eindruck ist, dass das überhaupt nicht die Hauptfragen bezüglich der Wissenschaft sind. Im Gegenteil hat sich aus meinen Forschungen eigentlich eine gewisse Unzuständigkeit der Wissenschaftstheorie in Fragen der Wissenschaft ergeben bzw. sogar die Überzeugung, dass ein Ernstnehmen der Fragen der Wissenschaftstheorie den Menschen in seiner geistigen Orientierung bezüglich der Wissenschaft in die Irre führt.

 

Das ist nun nicht das Hauptergebnis und auch nicht das einzige Ergebnis dessen, worum ich mich da mehr als ein halbes Jahr lang bemüht habe, aber aus meiner Sicht doch ein äußerst wichtiger Punkt. Der Grund für die Unzuständigkeit der Wissenschaftstheorie für die Wissenschaft (wenn die Wissenschaftstheorie so aussieht, wie sie durch die oben stehenden Fragen entworfen wird) ist der, dass sie sich ausschließlich auf der Sachebene bewegt und die Fragen nach der sozialen Verfasstheit von Wissenschaft außer Acht lässt. Wenn man hingegen soziologische Fragen mit einbezieht, kommt man nicht vorbei an jener Voraussetzung, die auch Sandra Beaufays (in ihrem Buch: Wie werden Wissenschaftler gemacht?) macht, nämlich: Es gibt keine wissenschaftliche Leistung unabhängig von der Anerkennung dieser Leistung. „Wissenschaftliche Leistungen allein garantieren niemandem, dass diese auch anerkannt werden.“ (Wie werden Wissenschaftler gemacht? S. 29) Die oben aufgeführten Fragen vermitteln jedoch den gegenteiligen Eindruck: Sie tun so, als wäre z.B. ein Argument bereits wissenschaftlich, wenn man nur die Regeln für die Gültigkeit eines Arguments beachtet. Das ist aber falsch! Der Knackpunkt ist, man muss zuerst WissenschaftlerIn sein, damit das Argument, das man vorbringt, überhaupt die Chance hat, wissenschaftlich zu sein. Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass man in der Wissenschaft bereits drinnen sein muss, um hineinzukommen.

 

Es ist das wahrscheinlich ein für soziale Organisationen und in-groups gar kein so seltenes Paradoxon. Kein Grund also zur Aufregung. Trotzdem noch einmal für die Langsamen: Es geht nicht darum zu sagen, dass Gerhard Schurz mit seiner Darstellung der Wissenschaftstheorie Unrecht hat. Nein, die Fragen, die er auflistet, sind tatsächlich stichhaltig. Aber sie stellen sich erst dann, wenn man in der Wissenschaft schon drin, im Wissenschaftsbetrieb schon drin ist. Die eigentliche Antwort auf die Frage, was Wissenschaft ist, ist daher nicht eine auf die von Schurz angeführten Fragen, sondern es ist die Antwort auf die Frage, wie man in die Wissenschaft hineinkommt. Denn man muss ja erst einmal hineinkommen in den Betrieb der Wissenschaft, um dann eine wissenschaftliche Leistung zur Beurteilung vorlegen zu können, die letzten Endes entweder angenommen oder als unwissenschaftlich abgelehnt wird. Und wie kommt man nun in die Wissenschaft hinein? Nun, das kann, wie es aussieht, je nach Fach schwierig aber auch bis hin zu ziemlich leicht sein. Das Hineinkommen – so der Eindruck meiner letzten Monate – ist also nicht unbedingt das Problem. Aber: Die wissenschaftlichen Fächer sind grundsätzlich auf lebenslange (universitäre) Karrieren hin angelegt. Und: Je nach Organisationsgrad unterschiedlich muss man in den organisierteren Fächern versprechen oder glaubhaft machen, dass man länger im Wissenschaftsbetrieb bleibt. Ob man dann auch bleiben darf oder vom Betrieb hinausgeworfen wird, ist eine wieder eine andere Frage.

 

Aber: Ob ein Argument wissenschaftlich oder eine Leistung wissenschaftlich ist oder überhaupt sein kann, ergibt sich zuerst einmal nicht aus der wissenschaftlichen Qualität dieses Arguments oder dieser Leistung selber, sondern aus der Tatsache, dass man bereits im Wissenschaftsbetrieb mitarbeitet (denn erst dann kann man eine Leistung vorlegen, die überhaupt angeschaut wird). Ob man aber in den Wissenschaftsbetrieb hineinkommt und drin bleibt, ist abhängig vom dauernden Versprechen (einmal versprechen genügt nicht), für längere Zeit, also für Jahrzehnte im Wissenschaftsbetrieb zu bleiben. Es ist nun nicht nur so, dass die forschende Person sich durch dieses dauernde Versprechen eigentlich in eine starke und permanente persönliche Abhängigkeit begibt, die dem Streben nach wissenschaftlicher Objektivität nicht gut bekommen kann, sondern dieses „Versprechen zu bleiben“ ist doch eigentlich auch ziemlich weit weg vom ursprünglichen Gedanken, dass es bei der Wissenschaft um Wahrheitsfindung geht. Es geht in der Wissenschaft nicht um Wahrheitsfindung (bzw. erst später, auf einer anderen Ebene), sondern darum, in einen Kreislauf aus Anerkennung und Leistung hineinzukommen, der sich immer weiter dreht. Denn durch Leistung bekommst du Anerkennung, aber zuerst brauchst du Anerkennung, damit man dir die Möglichkeiten gibt, etwas zu leisten. Und wenn dieser Kreislauf abreißt, bist du wieder draußen.

 

Wissenschaftliche Leistung besteht also nicht darin, etwas gemäß den wissenschaftlichen Regeln zu tun, sondern vor allem anderen besteht sie in einem lebenslänglichen commitment, in einer lebenslangen Selbstverpflichtung, Wissenschaftler zu bleiben. Und diese lebenslange Selbstverpflichtung ist nicht akzidentiell, sie ist kein Nebenprodukt, sondern sie ist substantiell, um überhaupt in jenes Forum der Wissenschaft hineinzukommen, in dem es möglich ist, wissenschaftliche Leistungen zur Beurteilung vorzulegen. Diese Einsicht gilt es nun weiterzudenken, und da ergibt sich: Es gibt keine wissenschaftliche Erkenntnis (als Handlung)! Wenn jemand in ein Labor kommt und dort an einem wissenschaftlichen Projekt mitarbeitet, welches es dann auch bis zur Publikation in einem wissenschaftlichen Journal bringt – hat er (oder sie) dann eine wissenschaftliche Erkenntnis gemacht, eine wissenschaftliche Leistung erbracht? Nach der Definition der klassischen Wissenschaftstheorie (jener von Gerhard Schurz) vielleicht schon, aber in Wirklichkeit eigentlich eher nicht. Eine wissenschaftliche Leistung besteht nicht alleine, eine wissenschaftliche Leistung besteht aus einem wissenschaftlichen Lebenswerk – und wenn jemand nicht bereit ist dazubleiben, um sein gesamtes Leben der Wissenschaft zu widmen, dann hat er eigentlich auch keine wissenschaftliche Leistung erbracht, selbst wenn er eine erbracht hat. Verstanden?

 

Es ist ja nun nicht so, dass man sich das, was ich hier vorbringe, nicht ohnehin so oder so ähnlich vorstellen könnte, wenn man die Welt, in der wir leben, betrachtet. Ich rede hier halt nur ein bisschen „realistischer“, während Gerhard Schurz „idealistischer“ über Wissenschaft redet, d.h. ich ziehe ein paar mehr Faktoren mit ein, während er und die Wissenschaftstheorie sich nur rein ausschließlich auf das Inhaltliche beschränken. Es ist andererseits auch nicht verwunderlich, dass Schurz in seiner Einführung in die Wissenschaftstheorie so schreibt, wie er schreibt: Das hängt zusammen mit unserer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft (Luhmann), mit der in ihr vorherrschenden abstrakten, analytischen, „computational“ Vernunft, welche alles in Funktionen zerlegt und so auch die wissenschaftlichen Funktionen von den sie ermöglichenden organisationellen Umständen trennt. Mit einem Wort: Sobald man sich heute in etwas (z.B. die Wissenschaftstheorie) vertieft, kann man sicher sein, dass man kein ganzes Bild von der Sache mehr bekommt.

 

Nun gut, wer hat nun Recht über die Wissenschaft: mein eher soziologischer Ansatz oder der wissenschaftstheoretische von Schurz? Antwort: weder-noch. Das ist eine Frage der Ebene, auf der man diese Frage beantworten will. Und hier würde ich folgende Tatsache zu bedenken geben: Ja, aber die Wissenschaft lebt doch bis heute in ihrem Ansehen bei den gewöhnlichen Leuten immer noch davon, dass diese meinen – ganz so wie in der Wissenschaftstheorie – man müsse eine Erkenntnis nur den wissenschaftlichen Regeln gemäß durchführen und allein dadurch sei sie automatisch wissenschaftlich. Das macht bis heute die Attraktivität der Wissenschaft aus: Dass ein jeder Mensch, der bereit ist, mit Vernunft an die Sache heranzugehen und sich an bestimmte Regeln zu halten, mitmachen darf. Es hat sich in der Öffentlichkeit noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass das nicht der Fall ist, sondern dass man sich lebenslang zur Zugehörigkeit zu einer Zunft (wie bei einem religiösen Orden) bekennen muss, um wissenschaftlich arbeiten zu dürfen. Wenn sich dieser Gedanke einmal durchsetzt und tatsächlich verstanden wird, dann wird die Wissenschaft viel von ihrem gegenwärtigen Ansehen verlieren. Und von einer wissenschaftlichen Erkenntnis wird man dann nicht mehr denken, dass sie eben eine ist, die rational kontrolliert und methodologisch richtig gemacht worden ist, sondern man wird bei wissenschaftlichen Erkenntnissen sofort missverstehen, dass das solche sind, die aus großen Organisationen herauskommen und dass sie deshalb diese Form haben, die sie haben und so formuliert sind, wie sie es sind, weil sie von „Beamten“ dieser Organisation hervorgebracht worden sind, welche darauf angewiesen sind, ihr Leben lang in der Wissenschaft zu verbleiben, anderenfalls sie sich am freien Arbeitsmarkt als „Überqualifizierte“ vorfinden.

Der spektakuläre Spiderman als philosophische Fiktion

Link: http://www.youtube.com/watch?v=RiCXVz3wSUw

Auf meinem Frageweg nach Wissenschaft, Macht und Organisationen komme ich an den verschiedensten Figuren vorbei. Ich interessiere mich für den russischen Mathematiker Grigori Perelman, für Manuel Uribe Garza, den ehemals dicksten Mann der Welt – und nun auch für Spiderman. Das Interesse für Spiderman im Zusammenhang mit der Frage nach der Wissenschaft ist ja nicht verwunderlich, sind in den Spiderman-Comic nicht nur fast alle Superschurken verrückte Wissenschaftler (Dr. Otto Octavius, Norman Osborn, Adrian Toomes, Red Skull), sondern es entstehen eigentlich fast alle Superhelden wie Superschurken in diesen Comic aus wissenschaftlichen Experimenten. Die meisten entstehen durch den biogenetischen Rekombinator von Dr. Curt Connors (ich beziehe mich jetzt auf die Spiderman-Fernsehserie aus dem Jahr 1994): Dr. Connors selbst mutiert zu einer Echse, Mac Gargan zu einem Skorpion und der Student Michael Morbius zu einer menschlichen Fledermaus mit Vampirappetit auf Menschenblut. Überhaupt kann man sagen, dass das damals eine in Bezug auf die Folgen und Wirkungen von Wissenschaft sehr optimistische Zeit gewesen ist: Beinahe aus jedem Experiment oder jedem misslungenen wissenschaftlichen Versuch entsteht in den Spiderman-Comic ein Superheld oder ein Superschurke. Dass ein Mensch, der von irgendwelchen Strahlen erwischt wird oder in eine Flüssigkeit aus Chemikalien fällt einfach nur verletzt, verstümmelt oder tot ist, passiert dagegen nie.Wie dem auch sei, jedenfalls fand ich heraus, dass man die gesamte Spiderman-Fernsehserie auf youtube anschauen kann – und tat das auch: alle 5 Staffeln. Und was mir dabei insbesondere auffiel, war: die besondere Machtlosigkeit oder Ohnmacht von Spiderman. Diese hängt wohl damit zusammen, dass Menschen sich vor Spinnen fürchten und deshalb auch Spiderman unter den New Yorkern wenig Fans gewinnt, obwohl er dreimal am Tag die Stadt rettet. Demgegenüber steht jedoch das dauernde Geschwafel von Macht, die Spiderman, alias Peter Parker, angeblich habe, angeführt der Aussage von Parkers (verstorbenem) Onkel Ben: „Wer große Macht hat, hat auch große Verantwortung.“ (auf Englisch: „With great power comes great responsibility.“)Diese Diskrepanz oder Dissonanz in meiner Wahrnehmung, wenn ich die Spiderman-Folgen auf deutsch anschaue, wird wohl daher kommen, dass das englische „power“ auf deutsch sowohl „Kraft“ wie auch „Macht“ heißt. Aber Spiderman hat nun mal große – übermenschliche – Kräfte, dafür aber keine Macht. Um dieses Durcheinander zu entwirren, hilft auch keine Etymologie, denn Macht bezeichnet genauso ein Vermögen wie Kraft, sondern nur der aktuelle Gebrauch des Wortes im Deutschen, und da würden wir eben einfach sagen: Wenn Superman super-powers hat, dann hat er Superkräfte, aber auf keinen Fall Supermächte.Was also ist „Macht“ – im Deutschen? Nun, es scheint damit etwas zu tun haben, ob man Macht über Menschen hat, ob einem viele Menschen freiwillig oder auch gezwungenermaßen folgen. Und so kann jemand durchaus große Macht haben, der keine große Kraft, also keine Power hat, etwa eine schöne Frau, der jeder Mann gerne helfen möchte, um in den Genuss ihrer Nähe zu kommen. Bei Spiderman wären das etwa Felicia Hardy und Mary Jane Watson. Eine zweite Möglichkeit ist Reichtum: Auch hier ist wieder Felicia Hardy zu nennen, die in der Fernsehserie aus einer reichen Familie stammt, ebenso Norman Osborn (der grüne Gnom) als Eigentümer oder Geschäftsführer des großen Unternehmens Oscorp, dann der reiche Schurke Wilson Fisk (The Kingpin), und in der Fernsehserie ist auch Adrian Toomes (Der Geier) ein reicher Unternehmensleiter. Die dritte Möglichkeit ist, dass jemandem Macht zugestanden wird, indem man sich ihm unterwirft und ihm dient, weil dieser Mensch oder diese Person aufgrund von Stärke oder Macht gefährlich und bedrohlich ist. Das ist gewissermaßen der klassische Machtmodus im Verbrecherbereich. In der Spiderman-Fernsehserie etwas dient der begnadete Roboterbauer Alistair Smythe dem Kingpin, und Hammerhead dient Kingpins Konkurrenten, dem alten sizilianischen Paten Silvermane.Wie groß respektive klein die Macht Spidermans hingegen ist, zeigt sich, wenn sich die Frage stellt, wo er hingehen kann, wenn er Hilfe braucht: Das sind im Wesentlichen nur zwei Personen, nämlich Dr. Connors, dem Spiderman mal geholfen hat, als er zur Echse mutierte, und Joseph „Robbie“ Robertson, die rechte Hand von J. Jonah Jameson, dem Herausgeber der Tageszeitung „The Daily Bugle“, der aus irgendeinem Grund eine positive Meinung über Spiderman hat. J. Jonah Jameson hingegen, als Zeitungsherausgeber der Chef von Peter Parker, hasst die Spinne und will Spiderman zur Strecke bringen.Es gibt nun eine Folge in der Fernsehserie von Spiderman, in der die Verwirrung und Verwechslung von Macht und Kraft besonders deutlich zutage tritt, und zwar ist das New Spiderman Animated Staffel 4, Folge 11, „Der Streuner“. In ihr tritt Hobie Brown, ein armer Afroamerikaner, auf, der vom Kingpin einen Kampfanzug erhält als Gegenleistung dafür, dass er im Gefängnis Kingpins Sohn vor einem Anschlag auf dessen Leben gerettet hat. Schon von Anfang an geht es los in dieser Folge mit dem Thema Macht: Hobie ist der Meinung, er müsse Macht besitzen, um aus der Gegend, in der er in New York wohnt, rauszukommen. Iceberg, der Gangsterchef, dem er dient, sagt ihm: Wer die Macht habe, mache die Regeln. Und als der dem Kingpin gegenübersteht und dieser ihn fragt, was er wolle für die Rettung seines Sohnes, sagt Hobie, er wolle Macht. Aber was er vom Kingpin bekommt, ist freilich keine Macht (im Sinn des deutschen Wortes), sondern Kraft, Kräfte – mit dem Kampfanzug kann er alles Mögliche: schießen, fliegen, klettern, er ist auch kugelsicher etc. Das Dumme ist nur, dass ihm der Kingpin über den Anzug Stromstöße versetzen kann – und das geht wiederum einher mit des Kingpins Parole, es sei schön, Macht zu kontrollieren (die fatal an politische Slogans erinnert: „Macht braucht Kontrolle“).Am Ende wird Hobie Brown, der sich in seinem Kampfanzug als „Der Streuner“ (The Prowler) bezeichnet, mit der Hilfe von Spiderman dieses vermaledeite Ding glücklicher Weise wieder los, und es gibt ein sehr rührendes und kitschiges Ende, an dem Hobie verspricht, von nun an nur noch die Macht zu wollen, seinen eigenen Körper und sein eigenes Leben zu bestimmen, aber auch das ist freilich wieder nur ein weiterer Übersetzungsfehler von „power“ zu „Macht“. Doch kommt man dadurch auf den Gedanken, dass das Lebenskonzept von Spiderman/Peter Parker auf derselben Verwechslung von Konzepten beruht, nur halt ohne Übersetzungsfehler, weil er wahrscheinlich im Original auf englisch und also nur in der ungeteilten Kategorie von „power“ denkt. Was er aber denkt, ist dass er große Macht hat und deshalb große Verantwortung, während er in Wirklichkeit (wenn er das deutschsprachige Konzept von „Macht“ kennen würde), gänzlich keine Macht hat. Große Kräfte, ja, aber überhaupt keine Macht. Und wenn er das erkennen würde, vermutet man, würde er wohl seinen Spiderman-Anzug ausziehen und ihn höchstens mehr heimlich und zum Spaß anziehen, weil er ja dann auch sehen würde, dass sein Weltrettungsengagement als Superheld ihm unter den Menschen keine Fans einbringt, ihm also keinerlei Macht einträgt, sondern eher im Gegenteil: Jede seiner Aktionen wird verdächtigt, in Wirklichkeit Böses zu beabsichtigen.Einen gewissen Endpunkt erreicht diese Phantasie in einer Folge, in welcher Spiderman weitermutiert und zu einer hässlichen Spinne wird. Hier ist sozusagen der absolute Nullpunkt aller Macht für ihn, denn es ist klar: Mit seinem hässlichen sechsbeinigen Spinnenkörper könnte er was auch immer Gutes für die Menschen tun, sie würden ihn dennoch nur als ein Monster ansehen und ihn abknallen. Daraus folgt, man kann den Menschen nur Gutes tun, wenn man einigermaßen adrett und sozial akzeptabel aussieht. Zum Glück wird Spiderman dann wieder in seine menschliche Form zurückverwandelt. Auch wenn er also seinen Spiderman-Anzug ausziehen und nur noch als Peter Parker durchs Leben gehen würde, wäre er machtlos, weil Peter Parker ein armer Student ist, der fortwährend um ein paar Dollar kämpft, die er dringend zum Leben braucht. Aber dann wäre er zumindest seine Identität als Spiderman los, die ihm zwar wohl Kräfte einbringt, aber fortwährend Macht kostet, weil sie ihm keine Sympathien bei den Menschen gewinnt. Die einzige Möglichkeit, wie er als Spiderman Macht gewinnen könnte, wäre, er würde zum Superschurken. Denn als Schurke dürfte man genetisch mit einer grauslichen Spinne verwandt sein und fände dennoch Menschen, die einem dienen und zuarbeiten. Als Superheld hingegen darf man nicht grauslich oder hässlich sein und auch nicht mit grauenerregenden Tieren verwandt. Der schöne und spießige Superman funktioniert in der Hinsicht viel besser als Spiderman. Genau deshalb ist er aber auch für die philosophische Reflexion uninteressant. Spiderman hingegen ist ein höchst wertvolles Thema für eine philosophische oder ethische Phantasie über das Wesen der Macht – und zwar deshalb, weil er nicht nur keine hat, sondern weil er eine Superheldenidentität hat, die ihm fortwährend Macht kostet und ihn ohnmächtig und allein dastehen lässt, wie konstruktiv und hilfreich anderen gegenüber auch immer er sich verhält.

Permalink 05.05.10    2 Kommentare »

Verloren unter Namen. Oder: Warum man nicht mit gebildeten Menschen auf ein Bier gehen soll

Vorgestern saß ich beim Bier mit zwei Freunden, von diesem Erlebnis habe ich mich immer noch nicht erholt. Die  beiden kannten einander noch nicht, ich habe sie zusammengebracht, das hätte ich vielleicht nicht tun sollen. Der eine war, so wie ich, Universitätslektor in Polen gewesen und hat vor zwei Wochen seinen Doktor in Philosophie gemacht. Den anderen, einen Maler, kenne ich noch nicht solange. Nun, es ist so: Solange ich mit einem der beiden alleine rede, schaffen sie es noch, mit mir zu reden und mich ins Gespräch miteinzubeziehen, aber sobald wir zu dritt waren, gaben sie sich einem Spiel hin, das sie offenbar beide ganz besonders lieben, nämlich dem des Name droppings.

Und sowas macht mich wahnsinnig. Dabei ist es nicht nur der Verdacht der Angeberei, der mir dieses beliebte Spiel belesener und "kultivierter" Menschen unsympathisch macht, sondern auch jener, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden, ohne dass man imstande wäre, es zu überprüfen. Ich wäre jedoch nicht so müde geworden (seelisch), wenn ich überhaupt mitgekriegt hätte, was sie sagen wollten, also worum es ihnen eigentlich ging. Um Mitternacht (also nach 4 Stunden Gespräch) begehrte ich auf und kündigte an, nach Hause zu gehen, weil mir ihr Gespräch nichts gab. Danach beschäftigten sie sich noch eineinhalb Stunden mit mir Spielverderber, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Wahrscheinlich werde ich die beiden jetzt längere Zeit nicht sehen, aber ich denke immer noch, dass ich Recht habe: Wenn man in einem Philosophieseminar in der Universität nichts versteht und das, was der Vortragende sagt, meilenweit an einem vorbeigeht, dann ist das in einem gewissen Sinne normal, aber wenn ich mit Freunden beim Bier sitze, dann will ich mich eigentlich schon wohlfühlen, dann sollte das eine seelische Stärkung sein und keine Schwächung.

Dabei ist dieses Erlebnis, das ich vorgestern durchkosten musste, bis mir die Biersäure bei den Ohren rauskam, doch ein häufigeres bei philosophieinteressierten Menschen. Ich hatte es nur schon lange nicht mehr gehabt und war deshalb so vor den Kopf gestoßen gewesen. Deshalb lohnt es sich wohl, über die Gründe und Ursachen nachzudenken, die meine beiden Freunde zu ihrem aus meiner Sicht absolut unzufriedenstellenden Gesprächsstil bewegt haben. Gründe und Ursachen lassen sich sicherlich auf verschiedenen Ebenen finden, aber ich vermute mal, dass sie mit dem herrschenden Bild von Philosophie in unserer Gesellschaft zusammenhängen - und das ist sozusagen auch der Punkt von allgemeinerem Interesse, der irgendjemandem hier in dieser Blog community interessieren könnte -, von dem sich meine beiden Freunde jeweils ein größeres Stück für sich selber abgeschnitten haben, während ich mich im Laufe meiner Entwicklung ziemlich radikal von ihm freigemacht habe.

Es fielen in unserem (unserem?) Gespräch Namen von Philosophen, Autoren literarischer Werke, Komponisten und Künstler aus verschiedenen Epochen der Kulturgeschichte, aber hinter dieser Redeweise steckte doch ein gemeinsames Konzept von Philosophie, Literatur, Kunst, Kultur etc., das aus zumindest zwei Elementen besteht:

1) Philosophie, Literatur, Kunst, Kultur etc. sind (jeweils) ein Ganzes
2) und sie bestehen außerhalb von uns einzelnen Menschen.

Diese beiden Elemente implizieren ein notwendig unvollkommenes Modell der Teilhabe (des Menschen an Philosophie, Literatur etc.), das umso vollkommener wird, je mehr Einzelheiten er über diese Entitäten weiß - und erinnert mich fatal an Simmels Aufsatz über die Tragödie der Kultur: In diesem Aufsatz versucht das Individuum hilflos an seiner eigenen (Gesellschafts-)Kultur (also z.B. an der deutschen Kultur) teilzunehmen, was aber nicht geht, weil diese fortwährend wächst. Simmels tragischer Ausweg war die Hoffnung auf den Ersten Weltkrieg, der diese ganze Kulturmenge durch Zerstörung reduziert, sodass Kultur wieder zu dem gut sein kann, für das sie gut sein soll, nämlich dass die einzelnen Individuen an ihr teilnehmen können.

Das Modell, nach dem sich meine Freunde verhalten, wurde also schon von Georg Simmel am Anfang des 20. Jahrhunderts desavouiert, es besteht jedoch bis in unsere heutige Zeit weiter und ist wahrscheinlich auch der Grund für solche Phänomene wie den Erfolg von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" im gesamten deutschsprachigen Raum. Mit diesem Roman, in dem es um Humboldt und Gauß geht, hat Kehlmann, wie mir scheint, den Bedarf der deutschsprachigen Bildungsbürger befriedigt, sich in einfacher Sprache Wissen über zwei große Gelehrte der deutschen Bildungsgeschichte anzueignen und auf diese Weise weitgehend anstrengungslos die Teilhabe herzustellen oder zu festigen an einem gemeinsamen Ganzen - und zwar jenem Ganzen, das sie zu Bildungsbürgern macht oder Bildungsbürger sein lässt, nämlich dem Wissen über zwei verstorbene Herren, die zu einer Art gemeinsamen und verpflichtenden Wissenskanons gehören.

Das (unausgesprochene) Verpflichtende störte mich auch, als meine Freunde über Schönberg, Klimt usw. sprachen und schlug sich schmerzhaft mit meinem Freiheitsdrang. Ich möchte hier jedoch in Frage stellen, inwieweit es für Philosophie, aber auch Literatur, Musik usw. sinnvoll ist, sie in dieser Weise zu konzipieren, die gewiss die allgemein verbreitete und vorherrschende ist, noch dazu: inwiefern sie sinnvoll ist für ein Gespräch unter Freunden oder auch für das eigene Nachdenken über philosophische und ästhetische Fragen? Dieses Konzept entspricht sicherlich demjenigen, das sich in der heutigen Gesellschaft im Anschluss an die Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften in der Universität zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat und vorherrschend ist. Philosophie, Literatur, Musik etc. werden als Fächer angesehen, d.h. als Ganzheiten, über die jeweils derjenige mehr zu sagen hat (und auch mehr Recht zu sprechen genießt), der mehr Einzelheiten aus ihrem Fundus hersagen kann. Das hat zur Folge, dass diejenigen obsiegen, die sich schon von früh an antrainieren, sich möglichst viele Namen von berühmten Personen und deren Werken zu merken, während diejenigen, die inhaltlich über die Dinge nachdenken, ins Hintertreffen geraten.

Hinter all dem steht natürlich die Illusion, dass es möglich sei, mit dieser ganzen Fülle und Menge an Wissbarem fertig zu werden, die aber praktisch nicht schlagend wird, weil einfach jeweils derjenige "gewinnt", der die meisten Namen hersagen kann. Es gewinnt also der Einäugige vor den Blinden gegenüber jenem uneinlösbaren Anspruch, tatsächlich Experte zu sein in irgendeinem Fach. Auf der Ebene des sozialen Austauschs funktioniert dieses Modell also auch weiterhin, das ja auch die Grundlage für alle Berufungen auf akademische Stellen ist, wo man solch fantastische Ansprüche erfüllen soll, wie "sein Fach in Forschung und Lehre vertreten". Man sieht also, das Modell von Wissen, dem meine Freunde im Gespräch folgten hat die breiteste Grundlage in unserer Gesellschaft, ja es ist sogar in gewisser Weise die Grundlage unserer Gesellschaft, weil nach ihm Posten und Stellen verteilt werden sowie diejenigen markiert werden, die zu einem Thema etwas Relevantes zu sagen haben und von denjenigen unterschieden werden, die nur ein unvollkommenes, laienhaftes und dadurch entwertetes Wissen besitzen.

Das ist mir alles nur allzu einsichtig. Es macht sehr viel Sinn, das eigene Wissen so zu strukturieren, weil man auf diese Weise im Einklang mit der gesellschaftlichen Wissensordnung steht. Denkt man anders, schwimmt man gegen den gesamtgesellschaftlichen Strom und wird von Kollegen und Gleichgesinnten nicht einmal mehr verstanden, wenn man mit ihnen redet - so wie das mir vorgestern mit meinen beiden Freunden passiert ist. Und dennoch kann ich nicht so sein wie sie, weil ich den Sinn nicht sehen kann, Philosophie, Literatur, Kunst usw. vom Individuum ausgehend in dieser Weise zu konzipieren. Konzipiere ich Philosophie als ein Fach, oder schlichter gesagt: als ein Ganzes, das außer mir steht und über das ich weniger oder mehr Bescheid wissen kann, dann hat das zur Folge, dass ich nie in befriedigendem Ausmaße Anteil an ihm haben werde. In dem Sinne sagt ja auch mein Malerfreund, er sei nur Hobbyphilosoph, während ich ein "richtiger" Philosoph sei, weil ich Philosophie studiert und in diesem Fach auch schon wissenschaftlich gearbeitet habe. Er nimmt sich also selbst zurück, obwohl er schon viele philosophische Werke gelesen hat und sich auch selbst Gedanken gemacht hat. Damit kommt er demjenigen zuvor (nicht mir, weil ich das nicht tue), der ihm zu verstehen gibt, dass er von Philosophie nichts wisse, weil er das nicht gründlich genug studiert habe.

Dabei ist Philosophie aus meiner Sicht weder ein Ganzes noch ist es etwas außer mir: Wenn ich meinen Zugang zur Philosophie über Schopenhauer gefunden habe, brauche ich nicht auch noch Augustinus oder Searle zu kennen, und wenn ich keinen Zugang gefunden habe (wenn Philosophier also nicht in mir ist), dann nutzt mir auch das breiteste Wissen über Philosophiegeschichte nichts. Und Ähnliches würde ich jetzt auch einmal für Literatur und andere Künste ansetzen: Wenn ich einen Zugang zur Literatur über einen oder einige Autoren gefunden habe, sind alle anderen Autoren und Autorinnen für mich irrelevant. Und wenn ich keinen Zugang gefunden habe, dann macht mich das breiteste Wissen über Literatur zu keinem Literaturexperten. Meine Freunde mit ihrer anderen Orientierung bezüglich Wissen unterhielten sich jedoch über die aus meiner Sicht absolut sinnloseste Frage: Welcher wirklich große Roman denn aus Deutschland in den letzten Jahren gekommen sei? Diese Frage setzt so etwas wie die Vorstellung einer deutschen Literatur voraus und die Existenz der Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung dadurch, dass von Zeit zu Zeit ein literarisches Werk erscheint, dass alles bisher Dagewesene toppt oder etwas realisiert, das bisher noch nicht dagewesen ist.

Weil sie einen solchen Roman nicht gefunden haben und auch in anderen Kulturbereich ein Fehlen von "richtungsweisenden" ästhetischen Werken vermissten, diagnostizierte mein Malerfreund, wir würden in einer "ästhetischen Endzeit" leben, in der alle ästhetischen Äußerungen demokratisch nebeneinander stünden und alle gleich wenig bedeuteten. Auch das ist ein Resultat dieser Denkungsweise: Um nicht in einer Endzeit zu leben, in der alles bedeutungslos ist, muss uns wahrscheinlich wieder einer (und wahrscheinlich nach einem großen, vieles zerstörenden Krach) die Richtung vorgeben, damit wir ihm folgen können. Auch das ist also offenbar etwas, das die Vorstellung von Philosophie, Literatur etc. als etwas Ganzem verlangt: eine gemeinsame Richtung. Das ist eine Philosophie für Schafe, aus meiner Sicht, aber man muss sich zuerst einmal vergegenwärtigen, dass unsere gesamte Gesellschaftsordnung auf dieser Philosophie für Schafe, die eine gemeinsame Richtung brauchen, aufgebaut ist.

Am meisten verblüffte und irritierte mich jedoch die Befriediung, die meine vorgestrigen Gesprächspartner aus ihrem Gespräch zogen. Aus meiner Sicht war es ja bloß ein unkontrolliertes Äpfel-mit-Birnen-Vergleichen, das nirgends halt machte und deshalb nicht einmal zu einem Thema kam. Mit anderen Worten: Für mich war dieses gebildete Gespräch ein oberflächlicher und endloser Wäscherweiber- oder Friseurstratsch. Und wiederum die schockierende Einsicht: Mit Menschen, die sich schon mal mit Philosophie beschäftigt haben, kann man nicht philosophieren! Bauarbeiter her, Schneeschaufler und Supermarktkassiererinnen, weil wer, der einmal Philosophie studiert hat, unrettbar für das Philosophieren verloren ist! Dabei sagt mein Philosophenfreund, der vor zwei Wochen den Doktor absolviert hat, doch auch, Philosophie bestünde in Denken, im Prozess des Denkens und: Heute würde immer (zusammenfassend) gesagt, Kant sage das, und: Kant lehr uns das, dabei bestünde Kant zu lesen doch darin, Kant beim Denken zuzuschauen, und das sei doch das Schöne an Kant - seiner Meinung nach - dass man Kant gar nicht verstehen könne, ohne mitzudenken. Und dann entfernt er sich andererseits so weit vom Denken, indem er an einem solchen Pingpongspiel mit Namen teilnimmt, bei dem man nicht einmal weiß, worum es eigentlich geht, was das Thema des Gesprächs ist.

Die Lage ist wirklich fatal: Die Bauarbeiter und Supermarktkassiererinnen werden sich realistisch betrachtet wohl nicht dafür interessieren, mit mir zu philosophieren; gebildete Leute jedoch haben Wissensstrukturen als Vorbilder im Kopf, die Philosophieren ein für allemal verunmöglichen. Ach, mir wird immer wieder vorgeworfen, dass ich so "negativ" sei bzw. dass mein Ton larmoyant sei, deshalb will ich heute einmal mit einem positiven Akkord enden: Nach einer kurzen Phase des Lebens, werden wir tot sein und im Grab liegen, und dann werden wir das alles hier hinter uns haben!

 

 

PARADOXON

NUR WAS VERGANGEN IST, DAS IST VERSTANDEN.

NUR WAS VERSTANDEN IST, DAS IST VORHANDEN.

WAS VORHANDEN IST, DAS IST NICHT VERGANGEN.

ALLES IST IMMER SCHON VERGANGEN.

BEWUSSTSEIN IST NICHTS ANDERES ALS ERINNERUNG.

DIE GEGENWART IST NICHT EXISTENT.

DAHER KANN ES KEIN HANDELNDES SUBJEKT GEBEN.

ES GIBT IMMER NUR DAS EINE ANONYME GESCHEHEN.

UND DAS IST BEREITS GESCHICHTE.

GOTT IST NUR

EIN ANDERES WORT

FÜR NICHTS.

JE HÄUFIGER DIE FORMEL

VOM ICH ALS KONSTRUKTION DES GEHIRNS

WIEDERHOLT WIRD,

UMSO NACHDRÜCKLICHER STELLT SICH DOCH DIE FRAGE,

WAS, BITTE SCHÖN, EIN SUBSTANTIVIERTES PERSONALPRONOMEN

DENN SONST SEIN SOLL?

BEWUSSTSEIN LÄSST SICH NICHT DEFINIEREN,

DA ES NICHTS GIBT,

WAS UNABHÄNGIG DAVON IST.

DIESER GEDANKE

DENKT

SICH SELBST.

REFLEXION. - 

SPRACHE SUCHT HALT

UND GREIFT INS LEERE,

WO SIE ENTSPRINGT.

ICH

IST EIN WORT

WIE JEDES ANDERE.

ES TAUCHT AUF

UND VERSCHWINDET.

DAS,

WORIN ES AUFTAUCHT,

IST WORTLOS.

TROTZ ALLER BILGEBENDEN VERFAHREN

KONNTE IM GEHIRN

NOCH KEIN BILDGEBENDES VERFAHREN NACHGEWIESEN WERDEN.

AN EINEM STOCKDUNKLEN ORT

SIND EIGENTLICH AUCH KEINE BILDER ZU ERWARTEN.

ES SEI DENN,

MAN SITZT IM KINO.

Gedanke: Vielleicht wird die zunehmende Verwissenschaftlichung der Wissenschaft den Leuten die Wissenschaft austreiben

Vor einigen Tagen sprach ich mit einem Mann, der einige Jahre älter ist als ich und in seiner Jugendzeit ebenfalls Philosophie studiert hatte. Konrad Paul Liessmann halte er für einen guten Philosophielehrer, meinte er, aber für keinen „Wissenschaftler des Jahres“. (Liessmann hatte von einem Journalistenkreis die Auszeichnung „Wissenschaftler des Jahres 2006“ erhalten. Mein Bekannter wollte damit eindeutig zum Ausdruck bringen, dass Liessmann in seinen Augen und seinen Kriterien gemäß kein guter oder bewunderungswürdiger Wissenschaftler sei. Aber, entgegnete ich ihm, es komme doch nicht darauf an, was er von Liessmanns Wissenschaftlichkeit halte, sondern darauf, was die anderen über sie dächten, diejenigen, die ihn zum „Wissenschaftler des Jahres“ gemacht hätten. Wir müssten uns bewusst sein, gab ich zu bedenken, wenn wir hier sitzen und miteinander sprächen, dass unsere Meinungen – und auch unsere Sachargumente bezüglich der Wissenschaftlichkeit oder Nichtwissenschaft von etwas oder jemandem – nicht zählten. Aber das wollte er nicht einsehen. Er wird wohl auch weiterhin fortfahren, über Dinge und Personen zu urteilen, die auf sein Urteil nicht hören und beachten werden.

In diesem Zusammenhang kam mir folgender wahrscheinlich optimistische Gedanke: Zurzeit gibt es noch sehr unterschiedliche Wissenschaftskulturen, die sich auf einer Skala von sehr wenig organisiert bis total durchorganisiert einordnen lassen. Wenn die Philosophie nach wie vor zu den eher weniger organisierten Fächern gehört, so ist es in den organisiertesten Wissenschaften möglich, dass ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin seine oder ihre jährliche Leistung genau in Punkten angeben kann und auch der wissenschaftliche Output seines oder ihres gesamten Wissenschaftlerlebens lässt sich quantifizieren und bringt zu jedem aktuellen Zeitpunkt zum Ausdruck, welchen Platz in der Rangfolge der WissenschaftlerInnen in seinem oder ihrem Fach er oder sie gegenwärtig einnimmt. Also man kann dann z.B. sagen: Dieser Wissenschaftler oder diese Wissenschaftlerin ist in seinem oder ihren Fach Nr. 11 der Weltrangliste. Mich fasziniert diese totale Durchorganisierung der Wissenschaft und zwar auch deswegen, weil sie völlige Klarheit in die Sache bringt: Jemand, der in diesem System nicht in wissenschaftlich anerkannten Zeitschriften publiziert und dafür anerkannte Impact-Punkte bekommt, und jemand, der nicht in der Weltrangliste der WissenschaftlerInnen seines Fachs aufscheint, wird nicht auf die Idee kommen, dass das was er oder sie macht, Wissenschaft sein könnte – und zwar egal was er oder sie macht: auch wenn es sich bei seiner oder ihrer Tätigkeit der Sache nach an und für um eine wissenschaftliche Tätigkeit handeln würde.

Denn das ist ja, glaube ich, das Problem mit meinem Bekannten: Er gehört einer Generation an, die noch inhaltlich dachte (und nicht organisationell). Er studierte in einer Zeit (in der 1968er-Zeit oder einige Jahre danach, er bezeichnet sich selbst dem Geiste nach als ein Mitglied der Flower-Power-Generation), die die Dinge hinterfragte und bei Wissenschaft z.B. nicht nur wissen wollte, was sie aktuell ist, sondern auch was sie sein sollte. Auch aus dem, was es dem Ideal nach sein sollte, ergibt sich für den inhaltlich denkenden Menschen, was ein Ding in Wirklichkeit sein sollte. Aber das bedeutet natürlich, dass man im Denken etwas tut, was in der realen Sozialwelt nie stattfindet: Man schwingt sich selbst zum Richter über die Wissenschaft ab und versucht, anhand von Sachargumenten darüber zu bestimmen, was Wissenschaft ist und was nicht.

Es besteht nun die Hoffnung, dass so denkende Menschen in der heutigen Zeit einfach stillschweigend durch die zunehmend sich organisierende Wissenschaft überholt werden: Indem sich immer mehr wissenschaftliche Fächer perfekt organisieren, alle wissenschaftlichen Leistungen in ihrem Fach quantifizieren und damit die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit von bestimmten Menschen zur Zunft der WissenschaftlerInnen vereindeutigen, wird inhaltlichen denkenden Menschen zunehmend der geistige Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem sie selber meinen und urteilen können, ob etwas wissenschaftlich ist oder nicht. Die Wissenschaft widerspricht ihnen also nicht direkt und nicht mit Sachargumenten, sondern sie entzieht sich ihnen und dem Zugriff ihres Denkens einfach stillschweigend durch den zunehmenden Grad ihres Denkens. Wenn dann in der Zeitung steht, dass Konrad Paul Liessmann z.B. der 11.-beste Wissenschaftler im Fach Philosophie weltweit ist, dann wird niemand mehr darüber nachdenken und diskutieren, ob Liessmann auch wirklich ein guter Wissenschaftler ist (nach den eigenen Kriterien von Wissenschaftlichkeit), sondern dann wird das als durch internationales Urteil objektiviert gelten.

Der Hintergrund meines Gedankens ist also, dass man sich doch nur dort eine eigene Meinung bilden will, wo ein Durcheinander herrscht, und die eigene Meinung hat die Funktion, sich in diesem Chaos zurechtzufinden. Der Gedanke selber aber lautet: Inhaltlich nachdenken zu dürfen darüber, was Wissenschaft ist oder sein sollte, ist für meinen Bekannten und andere inhaltlich denkende Menschen wie ihn wahrscheinlich der einzige Zugang zum Thema Wissenschaft und auch der einzige Ansporn, über Wissenschaft nachzudenken. Anders gesagt, dass es dem inhaltlich über Wissenschaft nachdenkenden Menschen sinnvoll erscheint, nach Argumenten dafür zu suchen, was und wie Wissenschaft sein sollte oder nicht, stellt für sie den Anreiz dar, überhaupt über Wissenschaft nachzudenken. Wäre dieser Anreiz nicht, würden sie sich über Wissenschaft überhaupt keine Gedanken machen.

Dieser Neigung zur inhaltlichen gedanklichen Beschäftigung mit der Frage: „Was ist Wissenschaft?“ – wird durch die zunehmende  Verwissenschaftlichung des Wissenschaftsbetriebs stillschweigend die Grundlage oder das Feld entzogen, auf der sie sich tummeln kann. Das könnte zur Folge haben, dass vielen Menschen die Wissenschaft aus ihren Köpfen ausgetrieben wird. Und das könnte sogar ein positiver Effekt sein, und zwar deswegen, weil man ja heute, wenn man über Wissenschaft redet, gar nicht recht weiß, worüber man eigentlich redet: Redet man über die real existierende Wissenschaft oder redet man über das im Kopf des Gesprächspartners/der Gesprächspartnerin existierende Bild von Wissenschaft, das er oder sie aus inhaltlichem Interesse am Thema Wissenschaft sich bemüßigt gefühlt hatte sich zurechtzuschustern. Immer also verdoppelt sich der „Gegner“ oder auch der Gegenstand der Diskussion, wenn man über Wissenschaft spricht, gespenstergleich und huscht mal in dieser mal in jener Gestalt durch das Gespräch und bringt es durcheinander. Die Ursache dafür, warum das so ist, liegt jedoch nur darin, dass viele Menschen immer noch glauben, das Recht zu haben, selbst über die Wissenschaft inhaltlich nachdenken und sich eine Meinung über sie bilden zu dürfen. Sobald die Wissenschaft sich perfekt durchorganisiert haben wird, werden sie sich einer klaren öffentlichen Meinung bezüglich der Wissenschaft gegenübergestellt sehen, deren Kraft sie empfinden und von der sie spüren, dass sie unendlich viel stärker ist als das eigene Meinen und sagen. Dieser klar zum Ausdruck gebrachten öffentlichen Meinung gegenüber werden sie die Sinnlosigkeit, sich eine eigene Meinung über die Wissenschaft oder die Wissenschaftlichkeit von etwas oder jemandem Konkreten zu bilden, empfinden.

Freilich wird das dann auch in gewisser Weise der Tod der Philosophie sein: Denn das Sachargument, das sich ein Individuum vor dem inneren Gerichtshof seiner Vernunft gebildet hat, wird dann jedenfalls beim Thema Wissenschaft völlig gegenstandslos geworden sein. Man wird dann also keine Sachargumente mehr vorbringen können, jedenfalls wenn man innerhalb der Organisation nicht in der Position dafür ist. Aber die Fronten wären dann wenigstens klar: Man wüsste dann, wo die Wissenschaft steht mit ihrer gewichtigen Meinung, und man wüsste, wo man selber steht mit seiner unwichtigen Meinung. Das Katz- und Maus-Spiel mit der sich in idealistischen Bildern in den Köpfen der Menschen verdoppelnden Wissenschaft hätte ein Ende.

Permalink 28.03.10    7 Kommentare »

DIE REDLICHSTE ART,

GOTTES ZU GEDENKEN,

WÄRE WOHL,

SICH DARAN ZU ERINNERN,

DASS SUBSTANZIELL GESEHEN

NICHTS UND NIEMAND

EXISTIERT.

Die Rolle der Macht in der gegenwärtigen demokratischen Welt

Link: http://www.philohof.com/philosophie/ethik/rezension_visotschnig-schrotta_dasSK-prinzip.pdf

Wirklich viel erklärt haben mir Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta in ihrem Buch „Das SK-Prinzip“ (es geht um systemisches Konsensieren) aus dem Jahr 2005 über die Verfasstheit unserer gegenwärtigen Welt und warum das Leben in ihr so unangenehm ist.

  Über dieses Buch habe ich gerade eine kleine Abhandlung oder längere Rezension geschrieben, auf die ich hiermit hinweisen will. 

Es ging mit bei meinen Betrachtungen darin weniger um Visotschnigs und Schrottas Lösungsvorschlag für die drängenden Probleme der heutigen Welt als um die Systemanalyse, die durch das Licht eines neuartigen Lösungsvorschlags ermöglicht wird.

  Kurz zum systemischen Konsensieren: Es handelt sich dabei um einen Vorschlag zur Weiterentwicklung des demokratischen Abstimmungsverfahrens. Statt einer Pro-Stimme für eine der zur Auswahl stehenden Alternativen kann jeder Wähler/jede Wählerin bis zu 10 Widerstandsstimmen (W-Stimmen) einer jeden kandidierenden Alternative geben. Das Ergebnis dies Abstimmungsprozesses ist ein bisschen ein anderes als in der Demokratie: Während in der Demokratie jene Alternative gewinnt, die die meisten am liebsten haben, gewinnt beim systemischen Konsensieren diejenige, bei der alle am wenigsten dagegen haben. 

Soviel zur Lösung, mich aber interessiert das Problem: Visotschnig und Schrotta zeigen schön auf, wie das demokratische Abstimmungsverfahren schon im Kleinen (das Beispiel ist die Urlaubsplanung in einem Unternehmen) zu Ressentiment und Feindschaft führt. Der Grund dafür ist der, dass es zu wenige Informationen transportiert: Es bringt zwar zum Ausdruck, welche die bevorzugte Alternative der Abstimmenden ist, aber z.B. nicht, wie viel oder wie wenig die WählerInnen gegenüber den anderen Wahlalternativen gehabt hätten. Durch seine zuspitzende Wirkung erzeugt das (herkömmliche!) demokratische Verfahren strahlende Sieger und zerknirschte, verletzte Verlierer (was nicht nötig wäre).

  Visotschnig und Schrotta schwingen sich zur Höchstform auf, wo sie zeigen, dass Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form zu Egoismus und zum Verlust von Werten in der Gesellschaft führt. Zu Egoismus deshalb, weil Demokratie nach dem Prinzip funktioniert: Wer am lautesten schreit und am meisten fordert, bekommt auch am meisten; wer hingegen zu leise ist, wird übergangen. Aufgrund dieses Prinzips sehen wir, wie unsere Öffentlichkeit von Gruppenegoismen dominiert wird (eine jede Berufsgruppe fordert, die Autofahrerklubs fordern, etc.) und auch der Einzelne lernt durch dieses Vorbild, dass er übersehen wird, wenn er nicht seine eigenen egoistischen Interessen über alles stellt. Zu Werteverlust führt Demokratie in ihrer gegenwärtigen systemischen Konstruktion deshalb, weil eine jede Partei dadurch selbst recht gut da steht, indem sie die Werte der politischen Gegner schlecht macht. Dadurch wird die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form zu einer große Schule der „Werte- und Werkezerstörung“. 

Beim systemischen Konsensieren wäre das anders: Da beim systemischen Konsensieren im Parlament eine (und zwar auch die größte) Partei nicht ohne die Hilfe der Opposition eine politische Abstimmung gewinnen könnte (weil sie bestrebt sein muss, deren Widerstand möglichst gering zu halten), müsste sie versuchen, ihren eigenen Vorschlag auch den oppositionellen Parteien schmackhaft zu machen. Dazu müsste sie nach Gründen suchen, die zeigen, dass der eigene Vorschlag auch den Werten der anderen Parteien entgegenkommt und für sie deshalb wählbar ist. Die große Hoffnung, die man letztlich mit dem systemischen Konsensieren verbinden kann, ist, dass über kurz oder lang durch dieses neue Abstimmungssystem eine andere Art von Politikern in die politischen Gremien kommt. Das wären PolitikerInnen mit anderen Charaktereigenschaften als bisher: Sie wären friedliebend und kooperativ orientiert und nicht länger kampfbesessen und machtorientiert, weil machtorientierten PolitikerInnen beim systemischen Konsensieren wenig Erfolg beschieden sein würde.

  Zudem wäre das systemische Konsensieren ein gutes Mittel gegen Politikverdrossenheit. Denn während das gegenwärtige demokratische Zustimmungsverfahren die einzelne Stimme tendenziell unwirksam werden lässt, wird beim systemischen Konsensieren, weil in ihm der Widerstand minimiert werden muss, die Einzelstimme aufgewertet. Der Bürger/die Bürgerin könnte also wieder das Gefühl haben, mit seiner/ihrer Stimme etwas bewirken zu können. 

Ich meine, man könnte das systemische Konsensieren ja durchaus einmal ausprobieren. Fasziniert war ich jedoch von den Fähigkeiten des Buchs zur Diagnose der gegenwärtigen Situation bis in ihre kleinsten Verästelungen hinein. Denn das Thema der „Demokratie“ betrifft ja nicht nur das politische System, sondern es betrifft genauso gut Entscheidungsfindungen in wirtschaftlichen Betrieben, privaten Vereinen oder sogar in der Familie. Denn für die meisten heutigen Entscheidungsfindungen stellt das demokratische Abstimmungsverfahren das Ideal an Gerechtigkeit dar. Visotschnigs und Schrottas Zeitdiagnose kann darum nicht nur die politische Ebene verständlicher machen, sondern sie erhellt das vom „Spaltpilz“ der Demokratie initiierte Gegeneinander auf allen Ebenen der Gesellschaft und zeigt uns die von der aggressiven Dynamik des permanenten Machtkampfes entstellten Charaktere unserer Mitmenschen.

  Ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Buch!

Permalink 25.03.10    1 Kommentar »

 

EINE GESCHICHTE, DIE SICH SELBST ERZÄHLT

eder von uns ist eine Welt. Diese Welt wird im Wachzustand durch Wahrnehmungen ins Leben gerufen. Die Wahrnehmungen des Sehens, Hörens, Tastens, Riechens und Schmeckens ordnen wir gewöhnlich der Außenwelt zu. Die Wahrnehmungen des Denkens, Fühlens, Erinnerns und Vorstellens verorten wir üblicherweise im Inneren unseres Körpers. Zusammengenommen bilden all diese Wahrnehmungen das, was wir als unsere Welt bezeichnen. Das heißt, alles, was in und um uns geschieht, ist Wahrnehmung.

Demnach kann es also keinen Denker geben, sondern nur Denken als Wahrnehmung. Ebensowenig kann es einen Handelnden geben, sondern nur Handeln als Wahrnehmung. Aber auch das vermeintlich von unserem Körper unabhängige Geschehen in der Außenwelt ist nichts als Wahrnehmung. Vor allem aber kann es in unserer Welt keinen Wahrnehmenden geben. Denn so intensiv wir auch in uns hineinforschen mögen, wir werden immer nur eins finden: Wahrnehmung, doch niemals einen Wahrnehmenden. Und auch in umgekehrter Richtung werden wir nicht fündig. Wir können noch so weit in den Kosmos hinaus- und noch so tief in die Materie hineinblicken. Niemals werden wir eine Substanz als Ursache unserer Welt entdecken. Es werden stets Wahrnehmungen sein, die unsere Welt ausmachen. Und sie werden nicht tiefer oder umfassender sein als andere. Sie werden immer nur das sein, was gerade ist. Und das, was gerade ist, wird immer nur durch unsere aktuelle Wahrnehmung definiert sein.

Aus alldem aber folgt, daß nichts an und für sich existiert, sondern nur als Wahrnehmung. Und Wahrnehmungen können nun einmal, wie bereits gesagt, keine Ursachen sein. Sie können nicht denken, nicht handeln, nichts bewegen. Sie können nicht einmal sich selbst bewegen. Sie sind einfach da. Und mittels der Sprache entsteht aus ihnen eine Welt aus Raum und Zeit, Kraft und Stoff, Geist und Materie, Ursachen und Wirkungen, Mitteln und Zwecken, Subjekten und Objekten, kurz das gesamte geordnete Universum mit uns selbst darin. Doch das alles ist nichts weiter als eine nützliche Fiktion, in der wir uns eingerichtet haben. Es gibt weder ein Universum, noch dessen Bewohner. Es ist nur eine Geschichte, die sich selbst erzählt. Ein Gedanke, der sich selbst denkt.

 

Generalverdacht gegen alle Institutionen des Vernünftigen

Link: http://derstandard.at/1268700792956/Kremsmuenster-Keine-Barmherzigkeit-fuer-die-Peiniger

Ich habe heute in der österr. Tageszeitung „Der Standard“ (und dann auf www.derstandard.at) mehrere Artikel über die persönlichen Erfahrungen von ehemaligen Schülern in Klosterschulen gelesen. Da war zuerst der Artikel von Guido Tiefenthaler über Kremsmünster, danach las ich jenen von Wolfgang Rosenthaler über das Stiftsgymnasium Seitenstetten, dann den von Walter Wick über das Franziskanerkonvikt Steyr (Aussagekräftiger Untertitel: „Sprechen verboten, Schlagen erlaubt“) und schließlich noch jenen von zwei ehemaligen Zöglingen Peter Schallhart und Gunter Jürschik über das Bundeskonvikt in Lienz, Osttirol. Das alles sind offenbar Reaktionen auf den Artikel (den ich auch noch las) von Josef C. Aigner (auch über Kremsmünster), der vor einer Woche im „Standard“ erschien und sich darüber beklagte, dass in der augenblicklichen öffentlichen Diskussion in Österreich über sexuellen Missbrauch durch Geistliche immer der Sex so sehr im Mittelpunkt stehe, es habe doch auch andere Formen von Gewalt gegeben.

Tatsächlich hat Aigner Recht, wenn einem büschelweise Haare ausgerissen werden, so ist das auch nicht nett. Am schlimmsten ist es aber wahrscheinlich, vor der Gewalt durch Autoritätspersonen oder Mitschüler Angst haben zu müssen – und in der Folge jene Verhaltensweisen sadomasochistischer Art, welche sich aus dieser Angst heraus entwickeln.

Mich haben diese Erfahrungsberichte sehr betroffen gemacht. Ich musste daran denken, dass ich schon als Kind die nüchterne, rationale und spaßlose Welt der Erwachsenen nicht begreifen konnte, welche mir die Kehle zuschnürte, sodass ich keine Luft bekam. Immer fragte ich mich: Wie können die Erwachsenen leben in dieser freudlosen Welt, die sie sich geschaffen haben und die sie uns Kindern als hehres und für uns unerreichbares Ideal hinstellten? Nun wahrscheinlich dadurch, indem sie sich bisweilen die gestrenge Krawatte abnahmen oder aus dem streng aussehenden Habit schlüpften und sich Erleichterung verschafften, durch sexuellen Missbrauch im schlimmsten Fall, durch sadistische Verhaltensweisen gegenüber Zöglingen oder Schülern im Normalfall.

Nach dieser Einleitung kann ich die Art meiner Bestürzung, die mich bei der Lektüre dieser Erfahrungsberichte beschlich, nun auch genauer kategorisieren: Es ist die Bestürzung über das, was man zu sehen bekommt, wenn man hinter die Fassade von Vernunft und Normalität blickt bzw. wenn etwas, so wie es jetzt gerade der Fall zu sein scheint, diese Fassade in einem bestimmten Bereich sprengt und man auch unfreiwillig zu sehen bekommt, was sich dahinter verbirgt. Was sich aber dahinter verbirgt, das sind nicht rohe ungehobelte Triebe, das ist nicht einfach Freuds chaotischer Druckkochtopf des „Es“, sondern es ist ein perfides und ausgeklügeltes System von Sadismus, von Leiden und Leiden machen. Und hier setzt mein – und deshalb schreibe ich diesen Text hier ja überhaupt – Verdacht gegenüber der Vernunft, gegenüber allem Vernünftigen, Ordentlichen, Statthaften, Normalen, Gesunden und Rechtschaffenen an, der bittere Verdacht, dass es (oft) nur dazu da ist, um etwas zu verbergen, um etwas Fürchterliches zu verbergen, so wie der Ruf dieser angesehenen Schulen und Internate offenbar dazu diente, um die fürchterlichen Vorgänge, die in ihnen Tag für Tag vor sich gingen, zu verbergen. Es sind aus dieser Überlegung her alle Einheiten und Institutionen, die sich selbst für vernünftig halten, unter Generalverdacht zu stellen, angefangen mit der Philosophie, der Wissenschaft, dem Staat, der Justiz und dem Schulwesen. Ebenso ist jeder zu verdächtigen, der selbst im Namen der Vernunft spricht. (Es mag ja sein, dass er wirklich im Namen der Vernunft spricht, aber woher wollen wir das wissen, ohne es überprüft zu haben?) Die Philosophie (als Institution, als akademisches Fach), die Wissenschaft, der Staat etc. – das sind alles Institutionen, die von sich selber behaupten, vernünftig zu sein und die bei den Menschen die Reaktion auslösen, in passiven Respekt zu verfallen, weil diese hochnoblen Einheiten doch sicher viel vernünftiger und auch intelligenter sind als wir Individuen. Doch es ist gefährlich, die Vernunft zu achten, weil man glaubt, dass sie vernünftig ist; die Anständigkeit zu ehren, weil man glaubt, dass sie anständig ist. Es gibt in der ganzen Welt keine Vernunft außer dort, wo wir sie selbst überprüft haben und eingesehen haben und zugestehen, dass es dort Vernunft gibt. Und daher gibt es auch auf der ganzen Welt keine größere als die von uns Individuen. Und das gilt selbst dann, wenn es eine größere Vernunft gibt als die unsere (z.B. in Gestalt der Wissenschaft, die es schafft ihre Leistungsfähigkeit ungemein durch ihre Organisation zu erhöhen), aber wir können uns einfach in dieser Menschenwelt auf nichts verlassen als auf uns selber. Wir sind allein wie Internatsschüler in Kremsmünster, wenn die Nachtruhe kommt und damit das Sprechverbot.

Permalink 19.03.10    8 Kommentare »

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