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Spielen quantenphysikalische Zufälle im Gehirn eine Rolle bei unseren Entscheidungen?

Wenn wir bewusste Entscheidungen treffen, gehen wir meist von vernünftigen Überlegungen aus. Wir gestehen uns aber auch zu, dass persönliche Vorlieben, die unseren Charakter prägen und nicht unbedingt rational sind, für die jeweilige Entscheidung maßgeblich sein können. Dies passt durchaus zu unserer Überzeugung , dass wir frei entscheiden können, nämlich nach dem, was wir für richtig halten,  oder nach dem, was wir vorziehen, weil es uns halt besser gefällt. Nun beruht aber unser geistig-psychisches Leben auf Vorgängen in unserem Gehirn und damit letztlich auf physikalischen Abläufen, die den Gesetzen der Physik unterliegen.
Wenn diese Abläufe durch die Naturgesetze vollständig determiniert wären, dann würde seit dem Urknall (Gedanke von John Searle in dem Buch „Der Geist“) feststehen, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt denken und entscheiden werden. Das ist keine sehr befriedigende Vorstellung; unser Willensfreiheit erscheint nämlich dadurch in Frage gestellt.  Hilft nun die Erkenntnis, dass die physikalischen Abläufe wegen der quantenphysikalischen Zufälligkeiten gar nicht determiniert sind? Man muß ja davon ausgehen, dass derartige mikrophysikalische  Ereignisse sich unter bestimmten Voraussetzungen auf die makrophysikalische Ebene auswirken. Was wäre aber dann die Folge? Unser Entscheidungen würden dann nicht nur von den Gesetzen der Makrophysik, sondern auch von mikrophysikalischen Zufällen abhängen. Das ist noch weniger befriedigend; es eröffnet keinen Bereich von Freiheit, wie wir ihn gerne hätten. Statt von Zufällen, auf die wir keinerlei Einfluss haben, möchten wir in unseren Entscheidungen lieber von unseren Überlegungen, Kenntnissen und charakterlichen Eigenheiten abhängig sein. Diese sind in entsprechenden Gehirnstrukturen niedergelegt und die geistigen Abläufe werden durch physische Vorgänge realisiert. Auch wenn die physischen und mit ihnen die geistigen Vorgänge determiniert wären, wären es doch unsere Überlegungen, Kenntnisse und charakterliche Eigenheiten, die unser Handeln bestimmen.
Wenn wir nun Freiheit des Willens durch das Maß ausdrücken, in welchem die Entscheidungen einer Person von ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen, Kenntnissen und spezifischen Charakterzügen geprägt sind, dann  beschränkt der Einfluss von zufälligen Quantenereignissen diese Freiheit. Es erscheint daher wünschenswert, dass dieser Einfluss möglichst gering ist. Ich denke, dass starke Charakterzüge in diese Richtung wirken. Sie zeichnen gleichsam feste Bahnen vor, innerhalb deren sich mögliche Entscheidungen bewegen können, so wie ein markantes Flusstal erzwingt, in welche Richtung das Wasser ablaufen kann. Quantenphysikalische Zufälle können dann nichts Anderes bewirken.

Permalink 29.12.10    1 Kommentar »

Die Philosophie, nach der wir leben

Dieser Blogeintrag steht in Zusammenhang mit dem letzten, in welchem ich Gerhard Polt als einen der größten Philosophen deutscher Sprache gerühmt habe (tatsächlich kann oft nur das Anhören der Kabarett-Dramolette von Gerhard Polt dem bei der Lektüre professioneller PhilosophInnen eingeschlafenen Kopf wieder zu neuen Gedanken verhelfen). Es ging in diesem letzten Blogeintrag um die Segmentierung unserer Gesellschaft in Fachbereiche und Spezialisationen, die es im Fall der Philosophie einigen Personen erlaubt, sich durch Fachwissen und Anerkennung bei FachkollegInnen die gesamte Philosophie sozusagen „unter den Nagel zu reißen“, während sie es den übrigen Menschen, also den Nichtphilosophen, ermöglicht, „nichts von Philosophie zu verstehen“. - Es ist das ja auch eine wichtige Service-Leistung unserer Gesellschaftsordnung, dass sie allen Nicht-Fachleuten zu einem allseits anerkannten Recht auf Unbildung verhilft (denn man kann sich ja schließlich nicht in allen Spezialdisziplinen auskennen). Dieser Blogeintrag nun schließt an den vorigen insofern an, als er versucht, die Konsequenzen aufzuzeigen, welche die Entscheidung, Philosophie auf ein Fachgebiet einzuschränken, nach sich zieht. Diese Konsequenzen werden logischerweise in dem Umstand zu finden sein, dass, wenn Philosophie (nur) ein Fachgebiet ist, alles, was außerhalb liegt, als nichtphilosophisch gelten wird bzw. Philosophie als dafür nicht zuständig angesehen wird. Wenn also Philosophie nur ein Fach ist (ein beschränkter Bereich), dann folgt daraus, dass wir unser Leben (welches freilich über den beschränkten Fachbereich hinausreicht) unphilosophisch führen: Betrachtet man nun unser heutiges Leben, nach welchen Gesetzlichkeiten und Werten es sich richtet, dann muss man sagen, dass es hauptsächlich ein wirtschaftliches, ein ökonomisches Leben ist. Der (unphilosophischen) Ordnung unserer Welt nun entspricht es, dass wir diese Entscheidung für ein ökonomisches Leben, die wir getroffen haben, nicht für eine Entscheidung halten wollen, sondern wir halten das Leben nach ökonomischen Gesichtspunkten für etwas, das an und für sich richtig ist und dem man nicht entkommen kann. Wenn also Philosophie darin besteht, sich verschiedene Lebensmöglichkeiten und Argumente für und wider sie anzusehen, um dann bewusst eine Entscheidung für die eine oder andere Option zu treffen, dann besteht das unphilosophische Leben darin, ethische Entscheidungen (die bewusste Wahl des Lebensstils) umzuwandeln in Erkenntnisse über Tatsachen und sie an die Einzelwissenschaften zu delegieren. Auf diese Weise hat sich auch die Entscheidung durchgesetzt, dass wir ein ökonomisches Leben leben müssten, indem uns die Wirtschaftswissenschaft gesagt hat, dass das an und für sich das Beste sei und indem wir vergessen haben, dass dieser Lebensstil die Folge einer Entscheidung von uns ist; einer Entscheidung darüber, ob wir denn überhaupt wirtschaftlich leben wollen oder nicht. Und weil wir unseren Lebensstil nicht als die Folge einer Handlungsentscheidung betrachten, fehlt uns freilich auch die Motivation, über ihn nachzudenken und ihn einer philosophischen Prüfung zu unterziehen. Das wiederum sieht man unserem Lebensstil deutlich an: Abgesehen von den Meinungen der Fachleute scheint unser wirtschaftlicher Lebensstil im Wesentlichen von unreflektierten Vorurteilen im größten Teil der Bevölkerung getragen zu werden Das Zentrum dieser Vorurteile liegt in der Überzeugung, dass die wirtschaftliche Lebensweise deshalb die richtige ist, weil sie „sparsam“ sei. Allein schon diese Überzeugung wirkt bei näherer Betrachtung ziemlich zweifelhaft. Wirtschaftliche Effizienz definiert sich als Input:Output (z.B. Ressourceneinsatz:Erträge). Im Falle eines Autos etwa bestünde wirtschaftliche (und technische) Effizienz darin, mit möglichst geringem Treibstoffeinsatz möglichst viele Kilometer fahren zu können. Und hier frage ich mich halt: Sieht man es heute als sparsam an, mit einem Auto möglichst viele Kilometer zu fahren? In meinen Augen eher Verschwendung. Doch wirtschaftliches Denken führ zu solch einem Resultat, weil es Sparsamkeit in ein Verhältnis packt (möglichst effiziente Mittelverwendung), nicht aber das Handeln insgesamt auf seine Sinnhaftigkeit hin betrachtet (Soll ich überhaupt soviel Auto fahren?). Wenn für Aristoteles das rechte Maß in der Mitte liegt, etwa in der Freigiebigkeit, die die Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht ausmacht, dann haben wir uns heute aus ökonomischen Gesichtspunkten gegen sie entschieden: Wir geizen auf der einen Seite (fahren ein möglichst sparsames Auto), um uns dadurch die Möglichkeit zu eröffnen, auf der anderen Seite möglichst viel zu verschwenden (möglichst viele Kilometer zu fahren). Das sei zumindest zu jenen Leuten gesprochen, die sich manchmal wundern, warum unser Wirtschaftssystem fortwährend Saltos schlägt und Pirouetten dreht (einmal eine Hausse und einmal ein Crash), warum es dauernd wachsen muss und ein kleiner Rückgang schon eine große Katastrophe darstellt und warum darin soviel Gier und Not und Zwang und Druck sind: Unser Wirtschaftssystem ist kein ausgeglichenes Gebilde, es gleicht eher einem wahnsinnig gewordenen Yogi, der Amok läuft. Das soll nur ein Beispiel sein – das man freilich noch viel tiefer und detailreicher diskutieren könnte –, welches zeigt, wie unser heutiges Leben grundlegend auf Vorurteilen aufgebaut ist. Und diese Vorurteile wiederum fußen darauf, dass wir den Bereich der Wirtschaft den Wirtschaftswissenschaftlern zuschreiben (und überlassen), von denen wir annehmen, dass sie schon wissen werden, was sie tun (oder es zumindest besser wissen als wir es je könnten). Indem wir sagen, man müsste zuerst etwas von Wirtschaft verstehen, um darüber reden zu können, haben wir aufgehört, uns um dasjenige zu kümmern, was unser Leben bestimmt. Und das machen wir genau in der Weise auch in anderen Lebensbereichen. Über dasjenige nachzudenken, was unser Leben bestimmt – wie unvollkommen und dilettantisch dieses Nachdenken notgedrungen auch immer sein muss -, aber hieße Philosophieren. Oder, noch einmal anders gewendet: Wenn wir heute vorwiegend nach ökonomischen Gesichtspunkten leben, dann ist das natürlich unsere Philosophie, nach der wir heute leben – es ist eine Philosophie im Sinne einer Entscheidung für eine bestimmte Lebensweise, die wir für richtig halten. Wirtschaft – ein Leben, das von wirtschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt wird -, das ist die Philosophie, nach der wir heute leben. Die heutigen Philosophien in unserer segmentierten Welt unterscheiden sich von früheren nur dadurch, dass sie nicht zugeben wollen, Philosophien – also bewusste Entscheidungen – zu sein. Anstatt dessen verkauft man sie uns als Tatsachenerkenntnisse von SpezialistInnen. Dadurch hören sie natürlich nicht auf, Philosophien zu sein – sie sind bloß unreflektierte, also schlechte Philosophien. Die (heute weit verbreitete, ja eigentlich: für unsere Gesellschaftsordnung grundlegende) Einstellung: Wir wollen nicht ins (endlose) Philosophieren kommen, sondern verwirklichen (ganz pragmatisch) zuerst einmal das, von dem wir sicheres Wissen haben! - taugt also nicht, dem Philosophieren zu entkommen. Man tauscht dadurch nicht Philosophie gegen philosophiefreie Wissenschaft, sondern nur gute gegen schlechte (unreflektierte) Philosophie.

Permalink 28.12.10    5 Kommentare »

Würdigung eines der größten deutschen Philosophen

Jetzt zur Weihnachtszeit wird’s auch mir im Herzen ein wenig feierlich zumute, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, einen Menschen zu würdigen, der als einer der größten deutschsprachigen Philosophen unserer Zeit gelten kann – Gerhard Polt.

 Gerhard Polt ist in erster Linie als Kabarettist bekannt; dass seine Kabarett-Dramolette tatsächlich philosophische Analysen sind, erkennt man daran, wie sie gearbeitet sind – nämlich begrifflich. Hier ein gutes Beispiel:

 Die Garage

http://www.youtube.com/watch?v=eEbLICnYVNM

 

„Ich baue in meinem Leben bloß noch einmal eine Garage. […] Aber wenn ich eine Garage baue, dann ist das auch eine Garage – und eine Garage, die den Namen „Garage“ verdient!“

 

Was Gerhard Polts philosophische Arbeit am Begriff auszeichnet, ist, dass sie – wie man es hier am Beispiel des Begriffes „Garage“ sehen kann, dem tatsächlichen Gebrauch des jeweiligen Begriffs in der sozialen Realität nachspürt. Oft hört oder liest man ja Dinge wie: Dieser oder jener Begriff werde in der Alltagssprache auch gebraucht; der alltagssprachliche Gebrauch sei jedoch zu ungenau für eine philosophische Behandlung und deshalb müsse er zuerst definiert werden, damit man philosophisch mit ihm arbeiten könne. Aber damit geht man methodologisch genau in die falsche Richtung. Ein Begriff wird nicht richtiger dadurch, dass man ihn unter den Glassturz stellt.

 Anstatt dessen sollte man – wie Gerhard Polt es vorzeigt – dem sozialen Gebrauch des Begriffs nachspüren und dabei möglichst das gesamte Bedeutungsspektrum, welches ihm im Alltagsgebrauch innewohnt sowie auch alle inneren Widersprüche in diesem Gebrauch miteinbeziehen – und auf diese Weise das erreichen, was Gilles Deleuze „einen Begriff zum Schwingen bringen“ nannte. Der Begriff wird zum Leben erweckt, indem man seinen sozialen Gebrauch genau nachzeichnet. Tut man das nicht, sondern definiert die Begriffe, bevor man mit ihnen arbeitet, dann betreibt man nicht Philosophie sondern Wissenschaft.

 Unter Wissenschaft verstehen wir jene Form der Darstellung von Wissen aus kollektiver Perspektive, welche für den Einzelmenschen nicht immer unbedingt zugänglich ist (und auch nicht den Zweck hat, dem Individuum die Welt zu eröffnen), während Philosophie jene Disziplin ist, mit welcher das Individuum sich darum bemüht, Zugang zur Welt zu gewinnen. Wissenschaft vermehrt das Wissen der Menschheit, ohne dadurch das Wissen des Menschen zu vermehren.

 Hier in weiteres Beispiel für ein philosophisches Meisterwerk von Gerhard Polt; in diesem Monolog geht es um den zentralen philosophischen Begriff der Freiheit:

 Freiheit

http://www.youtube.com/watch?v=HQs9ReCEUM0&feature=more_related  

“…Freiheit, das geht natürlich im Grunde, wenn man sie aufrechterhalten will, nur mit billiger Arbeitskraft.“

 

Den Wert dieses großartigen philosophischen Werkstücks kann erst derjenige  so richtig schätzen, der Kenntnis davon besitzt, welch langweilige und gegenstandslose Gedanken PhilosophInnen sonst etwa zum Thema der Freiheit entwickeln. Indem sie die soziale Dimension dieses Problems von vornherein ausblenden, reduzieren sie dieses Problem häufig auf jenes der Willensfreiheit und lassen es so erscheinen, als ob unser Kampf um Freiheit hauptsächlich einer mit den Naturgesetzen wäre.

 

Die philosophischen Analysen von Gerhard Polt arbeiten jedoch nicht nur begrifflich, sondern  machen auch aus logischer Sicht viel Spaß; ganz besonders ist das im folgenden Monolog über Minderheiten der Fall, in welchem Polt uns Dinge erklärt wie, dass die Minderheit immer ursächlich für die Mehrheit ist und dass Minderheiten ihre dummen Ideen aus dem Fernsehen haben, weil sie zur falschen Zeit fern sehen, also nicht das Hauptabendprogramm – und dass sie das deshalb tun können, weil sie morgens nicht zeitig aufstehen müssen...

 Minderheiten

http://www.youtube.com/watch?v=BmGh2NpmhU8&feature=more_related

 

“Jeder hat das Recht sich einer Mehrheit anzuschließen und sich anständig zu benehmen.” „Die Minderheitden, das sind immer so Singles, Invidiuen, Querulanten, so Einzelgänger, die immer: Quack, quack, quack!““

 

Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für das philosophische Genie von Gerhard Polt; hier nur einige wenige von ihnen:

 

Toleranz

http://www.youtube.com/watch?v=vCML-0NN-ro

 

Der Standort Deutschland

http://www.youtube.com/watch?v=d7VUhZbOVHc

 

Democracy

http://www.youtube.com/watch?v=UZe4LzAG1lA

 

Ein Nichtschwimmer ersäuft

http://www.youtube.com/watch?v=wJlLHw11Joc&feature=more_related

  

Jetzt werden sich wohl manche fragen: Ist dieser Blogeintrag als Scherz gemeint?

 Antwort: Nein, ganz sicher nicht! Es ist mir todernst damit, Gerhard Polt zu den größten Philosophen deutscher Sprache zu zählen. Aber es ist mir nicht nur ernst damit, sondern dieses Thema ist zudem von allergrößter Wichtigkeit: Viele Menschen nehmen sich heute das Recht zu behaupten, nichts von Philosophie zu verstehen, weil sie die PhilosophInnen und PhilosophieprofessorInnen, die offiziell zum Fach Philosophie gehören, nicht kennen und deren Texte nicht gelesen haben. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die über Fachwissen über Philosophie verfügen und aus diesem Grund das Recht beanspruchen, über  Philosophie sprechen zu dürfen.

 Auf diese Weise wirken in unserer Gesellschaft Ein- und Ausschlussmechanismen, welche alle gewöhnlichen Menschen aus der Philosophie ausschließen und die Philosophie in einem winzigen Teilbereich der Gesellschaft einschließen, in welchem es ihr nicht länger gelingen kann, etwas Relevantes oder für viele Menschen Interessantes auszusagen.

 Philosophie wird nicht überleben können, wenn wir sie aus der dunklen Ecke, in die wir sie hineingedrängt haben, nicht wieder herausbekommen. Und um das zu erreichen, ist es notwendig, ihre Äußerungen überall dort anzuerkennen, wo immer sie auftreten, z.B. in den Kabarett-Monologen von Gerhard Polt. D.h., es ist den Menschen zu vermitteln, dass Philosophie nicht nur dort ist, wo sich etwas explizit „Philosophie“ nennt oder offiziell als „Philosophie“ gilt.

 Umgekehrt ist auch die philosophieschädliche Praxis zu unterlassen, von einer „aktuellen philosophischen Diskussion“ über ein bestimmtes Thema zu sprechen, weil das die Existenz einer fachinternen  Philosophiediskussion suggeriert (so als ob es so etwas gäbe!) und philosophische Äußerungen, die keine fachspezifischen sind (auch besonders wichtige wie jene von Gerhard Polt), als unphilosophische erscheinen lässt und sie auf diese Weise ausgrenzt.

Permalink 26.12.10    2 Kommentare »

WER BIN ICH?

WER WILL DAS WISSEN?

NUR NICHT-WISSEN MACHT FREI.

Die geistig-materielle Ursubstanz


In unsere Welt gibt es neben der Materie auch Geist, der am deutlichsten hervortritt bei den Lebewesen, die denken, fühlen und wahrnehmen. Nun ist es offensichtlich, dass sich die Materie nach dem Urknall zu immer komplexeren Einheiten entwickelt hat, die letzendlich auch die Grundlage für die Lebewesen bilden. So ist das menschliche Gehirn mit seinen Milliarden von Neuronen, die in einer nicht fassbaren Komplexität miteinander verbunden sind, die Grundlage für das geistige und emotionale Leben des Menschen. Das große Problem ist aber, wie die geistige Seite der im Gehirn ablaufenden materiellen Vorgänge entstehen konnte, wobei unter „geistig“ hier auch das Gefühlsmäßige  einbezogen werden soll.
Bei den Überlegungen zu diesem Problem kann man von einer Betrachtung der Kausalabläufe bei geistigen Vorgängen ausgehen: Wenn eine Person A einer Person B mündlich etwas mitteilt, dann erzeugt sie Schallwellen, die die Ohren von B erreichen und im weiteren Verlauf neuronale Vorgänge im Gehirn von B verursachen. Wenn B daneben versteht, was A zu ihm sagt, dann vollzieht sich auch ein geistiger Kausalprozess. Dieser ist mit dem materiellen Kausalprozess so verbunden, dass beide Prozesse zusammen einen einheitlichen Vorgang bilden, bei dem die materiellen Strukturen des Ausgangsereignisses - das Sprechen von A - kausal relevant sind für die materiellen Abläufe bei B und die geistigen Strukturen dessen, was A sagt, kausal relevant sind für das, was B geistig aufnimmt. Wenn ich also frage, warum B einen bestimmten geistigen Inhalt aufgenommen hat, dann kann das nicht mit dem Hinweis auf die materiellen Abläufen beantwortet werden, sondern man muss die geistige Seite des verursachenden Ereignisses zur Erklärung heranziehen.
Kann der anhand dieses Beispiels entwickelte Gedanke für die Entfaltung des Geistigen in der Evolution angewandt werden? Wenn alle geistigen Ereignisse auf die geistige Struktur der verursachenden Ereignisse zurückzuführen sind, dann müsste man eine Kausalkette bis an den Anfang der Zeiten annehmen. Am Anfang gab es aber nur Wasserstoff und Helium und Energiefelder. Wo soll da der Geist sein? Hier hilft uns Aristoteles: Nach ihm gibt es keine (aktuelle, nicht nur potentielle) Materie ohne Form, und die Form ist etwas Geistiges. Auch ein Stein oder ein Erdhaufen hat eine Form. Wenn wir einen Gegenstand sehen, dann nehmen wir nicht seine Materie, sondern seine Form auf. Die Form lebloser Gegenstände ist auch im Rahmen von Verursachungsvorgängen kausal relevant: Wenn ein Stein einen Berghang hinunter rollt, dann wirken die Form des Steins und die des Berghangs aufeinander ein und bestimmen im einzelnen die Bewegungsabläufe. Hier vollziehen sich also bereits - so merkwürdig das klingen mag - geistige Prozesse. Mit der Entstehung neuer chemischer Elemente im Verlauf der Evolution sind auch neue Formen entstanden, die als geistige Dinge vom Menschen erkannt werden können.Für die biologische Evolution ist kennzeichnend, dass aufgrund der Gegebenheiten des jeweiligen Umfeldes und der Naturgesetze bestehende Entwicklungsmöglichkeiten erkannt und wahrgenommen werden. So hat die Entwicklung des Auges die Möglichkeit verwirklicht, mithilfe des Lichts Gegenstände wahrzunehmen. Schließlich war die Entwicklung des menschlichen Geistes möglich, weil in der Welt geistige Zusammenhänge bestanden, die erkannt werden konnten. Mit der Entwicklung des Gehirns sind gleichzeitig die entsprechenden geistigen Fähigkeiten entstanden.
Liegt hier die Lösung des Rätsels, wie es Geistiges in unserer materiellen Welt geben kann? Alles, was es in der Welt gibt, wäre dann durch eine Entfaltung der geistig-materiellen Ursubstanz entstanden. Das erinnert natürlich sehr an Spinoza, der von einer göttlich-materiellen Substanz ausgeht und die einzelnen Dinge als lokale Eigenschaften dieser Substanz versteht.

KEIN MEIN

KEIN DEIN

KEIN SEIN

Keine Erinnerung an eine Geburt.

Keine Vorstellung von einem Tod.

Welche Bedeutung sollte also

das dazwischen haben.

Da ist kein Bewußtsein,

nur dieses perspektivische Geschehen

in Form von Denken, Fühlen, Empfinden,

welches sich ein- und ausschaltet,

unterbrochen von nichts.

Ein Universum,

welches ursprünglich aus nichts hervorging,

muß notwendig jeder Substanz entbehren.

Denn wie schon der Volksmund weiß: 

Von nichts kommt nichts.

Wer immer auch behaupten mag,

es gäbe kein Ich,

der muß sich fragen lassen,

wer dies begauptet.

Mit seiner Antwort 'ich'

macht er deutlich,

daß der Ich-Begriff

in einer Mitteilungssituation

stets auf das aktuelle Subjekt

der Mitteilung verweist.

Wer also behauptet,

es gäbe kein Ich,

verstrickt sich eben gerade dadurch

in einen performativen Widerspruch.

GE

SCH

ICH

TE

Das Wort Kunst bezeichnet nicht weniger

als den Tod dessen, was damit gemeint sein soll.

Eine Zeit, welche Kunst nur noch dort wahrnimmt,

wo diese durch ihre Ausstellung in einem Museum

als solche definiert ist,

hat sich bereits in der Formlosigkeit verloren.

Hier gibt es keine Künstler mehr, sondern nur noch Spekulanten.

Der Gestaltungswille ist dem Betteln um Aufmerksamkeit gewichen.

Kuratoren sind bestenfalls noch die braven Buchhalter von Epochen,

auf deren Höhe sie nicht einmal

für die Dauer eines Gedankens atmen könnten.

Das Problem des Wissens aus philosophischer Sicht

Blogkollege Thomas Heichele schreibt in seinem letzten Blogbeitrag („Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution“): „Wissen wäre also etwas so Wunderbares und Sicheres, wenn es nicht so schwer zu begründen wäre…“

Nun, ich wäre mir da nicht so sicher, ob Wissen so etwas Wunderbares wäre. Wäre es wirklich so wunderbar, wenn die Angelegenheit mit dem Wissen leichter wäre? Und vor allem: Wäre dann Philosophieren noch möglich?

Eugen Maria Schulak, Kollege von der Gesellschaft für angewandte Philosophie (www.gap.or.at), schreibt auf dem Faltblatt, mit dem er für seine Philosophische Praxis wirbt:

 

„WAS HEISST PHILOSOPHISCH

„Philosophisch“ heißt, dass sich die Dinge stets auch noch anders betrachten lassen, als sie sich uns zeigen, und dass die Vielfalt dieses „Anderen“ der Wirklichkeit schon etwas näher kommt. „Philosophisch“ heißt, das Selbstverständliche in Frage zu stellen sowie das Fragliche nicht unbedingt gleich zu beantworten.“

 

Dem kann ich nur aus vollstem Herzen zustimmen. Wenn nun die Angelegenheit mit dem Wissen so einfach wäre, wie Herr Heichele sie sich wünscht, dann wäre es nicht länger möglich, die Dinge auch noch anders zu betrachten. Denn Wissen ist ein „So ist es!“ und ein „So ist das zu betrachten – und nicht anders!“ Freilich ließe es sich in einer Welt ganz ohne Möglichkeit zu wissen, in welcher alles eine graue, ununterscheidbare Masse bliebe, auch nicht philosophieren (oder nachdenken: Philosophieren ist ja ein Nachdenken). Aber wäre Wissen wirklich bis zum Ende möglich und begründbar, so wäre das das Ende von Philosophie. Denn Philosophie besteht darin darüber nachzudenken, ob ich mich dazu entscheiden kann und soll, eine Sache so oder auch anders zu sehen. Wissen aber macht diese Entscheidung überflüssig, denn Wissen ist selbst schon die Entscheidung, wie eine Sache zu sehen ist.

Eine andere Gefahr für das Philosophieren (und das Denken) durch das Wissen zeichnet sich in folgendem Zitat ab, welches aus einem Interview mit einem anderen GaP-Kollegen, Leo Hemetsberger, stammt:

 

„STANDARD: Das scheint aus der Mode gekommen zu sein… [Gemeint ist: das Denken und die „Flexibilität, sich vermeintlich Bekanntem von anderer Seite zu nähern“, Anm. philohof]

Hemetsberger: Ja. Aus Zeitmangel und auch durch ein Phänomen: Wir wollen immer mehr Expertenwissen haben, das wir auf uns beziehen und dem wir unsere Verantwortung umhängen können. Dabei verwechseln wir Information mit Wissen. Informationen machen kein Wissen, weil wir dafür die Urteilskraft nicht haben.“

[„Der Standard“, Printausgabe vom 2./3. Oktober 2010, Seite K22]

 

Worum geht es also: Wissen, habe ich gesagt, ist eine Entscheidung darüber, wie eine Sache richtig zu sehen ist, und die trifft derjenige, der einen Wissensvorsprung hat. Das werde aber in den meisten Fällen nicht ich sein, sondern ein Experte/eine Expertin des jeweiligen Faches. Wissen lädt also dazu ein, mit dem Denken aufzuhören, weil ich den ExpertInnen ohnehin nie das Wasser reichen werde können. Andererseits ist die Existenz von ExpertInnen für die heutigen Menschen sehr bequem, denn man kann ihnen die eigene Verantwortung überlassen. Wir machen das, indem wir dem Rat dieser ExpertInnen folgen. Dieser mag zwar im Einzelfall richtig sein, aber wir befolgen ihn ohne eigene Einsicht, weil wir uns ja auch nicht um die Entwicklung der eigenen Urteilskraft bemüht haben (Wozu hätten wir sonst Experten!). So degeneriert Wissen wieder – selbst wenn es schon einmal erreicht ist/sein sollte – und wird zur Information. Das Ergebnis des Strebens nach Wissen ist also im gesellschaftlichen Kontext nicht Wissen, sondern Information (im Sinne von unverstandenem Wissen) – jedenfalls ist es dann das Ergebnis, wenn man beim Denken gesellschaftliche Konsequenzen von Zielen, die man als erstrebenswert ansetzt, mitberücksichtigt. Und die Aussage von Hemetsberger deutet im Übrigen an, dass wir auf diesem Weg schon ein ganzes Stück weit gegangen sind…

Zum Schluss noch ein Wort darüber, warum ich das hier (gesondert) schreibe: Es hätte nicht in die Diskussion von Thomas Heicheles Blogbeitrag gepasst. Es hätte keinen Platz gefunden in seinem Fragezusammenhang (den ich nicht verstehe) und in seiner Argumentation. Und es hätte ihn womöglich auch nicht interessiert. (Ich hätte höchstens, um meine Frageinteressen in die Diskussion über seinen Blogeintrag einzubringen, witzig sein können, indem ich etwa die Frage gestellt hätte, ob Schildkröten denn um soviel mehr wissen als wir Menschen, da sie doch schon viele Millionen Jahre länger auf dieser Erde existieren als wir; sie schauen ja auch sehr weise aus! Aber das bringt ja nichts, es hätte höchstens zu einer kommunikativen Konfrontation ohne Erkenntnisgewinn geführt.) Deshalb war es notwendig, meine Fragen, welche MEINE EIGENEN Erkenntnisinteressen bezüglich des Problems des Wissens zum Ausdruck bringen, an gesondertem Ort zu formulieren.

Permalink 28.11.10    4 Kommentare »

Was außen geschieht,

passiert nicht im Gehirn.

Denn das Gehirn ist außen

und kann sich nicht selbst enthalten. 

Was innen geschieht,

passiert nicht im Gehirn.

Denn das Gehirn ist außen,

wo es kein Innen geben kann.

Wo also findet das Geschehen statt?

Es gibt keinen Raum für das, was geschieht.

Es gibt nur das, was geschieht.

Jedes Argument gegen die Existenz des Ego

gibt beredtes Zeugnis ab

für eben jene Existenz.

Denn wer anders kann die Existenz des Ego leugnen

als nun einmal dieses Ego selbst.

Das Ego begriffen als synthetische Einheit der Apperzeption,

ohne die es nicht möglich wäre,

auch nur einen sinnvollen Satz zu formulieren.

Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution

Nach einer (eigentlich zu) langen Zeit ohne neue Einträge gibt es heute von mir mal wieder ein paar Sätze… Konkret geht es um die Zusammenfassung einiger Gedanken zu Erkenntnis und Wissen im Kontext der (menschlichen) Evolution.

Da das alltagssprachlich zwar oft verwendete, aber philosophisch hinsichtlich seiner genauen Bedeutung gar nicht so eindeutig geklärte Wort „Wissen“ im Folgenden eine zentrale Rolle spielt, bietet es sich an, einen ersten allgemeinen Überblick inklusive einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten darzulegen (einen guten Einstieg dazu findet man hier).

 
Wissen: eine erste Hinführung
 
Die Definition von Wissen nach der sogenannten Standardanalyse sieht Wissen dann als gegeben, wenn es sich um eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung handelt. Was heißt das genau? Grundsätzlich findet jede sprachliche bzw. gedankliche Annäherung an die Welt wie folgt statt: ein Subjekt S glaubt zum Zeitpunkt t mit dem Grad r, dass p. Ohne nun auf diverse Wahrheitstheorien näher eingehen zu können, wird im einfachsten Fall im korrespondenztheoretischen Sinne festgehalten: die Überzeugung eines Subjekts S, dass p, ist genau dann wahr, wenn „p“ wahr ist. Wie wir gesehen haben, muss Wissen wahr sein, während Überzeugungen nur wahr oder falsch sein können müssen. Nun ist es notwendig, dass es eine Rechtfertigung der wahren Überzeugung gibt, um zufälligerweise wahre Überzeugungen auszuschließen, da diese ja kein Wissen darstellen.

Und genau dieser Aspekt der geforderten Rechtfertigung wirft schnell Probleme auf. Besonders prominent hierbei ist das Münchhausen-Trilemma, das genau deswegen virulent wird, da die Rechtfertigung als Bedingung des Wissens gute Gründe verlangt, die jedoch wiederum gewusst werden müssen. So bleiben letztlich nur folgende Möglichkeiten: infiniter Regress, dogmatischer Abbruch oder ein Zirkelschluss. Im Falle des infiniten Regresses kann die Suche nach und das Liefern von Gründen bis in die Unendlichkeit verschoben werden: jeder Grund muss wieder begründet werden bzw. auf jede Antwort kann erneut eine „Warum-Frage“ erfolgen. Diesem infiniten Regress kann man zwar mit einem dogmatischen Abbruch entkommen, doch stellt sich hier die berechtigte Frage, ob eine solche willkürliche Setzung eines Anfangs- bzw. Ausgangspunktes einen wirklich guten Grund darstellt, auf dem weiter aufgebaut werden sollte. Eine andere Möglichkeit, dem infiniten Regress zu entkommen um eine (vermeintlich) sichere Basis herzustellen, von der aus argumentiert werden kann, ist der Zirkelschluss, bei dem die Begründung im Kreis verläuft – ein einfaches Beispiels sollte hier zu Veranschaulichung reichen: „Warum ist Heinrich satt? – Weil er keinen Hunger mehr hat. – Und warum hat er keinen Hunger mehr? – Weil er satt ist!“

Wissen wäre also etwas so Wunderbares und Sicheres, wenn es nicht so schwer zu begründen wäre… Nun taucht allerdings zu allem Überfluss auch noch ein weiteres Problem auf: die drei Bedingungen der Standardanalyse sind nicht hinreichend für Wissen! Dies zeigte Edmund Gettier, der in einem Aufsatz 1963 auf das nach ihm benannte Problem hinwies. Die Standardanalyse sieht – wie wir gesehen haben – Wissen genau dann gegeben, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: (i) p ist wahr, (ii) S glaubt, dass p und (iii) S hat gute Gründe, zu glauben, dass p. Gettier bringt nun u.a. folgendes Gegenbeispiel:
 
Smith und Jones haben sich beide für einen Job beworben. Smith hat starke Gründe, Folgendes zu glauben: (a) „Jones ist die Person, die den Job bekommen wird und Jones hat 10 Münzen in seiner Tasche“. Die Gründe, warum Smith von (a) so stark überzeugt ist, liegen beispielsweise darin, dass der Firmeninhaber Smith versichert hat, dass Jones am Ende den Job bekommen wird und dass Smith persönlich vor wenigen Minuten die Münzen in der Tasche von Jones gezählt hat (vielleicht ist er ein Kleptomane, der sich gerade noch zurückgehalten hat). Aus (a) ist folgender Schluss (b) ableitbar: (b) „Die Person, die den Job bekommt, hat 10 Münzen in der Tasche“. Smith erkennt die logische Ableitbarkeit von (b) aus (a) und akzeptiert (b) wegen der starken Gründe für (a). Also ist Smith eindeutig gerechtfertigt, (b) zu glauben. Nun bekommt aber, ohne dass Smith dies weiß, Smith selbst den Job und zudem hat auch Smith, ebenfalls ohne dass er dies weiß, 10 Münzen in der Tasche. (b) ist also wahr, obwohl (a), woraus (b) gefolgert wurde, falsch ist. In diesem Beispiel bedeutet dies: (i) (b) ist wahr, (ii) Smith glaubt, dass (b) wahr ist und (iii) Smith hat gute Gründe, zu glauben, dass (b) wahr ist. Dennoch ist klar, dass Smith nicht weiß (!), dass (b) wahr ist – (b) ist nur wahr wegen der Anzahl der Münzen in Smiths Tasche und weil Smith den Job bekommt (davon hat Smith aber keine Ahnung). Smith gründet seine Überzeugung auf das Nachzählen der Münzen in Jones‘ Tasche, von dem er fälschlicherweise annimmt, dieser würde den Job erhalten.
 
Als Konsequenzen aus dem Gettier-Problem können nun diverse internalistische und externalistische Theorien des Wissens angeführt werden, die hier nur in aller Kürze vorgestellt werden. Die Internalisten bestehen auf dem Aspekt der (internen) Rechtfertigung – um dem Gettier-Problem nun zu entkommen, braucht man also eine vierte Bedingung, die beispielsweise darin liegen könnte, dass die Rechtfertigung nicht auf einer falschen Überzeugung basieren darf. Bedauerlicherweise gibt es auch hier Probleme und das Gettier-Problem wird nicht gelöst (Alvin Goldman präsentierte hierzu sein Scheunenbeispiel). Eine andere mögliche Formulierung der vierten Bedingung berücksichtigt, dass die Rechtfertigung nicht durch relevante Zusatzinformationen angefochten werden kann. Im Gegensatz zu den Internalisten sehen Verfechter externalistischer Wissenstheorien bereits die internalistisch verstandene Rechtfertigungsbedingung als falsch an: Wissen und wahre Überzeugung unterscheiden sich demnach durch Faktoren, die nicht zwingend dem Wissenssubjekt zugänglich sein müssen. Ein Kerngedanke in diesem Kontext lautet, dass es für Wissen notwendig ist, dass die entsprechende wahre Überzeugung auf eine verlässliche Art und Weise zustande gekommen ist.

Wirft man einen näheren Blick auf Wissen als wahre Überzeugung, die auf eine verlässliche Art zustande gekommen ist, kann man sich z.B. Hilary Kornblith und sein „Knowledge and its Place in Nature“ (oder in Kurzform Kornbliths Aufsatz „Wissen: ein natürliches Phänomen. In: T. Sukopp/G. Vollmer (Hrsg.): Naturalismus: Positionen, Perspektiven, Probleme. Tübingen: Mohr Siebeck 2007; S. 83 – 97“) anschauen. Für Kornblith ist es klar, dass das Studium tierischen Verhaltens in der kognitiven Ethologie zeigt, dass Wissen eine kausale und erklärende Rolle spielt. So lassen sich beispielsweise nur durch die Zuschreibung von Meinungen und Wünschen im Rahmen intentionaler Zustände einige besonders komplexe Verhaltensmuster wie das Termitenfischen bei Schimpansen voraussagen und erklären. Obwohl man nun auf den ersten Blick meinen könnte, dass es völlig ausreicht, vor diesem Hintergrund Tieren (wahre) Überzeugungen statt gleich Wissen zuzuschreiben, ist dem nicht so: es wurden im Laufe der Evolution zuverlässige Fähigkeiten zum Erwerb wahrer Überzeugungen über die eigene Umgebung selektiert, weil nur so biologische Bedürfnisse befriedigt werden konnten. Somit haben wir es in diesem Fall mit Wissen im Sinne einer zuverlässig erzeugten wahren Überzeugung zu tun.

 
Die Erkenntnisfähigkeit im Kontext der Evolution: Evolutionären Erkenntnistheorie
 
Wenn man bei der Beschäftigung mit Wissen bereits bei der Evolution angelangt ist, bietet es sich an, sich einige grundlegende Aspekte der Evolutionären Erkenntnistheorie näher anzuschauen (einen hervorragenden Überblick hierzu gibt es beispielsweise bei Gerhard Vollmer).
 
Wenn wir der Frage nachgehen wollen, warum wir als Menschen die Welt recht passabel erkennen können, machen wir bereits einige implizite Voraussetzungen: dazu zählen u.a. die Annahmen, dass es überhaupt so etwas wie die Welt gibt und dass wir tatsächlich – wenngleich nicht vollständig oder ohne jeden Irrtum – über diese Welt Erkenntnisse sammeln. Von daher bleibt festzuhalten, dass an dieser Stelle in metaphysischer Hinsicht ein hypothetisch-konstruktiver Realismus angenommen werden muss/sollte, der überhaupt erst einen sinnvollen Umgang mit dieser Frage erlaubt. Unter einem hypothetisch-konstruktiven Realismus kann man die metaphysische Überzeugung verstehen, dass es eine vom Erkenntnissubjekt unabhängig existierende irgendwie geartete Wirklichkeit gibt, ohne dass damit die Behauptung verbunden ist, man könne über diese Wirklichkeit alles erfahren. Die Charakterisierung hypothetisch-konstruktiv verweist darauf, dass wir nie etwas über die Wirklichkeit an sich erfahren, sondern uns in Abhängigkeit unserer Sinnesorgane und kognitiven Leistungen ein Bild dieser Wirklichkeit konstruieren und dass dieses Konstrukt gleichzeitig nur vorläufigen Charakter hat. Folglich geht es nicht um eine identische Widerspiegelung dieser Wirklichkeit, sondern eine strukturelle Korrespondenz zwischen wahrer Überzeugung und Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund können nun die Leistungen und – das ist von großer Bedeutung – auch die Fehlleistungen des menschlichen Erkenntnisapparates angegangen werden.
 
Wenn wir davon ausgehen, dass wir die Welt nach bestimmten Kriterien und Prinzipien konstruieren, stellt sich die Frage sowohl nach dem Wesen als auch der Herkunft der Kriterien und Prinzipien. Wir konstruieren ein zeitlich geordnetes und gerichtetes dreidimensionales Bild der Welt, das von einer beeindruckenden Regelmäßigkeit und naturgesetzlichen Strukturierung durchzogen ist, was uns nicht zuletzt bemerkenswerte Prognosen über zukünftige Entwicklungen vor dem Hintergrund gemachter Erfahrungen erlaubt. Da unser Ausgangspunkt in diesem Blogbeitrag das Wissen und eine sichere Begründung war, verdient an dieser Stelle die Induktion einen genaueren Blick: induktive Schlüsse funktionieren nur dann, wenn die entsprechende Welt ausreichend regelhaft und selbstähnlich in Bezug auf Vergangenheit und Zukunft ist – doch dafür gibt es keine logische Notwendigkeit. Gleichzeitig ist es nicht gestattet, die Induktion durch Erfahrung zu rechtfertigen – denn Induktionsschlüsse beziehen sich ja gerade auf das, was der Erfahrung noch nicht zugängig war. Und wenn wir versuchen würden, die Induktion mit Hilfe der Induktion zu begründen, wären wir wieder ziemlich nahe am Anfang dieses Blogbeitrages – beim Zirkelschluss (vgl. auch Schurz, S.47ff.). Welch Glück, dass wir bis jetzt trotzdem ganz gut damit gefahren sind…
 
Doch nun zurück zur Evolutionären Erkenntnistheorie und einigen ihrer Grundthesen: den Ausgangspunkt macht die Verortung unserer kognitiven und sensorischen Fähigkeiten als Produkt eines in der Evolution entstandenen Gehirns. Sowohl auf phylogenetischer als auch auf ontogenetischer Ebene fanden/finden Anpassungen an die Wirklichkeit statt, da nur mit Hilfe einer einigermaßen realistischen Weltdeutung das Überleben von Individuen (über einen längeren Zeitraum) gesichert werden kann. Mit dem Ansatz, unsere Erkenntnisstrukturen an die biologische Evolution zu koppeln, können nicht nur Leistungen, sondern auch Fehlleistungen erklärt werden: in der Evolution ging es nie um irgendwelchen absoluten Maxima oder Optima, sondern lediglich um deren lokale Gestalt – es wurde keine Perfektion im platonischen Sinne belohnt, sondern Effizienz vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen. So überrascht es auch nicht, dass der Mensch hinsichtlich seiner Erkenntnisfähigkeiten und Intuitionen in der Alltagswelt des Mesokosmos gut zurechtkommt, wohingegen die Welt im ganz Kleinen und sehr Großen sich unseren unmittelbaren Vorstellungen und dem intuitiven Verständnis ebenso entzieht wie die Bereiche zu großer Komplexität. Quantenmechanik, Allgemeine Relativitätstheorie und Komplexitätstheorie sind jedoch gute Beispiele dafür, wie es der Mensch im Laufe seiner Kulturgeschichte geschafft hat, insbesondere mit den intellektualtechnischen Mitteln der philosophischen Propädeutik, der Logik und der Mathematik in seinem wissenschaftlichen Wirken die alten Grenzen zu überschreiten und in ihm lange Zeit verschlossene Gebiete vorzudringen.
 
Die Annahme von im Laufe der Evolution (der Steigerung der Überlebensfähigkeit dienenden) immer besser gewordenen Erkenntnisleistungen steht in engem Zusammenhang mit der Theorie der natürlichen Selektion. Die Tatsache, dass wir Menschen(artigen) nach über 5 Millionen Jahren immer noch auf der Welt sind und uns an die vielfältigsten (auch selbstverursachten) Veränderungen mit unserer Lebensweise angepasst haben, zeigt, dass es vor dem Hintergrund unserer komplexen Wechselwirkungsweise mit der Umwelt zumindest eine gewisse Übereinstimmung zwischen der realen Welt und unserer Deutung von ihr geben muss. Dies wird umso deutlicher, je genauer man sich die Funktionsweise der natürlichen Selektion in Zusammenhang mit Artensterben anschaut. Populationen oder ganze Arten scheitern für gewöhnlich entweder, weil sie mit den Rahmenbedingungen ihrer (sich schnell ändernden) Umwelt nicht mehr zurechtkommen, oder weil sie von besser angepassten Konkurrenten verdrängt werden. Während Gegner der Theorie der natürlichen Selektion hier vor einem Rätsel stehen, machen ihre Verteidiger den Sack der Argumentation zu: mag es für den Erfolg von Arten auch noch andere Erklärungen geben, so ist es schlussendlich das Scheitern, das ein eindeutiges Argument für die Selektionstheorie und damit zusammenhängend eine (konstruktiv-) realistische Auffassung der Wirklichkeitsdeutung von Lebewesen liefert. 
 
Literatur (u.a.):
Ernst, Gerhard: Der Wissensbegriff in der Diskussion. In: Information Philosophie 2007, 3; S. 38 – 48.
Gettier, Edmund L.: Is Justified True Belief Knowledge? In: Analysis 1963, 23; S. 121 – 123.
Kornblith, Hilary: Wissen: ein natürliches Phänomen. In: T. Sukopp/G. Vollmer (Hrsg.): Naturalismus: Positionen, Perspektiven, Probleme. Tübingen: Mohr Siebeck 2007; S. 83 – 97.
Schurz, Gerhard: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 2. Aufl. Darmstadt 2008.
Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Argumente zur Evolutionären Erkenntnistheorie. In: C. Asmuth/H. Poser (Hrsg.): Evolution: Modell Methode Paradigma. Würzburg 2007; S. 221 – 238.
Permalink 14.11.10    13 Kommentare »

Der NUTZEN der Philosophie (=von Philosophieren)

(Die Aufgabe, die ich mir heute gestellt habe: So kurz wie möglich den Nutzen von Philosophie zu beschreiben.) Dein persönlicher Nutzen durch die Philosophie besteht darin zu erkennen, was für DICH Nutzen hat.Im ersten Schritt erkennst du dann, dass dein bisheriger Nutzenbegriff sehr ENG ist und eine Überlegung über deinen persönlichen Nutzen gar nicht zulässt.(Anmerkung: Hätte die Philosophie nicht MEHR Nutzen, als was du jetzt als Nutzen für dich erkennen und begreifen kannst, wäre das ein sehr jämmerlicher Nutzen.)Was du bisher für deinen Nutzen gehalten hast, war zum Großteil etwas, was dir von ANDEREN bzw. von der GESELLSCHAFT als dein Nutzen zugedacht worden ist; nicht aber etwas, was du dir selbst als nützlich für dich ausgesucht hast.Damit ist nicht nur gemeint, dass die Gesellschaft oder die Werbung dir irgendwelche Nutzen EINREDET (obwohl es das auch gibt), sondern es geht darum zu begreifen, dass viele Nutzen selbst nur innerhalb und durch gesellschaftliche Umstände bestehen: Einen Steuervorteil gibt es nur, wo es ein Steuersystem gibt; eine Professorenstelle gibt es nur, wo es Hochschulen und ein Wissenschaftssystem gibt.Was du bisher für deinen Nutzen hieltst, waren also nur BELOHNUNGEN, die vom System (oder von Organisationen) für die Menschen vorgesehen sind, welche an ihm teilnehmen.Was du bisher für deinen Nutzen hieltst, war also eigentlich eher die sprichwörtliche KAROTTE, welche dem Esel, der einen Wagen zieht, mit der Angel vor die Nase gehalten wird, damit er sich anstrengt.Je mehr man diesen Karotten nachläuft, desto mehr verliert man seine eigenen Lebensziele – also seinen WIRKLICHEN Nutzen – aus den Augen.Du darfst nämlich nie vergessen – höchster Grundsatz ethischer Lebensführung -, dass du die meisten jener Nutzenangebote, von denen du bisher eine Vorstellung hast, nur dann erreichen wirst, wenn du die Berufung, dein eigenes Leben zu führen, zurückstellst, um dich ganz in den Dienst einer Organisation zu stellen und nur noch DEREN Ziele zu verfolgen. – Willst du also nach dem streben, was wirklich Nutzen für dich hat, wirst du viel von dem AUFGEBEN müssen, was du bisher für deinen Nutzen gehalten hast!Erringst du (hypothetisch) JEDEN Nutzen, den du dir bisher für dich vorstellen kannst, so wirst du alles haben, was die Gesellschaft für dein Glück für nötig hält, aber du wirst nicht glücklich sein.Philosophie dient dir dazu, von all den Nutzenangeboten, die an dich herangetragen werden, jene AUSZUWÄHLEN, welche für dich passen; darüber hinaus hilft dir Philosophie zu einem Konzept deines eigenen Lebens, welches es dir überhaupt erst erlaubt zu erkennen, was FÜR DICH Nutzen haben kann und was nicht.

Permalink 12.11.10    7 Kommentare »

Eine Frage an die Volkswirte

Eine Frage, die mich immer noch beschäftigt, stammt aus einem einseitigen Interview der WirtschaftsWoche mit dem Philosophen Richard David Precht. Es geht um die Frage, ob der Kapitalismus ein erfolgreiches Wirtschaftssystem ist?

Im erwähnten Interview sind sich Interviewer und interviewter Philosoph darin völlig einig. Der Interviewer bemerkt:

 

Der uns in den vergangenen 200 Jahren nie gekannten Wohlstand verschafft hat…

 

Und der Philosoph antwortet:

 

„Precht: Völlig d’accord. Der Kapitalismus ist das erfolgreichste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das wir je hatten.“ (WirtschaftsWoche Nr. 41, 11.10.2010, S. 128)

 

Ich aber frage mich: Woher nehmen die beiden diese Überzeugung, dass der Kapitalismus so erfolgreich ist? Das meine ich so: Der Kapitalismus mag in den letzten 200 Jahren einen „nie gekannten Wohlstand“ geschaffen haben, aber er hat zugleich eine Bevölkerungsexplosion zur Folge gehabt, die die Weltbevölkerung vervielfacht hat. Diese Tatsache alleine wäre jetzt noch nicht schlimm, wenn man nicht den Eindruck haben müsste, dass auch die gegenwärtige Entwicklung der Marktwirtschaft immer noch von der weiteren Zunahme der Bevölkerung abhängig ist. Ein enormes Wachstum an hungrigen VerbraucherInnen und billigen Arbeitskräften rund um die Welt ermöglicht es einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Menschen, sich jedes Jahr ein größeres Stück vom gemeinsam erwirtschafteten Kuchen abzuschneiden, ohne welches sie nicht länger bereit wären, jene unternehmerischen Tätigkeiten weiterzuführen, die der Menschheit Nahrung, Kleidung und Unterkunft verschaffen. Ohne dieses weltweite Bevölkerungswachstum würde es womöglich zu Verteilungskämpfen von solcher Härte kommen, die auch die Wirtschaftsaktivitäten lähmen.

Kurz: Wir wissen eigentlich nicht, ob der Kapitalismus bei stabilen Bevölkerungsverhältnissen funktionieren kann. Der Kapitalismus ist nicht einfach „erfolgreich“, sondern er hat ein weltweites demographisches Experiment angestoßen, dessen Ausgang wir noch nicht kennen. Der Eindruck des „Erfolgs“ des Kapitalismus kann meinem Dafürhalten bloß daher kommen, dass wir nur auf unsere unmittelbare Umgebung blicken – also vor allem auf Europa oder auf die Industriestaaten, wo Bevölkerungslage und Wohlstand bislang relativ stabil sind, das heißt, indem wir die Weltregionen ausblenden, in welchen sich die wirklich großen Veränderungen abspielen.

Unlängst saß ich mit einem Freund beim Essen und wir sprachen darüber, dass wir eigentlich beide den Eindruck haben, dass unser Planet Erde auf einen Abgrund zutreibt. Diesen Eindruck werden wohl viele Menschen teilen. Er ist verbunden mit der fehlenden Wahrnehmung von Anstrengungen auf politischer Ebene oder jener der Wirtschaftseliten, sich auf das kommende Desaster vorzubereiten. Anstatt dessen hat man den Eindruck, dass viele Menschen sehr zufrieden mit der gegenwärtigen Situation sind, weil sie gut an ihr verdienen und kein Interesse haben, etwas zu verändern. Um mich klar auszudrücken: Ich rede nicht davon, dass ich wüsste, wie viele Milliarden Menschen auf der Erde leben sollten oder nicht leben sollten, sondern ich spreche nur von meinem Eindruck, dass soziologische Prozesse von gewaltiger Eigendynamik auf unserem Planeten laufen, von denen ich nicht weiß, ob wir sie denn unter Kontrolle bekommen könnten, wenn sich denn einmal die Notwendigkeit ergibt, sie unter Kontrolle zu bringen.

 

Aber auch übrigen Ideen von Richard David Precht in diesem Interview mit der WirtschaftsWoche scheinen mir nicht recht plausibel zu sein. Er hat nämlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Die Kunst, kein Egoist zu sein. Im Egoismus sieht er einen „Moralzehrer“ im Kapitalismus, welcher außerdem auf einem falschen Menschenbild beruht: Wir hätten, so Precht, stammesgeschichtlich betrachtet die längste Zeit in Horden gelebt und seien in Wirklichkeit mehr auf Kooperation ausgerichtet denn auf Egoismus.

Der Problemaufriss, der Kapitalismus sei mit Egoismus verknüpft und Altruismus könne als Korrektiv des Kapitalismus dienen, scheint mir aber eine falsche Fährte zu sein, die vom Kapitalismus selber nahe gelegt wird. In der end- und fruchtlosen Anstrengung, mehr Altruismus in den Kapitalismus zu bringen, vergessen wir nämlich – was ganz im Sinne des Kapitalismus ist – danach zu fragen, auf welchen Elementen er wirklich beruht.

In Wirklichkeit: Was wollen denn all die angeblichen Egoisten (und unmoralischen Banker, die die Finanzkrise ausgelöst haben) im Kapitalismus? Sie wollen alle mehr Geld, mehr Besitz, mehr Einfluss, mehr institutionelle Anerkennung. Also, sie wollen alle das Gleiche und noch dazu das, was ihnen das Wirtschaftssystem als Belohnung verspricht, wenn sie seine Anforderungen erfüllen. Kann man das wirklich Egoismus nennen? Viel eher scheint es sich hier um Menschen zu handeln, die es ihr Leben lang verabsäumt haben, sich mit sich selber zu verständigen und die aus diesem Grund gar nicht wissen (können), was sie selber wollen. Aus Verlegenheit wollen sie am Ende das, was ihnen die Gemeinschaft als höchste Güter anpreist. Diese Menschen, die so „uneigennützig“ nach Eigennutz streben, hinterher auch noch als Egoisten zu verunglimpfen, erscheint beinahe unfair.

Die Lösung für das von Precht ins Auge gefasste Problem würde ich daher eher in der Gegenrichtung suchen. Warum gibt es so wenig Egoisten? Unter Egoisten verstehe ich dabei Menschen, die sich die Mühe machen, ihre EIGENEN Wünsche herauszufinden und die danach streben, sie sich zu erfüllen. Anstatt dessen wünschen sich in der Realität alle Menschen die gleichen Güter und krachen dabei natürlich aufeinander. Sie krachen dabei aufeinander nicht deswegen, weil die Wirtschaft nicht in der Lage wäre, für alle Menschen ausreichend Güter herzustellen, sondern weil bei manchen der herkömmlich erstrebten Gütern (Geld, Macht, Einfluss, Anerkennung, öffentliche Aufmerksamkeit etc.) ein Mehr für die eine Person per se ein Weniger für eine andere Person bedeutet. Meine Ausgaben sind jemand Anderes Einnahmen, wie es so schön heißt.

„Alphatiere und Ichlinge haben keine Zukunft mehr.“, schließt Richard David Precht das Interview. Dabei erklärt er kurz vorher, wie Egoismus nicht aus egoistischen Trieben des Menschen kommt, sondern ganz gezielt im kapitalistischen Wirtschaftssystem „gezüchtet“ wird: „Nette Altruisten werden selten Spitzenbanker“, sagt er, und: „Arbeitet man in einem so hoch kompetitiven Umfeld, bedingt das bestimmte Charaktereigenschaften. In so einer Horde wird der Egoismus gezüchtet – wie generell im Kapitalismus.“

Merkt er da keine inneren Widersprüche in dem, was er vorbringt? Wenn im Kapitalismus der Egoismus gezüchtet wird und Precht dem Kapitalismus eine Rückkehr zu einer „Kultur des Anstands“ vorschlägt, dann kann Prechts Vorschlag nur auf einen schlechten und ineffizienten Kapitalismus rauslaufen.

Solche Überlegungen machen wenig Lust, sein Buch zu lesen. Dass sich heute junge Philosophen immer noch von überkommenen begrifflichen Entgegensetzungen wie Egoismus-Altruismus foppen lassen, ist wirklich ärgerlich.

Permalink 11.11.10    1 Kommentar »

Meine Zielgruppe: Individuen

Link: http://www.philohof.com/philosophie/ethik/arbeitsblattethik_ludwighohl_wasistarbeit.pdf

Heute habe ich wieder eines meiner beliebten Arbeitsblätter verfasst. Das ist etwas, das ich mir als österreichischer Lektor in Breslau angewöhnt habe – Arbeitsblätter zu erstellen. Das heutige philosophische Arbeitsblatt ist für mich persönlich besonders wichtig, es geht in ihm um den Begriff der Arbeit, wie der Schweizer Philosoph Ludwig Hohl ihn konzipierte. Hohl meinte nämlich: Das, was ich rasch noch tun möchte, wenn ich mir der Kürze meines Lebens bewusst werde, das sei Arbeit. Nicht Arbeit sei dagegen das, was die meisten Leute dafür halten, nämlich leere Bewegung, Beschäftigung, business (von busy – beschäftigt sein).

Was mir an dieser Konzeption von Arbeit besonders gefällt, ist: Wenn man Arbeit so auffasst, wie Ludwig Hohl es tut, dann fällt vieles wieder auf seinen richtigen Platz zurück, das vorher verrückt war, und das Leben bekommt wieder mehr Sinn. Und wenn mehr Leute ihn ernst nähmen, dann würde vieles in unserer Gesellschaft auf seinen Platz zurückfallen, und das Leben in ihr würde aufhören, eines in einer organisierten Sinnlosigkeit zu sein, mit welchem Namen man die heutige Gesellschaft recht gut bezeichnen könnte. Selbst das größte Verbrechen der Gesellschaft am Menschen, die Arbeitsteilung, würde uns dann nicht mehr so scharf schneiden, weil der Gedanke existierte, ein Mensch in seiner gesellschaftlichen Funktion habe mehr zu sein als ein Rädchen in einer Maschinerie.

Im Umgang mit diesen Gedanken, die mir persönlich sehr wichtig sind, ist mir heute wieder die Frage in den Kopf gestiegen, für welche Zielgruppe meine philosophischen Botschaften denn eigentlich sind. Denn oft habe ich ja den Eindruck: Da gibt es viele Perlen z.B. auf meiner Homepage, und die Leute wissen das nicht richtig zu würdigen. Vielleicht ist das deshalb so, weil sie nicht wissen, für wen das geschrieben ist und wie diese Botschaften zu gebrauchen sind?

Meine Zielgruppe aber weiß ich nicht anders zu bestimmen als mit dem Wort „Individuen“. „Individualisten“ trifft es nicht, denn das hört sich nach Personen an, die aus ihrer Individualität eine Religion machen, und die meine ich nicht. Aber in wen auf der anderen Seite nicht ein höllischer Schmerz hineinfährt, wenn im wissenschaftlichen Seminar gesagt wird: „Dein Erkenntnisinteresse zählt hier nicht, weil es unwissenschaftlich (weil subjektiv, weil… deines) ist!“, der wird mit mein Überlegungen wohl gar nichts anfangen können. Denn meine Ausarbeitungen sind rettende Gedanken für Individuen, scharfe Haken, mit denen man sich im letzten Augenblick auf dem glatten Abhang gesellschaftlicher Kommunikationslosigkeit vor dem Absturz in den geistigen Tod bewahren kann.

Trotzdem gibt es – das weiß ich mittlerweile, obwohl ich ihre Existenzen nicht fassen kann – viele Menschen, denen der eigene geistige Tod nichts ausmacht. Die Möglichkeit dieser Wahl liegt offenbar auch im Bereich des menschlichen Individuums. Der Mensch als Individuum hat auch die Möglichkeit, von sich abzusehen. Und diese Menschen machen wohl die überwiegende Mehrzahl der Menschen in der Gesellschaft aus. Sie werden freilich in meinem Blog oder auch auf meiner Homepage nichts finden können, was ihnen irgendwie sinnvoll erscheint.

Auch Menschen, welche

  • Organisationen,
  • die Gesellschaft,
  • die Wissenschaft oder
  • die Wahrheit

 

über den Menschen stellen, werden unter meinen Sachen nichts Interessantes für sich finden. Denn meine Gedanken sind für den Menschen gedacht, das ist: für Individuen – also für Menschen, die ihre Aufgabe, ihr Leben als individuelles Schicksal zu leben, auf sich genommen haben.

Eine weitere Gruppe, für die meine philosophischen Entwürfe ebenfalls uninteressant sind, möchte ich noch besonders hervorheben. Es sind das die Menschen, die

  • einfach nur leben möchten.

 

Das ist sicherlich nicht einfach nur eine sehr große Gruppe in unserer Gesellschaft, sondern es ist in gewisser Weise die „Ideologie“, unter der wir heute alle leben: Was will denn der Mensch? – Einfach nur leben!

Über die Menschen, die einfach nur leben möchten, sagt Ludwig Hohl in seinen Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung (Suhrkamp Taschenbuch 1000, S. 15): „…wo du nicht positiv – nicht eigenes Leben – lebst, lebst du schon negativ, schon das Leben anderer;“

Gerade also, wer nur sein Leben leben möchte, lebt nicht sein Leben. Und gerade die, die nichts mehr als nur leben möchten, bestimmen in ihrer Summe das Leben der Anderen mit, indem sie kein Verständnis dafür zulassen, dass diese ihr eigenes Leben leben wollen, ihre Aufgabe als Individuen auf sich nehmen wollen.

Ludwig Hohl ist/war ein Individuum. Das merkt man in seiner Prosa, und man merkt es freilich in seiner Theorie der Arbeit, welche eine individualistische – und also: eine philosophische – ist. Alleine die Tatsache, dass er gelebt hat, und dass sein Buch existiert, ist eine große Erleichterung für ein anderes Individuum: Ich bin nicht allein! – Ich bin doch nicht ganz allein unter lauter „letzten Menschen“, wie Nietzsche sie genannt hat. Eine derartige Erleichterung, wie Ludwig Hohl sie mir bereitet und mir dabei ein Stückchen Lebensfreude zurückgibt, das ich an den heiligen Orten unserer heutigen Gesellschaft (Einkaufscenter, Autobahnknoten, Amtshäuser) verloren habe – eine derartige Erleichterung möchte ich mit meinen Texten auch anderen Individuen verschaffen, wenn ich sie denn erreichen kann.

Denn ich weiß sehr gut: Individuen sind keine Gruppe; sie können also nicht gut eine Zielgruppe sein!

Aber vielleicht hilft es meinen Texten, wenn ich klar mache, dass sie für Individuen geschrieben sind! Und mir würde es sehr helfen, wenn ich erführe, dass da draußen außer mir und Ludwig Hohl noch einige andere Individuen sind!

Permalink 10.11.10    1 Kommentar »

Jede Äußerung eines Individuums hat die folgende Botschaft:

Ich will wahrgenommen werden.

Doch was geschieht, wenn ich diese von anderen

eingeforderte Aufmerksamkeit

meinem vermeintlichen Ich

von meiner Seite zukommen lasse?

Das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, verschwindet.

Das sogenannte Ich ist also nichts anderes

als das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden.

Die Aufmerksamkeit anderer nährt dieses Bedürfnis. 

Sobald ich aber meine Aufmerksamkeit mir selbst zuwende,

löst sich dieses Bedürfnis auf, und ich verschwinde mit ihm.

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