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Vernünftigkeit und Wahnsinn

Ich habe neulich eine Kurzgeschichte gelesen, die mir zu denken gab. Und zwar ist es ja so: Normalerweise halten wir jemanden für vernünftig oder für in den Wahnsinn abgetrieben, aber vielleicht ist dieser Gegensatz nicht so einfach. Die Kurzgeschichte, von der ich spreche, ist eine zugegegen schon älteren Semesters, nämlich "The Breakout" von Joyce Cary (1888-1957), die sich für mich allerdings so anfühlt wie "aus dem Herzen unserer Kultur". Wer mich kennt, weiß ja, dass ich zwischen Texten aus der Philosophiegeschichte und solchen aus der Literatur nicht viel Unterschied mache, weil ich meine, dass die Philosophie, wenn sie sich auf das, was ihr von Fach wegen an Inhalten zusteht, beschränkt, an Sinnlosigkeit erkranken, ausdörren und letztlich aussterben wird.

Nun aber zum Inhalt der Erzählung: Ein 53-jähriger gutverdienender Mann mit Frau und 2 Kindern stellt mit der Zeit fest, dass sich eine Entfremdung zwischen ihm und Frau und Kindern eingestellt hat. Kommt er in den Raum, verstimmt das zuvor lustige Gespräch. Fragt er, worüber gelacht worden ist, sagt man ihm "über nichts Wichtiges" oder man werde es ihm später noch erzählen, doch man erzählt ihm nichts. Mit einem Wort, bald fragt sich der Mann: Wofür arbeite ich denn noch? Nun, an einem dieser Tage haut er morgens einfach ab, fährt anstatt zur Arbeit an den Strand (es ist Februar!) und plant seiner Frau einen Brief zu schreiben, in dem er ihr seine Emotionen erklärt, den er jedoch nie abschickt. Eines Tages taucht unvermutet sein Bruder an dem Strandort auf, die Konversation verläuft seltsam, der Bruder spielt den Verständigen, der Mann haut ab, fährt mit dem Bus in eine andere Stadt.

Von dort aus gibt er seinem Chefbuchhalter in der Firma Anweisung, ihm Geld zu schicken, doch der schickt nicht. Und nach ein paar Tagen erfolglosen Versuchens tauchen Frau, Kinder, Chefbuchhalter und ein offenbar körperlich sehr kräftiger Psychiater (mit einem professionellen Lächeln) auf und bringen unseren Protagonisten in die Klapsmühle. Nach 6 Wochen ist er wieder zu Hause, ist zurück in der Arbeit und alles geht so weiter wie bisher. Sogar seine Frau und seine Kinder haben aufgehört, ihn mit übertriebener Vorsicht zu behandeln. Es ist alles wieder normal.

Ich habe mir nun gedacht: Eine ideologische Lesart dieser Geschichte würde einfach sagen: "Die Gesellschaft ist schlecht!" und das Geschick von Tom, so heißt der Mann, interpretieren als einen Fehltritt, den diese ach so böse Gesellschaft erbarmungslos korrigiert.

Aber ich vermute mal, sowas überzeugt heute keinen Menschen mehr. Und es ist auch nicht wahr. Der Punkt ist, dass das, was Tom erleidet, die Symptome eines "breakdowns", also eines psychischen Zusammenbruchs zeigt und auch wirklich ein solcher "breakdown" ist. Und die Menschen, die ihn da abholen kommen, inclusive des kräftigen Psychiaters, der ihn ins Taxi zur Klapsmühle schiebt, ihm tatsächlich helfen wollen.

Aber: Gleichzeitig  zeigt die Kurzgeschichte sehr eindeutig, wie sowohl der Bruder von Tom wie auch der Psychiater taub gegenüber dessen rationalen Gründen für sein Verhalten werden, eben deswegen, weil sie ihn für durchgeknallt halten. Den Abbruch der Kommunikation also habe ich als sehr scherzhaft in dieser Erzählung erlebt. Und was ebenfalls unerträglich ist, ist zu sehen, wie die Probleme, die Tom am Anfang der Erzählung nüchtern diagnostiziert hat (die Entfremdung von seiner Familie), am Ende und nach seiner Rückkehr nach Hause fröhliche Urständ feiern.

 Es gibt das also nicht: das Vernünftige und das Verrückte - nämlich in dem gebräuchlichen Sinn, dass es sich nicht lohnte, dem Verrückten zuzuhören, weil er doch verrückt ist. Der Verrückte gibt Gründe zu verstehen - und insofern er das tut, kann man diese Gründe nachverfolgen und feststellen, ob sie in der Realität bestehen. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass man den Verrückten für vernünftig halten muss oder denjenigen, der einen "nervous breakdown" erlitten hat, für den wirklich Gesunden. Nein, er hat wirklich einen Zusammenbruch erlitten - aber dieser Zusammenbruch hatte eben unter anderen auch rationale Gründe und Ursachen, die dingfest gemacht werden können und nachverfolgt werden müssen.

Wie sieht es nun aus mit der Gegenseite, mit der Seite der Vernünftigkeit. Die vernünftige Seite ist offenbar krank, wenn man der Kurzgeschichte von Joyce Cary trauen darf: Sie besteht in einer Gesellschaft, in der eine Entfremdung zwischen dem Familienvater und dem Rest der Familie entsteht - und sie findet das ganz normal. Ich habe unlängst eine Aktualisierung dieses Vorwurfs gegen die Gesellschaft erlebt, die mich bis heute beschäftigt: Im Gespräch mit einem anderen praktischen Philosophen (ich besuche jetzt der Reihe nach praktische Philosophen), der u.a. Männerseminare organisiert, erfuhr ich, dass Männer, die zusammenbrechen, weil sie a) eine Scheidung hatten, b) ihren Job verloren, c) krank wurden, nach diesem lebensverändernden Vorkommnis noch ca. 5-6 Jahre brauchen, bis sie professionelle Hilfe suchen (denn Hilfe zu suchen, gilt in unserer Gesellschaft als unmännlich!). Daran erkennt man, dass unsere Gesellschaft schon sehr krank sein muss - also nicht nur ein bisserl krank, sondern sehr krank!

Und trotzdem gelten natürlich die Vekehrsregeln. Das heißt, wer in die Gegenrichtung fährt (wenn alle anderen in die entgegengesetzte Richtung fahren), der ist der Geisterfahrer. Und das, obwohl er vielleicht nach sachlichen Gründen gerechnet Recht hat! Aber die Mehrheit hat nie Unrecht, die Mehrheit bestimmt, was Recht ist!

Und trotzdem täte ich die hier in diesem Blog anwesenden LeserInnen und BloggerInnen innigst bitten: Wenn Euch ein Verrückter oder eine Verrückte seine oder ihr Gründe aufzählt, dann schaut, was sachlich-logisch dran ist. Denn daran hängt auch die gesamte Philosophie: Wenn wir die logisch richtigen Argumente eines Verrückten zurückweisen, dann haben wir die gesamte Logik nicht verdient!

Permalink 10.06.10    7 Kommentare »

auch wenn ein transzendentales subjekt des erkennens

prinzipiell nicht nachweisbar ist,

heißt das nicht,

daß nicht alles, was ist,

der phänomenalität zugerechnet werden kann.

alles, was ist, ist immer irgendwie

nichts, was ist, ist eigenschaftslos

ohne eigenschaften sein, heißt, nicht sein

eigenschaftslos sein und nicht sein

bedeutet ein und dasselbe

Nebenwirkungen kritikloser Begeisterung für Objektivität

Heute nehme ich mir ein besonders wichtiges Thema vor. Es ist ja so: Wir leben in einer „objektiven“ Gesellschaft, in einer Gesellschaft, die besonders überzeugt ist vom Wert objektiver Erkenntnis. Nur scheint sie die Nebenwirkungen ihrer Haltung zu wenig zu bedenken. Vielleicht sieht sie sie auch einfach nicht, vielleicht ist sie blind dafür? Es käme also darauf an, sie ihr ein wenig zu zeigen: Da wäre also z.B. folgende: Als ich noch ein kleiner Bub war, führte mich mein Vater an die tschechische Grenze, zeigte auf die großen Steine, die auf den Feldern der tschechischen Seite lagen und erklärte mir, dass die „Behm“ (= die Böhmen, also die Tschechen) die Steine nicht abklauben, weil sie im Kommunismus leben, die Felder und die Maschinen nicht ihnen gehören und es ihnen deshalb völlig egal sei, ob die landwirtschaftlichen Maschinen durch die großen Steine kaputt gingen. – So lernte ich, was Kommunismus ist. Es ist deshalb ein besonderer Scherz der Geschichte, dass mein Vater „auf seine alten Tage“ noch lernen muss, schlampig zu arbeiten, so schlampig wie die Tschechoslowaken seinerzeit im Kommunismus – denn wenn eine Sache gegen sein Naturell geht, dann ist es das: schlampig zu arbeiten. Das kann er einfach nicht. Aber wir leben ja jetzt in der Europäischen Union, und diese hat meinen Vater eingefangen in einer großen, europaweiten, zentral gesteuerten Organisation. Der heutige Landwirt muss da zwar nicht mitmachen, aber da landwirtschaftliche Produkte auf dem Markt keine Preise erzielen, gibt es, gelinde gesagt, einen gewissen Druck, von EU-Förderungen zu leben. Und diese EU-Förderungen für die Bauern – ich weiß nicht, ob alle das wissen – gibt es nun nur, wenn man innerhalb bestimmter zeitlicher Fristen sät, begrünt, düngt, spritzt oder Jauche ausbringt. Auf die witterungsbedingte Sinnhaftigkeit dieser Arbeiten nimmt das EU-Regelwerk nur wenig Rücksicht. Der Erfolg dieser Förderbedingungen ist dieser: Da kann das Feld noch so nass sein und die Aussichten, dass etwas wächst, gering, die angemeldete Saat muss hineingepatzt werden. So sollte mein Vater jetzt – wenn er es übers Herz bringt – das machen, was er an den kommunistischen Kolchosearbeitern in der Tschechoslowakei immer kritisiert hatte: Dienst nach Vorschrift. Als ich das gehört hatte, meine ich: „Lustig! Dann geht es Papa ja jetzt genauso wie es meinen Studenten gegangen ist (als ich noch Universitätslehrender gewesen bin)!“ Den StudentInnen an der Universität war nämlich auch klar gewesen, dass der Inhalt einer Seminararbeit (oder ihr Gehalt, die Qualität des Inhalts) völlig gleichgültig ist; das Einzige, was zählt, ist das Papier, mit dem man den Studienabschluss bestätigt. Dementsprechend verhielten sie sich: Sie stellten sich zum Teil so dumm und desinteressiert an, dass man sich fragte, wie diese Menschen denn ihren Weg in eine Universität gefunden hatten. Aber in Wirklichkeit verhielten sie sich äußerst intelligent. Durch das offene Bezeigen von Desinteresse und das Jammern über den Schwierigkeitsgrad der Unterrichtsinhalte senkten sie das Niveau des Unterrichts – und das ermöglichte es ihnen, zwei Studien gleichzeitig zu absolvieren in der Zeit, die ein interessierter Mensch für ein Studium braucht. (Vor inhaltlichem Interesse ist daher dringend zu warnen: Der Mensch, der es hat, schneidet sich dadurch nur ins eigene Fleisch!) Unsere Zeit ist ja witzig: Meine KollegInnen an der Universität jammerten, die StudentInnen interessierten sich für gar nichts – und tatsächlich hört man ja auch sonst immer wieder die Klage, dass sich die heutige Jugend für gar nichts interessiere -, aber die Ursache dafür ist eben, dass die StudentInnen verstanden hatten, dass die heutige Gesellschaft inhaltliches Interesse für etwas nicht honoriert. Ist ja auch folgerichtig: Inhaltliches Interesse für etwas wäre etwas Subjektives und nicht leicht Objektivierbares. Und das Subjektive schätzt man ja nicht in der heutigen Zeit: Also schätzt man auch nicht den Menschen, der sich ehrlich für etwas interessiert. Was schätzt man also anstatt dessen? Alles, was objektivierbar ist. Und wenn es nicht objektivierbar ist, tut man so, als ob es das wäre. Die Folge davon ist eine Fülle von Zeugnissen, Zertifikaten und Befähigungsurkunden. Ob allen diesen „Objektivierungen“ auf der subjektiven Seite, also im konkreten Menschen, irgendeine tatsächliche Fähigkeit oder ein tatsächliches Wissen gegenübersteht, ist für die Gesellschaft (das heißt, für den Arbeitsmarkt) völlig egal. Das einzige, was zählt ist, dass die betreffende Person diese Qualifikationsnachweise irgendwie errungen hat. Hier treffen sich die Schicksale meines Vaters und das der heutigen Studierenden, beide müssen danach streben, formalen Bestimmungen zu entsprechen bevor sie versuchen können, reale Ergebnisse zu erzielen. Das soll heißen: In der Realität kommt es dann zum Erzielen realer Ergebnisse gar nicht mehr, denn die Energie, die zum Erzielen realer Ergebnisse aufgewandt werden kann (also z.B. dazu, sich irgendwelche Lerninhalte tatsächlich anzueignen), wird umgeleitet und hingelenkt auf die Erreichung oder Einhaltung formaler Bestimmungen. Mit anderen Worten: Wenn Sie so einen richtig desinteressierten Studenten oder eine Studentin vor sich haben: Der oder die ist nicht blöd, sondern einfach ein Kind unserer Zeit, in welcher das Subjektive (also tatsächliches Wissen oder Können) immer weniger zählen und anstatt dessen nur noch das Objektive (schriftliche Befähigungsnachweise) in Betracht gezogen werden. Jetzt wird meine These vielleicht wer kritisieren, indem er/sie sagt: „Ja, das stimmt schon, aber was er hier vorführt, das ist ja nicht der reine Begriff des Objektiven, so wie man ihn sich vorstellt, sondern das sind bestimmte Verfallserscheinungen und Fehlentwicklungen, die mit dem wahren Streben nach objektiver Erkenntnis gar nichts zu tun haben!“ Darauf sage ich: „Ja, das stimmt schon. Aber: Man kann doch nicht etwas beurteilen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was aus ihm wird, wenn man es in die Maschine der Gesellschaft einführt und die Gesetze des Sozialen es prozessieren!" Prozessieren die Regeln der sozialen Realität die heutige gesellschaftliche Begeisterung für das Objektive, ist eben das dasjenige, was als Ergebnis herauskommt: Bauern, die die Saat in den nassen Boden hineinpatzen, um keine Fristen zu versäumen und StudenInnen, die kein Interesse zeigen, weil das Interesse von einer am Objektiven orientierten Gesellschaft nicht honoriert wird. Das hier Vorgebrachte ist jedoch bloß eine demonstrative und keine taxative Aufzählung; das wahre Schuldenregister der Überzeugung von dem Wert objektiver Erkenntnis ist viel länger. Wie wäre es z.B. bei Gelegenheit, über ein anderes Liebkind unserer objektiven Zeit zu verhandeln: über die Multiple Choice-Tests?

Ich bin echt primitiv! Wirklich!

Möglicherweise haben auch Sie schon gedacht: Der Hofbauer ist echt primitiv! Das nachfolgende Zitat sagt Ihnen, warum das so ist - und klärt sie so über ihre undeutlichen Gefühle auf:

 „Das primitive Denken ist vor allem durch den starken Einfluß des Strebungs- und Gefühlsmäßigen gekennzeichnet; entsprechend der Struktur der ungeschiedenen Ganzheit ist das denkende Verhalten noch wenig abgehoben vom Gesamtseelenleben. Am Denken ist auch der „ganze Mensch“ beteiligt.

Ferner bewegt sich das primitive Denken auf der Ebene des Anschaulichen und Individuellen, während das fortgeschrittene Denken zum Abstrakten und Allgemeinen vordrängt.

Die Verhaftung im Anschaulichen verhindert zum Beispiel, ein Ding in wechselnden Erscheinungsformen als dasselbe zu erfassen; Naturvölker durchschauen gelegentlich nicht die Metamorphose in der Tierwelt; der Forschungsreisende Thurnwald wurde ausgelacht, als er behauptete, dass Raupe und Schmetterling dasselbe Tier seien.

Weil das Urteil Primitiver im Individuellen bleibt, wird auch nur festgestellt, da etwas so ist, nicht auch das Gesetzmäßige, Notwendige, daß es so sein muß. Ein Bakairi konnte den Satz „Jedermann muß sterben“ nicht begreifen, es war ihm so fremd, wie wenn man behauptete, „alle Menschen müssen ermordet werden“.

Daher bereiten auch „Annahmen“ dem primitiven Denken Schwierigkeiten. Ein sechsjähriges Kind weigerte sich, die Frage zu beantworten: „Wenn dein Bruder um ein Jahr älter ist als du, wie alt ist er dann?“ mit der Begründung, da es keinen Bruder habe. (Nach H. Werner.)“

Quelle: Dr. Franz Hörburger (Landesschulinspektor in Salzburg) und Dr. Anton Simonic (Landesschulinspektor in Wien): Philosophischer Einführungsunterricht. Handbuch der Pädagogik. Erster Band. Österreichischer Bundesverlag, Verlag für Jugend und Volk, Wien 1948. S. 185.

 Übrigens, die Behauptungen in den Asätzen 3, 4 und 5 im dargebrachten Textausschnitt halte ich aus meiner "primitiven" Sicht für falsch, weil sie MÖGLICHE Konsequenzen des anschaulichen Denkens, aber nicht NOTWENDIGE darstellen. (Bei Absatz 5 vermute ich überhaupt, dass es sich ganz einfach um ein witziges Kind gehandelt hat.)

 Was mich interessieren würde ist, wie es um die Beurteilung dieses Sachverhalts heute bestellt ist. Wahrscheinlich würde man ein konkretes und anschauliches Denken gemäß den Regeln der political correctness nicht mehr "primitiv" nennen (also vielleicht nur mehr denken, dass es primitiv ist, es aber nicht mehr sagen), so wie man Naturvölker heute auch nicht mehr als "Primitive" bezeichnet. Aber: Ist das heute überhaupt noch ein Thema? Oder ist vielleicht das konkrete Denken im öffentlichen Diskurs schon soweit abgeschlagen, dass man es gar nicht mehr als "primitiv" zu bezeichnen braucht, weil es einfach gar nicht mehr Thema ist?

Ich selbst verstehe mich übrigens als tolerant, weil ich der Meinung bin, dass man beide Gehirnhälften zum Denken gebrauchen kann. Intolerant bin ich nur gegenüber denen, die sagen: "Nur die Arbeit der linken Gehirnhemisphäre ist Denken, die der rechten nicht!"

Verursachung "nach unten" ("downward causation")

Kausalität auf verschiedenen Seinsebenen: Können die Vorgänge auf höheren Ebenen die Vorgänge auf niedrigeren Ebenen beeinflussen?
Bei Lebewesen lassen sich verschiedene Seinsebenen unterscheiden, etwa die physikalische, die chemische, die biologische und  - bei höheren Lebewesen - die mentale Ebene, mit möglichen Zwischenstufen und weiteren Aufgliederungen. Gehen wir einmal davon aus, dass  auf der physikalischen Ebene Kausalvorgänge ablaufen (ungeachtet der in der Nachfolge David Humes aufgestellten Behauptung, dass es gar keine objektive Kausalität gibt). Jeder physikalische Vorgang geht auf vorangegangene physikalische Vorgänge oder Zustände zurück und kann gemäß den Gesetzen der Physik – strikten oder lediglich statistischen – erklärt werden. Kausale Einflüsse von höheren Ebenen würden diese Gesetze durchbrechen. Nach dem weithin anerkannten Grundsatz der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen wird das abgelehnt.
Wie verhalten sich nun die Abläufe auf den höheren Seinsebenen der Lebewesen zu den Abläufen auf der physikalischen Ebene? Nehmen wir die biologische Ebene: Was sich im Körper von Lebewesen ereignet, folgt auch den Gesetzen der Biologie. Die erforderliche Energiezufuhr ist Voraussetzung für die Erhaltung der Lebensfunktionen. Die Organe des Lebewesens erfüllen ihre jeweilige kausale Rolle im Gesamtzusammenhang des Körpers. Das Zusammenspiel der einzelnen Teilfunktionen wird durch ein hochkomplexes Regelsystem (Nerven, Hormone) gesteuert. Es gibt also bei einem Lebewesen vielfältige kausale Zusammenhänge, die nicht mit den Begriffen der Physik beschrieben werden können. Den biologischen Abläufen liegen zwar physikalische Abläufe zugrunde. Sie führen auch nicht zu einer Durchbrechung physikalischer Gesetzmäßigkeiten; es gibt also keine Kausalität „von oben nach unten“ (im englischen Schrifttum: „downward causation“). Die gesetzmäßigen kausalen Abläufe der biologischen Ebene verwenden vielmehr die physikalischen Abläufe mit den ihnen eigenen Gesetzen wie Bausteine. Durch die Einbeziehung der physikalischen Elemente in ein System höherer Ordnung erfüllen sie kausale Rollen in diesem System ohne gegen Gesetze der Physik zu verstoßen.

Die mentale Ebene mit ihren Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Entschlüssen, sprachlichen Vorgängen verhält sich nun zu den „darunter“ liegenden Ebenen – auch der biologischen Ebene - ganz analog zum Verhältnis der biologischen zur chemischen und der physikalischen Ebene. Sie stellt ein System höherer Ordnung gegenüber diesen Ebenen dar, in welchem die Vorgänge dieser Ebenen wie Bausteine verwendet werden. Die biologischen Zustände und Vorgänge im Gehirn eines Menschen mit der hochkomplexen Verflechtung der Neuronen, dem Feuern der Synapsen, der Ausschüttung von Botenstoffen können zwar mit biologischen (neurophysiologischen) Begriffen auf dieser Ebene vollständig beschrieben werden.
Diese Beschreibungen würden aber die Vorgänge der übergeordneten mentalen Ebene nicht erfassen; hierzu braucht man mentale Begriffe. Die Hirnforscher beziehen daher sinnvollerweise bei ihrer Arbeit die mentale Ebene mit ihren Begriffen ein; sie beschreiben etwa, welche neuronalen Muster sich bei bestimmten mentalen Vorgängen im Gehirn ergeben.
Mit der Unterscheidung von Ebenen mit jeweils eigenen Systemeigenschaften und Gesetzlichkeiten, die aber in einem hierarchischen Bau zu einem Ganzen zusammengefügt sind, lassen sich also die kausalen Abläufe bei Lebewesen -  einschließlich der mentalen Abläufe bei höheren Lebewesen - und ihr harmonisches Zusammenstimmen erklären.

Permalink 27.05.10    2 Kommentare »

Bringt Philosophie denn Erkenntnis?

Gestern war ich bei einem praktischen Philosophen zu Besuch. (Wer das war, will ich jetzt mal nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob es ihn freuen würde und weil es auch gar nichts zur Sache tut.) Jedenfalls fragte ich ihn - eine Frage, die zu stellen bei einem praktischen Philosophen nicht ungewöhnlich sein sollte - was denn seiner Meinung nach der Kundennutzen von Philosophie sei, und er sagte so ungefähr: Man gewinne durch die philosophische Beschäftigung mit verschiedenen Themen Erkenntnisse, man unterhalte sich gut und befriedige ein Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis zu philosophieren.

Da war ich fürs Erste perplex. Philosophie bringt doch keinerlei Erkenntnis, dachte ich. Deshalb stünden doch in der Philosophie mit Recht die Fragen über den Antworten?!

Was soll ich sagen, heute denke ich wieder anders, nämlich umgekehrt: Freilich bringt Philosophieren Erkenntnisse, sonst unterzöge ich mich seiner Mühe nicht. Besonders wenn man das macht, was der praktische Philosoph, mit dem ich sprach, offenbar besonders gern tut, nämlich sich der großen und klassischen Themen der Philosophie annehmen sowie sich an Begriffen abarbeiten, dann kann man schon leicht behaupten, dass Philosophieren einem mehr Aspekte von Begriffen wie Freiheit, Liebe, Freundschaft oder Tod zeigt, als man ohne sie gesehen hätte, und auch mehr eigene Vorstellungen, die man an diese Begriffe drangehängt hat.

Habe ich also heute Recht und gestern hatte ich Unrecht? Nein, gestern hatte ich auch Recht! Aber was habe ich gestern gemacht? Ich habe gestern die Philosophie beurteilt mit dem Erkenntnisbegriff, der heute vorherrschend ist und den uns die heutige Wissenschaft lehrt. In diesem Erkenntnisbegriff ist Erkenntnis gleichbedeutend mit Resultat. Eine Disziplin, die keine Resultate liefert (siehe: Philosophie) liefert daher auch keine Erkenntnisse. (Nicht missverstehen, wenn ich sage, dass das der wissenschaftliche Erkenntisbegriff ist: Dieser Erkenntnisbegriff hat sich heute allgemein durchgesetzt, und alle Menschen erwarten, wenn man ihnen Erkenntnisse ankündigt, Resultate - und nicht etwa Einsichten in Zusammenhänge und Ursachen.)

Dabei ist dieser heutige Erkenntnisbegriff ja paradox: Er ist deshalb paradox, weil die bloße Nennung des Ergebnisses die Erkenntnis selber sein soll! Aber die bloße Erwähnung eines Ergebnisses wirft ja nur ein kurzes und auf einen Punkt beschränktes Schlaglicht auf die Realität. Mit einem Wort: Sie erhellt einem gar nichts. Das mag nun vielleicht nicht für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin selber gelten, der oder die diese Erkenntnis verlautbart, denn er oder sie beschäftigt sich ja mit dem gesamten Themenbereich und hat somit einen schon noch einen größeren Einblick in die Zusammenhänge, aber es gilt mit Sicherheit für die Menschen, zu denen der oder die WissenchaftlerIn als ExpertIn spricht. (Und wahrscheinlich gilt es auch immer mehr für die Wissenschaftler selber und zwar in dem Maße, wie sie durch die Spezialisierung des Wissens gezwungen sind, sich mit immer kleineren Themenfeldern zu beschäftigen.)

Philosophieren ist dagegen so etwas wie ein heilloses Umwege-Machen, ohne dass man je zu einem endgültigen Ziel käme. Dieses Umwege-Machen führt - gewissermaßen als Nebenprodukt - dazu, dass man sich in der (geistigen) Gegend, die man da die ganze Zeit ablatscht, mit der Zeit recht gut auskennt. Das nennen wir Philosophen Erkenntnis - und empfinden es auch so. Die Welt, in der wir leben, nennt solche Umwege hingegen sinnlos und spricht ihnen jeden Wert - auch jeden Erkenntniswert - ab.

Ich bin noch nicht fertig. Das Wichtigste kommt noch: Um sich jetzt zu vergegenwärtigen, was das von mir Gesagte bedeutet, genügt es nicht, diese beiden Vorstellungen von Erkenntnis nebeneinanderzustellen und halt zu sagen: "Sie sind verschieden!" Sondern man muss sich zu Bewusstsein bringen, welche Funktion Erkenntnis für die heutigen Menschen hat. Denn darin verbirgt sich der Grund, warum Erkenntnis heute als das Wissen über eine zweifelsfrei gewisse Tatsachen bestimmt wird und nicht als die Kenntnis eines größeren Fragenfelds: Erkenntnis hat für die heutigen Menschen den Sinn und die Funktion, ihnen eigene Forschungen und Bemühungen um Erkenntnis zu ersparen. Diese erledigt für sie der Fachmann/die Fachfrau - und teilt ihnen hinterher das Ergebnis mit.

Philosophie hingegen würde die Menschen dazu animieren, sich selbst mit den Fragen zu beschäftigen - und sie genau damit in jene langwierige Beschäftigung hineinbringen, die sie sich dadurch ersparen wollen, indem sie eine Abneigung gegen langwierige Erörterungen aufbauen und anstatt dessen auf Erkenntnis setzen in dem Sinne, wie sie Erkenntnis verstehen - als schnell aufzufassendes Resultat.

Und das ist auch der eigentliche Grund, warum ich so perplex war, als der praktische Philosoph allen Ernstes behauptete, dass Philosophie Erkenntnis bringe. Ja, schon: für ihn, für mich und für alle, die sonst noch bereit sind, das einzusehen. Aber damit gebrauchte er das Wort "Erkenntnis" in einem anderen Sinn als die Zeit, in der wir leben, es gebraucht: Erkenntnis ist für unsere Zeit das, was den Menschen das Erkennen erspart, weil sie die Erkenntnis von den Wissenschaftlern schon fertig abgepackt bekommen so wie von den Supermärkten die Schokolade.

Ich hingegen gebrauchte in und durch meine Verwunderung über den Gebrauch des Worts "Erkenntnis" durch den praktischen Philosophen das Wort so, wie unsere heutige Zeit es gebraucht. Und eigentlich, muss ich zugeben, wunderte ich mich (zumindest heute) mehr über mich als über ihn: Warum lasse ich mir die Bedeutung von Wörtern immer von unserer Zeit aufdrücken? Warum bin ich so ein Sensibelchen, das wie ein Schwamm oder eine Radioantenne durch die Welt geht und den Gebrauch von Wörtern und Begriffen in privaten Gesprächen oder aus der öffentlichen Diskussion in den Nachrichtenmedien so aufnimmt wie man schlechte Luft einatmet?

Permalink 26.05.10    4 Kommentare »

NICHTS IST NICHT VORSTELLBAR.

DAHER DER GLAUBE AN EXISTENZ.

Griechenland - Finanzhilfe - es geht um die WettbewerbsUNfähigkeit

Vielleicht kann ich als Philosophierender auch einmal zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen - es wird der Philosophie ohnehin immer vorgeworfen, dass sie das zu wenig tue.

 Und vielleicht kann ich dabei die Stärken ins Spiel bringen, die Philosophie meiner Meinung nach hat - nämlich das logische Denken und dadurch die Fähigkeit, Argumente auch mal von der anderen Seite zu betrachten.

Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise und Krise des Euro nun hört und liest man immer wieder (was man immer in einer Wirtschaftskrise hört und liest), nämlich: Wir müssen wettbewerbsfähiger werden, um unseren Wohlstand zu erhalten. Weil der globale Wettbewerb immer härter werde, müssten wir uns noch mehr anstrengen - und insbesondere müssten wir auf Technologieführerschaft setzen, also noch mehr in Forschung und Entwicklung investieren.

Wenn wir dieses Argument nun einmal so hinnehmen, dann bedeutet das - logisch betrachtet - dass jemand (im Vergleich zu uns) wettbewerbsunfähiger werden müsste, damit es uns weiterhin gut geht. Also, ich bitte freilich alle und insbesondere alle, die was von Wirtschaft verstehen, mich in dem Punkt zu korrigieren, falls an diesem Gedanken etwas falsch sein sollte... aber rein logisch sieht es so aus: Wenn man Wohlstand - wie das ja mit diesem Argument der Wettbewerbsfähigkeit behauptet ist - nur dann erhalten kann, wenn man als Volkswirtschaft einen der vorderen Ränge im internationalen Wettkampf einnimmt, dann folgt daraus, dass man sich vom Wohlstand verabschieden muss, sobald man an Wettbewerbsfähigkeit verliert und im globalen Vergleich ein paar Ränge zurückrutscht.

Wenn das so ist, (also so, wie unsere Politiker und Wirtschaftsbosse behaupten), dann ist Wohlstand ein rein relationales Phänomen. Also unser Wohlstand ist, wenn wir sehen, dass es jemand anderem schlechter geht als uns.

Mit dieser Erkenntnis erweitert sich unser Blick um 100%, weil wir jetzt die vorher im Dunkeln liegende Seite einblenden, die das einseitige Argument, es gehe bei der Frage nach dem Wohlstand bloß um unsere Wettbewerbsfähigkeit, ausgeblendet hatte. Es geht eben nicht nur um unsere Wettbewerbsfähigkeit, sondern es geht auch um die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen Länder. Ja, mehr noch: Unsere Wettbewerbsfähigkeit ist ja selber gar nichts anderes als die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen. Ein solcher Gedanke legt natürlich den nächsten nahe, ob man da nicht ein bisschen nachhelfen könnte, dass es den anderen schlechter geht - aber in diese Richtung will ich keinen einzigen Schritt tun. Dennoch folgt aus unserer Überlegung: Wenn Marktwirtschaft wirklich so ein relationales Phänomen ist, wie es vom Argument der Wettbewerbsfähigkeit behauptet wird, dann müssen wir uns jetzt in der Krise überlegen, wem es in Hinkunft für uns schlecht gehen soll, damit es uns gut gehen kann?

Bislang ging es ja den Chinesen für uns schlecht - ihre Armut war unser Reichtum und wir konsumierten ihn in Gestalt billiger Kleidung oder Kinderspielzeuge, die sie für uns fertigten. Aber die Chinesen stemmen sich durch ihr Wirtschaftswachstum langsam dagegen, für uns arm zu sein - und ihr zunehmender Reichtum ist unser sinkender Wohlstand, weil durch ihn die T-Shirts für uns teurer werden. Daher fragt sich, wer in Zukunft für uns arm sein will, um aus dieser Armut heraus gezwungen zu sein, für uns einfache Industriegüter zu fertigen, die wir selber nicht fertigen würden, weil die Gewinnmargen dieser Güter zu klein sind und man sie daher nur in einem Niedriglohnland fertigen kann?

Nun, an und für sich wäre Griechenland dran, dieser gefallene Engel der europäischen Wohlstandszivilisation, weil es ja zunehmend die Chinesen nicht mehr für uns machen. Aber aufgrund der Währungsunion hat die Europäische Union beschlossen, Griechenland zu retten, weil sie Europa als eine Wohlstandszone sieht, in der es keine underdogs geben soll. Das finde ich auch sehr in Ordnung, nur drängt sich aus unserer Überlegung der Eindruck auf, dass das dem Funktionsprinzip der Wirtschaft nicht entsprechen kann.

Denn wenn es in der Wirtschaft - wie es uns gelehrtere und erfahrenere Persönlichkeiten sagen, als ich es bin - um die permanente Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit geht, dann geht es auch um die Frage, wem gegenüber unsere Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden soll? Wer soll uns gegenüber ins Hintertreffen kommen? Vielleicht wird man sagen: China und Indien. Oder auch: die BRIC-Staaten, also mit Brasilien dazu. Ich glaube ja jetzt nicht, dass diese Hoffnung sich erfüllen wird, weil sich binnen Kurzem zeigen wird, dass China und Indien wesentlich stärker sind als Europa. Aber das ist ja jetzt egal: Hier sollte nur der Gedanke ausgeführt werden, dass es in einem "Spiel", in dem es nur den Gewinnern gut geht, Verlierer geben muss, damit es den Gewinnern gut geht.

Wer also sagt, es gehe um unsere Wettbewerbsfähigkeit, der sagt gleichzeitig damit auch, es gehe um die Wettbewerbsunfähigkeit der anderen. Irgendwer muss diese Verliererrolle einnehmen. Wenn es nicht Griechenland ist, weil wir es retten - wer will es sonst sein?

Permalink 15.05.10    6 Kommentare »

alles ist

aus nichts

gemacht

NICHTS AN DEM, WAS IST, DEUTET DARAUF HIN,

DASS IHM EINE SUBSTANZ ZUGRUNDE LIEGT.

NICHTS AN DEM, WAS IST, DEUTET DARAUF HIN,

DASS ES EINEM BEWUSSTSEIN ERSCHEINT.

NICHTS AN DEM, WAS IST, DEUTET DARAUF HIN,

DASS ES ETWAS ANDERES IST ALS DAS, WAS IST.

Was ist eigentlich aus der "romantischen Wissenschaft" geworden

Link: http://www.philohof.com/literaturwissenschaft/oliversacks_romantischewissenschaft.pdf

Was ist eigentlich aus der romantischen Wissenschaft geworden? Weiß da wer was?

Ich habe mich gerade - obenstehender Link - mit Oliver Sacks' faszinierendem Buch The Man Who Mistook His Wife For a Hat auseinander gesetzt - daher die Frage.

Für diejenigen, die den Ausdruck "romantische Wissenschaft" noch nicht gehört haben: Er stammt - in dem gemeinten Zusammenhang - vom russischen Neurologen Alexander Luria und ist vom amerikanischen Neurologen Oliver Sacks (bekannt geworden durch Awakenings, Buch und dann verfilmt) wieder aufgegriffen worden.

Romantische Wissenschaft meint nicht romantische Schwärmerei oder Gefühlsduselei, sondern die Wissenschaft des Konkreten. Herkömmliche rechnerische (computational) Wissenschaft fasst die Wirklichkeit auf, indem sie sie in ihre Einzelteile zerteilt und sie nachträglich wieder durch einen logisch-kalkulatorischen Prozess erneut zusammensetzt. Dadurch nimmt sie allerlei wahr, aber nie ETWAS, weil etwas immer etwas GANZES sein muss.

Oliver Sacks vergleicht die herkömmliche Wissenschaft mit Dr. P., einem Musikschullehrer, der aufgrund eines Gebrechens in der rechten Gehirnhemisphäre nicht mehr in der Lage ist, die Gesichter seiner Musikschüler zu erkennen. Er kann überhaupt keine Gesichter mehr erkennen, auch keine Landschaften, Szenen oder anderes Zusammengesetztes. Kein Problem hat er hingegen mit analytischer Wahrnehmung und logischem Denken. Sacks diagnostiziert, dass Dr. P. die Urteilskraft abhanden gekommen ist und er computer-like geworden ist. So beschreibt er einen Handschuh in gleichsam wissenschaftlicher Sprache als eine kontinuierliche Oberfläche mit fünf Ausstülpungen, doch er ist unfähig, in dem Gegenstand, den er vor Augen hat, einen Handschuh zu erkennen. Eine ähnliche Art der Wahrnehmung sieht Sacks in der modernen Neurologie und überhaupt in den cognitive sciences.

Was ist nun das Gegenteil dieses analytischen, zerlegenden Wahrnehmens? Es ist das Wahrnehmen von etwas als einem Ganzen, das Eigenschaften hat. Diese Eigenschaften oder Qualitäten können durchaus auch Quantitäten sein. Sacks bringt das Beispiel von 2 zahlenbegabten geistig zurück gebliebenen Zwillingen: Sie können bei einer Menge von auf den Boden gefallenen Streichhölzern mit einem Blick sehen, dass es 111 Stück sind. Das kann freilich nicht ein jeder Mensch, aber bei einem jeden Menschen, so Sacks, komme das konkrete Wahrnehmen vor dem Verständnis abstrakter Allgemeinbegriffe. Die phänomenale (oder phänomenologische) Wahrnehmung von Ganzheiten ist äußerst wichtig, weil sie uns zu(m Gefühl von) Realität verhilft. Realitätswahrnehmungen der abstrakt-schematischen Wissenschaft sind immer nur vermittelt, zwischen der Realität und uns stehen abstrakt-logische Konstruktionen. Romantische oder phänomenologische Wahrnehmung hingegen ist unmittelbar - in starken Farben und vielen Details lässt sie uns durch die wahrgenommene Informationsfülle bisweilen Dinge sehen, auf die das blaße, rekombinierte Bild, das die abstrakt-schematische Wissenschaft von der Realität erzeugt, uns nie gebracht hätte.

Nach Sacks lässt und romantische Wissenschaft, also die unmittelbare Wahrnehmung konkreter Ganzheiten bisweilen die Realität besser erkennen als die abstrakt-schematische Wissenschaft (die Sacks jedoch nicht abschaffen will, sondern er stellt sich ein friedliches Nebeneinander zwischen den beiden vor). Aber sie entspricht auch dem Menschen besser, weil konkrete Ganzheiten in der Gestalt von Bildern, Drehbüchern, Partituren und Erzählungen der Stoff seien, aus dem eigentlich unser brain's record bestehe. Tatsächlich ermöglichen es Geschichten schon kleinen Kindern, extrem komplexe und schwierige Zusammenhänge aufzufassen, obwohl sie zum Verständnis von abstrakten Allgemeinbegriffen noch nicht fähig sind. Sie bewerkstelligen diese schwierige Aufgabe, indem sie das Erzählte nicht über den Umweg abstrakt-logischer Analyse verstehen, sondern es in seiner Gesamtheit aufnehmen wie ein konkretes Ganzes.

Erzählungen bzw. die Wahrnehmung des Konkreten (auch etwas in bildlicher, zeichnerischer Form) verhelfen uns also zu einem Erkenntnis-Turbo, der durchaus ausreichen kann, damit ein Mensch mit einem sehr niedrigen Intelligenzquotienten in einem Bereich, in dem er zur konkreten Wahrnehmung talentiert ist, einen doppelt so gescheiten Menschen übertreffen kann.

Es stellt sich daher die Frage, wenn doch die romantische Wissenschaft ein solches Potential in der Erkenntnis hat, warum man sie in der Praxis so wenig miteinbezieht. Die Vermutung ist, wenn alle Menschen zur konkreten Wahrnehmung fähig sind, eine geringere Anzahl jedoch zur von der heutigen Wissenschaft geforderten abstrakt-schematischen Wahrnehmung, dass man in der Wissenschaft abstrakt-logische Diskurse bevorzugt, um den Großteil der Menschheit von wissenschaftlichem Wissen fernzuhalten. Das abstrakt-logische Denken ist gewissermaßen der gatekeeper zu etwas, was andere Menschen auch verstehen könnten, wenn man es ihnen nur in einer ein wenig anderen Form erklären würde.

ETWAS HAT BEDEUTUNG, WENN SEIN ZUSAMMENHANG

MIT BEREITS BEKANNTEM VERSTANDEN WERDEN KANN.

ETWAS, DAS PER DEFINITIONEM NICHT

MIT BEREITS BEKANNTEM IN ZUSAMMENHANG STEHT,

WIE ETWA GOTT, ICH ODER BEWUSSTSEIN,

KANN PRINZIPIELL NICHT VERSTANDEN WERDEN

UND IST DAHER BEDEUTUNGSLOS.

Philosophieren ist eine zutiefst religiöse Tätigkeit

Ich habe diesen Gedanken, wonach Philosophieren im Grunde eine zutiefst religiöse Tätigkeit ist, zuerst bei Fernando Savater gelesen, ihn aber damals nicht besonders ernst genommen, weil ich zu der Zeit noch sehr vom Gedanken der Aufklärung durchdrungen war. Erst jetzt merke ich immer mehr, wie viel da eigentlich dran ist.

Jetzt geht es freilich zuerst einmal darum, sich mit den verschiedenen Assoziationen auseinanderzusetzen, die mit dem Wort "religiös" verbunden sind, denn in ihrer Mehrheit treffen sie sicherlich nicht auf die Philosophie zu, damit die Gedanken nicht auf eine falsche Bahn gelenkt werden. So stellt man sich unmittelbar eine religiöse Tätigkeit immer verbunden mit Gott oder einer Gottesvorstellung vor. Das ist jedoch bei Philosophie nicht der Fall: Philosophie geht, wie Schopenhauer sagte, ihren Weg unabhängig vom Gängelband der Religion. Wenn also Philosophie eine Religion ist, dann ist es eine ohne Gott oder sie ist eine des Zweifels am Glauben an Gott.

Dann gibt es auch noch eine Religion, den Buddhismus, in dem man strenggenommen an nichts glaubt, an das Nirwana nämlich - und durch die religiöse Tätigkeit der Meditation zu der Erkenntnis zu kommen versucht, dass alles, was uns in diesem Leben hier auf Erden begegnet, nur eitler Trug ist und dass es darauf ankomme, innerlich leer zu werden und dadurch gewissermaßen die Weisheit fernöstlichen Typs zu erreichen. Dieser Religion hing im Grunde auch Schopenhauer an, ich denke aber nicht, dass sie Philosophie ist, auch wenn viele Menschen heute noch immer den fernöstlichen Weisen als einen Archetyp des Philosophen sich vorstellen.

Philosophie ist also weder der Glaube an Gott - und die daraus folgende religiöse Tätigkeit, der Anbetung z.B. - noch ist sie der Glaube an das Nichts. Sondern sie ist die lebendige Auseinandersetzung mit der Fülle der Dinge, die wir in unserem Leben vorfinden. Das ist doch aber nun etwas ganz Weltliches und Normales - warum also möchte ich dennoch von einer "religiösen Tätigkeit" sprechen? Ich möchte deshalb von einer religiösen Tätigkeit sprechen, um einen Aspekt der philosophischen Beschäftigung mit der Welt besonders zu betonen: Es ist das derjenige, dass der Philosophierende nicht einfach bloß zu einer Erkenntnis der Wahrheit kommen möchte, sondern er (oder sie) möchte dieser Wahrheit innewerden, möchte sie spüren, möchte sich selbst im Besitz oder in der Betrachtung dieser Wahrheit spüren. Freilich geht es mir, wenn ich das sage, nicht um die Anschauung der Wahrheit insgesamt, in einem esoterischen Sinne, sondern um die Wahrheit des konkreten Gegenstandes, mit dem man sich eben gerade beschäftigt. Eine solche philosophische Beschäftigung mit der Welt kommt in ihrer geistigen und emotionalen Intensität dem Gebet oder der Meditation nahe - aus dem Grund ist sie eine religiöse Tätigkeit. Sie ist da übrigens in demselben Sinne eine religiöse Tätigkeit wie künstlerische Tätigkeiten religiöse Tätigkeiten sind, da in ihnen ebenfalls das Element des Sich-Hineinversetzens in die Dinge eine zentrale Rolle spielt.

Und das wäre nun eigentlich eine Selbstverständlichkeit und gar nicht besonders erwähnenswert, wenn wir nicht heutzutage mit der modernen Wissenschaft einen mächtigen Gegenentwurf zur philosophischen Welterkenntnis hätten. Wissenschaftliche Erkenntnis besteht, man könnte sie fast so definieren, in Welterkenntnis ohne Selbsterkenntnis, in Wissen ohne Einbezug des Wissenden, also die Person, die etwas wissen soll. Sieht der Wissenschaftler also den um seinen Weltbezug ringenden philosophierenden Menschen, so wirft er ihm sofort Unwissenschaftlichkeit vor, selbst wenn dieser sich bemüht, logisch nachvollziehbare Argumentationen vorzulegen. Doch der wissenschaftliche Mensch spürt die Quelle dieser Argumentation, er spürt darin die religiöse Tätigkeit des Philosophierenden, der um das Innewerden von Wissen bemüht ist, und empfindet sie als Gefährdung der Wissenschaft.

Man muss bei diesem Gedanken wirklich betonen, wie schlecht die Philosophie in unsere heutige Zeit passt. Denn die Verausgabung des Menschen - mit Ausnahme von wirtschaftlichem und sportlichem Wettbewerb - erscheint uns heute mittelalterlich. Philosophieren ist aber Verausgabung des Menschen in der Erkenntnis an die Dinge. Eine Trennung der Tätigkeit von ihren Resultaten, so wie das der Vorschlag der Wissenschaft ist, ist im Fall der Philosophie nicht möglich. Die Wissenschaft hingegen hat ihr Pendant in der Wirtschaft, im Konsum nämlich, welcher uns Produkte zur Bedürfnisbefriedigung ohne Bedürfnisbefriedigung anbietet. Auch hier wirkt derselbe verkürzte Schluss wie in der Wissenschaft: So wie die Wissenschaftler sagen, sie hätten eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht und dann daran unmittelbar den Satz anschließen, "wir" wüssten dieses oder jenes jetzt - ohne sich über die fehlenden Zwischenglieder zwischen diesen beiden Sätzen Gedanken zu machen - ebenso bietet uns die Wirtschaft Artikel zur Bedürfnisbefriedigung an und meint, die Bedürfnisbefriedigung wäre damit schon gewährleistet.

Der Erfolg davon ist, dass wir unseren Kaffee in uns hineinsaufen, und wir schmecken nicht besonders viel von ihm, dass wir unsere Schnitzel in uns hineinfressen und die Schokolade dann hinten nachstopfen, dass wir mit unserem neuen Auto fahren, und es macht uns nicht besonders viel Spaß etc. Der Grund dafür ist, dass mit den Dingen in Kontakt zu treten und uns ihrer bewusst zu werden, eine zutiefst religiöse Tätigkeit ist. Deren Überflüssigkeit wird uns heute jedoch zugleich von einer Wissenschaft, der es nur auf die Wahrheit des Wissens ankommt, nicht aber auf die Hervorbringung guter Wissender, weisgemacht wie auch von der Wirtschaft, die uns mit "guten" und genussbringenden Dingen zuschüttet, ohne auf die Bedürfnisse des Menschen zu achten.

Permalink 10.05.10    2 Kommentare »

Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse (mehr)!

Gerhard Schurz’ Einführung in die Wissenschaftstheorie (Darmstadt 2006) zufolge ist die Wissenschaftstheorie „jene Wissenschaftsdisziplin, welche die Funktionsweise wissenschaftlicher Erkenntnis untersucht, ihre Zielsetzungen und ihre Methoden, ihre Leistungen und ihre Grenzen“ (S. 11). Mit einem Wort, man könnte den Eindruck gewinnen, dass man von der Wissenschaftstheorie etwas über die Wissenschaft erfährt.

 

Die Hauptfragen der allgemeinen Wissenschaftstheorie nach Gerhard Schurz  (die speziellen Wissenschaftsheorien sind auf einzelne Disziplingattungen bezogen) sind nun folgende:

 

„(i) wie ist eine wissenschaftliche Sprache aufgebaut?

(ii) was sind die Regeln für die Gültigkeit eines Arguments?

(iii) was zeichnet eine wissenschaftliche Beobachtung aus?

(iv) worin besteht eine Gesetzeshypothese, und worin eine Theorie?

(v) wie werden Gesetzeshypothesen und Theorien empirisch überprüft?

(vi) was leistet eine wissenschaftliche Voraussage, was eine Kausalerklärung? […]

(vii) gibt es eine objektive Wahrheit bzw. eine objektiv erkennbare Realität?

(viii) welcher Zusammenhang besteht zwischen Wissenschaft und Werturteilen?“ (ebd. S. 11)

 

Ich habe mich in den letzten Monaten – seit September 2009 – intensiv mit dem Thema Wissenschaft beschäftigt, habe viel über das Thema gelesen und mit WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen aus dem größeren Bereich der sog. Lebenswissenschaften gesprochen, und mein Eindruck ist, dass das überhaupt nicht die Hauptfragen bezüglich der Wissenschaft sind. Im Gegenteil hat sich aus meinen Forschungen eigentlich eine gewisse Unzuständigkeit der Wissenschaftstheorie in Fragen der Wissenschaft ergeben bzw. sogar die Überzeugung, dass ein Ernstnehmen der Fragen der Wissenschaftstheorie den Menschen in seiner geistigen Orientierung bezüglich der Wissenschaft in die Irre führt.

 

Das ist nun nicht das Hauptergebnis und auch nicht das einzige Ergebnis dessen, worum ich mich da mehr als ein halbes Jahr lang bemüht habe, aber aus meiner Sicht doch ein äußerst wichtiger Punkt. Der Grund für die Unzuständigkeit der Wissenschaftstheorie für die Wissenschaft (wenn die Wissenschaftstheorie so aussieht, wie sie durch die oben stehenden Fragen entworfen wird) ist der, dass sie sich ausschließlich auf der Sachebene bewegt und die Fragen nach der sozialen Verfasstheit von Wissenschaft außer Acht lässt. Wenn man hingegen soziologische Fragen mit einbezieht, kommt man nicht vorbei an jener Voraussetzung, die auch Sandra Beaufays (in ihrem Buch: Wie werden Wissenschaftler gemacht?) macht, nämlich: Es gibt keine wissenschaftliche Leistung unabhängig von der Anerkennung dieser Leistung. „Wissenschaftliche Leistungen allein garantieren niemandem, dass diese auch anerkannt werden.“ (Wie werden Wissenschaftler gemacht? S. 29) Die oben aufgeführten Fragen vermitteln jedoch den gegenteiligen Eindruck: Sie tun so, als wäre z.B. ein Argument bereits wissenschaftlich, wenn man nur die Regeln für die Gültigkeit eines Arguments beachtet. Das ist aber falsch! Der Knackpunkt ist, man muss zuerst WissenschaftlerIn sein, damit das Argument, das man vorbringt, überhaupt die Chance hat, wissenschaftlich zu sein. Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass man in der Wissenschaft bereits drinnen sein muss, um hineinzukommen.

 

Es ist das wahrscheinlich ein für soziale Organisationen und in-groups gar kein so seltenes Paradoxon. Kein Grund also zur Aufregung. Trotzdem noch einmal für die Langsamen: Es geht nicht darum zu sagen, dass Gerhard Schurz mit seiner Darstellung der Wissenschaftstheorie Unrecht hat. Nein, die Fragen, die er auflistet, sind tatsächlich stichhaltig. Aber sie stellen sich erst dann, wenn man in der Wissenschaft schon drin, im Wissenschaftsbetrieb schon drin ist. Die eigentliche Antwort auf die Frage, was Wissenschaft ist, ist daher nicht eine auf die von Schurz angeführten Fragen, sondern es ist die Antwort auf die Frage, wie man in die Wissenschaft hineinkommt. Denn man muss ja erst einmal hineinkommen in den Betrieb der Wissenschaft, um dann eine wissenschaftliche Leistung zur Beurteilung vorlegen zu können, die letzten Endes entweder angenommen oder als unwissenschaftlich abgelehnt wird. Und wie kommt man nun in die Wissenschaft hinein? Nun, das kann, wie es aussieht, je nach Fach schwierig aber auch bis hin zu ziemlich leicht sein. Das Hineinkommen – so der Eindruck meiner letzten Monate – ist also nicht unbedingt das Problem. Aber: Die wissenschaftlichen Fächer sind grundsätzlich auf lebenslange (universitäre) Karrieren hin angelegt. Und: Je nach Organisationsgrad unterschiedlich muss man in den organisierteren Fächern versprechen oder glaubhaft machen, dass man länger im Wissenschaftsbetrieb bleibt. Ob man dann auch bleiben darf oder vom Betrieb hinausgeworfen wird, ist eine wieder eine andere Frage.

 

Aber: Ob ein Argument wissenschaftlich oder eine Leistung wissenschaftlich ist oder überhaupt sein kann, ergibt sich zuerst einmal nicht aus der wissenschaftlichen Qualität dieses Arguments oder dieser Leistung selber, sondern aus der Tatsache, dass man bereits im Wissenschaftsbetrieb mitarbeitet (denn erst dann kann man eine Leistung vorlegen, die überhaupt angeschaut wird). Ob man aber in den Wissenschaftsbetrieb hineinkommt und drin bleibt, ist abhängig vom dauernden Versprechen (einmal versprechen genügt nicht), für längere Zeit, also für Jahrzehnte im Wissenschaftsbetrieb zu bleiben. Es ist nun nicht nur so, dass die forschende Person sich durch dieses dauernde Versprechen eigentlich in eine starke und permanente persönliche Abhängigkeit begibt, die dem Streben nach wissenschaftlicher Objektivität nicht gut bekommen kann, sondern dieses „Versprechen zu bleiben“ ist doch eigentlich auch ziemlich weit weg vom ursprünglichen Gedanken, dass es bei der Wissenschaft um Wahrheitsfindung geht. Es geht in der Wissenschaft nicht um Wahrheitsfindung (bzw. erst später, auf einer anderen Ebene), sondern darum, in einen Kreislauf aus Anerkennung und Leistung hineinzukommen, der sich immer weiter dreht. Denn durch Leistung bekommst du Anerkennung, aber zuerst brauchst du Anerkennung, damit man dir die Möglichkeiten gibt, etwas zu leisten. Und wenn dieser Kreislauf abreißt, bist du wieder draußen.

 

Wissenschaftliche Leistung besteht also nicht darin, etwas gemäß den wissenschaftlichen Regeln zu tun, sondern vor allem anderen besteht sie in einem lebenslänglichen commitment, in einer lebenslangen Selbstverpflichtung, Wissenschaftler zu bleiben. Und diese lebenslange Selbstverpflichtung ist nicht akzidentiell, sie ist kein Nebenprodukt, sondern sie ist substantiell, um überhaupt in jenes Forum der Wissenschaft hineinzukommen, in dem es möglich ist, wissenschaftliche Leistungen zur Beurteilung vorzulegen. Diese Einsicht gilt es nun weiterzudenken, und da ergibt sich: Es gibt keine wissenschaftliche Erkenntnis (als Handlung)! Wenn jemand in ein Labor kommt und dort an einem wissenschaftlichen Projekt mitarbeitet, welches es dann auch bis zur Publikation in einem wissenschaftlichen Journal bringt – hat er (oder sie) dann eine wissenschaftliche Erkenntnis gemacht, eine wissenschaftliche Leistung erbracht? Nach der Definition der klassischen Wissenschaftstheorie (jener von Gerhard Schurz) vielleicht schon, aber in Wirklichkeit eigentlich eher nicht. Eine wissenschaftliche Leistung besteht nicht alleine, eine wissenschaftliche Leistung besteht aus einem wissenschaftlichen Lebenswerk – und wenn jemand nicht bereit ist dazubleiben, um sein gesamtes Leben der Wissenschaft zu widmen, dann hat er eigentlich auch keine wissenschaftliche Leistung erbracht, selbst wenn er eine erbracht hat. Verstanden?

 

Es ist ja nun nicht so, dass man sich das, was ich hier vorbringe, nicht ohnehin so oder so ähnlich vorstellen könnte, wenn man die Welt, in der wir leben, betrachtet. Ich rede hier halt nur ein bisschen „realistischer“, während Gerhard Schurz „idealistischer“ über Wissenschaft redet, d.h. ich ziehe ein paar mehr Faktoren mit ein, während er und die Wissenschaftstheorie sich nur rein ausschließlich auf das Inhaltliche beschränken. Es ist andererseits auch nicht verwunderlich, dass Schurz in seiner Einführung in die Wissenschaftstheorie so schreibt, wie er schreibt: Das hängt zusammen mit unserer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft (Luhmann), mit der in ihr vorherrschenden abstrakten, analytischen, „computational“ Vernunft, welche alles in Funktionen zerlegt und so auch die wissenschaftlichen Funktionen von den sie ermöglichenden organisationellen Umständen trennt. Mit einem Wort: Sobald man sich heute in etwas (z.B. die Wissenschaftstheorie) vertieft, kann man sicher sein, dass man kein ganzes Bild von der Sache mehr bekommt.

 

Nun gut, wer hat nun Recht über die Wissenschaft: mein eher soziologischer Ansatz oder der wissenschaftstheoretische von Schurz? Antwort: weder-noch. Das ist eine Frage der Ebene, auf der man diese Frage beantworten will. Und hier würde ich folgende Tatsache zu bedenken geben: Ja, aber die Wissenschaft lebt doch bis heute in ihrem Ansehen bei den gewöhnlichen Leuten immer noch davon, dass diese meinen – ganz so wie in der Wissenschaftstheorie – man müsse eine Erkenntnis nur den wissenschaftlichen Regeln gemäß durchführen und allein dadurch sei sie automatisch wissenschaftlich. Das macht bis heute die Attraktivität der Wissenschaft aus: Dass ein jeder Mensch, der bereit ist, mit Vernunft an die Sache heranzugehen und sich an bestimmte Regeln zu halten, mitmachen darf. Es hat sich in der Öffentlichkeit noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass das nicht der Fall ist, sondern dass man sich lebenslang zur Zugehörigkeit zu einer Zunft (wie bei einem religiösen Orden) bekennen muss, um wissenschaftlich arbeiten zu dürfen. Wenn sich dieser Gedanke einmal durchsetzt und tatsächlich verstanden wird, dann wird die Wissenschaft viel von ihrem gegenwärtigen Ansehen verlieren. Und von einer wissenschaftlichen Erkenntnis wird man dann nicht mehr denken, dass sie eben eine ist, die rational kontrolliert und methodologisch richtig gemacht worden ist, sondern man wird bei wissenschaftlichen Erkenntnissen sofort missverstehen, dass das solche sind, die aus großen Organisationen herauskommen und dass sie deshalb diese Form haben, die sie haben und so formuliert sind, wie sie es sind, weil sie von „Beamten“ dieser Organisation hervorgebracht worden sind, welche darauf angewiesen sind, ihr Leben lang in der Wissenschaft zu verbleiben, anderenfalls sie sich am freien Arbeitsmarkt als „Überqualifizierte“ vorfinden.

Der spektakuläre Spiderman als philosophische Fiktion

Link: http://www.youtube.com/watch?v=RiCXVz3wSUw

Auf meinem Frageweg nach Wissenschaft, Macht und Organisationen komme ich an den verschiedensten Figuren vorbei. Ich interessiere mich für den russischen Mathematiker Grigori Perelman, für Manuel Uribe Garza, den ehemals dicksten Mann der Welt – und nun auch für Spiderman. Das Interesse für Spiderman im Zusammenhang mit der Frage nach der Wissenschaft ist ja nicht verwunderlich, sind in den Spiderman-Comic nicht nur fast alle Superschurken verrückte Wissenschaftler (Dr. Otto Octavius, Norman Osborn, Adrian Toomes, Red Skull), sondern es entstehen eigentlich fast alle Superhelden wie Superschurken in diesen Comic aus wissenschaftlichen Experimenten. Die meisten entstehen durch den biogenetischen Rekombinator von Dr. Curt Connors (ich beziehe mich jetzt auf die Spiderman-Fernsehserie aus dem Jahr 1994): Dr. Connors selbst mutiert zu einer Echse, Mac Gargan zu einem Skorpion und der Student Michael Morbius zu einer menschlichen Fledermaus mit Vampirappetit auf Menschenblut. Überhaupt kann man sagen, dass das damals eine in Bezug auf die Folgen und Wirkungen von Wissenschaft sehr optimistische Zeit gewesen ist: Beinahe aus jedem Experiment oder jedem misslungenen wissenschaftlichen Versuch entsteht in den Spiderman-Comic ein Superheld oder ein Superschurke. Dass ein Mensch, der von irgendwelchen Strahlen erwischt wird oder in eine Flüssigkeit aus Chemikalien fällt einfach nur verletzt, verstümmelt oder tot ist, passiert dagegen nie.Wie dem auch sei, jedenfalls fand ich heraus, dass man die gesamte Spiderman-Fernsehserie auf youtube anschauen kann – und tat das auch: alle 5 Staffeln. Und was mir dabei insbesondere auffiel, war: die besondere Machtlosigkeit oder Ohnmacht von Spiderman. Diese hängt wohl damit zusammen, dass Menschen sich vor Spinnen fürchten und deshalb auch Spiderman unter den New Yorkern wenig Fans gewinnt, obwohl er dreimal am Tag die Stadt rettet. Demgegenüber steht jedoch das dauernde Geschwafel von Macht, die Spiderman, alias Peter Parker, angeblich habe, angeführt der Aussage von Parkers (verstorbenem) Onkel Ben: „Wer große Macht hat, hat auch große Verantwortung.“ (auf Englisch: „With great power comes great responsibility.“)Diese Diskrepanz oder Dissonanz in meiner Wahrnehmung, wenn ich die Spiderman-Folgen auf deutsch anschaue, wird wohl daher kommen, dass das englische „power“ auf deutsch sowohl „Kraft“ wie auch „Macht“ heißt. Aber Spiderman hat nun mal große – übermenschliche – Kräfte, dafür aber keine Macht. Um dieses Durcheinander zu entwirren, hilft auch keine Etymologie, denn Macht bezeichnet genauso ein Vermögen wie Kraft, sondern nur der aktuelle Gebrauch des Wortes im Deutschen, und da würden wir eben einfach sagen: Wenn Superman super-powers hat, dann hat er Superkräfte, aber auf keinen Fall Supermächte.Was also ist „Macht“ – im Deutschen? Nun, es scheint damit etwas zu tun haben, ob man Macht über Menschen hat, ob einem viele Menschen freiwillig oder auch gezwungenermaßen folgen. Und so kann jemand durchaus große Macht haben, der keine große Kraft, also keine Power hat, etwa eine schöne Frau, der jeder Mann gerne helfen möchte, um in den Genuss ihrer Nähe zu kommen. Bei Spiderman wären das etwa Felicia Hardy und Mary Jane Watson. Eine zweite Möglichkeit ist Reichtum: Auch hier ist wieder Felicia Hardy zu nennen, die in der Fernsehserie aus einer reichen Familie stammt, ebenso Norman Osborn (der grüne Gnom) als Eigentümer oder Geschäftsführer des großen Unternehmens Oscorp, dann der reiche Schurke Wilson Fisk (The Kingpin), und in der Fernsehserie ist auch Adrian Toomes (Der Geier) ein reicher Unternehmensleiter. Die dritte Möglichkeit ist, dass jemandem Macht zugestanden wird, indem man sich ihm unterwirft und ihm dient, weil dieser Mensch oder diese Person aufgrund von Stärke oder Macht gefährlich und bedrohlich ist. Das ist gewissermaßen der klassische Machtmodus im Verbrecherbereich. In der Spiderman-Fernsehserie etwas dient der begnadete Roboterbauer Alistair Smythe dem Kingpin, und Hammerhead dient Kingpins Konkurrenten, dem alten sizilianischen Paten Silvermane.Wie groß respektive klein die Macht Spidermans hingegen ist, zeigt sich, wenn sich die Frage stellt, wo er hingehen kann, wenn er Hilfe braucht: Das sind im Wesentlichen nur zwei Personen, nämlich Dr. Connors, dem Spiderman mal geholfen hat, als er zur Echse mutierte, und Joseph „Robbie“ Robertson, die rechte Hand von J. Jonah Jameson, dem Herausgeber der Tageszeitung „The Daily Bugle“, der aus irgendeinem Grund eine positive Meinung über Spiderman hat. J. Jonah Jameson hingegen, als Zeitungsherausgeber der Chef von Peter Parker, hasst die Spinne und will Spiderman zur Strecke bringen.Es gibt nun eine Folge in der Fernsehserie von Spiderman, in der die Verwirrung und Verwechslung von Macht und Kraft besonders deutlich zutage tritt, und zwar ist das New Spiderman Animated Staffel 4, Folge 11, „Der Streuner“. In ihr tritt Hobie Brown, ein armer Afroamerikaner, auf, der vom Kingpin einen Kampfanzug erhält als Gegenleistung dafür, dass er im Gefängnis Kingpins Sohn vor einem Anschlag auf dessen Leben gerettet hat. Schon von Anfang an geht es los in dieser Folge mit dem Thema Macht: Hobie ist der Meinung, er müsse Macht besitzen, um aus der Gegend, in der er in New York wohnt, rauszukommen. Iceberg, der Gangsterchef, dem er dient, sagt ihm: Wer die Macht habe, mache die Regeln. Und als der dem Kingpin gegenübersteht und dieser ihn fragt, was er wolle für die Rettung seines Sohnes, sagt Hobie, er wolle Macht. Aber was er vom Kingpin bekommt, ist freilich keine Macht (im Sinn des deutschen Wortes), sondern Kraft, Kräfte – mit dem Kampfanzug kann er alles Mögliche: schießen, fliegen, klettern, er ist auch kugelsicher etc. Das Dumme ist nur, dass ihm der Kingpin über den Anzug Stromstöße versetzen kann – und das geht wiederum einher mit des Kingpins Parole, es sei schön, Macht zu kontrollieren (die fatal an politische Slogans erinnert: „Macht braucht Kontrolle“).Am Ende wird Hobie Brown, der sich in seinem Kampfanzug als „Der Streuner“ (The Prowler) bezeichnet, mit der Hilfe von Spiderman dieses vermaledeite Ding glücklicher Weise wieder los, und es gibt ein sehr rührendes und kitschiges Ende, an dem Hobie verspricht, von nun an nur noch die Macht zu wollen, seinen eigenen Körper und sein eigenes Leben zu bestimmen, aber auch das ist freilich wieder nur ein weiterer Übersetzungsfehler von „power“ zu „Macht“. Doch kommt man dadurch auf den Gedanken, dass das Lebenskonzept von Spiderman/Peter Parker auf derselben Verwechslung von Konzepten beruht, nur halt ohne Übersetzungsfehler, weil er wahrscheinlich im Original auf englisch und also nur in der ungeteilten Kategorie von „power“ denkt. Was er aber denkt, ist dass er große Macht hat und deshalb große Verantwortung, während er in Wirklichkeit (wenn er das deutschsprachige Konzept von „Macht“ kennen würde), gänzlich keine Macht hat. Große Kräfte, ja, aber überhaupt keine Macht. Und wenn er das erkennen würde, vermutet man, würde er wohl seinen Spiderman-Anzug ausziehen und ihn höchstens mehr heimlich und zum Spaß anziehen, weil er ja dann auch sehen würde, dass sein Weltrettungsengagement als Superheld ihm unter den Menschen keine Fans einbringt, ihm also keinerlei Macht einträgt, sondern eher im Gegenteil: Jede seiner Aktionen wird verdächtigt, in Wirklichkeit Böses zu beabsichtigen.Einen gewissen Endpunkt erreicht diese Phantasie in einer Folge, in welcher Spiderman weitermutiert und zu einer hässlichen Spinne wird. Hier ist sozusagen der absolute Nullpunkt aller Macht für ihn, denn es ist klar: Mit seinem hässlichen sechsbeinigen Spinnenkörper könnte er was auch immer Gutes für die Menschen tun, sie würden ihn dennoch nur als ein Monster ansehen und ihn abknallen. Daraus folgt, man kann den Menschen nur Gutes tun, wenn man einigermaßen adrett und sozial akzeptabel aussieht. Zum Glück wird Spiderman dann wieder in seine menschliche Form zurückverwandelt. Auch wenn er also seinen Spiderman-Anzug ausziehen und nur noch als Peter Parker durchs Leben gehen würde, wäre er machtlos, weil Peter Parker ein armer Student ist, der fortwährend um ein paar Dollar kämpft, die er dringend zum Leben braucht. Aber dann wäre er zumindest seine Identität als Spiderman los, die ihm zwar wohl Kräfte einbringt, aber fortwährend Macht kostet, weil sie ihm keine Sympathien bei den Menschen gewinnt. Die einzige Möglichkeit, wie er als Spiderman Macht gewinnen könnte, wäre, er würde zum Superschurken. Denn als Schurke dürfte man genetisch mit einer grauslichen Spinne verwandt sein und fände dennoch Menschen, die einem dienen und zuarbeiten. Als Superheld hingegen darf man nicht grauslich oder hässlich sein und auch nicht mit grauenerregenden Tieren verwandt. Der schöne und spießige Superman funktioniert in der Hinsicht viel besser als Spiderman. Genau deshalb ist er aber auch für die philosophische Reflexion uninteressant. Spiderman hingegen ist ein höchst wertvolles Thema für eine philosophische oder ethische Phantasie über das Wesen der Macht – und zwar deshalb, weil er nicht nur keine hat, sondern weil er eine Superheldenidentität hat, die ihm fortwährend Macht kostet und ihn ohnmächtig und allein dastehen lässt, wie konstruktiv und hilfreich anderen gegenüber auch immer er sich verhält.

Permalink 05.05.10    2 Kommentare »

Gab es Geist vor der Entstehung von Lebewesen?

Gab es Geist schon vor der Entstehung denkender, wahrnehmender, fühlender Lebewesen?

Die Geschichte unsere Erde vor der Entstehung des Lebens erscheint uns zunächst als eine Geschichte materieller Vorgänge. Es bildete sich eine Erdkruste , eine Atmosphäre, es wurde Material aus dem Weltraum hinzugeführt, es entstanden Kontinente, Meere, Berge, Seeen und Flüsse. Irgendwann, spät in dieser Geschichte, erschienen dann Lebewesen, die ihre Umgebung wahrnehmen und darauf reagieren konnten, die Gefühle hatten und sich etwas merken konnten. Und schließlich der Mensch: Er entwickelte Sprache und Schrift, schreibt Romane, Gedichte, philosophische und wissenschaftliche Abhandlungen, hat Gedächtnis, Bewusstsein, vor allem ein Ich-Bewusstsein. Es vollziehen sich also auf unserer Erde geistige Prozesse in vielfältigster Weise und einem unfassbar großen Umfang. Wie war es möglich, dass Geist sich in dieser Weise in unserer Welt manifestiert hat? Hat etwa die materielle Entwicklung ihn hervorgebracht?

Um eine Antwort zu finden, dürfte es nützlich sein, darüber nachzudenken, ob es Geist in unserer Welt schon vor der Entstehung von Lebewesen gegeben hat, die denken, wahrnehmen und fühlen (wobei ich das Empfinden von Gefühlen auch als geistigen Prozess verstehe). Ich denke, das muß man bejahen:

Geist ist auch die Form eines Gegenstandes. So hat ein Berg, ein Flusstal, ja sogar eine Ebene eine bestimmte Form. Die Form und damit das Geistige an einem Gegenstand ist das, was man wahrnehmen, beschreiben, etwa auch in einer Zeichnung festhalten und im Gedächtnis speichern kann. Und das hat es auf unserer Erde gegeben, bevor es Lebewesen gab.

Auch die räumlichen Beziehungen zwischen Dingen sind Geist. Auch sie kann man wahrnehmen, beschreiben und - etwa im Gedächtnis – speichern.

Bei dieser bewusst lückenhaften Aufzählung seien schließlich die Naturgesetze erwähnt. Sie sind geistig. Schon vor dem Auftreten von Lebewesen haben sich die Dinge in unserer Welt nach den Naturgesetzen, nämlich den Gesetzen der Physik und der Chemie gerichtet.

Mit der Entstehung von Lebewesen und ihren Wahrnehmungsorganen konnten die die bereits vorhandenen geistigen Dinge erfasst werden. Es handelt sich dabei um Erkenntnisvorgänge. Es entstand Intelligenz, also Einsichtsfähigkeit in die Dinge, wie sie sind und wie sie sich verhalten. Und es entstand die Fähigkeit zur denkerischen und zur emotionalen Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erkenntnisse.

Der Geist kam also nicht erst mit den Lebewesen auf die Welt, sondern es gibt ihn, seitdem es die Welt gibt.

Permalink 03.05.10    9 Kommentare »

Verloren unter Namen. Oder: Warum man nicht mit gebildeten Menschen auf ein Bier gehen soll

Vorgestern saß ich beim Bier mit zwei Freunden, von diesem Erlebnis habe ich mich immer noch nicht erholt. Die  beiden kannten einander noch nicht, ich habe sie zusammengebracht, das hätte ich vielleicht nicht tun sollen. Der eine war, so wie ich, Universitätslektor in Polen gewesen und hat vor zwei Wochen seinen Doktor in Philosophie gemacht. Den anderen, einen Maler, kenne ich noch nicht solange. Nun, es ist so: Solange ich mit einem der beiden alleine rede, schaffen sie es noch, mit mir zu reden und mich ins Gespräch miteinzubeziehen, aber sobald wir zu dritt waren, gaben sie sich einem Spiel hin, das sie offenbar beide ganz besonders lieben, nämlich dem des Name droppings.

Und sowas macht mich wahnsinnig. Dabei ist es nicht nur der Verdacht der Angeberei, der mir dieses beliebte Spiel belesener und "kultivierter" Menschen unsympathisch macht, sondern auch jener, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden, ohne dass man imstande wäre, es zu überprüfen. Ich wäre jedoch nicht so müde geworden (seelisch), wenn ich überhaupt mitgekriegt hätte, was sie sagen wollten, also worum es ihnen eigentlich ging. Um Mitternacht (also nach 4 Stunden Gespräch) begehrte ich auf und kündigte an, nach Hause zu gehen, weil mir ihr Gespräch nichts gab. Danach beschäftigten sie sich noch eineinhalb Stunden mit mir Spielverderber, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Wahrscheinlich werde ich die beiden jetzt längere Zeit nicht sehen, aber ich denke immer noch, dass ich Recht habe: Wenn man in einem Philosophieseminar in der Universität nichts versteht und das, was der Vortragende sagt, meilenweit an einem vorbeigeht, dann ist das in einem gewissen Sinne normal, aber wenn ich mit Freunden beim Bier sitze, dann will ich mich eigentlich schon wohlfühlen, dann sollte das eine seelische Stärkung sein und keine Schwächung.

Dabei ist dieses Erlebnis, das ich vorgestern durchkosten musste, bis mir die Biersäure bei den Ohren rauskam, doch ein häufigeres bei philosophieinteressierten Menschen. Ich hatte es nur schon lange nicht mehr gehabt und war deshalb so vor den Kopf gestoßen gewesen. Deshalb lohnt es sich wohl, über die Gründe und Ursachen nachzudenken, die meine beiden Freunde zu ihrem aus meiner Sicht absolut unzufriedenstellenden Gesprächsstil bewegt haben. Gründe und Ursachen lassen sich sicherlich auf verschiedenen Ebenen finden, aber ich vermute mal, dass sie mit dem herrschenden Bild von Philosophie in unserer Gesellschaft zusammenhängen - und das ist sozusagen auch der Punkt von allgemeinerem Interesse, der irgendjemandem hier in dieser Blog community interessieren könnte -, von dem sich meine beiden Freunde jeweils ein größeres Stück für sich selber abgeschnitten haben, während ich mich im Laufe meiner Entwicklung ziemlich radikal von ihm freigemacht habe.

Es fielen in unserem (unserem?) Gespräch Namen von Philosophen, Autoren literarischer Werke, Komponisten und Künstler aus verschiedenen Epochen der Kulturgeschichte, aber hinter dieser Redeweise steckte doch ein gemeinsames Konzept von Philosophie, Literatur, Kunst, Kultur etc., das aus zumindest zwei Elementen besteht:

1) Philosophie, Literatur, Kunst, Kultur etc. sind (jeweils) ein Ganzes
2) und sie bestehen außerhalb von uns einzelnen Menschen.

Diese beiden Elemente implizieren ein notwendig unvollkommenes Modell der Teilhabe (des Menschen an Philosophie, Literatur etc.), das umso vollkommener wird, je mehr Einzelheiten er über diese Entitäten weiß - und erinnert mich fatal an Simmels Aufsatz über die Tragödie der Kultur: In diesem Aufsatz versucht das Individuum hilflos an seiner eigenen (Gesellschafts-)Kultur (also z.B. an der deutschen Kultur) teilzunehmen, was aber nicht geht, weil diese fortwährend wächst. Simmels tragischer Ausweg war die Hoffnung auf den Ersten Weltkrieg, der diese ganze Kulturmenge durch Zerstörung reduziert, sodass Kultur wieder zu dem gut sein kann, für das sie gut sein soll, nämlich dass die einzelnen Individuen an ihr teilnehmen können.

Das Modell, nach dem sich meine Freunde verhalten, wurde also schon von Georg Simmel am Anfang des 20. Jahrhunderts desavouiert, es besteht jedoch bis in unsere heutige Zeit weiter und ist wahrscheinlich auch der Grund für solche Phänomene wie den Erfolg von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" im gesamten deutschsprachigen Raum. Mit diesem Roman, in dem es um Humboldt und Gauß geht, hat Kehlmann, wie mir scheint, den Bedarf der deutschsprachigen Bildungsbürger befriedigt, sich in einfacher Sprache Wissen über zwei große Gelehrte der deutschen Bildungsgeschichte anzueignen und auf diese Weise weitgehend anstrengungslos die Teilhabe herzustellen oder zu festigen an einem gemeinsamen Ganzen - und zwar jenem Ganzen, das sie zu Bildungsbürgern macht oder Bildungsbürger sein lässt, nämlich dem Wissen über zwei verstorbene Herren, die zu einer Art gemeinsamen und verpflichtenden Wissenskanons gehören.

Das (unausgesprochene) Verpflichtende störte mich auch, als meine Freunde über Schönberg, Klimt usw. sprachen und schlug sich schmerzhaft mit meinem Freiheitsdrang. Ich möchte hier jedoch in Frage stellen, inwieweit es für Philosophie, aber auch Literatur, Musik usw. sinnvoll ist, sie in dieser Weise zu konzipieren, die gewiss die allgemein verbreitete und vorherrschende ist, noch dazu: inwiefern sie sinnvoll ist für ein Gespräch unter Freunden oder auch für das eigene Nachdenken über philosophische und ästhetische Fragen? Dieses Konzept entspricht sicherlich demjenigen, das sich in der heutigen Gesellschaft im Anschluss an die Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften in der Universität zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat und vorherrschend ist. Philosophie, Literatur, Musik etc. werden als Fächer angesehen, d.h. als Ganzheiten, über die jeweils derjenige mehr zu sagen hat (und auch mehr Recht zu sprechen genießt), der mehr Einzelheiten aus ihrem Fundus hersagen kann. Das hat zur Folge, dass diejenigen obsiegen, die sich schon von früh an antrainieren, sich möglichst viele Namen von berühmten Personen und deren Werken zu merken, während diejenigen, die inhaltlich über die Dinge nachdenken, ins Hintertreffen geraten.

Hinter all dem steht natürlich die Illusion, dass es möglich sei, mit dieser ganzen Fülle und Menge an Wissbarem fertig zu werden, die aber praktisch nicht schlagend wird, weil einfach jeweils derjenige "gewinnt", der die meisten Namen hersagen kann. Es gewinnt also der Einäugige vor den Blinden gegenüber jenem uneinlösbaren Anspruch, tatsächlich Experte zu sein in irgendeinem Fach. Auf der Ebene des sozialen Austauschs funktioniert dieses Modell also auch weiterhin, das ja auch die Grundlage für alle Berufungen auf akademische Stellen ist, wo man solch fantastische Ansprüche erfüllen soll, wie "sein Fach in Forschung und Lehre vertreten". Man sieht also, das Modell von Wissen, dem meine Freunde im Gespräch folgten hat die breiteste Grundlage in unserer Gesellschaft, ja es ist sogar in gewisser Weise die Grundlage unserer Gesellschaft, weil nach ihm Posten und Stellen verteilt werden sowie diejenigen markiert werden, die zu einem Thema etwas Relevantes zu sagen haben und von denjenigen unterschieden werden, die nur ein unvollkommenes, laienhaftes und dadurch entwertetes Wissen besitzen.

Das ist mir alles nur allzu einsichtig. Es macht sehr viel Sinn, das eigene Wissen so zu strukturieren, weil man auf diese Weise im Einklang mit der gesellschaftlichen Wissensordnung steht. Denkt man anders, schwimmt man gegen den gesamtgesellschaftlichen Strom und wird von Kollegen und Gleichgesinnten nicht einmal mehr verstanden, wenn man mit ihnen redet - so wie das mir vorgestern mit meinen beiden Freunden passiert ist. Und dennoch kann ich nicht so sein wie sie, weil ich den Sinn nicht sehen kann, Philosophie, Literatur, Kunst usw. vom Individuum ausgehend in dieser Weise zu konzipieren. Konzipiere ich Philosophie als ein Fach, oder schlichter gesagt: als ein Ganzes, das außer mir steht und über das ich weniger oder mehr Bescheid wissen kann, dann hat das zur Folge, dass ich nie in befriedigendem Ausmaße Anteil an ihm haben werde. In dem Sinne sagt ja auch mein Malerfreund, er sei nur Hobbyphilosoph, während ich ein "richtiger" Philosoph sei, weil ich Philosophie studiert und in diesem Fach auch schon wissenschaftlich gearbeitet habe. Er nimmt sich also selbst zurück, obwohl er schon viele philosophische Werke gelesen hat und sich auch selbst Gedanken gemacht hat. Damit kommt er demjenigen zuvor (nicht mir, weil ich das nicht tue), der ihm zu verstehen gibt, dass er von Philosophie nichts wisse, weil er das nicht gründlich genug studiert habe.

Dabei ist Philosophie aus meiner Sicht weder ein Ganzes noch ist es etwas außer mir: Wenn ich meinen Zugang zur Philosophie über Schopenhauer gefunden habe, brauche ich nicht auch noch Augustinus oder Searle zu kennen, und wenn ich keinen Zugang gefunden habe (wenn Philosophier also nicht in mir ist), dann nutzt mir auch das breiteste Wissen über Philosophiegeschichte nichts. Und Ähnliches würde ich jetzt auch einmal für Literatur und andere Künste ansetzen: Wenn ich einen Zugang zur Literatur über einen oder einige Autoren gefunden habe, sind alle anderen Autoren und Autorinnen für mich irrelevant. Und wenn ich keinen Zugang gefunden habe, dann macht mich das breiteste Wissen über Literatur zu keinem Literaturexperten. Meine Freunde mit ihrer anderen Orientierung bezüglich Wissen unterhielten sich jedoch über die aus meiner Sicht absolut sinnloseste Frage: Welcher wirklich große Roman denn aus Deutschland in den letzten Jahren gekommen sei? Diese Frage setzt so etwas wie die Vorstellung einer deutschen Literatur voraus und die Existenz der Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung dadurch, dass von Zeit zu Zeit ein literarisches Werk erscheint, dass alles bisher Dagewesene toppt oder etwas realisiert, das bisher noch nicht dagewesen ist.

Weil sie einen solchen Roman nicht gefunden haben und auch in anderen Kulturbereich ein Fehlen von "richtungsweisenden" ästhetischen Werken vermissten, diagnostizierte mein Malerfreund, wir würden in einer "ästhetischen Endzeit" leben, in der alle ästhetischen Äußerungen demokratisch nebeneinander stünden und alle gleich wenig bedeuteten. Auch das ist ein Resultat dieser Denkungsweise: Um nicht in einer Endzeit zu leben, in der alles bedeutungslos ist, muss uns wahrscheinlich wieder einer (und wahrscheinlich nach einem großen, vieles zerstörenden Krach) die Richtung vorgeben, damit wir ihm folgen können. Auch das ist also offenbar etwas, das die Vorstellung von Philosophie, Literatur etc. als etwas Ganzem verlangt: eine gemeinsame Richtung. Das ist eine Philosophie für Schafe, aus meiner Sicht, aber man muss sich zuerst einmal vergegenwärtigen, dass unsere gesamte Gesellschaftsordnung auf dieser Philosophie für Schafe, die eine gemeinsame Richtung brauchen, aufgebaut ist.

Am meisten verblüffte und irritierte mich jedoch die Befriediung, die meine vorgestrigen Gesprächspartner aus ihrem Gespräch zogen. Aus meiner Sicht war es ja bloß ein unkontrolliertes Äpfel-mit-Birnen-Vergleichen, das nirgends halt machte und deshalb nicht einmal zu einem Thema kam. Mit anderen Worten: Für mich war dieses gebildete Gespräch ein oberflächlicher und endloser Wäscherweiber- oder Friseurstratsch. Und wiederum die schockierende Einsicht: Mit Menschen, die sich schon mal mit Philosophie beschäftigt haben, kann man nicht philosophieren! Bauarbeiter her, Schneeschaufler und Supermarktkassiererinnen, weil wer, der einmal Philosophie studiert hat, unrettbar für das Philosophieren verloren ist! Dabei sagt mein Philosophenfreund, der vor zwei Wochen den Doktor absolviert hat, doch auch, Philosophie bestünde in Denken, im Prozess des Denkens und: Heute würde immer (zusammenfassend) gesagt, Kant sage das, und: Kant lehr uns das, dabei bestünde Kant zu lesen doch darin, Kant beim Denken zuzuschauen, und das sei doch das Schöne an Kant - seiner Meinung nach - dass man Kant gar nicht verstehen könne, ohne mitzudenken. Und dann entfernt er sich andererseits so weit vom Denken, indem er an einem solchen Pingpongspiel mit Namen teilnimmt, bei dem man nicht einmal weiß, worum es eigentlich geht, was das Thema des Gesprächs ist.

Die Lage ist wirklich fatal: Die Bauarbeiter und Supermarktkassiererinnen werden sich realistisch betrachtet wohl nicht dafür interessieren, mit mir zu philosophieren; gebildete Leute jedoch haben Wissensstrukturen als Vorbilder im Kopf, die Philosophieren ein für allemal verunmöglichen. Ach, mir wird immer wieder vorgeworfen, dass ich so "negativ" sei bzw. dass mein Ton larmoyant sei, deshalb will ich heute einmal mit einem positiven Akkord enden: Nach einer kurzen Phase des Lebens, werden wir tot sein und im Grab liegen, und dann werden wir das alles hier hinter uns haben!

 

 

PARADOXON

NUR WAS VERGANGEN IST, DAS IST VERSTANDEN.

NUR WAS VERSTANDEN IST, DAS IST VORHANDEN.

WAS VORHANDEN IST, DAS IST NICHT VERGANGEN.

ALLES IST IMMER SCHON VERGANGEN.

BEWUSSTSEIN IST NICHTS ANDERES ALS ERINNERUNG.

DIE GEGENWART IST NICHT EXISTENT.

DAHER KANN ES KEIN HANDELNDES SUBJEKT GEBEN.

ES GIBT IMMER NUR DAS EINE ANONYME GESCHEHEN.

UND DAS IST BEREITS GESCHICHTE.

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