Die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaft (1)
Bei den vorsokratischen Naturphilosophen findet erstmals in der Menschheitsgeschichte eine systematische und von Rationalität geprägte Auseinandersetzung mit den Fachgebieten statt, die auch noch heute im Rahmen der Naturwissenschaften behandelt werden – metaphorisch erblickt hier die Wissenschaft (noch ausschließlich unter dem Namen „Philosophie“) das Licht der Welt. Die antike griechische Philosophie beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit einem Themenspektrum, das immer noch als hochgradig forschungsintensiv gelten kann: es war, um nur einen kleinen Ausschnitt aufzuzeigen, die Rede von Evolutionsmodellen, dem atomaren Aufbau der Welt, der Stellung des Menschen und der Erde im Kosmos. Die Frage nach Geist und Bewusstsein spielte ebenso eine Rolle wie das Problem der (Un)Endlichkeit des Universums. All diesen Untersuchungen war ein Merkmal gemeinsam: das Ziel war eine rationale Erklärung der Welt.
Werfen wir nun einen Blick auf Aristoteles, der in der Antike und in Hinblick auf die Wirkmächtigkeit – neben Platon – die entscheidende Rolle in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte spielte. Als erstes möchte ich mich kurz mit der aristotelischen Methode befassen: Philosophie war gleichbedeutend mit und ein Synonym für Wissenschaft, und Wissenschaft beschäftigte sich – anders als die Kunstfertigkeit zum Beispiel – stets mit dem Allgemeinen, den Grundstrukturen und Grundgesetzen. Im strengen Sinn bedeutet Wissen hier, etwas beweisen zu können. Die Philosophie (Wissenschaft) ist nach Aristoteles aufgeteilt in die theoretische und die praktische (sowie poietische) Philosophie. Die theoretische Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Wissen selbst und mit der Erkenntnis um der Erkenntnis willen. Die praktische Philosophie handelt von der Verwirklichung der erkannten Gesetze und Normen in der Praxis. Die theoretische Wissenschaft ihrerseits erfährt eine Unterteilung in Naturphilosophie, Mathematik und Metaphysik. Das aristotelische Wissenschaftsverständnis spiegelt sich auch in seiner Konzeption der Naturphilosophie (Naturwissenschaft) wider. Naturforschung wird um der Erkenntnis willen betrieben und sie hat die Suche nach den zugrunde liegenden Elementen und Prinzipien zur Aufgabe. Naturphilosophie soll Erklärung und Wissen von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen liefern. Naturwissenschaftliche (naturphilosophische) Erkenntnis wird durch Erklärung erreicht, nicht durch das bloße Sammeln von Fakten – und als erklärt kann gelten, was auf allgemeine Prinzipien zurückgeführt ist.
Neben diesem methodologischen Aspekt ist auch ein Blick auf die aristotelischen Inhalte für das weitere Verstehen der Wissenschaftsgeschichte notwendig: wenngleich eine adäquate Würdigung der aristotelischen Leistungen den Rahmen dieses kleinen Beitrags massiv sprengen würde, müssen ein paar kleine Anmerkungen erlaubt sein. Mir geht es hierbei insbesondere um einen speziellen Punkt, der für die Entwicklung der Wissenschaftsgeschichte von einer immensen Bedeutung war – und das ist die aristotelische (und in der aristotelischen Tradition stehende) Betrachtungsweise der Bewegung mit ihrer Aufteilung in natürliche und erzwungene Bewegungen. Dort wird die Ortsveränderung als ein Prozess und Vorgang der Veränderung angesehen, der dem Ziel der Ruhe entgegengesetzt ist. Die Bewegung, die eine Veränderung des Körpers selbst darstellt, ist ein Werden und Vergehen und steht damit ontologisch auf einer vollkommen anderen Ebene als die Ruhe, die als Zustand charakterisiert werden kann. Da jeder Körper von sich aus den Zustand der Ruhe (am natürlichen Ort) anstrebt, wird eine Kraft benötigt, sofern sich der Körper in Bewegung befindet. Die aristotelische Physik hat folglich unter anderem ein Problem mit dem Phänomen des Werfens, wo sich zum Beispiel der geworfene Speer, sobald er in der Luft ist, offensichtlich ohne Krafteinwirkung bewegt. Da eine Fernwirkung der Kräfte abgelehnt wird und eine Übertragung nur durch Berührung stattfinden kann, weicht Aristoteles auf das angeblich die Bewegung vermittelnde Medium – in diesem Fall die Luft – aus. Die von Johannes Philoponos im 6. Jahrhundert entwickelte und von Johannes Buridan verfeinerte Impetustheorie bietet zu diesem Ansatz eine Alternative bzw. Weiterentwicklung. Nach der Impetustheorie wird der Körper zu Beginn seiner Bewegung mit einem Impetus bzw. einer Kraft ausgestattet, die ihn so lange in Bewegung hält, bis sie erschöpft und aufgebraucht ist.
Die aristotelische Philosophie sollte also in zweifacher Hinsicht dem Verlauf der Wissenschaftsgeschichte ihren Stempel aufdrücken: zum einen galt das unumstößliche Gebot, Wissenschaft werde um ihrer selbst Willen betrieben und sie sei eine Erklärung des „Warum“. Zum anderen konnte die aristotelische Naturphilosophie bzw. Physik inhaltlich eine Wirkung erzielen, die bis zu dem Beginn der Neuzeit prägend war – und die Physik war in ein (auch im wahrsten Sinne des Wortes) allumfassendes System eingebettet. Die aristotelische Bewegungs- und Elemententheorie begründet seine Kosmologie und steht in engem Zusammenhang mit den aristotelischen Grundbegriffen Form, Materie, Möglichkeit und Wirklichkeit sowie Bewegung und Veränderung. Wollte man an der aristotelischen Physik etwas verändern, musste man praktisch das gesamte Gebäude einreißen – und dieser Preis galt über eine sprichwörtlich halbe Ewigkeit als zu hoch, war das aristotelische System doch im Laufe der Zeit quasi einer Dogmatisierung unterworfen wurden. Dies galt sowohl (und vor allem) in einem weltlichen Sinne, doch gleichzeitig und bekanntermaßen auch in einem kirchlichen. Nachdem der Aristotelismus zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert Einzug in die islamische Welt erhalten hatte (u.a. Averroes und Avicenna), begann ab dem 11. Jahrhundert ein Rücktransfer in das lateinisch-christliche Abendland (Albertus Magnus, Thomas v. Aquin), wo eine starke Verflechtung zwischen den christlichen und aristotelischen Lehren entstand. Folglich bedeutete Kritik an Aristoteles gleichzeitig auch Kritik am Christentum.
Kosmologie in der griechischen Antike
In Anbetracht großer Überschneidungen des Artikels "Kosmologie in der griechischen Antike" mit Inhalten meines neuen Buches  habe ich aus rechtlichen Gründen diesen Blogeintrag gelöscht. Ich bitte um Verständnis.
Philosophie des Zufalls
Was ist Zufall? Gibt es ihn oder wissen wir einfach nicht genug? Ist alles vorherbestimmt?
Im Folgenden soll eine kleine wissenschaftsphilosophische Heranführung an den „Zufall“ stattfinden. Es geht dabei primär um eine Analyse dessen, was Zufall ist bzw. genannt werden kann und wie der Zufall in der Welt präsent ist. Es wird der Konzeption eines kurzen Blogs wegen bewusst auf eine philosophiehistorische Heranführung an den Begriff „Zufall“ verzichtet. Hierbei wäre insbesondere ein Blick auf die antiken Zufallskonzeptionen notwendig gewesen, von denen mit Sicherheit dem wirkungsmächtigen Kontingenz-Begriff des Aristoteles besondere Aufmerksamkeit eingeräumt werden müsste. Ebenso verhält es sich mit den philosophisch-theologischen Auseinandersetzungen um „Zufall“ bzw. „Kontingenz“ und göttliche Ordnung im Mittelalter sowie die verschiedenen (wie schon in der Scholastik auch von der Logik bestimmten) Kontingenz- und Zufall-Interpretationen der (Frühen) Neuzeit, die zunehmend mit unterschiedlichen Varianten von „Wahrscheinlichkeiten“ in Verbindung gebracht wurden.
Als Konsequenz der großen Erfolge der noch jungen neuzeitlichen, mathematisierten Physik, die v.a. durch die großen Geister Galilei, Kepler und, natürlich allen voran, Newton ihren Siegeszug antreten konnte, erhob sich die Vorstellung, alles sei (prinzipiell) berechenbar und damit vorhersagbar, in der Philosophie der (Frühen) Neuzeit zum dominierenden Ansatz im Umgang mit dem „Zufall“. Zufall war nur (momentanes) Nicht-Wissen. Der unter dem Einfluss der klassischen Physik entstandene Glaube an den Determinismus (v.a. der Natur/Materie, der Geist spielte in manchen Konzepten eine Sonderrolle) gipfelte in dem „Laplace’schen Dämon“. Die Welt sei von deterministischen Gleichungen bestimmt und (zumindest prinzipiell) vollständig berechenbar, sofern man alle Einzelheiten kenne. Das Festhalten am Determinismus bestimmte die Wissenschaftslandschaft bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Während beispielsweise das Mehrkörperproblem zu der Jahrhundertwende bereits seit langem als ein Determinismus-konträres Phänomen erkannt war und auch die Thermodynamik dahingehend einige „Probleme“ bereitete, stand das Festhalten an der vollständigen Berechenbarkeit dennoch in großen Teilen der Wissenschaftsgemeinde noch einige Zeit hoch im Kurs. Als Paradebeispiel für dieses Klammern zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann Einstein angeführt werden, der – ganz in der Tradition und unter dem Einfluss Spinozas (Zufall als „Asyl der Unwissenheit“) stehend – den Determinismus verteidigte. Der Leibniz-Spruch „natura non facit saltus“ (die Natur macht keine Sprünge) stand für Einsteins Haltung: es geschieht nichts Plötzliches oder Zufälliges. An diesem Glauben hielt Einstein fest – gegen eine immer größer werdende Schar von Wissenschaftlern, die in dieser Hinsicht einen radikalen Bruch mit der Standardauffassung der klassischen Physik vollzogen: Planck, Heisenberg, Bohr und Co. zeigten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der aufkommenden Quantenmechanik, dass im Mikrokosmos statistische Verteilungen und Zufall herrschen.
Heute wissen wir, dass die Welt nicht im Laplaceschen Sinne deterministisch ist, sondern dass sie vom Zufall bestimmt ist. Wir müssen dabei jedoch auf zwei verschiedene Varianten des „Zufalls“ achten, um ihn mit der gebührenden Genauigkeit zu „fassen“. Als erstes werfen wir einen Blick auf das, was landläufig „zufällig“ genannt wird, z.B. den (realen) Münz- oder Würfelwurf. Hierbei handelt es sich jedoch noch nicht um einen reinen, absoluten Zufall, sondern um einen von vielen verschiedenen physikalischen Parametern abhängenden Vorgang, der deswegen in der Realität nicht vorhersehbar ist – er ist (/scheint) zufällig, ist mono-kausal nicht zu fassen. Demgegenüber steht der reine Zufall der Quantenphysik. Hier haben wir es mit echten Zufällen zu tun, welche die Annahme, man wüsste eben nur nicht über alle entscheidenden Faktoren Bescheid, als falsch erweisen. Als Beweis dafür kann zum Beispiel die Bellsche Ungleichung angeführt werden, die im Rahmen des EPR-Experiments diesem Nachweis dient.
Unsere Welt ist nun von diesen beiden „Varianten“ des Zufalls durchdrungen und verweist die Vorstellung, alles sei eindeutig determiniert, in das Reich der Märchen. Zufallsfluktuationen sind dabei für das Bestehen, die Entwicklung und den Fortbestand unserer (Um)Welt von enormer Bedeutung. So sind es diese Zufallsfluktuationen, die an sich wohl determinierte Prozesse aus dem Ruder laufen lassen können (vgl. deterministisches Chaos). Dieser Effekt aus der Komplexitätstheorie (Chaosforschung) ist auch als Schmetterlingseffekt bekannt: eine winzige, „zufällige“ Änderung der Ausgangslage führt zu einer enormen Veränderung des Ergebnisses. An dieser Stelle wird klar, dass Zufall und Komplexe Systeme untrennbar miteinander verbunden sind. Komplexe Systeme mit ihrer Vielzahl an Wechselwirkungen sind durch nichtlineare Dynamik gekennzeichnet und ermöglichen Selbstorganisation und Emergenz. Solch multikausale Komplexe Systeme sind z.B. das Gehirn, Ameisenkolonien, Finanzmärkte oder das Wetter. Zufallsfluktuationen entsprechen hierbei Instabilitätspunkten bzw. Phasenübergängen, an denen das System schwankt und schließlich in die ein oder andere „Richtung“ kippt und sich dahingehend „weiterentwickelt“. Alles „Langfristige“ in der Welt wandelt nun auf einem (bisweilen) schmalen Grat zwischen Gleichgewicht und Chaos. Aus der Thermodynamik wissen wir, dass jedes geschlossene System einem Gleichgewichtszustand entgegen strebt und dass die Entropie als Maß der Unordnung nur zunehmen kann (oder – im Gleichgewichtszustand – gleich bleibt). Wir stehen nun vor dem Phänomen, dass auf der einen Seite Ordnung und Struktur entstehen, auf der anderen Seite jedoch eine allgemeine Entropiezunahme herrscht. Die Auflösung dieser scheinbaren Paradoxie liegt in der Eigenschaft jener Systeme, die als „dissipativ“ oder „offen“ bezeichnet werden: durch Metabolismus (Stoffaustausch) stemmen sie sich gewissermaßen gegen die Zunahme der Entropie und entwickeln so neue Strukturen. Der Zufall spielt dabei bei der Entstehung von Neuem (und dessen Erhalt) eine zentrale Rolle – er ist es, der für die entsprechenden Abwechslungen, Mutationen und Entwicklungsmöglichkeiten an den Bifurkationspunkten (Phasenübergängen) verantwortlich ist.
Nach diesen Ausführungen und der Absage an eine „planvolle“, vorherbestimmte Welt, scheint der Zufall ein schweres Schicksal für den Menschen zu sein – er ist quasi ein Spielball des Zufalls. Es ist dabei relativ einfach, einen Zusammenhang zwischen diesem „Schicksalsschlag“ und den bekannten „Kränkungen der Menschheit“ zu finden. Nach Freud wurden der Stolz und das Selbstverständnis des Menschen durch drei wissenschaftshistorische Ereignisse zutiefst angekratzt: die Vertreibung des Menschen aus dem Zentrum des Alls durch Kopernikus (kosmologiehistorisch eine zu grobe Vereinfachung), die Darwinsche Lehre von der Abstammung des Menschen aus dem Tierreich und die Freudsche Erkenntnis der enormen Macht des Unterbewussten. Es ist nun in der Tat so, dass die Kosmologie, die Evolutionsbiologie und die Neurowissenschaften dem Menschen viel von seiner exponierten, insbesondere teleologisch begründeten, Sonderrolle genommen haben. In chronologischer Hinsicht könnte man nun von dem Zufall als vierte Kränkung sprechen, doch bei genauerer Betrachtung drängt sich die Frage auf, ob der Zufall bei dieser Betrachtungsweise nicht die fundamentale, allem zugrunde liegende Kränkung darstellt.
Betrachtet man im Rahmen der Kosmologie das Universum, so trifft man auf den Zufall als basales Prinzip allen Seins. Ausgehend vom kosmologischen Standardmodell eines mit dem Urknall entstandenen und beschleunigt expandierenden Universums spielt der Zufall bereits bei der Suche nach einem „Grund“ für den Urknall eine entscheidende Rolle: es ist dabei im Detail nicht von Bedeutung, ob man von Quantenfluktuationen, „spontaner“ Symmetriebrechung oder sonstigen Spielereien mit dem Higgs-Feld ausgeht, der (physikalische) Zufall ist vom Beginn des Universums nicht wegzudenken (es ist zu betonen, dass die enorme Zufallsbedeutung auch für diverse zyklische, Multi- und Paralleluniversen-Theorien gilt). Dasselbe gilt auch für die gesamte weitere Entwicklung des Universums: der Zufall ist für die Evolution des Universums als komplexes System eine conditio sine qua non. Nun scheint der gesamte Kosmos mit seinen Naturkonstanten, den Begebenheiten unserer Milchstraße sowie den genauen Eigenschaften unseres Planetensystems (Masse der Erde, Entfernung zur Sonne, Lebensdauer der Sonne usw.) perfekt auf den Menschen abgestimmt – ja geradezu für uns geplant. Während das Schwache Anthropische Prinzip mit dem simplen Verweis auf unsere Existenz eine plausible Erklärung für die Möglichkeit der Existenz eines erkennenden Subjekts aus einer logischen Konsequenz liefert, sind verschiedene Formen des Starken Anthropischen Prinzips der oben beschriebenen Zufallshaftigkeit der Welt wegen abzulehnen. Der kosmologische Zufallscharakter der Stellung des Menschen wird neben den physikalischen Konstanten sowie statistisch begründeten Verteilungsmustern verschiedener „Materiekonglomerate“ auch von der topologischen Stellung des Menschen – und damit im direkten Freudschen kosmologischen Sinn – im All begründet: die Erde verlor ihre Stellung im Zentrum der Welt und musste der Sonne weichen. Unser Sonnensystem wiederum wurde zu einem unter vielen innerhalb unserer Galaxie, der Milchstraße, degradiert. Die Milchstraße ihrerseits war alsbald nurmehr eine Galaxie in einem Galaxienhaufen unter Milliarden anderer. Diese „Verlorenheit“ bzw. „Unbedeutsamkeit“ des Menschen wird heute in der Kosmologie mit dem sogenannten „Kopernikanischen Prinzip“ beschrieben, das eine im Universum ausgezeichnete Stellung des Menschen und der Erde verneint. Über all dem thront darüber hinaus die (nach momentanem Forschungsstand mit „ja“ zu beantwortende) Frage nach der Unendlichkeit des Alls. Freud hatte Recht: die Kosmologie meint es nicht gut mit einer Sonderstellung des Menschen – und der Zufall trägt daran maßgeblichen Anteil.
Über die Schnittstelle der noch sehr jungen Disziplin der Exobiologie gelangen wir von der Kosmologie zu dem zweiten Freudschen Kränkungskomplex, der Evolutionsbiologie: die heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gehen dabei weit über die von Freud angesprochene Schmach der animalischen Natur des Menschen hinaus – der Mensch ist (natur)wissenschaftlich ein Produkt des Zufalls. Der Weg über die chemische Evolution zur Entwicklung biologischer Strukturen kann wiederum mit Selbstorganisationsprozessen komplexer Systeme erklärt werden. Phasenübergänge der (Molekül)Systeme an instabilen Situationen führen zu einer Art Selbsttranszendenz und damit Emergenz des Lebens. An dieser Stelle wird erneut die Rolle des Zufalls für unser menschliches Sein deutlich – er ist es, der für die entscheidenden Variationen des Erbgutes sorgt und den evolutiven Motor von Selektion und Mutation maßgeblich antreibt. Die Entstehung des Menschen ist dabei keineswegs ein teleologisch bedingter Prozess, der einem Optimierungsplan folgt. Somit sind Finalitätsgedanken einer zielgerichteten Entwicklung der Natur aus der Tierwelt hin zum Menschen falsch. Pseudowissenschaftliche Auswege aus diesem „Dilemma“ wie Intelligent Design, Kreationismus oder Starke Anthropische Prinzipien sind auf Grund ihres Charakteristikums „pseudowissenschaftlich“ hier in der Evolutionsbiologie ebenso wie in der Kosmologie hinfällig. Dazu kommt, dass der zu „Leben“ führende Evolutionsprozess nicht grundsätzlich an die irdische Kohlenstoffchemie gebunden ist – die systemtheoretischen Mechanismen, die Leben erzeugen, funktionieren im Sinne von informationsverarbeitenden Systemen universell.
Mit dem dritten Forschungskomplex der „drei Kränkungen“ kommen wir nun zu dem im Moment wissenschaftlich am meisten umkämpften: während in der Kosmologie und Evolutionsbiologie weite Felder mittlerweile mit gesicherter naturwissenschaftlicher Erkenntnis zugänglich sind (etwaige Probleme betreffen v.a. die jeweiligen „Anfänge“), werden die Neuro- und Kognitionswissenschaften noch von vielen un- bzw. nur teilweise geklärten Themenfeldern beherrscht. Beispielhafte Forschungsgegenstände sind Bewusstsein, Geist, (freier?) Wille, Identität, Wahrnehmung und Künstliche Intelligenz. Auch hier wird viel mit der Theorie selbstorganisierender, komplexer Systeme gearbeitet. Interessanterweise scheint sich – zumindest partiell – in den Neuro- und Kognitionswissenschaften ein Trend zu bestätigen, der mit Freud begann und bis heute in gewisser Weise als gegenläufig gegenüber der Entwicklung der „restlichen“ Wissenschaftslandschaft (ungefähr zeitgleich mit Evolutionsbiologie, Thermodynamik, Quantenmechanik) bezeichnet werden kann: in den – pauschal gesprochen – das Gehirn betreffenden Wissenschaftsdisziplinen wurden nach und nach „Freiheitsgrade“ verworfen, bis schließlich und aktuell der „Neurodeterminismus“ eine entscheidende Rolle in der scientific community spielt(e). Doch genau an dieser Stelle wird nun dem Zufall eine Ehre zuteil, die in den bisherigen Ausführungen nicht denkbar war: kann der Zufall im Freudschen Postulat der Macht des Unterbewussten noch als Gegner der freien Selbstbestimmung aufgefasst werden, ist er es nun, der die Fahnen der menschlichen Freiheit gegen (neuro)deterministische Gedanken hochhält. Der Zufall öffnet in diesem Fall erneut jene Türe zum menschlichen Stolz, die er zuvor mit ziemlicher Deutlichkeit verschlossen hatte (wobei diese Argumentationslinie mit sehr vielen Problemen verbunden ist).
Es sollte nun zum Abschluss klar sein, dass der Zufall ein das Weltgeschehen maßgeblich beeinflussender Faktor ist. Der Zufall ist der Antrieb des Neuen und damit „Gönner des Menschen“. Auf der einen Seite sind vom Zufall bestimmte Systeme zwar (begrenzt) mathematisch modellierbar bzw. statistisch greifbar, doch bleibt das Einzelergebnis einer direkten Beschreibung entzogen, eine konkrete Vorhersage ist nicht möglich und somit bleibt der Zufall unbeherrschbar. Der Mensch hat die Macht des Zufalls anzuerkennen, wenngleich er ihm nicht vollkommen „machtlos“ gegenübersteht: mit entsprechenden (mathematischen) Methoden kann er von dem Verständnis Komplexer Systeme ausgehend Rahmenbedingungen erkennen sowie möglicherweise ändern und manch Entwicklung antizipieren. Neben dieser mathematisch-naturwissenschaftlich motivierten Herangehensweise an den Zufall und dessen Akzeptanz stellt sich die Frage, ob nicht möglicherweise auch die Religion bzw. Theologie eine Antwort auf die Ohnmacht des Menschen gegenüber der (nur begrenzt fassbaren) Omnipotenz des Zufalls bieten kann. Ist begründete Religion trotz der Bedeutung des Zufalls möglich? Es gibt zwar auch die Auffassung, Religion mit ihrem wissenschaftlichen Begleiter Theologie sei selbst dann hinsichtlich Moral etc. „sinnvoll“, wenn die Prämissen bzw. Grundpfeiler falsch seien, doch diese Meinung ist in meinen Augen nicht haltbar. Wendet man sich der Religion zu, muss sie rational begründbar sein und einen Wahrheitsanspruch vertreten. Folglich muss die theologische Wahrheit mit der naturwissenschaftlichen Wahrheit kompatibel sein und sich letztendlich zu der „einen“ Wahrheit zusammenfügen. Es ist zwar klar, dass die jeweils aktuelle naturwissenschaftliche „Wahrheit“ fallibel ist, dennoch sollte die Theologie im Idealfall mit dem naturwissenschaftlich hochgradig bestätigten Zufallsprimat verträglich sein (können). Einen möglichen Lösungsweg in diese Richtung leistet die thomistische Unterscheidung von primären und sekundären Ursachen, wobei stets im Auge behalten werden sollte, dass dabei das „irdische“ Kausalitätsdenken nicht mehr anwendbar ist, sondern dass es sich hier um Analogien handelt. Eine weitere Lösung des „Problems“ des zufällig in die Welt gesetzten Menschen könnte die Akzeptanz des (physikalischen) Möglichkeitsraumes als „göttlicher Wille“ sein. Etwaige Schwierigkeiten mit der Theodizeefrage werden in diesem Modell von theologischen! „Wahrheiten“ kommend auf Grund immer noch ausreichender „direkter“ göttlicher Eingriffe in diese Welt auch nicht bedeutender als in existierenden. Sofern man möchte, kann man an dieser Stelle das Zepter der „Problemlösung“ der Theologie überreichen.
Meine Literaturempfehlung für eine sowohl interdisziplinäre als auch wissenschaftshistorische Beschäftigung mit dem Zufall:
Klaus Mainzer: Der kreative Zufall - Wie das Neue in die Welt kommt. München: C. H. Beck 2007
Nachtrag (01.08.08): eine schöne Diskussion zum Thema Komplexität hat sich im Blog von Monika Armand Das Unfassbare erfassen? Komplexitätsforschung, Chaos und Ordnung.... ergeben.
Die Folter der eigenen Würde
In der aktuellen Diskussion steht die Menschenwürde in vielfältiger Kritik. So sei der Begriff der Würde durch dessen inflationären Anwendung bei der Begründung verschiedenster normativer Ansprüche zu einer „Leerformel“ geworden, mit der nun mehr alles und gleichzeitig nichts begründet werden kann. Menschenwürde sei weiterhin ein abstraktes und metaphysisches Wort, welches sich auf keinerlei natürliche Gesetze zurückführen lässt, so dass es als kulturelles Gesetz der Wandelbarkeit unterliegen muss und deshalb in unserem zunehmend empirisch-naturwissenschaftlichen Weltbild die Gültigkeit verliert. Außerdem sei Menschenwürde ein sekularisiertes Überbleibsel unseres christlichen Menschenbildes, dass sich nicht anmaßen darf in der globalen und pluralen Welt von heute überall Beachtung zu finden.
Ich werde hier nicht auf die genannten Kritiken eingehen (was aber gerne in den Kommentaren nachgeholt werden kann), sondern nur die daraus resultierenden Forderungen feststellen. Um Menschenwürde zeitgemäß nutzen zu dürfen, bedarf es also einer klaren Definition des Begriffs, weiterhin eine Grundlage auf natürliche Gesetze, und letztlich eine vollkommen theologisch unabhängige Argumentation. Otfried Höffe hat dies jedoch vor einigen Tagen ziemlich gut bei der SWR Aula anhand von Kant gemacht (höre hier oder siehe .rtf), so dass ich mir nun die Freiheit nehme nur auf ihn zu verweisen.
Unternehmen wir lieber den Versuch uns der Menschenwürde mal zustimmend zu nähern und dann zu schauen, ob dadurch vielleicht einige Kritiken obsolet werden.
Interessant ist nämlich, dass im Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte völlig darauf verzichtet wurde sie den Staaten als Aufgabe aufzuerlegen. Statt dessen wird nur auf die einzelnen Menschen eingegangen, welche sich „.. einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“ sollen. Gefordert wird also die Besinnung der Gleichheit im Besitz der Fähigkeiten zur Vernunft und Gewissen, welche den Menschen im außerordentlichen Maße von anderen Lebewesen unterscheidet. Damit wird jedoch nicht behauptet, dass Tiere weder Vernunft noch Gewissen haben. Mit der Berufung auf Vernunft und Gewissen wird nur auf die dem Menschen eigene Weite der Freiheit im Entscheiden, die grundsätzliche Fähigkeit zum moralischen Handeln und der ausgeprägten Fähigkeit des kausalen Denkens Bezug genommen - womit dem Menschen jedenfalls immer zugemutet werden kann, sich in gewisser Weite über die Konsequenzen der eigenen Handlungen bewusst zu sein. Und dies gilt eben nicht nur für die Abschätzung von zukünftigen Konsequenzen, sondern vor allem auch im Anerkennen der Geschichte.
So unterschiedlich Kant, Foucault und Schopenhauer auch in der Begründung oder Kritik der Menschenwürde waren, so einig könnten sie doch den folgenden Satz aus einer Vorlesung über die Geschichte der Philosophie von Hegel unterschreiben:
„Was wir geschichtlich sind, der Besitz, der uns, der jetzigen Welt angehört, ist nicht unmittelbar entstanden und nur aus dem Boden der Gegenwart gewachsen, sondern dieser Besitz ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergegangenen Generationen des Menschengeschlechts.“
Betrachtet man nun die Geschichte der Menschenwürde seit 1948, so kann man durchaus von einer Erfolgsgeschichte reden, auch wenn aktuell ein Herr Prof. Taureck aus Braunschweig vor ihrer Abschaffung warnt und sich deshalb für eine Flucht nach vorn ausspricht. In vielen Staaten dieser Welt wurden tolle Gesetze zur Gleichberechtigung und dem Schutz von Minderheiten erlassen. Doch was wir aus Artikel 1 von oben gelernt haben und was sich z.B. auch darin zeigt, dass beim internationalen Strafgerichtshof die Beteiligten an Verbrechen persönlich und unabhängig der von ihnen bekleideten Ämtern verantwortlich gemacht werden, ist der persönliche Gestaltungsauftrag, zu dem die Menschenwürde jeden einzelnen von uns verpflichtet.
Und betrachten wir die Situation hier, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild. "Das Haus ist – zumindest in Friedenszeiten – der gefährlichste Aufenthaltsort für Frauen." sagte 1998 Susan Moller Okin und bringt es damit auf den Punkt. Gerade in den Bereichen, welche vor Zugriffen des Staates besonders geschützt sind, werden Menschen und mit ihnen die Menschenwürde immer noch mit Füßen getreten (, wenn nicht noch schlimmer). Hier bedarf es ganz dringend noch mehr präventiver Anstrengungen sowie Aufklärung von Seiten der Staaten und Religionen. Doch vor allem sollte den Menschen klar sein, dass es einen Unterschied zwischen Hass und Verachtung gibt, der darin liegt, dass bei der Verachtung auch die Menschenwürde missachtet wird. Wer Menschen jedoch die Menschenwürde nicht zusprechen kann, der begeht auch Verrat an seiner eigenen Menschlichkeit. Diese Menschen degradieren sich also selbst und schänden damit all die guten Leistungen vergangener Generationen, die geholfen haben unsere Zivilisation ein Stückchen menschlicher zu machen.
Weiterführende Links:
- Ulrich Johannes Schneider - Philosophische Archäologie und Archäologie der Philosophie: Kant und Foucault
- Sidonia Blättler - Die Rechte von Frauen im Streit zwischen Menschenrechtsuniversalismus und Kulturrelativismus (pdf)
- Armin G. Wildfeuer - Menschenwürde - Leerformel oder unverzichtbarer Gedanke? (pdf)
Literatur bei Amazon:
- Michel Foucault - Archäologie des Wissens
- Bernhardt H. F. Taureck - Die Menschenwürde im Zeitalter ihrer Abschaffung. Eine Streitschrift
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel - Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte
Nachtrag vom 21.07.2008:
Willyam von alt_everything hat das Thema aufgegriffen und setzt sich im Beitrag "Ex oriente Lux?" kritisch mit den kosmopolitischen Grundlagen der Menschenrechte auseinander.
Mit der Quantenphysik zum Jenseits?
http://www.readers-edition.de/2008/04/08/quantenphysiker-behaupten-es-gibt-ein-jenseits/
Wir finden nun im Internet zwar bereits eine Vielzahl von Diskussionen und Rezensionen in den verschiedensten Bereichen (Blogs, Foren etc. – z.B. http://hpd.de/node/4456 , http://kritischgedacht.wordpress.com/2008/04/19/jenseitige-quantenphsiker/), doch eine weitere Beschäftigung mit diesem Thema scheint auf Grund des großen Diskussionsinteresses durchaus angebracht. Aus diesem Grund findet im Folgenden eine erneute Beschäftigung mit dem die Debatte auslösenden Artikel statt.
Zuallererst - und vor jeder konkret inhaltlichen Auseinandersetzung - finden wir hier einmal mehr das Phänomen, dass der Eindruck erweckt wird, DIE Quantenphysiker hätten eine bestimmte Entdeckung gemacht und innerhalb DER Quantenphysik gäbe es keine divergierenden Positionen. In dem vorliegen Fall geht es um eine (verschwindend) kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die zum Teil nicht einmal ausgewiesene Quantenphysiker sind. Eine solche Art der Berichterstattung (das betrifft ja nun nicht nur den verlinkten Artikel, sondern weite Teile der Informationslandschaft) ist ärgerlich und sogar unredlich. Es geschieht in den seltensten Fällen, dass es DIE scientific community gibt, die sich bezüglich einer bestimmten Position einig ist.
Nähern wir uns nun dem Inhalt der Meldung. Die Kernaussage des Artikels ist, „dass es eine physikalisch beschreibbare Seele gibt, die im "Jenseits" weiter existiert." Nun gut, wollen wir der Sache auf den Grund gehen. Als Fundament der „revolutionären These" wird auf die aus der Quantenmechanik bekannte Verschränkung verwiesen. Hierbei wird der Eindruck erweckt, seit Einsteins „Spuk"-Vorwurf an die Quantenmechanik hätte sich bis Zeilinger nichts getan. Vermutlich, um die vermeintliche Neuartigkeit solcher Quantenphänomene bzw. ihrer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterstreichen, wird allen voran das bereits 1935 (zunächst als Gedankenexperiment gedachte und später empirisch geprüfte) angestoßene EPR (Einstein-Podolsky-Rosen)-Experiment verschwiegen, das schließlich die Nichtlokalität und damit verschränkte Zustände von Teilchen (Superposition) beweisen sollte (vgl. z.B. die Bell'sche Ungleichung 1964 und die Arbeiten von Alain Aspect in den frühen 80er Jahren).
Als kleiner Exkurs soll an dieser Stelle für diejenigen, die mit Begriffen wie „Verschränkung" oder „Superposition" in Bezug auf die Quantenwelt nichts anfangen können, eine kurze Erläuterung stattfinden: die Superposition bedeutet eine Überlagerung von zwei an sich verschiedenen Quantenzuständen, die nun nicht mehr als getrennt voneinander betrachtet werden können/dürfen, sondern einen einzigen Gesamtzustand bilden. Die beiden Einzelzustände existieren nun beide gleichermaßen „gleichzeitig" – und zwar so lange, bis diese Überlagerung gestört wird. In der klassischen Interpretation der Quantenmechanik geschieht eine solche Störung beispielsweise durch einen Messprozess. Eine bildliche Darstellung dieses Phänomens liefert das als „Schrödingers Katze" bekannt gewordene Gedankenexperiment, bei dem nicht entschieden werden kann, ob eine Katze in einem präparierten Experiment lebendig oder tot ist – diese Nicht-Entscheidbarkeit ist von einer grundlegenden Natur und objektiv und bezieht sich nicht auf ein subjektives Nicht-Wissen: die Katze ist gewissermaßen sowohl lebendig als auch tot. Die Verschränkung bezieht sich auf Quantensysteme, die sich an verschiedenen Orten befinden. Verschränkte Teilchen können nicht isoliert betrachtet werden und „verhalten" sich abhängig von dem/den anderen verschränkten Teilchen. Die Entfernung zwischen ihnen ist primär irrelevant. In einer Metapher können wir zur Erklärung dieses für den „normalen“ Menschen merkwürdig anmutenden Phänomens von zwei verheirateten (dies „entspricht“ hier dem Verschränktsein) Menschen sprechen, die sich zum Beispiel getrennt in Berlin und München aufhalten. Wenn wir von einer traditionellen Form der Ehe ausgehen und es bei den Eheleuten mit Mann und Frau zu tun haben, genügt ein Blick auf einen der beiden, um eine gültige Aussage über den „Zustand“ beider Ehepartner zu treffen. Während man in der Zeit der Überlagerung keine definitive Aussage über den jeweiligen Zustand tätigen kann, entscheidet sich im Moment der Beobachtung, „wer“ von beiden „wo“ und „was“ ist: sehen wir bei der Beobachtung (dem Messprozess) in Berlin den Mann, wissen wir – und „entscheidet“ sich – augenblicklich, dass in München die Frau ist. Ein solches Verhalten (u.a.) der „Fernwirkung“ hatte Einstein in seiner Ablehnung der Ergebnisse aus der Quantenphysik als „Spuk“ abgekanzelt.
Kehren wir nun zum Artikel zurück: die Verschränkung und gegenseitige Beeinflussung der Teilchen wird nun leichtfertig mit einem „übernatürlichen Phänomen" in (potentielle) Verbindung gebracht. Als Indiz dafür wird auf eine vermeintliche Verletzung des (aus der Speziellen Relativitätstheorie stammenden) Postulats der Beschränkung der Informationsübertragung auf Lichtgeschwindigkeit hingewiesen. Der Artikel suggeriert, es handele sich – wie im Übrigen einst von Newton in seiner Mechanik proklamiert – um eine instantane Kraftübertragung. Dem ist beileibe nicht so, sofern man von einem – quasi über den „Raum" gehenden – verschränkten Gesamtzustand ausgeht. Somit ist der Gedanke einer zeitabhängigen Informationsübertragung im Sinne einer physikalischen Wechselwirkung obsolet und es findet keine Verletzung der Grenzgeschwindigkeit c für Übertragungen statt.
Von den erwähnten Quantenphänomenen kommend, ergießt sich der Artikel abschließend relativ zusammenhanglos in (angeblich plausiblen) Gründen, diese Quantenphänomene nicht als auf die Quantenebene beschränkt zu sehen, um damit das „Jenseits" wissenschaftlich greifbar zu machen. Eine detaillierte Analyse dieser „Argumente" ist in dem Zusammenhang wenig gewinnbringend, da im Großen und Ganzen keine (momentan) falsifizierbaren Aussagen getroffen werden – mindestens genauso wenig kann jedoch von deren Verifizierbarkeit gesprochen werden. Während auf Dürr noch kurz einzugehen sein wird, genügen den Aussagen Hellwegs ein einziger Satz. Seine (vom Inhalt her theoretisch möglichen – theoretisch möglich ist allerdings viel) Positionen entbehren in diesem Zusammenhang jedem Erklärungsmuster und jeder Erklärung.
Mit dem Verweis auf Dürr und seinen „Quantencode" kommt man tatsächlich auf einen sehr spannenden und interessanten Fragenkomplex zu sprechen – ohne jedoch der Suche nach dem Jenseits wirklich weiterzuhelfen. Ist es – wie eben kurz angerissen – tatsächlich möglich, dass uns die aus der Quantenphysik bekannten Phänomene wie Verschränkung und Superposition auch in der makroskopischen Welt begegnen? Es gibt in der Tat keine abschließende Erklärung, weshalb wir es in unserem Alltag mit dem Phänomen der Dekohärenz zu tun haben – oder anders und salopp ausgedrückt: weshalb die Quantenphänomene in der Quantenwelt bleiben und nicht in unserem Alltag beobachtet werden. Neben quantenmechanischen Messprozessen, die eine Störung der Kohärenz bewirken, geht man heute allgemein von äußeren Einflüssen aus, die für die Dekohärenz verantwortlich sind. Interessante Forschungen in diese Richtung liefert im Moment unter anderem Prof. Schnabel vom Institut für Gravitationsphysik der Universität Hannover, der die Verschränkung zweier Spiegel anstrebt (vgl. hierzu z.B. http://www.spektrum.de/artikel/956873).
Ich stelle fest: der Suche nach dem Jenseits dient dieser Artikel nicht, die Korrelation von Quantenphysik und Jenseits ist nicht zu erkennen. Ich möchte dabei betonen, dass sich die – gelinde ausgedrückt – zurückhaltende Meinung hinsichtlich eines diesbezüglichen Erkenntnisgewinns ausdrücklich auf den Artikel bezieht, und nicht etwa die zugrunde liegenden Arbeiten der (erwähnten) Forscher im Einzelnen. Ein solcher Artikel ist stets selektiv und kann keinen umfassenden Einblick in die jeweiligen Forschungen bieten. Ähnliches gilt auch für den Verfasser des Artikels – meine Kritik bezieht sich nicht auf ihn, sondern den Artikel als solchen. Über das hinter dem Artikel stehende Buch als Ganzes vermag ich ebenso nichts zu sagen – lediglich, dass der Artikel einen Kauf nicht gerade als lohnend anpreist.
Es drängt sich in dem Zusammenhang die grundlegende Frage auf, inwieweit das Streben, sich dem Jenseits naturwissenschaftlich zu nähern, sinnvoll ist. Auf den ersten Blick scheint auch auf das Jenseits die erkenntnistheoretische Position Kants zuzutreffen, wonach wir es bei nicht der „sinnlichen“ Erfahrung zugänglichen „Umständen“ nur mehr mit Spekulation zu tun haben (wobei DAS Jenseits – als Ding – als solches uns ja sowieso verschlossen wäre). Doch ist es – und das versucht Froböse ja zu zeigen – womöglich nicht der Fall, dass wir eben doch sinnlich (und damit naturwissenschaftlich-empirisch) gewonnene Erkenntnisse über das Jenseits, zumindest über dessen Existenz, erlangen können (je nach Definition dürfte man über das "Jenseits" eigentlich gar nichts aus dem "Diesseits" erkennen können)? Diese Frage wird in Zukunft zu klären sein, ob die Quantenphysik dabei eine Hilfe sein kann, ist allerdings im Moment mehr als fraglich. Unabhängig von diesem konkreten Fall ist es angebracht, das forschungsintentionale Konglomerat aus Naturwissenschaft, Seele, Jenseits und damit „Religion“ (und Theologie) im Allgemeinen näher zu beleuchten. Dies wird zu gegebener Zeit an dieser Stelle stattfinden.
Deutscher Kulturrat über die Neuen Medien: „Eine neue Dimension von Kultur“
„Seit der Einführung [...] des so genannten Web 2.0, bei dem die Internetbenutzer eigene Medieninhalte produzieren, ins Netz stellen und somit neue selbstorganisierte Kommunikationsprozesse stattfinden, produzieren die Internetnutzer eine neue Dimension von Kultur.“
Das Problem mit der Feststellung des Kulturrats ist, dass deren Wahrheit nur schwer erkennbar ist. Selbst regelmäßiges Surfen im Internet reicht nicht aus, um dem Surfer auch nur ansatzweise die Erkenntnis einer neuen Dimension von Kultur zu vermitteln. Wie bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Schutz der Privatheit“ (gesendet von Phoenix am 25.April) wird hierzu oft das fehlende technische Verständnis der Internet-Laien als Begründung für das Unverständnis der Internetkultur vorgeschoben und selbst die Gegenargumentation vom erfahrenen Internetnutzer Andreas Bogk (Chaos Computer Club) konnte diesmal nichts daran ändern.
Mit der Ausrede des fehlenden technischen Verständnisses der Neuen Medien machen es sich Politiker und Journalisten extrem einfach, ihre Faulheit bei der Beschäftigung mit den Neuen Medien zu rechtfertigen. Denn wer kann schon von Menschen verlangen, sich mit der Internetkultur auseinander zu setzen, wenn sie nach eigener Aussage zu dumm sind die technischen Grundlagen zu verstehen. Dabei weiß jeder Web2.0-Nutzer, der die technischen Verständnishürden von Weblogs und Social Networks kennt, dass diese einfacher zu handhaben sind als Fahrkartenautomaten der deutschen Bahn.
Doch woran scheitert dann die Vermittlung des Verständnisses der Internetkultur? Nun, nach den mir anvertrauten vielfältigen Erfahrungen von Internetaktivisten ist es einfach eine Frage nach der aktiven Nutzung von Neuen Medien, wobei die Betonung hier auf „aktiv“ liegt. Denn es ist ein großer qualitativer Unterschied, ob man im Netz nur „liest“ oder auch „schreibt“. So ist es nicht verwunderlich, dass der deutsche Kulturrat in seiner Stellungnahme neben der Forderung nach einer verstärkten Nutzung der Neuen Medien in Familien, Kindertageseinrichtungen, außerschulischen Kinder- und Jugendbildung und Erwachsenenbildung auch die Vermittlung von Kenntnissen zur ihrer aktiven Nutzung fordert, damit überhaupt eine Partizipation an dem im Einfluss wachsenden Kulturraum des Internets möglich ist.
Die oft kritisch betrachtete Selbstdarstellung in Weblogs und Social Networks führt nämlich dazu, dass die Nutzer der Neuen Medien sich (oft zum ersten Mal überhaupt) eine Identität aufbauen. Würden die oben genannten Politiker und Journalisten sich durch ihre gar nicht vorhandene bis passive Nutzung der Neuen Medien nicht dieser Erfahrung widersetzen, hätten auch sie durch die Bildung ihrer (digitalen) Identität die Möglichkeit die Kultur des Internets zu erfahren. So findet der deutsche Kulturrat neben der Erkenntnis, dass nur durch die aktive Nutzung der neuen Medien und der mit ihr verbundenen Identitätsbildung die Partizipation an dem Kulturraum des Internets erst möglich ist, dann zufällig und unbewusst auch noch eine Lösung zu der Sinn-Krise in unserer postmodernen Gesellschaft:
„Durch die vielfältigen Möglichkeiten, sich als Produzent von Kunst und Kultur im Internet frei darzustellen, wird das Internet auch zu einem identitätsstiftenden Medium."
Open Source Programm zum Argumentieren - Argunet
Wer schon immer Schwierigkeiten damit hatte Argumentations-Ketten zu rekonstruieren, dem kann ich nur Argunet empfehlen. Das am Philosophischen Institut der Freien Universität Berlin entwickelte freie Open Source Programm, an dem u.A. die Philosophen Dr. Gregor Betz und Christian Voigt (Blog) beteiligt sind, hat mit der aktuellen Version 1.0 nun offizell die Beta-Phase hinter sich gelassen und wurde promt von der FU-Berlin mit dem e-Learning Award ausgezeichnet.
Argunet wurde speziell für die Erstellung von Argument-Landkarten entwickeln und ist dabei fast so einfach zu bedienen wie ein Mind-Mapping-Tool. Während Mind-Mapping-Tools jedoch viel allgemeiner gedankliche Zusammenhänge abbilden, hat sich das Argument-Mapping-Tool darauf spezialisiert Argumentationen logisch und argumentationstheoretisch zu rekonstruieren, so dass mit Hilfe von Argument-Landkarten die Gründe für und wider einer (oder mehrere) umstrittenen Thesen sichtbar gemacht werden können. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine solche Argument-Landkarte ungeheuer hilfreich bei komplexen Diskussionen sein kann. Die Argumentation ganzer Bücher können mit diesem Tool rekonstruiert und anschließend analysiert werden.
Da die Rekonstruktion der Argumente komplexer Themen jedoch selbst kein einfaches Unterfangen ist, bietet Argunet die Möglichkeit an, auch im Team online die Argument-Landkarten zu bearbeiten. Und bei Schwierigkeiten bietet vier Tutorials auf Deutsch und English schnelle Hilfe.
Link: Argunet
PS: Alle auf dem Server von Argunet erstellten öffentlichen Argumentations-Landkarten stehen unter der "CreativeCommons - Namensnennung-3.0 - Lizenz". Die Entscheidung für diese wissenschaftstaugliche Lizenz kann ich nur begrüßen.
Screenshots: (von Argunet.org)
Politisch aktive Philosophen - Zeit für Allmende
Die Freiburger Kantstiftung befasst sich mit dem brisanten Thema der Allmende (Wikipedia-Link). Hierzu hat sie ein Manifest erstellt, welches vierzehn konkrete politische Forderungen enthält. Dabei behandelt die Kantstiftung jedoch nicht nur die natürlichen Gemeinschaftsgüter, sondern zählt unter den sicherzustellenden Lebensgrundlagen auch kulturelle und sozioökonomische Ressourcen, womit sie nahtlos an die aktuelle Diskussion um das geistiges Eigentum anknüpft. Das Manifest soll zur UN Biodiversitäts -Konferenz in Bonn am 25.05.2008 veröffentlicht werden und kann bis dahin noch von Unterstützern unterzeichnet werden.
Hier der Aufruf zur Unterzeichnung:
Liebe zivilgesellschaftliche Gemeinde,
die UN Biodiversitäts -Konferenz in Bonn steht vor der Tür. Wir möchten dieses wichtige Ereignis nutzen, um ein Manifest zum Schutz unserer Gemeinschaftsgüter in die Welt zu bringen.
In diesem Manifest fordern wir, dass natürliche Gemeinschaftsgüter (wie das Klima, das Wasser, Fauna und Flora), aber auch Öffentliche Güter und damit gesellschaftliches bzw. Bürger - Eigentum (wie die Bahn, das Gesundheitswesen usw.) nicht länger beliebig Gegenstand privatwirtschaftlicher Disposition und Renditeerwartung sein dürfen.
Wir fordern ein Ende des Ausverkaufs unserer natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen!
Die ethische Begründung dazu liefert der Namensgeber unserer Stiftung, Immanuel Kant. Wir fordern, dass in bestimmten Bereichen die einseitig ökonomische Orientierung einem nachhaltigen und schonenden Umgang mit unseren Ressourcen weicht. Anderenfalls wird das Überleben eines Großteils der Menschheit fraglich.
Wichtig: Wir wollen keinen abrupt erzwungenen "Systemwechsel", sondern einen vor-sorglichen Systemwandel im Sinne eines bedachtsameren Umgangs mit unserer aller Ressourcen.
Das Manifest wird in Bonn während der UN Konferenz veröffentlicht. Auf unserer Veranstaltung am 21. Mai im GSI werden Alternative Nobelpreisträger wie Vandana Shiva und Pat Mooney, aber auch Umweltstaatssekretär Michael Müller sprechen.
Dies zeigt Ihnen, dass unser Vorstoß von maßgeblichen Repräsentanten aus Zivilgesellschaft und Politik unterstützt wird. - Wir suchen aber nicht nur die Unterstützung von Insidern.
Dieses Thema geht uns als alle an!
Zusätzlich zum Manifest gibt es noch eine ausführlichere Denkschrift.
Via Commonsblog.de
Aufruf zum politischen Blog-Karneval: 'res publica 2.0 – die kritische Masse'
Auf der diesjährigen Blogger-Konferenz re:publica'08 haben ein nicht unerheblicher Teil der Vorträge und Workshops einen politischen Hintergrund. Das Motto der re:publica'08, „die kritische Masse“, lässt hierfür auch genügend Raum. Da das Internet in seiner zweiten Phase für immer mehr Menschen zum Teil des eigenen Kultur-Raums wird, stellen sich die zuvor meist nur theoretisch behandelten Fragen zu allen Arten der E-Partizipation nun auch praktisch mit neuer Wichtigkeit. Fast täglich entstehen neue Blogs, Projekte und Plattformen zum Zwecke der politischen Informationsvermittlung, Bürgerbeteiligung und allgemeiner Weltverbesserung. Ebenso wie die Republik (lat. res publica) sich als Staatsform am Gemeinwohl orientiert, realisieren diese politischen Web 2.0 Angebote die Umsetzung kleiner Gemeinwesen zur Steigerung des Gemeinwohls.
Ob nun durch all die kleinen Initiativen irgendwann etwas Größeres entsteht, entscheidet sich daran, ob die Anzahl der Partizipierenden die kritische Masse erreichen kann, so dass politische Online Partizipation zum Selbstläufer wird.
Dieser politische Blog-Karneval sammelt politische Blog-Beiträge, welche im Zusammenhang mit der re:publica'08 entstanden sind, um auch den Nicht-Teilnehmern der re:publica'08 die Chance zu geben, sich ein Bild über die gegenwärtige Situation der politischen Partizipation im Web 2.0 machen zu können. Eingereicht werden können:
- Dokumentierende und kommentierende Blog-Beiträge zu den politischen Veranstaltungen auf der re:publica'08.
- Beiträge zu politischen Web 2.0 Projekten und Plattformen.
- Beiträge mit persönlichen Gedanken zur politischen Partizipation im Web 2.0.
Weitere Informationen:
- Das Management dieses Karnevals geschieht auf der Plattform des Blogpolis Projekts unter http://blogpolis.de/p-pcarnivals-98-2-b.html. Beiträge zu diesem Karneval können dort eingereicht werden. (Codes für die Registrierung auf Blogpolis werden auf der re:publica verteilt oder können bei mir unter r.duerhager[at]web.de bestellt werden.)
- Für Fragen und Kommentare zu diesem Blog-Karneval steht die Kommentar-Funktion dieses Blog-Beitrags zur Verfügung.
Links:
- Wikipedia: Blog-Karneval
- Die oben dargestellte Grafik kann hier heruntergeladen werden. (Sie darf frei verwendet werden. Es wäre jedoch schön, wenn die Grafik mit der Blogpolis-URL dieses Karnevals verlinkt wäre: http://blogpolis.de/p-pcarnivals-98-2-b.html)
- Das Open Source Projekt Blogpolis bei Sourceforge.
Laufzeit:
- 2.April 2008 - 20.April 2008
Am sechsten Tag erschuf der Mensch den Golem
Als ein aus Lehm geschaffenes Wesen (hebr. golem = Ungeformtes, Unvollendetes, Embryo) steht der Golem in schöpfungsgeschichtlicher Konkurrenz zu Adam (hebr. = Erde). Der Mensch, sein Schöpfer und damit endlich ein göttliches Wesen, haucht ihm das Leben ein. Kein Wunder also, dass bis zum 17.Jahrhundert die Kirche nichts von Technik wissen wollte und die naturwissenschaftliche Forschung unterdrückte.
Während der Romantik, dem Rokkoko und im Barock galten die Verfeinerungen des Mechanischen und Mathematischen dann als das idealisierte Schöne. Die kunstvoll geschaffenen Automaten galten als Beispiele für die überragenden Fähigkeiten des Menschen. Nach der Jahrhundertwende (vom 18. zum 19. Jhd.) wich diese Technikeuphorie mit den Einflüssen der Industrialisierung dann der wachsenden Sorge um der am Maschinentakt angepassten Menschheit. Während des ersten und zweiten Weltkriegs verlor sich angesichts der Schrecken der technischen Zerstörungskraft schließlich auch die letzte Technikfaszination und ein stummes Grauen erfüllte all jene, die diese Zerstörungskraft selbst erleben mussten.
Doch eine Eigenschaft von Technik ist, dass wenn sie einmal das Licht der Welt erblickt hat, ihre Idee niemals vergessen wird. Eine Alternative im Sinne einer Rückkehr zu früheren Verhältnissen war also nicht möglich, somit blieb nur der Fortschritt. In den 60ern und 70ern wurde Technik dann wieder zum Hoffnungsträger. Alles schien möglich. Mondlandungen, Plastik und unendlich viel Energie durch Atomkraft versprachen den Menschen ein besseres Leben. Jene, welche die Schrecken der Weltkriege nicht vergessen wollten, appellierten an die mit Technikentwicklung verbundene Verantwortung und verlangten eine einflussreiche Technikfolgenabschätzung. Doch während die politischen Interessen aufgrund des Kalten Krieges ganz dem Fortschritt und der technischen Überlegenheit galten, hatte eine reflektierende Technikfolgenabschätzung keine Chance. Tschernobyl und globale Erwärmung ließen sich nicht vermeiden. Technikfolgenabschätzung wurde während der ganzen Zeit nur von Lobbyisten genutzt, um technisch inkompetente Politiker bei der Stange zu halten, was sich bis heute nicht groß verändert hat.
Aktuell gilt Technik und Naturwissenschaft wieder als die ultimativen Problemlöser. Politisch hat die Naturwissenschaft und der Einsatz von Technik freie Hand, was vor allem all jene zu spüren bekommen, deren Jobs nun von Maschinen erledigt werden. Und auch der Mythos von Golem findet in unserer Zeit wieder seinen Platz. Dank der Kombination von „NBIC“ (Nanotechnology, Biology & Medicine, Information sciences and Cognitive sciences) erhält der Traum von der Erschaffung künstlichen Lebens ein Revival. Die Wissens-Seiten der Zeitungen sind voll von solchen Utopien und kaum eine Fernseh-Sendung, welche einen Ausblick auf die Zukunft wagt, kommt ohne die Prophezeiung von künstlicher Intelligenz aus.
Aber mit diesen gewagten und philosophisch schwierigen Thesen bleibt es nicht. Eine Utopie jagt die Nächste, was wohl den fleißigen Science-Fiction Autoren zu verdanken ist. Dabei habt gerade der Science-Fiction eine große Wandlung durchlaufen. Stanislaw Lems „Also sprach Golem“ (Amazon-Link
Was Aldous Huxley in seinen 1957 erschienen Essays „New bottles for new wine“ schon vorweg nahm, ist inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geworden. Aus dem Untergang der Menschheit wird eine Überwindung der Menschheit. Huxleys Definition vom Transhumanismus: „Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet." Der Mensch transzendiert sich selbst.
Das Gedankengut des Transhumanismus findet sich zur Zeit überall. Ein aufmerksamer Leser wird alle zwei Tage mindestens ein Artikel in der Zeitung seiner Wahl finden, welche auf der einen oder anderen Weise (meist unkritisch) den Transhumanismus thematisiert.
Die Idee geht folgendermaßen: Der Mensch soll alle ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern (Technik, Implantate, Medikamente, Genmanipulation). Gleichzeitig wird mit Hilfe der Informatik und Nanotechnik weiter an der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz gearbeitet, welche in der Lage ist, sich selbstständig weiter zu entwickeln. Ist die Zeit dann reif, können die Menschen ihr Bewusstsein in diese mit der Welt vernetzten KI uploaden und somit eine neue Evolutionsstufe erreichen, welche sich andauernd weiter verbessern kann, ohne dass dabei ein schwer veränderbarer biologischer Körper im Wege steht. Auf kurz oder lang kann damit eine technologische Singularität (Wikipedia-Link) entstehen, deren passender Name wohl „Gott“ wäre.
Der US-amerikanische Ökonomie- und Kulturtheoretiker Francis Fukuyama hat diese Ideologie kritisiert. Seine Studie „Our posthuman Future“ (Amazon-Link
Betrachtet man „Die Transhumanistische Erklärung“, dem Grundsatzprogramm der Transhumanisten, so fallen einem auch gleich Ansatzpunkte dazu auf. In Punkt 6 dieser Erklärung heißt es: „Wir halten die Schaffung von Foren zum Zwecke rationaler Diskussion über erforderliche Maßnahmen für notwendig, und wir brauchen eine soziale Ordnung, in der verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen werden können.“
Eine neue soziale Ordnung soll her. Ist dies nun ein Ruf nach Evolution, nach Revolution oder schon gleich der Griff nach Weltherrschaft?
Philosophisch fällt einem bei der Beschäftigung mit dem Transhumanismus auf, wie wenig fortschrittlich die Transhumanisten mit Erkenntnistheorie, Ethik und Logik umgehen und wie sie viele der Fehler der Aufklärer wiederholen.
Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass wir dringend eine philosophische Auseinandersetzung mit diesem neuen Golem-Mythos brauchen, die weiter geht, als auf den Humanismus zurück zu fallen. In meinen nächsten Beiträgen werde ich versuchen dazu einen Ansatz zu erarbeiten.
Weiterführende Links:
Essay „Der Transhumanismus“ von Reinhard Heil in der Online Zeitschrift sicetnon.org für Philosophie und Kultur.
Wikipedia: Extropianism
Artikel „Die Tiefkühlreligion“ von Ferdinand Muggenthaler in der Zeitung „Die Zeit“.
Artikel „Der Golem aus dem Rechner“ von Niels Boeing in der Zeitung „Die Zeit“.
