Was ist "Geist?
Bei den Fragen: Gibt es eine geistige Kausalität? Kann Geistiges auf materielle Vorgänge einwirken? und: Wie kam der Geist in unsere Welt? spielt der Begriff des Geistes eine maßgebliche Rolle. Ich möchte hierzu einige Überlegungen beitragen.
Wenn wir die Dinge und Vorgänge in unserer Welt betrachten und befragen, ob wir sie dem Begriff des Geistes zuordnen wollen, dann sollten wir zweckmäßigerweise davon ausgehen, was am sichersten zu dem Begriff, also zu seinem Kern, gehört. Ganz klar gehören dazu Bücher, nämlich ihr Inhalt, gleich, welcher Inhalt es ist. Eine Bibliothek ist daher eine Ansammlung einer Fülle von Geist. Musik ist Geist; das sind nicht nur Folgen von Schallwellen unterschiedlicher Frequenz. Werke der bildenden Kunst sind Geist. Geist ist auch unser Denken und Fühlen; das sind nicht nur neuronale Prozesse in unserem Gehirn. Was unser Gedächtnis gespeichert hat, ist - was sonst? - Geist. Da denkt man auch an das, was Computer gespeichert haben: Es ist ungeachtet der jeweiligen physikalischen Basis natürlich Geist. Dasselbe gilt für das, was auf CDs und DVDs gespeichert ist. Das erscheint eigentlich alles trivial und unproblematisch. Man muß sich das nur einmal klarmachen.
Was nehmen wir mit unseren Sinnen von unsere Umwelt auf? Nichts anderes als den geistigen Gehalt der jeweiligen Objekte.
Wenn wir etwas sehen, dann gelangen Lichtwellen in unsere Augen. Die Lichtwellen sind etwas Physikalisches; sie tragen aber das Bild des gesehenen Objekts, etwa eines Baums oder eines Gebäudes. Das Bild ist nicht der Baum selbst oder das Gebäude selbst, sondern etwas Geistiges. Das zwingt zu dem Schluss, dass solche Objekte nicht nur materiell, sondern auch geistig sind, und nur das Geistige an ihnen können wir aufnehmen. Wenn wir etwas hören, dann kann das etwa Musik sein oder es sind Sätze einer menschlichen Sprache, also der geistige Inhalt der aufgenommenen Schallwellen. Geistig sind aber auch Laute, die etwas Psychisches ausdrücken, wie zum Beispiel Laute des Erstaunens, der Bewunderung oder einer Schmerzempfindung. Vogelrufe können einen Inhalt haben und sind dann schon deshalb etwas Geistiges. Doch abgesehen davon vermitteln Vogellaute die Möglichkeit zu erkennen, dass sich hier Vögel ganz bestimmter Arten akustisch vernehmen lassen. Wenn ich eine Amsel singen höre, dann tragen die von mir empfangenen Schallwellen eben diese Information und ich erfasse dadurch eine geistige Eigenschaft des Amselgesanges. Aber auch ganz einfache und alltägliche Geräusche, denen man spontan überhaupt keinen geistigen Gehalt zuschreiben würde, vermitteln Informationen über das, was sich in der konkreten Umgebung ereignet, und haben damit auch einen geistigen Gehalt. Beispiele nenne ich nicht, weil sie zu primitiv wirken könnten. Die kann sich jeder, wenn er will, selber ausdenken. Und was hier über das Sehen und über das Hören gesagt wurde, das gilt ganz entsprechend für die Eindrücke des Geruchssinns, des Geschmackssinns und des Tastgefühls.
So gelange ich zu der doch einigermaßen überraschenden Erkenntnis, dass alle Eigenschaften der Dinge geistig sind, weil wir sie sonst nicht wahrnehmen könnten. Unser Bewusstsein enthält nur geistige Inhalte. Die Dinge der Außenwelt können dort nur insoweit aufgenommen werden, als sie geistig sind, nämlich vor allem ihre Form, ihre Struktur, ihre Funktion im Zusammenhang mit anderen Dingen, ihre intellektuelle oder künstlerische Qualität. Dabei gibt es Eigenschaften, die für die Dinge kennzeichnend sind, die ihr Wesen ausmachen, das, was sie sind. Zum Beispiel ist ein Ding ein Apfel, wenn es Fruchtfleisch und eine Schale hat, ein charakteristische Form aufweist (wobei es da einen größeren Spielraum gibt), genießbar ist und - auch innerhalb eines größeren Rahmens - einen spezifischen Geschmack hat. Wir erkennen die Dinge an solchen wesentlichen Eigenschaften. Wie die Form eines einzelnen Apfels ganz genau ist und ob die Schale vielleicht einige Flecken aufweist, spielt für seine Eigenschaft als Apfel keine Rolle. Das sind - um den philosophisch belasteten Begriff „sekundär“ zu vermeiden - nebensächliche Eigenschaften. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Eigenart mancher Eigenschaften nur aus ihrem Bezug zu unserem, dem menschlichen Wahrnehmungsapparat ergibt und die man deshalb als relative Eigenschaften bezeichnen könnte. Wenn wir ein Ding als grün wahrnehmen, dann weil unser Wahrnehmungsapparat so beschaffen ist. Ein Lurch oder eine Fliege nimmt dasselbe Ding vielleicht als rot oder gelb wahr. Objektiv vorhanden sind nur die von dem Ding reflektierten Lichtwellen mit einer bestimmten Frequenzmischung (absolute Eigenschaft). Relative Eigenschaften sind auch Gerüche und Geschmäcke. Manche Sachen, die uns Menschen gar nicht schmecken, sind für andere Lebewesen Leckerbissen. Aber daran, dass auch relative Eigenschaften geistig sind, sollte man nicht zweifeln, denn sie haben mit der Aufnahmefähigkeit unseres Bewusstseins zu tun.
Dass Dinge und auch Vorgänge einen geistigen Gehalt haben, heißt auch, dass sie eine Bedeutung haben. Eine Schrift, die etwas ausdrückt, hat eine entsprechende Bedeutung. Werden Buchstaben wahllos und willkürlich auf einem Blatt Papier verstreut, dann haben die einzelnen Buchstaben eine Bedeutung, und das Papier mit den Buchstaben hat die Bedeutung: Papier mit willkürlich verstreuten Buchstaben. Ein Auto ist nicht nur eine Ansammlung von Materialien, sondern hat diie Bedeutung, ein Auto eines bestimmten Typs mit bestimmten Eigenschaften zu sein. Ein Proton, das von einem Elektron umkreist wird, hat die Bedeutung eines Wasserstoffatoms. Die DNS hat ihre Bedeutung als Codierung der Eigenschaften eines Lebewesens. Die Organe eines Lebewesens sind nicht nur Ansammlungen von Molekülen oder auch Zellen, sondern haben eine Bedeutung mit ihrer spezifischen Funktion als Herz, Leber und dergleichen. Die Funktion, die Dinge haben, sind das Geistige an ihnen.
Eine Bedeutung haben aber auch Dinge, die uns völlig ungeistig erscheinen, wie zum Beispiel ein Steinhaufen. Wir erkennen ihn als Steinhaufen und erfassen damit das Geistige an ihm, seine Bedeutung. Ich komme damit zu dem Ergebnis, dass alle Dinge in unserer Welt auch einen geistigen Gehalt haben und somit auch geistig sind.
Betrachten wir noch die Vorgänge in unserer Welt. Als geistig erscheinen uns vor allem menschliche Handlungen. Sie haben jeweils eine Bedeutung, sind das, was sie sind, durch ihren geistigen Gehalt. Wenn ich zum Beispiel meinen Arm hebe, kann das sein, weil ich einen Gegenstand ergreifen will, der auf einem Regal steht. Es kann aber auch sein, dass ich eine Bekannten grüßen, will, den ich auf der anderen Straßenseite erblicke, oder dass ich mich in einer Versammlung zu Wort melde. Was der jeweilige geistige Gehalt meiner Armbewegung ist, ergibt sich aus einem größeren Zusammenhang von Vorgängen und den jeweils gegebenen äußeren Umständen. Entsprechendes gilt für sprachliche Äußerungen (zum Beispiel „Ja“), deren Inhalt sich oft nur aus dem Kontext ergibt. Aber auch Tiere können handeln. Das was sie tun, hat vielfach einen Sinn und eine Bedeutung und ist schon von daher auch etwas Geistiges.
Darüber hinaus sind - und das ist wieder sehr überraschend - schlechthin alle Vorgänge, auch solche, an denen keine Lebewesen beteiligt sind, - (auch) geistig. Wir könnten sie sonst nicht wahrnehmen. Denn in unser Bewusstsein, ich wiederhole es, können wir nur Geistiges aufnehmen. So nehmen wir Naturereignisse wahr, erhalten davon Nachrichten oder unmittelbare Eindrücke und beurteilen sie unter Umständen als Sturm, Hochwasser, Hitzewelle, Mondfinsternis oder was auch immer.
Die gesamte Natur ist ( auch) geistig. Die Naturgesetze - selbst wenn man sie nicht als für alle Zeiten und Welten unumstößliche Gesetzmäßigkeiten begreift - beschreiben jedenfalls die in unserer Welt zu beobachtenden Regelmäßigkeiten der Naturabläufe, die sich meist auch in mathematischen Formeln ausdrücken lassen. Für viele dieser Gesetze dürfte es auch eine logische Notwendigkeit geben, zum Beispiel für die Gesetze der Mechanik. Von besonderer Bedeutung ist, dass bei der Entstehung des Lebens und der evolutiven Fortentwicklung der Lebewesen bis zum Menschen viele Erfindungen gemacht wurden, die uns einen überwältigenden Eindruck eines intelligenten Geschehens vermitteln (s. Hoimar von Dithfurth: Am Anfang war der Wasserstoff). Es ergaben sich dabei immer wieder Probleme für die weitere Entwicklung und die Erhaltung des Lebens auf Erden, die jeweils in einer Weise gelöst wurden, die man nur als intelligent bezeichnen kann. Auch insoweit gab es also Geist in unsere Welt schon lange, bevor wir Menschen erschienen sind.
Stellen wir uns nun die Frage, wie Geist im Laufe der Evolution des Kosmos und der Erde erscheinen konnte, dann lautet die Antwort sehr einfach: Der Geist war vom allerersten Anfang an ebenso wie die Materie da und er hat sich zusammen mit der Materie bis zu den heutigen Erscheinungsformen entfaltet. Besondere Beachtung verdient allerdings, dass das Bewusstsein erst mit der Entstehung höherer Tierarten und des Menschen aufgetaucht ist. Schmerz bedeutet ja, etwas bewusst zu empfinden, sonst wäre es kein Schmerz. Dass Tiere bestimmter Arten Schmerz empfinden, dürfte feststehen. Tiere haben aber mit Sicherheit auch andere bewusste Empfindungen und Gefühle wie zum Beispiel Freude, Hunger oder Angst. Das sind geistige, nämlich psychische Prozesse, die es auf unserer Erde vorher nicht gab. Tiere können aber auch Dinge und Ereignisse in ihrer Umgebung wahrnehmen und bis zu einem gewissen Grad darauf intelligent reagieren. Dabei dürfte schon vieles mit Bewusstsein ablaufen. Diese bei bestimmten Tierarten festzustellenden oder jedenfalls anzunehmenden geistigen Fähigkeiten dürfte für das Überleben der Tierarten in der Evolution von erheblichem Vorteil gewesen sein.
Betrachten wir nun das für viele der höheren Tierarten und den Menschen entscheidende Organ für die geistigen Leistungen, nämlich das Gehirn, dann fragt man sich, wie ein solches Organ entstehen konnte, nachdem die in der Evolution vorangehenden Organe wie Herz, Lunge, Leber etc. nur rein biologische Funktionen erfüllen. Da ist nun ein Gedanke von Hoimar von Dithfurt wichtig: Alle Entwicklungen in der Evolution stellen Anpassungen an etwas dar, was in der Welt schon vorhanden ist. So ist das Auge ein Ergebnis der Anpassung an das auf unserer Erde vorhandene Licht. Beine haben die Tiere entwickelt, weil es auf der Erde festes Land gab, auf dem man sich mit Beinen besser fortbewegen kann. Wenn sich nun das Gehirn - und vor allem, beim Menschen, die Großhirnrinde - entwickelt hat, dann weil es schon vorher Geistiges gab, das man aufnehmen und verarbeiten konnte. Und, wie wir gesehen haben, gab es Geistiges schon vom Anbeginn unserer Welt.
