Supervenienz und Identität im Geist-Materie-Verhältnis
Supervenienz und Identität im Geist-Materie-Verhältnis
In unserer Welt gibt es Geistiges: Gedanken, Theorien, Meinungen, Bücher, Filme, Kunstwerke, Musik u.v.a.. Auch das Psychische ist geistig: Freude, Trauer, Schmerzempfinden, Hunger, Begehren, Eifersucht u.v.a.. All die körperlichen Dinge, die uns umgeben, die Pflanzen, die Tiere und wir Menschen selbst sind aus Materie aufgebaut. Zur Materie im weiteren Sinn kann man zählen, was Gegenstand der Physik ist: auch Kraftfelder, elektromagnetische Schwingungen, Strings (falls es sie gibt).
Wie verhalten sich nun Geist und Materie zueinander? Bedarf der Geist einer materiellen Grundlage, um in unserer Welt konkret zu existieren und kausal zu wirken? Gibt es kausale Verursachung im Verhältnis zwischen Geist und Materie?
Man kann von Beobachtungen ausgehen: Bücher bestehen nicht nur aus ihrem Inhalt, sondern auch aus Papier, Druckerschwärze und Einband, Kunstwerke aus Leinwand, Farbe, Stein u.a.; Musik ist auf Papier gedruckt, auf Tonträgern gespeichert oder erklingt auf der Basis von Schallwellen... Und wenn wir Menschen etwas denken oder empfinden, dann gibt es - das wird heute von kaum noch jemand bezweifelt - entsprechende materielle Vorgänge im Neuronengeflecht unseres Gehirns.
Es gibt also bei all diesen Dingen – will man nicht von rein immateriellen Dingen wie vielleicht Engel, Dämonen, freischwebende Seelen ausgehen – einen Zusammenhang zwischen Geist und Materie. Wie dieser beschaffen ist, dafür gibt es in der Philosophie des Geistes verschiedene Auffassungen, wovon hier nur Supervenienz und Identität angesprochen werden sollen:
Supervenienz
Das Wort kommt von engl. to supervene = hinzukommen. Die Vorstellung ist, dass materielle Strukturen auch geistigen Eigenschaften aufweisen, die eben dazukommen (oder, s. „super“, oben drauf kommen). Bei einem geschriebenen Satz kommt der geistige Inhalt des Satzes zu Papier und Tinte hinzu. Erklingt eine Melodie, dann haben wir nicht nur in bestimmter Weise strukturierte Schallwellen, sondern auch Musik. Bei einem Gedankenvorgang in einem Menschen folgen nicht nur physische Zustände des Gehirns aufeinander, sondern es ereignet sich auch auch etwas Geistiges. Eine Schmerzempfindung ist nicht nur ein neuronaler Vorgang, sondern auch etwas Psychisches.
Kennzeichnend für die Supervenienz ist nun, dass sich geistige und psychische Inhalte nur dann ändern können, wenn sich die zugrundeliegenden materiellen Strukturen entsprechen ändern, ferner, dass zwei Personen, die - in einem Gedankenexperiment - als in ihren physischen Strukturen und Zuständen als hundertprozentig gleich gedacht werden, auch in mentaler Hinsicht vollständig gleich sein müssen; sie müsssen also die gleichen Gedanken und Empfindungen haben.
Es spricht Vieles dafür, dass zwischen geistigen und materiellen Dingen solche Supervenienz-Verhältnisse bestehen. Wenn ich den Inhalt eines geschriebenen Satzes ändern will, dann muß ich die Buchstaben ändern... Wie kann man aber diese enge Verbindung erklären?
Identität
Eine mögliche und m.E. die plausibelste Erklärung der Supervenienz-Verhältnisse ist, dass geistige Vorgänge gleichzeitig materielle Vorgänge sind, dass das also Vorgänge sind, die sowohl geistige als auch materielle Eigenschaften haben und die trivialerweise trotz ihrer gegensätzlichen Eigenschaften mit sich selbst identisch sind.
Identisch sind nicht die mentalen und die physischen Eigenschaften; die sie kennzeichnenden Eigenschaftswörter besagen ja Unterschiedliches, und Identität setzt ja absolute Eigenschaftsgleichheit voraus.
Identisch sind auch nicht Typen von geistigen oder mentalen Inhalten mit Typen von materiellen Strukturen. Geistige Inhalte können nämlich in unterschiedlicher Weise durch Materie realisiert werden: Ein Buch kann in unterschiedlichen Ausgaben gedruckt, ein bestimmtes Computerprogram in unterschiedlicher Hardware installiert werden. Wenn Menschen einen bestimmten Gedanken denken, werden die in ihren Gehirnen ablaufenden neurophysiologischen Vorgänge nicht hundertprozentig gleich sein (unterschiedliche Synapsenverbindungen aufgrund der jeweiligen individuellen Vorgeschichte, Unterschiede bei Männern und Frauen oder bei menschlichen Rassen u.a.). Eine bestimmte Schmerzempfindung kann z.B. bei Reptilien oder bei (fiktiven) Marsmenschen anders realisiert sein als bei Menschen. Die sog. Typen-Identitätstheorie ist daher zurecht in den Hintergrund getreten. Das schließt aber nicht aus, dass im Einzelfall geistige Inhalte mit materiellen Strukturen zu Einheiten verbunden sind (vgl. die sog. Einzelvorkommnis- oder Token-Identitätstheorie). Diese Einheiten sind kausal wirksam, wobei auch der jeweilige geistige Gehalt kausal relevant ist (ein Problem, das bisher als ungelöst oder gar nicht lösbar gilt!).
