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Identität

Der philosophische Begriff der Identität spielt eine Rolle in der Philosophie des Geistes zum Beispiel für die Frage, ob Gedanken und Empfindungen mit neuronalen Vorgängen identisch sein können und ob das eine Erklärung dafür sein kann, dass mentale Vorgänge in unserer Welt kausal wirksam sind. So ist etwa die Empfindung von Durst ein mentaler Vorgang, der verursacht, dass ich zum Kühlschrank gehe, um ein Getränk zu holen, was mit Körperbewegungen verbunden ist. Dabei wird die Aktivität der Muskeln von neuronalen Vorgängen ausgelöst und gesteuert, die wiederum von anderen neuronalen Vorgängen verursacht worden sind. Mein Absicht, etwas zum Trinken zu holen, könnte aber dann eine kausale Rolle spielen, wenn dieser mentale Vorgang mit den die Muskelbewegeunegen auslösenden neuronalen Vorgängen identisch wäre.
In der philosophischen Diskussion wird einer solchen Vorstellung entgegengehalten (Saul Kripke), dass Identität eine notwendige Beziehung ist und dass die Beziehung zwischen mentalen und physischen Vorgängen das Merkmal der Notwendigkeit nicht aufweist, also kontingent ist. Beliebtes Beispiel: Schmerz ist beim Menschen  verbunden mit einer Reizung von C-Fasern. Das sei aber nicht notwendig, weil die Schmerzempfindung neuronal ganz anders realisiert sein könnte. Der Schmerz könne daher nicht mit der Reizung von C-Fasern identisch sein. Ein Paradebeispiel für das Vorliegen einer Identität und die dafür erforderliche Notwendigkeit  der Beziehung sei die zwischen Wasser und H2O. Das kann nicht überzeugen:
Wasser ist ein Stoff mit bestimmten Eigenschaften: Es ist flüssig, durchsichtig, geschmacklos, gefriert bei 0° und verdampft bei 100°, findet sich im Regen, in Flüssen und Seeen und besteht aus H2O-Molekülen. Was nun interessant ist: Die Bezeichnung „Wasser“ ist auch nur eine Eigenschaft dieses Stoffs, was man allein daran sehen kann, dass sie in anderen Sprachen anders lautet (Water, eau, aqua etc.). Auch die wissenschaftlichen Namen wie Wasserstoffoxid, Diwasserstoffmonoxid, Dihydrogeniumoxid (s. Wikipedia) sind nur Bezeichnungen in der Sprache der Chemie und damit bloße Eigenschaften des genannten Stoffs. Sie weisen ledigich auf eine andere Eigenschaft des Stoffs hin, nämlich aus H2O-Molekülen zu bestehen. Verschiedene Eigenschaften sind nicht identisch, eben weil sie verschieden sind. So kann die Eigenschaft, durchsichtig zu sein, nicht identisch sein mit der Eigenschaft, in der deutschen Sprache den Namen „Wasser“ zu tragen. Es ist daher falsch zu sagen: Wasser ist identisch mit H2O. Das Paradebeispiel ist ungeeignet.
Eine notwendige Identitätsbeziehung gibt es aber sehr wohl, und zwar nicht zwischen Eigenschaften sondern zwischen Dingen, die mit unterschiedlichen Eigenschaften bezeichnet werden, nämlich wenn sich die Bezeichnungen auf dasselbe Ding beziehen. So ist der Stoff, der sich auf unserer Erde in Flüssen und Seeen befindet, identisch mit dem Stoff, der im Deutschen mit  dem Wort „Wasser“ bezeichnet wird. Andere Beispiele für Identität: Der Dichter Mark Twain heißt eigentlich Samuel Clemens und er ist der Verfasser von „Hucklebery Finn“. Man kann daher sagen, dass die mit Mark Twain bezeichnete Person identisch ist  mit der Person Samuel Clemens und mit der Person, die Huckleberry Finn geschrieben hat. Oder: Die Person, die Horst Köhler heißt, ist identisch mit der Person, die bis vor kurzem der deutsche Bundespräsident war. (Die Eigenschaft, Horst Köhler zu heißen, ist dagegen nicht identisch mit der Eigenschaft, bis vor kurzem Bundespräsident gewesen zu sein).
Zurück zu mentalen Vorgängen: Diese können identisch sein mit physischen Vorgängen, wenn man die Identitätsbeziehung so versteht, dass die mit ihren mentalen Eigenschaften bezeichneten Vorgänge identisch sind mit Vorgängen, die mit bestimmten physischen Eigenschaften bezeichnet werden.  Die Bezeichnungen weisen jeweils auf dieselben Vorgänge hin, die damit notwendig mit sich selbst identisch sind. Die Absicht, etwas zu trinken, weist auf einen Vorgang hin, der gleichzeitig mit bestimmten physischen Eigenschaften(neuronales Muster XYZ) bezeichnet wird. Es handelt sich um denselben psychophysischen Vorgang. Unterschiedlich bezeichnete Vorgänge, die in Wahrheit identisch sind, können nicht verschieden sein; sie haben jeweils alle ihre Eigenschaften und sind damit notwendig identisch.

Gibt es Universalien, zum Beispiel "die Amsel"?

Der Universalienstreit zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte. Vielfach wird die Auffassung vertreten, dass es nur einzelne Dinge gibt, die wir Menschen mit Begriffen klassifizieren, die als Produkte unseres Denkens nur in unserem Denken und unserer sprachlichen Kommunikation existieren.Es gäbe demnach nur einzelne Amseln (oder Stubenfliegen oder Gänseblümchen), aber nicht "die Amsel". Das ist m.E. nicht haltbar: "Die Amsel" hat einen bestimmten Bauplan, der in der Evolution entstanden ist und jeweils weitervererbt wird.Diesen Bauplan gibt es; er ist eine wesentliche Eigenschaft der "Amsel". Zu behaupten, dass es "die Amsel" nicht gibt, wäre vergleichbar mit der Behauptung, dass es den "VW-Polo" oder das "Erdinger Weißbier" nicht gibt, sondern nur einzelne Exemplare, die wir mit unserem Denken unter diese Begriffe einordnen.

Verursachung "nach unten" ("downward causation")

Kausalität auf verschiedenen Seinsebenen: Können die Vorgänge auf höheren Ebenen die Vorgänge auf niedrigeren Ebenen beeinflussen?
Bei Lebewesen lassen sich verschiedene Seinsebenen unterscheiden, etwa die physikalische, die chemische, die biologische und  - bei höheren Lebewesen - die mentale Ebene, mit möglichen Zwischenstufen und weiteren Aufgliederungen. Gehen wir einmal davon aus, dass  auf der physikalischen Ebene Kausalvorgänge ablaufen (ungeachtet der in der Nachfolge David Humes aufgestellten Behauptung, dass es gar keine objektive Kausalität gibt). Jeder physikalische Vorgang geht auf vorangegangene physikalische Vorgänge oder Zustände zurück und kann gemäß den Gesetzen der Physik – strikten oder lediglich statistischen – erklärt werden. Kausale Einflüsse von höheren Ebenen würden diese Gesetze durchbrechen. Nach dem weithin anerkannten Grundsatz der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen wird das abgelehnt.
Wie verhalten sich nun die Abläufe auf den höheren Seinsebenen der Lebewesen zu den Abläufen auf der physikalischen Ebene? Nehmen wir die biologische Ebene: Was sich im Körper von Lebewesen ereignet, folgt auch den Gesetzen der Biologie. Die erforderliche Energiezufuhr ist Voraussetzung für die Erhaltung der Lebensfunktionen. Die Organe des Lebewesens erfüllen ihre jeweilige kausale Rolle im Gesamtzusammenhang des Körpers. Das Zusammenspiel der einzelnen Teilfunktionen wird durch ein hochkomplexes Regelsystem (Nerven, Hormone) gesteuert. Es gibt also bei einem Lebewesen vielfältige kausale Zusammenhänge, die nicht mit den Begriffen der Physik beschrieben werden können. Den biologischen Abläufen liegen zwar physikalische Abläufe zugrunde. Sie führen auch nicht zu einer Durchbrechung physikalischer Gesetzmäßigkeiten; es gibt also keine Kausalität „von oben nach unten“ (im englischen Schrifttum: „downward causation“). Die gesetzmäßigen kausalen Abläufe der biologischen Ebene verwenden vielmehr die physikalischen Abläufe mit den ihnen eigenen Gesetzen wie Bausteine. Durch die Einbeziehung der physikalischen Elemente in ein System höherer Ordnung erfüllen sie kausale Rollen in diesem System ohne gegen Gesetze der Physik zu verstoßen.

Die mentale Ebene mit ihren Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Entschlüssen, sprachlichen Vorgängen verhält sich nun zu den „darunter“ liegenden Ebenen – auch der biologischen Ebene - ganz analog zum Verhältnis der biologischen zur chemischen und der physikalischen Ebene. Sie stellt ein System höherer Ordnung gegenüber diesen Ebenen dar, in welchem die Vorgänge dieser Ebenen wie Bausteine verwendet werden. Die biologischen Zustände und Vorgänge im Gehirn eines Menschen mit der hochkomplexen Verflechtung der Neuronen, dem Feuern der Synapsen, der Ausschüttung von Botenstoffen können zwar mit biologischen (neurophysiologischen) Begriffen auf dieser Ebene vollständig beschrieben werden.
Diese Beschreibungen würden aber die Vorgänge der übergeordneten mentalen Ebene nicht erfassen; hierzu braucht man mentale Begriffe. Die Hirnforscher beziehen daher sinnvollerweise bei ihrer Arbeit die mentale Ebene mit ihren Begriffen ein; sie beschreiben etwa, welche neuronalen Muster sich bei bestimmten mentalen Vorgängen im Gehirn ergeben.
Mit der Unterscheidung von Ebenen mit jeweils eigenen Systemeigenschaften und Gesetzlichkeiten, die aber in einem hierarchischen Bau zu einem Ganzen zusammengefügt sind, lassen sich also die kausalen Abläufe bei Lebewesen -  einschließlich der mentalen Abläufe bei höheren Lebewesen - und ihr harmonisches Zusammenstimmen erklären.

Gab es Geist vor der Entstehung von Lebewesen?

Gab es Geist schon vor der Entstehung denkender, wahrnehmender, fühlender Lebewesen?

Die Geschichte unsere Erde vor der Entstehung des Lebens erscheint uns zunächst als eine Geschichte materieller Vorgänge. Es bildete sich eine Erdkruste , eine Atmosphäre, es wurde Material aus dem Weltraum hinzugeführt, es entstanden Kontinente, Meere, Berge, Seeen und Flüsse. Irgendwann, spät in dieser Geschichte, erschienen dann Lebewesen, die ihre Umgebung wahrnehmen und darauf reagieren konnten, die Gefühle hatten und sich etwas merken konnten. Und schließlich der Mensch: Er entwickelte Sprache und Schrift, schreibt Romane, Gedichte, philosophische und wissenschaftliche Abhandlungen, hat Gedächtnis, Bewusstsein, vor allem ein Ich-Bewusstsein. Es vollziehen sich also auf unserer Erde geistige Prozesse in vielfältigster Weise und einem unfassbar großen Umfang. Wie war es möglich, dass Geist sich in dieser Weise in unserer Welt manifestiert hat? Hat etwa die materielle Entwicklung ihn hervorgebracht?

Um eine Antwort zu finden, dürfte es nützlich sein, darüber nachzudenken, ob es Geist in unserer Welt schon vor der Entstehung von Lebewesen gegeben hat, die denken, wahrnehmen und fühlen (wobei ich das Empfinden von Gefühlen auch als geistigen Prozess verstehe). Ich denke, das muß man bejahen:

Geist ist auch die Form eines Gegenstandes. So hat ein Berg, ein Flusstal, ja sogar eine Ebene eine bestimmte Form. Die Form und damit das Geistige an einem Gegenstand ist das, was man wahrnehmen, beschreiben, etwa auch in einer Zeichnung festhalten und im Gedächtnis speichern kann. Und das hat es auf unserer Erde gegeben, bevor es Lebewesen gab.

Auch die räumlichen Beziehungen zwischen Dingen sind Geist. Auch sie kann man wahrnehmen, beschreiben und - etwa im Gedächtnis – speichern.

Bei dieser bewusst lückenhaften Aufzählung seien schließlich die Naturgesetze erwähnt. Sie sind geistig. Schon vor dem Auftreten von Lebewesen haben sich die Dinge in unserer Welt nach den Naturgesetzen, nämlich den Gesetzen der Physik und der Chemie gerichtet.

Mit der Entstehung von Lebewesen und ihren Wahrnehmungsorganen konnten die die bereits vorhandenen geistigen Dinge erfasst werden. Es handelt sich dabei um Erkenntnisvorgänge. Es entstand Intelligenz, also Einsichtsfähigkeit in die Dinge, wie sie sind und wie sie sich verhalten. Und es entstand die Fähigkeit zur denkerischen und zur emotionalen Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erkenntnisse.

Der Geist kam also nicht erst mit den Lebewesen auf die Welt, sondern es gibt ihn, seitdem es die Welt gibt.

Ist Denken eine Funktion des Gehirns?

Wenn der Mensch denkt, dann ist sein Gehirn aktiv. Es ist klar, dass das Gehirn und nicht etwa das Herz oder die Lunge das dafür zuständige Organ ist und dass sich das Denken normalerweise nicht ohne materielle Basis im Körper des Menschen vollzieht. Kann man aber einfach sagen, dass Denken eine Funktion des Gehirns ist? Denken ist doch ein geistiger Vorgang, und wenn man es auf materielle Abläufe wie das Feuern der Synapsen in einem Gehirn zurückführt, dann könnte es seine ontologische Eigenständigkeit gegenüber diesen Abläufen und damit seine spezifische Würde verlieren. Man könnte geneigt sein zu sagen, dass Denken letzlich nur ein materieller Vorgang ist. Das wäre aber eine verfehlte Betrachtungsweise:

Die Funktion des Gehirns, wenn der Mensch denkt, ist nicht nur eine physikalische, elektrochemische oder neurobiologische, sondern auch eine geistige Funktion, so wie die Funktionen anderer Organe biologische  und nicht etwa nur physikalische oder chemische Funktionen sind. Das Herz, die Leber, die Lunge, die Beine: alle haben eine eigene biologische Funktion. Es handelt um Funktionen auf einer gegenüber den physikalischen und den chemischen Abläufen höheren Ebene. Es wäre verfehlt zu sagen, dass es sich bei den biologischen Abläufen nur um physikalische oder chemische Abläufe handelt. Der Physiologe könnte dann abdanken und dem Physiker oder Chemiker das Feld überlassen. Nein, die biologischen Funktionen haben ihre ontologische Eigenständigkeit gegenüber den Funktionen der elementareren Ebenen (aus denen sie gleichwohl konstituiert werden). Die geistige Funktion des Gehirns ist als zusätzliche Funktion im Verlauf der Evolution zu den physikalischen, chemischen und rein biologischen Funktionen hinzugekommen und es wäre sinnlos, ihr eine ontologische Eigenständigkeit abzustreiten.

Die Hirnforscher als Neurophysiologen können sich nicht darauf beschränken zu untersuchen, welche Neuronen im Gehirn vorhanden und mit welchen Neuronen diese in welcher Weise verbunden sind, sondern sie müssen sich auch damit befassen, was sich mental ereignet, wenn die Synapsen feuern. Genau das tun die Hirnforscher, wenn sie Gehirne scannen. Sie untersuchen dann die geistige Funktion des jeweiligen Gehirns.

Nichts ist falsch an der Aussage, dass Denken eine Funktion des Gehirns ist.