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Gab es Geist vor der Entstehung von Lebewesen?

Gab es Geist schon vor der Entstehung denkender, wahrnehmender, fühlender Lebewesen?

Die Geschichte unsere Erde vor der Entstehung des Lebens erscheint uns zunächst als eine Geschichte materieller Vorgänge. Es bildete sich eine Erdkruste , eine Atmosphäre, es wurde Material aus dem Weltraum hinzugeführt, es entstanden Kontinente, Meere, Berge, Seeen und Flüsse. Irgendwann, spät in dieser Geschichte, erschienen dann Lebewesen, die ihre Umgebung wahrnehmen und darauf reagieren konnten, die Gefühle hatten und sich etwas merken konnten. Und schließlich der Mensch: Er entwickelte Sprache und Schrift, schreibt Romane, Gedichte, philosophische und wissenschaftliche Abhandlungen, hat Gedächtnis, Bewusstsein, vor allem ein Ich-Bewusstsein. Es vollziehen sich also auf unserer Erde geistige Prozesse in vielfältigster Weise und einem unfassbar großen Umfang. Wie war es möglich, dass Geist sich in dieser Weise in unserer Welt manifestiert hat? Hat etwa die materielle Entwicklung ihn hervorgebracht?

Um eine Antwort zu finden, dürfte es nützlich sein, darüber nachzudenken, ob es Geist in unserer Welt schon vor der Entstehung von Lebewesen gegeben hat, die denken, wahrnehmen und fühlen (wobei ich das Empfinden von Gefühlen auch als geistigen Prozess verstehe). Ich denke, das muß man bejahen:

Geist ist auch die Form eines Gegenstandes. So hat ein Berg, ein Flusstal, ja sogar eine Ebene eine bestimmte Form. Die Form und damit das Geistige an einem Gegenstand ist das, was man wahrnehmen, beschreiben, etwa auch in einer Zeichnung festhalten und im Gedächtnis speichern kann. Und das hat es auf unserer Erde gegeben, bevor es Lebewesen gab.

Auch die räumlichen Beziehungen zwischen Dingen sind Geist. Auch sie kann man wahrnehmen, beschreiben und - etwa im Gedächtnis – speichern.

Bei dieser bewusst lückenhaften Aufzählung seien schließlich die Naturgesetze erwähnt. Sie sind geistig. Schon vor dem Auftreten von Lebewesen haben sich die Dinge in unserer Welt nach den Naturgesetzen, nämlich den Gesetzen der Physik und der Chemie gerichtet.

Mit der Entstehung von Lebewesen und ihren Wahrnehmungsorganen konnten die die bereits vorhandenen geistigen Dinge erfasst werden. Es handelt sich dabei um Erkenntnisvorgänge. Es entstand Intelligenz, also Einsichtsfähigkeit in die Dinge, wie sie sind und wie sie sich verhalten. Und es entstand die Fähigkeit zur denkerischen und zur emotionalen Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erkenntnisse.

Der Geist kam also nicht erst mit den Lebewesen auf die Welt, sondern es gibt ihn, seitdem es die Welt gibt.

9 Kommentare

Kommentar von: xconroy [Besucher]
hm, interessanter Ansatz... aber:

- wenn das, was wahrgenommen wird, schon "Geist" ist, wo genau ist dann der Unterschied zu dem, was wahrnimmt?

(nen radikaler Konstruktivist würde jetzt wohl sagen: klar sind die Inhalte, Beziehungen und Gesetze unserer Umwelt "Geist", weil sie nur in unserem Bewußtsein bzw. unserer Wahrnehmung überhaupt stattfinden. Aber diesen Ansatz vertrittst du ja offenbar nicht).

- und was ist denn dann überhaupt *nicht* "Geist"? Bleibt ja irgendwie nicht viel übrig...

lg, x.
03.05.10 @ 23:30
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Danke, xconroy!
Ich bin tatsächlich der Ansicht, dass alles, was auf der Welt existiert, eine geistige Seite hat, und wenn wir ein Ding wahrnehmen, dann, weil wir die geistige Seite des Dings- die Form, das Erscheinungsbild, die Eigenschaften - wahrnehmen. Darüber darf man aber nicht die materielle Seite der Dinge vergessen (wobei es fraglich ist, ob es rein geistige Dinge gibt, die keine materielle Seite haben).
Das Wahrnehmen ist ein geistiger Prozess, bei dem das wahrnehmende Subjekt durchaus von dem wahrgenommenen geistigen Inhalt zu unterscheiden ist.
05.05.10 @ 09:30
Kommentar von: Addliss [Besucher] E-Mail · http://addliss.net/
Ich hätte auch fast geschrieben, dass es ein interessanter Ansatz ist. Aber was wäre dann die materielle Seite der Dinge. Alle Eigenschaften, die du als schon geistig bezeichnest, sind - zumindest im gemeinen Verständnis - die Materie (Form, Erscheinungsbild, Eigenschaften). Wenn du sagst, alles, was wahrgenommen und "gespeichert" werden kann, sei Geist, dann gibt es nur Geist und keine Materie (und das nicht in einem konstruktivistischen Sinne). Es verwirrt mich.
06.05.10 @ 13:08
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Danke, Addliss, für die Frage!
Die materielle Seite der Dinge ist für mich das Material, aus dem etwas besteht, z.B. Holz, Metall,Glas,natürlich auch die Atome, die Elementarteilchen. So besteht ein Gemälde auf der materiellen Seite aus Leinwand und Farbe.Physikalische Prozesse würde ich der mat. Seite zuordnen (wenn auch die Gesetze der Physik geistig sind).
Wenn ich ein Ding wahrnehme, geht nicht nicht das Material, aus dem das Ding besteht, sondern seine Struktur, seine Beziehungen, und ja! sein Erscheinungsbild in meinen Geist ein.

Ich hoffe, das dich die Antwort einigermaßen befriedigt.
06.05.10 @ 16:42
Kommentar von: Thomas P. [Besucher]
Schöner Gedanke!
Das klingt ganz nach einem Panpsychismus, für den es sicher gute Argumente gibt.
Vgl. auch den recht guten Kurz-Überblick:
http://de.wikipedia.org/wiki/Panpsychismus

Denn wenn wir von einer (plötzlichen) Emergenz des Geistigen ausgehen, stellt sich erstens die Frage, wie dieses "Wunder" vonstatten gehen soll - und zweitens, "wo" genau dann die Schnittstelle zwischen Entitäten mit und ohne Geist sein soll.
"Natura non facit saltus" - "Die Natur macht keine Sprünge, sagten u.a. schon Aristoteles und Leibniz.
08.05.10 @ 15:57
Kommentar von: Addliss [Besucher] E-Mail · http://addliss.net/
Hm, so etwas in der Art hatte ich schon geahnt. So richtig komme ich mit der Idee noch nicht klar, aber das liegt vielleicht daran, dass man seine Intuitionen manchmal überwinden muss. Danke für die Antwort!
09.05.10 @ 12:57
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Danke, Thomas P., für den Hinweis auf den Wikipedia-Artikel zum Panpsychismus. Meine Vorstellungen berühren sich natürlich mit dem Panpsychismus, von dem es ja viele Spielarten gibt.Ich darf sie kurz skizzieren:
Der Begriff Psyche kann unterschiedlich aufgefasst werden: Im engen Sinn betrifft er psychische Vorgänge, in einem weiteren auch gedankliche (kognitive), beide kann man zusammenfassen als mentale.Da das griechische Wort Psyche auch "Geist" bedeutet, kann man darunter auch Geistiges fassen, das nicht mental ist.
Ich denke, dass leblose Dinge (z.B Steine) nichts Mentales aufweisen, aber eine geistig erfassbare Form und Struktur und insofern Geist haben.Mentale Vorgänge entstanden erst im Verlauf der Evolution (ohne Sprünge) durch allmähliche Entwicklung immer komplexerer Systeme mit jeweils neuen Systemeigenschaften. Das beginnt vielleicht schon bei den Bakterien und jedenfalls bei bestimmmten Einzellern.Inwieweit Pflanzen empfinden und wahrnehmen, ist nicht so leicht zu beurteilen. Höher entwickelte Tiere haben Gefühle und können bis zu einem gewissen Grad auch denken.Und der Mensch....
Ein spekulativer Gedanke ist, ob die geistige Evolution nur deshalb möglich war, weil bei jedem Schritt jeweils vorher Geistiges vorhanden war und von neuen Systemeigenschaften gefunden und aufgenommen wurde.
Noch ein Wort zu "Seele":
Nasch Aristoteles ist Seele die Form des Körpers, und alles was existiert, hat damit auch Seele ("Hylemorphismus"). Insofern haben Pflanzen, aber auch Steine, Berge, Flüsse, eine Seele (aber nichts Mentales oder Protomentales).
11.05.10 @ 16:51
Kommentar von: Bernd Flossmann [Mitglied] E-Mail · http://www.kuechenphilosophie.de
Sehen wir die Sache doch mal von einer anderen Seite. Geist und Materie sind menschengemachte Worte für Kategorien, mit denen wir in der Welt, die uns gegeben ist, zwei Seiten einer Medaille beschreiben können. Der Schlamm ist die Materie, der Abdruck des Fusses im Schlamm ist als Information, dessen bisher höchste Form -> Geist.
Geist, oder Information und Informationsverarbeitung sind also Worte mit denen wir die Tatsache, dass Materie und Geist immer Ungetrenntes sind, beschreiben. Erst in unseren Hirnen unterscheiden wir sie, was sie aber in der Wirklichkeit nicht zu Getrennten Wesenheiten macht.
01.08.10 @ 23:11
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Ich denke auch, dass Geist und Materie zwei Seiten einer Medaille sind. Der Abdruck des Fußes im Schlamm ist etwas Geistiges und bildet mit der Materie des Schlamms eine ungetrennte Einheit.Von Bedeutung erscheint mir jedoch, dass mit dem Abdruck des Fußes zu dem Schlamm etwas hinzukommt, das vorher nicht vorhanden war und von der Materie des Schlamms zu unterscheiden ist. Ein irgendwie geformter Schlamm könnte auch nichts besagen - eine zufällige Form ohne besonderen geistigen Inhalt. Der Fußabdruck ist zwar nicht getrennt von dem Schlamm, aber als geistiger Inhalt von ihm zu unterscheiden.Und wenn der Mensch diese Unterscheidung trifft, dann erfasst er etwas Wirkliches.
02.08.10 @ 11:04

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