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Gibt es Universalien, zum Beispiel "die Amsel"?

Der Universalienstreit zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte. Vielfach wird die Auffassung vertreten, dass es nur einzelne Dinge gibt, die wir Menschen mit Begriffen klassifizieren, die als Produkte unseres Denkens nur in unserem Denken und unserer sprachlichen Kommunikation existieren.Es gäbe demnach nur einzelne Amseln (oder Stubenfliegen oder Gänseblümchen), aber nicht "die Amsel". Das ist m.E. nicht haltbar: "Die Amsel" hat einen bestimmten Bauplan, der in der Evolution entstanden ist und jeweils weitervererbt wird.Diesen Bauplan gibt es; er ist eine wesentliche Eigenschaft der "Amsel". Zu behaupten, dass es "die Amsel" nicht gibt, wäre vergleichbar mit der Behauptung, dass es den "VW-Polo" oder das "Erdinger Weißbier" nicht gibt, sondern nur einzelne Exemplare, die wir mit unserem Denken unter diese Begriffe einordnen.

5 Kommentare

Kommentar von: Schneidegger [Besucher] · http://www.lichtwolf.de
"Bauplan" und "Evolution" sind auch wieder kategoriale Konzepte, die keine ontologische Entsprechung haben. Wirklich ist nur das gegenwärtige Einzelne.
26.07.10 @ 00:25
Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Zu Schneidegger:
Ist das menschliche Genom nur ein kategoriales Konzept oder existiert es wirklich, so dass auch ontologisch denkende Philosophen es als wirklich anerkennen müssten? Wenn die Ingenieure von VW über Jahre hinweg den Konstruktionsplan des VW Polo entwickelt haben, existieren dann nur die vielen einzelnen Vw Polos, die nach diesem Plan gebaut wurde und der Konstruktionsplan ist nur ein kategoriales Konzept ohne ontologische Entsprechung? Der VW Polo wird in Prospekten angeboten und beschrieben, er hat je nach Modellvariation bestimmte Eigenschaften, und dann kommen Philosophen und behaupten, dass es den VW Polo überhaupt nicht gibt. So kann die Philosophie keine Fortschritte machen und das Universalienproblem wird strittig bleiben, solange es Menschen gibt.
27.07.10 @ 18:02
Kommentar von: Schneidegger [Besucher] · http://www.lichtwolf.de
Die Philosophie schreitet nicht voran, sondern tanzt, wie man doch sehr schön daran sehen kann, dass Sie mit dem Universalienproblem eine Frage aufgreifen, die weithin als im Sinne der Nominalisten erledigt gilt.

Gestatten Sie mir den Hinweis, dass Ihr Bauplan-Argument einige Schwächen hat:
(1) Sie argumentieren mit Bildern aus Biologie und Ingenieurswissenschaft, was in der Ordnung wäre, würden sie zu einander passen. Das tun sie jedoch nicht.
(2) Natürlich gibt es höchstwahrscheinlich DNA, aber ein Genom als Hinweis für die Existenz einer Gattung an sich zu nehmen geht nicht. Sonst würde der "genetische Fingerabdruck" keine Einzeltäter, sondern immer "den Menschen an sich" überführen.
(3) Einen Bauplan für den VW Polo gibt es und die danach produzierten Modelle sind sich äußerst ähnlich. Jedoch ist die Natur keine Fabrik, in der in einem standardisierten Verfahren Amseln nach einer idealen Blaupause hergestellt werden.
28.07.10 @ 10:06
Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Die Philosophie tanzt- ein nettes Bild!
Ich gebe zu, dass in der neueren Philosophie eine starke Tendenz zum Nominalismus festzustellen ist.Ich halte die Frage aber nicht für erledigt:
Auch nach Ihrer Auffassung gibt es den Bauplan für den VW Polo. Man könnte nun sagen, dass dieser Bauplan etwas Einzelnes ist und somit wirklich existiert.Gegenüber den einzelnen VW Polos ist dieser Bauplan aber etwas Allgemeines, ein Universale,dessen Existenz nicht bestritten werden kann.
Was die Amsel (turdus merula) betrifft, hat es diese lange gegeben, bevor der Mensch (Universale?) auf der Erde erschienen ist und noch viel länger, bevor er diese Namen geprägt hat.Die Amsel als solche hat auch eine ganz andere Überlebenskraft als die einzelnen Amseln, die bei mir im Garten herumhüpfen: Sie hat ihren Bauplan mit den charakteristischen Merkmalen über Millionen Jahre weitergegeben, während die einzelnen Amseln gestorben sind oder sterben werden.
Im Übrigen: Auch der Mensch hat charakteristische Merkmale, die ihn von anderen Lebewesen abgrenzen - ungeachtet der durchaus individuellen "genetischen Fingerabdrücke".
Ich tanze also weiter, indem ich den Nominalismus für falsch halte,auch wenn er noch so scharfsinnig begründet wird..
29.07.10 @ 14:13
Kommentar von: Vjeko Setka [Besucher] E-Mail
Aus meiner Sicht ist es entscheidend wie man "existieren" definiert.

Der Einfachheit halber unterscheide ich im Weiteren zwischen materieller und immaterieller Existenz.
Materie und Energie betrachte ich in diesem Zusammenhang als identisch.
Womöglich könnte man über weitere Differenzierungen nachdenken, aber das scheint mir
für dieses Thema unnötig.

Das einzelne Ding (Amsel) ist materiell (physikalisch) existent.
Die (und nicht der Bauplan) Baupläne der Amsel (siehe weiter unten) existieren auch, aber immateriell
und zwar in Form von Informationen (Daten).
Es sind einfach nur Daten, so ähnlich wie dieser Beitrag.

Informationen scheinen immer an materielle Träger (Dinge) gebunden zu sein (Gehirne, DNA, Festplatten, ...).
Sie gehen also verloren, wenn die letzte Kopie zerstört wurde. Im Fall "der" Amsel, wenn der letzte
Chromosomensatz (DNA) und jede andere Art von denkbarer Kopie zerstört ist.
Ab da gibt es Amseln weder materiell noch immateriell.

Demzufolge kann der Bauplan ohne das Ding existieren (der Datenträger ist aber natürlich notwendig).
Zum Beispiel der Bauplan eines neuen Flugzeugtyps.
Aber wahrscheinlich auch das Ding ohne den Bauplan, wenn dieser nicht mehr existiert.
Zum Beispiel ein noch erhaltenes Bild von Picasso, bei dem wir nicht wissen, was er sich genau dabei gedacht hat.

Bezüglich der Natur zweifle ich daran, dass es überhaupt Universalien im engen Sinne gibt.
Da jede Amsel aus vielen Zellen besteht und in fast jeder der vollständige Bauplan im Zellkern enthalten ist,
diese sich teilweise unterscheiden, und es außerdem viele Amseln gibt, deren Bauplan sich auch unterscheidet,
existiert nicht ein Bauplan, sondern sogar mehr Baupläne als echte Amseln.
Die Dinge in der der Natur, von denen nur eine einzige Kopie ihres Bauplans existiert, bleiben nicht lange bestehen.

Aber selbstverständlich können wir auch Beispiele konstruieren, in denen der Bauplan nur ein einziges Mal existiert,
weshalb ich die Existenz von "echten" Universalien nicht gänzlich negieren kann.
Zum Beispiel, wenn Sie Ihr neues Buch mit der Schreibmaschine tippen und keine Kopien anlegen.

Aus meiner Sicht gibt es in fast allen Fällen, die uns einfallen, also keine "echten" Universalien, sondern sogar sehr viele
sich geringfügig unterscheidende Baupläne/Vorstellungen/... von den Dingen. Ich nenne sie mal QuasiUniversalien.
Diese QuasiUniversalien und auch die denkbaren echten Universalien sind allerdings sehr wohl existent, denn sie
haben Wirkungen - auch auf die materielle Welt.
Da sie allerdings nur als Information existieren gelten für sie auch alle Aussagen und Regeln, die man auf beliebige
andere Informationen anwendet und anwenden kann.

Interessant finde ich außerdem noch den Gedanken, dass die "Baupläne" sich ja nicht nur auf Dinge beziehen,
sondern auch auf Ideen, also andere Baupläne - also Informationen, die sich auf andere Informationen beziehen.

@Schneidegger: Das Bild mit der tanzenden Philosophie finde ich sehr schön.
26.08.10 @ 12:25

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