Verursachung "nach unten" ("downward causation")
Kausalität auf verschiedenen Seinsebenen: Können die Vorgänge auf höheren Ebenen die Vorgänge auf niedrigeren Ebenen beeinflussen?
Bei Lebewesen lassen sich verschiedene Seinsebenen unterscheiden, etwa die physikalische, die chemische, die biologische und - bei höheren Lebewesen - die mentale Ebene, mit möglichen Zwischenstufen und weiteren Aufgliederungen. Gehen wir einmal davon aus, dass auf der physikalischen Ebene Kausalvorgänge ablaufen (ungeachtet der in der Nachfolge David Humes aufgestellten Behauptung, dass es gar keine objektive Kausalität gibt). Jeder physikalische Vorgang geht auf vorangegangene physikalische Vorgänge oder Zustände zurück und kann gemäß den Gesetzen der Physik – strikten oder lediglich statistischen – erklärt werden. Kausale Einflüsse von höheren Ebenen würden diese Gesetze durchbrechen. Nach dem weithin anerkannten Grundsatz der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen wird das abgelehnt.
Wie verhalten sich nun die Abläufe auf den höheren Seinsebenen der Lebewesen zu den Abläufen auf der physikalischen Ebene? Nehmen wir die biologische Ebene: Was sich im Körper von Lebewesen ereignet, folgt auch den Gesetzen der Biologie. Die erforderliche Energiezufuhr ist Voraussetzung für die Erhaltung der Lebensfunktionen. Die Organe des Lebewesens erfüllen ihre jeweilige kausale Rolle im Gesamtzusammenhang des Körpers. Das Zusammenspiel der einzelnen Teilfunktionen wird durch ein hochkomplexes Regelsystem (Nerven, Hormone) gesteuert. Es gibt also bei einem Lebewesen vielfältige kausale Zusammenhänge, die nicht mit den Begriffen der Physik beschrieben werden können. Den biologischen Abläufen liegen zwar physikalische Abläufe zugrunde. Sie führen auch nicht zu einer Durchbrechung physikalischer Gesetzmäßigkeiten; es gibt also keine Kausalität „von oben nach unten“ (im englischen Schrifttum: „downward causation“). Die gesetzmäßigen kausalen Abläufe der biologischen Ebene verwenden vielmehr die physikalischen Abläufe mit den ihnen eigenen Gesetzen wie Bausteine. Durch die Einbeziehung der physikalischen Elemente in ein System höherer Ordnung erfüllen sie kausale Rollen in diesem System ohne gegen Gesetze der Physik zu verstoßen.
Die mentale Ebene mit ihren Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen, Entschlüssen, sprachlichen Vorgängen verhält sich nun zu den „darunter“ liegenden Ebenen – auch der biologischen Ebene - ganz analog zum Verhältnis der biologischen zur chemischen und der physikalischen Ebene. Sie stellt ein System höherer Ordnung gegenüber diesen Ebenen dar, in welchem die Vorgänge dieser Ebenen wie Bausteine verwendet werden. Die biologischen Zustände und Vorgänge im Gehirn eines Menschen mit der hochkomplexen Verflechtung der Neuronen, dem Feuern der Synapsen, der Ausschüttung von Botenstoffen können zwar mit biologischen (neurophysiologischen) Begriffen auf dieser Ebene vollständig beschrieben werden.
Diese Beschreibungen würden aber die Vorgänge der übergeordneten mentalen Ebene nicht erfassen; hierzu braucht man mentale Begriffe. Die Hirnforscher beziehen daher sinnvollerweise bei ihrer Arbeit die mentale Ebene mit ihren Begriffen ein; sie beschreiben etwa, welche neuronalen Muster sich bei bestimmten mentalen Vorgängen im Gehirn ergeben.
Mit der Unterscheidung von Ebenen mit jeweils eigenen Systemeigenschaften und Gesetzlichkeiten, die aber in einem hierarchischen Bau zu einem Ganzen zusammengefügt sind, lassen sich also die kausalen Abläufe bei Lebewesen - einschließlich der mentalen Abläufe bei höheren Lebewesen - und ihr harmonisches Zusammenstimmen erklären.
2 Kommentare
ich bin durchaus mit Ihren Ausführungen einverstanden!
Mir ist übrigens ein ähnliches Phänomen bei meiner Dissertation ("Bezugspunkt Gesellschaft. Über die Geselligkeit und Ungeselligkeit der Menschen", ATUT Verlag, Wroclaw 2005.)begegnet: Viele Menschen zusammen, in der Gestalt der Gesellschft, verhalten sich anders, als wenn man das Verhalten einzelner Menschen gleichsam aufaddiert. Und das war gewissermaßen der Rechtfertigungsgrund für die Gründung der Soziologie im 19. Jahrhundert. Denn die Frage war: Warum genügt nicht eine Sozialpsychologie. Aber die Soziologen verteidigten sich: Wir gehen aus vom Gesellschaftsganzen, und da erweist sich, dass sich so etwas wie eine höhere Ebene ergibt. D.h. wenn man nur das psychologische Verhalten einzelner Menschen hernimmt und es zur Gesellschaft aufaddiert, ergibt sich nie ihr Verhalten im gesellschaftlichen Zusammenhang, weil die Gesellschaft als Ganzes was dazugibt, dass sich aus den Einzelteilen nicht ableiten lässt. Von Norbert Elias habe ich das gelernt.
Aber ich hätte auch eine Frage: Was Sie sagen, ist mir wohlverständlich. Aber eine Botschaft versteht man ganz erst dann, wenn man ihr Warum und Wozu versteht? Daher: Was interessiert Sie daran? Wo wollen Sie damit hin?
ich teile Ihre Auffassung, dass die Gesellschaft eine höhere Ebene mit eigenen Strukturen und Gesetzen bildet.
Die Frage, ob es Verursachung von höheren auf niedrigere Ebenen gibt, interessiert mich vor allem deshalb, weil, wenn man sie verneint, die mentale Verursachung ein schwieriges Problem darstellt: Kann dann unser Denken, Fühlen und Wollen ursächlich sein für unsere körperlichen Vorgänge, für unsere Muskelbewegungen, für das Sprechen, für alle nach aussen hervortretenden Handlungen oder ist das Illusion? Das ist doch wichtig für unsere Existenz und unser Leben!
Und wenn "Verursachung nach unten" ausscheidet, welche Lösungsmöglichkeiten gibt es dann?(wo will ich hin:Einheit von geistigen mit körperlichen Vorgängen!)
