Wie kann man eigentlich einen Beitrag leisten?
Wenn ich in einer soziologischen Zeitschrift veröffentlichen wollte, so ist mir unlängst gesagt worden, dann müsste ich mich in die Literatur der die jeweilige Zeitschrift bestimmende Theorieschule einlesen und mir überlegen, welchen Beitrag ich zu der in dieser Zeitschrift laufenden Diskussion leisten könnte.
Diese Botschaft schnürte mir den Hals zu, denn freilich möchte ich gern einen Beitrag leisten, jeder will gern einen Beitrag leisten, aber es macht sich eben doch unmittelbar in einem der Eindruck breit, dass ein Beitrag in dem Maße, in dem er mehr zum Beitrag zur Diskussion in der jeweiligen Zeitschrift würde, genau dadurch aufhören würde, mein Beitrag zu sein.
Denn, wie gesagt, jeder möchte gerne seinen Beitrag leisten, deshalb hört sich das ja auch so selbstverständlich und unschuldig an, wenn jemand sagt, man hätte seinen Beitrag zu leisten (sonst ginge es nicht), aber was bedeutet das eigentlich, wenn man dazu aufgefordert wird, einen Beitrag zu leisten? Es bedeutet, dass sie, die anderen bestimmen, was ein Beitrag ist und was keiner ist – und dass nicht du die Möglichkeit hast, es zu bestimmen.
Mir ist nun nicht verständlich, wie man auf dieser Grundlage seinen Beitrag leisten kann, denn es ist auf ihr z.B. nicht möglich, die bereits laufende Diskussion zu erweitern. Was aber, wenn mein Beitrag genau darin bestünde, dass ich meine, die in dem Journal bereits laufende Diskussion sei zu eng und sollte um diese Position oder jene Aspekte erweitert werden? Ganz klar, man wird nicht erkennen und auch nicht anerkennen, dass dasjenige, was aus meiner Sicht ein Beitrag zur laufenden Diskussion ist, auch tatsächlich einer sein könnte.
Das Problem dabei ist, dass meine Motivation, einen Beitrag zu einer Diskussion zu leisten, ja auch davon abhängt, dass es mein Beitrag ist, den ich leiste. Wenn ich mich derart verbiegen muss, dass ich meinen Beitrag nicht mehr als den meinen identifizieren kann, fehlt mir die Kraft, mich durch die Arbeit durchzuwühlen, die notwendig ist, diesen Beitrag zu erstellen.
Und auch hier, auf philosophieblog.de bin ich ja hauptsächlich deshalb, weil ich meine, hier meinen Beitrag einbringen zu können. Damit ist gemeint, dass ich dasjenige, was ich für einen notwendigen und wichtigen Beitrag halte, in eine Diskussion einbringe, wobei freilich klar ist, dass einige oder sogar viele derjenigen, die vor mir schon da waren, meinen Beitrag gar nicht wollen, etwa deswegen, weil sie meinen, Philosophie sollte in eine andere Richtung gehen.
Die Forderung, einen Beitrag zu leisten, wie ich sie jetzt aus dem Mund eines soziologischen Wissenschaftlers, aber wohl stellvertretend für alle Wissenschaften, gehört habe, beinhaltet – unausgesprochenerweise – dass mein Beitrag aufhöre, mein Beitrag zu sein, um Beitrag in der Wissenschaft sein zu können. Damit übersieht man, dass etwas genau deshalb ein wichtiger und essentieller Beitrag zu einer Diskussion sein könnte, weil und obwohl die Diskussionsteilnehmer diesen Beitrag nicht als Beitrag akzeptieren wollen würden. Dürfte er trotzdem da sein, hätte er die Möglichkeit, die gesamte Diskussion zu erweitern und zu modifizieren, bzw. sie eventuell auch aus erreichten Sackgassen herauszuführen.
Mir scheint, das kommt daher, weil man heute so leichtfertig vom Beitrag spricht, den ein jeder zu leisten habe und sich nicht überlegt, was ein Beitrag eigentlich ist.
Normatives und idealistisches versus realistisches Wissenschaftsbild
Manchmal macht es auch bei mir „klick“ und das Denken bewegt sich einen Schritt nach vorne. So geschehen unlängst bei einer Diskussion mit Besucher Johannes hier auf philosophieblog.de. Ich fand mich nämlich mit ihm darüber diskutieren, wie Wissenschaft einer Idealvorstellung nach sein sollte und wie sie in Wirklichkeit halt manchmal oder auch öfter leider nicht ganz ist. Dem Ideal nach sollten alle beherzt rationale Diskussionen führen, in Wirklichkeit diskutieren sie bisweilen nicht. Und ich sah mich in der Situation, dass ich mich auf den Bereich einer realistischen Sicht der Wissenschaft zurückgezogen hatte, während ich meinem Diskussionspartner freie Hand ließ im Feld, wie Wissenschaft sein sollte. Bis es dann eben „klick“ machte – und der Gedanke, den ich dann hatte, besagte: Man kann doch heute gar nicht mehr Wissenschaft, wie man sie sich im abstrakten Raum oder auf dem weißen Papier vorgestellt hatte, dass sie sein sollte, mit dem vergleichen, wie sie ist und dem Idealbild leider nicht 100prozentig entspricht, weil: Von dem, wie man sich vorstellen könnte, dass Wissenschaft sein sollte, kann man nie zu dem kommen, wie Wissenschaft heute in der Realität tatsächlich ist. Da führt keine Brücke hinüber, da ist ein Abgrund dazwischen. Das ist der eigentliche Grund, warum man heute zuerst einmal die Wissenschaft betrachten muss, wie sie real ist, um nämlich eine Antwort auf die Frage zu finden, was Wissenschaft heute überhaupt ist – weil das, was Wissenschaft heute ist, kaum mehr was mit dem zu tun hat, was man sich ehedem darunter vorstellte oder was man sich überhaupt vom Stand weg oder in einem leeren Denkraum unter Wissenschaft vorstellen könnte.
Irgendwann früher einmal stellte man sich unter Wissenschaft die Suche nach wahren und gehaltvollen Erklärungen vor. Aber diese Vorstellung beinhaltet ja z.B. nicht, dass derartige Erklärungen heute neu sein müssen, weil Wahrheit allein nicht genügt. Wenn eine Wissenschaftstheorie sich also in der Hauptsache damit beschäftigt, wie man Erkenntnisse macht, die dann auch wahr, objektiv überprüfbar und gehaltvoll sein sollen, dann geht sie zumindest schon zur Hälfte an der Sache vorbei, um die es eigentlich geht. Denn Wissenschaft interessiert sich nicht für wahre Erkenntnisse, wenn diese nicht neu sind (sie interessiert sich übrigens auch nicht für alle neuen). Dann das ganze impact-Punkte- und Zertifizierungswesen, das gab es ja früher nicht. Alles muss sich heute vor der Gesellschaft rechtfertigen und wird in seinem Wert und seiner Bedeutung quantifiziert und hierarchisiert. Diese neue Einrichtung hat mit Wissenschaft als Idee von vornherein einmal unmittelbar nichts zu tun, aber sie ist heute bestehende, waltende Realität, und sie wirkt zurück auf die Wissenschaft, indem sie ihren Charakter verändert, und zwar verändert sie diesen Charakter so stark, dass aus der Wissenschaft selbst etwas qualitativ ganz Anderes und ganz Neues geworden ist.
Hier liegt der Grund, warum es mich müde macht, beim Thema Wissenschaft über Rationalität, Intersubjektivität, Wahrheit, geeignete Methoden, gehaltvolle Erklärungen und die Öffentlichkeit wissenschaftlicher Auseinandersetzungen zu diskutieren. Alle diese Punkte sind in Wirklichkeit schon lang gegessen und stellen keinen sinnvollen Gegenstand der Diskussion mehr dar. Sie sind gegessen, weil sie zu jenem schönen, aber überkommenen Vorstellungsuniversum gehört, in welchem die Wissenschaft nach wahren, objektiven Erkenntnissen sucht und zufrieden gestellt ist, wenn diese Erkenntnisse sich auch tatsächlich als wahr erweisen. Aber dieser Vorstellungshorizont hilft uns kein bisschen dabei zu verstehen, was jetzt gerade in der Wissenschaft abläuft und wozu Wissenschaft heute geworden ist. Es hilft uns nichts dabei, diese große soziale Maschine Wissenschaft zu verstehen, wie sie in den letzten 100-150 Jahren gewachsen ist und die in den letzten Jahrzehnten in ihren Größendimensionen geradezu explodiert ist.
Der größte Fehler der herkömmlichen Wissenschaftsmodelle liegt wahrscheinlich darin, dass sie von einem Individuum ausgehen, welches mit sich durch Überlegen zu einer Entscheidung kommt, welche Option nun der Wahrheit entspricht und dann von einer kleinen Gruppe (Intersubjektivität!), in welcher Leute gleichsam um einen Tisch sitzen und sich rational darüber verständigen, welcher Erkenntnis das Privileg zukommen darf, als wissenschaftlich wahr zu gelten. Der Unterschied zur heutigen Situation liegt darin, dass heute die Größendimensionen wissenschaftlicher Forschung, also die schiere Riesenzahl der Forscher, Verständigung unmöglich macht, weil es so viele Stimmen gibt, dass die einzelne nicht mehr gehört werden kann. Die Impact-Punkte, die Reihung von Zeitschriften etc., all das sind bereits Versuche, um auf diese Situation zu reagieren, um Mittel zu finden, um mit ihr zurechtzukommen. Es können eben nicht mehr alle Stimmen gehört werden, sondern nur noch einige wenige, das sind jene, die in den am höchsten bewerteten Journalen publizieren dürfen. Man ist gezwungen, die Meinungsvielfalt und die inhaltliche Vielfalt zu reduzieren. Dadurch verliert die einzelne Stimme an Wert: Es wird ihr nicht mehr zugehört, weil sie Stimme ist und meint, etwas zu sagen zu haben, sondern weil sie dort und dort jenen privilegierten Publikationsraum sich errungen hat. Die Vorstellung, dass heute in der Wissenschaft oder in der Philosophie noch diskutiert wird, haben wir, scheint mir, doch nur daher, dass es einige prominente Wissenschaftler gibt, die auch in den nichtwissenschaftlichen Medien vorkommen und die uns den Eindruck vermitteln, dass im Grunde die Stimme des Menschen noch zählt, dass der Mensch von seinen Mitmenschen auch heute noch gehört wird. Aber das Wesentliche der Moderation der wissenschaftlichen Diskussion durch die scientific community besteht ja gerade darin, der menschlichen Stimme ihren Wert zu nehmen und Diskussion und Verständigung zu ersetzen durch etwas, an dem mehr Personen teilnehmen können und das mechanischer, mathematischer abläuft als Verständigung. Das gilt auch für das Ergebnis dieses Prozesses: Stand am Ende eines Verständigungsprozesses Einsicht bei den Beteiligten, so ist es heute das pure Faktum des sich Durchgesetzt-Habens im großen internationalen Publikationsprozess, welches eine Erkenntnis zur wissenschaftlich erwiesenen Erkenntnis nobilitiert.
Das alles schreibe ich nur, um damit zu sagen: Es ist mein Sinn, die Fehler der Wissenschaft zu suchen, wenn ich mich auf ein realistisches Wissenschaftsbild konzentriere. Es geht mir nicht darum, Flecken auf dem Gewand der Wissenschaft zu finden, indem ich sage: Immer behaupten die Wissenschaftler so sehr, rational zu sein, und hier zeigt sich, dass noch ganz andere, nicht rationale Aspekte im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle spielen. Es geht mir also nicht darum, normatives oder idealistisches und realistisches Wissenschaftsbild gegeneinander zu halten – sondern es geht mir darum zu sagen, dass wir von der heutigen Wissenschaft, so wie sie ist, zu normativen oder idealistischen Wissenschaftsvorstellungen gar nicht zurückkönnten. Da führt kein Weg zurück. Und aus dem Grund sind die Ungereimtheiten in der Wissenschaft oder ihre Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen ForscherInnen, wie ich sie bisweilen in meinen Texten darstelle, auch keinerlei Defekt der Wissenschaft. Es geht darum zu begreifen, dass wir heute mit einer jeden Vorstellung von der Art: Wissenschaft sollte rational, sollte objektiv, sollte intersubjektiv, sollte öffentlich, sollte wertfrei etc. sein auf dem Holzweg sind, weil alle diese Adjektive die Größendimensionen von heutiger Wissenschaft und die inneren Strukturen ihrer Organisation nicht mehr fassen und auch nicht mehr zum Ausdruck bringen können. Es geht heute nicht mehr um die Frage: Wie macht man es, damit eine Erkenntnis wahr und objektiv und nicht verbohrt oder esoterisch ist – das ist eine triviale Frage. Die eigentliche Frage der Wissenschaft ist: Wie komme mich mit meiner Erkenntnis (von der wir mal ausgehen wollen, dass sie objektiv und wahr ist) in ein angesehenes wissenschaftliches Journal hinein? Hier wird sich zeigen, dass Wahrheit und Objektivität der Erkenntnis nur ein Kriterium unter vielen weiteren ist.
Also nochmal: Beim Thema der Wissenschaftlichkeit von objektiver Wahrheit, von wissenschaftlichen Methoden oder auch von der Intersubjektivität und Öffentlichkeit wissenschaftlicher Diskussionen zu sprechen, lenkt nur vom Thema ab, um das eigentlich ginge: Was ist dieser gesellschaftliche Moloch Wissensschaft, und was will er (außer, dass er wahre, gehaltvolle Erkenntnisse will, was, wie ich ausgeführt habe, für unsere Diskussion nicht weiter interessant ist)?
Zwei zentrale Eigenschaften von Wissenschaft
Ich glaube, dass unser Bild von Wissenschaft auf einer falschen (verkürzten) allgemein geteilten Vorstellung beruht. Diese Vorstellung besagt, dass die Wissenschaft objektive Erkenntnisse suche und auffinde. Das mag schon richtig sein, aber das allein genügt nicht. Wissenschaftliche Erkenntnis mag wahr und objektiv sein, aber durch ihre Wahrheit und Objektivität allein wird noch keine Erkenntnis zu einer wissenschaftlichen. Zu einer wissenschaftlichen wird sie erst durch ihre Einordnung in das wissenschaftliche System des Wissens, das heißt im Konkreten: in den Wissensbestand des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs.
Wissenschaftlich ist eine Erkenntnis also erst dann, wenn sie Teil der Wissenschaft (des wissenschaftlichen Wissens) wird. Dadurch dass sie Teil des wissenschaftlichen Gesamtwissens wird, wird die einzelne Erkenntnis tendenziell aus meinem Erkenntniszusammenhang (wie aus dem Erkenntniszusammenhang eines jeden Einzelmenschen) herausgerissen. D.h. ich verliere tendenziell die Erkenntnis (als Einzelmensch) dadurch, dass sie wissenschaftliche Erkenntnis wird. Das muss natürlich nicht immer der Fall sein: Bisweilen ist mir eine Erkenntnis, auch nachdem sie Teil der Wissenschaft geworden ist, noch weiterhin zugänglich und verständlich. Aber, und das ist wichtig, ab diesem Zeitpunkt geht es nicht mehr in der Hauptsache um mein Verständnis: Ob ich (als Einzelmensch) etwas aus ihr lerne, macht eine wissenschaftliche Erkenntnis weder wissenschaftlicher noch weniger wissenschaftlich.
Ich gestehe also wissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus prinzipiell Wahrheit und Objektivität zu. Paradoxerweise rücken jedoch diese Eigenschaften von Erkenntnissen nach deren Eingliederung in die Wissenschaft in den Hintergrund, weil nun andere Faktoren wichtiger werden. Was ich damit meine, möchte ich nun am Beispiel des Marketing zeigen. Und falls nun jemand als Gegenargument die Wissenschaftlichkeit von Marketing anzweifeln möchte: Selbst wenn dieses Fach nicht denselben Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen sollte wie andere Fächer, so ist es doch an denselben wissenschaftlichen Grundeinstellungen orientiert, die heute überall in der Gesellschaft Eingang gefunden haben. Und vielleicht ist es sogar besser geeignet, diese wissenschaftlichen Grundeinstellungen zu zeigen, weil sich in ihm viele gewöhnliche Menschen tummeln und nicht nur der enge Kreis der WissenschaftstheoretikerInnen.
PREISPOLITIK
maßgebliche Größen dafür:
• Kostenstruktur d. Unternehmens
• auf dem Markt erzielbare Preise
• Konkurrenzpreise
• staatl. Regulative
Ziele d. Preispolitik
• Gewinnmaximierung
• Umsatzmaximierung
• Absatzmaximierung
Fragen
• Welchen Preis will ich erzielen?
• Welchen Preis kann ich erzielen?
• Welchen Preis muss ich mindestens erzielen?
Preisfindung
• nach eigenen Kosten
• nach dem Markt
• nach dem Mitbewerb
Preis-Qualität-Strategien
• Billigwaren-Strategie
• Vorteilsstrategie (hohe Qualität, niedriger Preis)
• Mittelfeldstrategie
• Übervorteilungsstrategie (niedrige Qualität, hoher Preis)
• Premiumstrategie
Preis-Mengen-Strategie
• Aufbau d. eindimensionalen Präferenz Preis-Menge
• Marketingaktivitäten über Preispolitik
• Ansprache d. größtmögliche Zahl. v. Kunden
• höhere Absatzmengen sollen niedrigeren DB kompensieren
Präferenzstrategie
• Schaffung mehrdimensionaler Präferenzen
• Ziele: Erzielung überduchschnittlichen Preises, Schaffung eines evoked-sets
Dieses Beispiel soll dazu dienen, um zu veranschaulichen, welche Form Marketingwissen annimmt: Aus Inhalten werden Schlagworte. Aus solchen Schlagworten kann jedenfalls ich nichts lernen bzw. zu keinem tieferen Verständnis der Materie kommen. Im Gegenteil, sie lenken zwar meinen Blick (weil die Differenzierungen vorstellen), aber sie halten mein Denken an der Oberfläche bzw. stellen es ab, weil sie meine Fragen ausschalten. Meine Fragen schalten sie aus, weil sie mich mit etwas schon Fertigem konfrontieren, das gar nicht mehr befragt werden will, dessen Sinn es auch gar nicht ist, befragt und bedacht zu werden.
Die entscheidende Frage ist aber nun: Soll ich denn überhaupt etwas aus ihnen lernen? Wäre das die Intention, die hinter ihnen steht, wäre das der Sinn der Sache? Aber hier ist die Erkenntnis: Nein! Wenn man mich derart mich bloßen Begriffen und abstrakten Einteilungen bewirft, kann gar nicht der Sinn dahinter stehen, etwas über die Sache selber (Marketing als Tätigkeit) lernen, sondern man will mir zeigen, wie die Dinge in Marketing als (wissenschaftlichem) Fach aussehen. Im Wesentlichen soll ich Vokabel lernen, also wissen, wie im Fach Marketing die Dinge benannt werden und welche wichtigen Unterscheidungen dort getroffen werden.
Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt angekommen, den ich gern klar machen würde. Wissenschaft bedeutet nicht in erster Linie eine Erkenntnis oder ein Wissen, das wahr oder objektiv ist, sondern Wissenschaft bedeutet, über das wissenschaftliche Wissen in einem bestimmten Fach Bescheid zu wissen: zu wissen, wie in einem bestimmten Fach die Dinge benannt werden und welche wichtigen gedanklichen Konzepte es dort gibt.
Damit ist aber praktisch eine ganz andere Ebene erreicht: Nicht mehr die Richtigkeit eines Wissens macht jetzt seine Wissenschaftlichkeit aus, sondern die Tatsache, dass es im entsprechenden Fach vorkommt. Ob diese Begriffe, die ich oben angeführt habe, auch richtig und vernünftig sind oder inwieweit die damit verbundenen Konzepte auch der Wahrheit entsprechen, ist auf dieser Ebene nicht mehr so sehr wichtig – wichtig ist zuvorderst, diejenigen geistigen Schablonen zu besitzen, die nötig sind, um im Fach mitreden zu können. Wissenschaftliches Wissen zu besitzen bedeutet also grundsätzlich, zu wissen, was im einem bestimmten Fach los ist, und zwar ohne dass dabei eigentlich noch wichtig wäre, ob diese Inhalte auch wahr und objektiv sind.
Die Eigenschaft der Wahrheit des Wissens, die an und für sich durchaus wichtig sein mag in der Wissenschaft, wird also abgelöst durch Bescheidwissen über ein Fach. Wer heute etwas von Marketing versteht, ist nicht in erster Linie jemand, der etwas von der Sache Marketing versteht, sondern jemand, der etwas vom Fach Marketing versteht, so wie es in wissenschaftlichen Büchern vorgestellt wird. Und die heutigen Menschen sind so tief wissenschaftlich geprägt, dass sie einer solchen Unterrichtsmethode gar nicht entkommen könnten, weil sie Wissen über eine Sache automatisch mit Wissen über das jeweilige Fach, das diese Sache behandelt, identifizieren. Wissenschaft bedeutet somit: alles vom Fach her zu denken. Das ist eine geistige Prägung, die man praktisch bei allen heutigen Menschen findet, und zwar, fast möchte man sagen: Wenn die Menschen weniger über die Wissenschaft wissen, denken sie sogar oft noch stärker in dieser Weise.
Freilich nimmt nun wissenschaftliches Wissen nicht in jedem Fach eine solche schablonen- und schlagworthafte Form an wie im Marketing – aber das Schlagworthafte ist eben auch eine der möglichen Formen, die wissenschaftliches Wissen annehmen kann. Und es ist nun auch klar, warum: Dadurch, dass wissenschaftliches Wissen in erster Linie in seiner Zugehörigkeit zum Wissensganzen eines Fachs besteht, zeigt man den Besitz von wissenschaftlichem Wissen nicht dadurch an, dass man die Wahrheit über etwas weiß, sondern dadurch, dass man weiß, was ein bestimmtes wissenschaftliches Fach enthält – dadurch, dass man die Konzepte in diesem Fach kennt und Dinge über dieses Fach zu erzählen weiß. Wenn dieses Wissen nun nur sehr schlagwortartig ist, so ist das vielleicht nicht ganz im ursprünglichen Sinne der Wissenschaft, aber was soll’s?
Wenn man also Marketing in der oben dargestellten Form lernt, soll man nicht Marketing (die Sache) lernen, sondern man lernt, welche Begriffe und Unterscheidungen im Fach Marketing wichtig sind. Am Ende versteht man vielleicht nicht viel mehr von der Sache, weiß jetzt aber ein bisschen etwas darüber, wie dieses Fach „schmeckt“. Noch wahrscheinlicher ist jedoch bei einem fragenden Charakter wie dem meinen, dass ich solche Schlagwörter, mit denen ich sachlich nichts verbinden kann, bald wieder vergesse, weil sie mir wie das Lernen von sinnlosen Silben erscheinen. Wünschte ich mir aber nun, dass man mir die Begriffe des Marketing gemeinsam mit der Sache lehrte, so würde man mir entgegnen (da ginge ein großer Aufschrei los) – und das ist eine zweite Auswirkung der Wissenschaft auf die geistige Prägung der heutigen Menschen – dass man die Sache erst dann verstehen könne, nachdem man ihre Grundbegriffe verstanden hat.
Hier ist aber ein Denkfehler verborgen: Wenn ich mir die oben angeführten Begriffe anschaue, dann sehe ich ziemlich deutlich, dass ich zuerst viel mehr von der Materie selbst verstehen müsste, um diese Begriffe selbst in ihrem vollem Umfang verstehen und beurteilen zu können. Dass man also immer mit den Grundbegriffen anfangen müsste, ist ein Vorurteil, weil die Grundbegriffe selber die Sache immer schon voraussetzen und sich mit der Sache gemeinsam gegenseitig (in einer Art hermeneutischem Zirkel) konkretisieren: Verstehe ich mehr von der Sache, verstehe ich auch den Begriff besser, der sie benennt. Definiere ich demgegenüber wissenschaftliche Begriffe einfach auf dem weißen Blatt Papier, so tappt der Lernende, der mit der Sache, um die es geht, nicht vertraut ist, hilflos im Dunkeln.
Damit habe ich nun eine zweite Eigenschaft von Wissenschaft aufgezeigt (es gibt sicher noch weitere), die ebenfalls in wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in welchen es hauptsächlich um die Wahrheit und Objektivität wissenschaftlichen Wissens geht, gewöhnlich nicht vorkommt. Also, erstens: Wissenschaftliches Wissen ist nicht so sehr wahres und objektives Wissen als Bescheidwissen über die Wissenschaft (= Bescheidwissen über bestimmte Fächer und ihre Inhalte). Zweitens: Wissenschaftliches Wissen ist auch charakterisiert von einer bestimmten Reihenfolge in der Vermittlung dieses Wissens, von der alle heutigen Menschen überzeugt sind. Man müsse mit den Grundbegriffen anfangen, so meinen sie. Ich möchte darauf hinweisen, dass mit dieser Forderung auch nicht so sehr gemeint ist, man solle die Sache, um die es geht, genau lernen, sondern man solle das Fach von seinem Anfang an lernen: Das Fach macht sich wichtig.
Dieses Anfangen mit den Grundbegriffen führt natürlich aus der Sicht des Individuums zur Unmöglichkeit des direkten Zugriffs auf jenes Wissen, das einen Menschen zurzeit gerade interessiert, denn es herrscht überall der Imperativ, dass mit dem Anfang anzufangen sei. Der Umgang mit Wissen wird also durch die Wissenschaft sehr umständlich, weil das Wissen durch seine Einfügung in das Wissensganze des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs zu großen, unhandlichen Brocken verklumpt. Der häufigste Fall in unserer wissenschaftsgeprägten Welt mit Drang und Zwang zur Weiterbildung wird sicherlich der sein: dass man die Grundbegriffe eines bestimmten Fachs lernt und sie dann – weil man aus ihnen allein nichts lernt und es zu einer so genannten „Vertiefung“ aus Zeit- oder anderen Gründen nicht kommt – sehr bald wieder vergisst.
Auf der Galerie vor dem moralischen Schauspiel der Welt
In seinem Gedicht „Walking around“ schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda „Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!“
Ich kenne dieses Gefühl und denke mir: Ja, man könnte es auch tatsächlich müde werden, ein Mensch zu sein, wenn man diese Welt und das menschliche Treiben auf ihr so beobachtet.
Zwei Beispiele aus der Wirtschaftswelt, aus den Verkaufsschulungen des Vertriebspersonals (aber es müsste nicht die Wirtschaftswelt, der böse Kapitalismus sein, andere Gesellschafts- und Lebensbereiche, in denen es genauso ist, ließen sich gewiss finden): „NEIN“, wird den Menschen da gelehrt, heiße „Noch Eine Information Ist Nötig!“ Ein bisschen offener und redlicher ist da schon der Spruch: „Verkaufen ist die Kunst, den Kunden so über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.“
Beiden Beispielen wohnt dasjenige inne, was Franz Kafka in seiner tiefsinnigen Parabel „Auf der Galerie“ zu fassen versuchte: Man kann nicht sagen, ob sie gut sind oder nicht. In der Parabel „Auf der Galerie“ ist es ein junger Galeriebesucher in einem Zirkus, der sich nicht entscheiden kann, ob die abgezehrte Kunstreiterin, die er vor sich sieht, vom Zirkusbetrieb gequält und geschunden wird oder ob sie mit aller Vorsicht behandelt, erhöht wird und im höchsten Glanz erstrahlt.
Es ist das eine von zwei Parabeln Kafkas, die ich für Grundlagentexte der Philosophie halte und die ich mir in jedem Einführungsbuch in die Philosophie wünschte. Die zweite ist „Vor dem Gesetz“, in welcher einem unerfahrenen Mann vom Lande erzählt wird, dass er ein Recht auf etwas habe und diese Sache ihm aber vorenthalten wird, so er sie sich nicht selbst erkämpfe. Dass man ein Recht auf etwas hat und sich diese Sache aber erkämpfen muss, ist natürlich ein Widersinn, aber einer der real ist in dieser unserer Welt im Leben unter Menschen. Würde der Mann vom Lande um sein Recht kämpfen, so behält sich die Gesellschaft natürlich ihr Recht vor, in dem Fall zu sagen, er breche das Gesetz, wodurch die Parabel auch die Dimension der individuellen Grundverfasstheit des Menschen enthält, welche da lautet: Wie man es macht, ist es falsch!
Doch wieder zurück zum Galeriebesucher: Könnte er sich dazu entscheiden, dass die Kunstreiterin vor ihm misshandelt wird, so würde er durch alle Ränge hinunterlaufen und sein „Nein!“ in die Fanfaren der Bläser rufen. Könnte er sich dazu entscheiden, dass es nicht so ist, dann hätte er die Möglichkeit, der Kunstreiterin zuzujubeln und sich mit ihr zu freuen. Weil er aber nicht weiß, welche der beiden Optionen die richtige ist, bricht er ob der psychischen Last zusammen.
Bei der Betrachtung des moralischen Schauspiels, das die Welt uns bietet, hat man es mit demselben Problem zu tun: Bei der Erklärung des „NEIN“ des Kunden als Informationsmangel, welcher zur Kaufentscheidung noch nicht berechtigt, steckt nicht einmal ein Hauch von Böswilligkeit darinnen. Die zu Schulenden können sie sich aneignen mit dem reinsten Gewissen, doch nur das Beste für den Kunden zu wollen. Der Spruch von der Reibungshitze, die als Nestwärme empfunden werden soll, ist wohl schon etwas zwiespältiger, aber entlarvend ist auch er nicht: Der Kunde empfindet das potentiell Böse (das Über-den-Tisch-Gezogen-Werden) doch als angenehm (als Nestwärme, als freundliche Behandlung), was kann also schlecht daran sein?
Und trotzdem sind beide Schulungsinhalte eminent unsympathisch. Der Grund dafür ist: Obwohl sich das Böse in ihnen nicht festmachen lässt, ist auch kein guter Wille in ihnen spürbar. Dabei ist der „gute Wille“ nach Kant (Grundlegung der Metaphysik der Sitten) das einzig wirklich Gute, das es gibt auf der Welt. Für beide Beispiele gilt: Sie sind so gut, wie sie sein müssen – und so furchtbar, wie sie sein dürfen. Aber ein Wille zum Guten ist in ihnen nicht spürbar, höchstens ein Wille zum Mehr-Verkaufen.
(Aus dem Grund glaube ich ja auch, dass Kant sich getäuscht hat, als er meinte, ein guter Wille sei nur ein solcher, der sich durch Pflicht bestimmen ließe, denn haben wir nicht einen solchen in diesen Beispielen hier vor uns? Doch, wir haben hier einen Willen vor uns, der sich vor Gesetzen beugt; nur halt, dass er nicht das Gute will! Ein guter Wille wäre von daher als einer zu bestimmen, der das Gute will, worin immer es genau bestehen mag, aber jedenfalls als einer, der das Gute anstrebt – und nicht als einer, der gut gemeinte Gesetze befolgt, ohne innerlich ihre Ziele zu teilen.)
Wie Kafkas Galeriebesitzer könnte man also schreien, wenn man das moralische Schauspiel der Welt betrachtet, oder zufrieden sein, weil ohnehin alles (wenigstens soweit) in Ordnung ist. Man kann sich nicht entscheiden. Das halte ich für die Grundschwierigkeit bei einer jeden ethischen Diskussion heute: Man kann ja gar nicht sagen, dass irgendetwas falsch läuft, denn die Leute sind in ihren Fähigkeiten in Public Relations-Kommunikation so gut, dass es sich gar nicht festmachen lässt.
Man kann nur sagen, dass alles, was man beobachtet, unfassbar unsympathisch ist. Und man sieht, ob der Unsympathischheit unserer „mean ole world“, wie sie im Blues besungen wird, auch im eigenen Leben den Augenblick kommen, wo man sagen wird: „Jetzt bin ich es müde, ein Mensch zu sein. Lasst mich gehen, lasst mich sterben!“ Zweifellos fegt über einen jeden Einzelmenschen die Welt so hinweg, dass er am Vorabend seines Todes den Eindruck haben wird, das sei nicht (mehr) seine Welt – er sei hier nur kurz zu Gast gewesen und es sei nun höchste Zeit zu gehen. Ich frage mich nur, ob diese fundamentale Unsympathischheit der Welt hilfreich ist für das eigene Sterben-Können oder nicht?
Hilfreich ist sie, weil man sich dann leichter verabschieden wird können von dieser Welt. Schlecht ist sie, weil sie vielleicht die Hölle ist und zwar in dem Sinn, dass der Mensch, wenn er an nichts mehr glauben kann und fühlt, dass ihn nichts mehr mit seinen Mitmenschen und dem menschlichen Leben insgesamt verbindet, vielleicht dasjenige erreicht, was für ihn persönlich die Hölle ist – und wogegen er sein ganzes Leben lang angekämpft hatte.
Was ist eigentlich kulturwissenschaftliche orientierte Literaturwissenschaft?
Nach meinem Studium (Philosophie/Spanisch) wusste ich nicht mehr, wozu Literaturwissenschaft gut ist. Wem will sie eigentlich auf welcher Ebene Erklärungen wofür eigentlich anbieten? Was damals nur in einem diffusen Gefühl in mir anwesend war, klarte sich überraschend auf, als ich vor Kurzem das Einführungsskriptum von Prof. Friederike Hassauer (bei der ich in den 90er Jahren an der Universität Wien Literaturwissenschaft gelernt hatte) "Was ist Literatur? Einführung in die Romanistik (Hispanistik/Galloromanistik) und in die Allgemeine Literaturwissenschaft", Facultas Verlag, Wien 2001 einer erneuten genauen Lektüre unterzog unter der Leitfrage, was denn das eigentlich ist, das uns da als kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft angeboten wird?
Die Ergebnisse der Analyse waren erstaunlich:
1) Kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft beschäftigt sich nicht mit Literatur, sondern mit der Erforschung der Gesellschaft, des Diskurses oder der Kultur, aus welcher das literarische Werk stammt. (Diese Erkenntnis ist erhellend für denjenigen, der in einem kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaftsseminar immer nur das diffuse Gefühl verspürte: Wir reden hier doch gar nicht mehr über Literatur, wir reden zunehmend immer mehr über etwas anderes!)
2) Als wesentliches Anliegen der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft erkannte ich nicht feministische Bestrebungen - der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau ist nur ein möglicher konkreter Inhalt der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft - sondern, eine Stufe zurück, auf allgemeinerer und abstrakterer Ebene besteht das Wesen der kulturwisenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft im Transfer der Erklärungsebene vom Individuellen auf das Kollektive. Dieser Transfer geschieht auf beiden Seiten, nämlich auf der Subjektseite und auf der Objektseite: Auf der Objektseite wird die Interpretation des individuellen literarischen Werks ersetzt durch die Analyse des Diskurses, welcher auf gesellschaftlicher Ebene stattfindet; auf der Subjektseite wird der individuelle Forscher/die Forscherin im Rahmen der dekonstruktivistischen Theorie vom Ende des Subjekts aufgelöst und ersetzt durch den Diskurs, hier durch den wissenschaftlichen Diskurs, dessen Diskutanten gleichsam die unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Theorien älterer und jüngerer Provenienz sind.
Punkt 2 hat nun zweierlei Folgen, die ich unter 2a und 2b darstellen will.
2a)Dadurch, dass von der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft nicht länger literarische Werke, sondern Diskurse, gesellschaftliche Sinnbildungsprozesse oder kulturelle Regelsysteme und Normalitätsvorstellungen untersucht werden, entstehen in solchen literaturwissenschaftlichen Interpretationsprozessen Erkenntnisse, die zwar wenig mit Literatur zu tun haben, sich aber hervorragend als politische Botschaften formulieren lassen: Sie bewegen sich nämlich von vornherein auf der entsprechenden kollektiven Ebene, beschreiben Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse und lassen eigentlich gar keine Vorstellung von einem anderen Gebrauchswert zu als dem, als Instrument im aktuellen politischen Diskurs zu dienen. (Wobei die Frage ist, ob eine solche Verquickung der Wissenschaft mit der Politik als wissenschaftlich in Ordnung akzeptiert werden kann?)
2b) Dieser Punkt interessiert mich noch mehr, denn dass man mit wissenschaftlicher Autorität Politik betreiben will, nun gut... Durch die Transferierung auch des Forschungssubjekts auf die kollektive Ebene tritt etwas ein, was ich als die Herrschaft des politischen Prinzips in der Wissenschaft auffasse. Der/die einzelne ForscherIn verliert nun jedes Widerspruchsrecht und jede Möglichkeit, selbst seine/ihre Forschungsinteressen zu formulieren. Anstatt dessen wird er/sie auf Gedeih und Verderb der (jeweiligen wissenschaftlichen Groß-)Theorie ausgeliefert. Denn man existiert ja selbst nicht, es existieren nur der Strukturalismus, der Dekonstruktivismus, die Systemtheorie, die Genustheorie etc. Kritisiert man eine solche Großtheorie mit eigenen (rationalen) Argumenten, würde einem vorgeworfen, dass das unwissenschaftlich sei, weil man sich selber auf keine Theorie stütze (sondern nur auf das eigene Denken). Mit anderen Worten, es geht nun in der Wissenschaft zu wie bei radikalisierten politischen Gruppen, die ein Mitglied sofort hinauswerfen, wenn es Zweifel oder Distanz zur proklamierten Parteiideologie erkennen lässt. Um diesen Zustand argumentativ herbeizuführen, dient Friederike Hassauer eine wilde Mischung aus Strukturalismus und Posstrukturalismus, Dekonstruktivismus, literaturwissenschaftliche Rezeptionstheorie, russischer Formalismus, Mentalitätengeschichte, Medientheorie und feministischer Wissenschaftstheorie - die eigentliche Grundlage für diese erkenntnistheoretische Enteignung des forschenden Individuums und seine Auslieferung an die Gruppe oder die peers liegt aber, wie ich glaube, in der in der Wissenschaft vorherrschenden Grundüberzeugung, wonach das Individuelle immer von vornherein des Subjektiven verdächtigt wird und als schlimmster Feind des Wissenschaftlichen aufgefasst wird. Konsequent zu Ende gedacht, so wie das in der kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft vollzogen wird, hat das die Verunmöglichung oder das Verbot für den einzelnen Menschen, rationale Argumente zu äußern, zur Folge - das aber ist etwas, was ich jedenfalls als Grundelement der Philosophie ansehen möchte. Inwieweit es so etwas wie eine wissenschaftliche Diskussion in der Wissenschaft gibt oder überhaupt geben kann, diesbezüglich bin ich mir, seitdem ich die kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft kennen gelernt habe, nicht mehr sicher.

03.03.10 12:05:37, 