Was ist eigentlich kulturwissenschaftliche orientierte Literaturwissenschaft?

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/hassauer_kulturwissenschaftlicheliteraturwissenschaft.htm

Nach meinem Studium (Philosophie/Spanisch) wusste ich nicht mehr, wozu Literaturwissenschaft gut ist. Wem will sie eigentlich auf welcher Ebene Erklärungen wofür eigentlich anbieten? Was damals nur in einem diffusen Gefühl in mir anwesend war, klarte sich überraschend auf, als ich vor Kurzem das Einführungsskriptum von Prof. Friederike Hassauer (bei der ich in den 90er Jahren an der Universität Wien Literaturwissenschaft gelernt hatte) "Was ist Literatur? Einführung in die Romanistik (Hispanistik/Galloromanistik) und in die Allgemeine Literaturwissenschaft", Facultas Verlag, Wien 2001 einer erneuten genauen Lektüre unterzog unter der Leitfrage, was denn das eigentlich ist, das uns da als kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft angeboten wird?

Die Ergebnisse der Analyse waren erstaunlich:
1) Kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft beschäftigt sich nicht mit Literatur, sondern mit der Erforschung der Gesellschaft, des Diskurses oder der Kultur, aus welcher das literarische Werk stammt. (Diese Erkenntnis ist erhellend für denjenigen, der in einem kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaftsseminar immer nur das diffuse Gefühl verspürte: Wir reden hier doch gar nicht mehr über Literatur, wir reden zunehmend immer mehr über etwas anderes!)

2) Als wesentliches Anliegen der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft erkannte ich nicht feministische Bestrebungen - der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau ist nur ein möglicher konkreter Inhalt der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft - sondern, eine Stufe zurück, auf allgemeinerer und abstrakterer Ebene besteht das Wesen der kulturwisenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft im Transfer der Erklärungsebene vom Individuellen auf das Kollektive. Dieser Transfer geschieht auf beiden Seiten, nämlich auf der Subjektseite und auf der Objektseite: Auf der Objektseite wird die Interpretation des individuellen literarischen Werks ersetzt durch die Analyse des Diskurses, welcher auf gesellschaftlicher Ebene stattfindet; auf der Subjektseite wird der individuelle Forscher/die Forscherin im Rahmen der dekonstruktivistischen Theorie vom Ende des Subjekts aufgelöst und ersetzt durch den Diskurs, hier durch den wissenschaftlichen Diskurs, dessen Diskutanten gleichsam die unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Theorien älterer und jüngerer Provenienz sind.

Punkt 2 hat nun zweierlei Folgen, die ich unter 2a und 2b darstellen will.

2a)Dadurch, dass von der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft nicht länger literarische Werke, sondern Diskurse, gesellschaftliche Sinnbildungsprozesse oder kulturelle Regelsysteme und Normalitätsvorstellungen untersucht werden, entstehen in solchen literaturwissenschaftlichen Interpretationsprozessen Erkenntnisse, die zwar wenig mit Literatur zu tun haben, sich aber hervorragend als politische Botschaften formulieren lassen: Sie bewegen sich nämlich von vornherein auf der entsprechenden kollektiven Ebene, beschreiben Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse und lassen eigentlich gar keine Vorstellung von einem anderen Gebrauchswert zu als dem, als Instrument im aktuellen politischen Diskurs zu dienen. (Wobei die Frage ist, ob eine solche Verquickung der Wissenschaft mit der Politik als wissenschaftlich in Ordnung akzeptiert werden kann?)

2b) Dieser Punkt interessiert mich noch mehr, denn dass man mit wissenschaftlicher Autorität Politik betreiben will, nun gut... Durch die Transferierung auch des Forschungssubjekts auf die kollektive Ebene tritt etwas ein, was ich als die Herrschaft des politischen Prinzips in der Wissenschaft auffasse. Der/die einzelne ForscherIn verliert nun jedes Widerspruchsrecht und jede Möglichkeit, selbst seine/ihre Forschungsinteressen zu formulieren. Anstatt dessen wird er/sie auf Gedeih und Verderb der (jeweiligen wissenschaftlichen Groß-)Theorie ausgeliefert. Denn man existiert ja selbst nicht, es existieren nur der Strukturalismus, der Dekonstruktivismus, die Systemtheorie, die Genustheorie etc. Kritisiert man eine solche Großtheorie mit eigenen (rationalen) Argumenten, würde einem vorgeworfen, dass das unwissenschaftlich sei, weil man sich selber auf keine Theorie stütze (sondern nur auf das eigene Denken). Mit anderen Worten, es geht nun in der Wissenschaft zu wie bei radikalisierten politischen Gruppen, die ein Mitglied sofort hinauswerfen, wenn es Zweifel oder Distanz zur proklamierten Parteiideologie erkennen lässt. Um diesen Zustand argumentativ herbeizuführen, dient Friederike Hassauer eine wilde Mischung aus Strukturalismus und Posstrukturalismus, Dekonstruktivismus, literaturwissenschaftliche Rezeptionstheorie, russischer Formalismus, Mentalitätengeschichte, Medientheorie und feministischer Wissenschaftstheorie - die eigentliche Grundlage für diese erkenntnistheoretische Enteignung des forschenden Individuums und seine Auslieferung an die Gruppe oder die peers liegt aber, wie ich glaube, in der in der Wissenschaft vorherrschenden Grundüberzeugung, wonach das Individuelle immer von vornherein des Subjektiven verdächtigt wird und als schlimmster Feind des Wissenschaftlichen aufgefasst wird. Konsequent zu Ende gedacht, so wie das in der kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft vollzogen wird, hat das die Verunmöglichung oder das Verbot für den einzelnen Menschen, rationale Argumente zu äußern, zur Folge - das aber ist etwas, was ich jedenfalls als Grundelement der Philosophie ansehen möchte. Inwieweit es so etwas wie eine wissenschaftliche Diskussion in der Wissenschaft gibt oder überhaupt geben kann, diesbezüglich bin ich mir, seitdem ich die kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft kennen gelernt habe, nicht mehr sicher.

Organisationen 3

von philohof E-Mail

Wie ihr sicherlich schon mitbekommen habt, interessiere ich mich zurzeit für Organisationen. Eben höre ich in Radio Ö1 eine Sendung über die österreichische Komponistin Olga Neuwirth. Sie sprach davon, dass sie nicht ins "System" (der klassischen Musik) passe und davon, dass man "Teile von sich" verliere, wenn man längere Zeit in einem System tätig sei und versuche, sich an dasselbe anzupassen. In ihrem Fall sei das insbesondere der Aspekt des Skurrilen, welcher im Feld der klassischen Musik keinen Platz habe, weil dort nach wie vor der Wert herrsche, welcher verlange, dass man das "Hehre und Schöne" produzieren solle, um als richtiger Komponist anerkannt zu werden. Neuwirth sagt, sie habe es mittlerweile eingesehen, dass sie diesen Teil ihrer selbst im Feld der klassischen Musik nicht ausleben könne, weshalb sie jetzt versuche, diesen Teil ihrer selbst in die Produktion von Kurzfilmen einzubringen. Mich erinnert das an Luhmann, der gemeint hat, die Individuen würden ins Sozialsystem ihre "Lebendigkeit" einbringen, aus der das Sozialsystem (oder das jeweilige Subsystem) bloß diejenigen Teile auswählt, die es brauchen kann. Ich sehe das im Fall von Olga Neuwirth, und ich sehe aber auch genau das Gegenteil, denn offenbar ist das Feld der klassischen Musik gerade nicht in der Lage, jenes Angebot von Olga Neuwirth anzunehmen, das ihr spezifisches Angebot doch eigentlich wäre, nämlich ihre skurrile Seite verwandelt in skurrile Musik. Anstattdessen muss sie diesen Teil ihrer selbst verlieren oder aufgeben und versuchen, ihn anderswo auszuleben, wodurch der klassischen Musikrichtung ein wichtiger Beitrag verlorengeht, der sie interessanter hätte machen können. Dieses Beispiel von Olga Neuwirth ist auch passend für meine Reflexion über Organisationen, weil mir scheint, die einzelne Organisation oder die bloße Organisiertheit einer einzelnen Gruppe, so wie man sie oft in der Betriebswirtschaft oder Organisationspsychologie betrachtet, bringt ja diese Wirkungen nicht hervor, die mich beschäftigen. Dazu muss es viele Organisationen geben, die ineinander greifen, um insgesamt so etwas zu ergeben wie z.B. das "System" der klassischen Musik. Und dieses System, welches auch immer es sei, hat dann offenbar die Tendenz, sich gegen die Lebendigkeit der Individuen abzuschließen, sodass diese "Teile von sich" verlieren und es ihnen unmöglich wird, dem System dasjenige Angebot zu machen, zu dem nur (jeweils) sie fähig sind, weil es der spezifischen Färbung oder Ausformung ihres Charakters entspricht.
Mit herbstlichen Grüßen
philohof

Organisationen 2

von philohof E-Mail

Dass Luhmann existiert, ist mir bekannt. Aber gibts da von ihm ein Buch über Organisationen, das besonders ratsam wäre? Ich muss zugeben, dass ich Luhmann gegenüber ein bestimmtes Vorurteil (durchaus aus Nichtwissen) habe, welches darin, besteht, dass er zu sehr auf das Funktionieren von sozialen Einheiten abstellt. Schaue ich aber drein in die soziale Welt, so sehe ich, dass durchaus alle möglichen Bereiche funktionieren, aber dass sie zum Teil mit großen Friktionen und erhöhten Mühen für alle beteiligten Personen funktionieren.

Doch habe ich jetzt selbst einen guten Tipp gefunden - und zwar einen, der auch von einem systemtheoretischen Ansatz ausgeht. Ich habe einen Vortrag von Dr. Erich Visotschnig, einem Kommunikationstrainer aus Graz gehört, in welchem er unser politisches System (die repräsentative Demokratie) mit dem Sport verglichen hat. Übertragen auf den Sport wäre unser politisches System seiner Ansicht nach als ein "alberner Wettlauf" anzusehen, bei dem ein Team zu einem festgesetzten Zeitpunkt startet, durch den Wald läuft, Strecke und Ziel selbst festlegt und dabei dauernd schreit: "Wir sind die schnellsten". Die gegnerischen Teams beobachten das laufende Team aus einer gewissen Distanz und werfen ihm Steine und andere Dinge in den Weg. Ist die Zeit um oder hat das laufende Team genug, bleibt es stehen und die Zuschauer entscheiden, wer gewonnen hat.
Ganz ebenso ist es in der Demokratie: Ein Team, die Regierung, beginn zu einem bestimmten Zeitpunkt(Start der Legislaturperiode) zu laufen, bestimmt Strecke und Ziel selbst und lobt sich dabei die ganze Zeit. Die anderen Teams (die Opposition) kann die Regierungsarbeit nicht mitgestalten, und es bleibt ihr deshalb nichts anderes übrig als kein gutes Haar an der Regierung zu lassen, um überhaupt sichtbar zu sein. Ist die Zeit (Legislaturperiode) um oder hat das Team genug (vorzeitige Regierungsauflösung und Neuwahlen), so bleibt es stehen und die Zuseher (die Wähler) entscheiden, ob es besser gelaufen ist als seine Mitbewerber (obwohl es für diesen Leistungsvergleich gar keine Beobachtungsgrundlage haben kann).
Man sehe sehr deutlich, so Visotschnig, dass dem Vergleich mit dem Sport nicht eine Sekunde standhält, was wir in der Politik aus irgendwelchen Gründen für ganz normal halten - und das sei ein Skandal.
Diese Argumentation ist - jedenfalls nachvollziehbar.
Beste Grüße
philohof

Organisationen

von philohof E-Mail

Hallo, in letzter Zeit interessiere ich mich immer mehr für das Thema Organisationen. Es würde mich interessieren, ob jemand mehr dazu weiß und interessante Lektüretipps für mich hätte.
Unmittelbare Ursachen meines Interesses sind Gespräche mit meinen Bekannten, in welchen sie mir erzählen, wie schlecht es ihnen in der Arbeit, im Studium etc. geht, weil alles so schlecht (oder absichtlich so) organisiert ist: In einer Erzählung wurde ein Labor heruntergewirtschaftet, indem man bewusst die Kunden schlecht behandelt/vertrieben hat; in einer anderen vertreiben die selbstbewussten Professoren einer kleinen Fachhochschule ihre StudentInnen, von denen sie ohnehin nur eine Handvoll haben; in einer dritten wird ein großes Unternehmen in selbstständige Einheiten aufgeteilt mit dem Resultat, dass diese Eiheiten nun gegeneinander arbeiten und gegen die gemeinsame Strategieabteilung.
Es scheint, dass die Organsation jene Form der menschlichen Zusammenarbeit sind, in der sich mittelalterliche Autokratie und Feudalismus ins 21. Jh. gerettet haben und wo Misswirtschaft möglich ist in Maßen, wie man es gar nicht glauben würde, dass unser ökonomisiertes Zeitalter es zulassen würde. So hat man beispielsweise eine österr.-slowakische Fluglinie, die nie Geld verdient hat, Jahre lang mit immer frischem Kapital gefüttert. Organisationen schenkt man Vertrauen und gibt man Kredit in einem Maße, wie man das bei Individuen nie tun würde. Und was sagt die Betriebswirtschaft dazu? Nun, diese untersucht unter dem Stichwort Organisationswissenschaft einzelne Organisationen, deren Aufbau und ihre Funktionskultur. Was mich daran stört ist, in unserer Gesellschaft gibt es ja nicht nur eine Organisation und auch nicht nur wenige, sondern immens viele, die voneinander abhängen und ineinander verschachtelt sind. Mit anderen Worten, mit dem betriebswirtschaftlichen Zugang kann man nicht verstehen, wie unsere Gesellschaft dadurch funktioniert, dass Organisationen in ihr dominieren. Mir scheint, um das verstehen zu können, müsste man sich eher darauf konzentrieren, wie einzelne Organisationen von anderen Organisationen beurteilt werden, wobei Schein und Ruf viel mehr Bedeutung haben zu scheinen wie die Wirklichkeit. Und wenn ich noch einmal darauf zurückkomme, dass in Organisationen vieles nicht funktioniert - ist das ein heutiges Problem, oder hat es das immer schon gegeben. Könnte es sein, dass die organisationale Organisierung der Gesellschaft - trotz ihrer unbestrittenen Vorherrschaft - in eine Krise gekommen ist?
Für Tipps und Anregungen bedankt sich philohof

Hallo

von philohof E-Mail

Hallo, bin neu hier. Werde mich zuerst mal umsehen, um dann zu sehen, was ich schreiben will. Ich bin ursprünglich der Blog-Idee eher abgeneigt gewesen: Blog hat sowas von "nur sehr kurze Zeit aktuell"-Sein an sich, so eine vorsätzliche Produktion von elektronsischem Zeitungspapier statt elektronischem Buchpapier. Und als Philosophierender möchte man doch, wenn schon nicht etwas völlig Zeitloses, so doch etwas länger Anhaltendes und längere Zeit Aktuelles von sich geben. Schon um unserer Gesellschaft, die auch im geistigen Bereich eine Wegwerfgesellschaft ist, etwas entgegenzusetzen. Auf der anderen Seite aber sucht man natürlich auch das Gespräch, schon um zu erfahren, was andere philosophisch Gesinnte und Menschen mit philosophischen Unruhen denken. Gewiss, man könnte immer die Klassiker lesen, da hätte man wenigstens etwas Gutes zu lesen. Aber was mich interessieren würde: Ob es eigentlich wirklich so etwas wie eine philosophische Diskussion in der Gegenwart gibt? Gibt es das - oder macht ein jeder nur so vor sich hin? Umso mehr würde mich das interessieren, da sich meine Vorstellung von Philosophie in einem kurzen Satz zusammenfassen lässt: Philosophie ist philosophieren. Und damit stürzt natürlich schon alles über mir zusammen, weil unser gesamter Wissenschafts- und Universitätsbetrieb umgekehrt funktioniert. Nirgendwo steht da das Denken, Lernen oder Forschen im Mittelpunkt, sondern überall nur die Forschungsergebnisse. Nun, die Gesellschaft verdient freilich Forschungsergebnisse und ein Mittel gegen Krebs oder sonst alle denkbaren Innovationen. Aber in der Philosophie auf die Ergebnisse des Denkens zu setzen, das bedeutet: Die Professionellen der Philosophie, die Philosophen und Philosophieprofessoren philosophieren für und anstatt des gewöhnlichen Menschen, sie repräsentieren die Philosophie und erklären dem gewöhnlichen Menschen die Denkergebnisse zu denen sie gekommen sind - und der gewöhnliche Mensch denkt dadurch nicht. Weil es ja auch gar nicht vorgesehen ist. Was haben wir nur für eine un-, antiphilosophische Gesellschaftsordnung? Und über was haben Philosophierende in einer solchen antiphilosophischen Gesellschaftsordnung in Blogs zu reden? Worüber gelüstet es sie zu reden? Und wie verständigt man sich beim Diskutieren in Blogs darüber, ob das Philosophie ist, was man da tut? Das würde mich interessieren

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