Bericht über die Veranstaltung „Grundlegung zum Aufbau einer philosophischen Schule“

von philohof E-Mail

Link: http://www.philomedia.at

Am 22. April 2015, 19 – 21 Uhr gestaltete ich eine philosophische Abendveranstaltung in der Reihe „Philodrom“ im Club PhiloMedia, Josefsgasse 1, 1080 Wien. Das Thema waren grundlegende Gedanken zum Aufbau einer philosophischen Schule. Die Veranstaltung war gut besucht und erfreute sich lebhafter Teilnahme und Diskussion.

 

1. „Was ist Arbeit?“ (als philosophisches Spiel)

Den Abend begann ich mit dem Spiel „Was ist Arbeit?“, das für den Sprachunterricht in Deutsch erfunden worden ist. Es handelt sich dabei um eine Übung, die Beispiele wie „Eine Angestellte wartet auf der Toilette auf das Ende ihrer Arbeitszeit.“, „Bauern kippen Obst ins Meer.“ oder „Ein Hund bellt den Briefträger an“ bringt und jeweils fragt, ob das Arbeit ist. Bei dieser Übung ist kaum möglich, in der Gruppe zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Der einzelne Mensch jedoch kann durch Nachdenken durchaus mit sich selbst darüber ins Reine darüber kommen, was er denn nun für Arbeit hält und nach welchem Kriterium, wenn er sich diese Beispiele vorlegt. Allerdings bezeichnen heute viele Menschen eine Tätigkeit, die kein gemeinsames Ergebnis hervorbringt, als „etwas, bei dem nichts herauskommt“.

Mit diesem Spiel wollte ich zeigen, wie das Urteil vieler Menschen Tätigkeiten, die zur individuellen Orientierungsfindung durchaus beitragen können, entwertet.

 

2. Warum es heute nicht erlaubt ist zu philosophieren

 

Als nächstes formulierte ich mein brennendstes Bedürfnis im Leben: „Ich möchte philosophieren.“ – und erklärte, warum mir das Philosophieren heute gar nicht erlaubt zu sein scheint. Freilich ist es nicht in der Weise verboten, dass man dafür bestraft würde, sondern eher in der Weise, als hätte man den Wunsch, schwimmen zu gehen und es gäbe kein Schwimmbad.

 

a) Arbeitsteilung und Expertentum

Wir glauben heute, dass nur Experten eine Tätigkeit ordentlich ausführen können. Wenn der Laie daher philosophiert, wird man sagen: „Mach dich doch nicht lächerlich! Überlass das den Liessmanns, Pfallers, Zizeks und Sloterdijks, die können das besser!“

b) Die Weigerung, Philosophie als Tätigkeit aufzufassen

Philosophie wird heute nicht mehr (wie in der Antike) als Tätigkeit gesehen, sondern als die Menge aller philosophischen Erkenntnisse oder als Wissen über Philosophie. Auf diese Weise wird die Philosophie verdinglicht und vom Menschen getrennt. Wenn Philosophie keine Tätigkeit ist, macht es für den philosophischen Laien keinen Sinn zu philosophieren – es ist dann kostengünstiger und effektiver, wenn die professionellen Philosophen philosophieren und wir uns hinterher ihre philosophischen Einsichten anhören.

c) Die Verehrung der objektiven Erkenntnis

Unter objektiver Erkenntnis verstehen wir die Haltung, dass die Gegenstände unserer Erkenntnis auch unabhängig von unserer Erkenntnis existieren. Allerdings geht das Streben nach objektiver Erkenntnis auch oft mit einer Bevorzugung von Themen einher, die „von allgemeinem Interesse“ sind. Das „allgemeine Interesse“ oder die „gesellschaftliche Bedeutung“ ist gewissermaßen die Entsprechung der Objektivität, wenn es um die Wahl des Forschungsprojekts geht. Auf diese Weise führt der Wert der objektiven Erkenntnis mittelbar zu einer Entwertung von Erkenntnisinteressen, die bloß der Orientierung der eigenen Person in der Welt dienen.

Diese drei in der gegenwärtigen Gesellschaft allgemein geteilten Grundhaltungen lassen erkennen, auf welche Weise das Philosophieren heute verboten ist. Der Glaube ans Expertentum setzt den philosophierenden Menschen dem Vorwurf der Unprofessionalität aus. Der Glaube, wonach Philosophie im Wissen aus dem Fach Philosophie besteht, drückt sich in der Verständnislosigkeit der Menschen gegenüber dem aus, was ein Mensch tut, wenn er philosophiert: Ein eigenes Geistesleben haben – braucht man das überhaupt? Die Verehrung der Objektivität lässt den Menschen die Fragen, die ein philosophierender Mensch stellt, um Orientierung in der Welt zu gewinnen, als irrelevant und überflüssig erscheinen, weil das Orientierungsbedürfnis eines einzelnen Menschen nicht von allgemeinem Interesse ist.

Aus alldem folgt: Philosophieren ist nicht direkt verboten, aber es ist eigentlich nicht vorgesehen. Und vom Gefühl her – insbesondere, wenn man anderen Menschen vom eigenen Philosophieren erzählt – ist es so ähnlich wie wenn man einen Hund gegen den Strich bürstet.

3. Das private Erkenntnisprojekt

 

Im Anschluss daran erklärte ich das Leistungsangebot der philosophischen Praxis, für die Sascha Nageler und ich 2010-11 im Rahmen des WIFI „Management College“ einen Businessplan erstellt haben.

Das Leistungsangebot besteht in der Begleitung von KlientInnen bei der Durchführung eines privaten Erkenntnisprojekts.

Mein Lieblingsbeispiel für das private Erkenntnisprojekt ist die Erstellung eines privaten Lebenslaufs. Wir erstellen Lebensläufe immer für Andere, meistens für potenzielle Arbeitgeber. Aber ein Lebenslauf übt auch auf uns selbst eine Wirkung aus, die einem Spiegel vergleichbar ist. Aus diesem Grund wäre es gut, als Gegengewicht zum offiziellen Lebenslauf auch einen privaten Lebenslauf zu verfassen, in dem nur jene Handlungen und Vorkommnisse aufgelistet sind, die für uns persönlich von Bedeutung sind. Ein solcher Lebenslauf könnte uns dabei helfen, verzerrte Bewertungen wieder zurechtzurücken und denjenigen von unseren Erfahrungen Wert zuzuschreiben, die wir auch tatsächlich hochschätzen wollen.

Moralische Unterstützung

In dem Leistungsangebot unserer philosophischen Praxis waren noch weitere technische Details enthalten, welche die Wirksamkeit der philosophischen Begleitung bei privaten Erkenntnisprojekten steigern, doch darüber will ich mir hier nicht verbreitern.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist noch, dass ich die moralische Unterstützung für den wesentlichsten Aspekt des Leistungsangebots unserer projektierten philosophischen Praxis halte.

Damit meine ich, dass man zum Klienten/zur Klientin sagt: „Du hast das Bedürfnis, ein privates Erkenntnisprojekt zu verfolgen, weil du es für deine persönliche Orientierung im Leben brauchst, aber deshalb bist du nicht verrückt. Ich weiß, dass alle Welt dich für verrückt hält, weil es sich gegen alles richtet, was dir unsere Gesellschaft vorschlägt und nahelegt. Aber ich kenne dieses Bedürfnis auch, und es ist ja doch auch das eigentlich philosophische Bedürfnis!“

4. Warum eine philosophische Schule

 

Im Teil nach der Pause las ich einige Zitate aus Stefan Meraths Buch Die Kunst seine Kunden zu lieben vor. Es ging darin um die Konkurrenzstrategie des Selbstständigen im Gegensatz zu jener des Unternehmers. Der Selbstständige muss sich nach Merath spezialisieren und nach Innovationen suchen, die so komplex sind, dass er als einziger auf dem Markt sie anbieten kann. Der Unternehmer hingegen müsse sein Unternehmenskonzept so einfach halten, dass es von Mitarbeitern umgesetzt werden kann.

Ich schloss, dass ich nach Lektüre des Buchs von Stefan Merath meinen Wunsch, eine philosophische Praxis zu eröffnen, aufgegeben habe, weil es meinem Philosophiekonzept widerspricht, aus Philosophie etwas so Komplexes zu machen, dass nur ich allein es richtig verstehen und anbieten kann.

Ganz im Gegenteil geht es mir darum, mein Philosophiekonzept – das darin besteht, dass jeder Mensch selbst philosophieren kann – möglichst weit zu verbreiten, und dafür benötige ich ein einfaches Konzept.

Wenn es mir gelingt, mein Konzept des Philosophierens zu verbreiten, dann wird der Nutzen davon sein, dass es alle Menschen, die philosophieren wollen, leichter haben werden, weil es mehr Menschen geben wird, die überhaupt verstehen, was sie tun, wenn sie philosophieren, und die in der Lage sind, auf philosophische Äußerungen adäquat zu reagieren.

5. Aber keine Schule für Philosophie!

 

Aufgrund des Selbstständigenarguments von Stefan Merath erscheint es mir zielführender zu sein, eine philosophische Schule zu gründen als mich mit einer philosophischen Praxis selbstständig zu machen.

Eines allerdings dürft in dieser philosophischen Schule auf keinen Fall unterrichtet werden: Beschäftigung mit Philosophie! Denn unter Philosophie versteht man heute die Ersetzung des eigenen Denkens durch die Gedanken verstorbener Philosophen. In diesem Sinne ist Philosophie das absolute Gegenteil von philosophieren.

Gesucht sind also Menschen mit dem dringenden Bedürfnis zu philosophieren und einem gleichzeitigen Desinteresse an Philosophie!

Ob meine Zielgruppe das verstehen wird – wo sich doch die Menschen so leicht vom Schein der Worte täuschen lassen?

 

Mögliche Gründe, warum die Philosophie als Lebensform verschwunden ist

von philohof E-Mail

Link: http://www.amazon.de/Philosophie-als-Lebensform-Exerzitien-Weisheit/dp/3596155177

Zuletzt habe ich in den Texten „Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (1-6)“ darüber nachgedacht, wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass wir heute einem Menschen nicht mehr weiterhelfen wollen, wenn er uns von den Vorstellungen erzählt, die er sich gemacht hat, um irgendeine bestimmte Angelegenheit zu verstehen. Wenn wir in eine solche Situation kommen, in der uns ein Mensch mitteilt, was er sich ausgedacht hat, indem er sich mit einer bestimmten Fragestellung beschäftigt hat, dann reagieren wir heutigen Menschen gewöhnlich so darauf, dass wir seine Ideen so auffassen, als wären es nicht seine Ideen. Anstatt dessen behandeln wir das Gesagte als eine Aussage mit Anspruch auf objektive, universelle Gültigkeit – also als etwas, das nichts mehr mit dem Menschen zu tun hat, der es uns erzählt hat.

Dadurch, dass wir so vorgehen, verunmöglichen wir es, dass uns irgendjemand noch seine (oder ihre) Ideen erzählt. Das ist es, was ich mit den Ausdrücken „Verlust der Ideen“ und mit dem „Unverständlich-Werden, was Ideen sind“ zu erfassen versucht habe. Denn irgendwann einmal verstand man doch unter einer Idee die Idee eines Menschen! Freilich wurde auch schon vor langer Zeit der platonische Ideenhimmel geschaffen, wo die Ideen rumstehen wie nicht abgeholte Möbel in einem großen Möbellager. Aber abgesehen von philosophischen Abstraktionen dieser Art verstand man doch sehr wohl unter einer „Idee“ einen Einfall, den ein Mensch gehabt hat. Wie konnte es also dazu kommen, dass wir heutigen Menschen Ideen so behandeln, als wären sie frei schwebende Inhalte ohne Bedeutung und Relevanz für irgendeinen Menschen?

Auch die Philosophie ist zu einer rein theoretischen Angelegenheit geworden. Sie ist heute ein Gebilde von Theorien und Aussagen, die nur eine Funktion haben: wahr zu sein, zuzutreffen. Hingegen kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass ein Mensch sich zum eigenen Gebrauch mit Philosophie beschäftigt. Sich für Philosophie zu interessieren, weil man einen Bedarf an Orientierung für das eigene Leben spürt – undenkbar! Was ist das überhaupt: Ein Mensch, der sich lernend mit Inhalten beschäftigt und dann zu einem Menschen wird, der diese Inhalte in sich aufgenommen hat, der durch diese Inhalte in gewissem Ausmaß zu einem anderen Menschen geworden ist? Ist das nicht unvorstellbar? Speichern wir das Wissen in unseren Gehirnen denn nicht wie Computer und können es jederzeit wieder löschen, ohne dass irgendein anderer Teil von uns dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird?

Es gab allerdings einmal eine Zeit, da wurde der Philosophie der Zweck zugeschrieben, dass der Mensch mit ihrer Hilfe eine geistig-seelische Haltung erlangen könnte, mit der es sich leichter leben lässt. Damals war also Erkenntnis nicht folgenlos. Sondern sie schrieb sich in Gestalt einer Haltung in den menschlichen Körper ein. Der Mensch und seine Haltung einerseits standen der philosophischen Erkenntnis andererseits gegenüber. Und die philosophischen Einsichten wurden zur geistigen Haltung des Menschen, mit der er sein Leben bestritt. Das war sogar das Ziel des Philosophierens: eine geistige Haltung hervorzubringen. Durch ihre Verkörperung in Gestalt der geistigen Haltung war die Erkenntnis damals Erkenntnis für den Menschen – und nicht bloß: Erkenntnis, um wahr zu sein. Das Wissen war Wissen für den Menschen. Es war nicht dazu da, um einmal kurz gespeichert oder angewendet, sein Zweck war, den Menschen in seinem Denken, Fühlen und Wahrnehmen zu verändern.

Ja, über solche Dinge muss ich ganz langsam und ausführlich sprechen und darf dabei nichts voraussetzen. Denn die Vorstellung, dass sich ein Mensch mit etwas beschäftigt, weil er hofft, dass es ihm persönlich etwas bringt, erscheint in unserer heutigen Zeit als sehr merkwürdig. Wenn ich ein Bild für meinen Eindruck bezüglich des heutigen Verhältnisses des Menschen zum Wissen zu finden versuche, dann fällt mir Gore Tex dazu ein: Wir scheinen heute zu meinen, dass wir durch eine undurchdringliche Schicht vom Wissen getrennt leben, dergestalt dass es uns nicht einmal dann berührt oder verändert, wenn wir es durch Lernen in uns aufnehmen.

Philosophie als Lebensform – das gab es wirklich einmal!

Daran, dass das einmal anders war, daran erinnert sich Pierre Hadot in seinem Buch Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Wahrheit. Fischer, Frankfurt/Main 2011, 3. Aufl. (1981).

„Alle vorausgegangenen Beispiele machen uns die veränderte Perspektive deutlich, die bei der Interpretation und Lektüre der antiken philosophischen Werke die Bemühung schafft, diese Werke unter dem Blickwinkel der Vertrautheit mit den geistigen Übungen zu betrachten. Die Philosophie erscheint sodann in ihrer ursprünglichen Gestalt, nicht mehr als eine theoretische Konstruktion, sondern als eine Methode der Menschenformung, die auf eine neue Lebensweise und ein neues Weltverständnis abzielt, als eine Bemühung, den Menschen zu verändern.“ (S. 45)

Das gab es also wirklich mal: Eine Suche nach Erkenntnis, die nicht damit endete, dass die Erkenntnis richtig wahr, wahr war und mit der äußeren Realität übereinstimmte, sondern eine solche Suche nach Erkenntnis, die ein besseres Weltverständnis zum Ziel hatte, wodurch auch der philosophierende Mensch selbst zu einem anderen Menschen wurde.

Ich sage das jetzt einfach mal so dahin, denn ich denke mir ja: Wie stellt man sich das eigentlich heute vor: Worin sollte denn der Reiz der Philosophie liegen, wenn Philosophie sich darin erschöpft, dass man die Wahrheit findet und sie dann ganz einfach nur hat? Worin sollte ihr Reiz liegen, wenn die Wahrheit keine verändernde Kraft auf den Menschen ausübt, wenn die von ihr aufgefundene Wahrheit bloß eine Aussage bleibt, die mit der äußeren Realität eben halt mal so übereinstimmt? Wenn das so wäre, müsste auch ich den vielen Menschen zustimmen, die sagen, Philosophie erscheine ihnen als ein sinnloses und uninteressantes Unternehmen.

Aber früher einmal bot sie dem einzelnen Menschen die Möglichkeit, zu einer persönlichen Haltung der Welt gegenüber zu finden, mit der er besser leben konnte. Ich betone das so, denn ich stelle mir vor, wie die heutigen Menschen fragen: Was ist das, „eine persönliche Haltung gegenüber der Welt finden“, mit der man besser leben kann? Ich würde durchaus vermuten, dass das etwas ist, was sie gar nicht für möglich und wirklich halten, sodass es also für sie gar nicht existiert. Und insofern es für sie nicht existiert, insofern sie es also gar nicht für möglich halten, dass man sein Denken über eine bestimmte Frage ändert und dadurch seine Haltung zu ihr, existiert für sie auch die Philosophie in einer bestimmten Gestalt – nämlich als Philosophie der Lebensform – nicht.

Damit will ich sagen: Im Grunde hätte man die moderne wissenschaftliche, akademische Philosophie nicht erfinden müssen, wenn man nicht zuvor vollständig vergessen hätte, was Philosophie früher einmal gewesen ist. Wenn man nicht vollständig das Verständnis dafür, was Philosophie früher einmal gewesen ist, verloren hätte, sodass einem die Zeugnisse der alten Philosophie als hohl, sinnlos und nicht der Mühe wert erschienen, hätte man die Aufgabe der Philosophie nicht in einem völlig anderen Projekt suchen müssen. Man hätte also die gegenwärtige akademische Philosophie nicht erfinden müssen, wenn man noch etwas mit den Gedanken hätte anfangen können, dass philosophische Einsichten die geistigen Haltungen von Menschen beeinflussen sollen und dass die Formung geistiger Haltungen bei einzelnen Menschen eine sinnvolle Aufgabe ist.

Pierre Hadots Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform

Was aber war denn nun eigentlich der Grund für das Verschwinden der Philosophie als Lebensform. Pierre Hadot hat dafür seinen eigenen Erklärungsansatz:

„Erinnern wir uns kurz daran, wie diese Vorstellung [von der Philosophie als einem rein theoretischen und abstrakten Vorgang, Anm. philohof] entstehen konnte. Allem Anschein nach ist sie das Ergebnis des Aufgehens der philosophia im Christentum. Schon in den ersten Jahrhunderten stellt sich das Christentum selbst als philosophia dar, indem es sich die traditionelle Praxis der geistigen Übungen aneignete. Dies trifft vor allem für Clemens von Alexandria, Origenes, Augustinus und das Mönchswesen zu. Mit dem Aufkommen der mittelalterlichen Scholastik jedoch werden theologia und philosophia ganz deutlich voneinander unterschieden. Die Theologie wurde sich ihrer Eigenständigkeit als höchster Wissenschaft bewußt, und die Philosophie, ihrer geistigen Übungen beraubt, die von nun an zur Mystik und zur christlichen Moral gehörten, wurde zur „Dienerin der Theologie“ erniedrigt und hatte der Theologie begriffliches, also rein theoretisches Material zu liefern. Als die Philosophie in der Neuzeit ihre Autonomie zurückeroberte, behielt sie dennoch viele von der mittelalterlichen Auffassung ererbte Züge bei, vor allem ihren rein theoretischen Charakter, der sich sogar stetig weiter in Richtung auf eine immer größere Systematisierung entwickelte. Erst mit Nietzsche, Bergson und dem Existentialismus wird die Philosophie wieder bewußt zu einer Lebensform und einer Weise, die Welt zu sehen, zu einer konkreten Haltung.“ (S. 45, ebd.)

Ich wiederhole den Inhalt in vereinfachter Form: Im Mittelalter wurde die Philosophie von der Theologie aufgeschnupft, die geistigen Übungen – der Kern der antiken Philosophie – wanderte zur christlichen Mystik, und die Philosophie wurde auf die Funktion der Lieferantin theoretischer Rechtfertigungsargumente für religiöse Glaubensinhalte reduziert. In der Neuzeit entkam die Philosophie der Zange der Theologie, aber ihre Funktionsbeschränkung auf die Theorie blieb ihr.

Diese Erklärung finde ich plausibel und nachvollziehbar. Aber sie überzeugt mich nicht. Sie überzeugt mich deshalb nicht, weil es zwar sehr gut der Fall sein mag, dass es sich wirklich so zugetragen hat, wie Pierre Hadot das beschreibt, aber das erklärt nicht, warum die Wiedererweckungsversuche der Philosophie der Lebensform durch Nietzsche, Bergson und den Existenzialismus nichts fruchteten.

Andere Erklärungsansätze – erstens: Objektivität

Wenn man das Buch von Pierre Hadot liest, dann drängt sich einem noch ein weiterer Erklärungsansatz für das Verlustiggehen der Philosophie als Lebensform auf: das Streben nach Objektivität:

„Für Platon ist die Übung im Sterben eine geistige Übung, die darin besteht, die Perspektive zu wechseln, nämlich von einer von den individuellen Leidenschaften beherrschten Sicht der Dinge zu einer Weltanschauung überzugehen, die von der Universalität und Objektivität des Denkens bestimmt wird. Es handelt sich hier um eine Umkehr (metastrophe), die sich unter der Beteiligung der ganzen Seele verwirklicht. In dieser Perspektive des reinen Denkens erscheinen die „menschlichen, allzu menschlichen“ Dinge sehr geringfügig.“ (Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform, S. 32)

Aus dem Zitat wird deutlich – und das wissen wahrscheinlich viele Leute heute nicht – dass Objektivität früher einmal als Lebensform gedacht war. Und das funktioniert so: Man bläst sich selbst, indem man den Standpunkt des Universums einnimmt, zu universaler Größe auf und dann schaut man auf sich selber hinunter. Und dann sagt man aus dieser Vogelperspektive über sich selbst: „Ist das wichtig, was sich dieser kleine Wicht sich wünscht? – Nein! Wäre es schade um ihn, wenn er stürbe? – Nein!“ Die Perspektive der Universalität und Objektivität einzunehmen, ist Teil jener Exerzitien, die zum Ziel haben, sich im Sterben zu üben, d.h. sich darin zu üben, „in seiner Individualität und in seinen Leidenschaften abzusterben“ (ebd., S. 30). Und die Einnahme dieses universalen Standpunkts, von dem aus man selber und alles Menschliche sehr klein erscheint, hat man in der antiken Tradition (paradoxerweise) „Seelengröße“ (megalopsychia) genannt (ebd., S. 33). (Man müsste sie im Gegenteil wohl eher Seelenverkleinerung nennen, denn man schaut von oben auf sich herab und macht dadurch die eigene Seele klein.)

Allein schon deshalb, weil es ursprünglichen Sinn von „Objektivität“ enthüllt, macht es Spaß, dieses Zitat zu bringen. Wir heutigen Menschen glauben ja, Objektivität sei Voraussetzung für objektive, also wahre Erkenntnisse und dass wir also bloß der wahren Erkenntnisse wegen danach streben, objektiv zu sein. Weit gefehlt, der ursprüngliche Sinn der Objektivität bestand darin, eine objektive Haltung gegenüber sich selbst einzunehmen, das heißt, sich zu entselbsten, von oben auf sich hinunterzuschauen und sich selbst geringzuschätzen. Und ihr eigentliches Ziel bestand darin, den subjektiven Standpunkt zu bekämpfen, also die Wünsche und Ängste, die sinnlichen Wahrnehmungen und Genüsse, die den Mensch als organisches Lebewesen ausmachen, zu übersehen, sie nicht ernst zu nehmen und ihnen keine Existenzberechtigung zuzugestehen. Die objektive Haltung hielt man für nötig, weil man meinte, die subjektive Sichtweise beunruhige den Menschen nur, sie mache ihn parteiisch und seelisch unfrei, indem sie ihn seinen Leidenschaften ausliefere. Daher übte man sich Sterben, um die Leidenschaften abzutöten – und das Streben nach Objektivität war eine Übung im Rahmen dieses Versuchs der Selbstabtötung. Mir scheint aber nun nicht, dass meine Zeitgenossen dasselbe Ziel verfolgen, wenn sie heute die Objektivität hochhalten.

Mein Punkt ist nun der, dass man Objektivität zwar gemäß der platonischen Tradition als Lebensform (also als Übung der Selbstabtötung) pflegen kann, man kann sich in ihr aber genauso gut auch ohne Lebensform üben. Vielleicht ist es ja sogar die Überzeugung, dass alles Wissen, wenn es denn wahr sein soll, objektiv sein muss, die uns heutige Menschen davon überzeugt, dass es unmöglich ist, den Dingen gegenüber eine Einstellung anzunehmen, weil man – anstatt dessen, anstatt einer (subjektiven) Einstellung oder Haltung – objektives Wissen haben muss.

Mit Platon und Sokrates hat die Philosophie als Streben nach Objektivität begonnen, aber wahrscheinlich hat sich die Philosophie damit selbst ein Ei gelegt. Denn man kann zwar versuchen, objektiv zu sein, indem man den Standpunkt des Universums einnimmt (Thomas Nagels „view from nowhere“) und auf sich selbst hinunterschaut; aber viel eher verführt der Anspruch der Objektivität doch dazu, dass der Mensch zwar wahres Wissen für objektiv hält (denn sonst könnte es nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen), sich selbst aber für nicht zum Wissen fähig (denn sonst müsste er seine Subjektivität aufgeben und den Standpunkt des Universums einnehmen). Das Resultat dieses Zwiespalts ist, dass man als Einzelmensch das Wissen der Wissenschaft als Organisation überlässt (denn diese ist größer und mächtiger und für diese Aufgabe besser geeignet als der einzelne Mensch) und für die eigene Person in der Funktion als WissenschaftlerIn nur beruflich und ausschnittweise (innerlich der eigenen fachlichen Spezialisierung) am objektiven Wissen teilnimmt.

Ebendiese Schizophrenie scheint mir am ehesten das zu beschreiben, was wir heute praktizieren: Wir gehen in die Wissenschaft hinein und legen dabei den Alltagsmenschen in uns ab; dann kommen wir aus der Wissenschaft wieder heraus, trinken unser Bier und pflegen unsere Freundschaften, und dabei legen wir den Wissenschaftler in uns wiederum ab wie einen Arbeitsmantel. Das objektive Wissen ist zwar etwas, an das wir heutige Menschen zutiefst glauben und das auch unser Leben bestimmt, das aber nicht mehr unsere Lebenseinstellung bestimmt.

Andere Erklärungsansätze – zweitens: fehlende Incentives (Handlungsanreize) von gesellschaftlicher Seite

Diese Erklärung mag etwas für sich haben, denn sicherlich glauben wir heute so sehr an Objektivität, dass das Streben nach der richtigen Haltung oder Einstellung zu einer Sache keinen Sinn mehr für uns macht. Alle Haltungen und Einstellungen sind letztlich subjektiv, deshalb bemühen wir uns, das objektiv Notwendige ohne Haltung (d.h. neutral) zu tun: Objektivität passt für uns besser mit „keine Haltung haben“ zusammen als mit „eine objektive Haltung“ (= den Standpunkt des Universums) einnehmen.

Die von mir selbst Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform ist bislang nach wie vor diejenige, dass den Menschen die sozialen Anreize dafür fehlen, sich in eine Lebenseinstellung einzuüben oder sonst auf irgendeine Weise etwas für sich zu tun.

Menschen streben sehr oft nach dem, wofür ihnen die Gesellschaft Anreize oder Belohnungen anbietet. Doch wenn ein Mensch philosophisch an sich selbst arbeitet, indem er seine Persönlichkeit weiterbildet, ist das für soziale Anreizsysteme mit einer Reihe von Schwierigkeiten verbunden. Die erste Schwierigkeit besteht darin, dass man die philosophische Formung der einzelmenschlichen Persönlichkeit nicht objektiv beurteilen kann, weil sie im Inneren des Menschen stattfindet, man sie also nicht ordentlich sehen und objektiv messen kann.

Zweitens ist es vom Standpunkt der Nachhaltigkeit her gesehen problematisch, Anstrengungen in Menschen zu investieren, die als biologische Lebewesen gerade mal 80 oder 90 Jahre alt werden. Aus diesem Grund investieren wir lieber in Organisationen wie Goldman Sachs, die Harvard University oder den Österreichischen Gewerkschaftsbund, weil diese älter werden können als der Einzelmensch. Aus diesem Grund ist auch das wissenschaftliche Wissen lieber als das Wissen, das vom Einzelmenschen erlernt wurde, denn der Einzelmensch stirbt, doch das publizierte Wissen bleibt erhalten.

Drittens beurteilen wir heutzutage die Menschen mehr aus dem Blickpunkt von Organisationen als die Organisationen aus dem Blickpunkt ihrer Nützlichkeit für die Menschen. Diese Tendenz entsteht von alleine dadurch, dass wir in unserer Funktion als ArbeitnehmerInnen Anstellungen in Organisationen innehaben. Die Bedeutung unseres Arbeitsplatzes lässt uns alle jene Aspekte unseres Lebens, die für unser berufliches Leben nicht essenziell sind – gemeint sind alle Fortbildungstätigkeiten, die keine vorzeigbaren Zeugnisse und Zertifikate einbringen – als wertlos erscheinen.

Es mag noch weitere Ursachen dafür geben, warum die Philosophie als Lebensform verschwunden ist. Aber ich denke, alle Ursachen oder Begründungen, die man dafür vorbringt, werden Eines erklären müssen, nämlich: Warum die heutigen Menschen denken, dass die Beschäftigung mit dem Thema der Philosophie als Lebensform keine sinnvolle Aufgabe darstellt.

Das ist ja auch der Grund, warum mir Pierre Hadots Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform plausibel aber nicht ausreichend erscheint. Letztlich geht es hier um die Frage, was die antiken Menschen an der Philosophie als Lebensform gefunden haben und warum die heutigen Menschen es nicht mehr finden oder vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen können.

Sie können sich entscheiden! - Die Logik hilft Ihnen dabei!

von philohof E-Mail

Link: http://philosophieblog.de/philohof/replik-auf-helmut-hofbauers-sind-alle-menschen-philosophen-n-eine-vergeudete-gelegenheit

Unlängst ist mir vorgeworfen worden, ich sei „Anhänger einer binären Logik“. Das ist ein Vorwurf, der mich in ziemliche Verwirrung gestürzt hat, verstehe ich doch so gut wie gar nichts von Logik.

Das Einzige, das ich von Logik zu verstehen glaube, ist, dass sie mir schon oft geholfen hat, zu einer Entscheidung zu kommen. Sie dient mir als Schaufel, um mich aus dem Schlamm der Unentschlossenheit hinauszuschaufeln.

Und am wirksamsten von allen ihren Klingen oder Schaufelblättern ist das ausschließende „oder“.

Denn die meisten Menschen denken ja so, dass sie sagen: „Schwarz ist zugleich auch weiß.“

Zu diesem Schluss kommt man auf folgende Weise:

  1. Es kann ja nichts ganz schwarz sein, denn dann wäre es ja ein schwarzes Loch und würde uns alle verschlingen.
  2. Also müssen in dem Schwarz auch einige Grautöne vorhanden sein; und diese sind nur dadurch möglich, dass in dem Schwarz auch ein wenig Weiß ist.
  3. Wie viel Weiß in dem Schwarz nun tatsächlich vorhanden ist, ist diskutabel; als Ergebnis folgt, dass Schwarz zugleich auch weiß ist.

Bitte, Sie können gern auch so denken. Die Gefahr besteht bloß darin, dass Sie sich dadurch geistig immobilisieren.

Denn am Ende hat die anstehende Entscheidung ja häufig die Form:

  1. Ja, diese Suppe esse ich.

  2. Nein, diese Suppe esse ich nicht!

Mit einem Wort, das ausschließende „oder“ beruht darauf, dass mir nicht alles eins ist, dass mir also nicht alles gleichgültig/egal ist.

Der Begriff der „Philosophie“ als konkretes Beispiel

Beispielhaft dazu können wir den Philosophiebegriff auf http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie betrachten. Hier ist unter anderem zu lesen:

„Von anderen Wissenschaften unterscheidet sie [die Philosophie, Anm. philohof] sich dadurch, dass sie sich nicht auf ein spezielles Gebiet oder eine bestimmte Methodologie begrenzt, sondern durch die Art ihrer Fragestellungen und ihre besondere Herangehensweise an ihre vielfältigen Gegenstandsbereiche charakterisiert ist."


Und gleich im Anschluss ist das Folgendes zu lesen:

„Kerngebiete der Philosophie sind die Logik (als die Wissenschaft des folgerichtigen Denkens), die Ethik (als die Wissenschaft des rechten Handelns) und die Metaphysik (als die Wissenschaft der ersten Gründe des Seins und der Wirklichkeit). Weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die sich mit den Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns im Allgemeinen bzw. speziell mit den Erkenntnisweisen der unterschiedlichen Einzelwissenschaften beschäftigen.“

An dieser Stelle müsste nun eigentlich ein durchschnittlich intelligenter Mensch, der seine sieben grauen Zellen noch beieinander hat, sagen: „Also was jetzt? Entweder bestimmt sich die Philosophie dadurch, wie sie an verschiedene Themen herangeht und ist auf kein spezielles Gebiet beschränkt – oder aber sie ist dadurch bestimmt, womit sie sich beschäftigt und besteht also in Logik, Ethik, Metaphysik sowie Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Aber beides zusammen geht nicht! Ich lasse mich doch nicht dumm machen!“

Nur, erstaunlicherweise sagt das niemand! Wo sind die Menschen mit Hausverstand nur geblieben?

Gewiss, der Widerspruch wird in dem Wikipedia-Zitat ein wenig durch das Wort „Kerngebiete“ (statt einfach: „Gebiete“) abgemildert. Das muss aber niemanden davon abhalten, ihn zu sehen. Außerdem ist es nicht so, dass der Wikipedia-Eintrag lügen würde: Man hat ja im Laufe der Geschichte schon beide Interpretationen dessen, was Philosophie ist, zu verwirklichen versucht. Gut, aber man hat sicherlich auch schon versucht, Kühe zu reiten. Sie haben sich wohl nicht als ideale Reittiere herausgestellt.

Aufgabe: Versuchen Sie es doch mal für sich privat – Sie brauchen auch niemandem davon zu erzählen – sich zwischen den beiden obengenannten Philosophiebegriffen zu entscheiden:

  1. Philosophie bestimmt sich durch die Art, wie sie an Themen herangeht; sie ist auf kein Thema oder Gebiet beschränkt.

  2. Philosophie bestimmt sich durch ihre traditionellen Themen, die als ihre Kerngebiete angesehen werden: Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie.

Philosophie als Wissenschaft oder als Lebensweise

Der zitierte Wikipedia-Artikel enthält noch einen weiteren Widerspruch, den Sie ernst nehmen können, wenn das ausschließende „oder“ für Sie nicht bloß ein eine theoretische Angelegenheit ist, sondern ein Instrument, das Sie benutzen, um in ihrer persönlichen Lebenspraxis Orientierung zu gewinnen.

Im folgenden Zitat beschreibt Wikipedia den Zustand, in dem die Philosophie gegenwärtig angekommen ist, als „moderne Fachwissenschaft Philosophie“:

„Die moderne Fachwissenschaft Philosophie zieht ihre Rechtfertigung aus dem Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und Praxisgebiete hilfreich sein. Darüber hinaus betrachten die Philosophen die Erörterung ethischer Themen und Grundsatzfragen als ihr ureigenes Gebiet. Die Universitäten sind in ihrem Selbstverständnis gegenwärtig durch die Vermittlung der traditionellen philosophischen Disziplinen Logik, Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Philosophiegeschichte im Rahmen der Lehrerausbildung geprägt.“

Der Philosophie-Artikel auf Wikipedia vergisst aber auch nicht, darauf hinzuweisen, dass es daneben auch noch ein anderes Philosophieverständnis gibt (oder einmal gab):

„Bei dem auf individuellen Nutzen gerichteten Philosophieren sind vor allem zwei Arten oder Ausrichtungen zu unterscheiden: Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen und die Fähigkeit zu sinnvoller gedanklicher Einordnung alles Begegnenden begünstigen. […] Demgegenüber legt die Philosophie als Lebensweise den Akzent auf die Umsetzung der Ergebnisse philosophischer Reflexion in die eigene Lebenspraxis.“

Jetzt haben Sie wieder die Wahl: Philosophie ist

  1. eine Fachwissenschaft;

  2. eine Lebenspraxis.

Aber vielleicht muss ich in dem Punkt ein bisschen helfen. Mir scheint nämlich, dass meine Zeitgenossen für diesen Unterschied ganz besonders blind sind. Oft kommt mir vor, ich bin der Einzige, der ihn sehen kann. Glauben die Leute wirklich, eine Fachwissenschaft sei eine Lebensweise, und eine Lebensweise eine Fachwissenschaft?

Den Schlüssel findet man, wenn man die Details aufmerksamer liest: „…aus dem Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und Praxisgebiete hilfreich sein“ – will besagen: Man bietet hier einen Service für andere Fachdisziplinen und eben NICHT für die Menschen. „Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen…“ – umgekehrt geht es hier nicht um die lebenspraktischen Bezüge der Philosophie als Fachdisziplin, sondern um die von einzelnen Menschen, die philosophieren.

Die Konsequenzen

Jetzt haben Sie zweimal die Wahl gehabt. Mithilfe der Logik konnten Sie sich entscheiden. Indem Sie das ausschließende „oder“ verwendet haben („Es ist entweder das Eine oder das Andere, aber nicht beides zugleich!“), haben Sie gezeigt, dass Ihnen nicht alles vollkommen wurscht (egal, gleichgültig) ist.

Der Ausdruck, dass „mir etwas Wurst ist“ kommt ja daher, dass bei einer Wurst alles klein gemahlen wird und in die Wurst hineinkommt – da kann man dann nicht mehr unterscheiden, was davon man essen will und was nicht: In der Wurst ist es ununterscheidbar.

Umgekehrt erweist sich auch der Wikipedia-Artikel über Philosophie als so etwas Ähnliches wie eine „Wurst“: Da wird alles erwähnt, was einmal der Fall gewesen ist, und sein Gegenteil auch. Es ist darin keine Bemühung erkennbar, dass man versuchen würde zu unterscheiden und herauszuarbeiten, was Philosophie insgesamt realistischer Weise am ehesten sein könnte.

Der Wikipedia-Artikel sagt Ihnen darum auch nicht, was Philosophie ist. Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe. Und das Mittel dazu ist das Nachdenken.

(Aber wissen die meisten Menschen nicht: Sie glauben, der Wikipedia-Artikel – oder sonst irgendein Enzyklopädieartikel – sage ihnen, was der darin beschriebene Gegenstand wirklich sei. Vielleicht kommen wir also in gewissem Ausmaß auch durch die Wörterbuch- und Enzyklopädieartikel zu unserem „Schwarz ist zugleich auch weiß-Denken“?)

Wie gesagt, nun haben Sie sich also entschieden. Und ich habe Ihnen dabei die freie Wahl gelassen. Gewiss habe ich meine eigenen Präferenzen in diesen beiden Wahlen, aber ich die habe ich aus dem Spiel gelassen. Es geht mir an dieser Stelle einzig und allein darum, dass die Angelegenheit mit der Anwendung der Logik erst dann lustig und interessant wird, wenn Sie nun aus Ihren beiden Wahlen auch die Konsequenzen ziehen und diese Konsequenzen zu Ihren persönlichen Überzeugungen machen!

Ziehen Sie die Konsequenzen entsprechend Ihrer Entscheidungen!

  1. Ein Philosoph ist ein Mensch, der etwas von Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie versteht, aber nach keiner philosophischen Lebensweise sucht.

  2. Ein Philosoph ist ein Mensch, der nach einer philosophischen Lebensweise sucht, aber nichts von Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie versteht.

  3. Philosophie ist es, wenn ein Mensch einen Beitrag zu den Fächern Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie leistet, aber nicht nach Weisheit strebt

  4. Philosophie ist es, wenn ein Mensch nach Lebensweisheit strebt, aber keinen Beitrag zu Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie leistet.

 

Aufgabe: Und nun bilden Sie entsprechend Ihrer Wahl konkrete Sätze.

Finden Sie Menschen oder Taten von Menschen, die Sie entsprechend Ihrer Wahl als „Philosophen“ oder als „philosophisch“ bezeichnen würden! Lassen Sie sich nicht von Ihrer Einschätzung irritieren, dass niemand sonst außer Ihnen gerade diese Person oder gerade diese Handlung oder Leistung als „philosophisch“ bezeichnen würde. Sobald Sie zu denken beginnen, sind Sie auf sich gestellt!

Wie Sie sich entscheiden, ist mir gleich. Aber Sie können sich entscheiden. Und das Mittel dazu gibt Ihnen die Logik in die Hand! Und dieses Mittel, diese Möglichkeit ist mir nicht gleichgültig, sondern sehr wichtig. Vielleicht bin ich also wirklich ein "Anhänger einer binären Logik"? Weil mir nicht alles wurscht ist.

Replik auf Helmut Hofbauers: Sind alle Menschen Philosophen? – eine vergeudete Gelegenheit

von philohof E-Mail

Link: http://philosophieblog.de/philohof/sind-alle-menschen-philosophen-n-eine-vergeudete-gelegenheit

von:

Leo Zehender

www.philosophischepraxis.at

 

Ob alle Menschen Philosophen sind, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob mein Vortrag gut war. Aber „eine vergeudete Gelegenheit“ war er wohl kaum. Schon allein die von Helmut Hofbauer so emotional vorgetragene Kritik zeigt dies aus meiner Sicht recht deutlich.

Im Folgenden möchte ich zu einigen Kritikpunkten von Helmut Hofbauer Stellung nehmen. Ich setze dabei voraus, dass man/frau seine Kritik kennt, denn anders ist meine Replik darauf nicht verständlich. Ich bin nämlich ein fauler Mensch und wollte ihn nicht permanent wiedergeben bzw. seine schon formulierten Gedanken neu eintippen. Aber so lange ist ja sein Text auch wieder nicht, so dass schon klar werden sollte, worauf ich konkret antworte.

Ich werde auch nicht auf alle Kritikpunkte eingehen, sondern nur auf jene, die für Personen, die bei der Veranstaltung gar nicht anwesend waren, einen Sinn machen oder zumindest spannend zu lesen sein könnten. Schon gar nicht sind meine folgenden Zeilen eine „Verteidigungsrede“. Mir geht es viel mehr darum, ein paar „Klarstellungen“ vorzunehmen, die in Hofbauers Text aus meiner Sicht fehlen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass ich meinen Vortrag nicht vor Fachphilosophinnen und Fachphilosophen gehalten habe, sondern vor bildungsbürgerlichem Publikum.

Nun aber zur Sache:

1.

Ob alle Menschen Philosophen sind, hängt von unserem „Philosophie-“ respektive Philosophenbegriff“ ab. Wenn man die „Alltagsphilosophie“ mit einbezieht, sind das wohl alle Menschen. Und das weiß natürlich auch Helmut Hofbauer, noch dazu, wo er ja meinen Vortrag gehört hat.

2.

Helmut Hofbauer hat mein Vortrag nicht nur „enttäuscht“ und „gekränkt“ (siehe Absatz 2), sondern auch „unglücklich“ gemacht, wie dem 4. Absatz zu entnehmen ist. Letzteres wiederum aus zwei Gründen:

A.

Ich hätte zur Thematik nur sehr bekannte Philosophen und keine anderen (wen eigentlich?) zitiert und würde mich dadurch „automatisch dem Urteil der Anderen und der Tradition“ ausliefern.

Diese Vorhaltung entbehrt jeglicher Grundlage. Kein vernünftiger Mensch liefert sich heute automatisch dem Urteil der „Anderen und der Tradition“ aus, nur weil er/sie Gedanken von bereits verstorbenen PhilosophInnen zur Diskussion stellt. Man muss sich doch deswegen nicht von diesen Gedanken abhängig machen. Aber vielleicht ist ja auch einmal etwas Spannendes dabei? Nur weil jemand nicht zu den bekannten Philosophen zählt, bedeutet das ja wohl auch noch nicht, dass dessen Gedanken von vorneherein die besseren wären.

Ich frage mich, warum Helmut Hofbauer überhaupt Philosophie studiert hat und in diesem Fach promovierte, wenn ihm an der Meinung dieser alten „Schackln“ (ein Lieblingszitat meiner Lebensgefährtin, die Soziologin ist) so wenig liegt?

B.

Der zweite Grund, der Helmut Hofbauer „unglücklich“ macht, ist genau genommen wohl eher ein „Gründebündel“:

Im 6. Absatz wirft er mir eine mangelnde „Zielgruppenbestimmung“ vor – ich konnte aber seinen weiteren Ausführungen in diesem Absatz leider nicht entnehmen, was er damit meint.

Dafür habe ich seine Anregungen zur Sprachgestaltung im 7. Absatz sehr gut verstanden. Sie haben mich sofort an Argumentationstechniken in der universitären „Nach-68er-Linken“ (und zum Teil auch in der damaligen stalinistischen Linken) erinnert. Hofbauer hat mit diesen Personenkreisen nichts zu tun, das weiß ich, aber seine Argumentation ist doch verblüffend ähnlich.

„Wir reden nicht vom Sozialismus, weil sonst laufen uns die Leute davon“ – sondern taufen das Kind auf „partizipative“, „direkte“, „emanzipatorische“ oder „gesellschaftliche“ Demokratie um. Nun, der Ansturm der „Werktätigen Massen“ auf die damalige Linke hat sich trotzdem in Grenzen gehalten, weil ganz so blöd waren diese „Massen“ auch wieder nicht.

Ob es heute für einen Philosophischen Praktiker am Markt zweckdienlich sein kann, das Wort „Philosophie“ nicht mehr in den Mund zu nehmen, weiß ich nicht. Aber einen übertriebenen „Kundenansturm“ würde ich mir bei einer solch raffinierten Marketing-Strategie auch nicht erwarten.

3.

Also, die neuen Sprachregelungsvorschläge von Helmut Hofbauer halte ich für etwas naiv. Dafür gebe ich ihm aber wirklich Recht, dass man mit Menschen, die niemals Philosophie studiert haben, wunderbar philosophieren kann und es weit besser ist, dies zu tun, als ununterbrochen das Wort „Philosophie“ im Munde zu führen.

4.

Die „Hendl-Metapher“ im 8. Absatz finde ich äußerst nett – und aus wissenschaftskritischer Sicht auch sehr treffend formuliert! Allerdings fühle ich mich durch dieses Bild persönlich nicht angesprochen, weil ich ja diese „Differenzierungswut“, die für die Universitätsphilosophie zuweilen typisch sein mag, kaum teile. Schon gar nicht sortiere ich die sprachlichen „Körndl“ neu, um das jeweilig richtige „Hendl“ einzufangen. Ich sortiere daher auch das Wort „Philosophie“ nicht aus meinem Sprachschatz aus, nur weil ich eine Person treffe, die sich für „Neurowissenschaft“ interessiert.

5.

Ich glaube, dass Helmut Hofbauer seine treffliche „Hendl-Metapher“ selber etwas ernster nehmen sollte. Denn im 9. Absatz verteilt er die „Körndl“ schon wieder neu, um wohl endlich seiner geliebten „Zielgruppenfrage“ ein Stück näher zu kommen (letztere hat bei meinem Vortrag überhaupt keine Rolle gespielte; insofern verstehe ich auch, dass Helmut Hofbauer enttäuscht war).

6.

Helmut Hofbauer scheint ein Anhänger einer vorwiegend binären Logik zu sein, die bei einem Programmierer beruflich durchaus angebracht sein mag (spätestens aber, wenn dieser persönliche oder gar gesellschaftlich Probleme lösen möchte, würde ich auch diesem einen etwas weniger reduktionistischen Zugang empfehlen), bei einem Philosophen und Romanisten aber doch einigermaßen verwundert. Denn anders könnte er ja im vorletzten Absatz wohl kaum auf die Idee kommen, dass ich Epikur das „Philosophsein“ absprechen müsste, nur weil ich der Auffassung bin, dass sich heute Philosophinnen und Philosophen in die öffentlichen Diskurse mehr einbringen sollten.

7.

Dafür stimme ich aber mit Helmut Hofbauers letztem Absatz überein – beziehe ihn jedoch in dieser Form nicht auf meinen Vortrag, der ja ein sokratisch-mäeutisches Strickmuster trug – mit dem die Anhänger einer vorwiegend binären Logik aber vielleicht wirklich nicht viel anfangen können. Mir ging es jedenfalls darum, die Inhalte so aufzubereiten, dass man sich nachher auch eine einigermaßen gut begründete eigene Meinung bilden bzw. einer solchen ein Stück näher kommen kann.

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (6)

von philohof E-Mail

Link: http://www.bibliotekacyfrowa.pl/Content/14681/Bezugspunkt_Gesellschaft.pdf

Ich weiß, es ist schön langsam Zeit, mit diesem Thema zu einem Ende zu kommen.

Aber ich habe eh nur noch dies eine zu sagen.

Und zwar gehört es zu meinen persönlichen philosophischen Methoden, am Ende einer Untersuchung die Fragestellung noch einmal umzudrehen, also nicht zu fragen: Wie wird es sein, wenn das Konzept der Ideen unverständlich geworden ist? – sondern: Was wäre, wenn man sich heute der Ideen wieder erinnern würde?

Wobei ich unter „Ideen“ im Zyklus dieser Untersuchung verstehe, dass man mit einer Idee einen Gedanken meint, den ein Mensch sich ausgedacht hat, um damit eine Frage zu klären, die er selber hat, oder ein Problem zu lösen, das ihn selber beschäftigt. Und wenn er diese Idee einem anderen Menschen mitteilt, dann darum, um diesem anderen Menschen damit mitzuteilen, was er selber denkt und was ihm selber wichtig ist.

Dieses Verständnis dessen, was Ideen sind, ist heute verlorengegangen. Das Wort gibt es zwar noch, aber wenn heute Menschen ihre Ideen mitteilen, dann sprechen sie nicht mehr über etwas, das sie selber interessiert, sondern über etwas, das von allgemeinem Interesse ist. Und sie formulieren mit ihren Ideen auch nicht Lösungsansätze für Fragen und Probleme, die sie selber haben, sondern solche, die allgemeingültig und also für alle Menschen wahr sind.

Der Irrtum oder das Vorurteil, das mir hinter dieser Vorgangsweise zu stecken scheint, findet sich in aller Wissenschaft und besteht darin, dass man glaubt, dass das, was für alle Menschen wahr ist auch für den einzelnen Menschen interessant sein müsse.

Ich bin erst vor gestern zufälligerweise auf meine Dissertation Bezugspunkt Gesellschaft. Über die Geselligkeit und Ungeselligkeit der Menschen. zu sprechen gekommen, in der ich gezeigt habe, dass die Wissenschaft der Soziologie uns Einzelmenschen die Gesellschaft nicht erklärt, weil die einzelnen Menschen (z.B. Durkheim: Die sozialen Tatsachen seien wie Dinge (und eben nicht wie Menschen) zu betrachten) in der soziologischen Konzeption von Gesellschaft gar nicht vorkommen. Niklas Luhmann hat mit dem Titel seines Großwerks Die Gesellschaft der Gesellschaft sehr gut zum Ausdruck gebracht, was Soziologie eigentlich ist: Sie ist eine Disziplin, welche die Gesellschaft aus der Perspektive und den Erkenntnisinteressen der Gesellschaft beschreibt. Das heißt, sie beschreibt die Gesellschaft nicht aus der Perspektive der einzelnen Menschen. Und daraus folgt eben, dass der einzelne Mensch aus der Soziologie nichts, oder nur beschränkt etwas, oder wenn schon etwas, dann eigentlich entgegen der ursprünglichen Intention der Disziplin der Soziologie, lernen kann. Und diese Einsicht lässt sich auch auf die anderen Wissenschaften übertragen. Aber das nur am Rande.

Gut, es geht mir also in diesem letzten Abschnitt zum Thema des Verlusts der Ideen darum, die Fragestellung noch einmal umzukehren, sie zu kippen, und durch dieses Kippen die Relevanz begreiflicher zu machen, die dieses Thema für mich hat.

Was wäre also, wenn man sich wieder daran erinnerte, was Ideen eigentlich sind, und dass Ideen dafür da sind, um anderen Menschen die eigenen Gedanken mitzuteilen?

Nun, der erste himmelhohe Unterschied für mich persönlich wäre der, dass ich auf Philosophiekonferenzen wieder etwas verstehen würde. Wenn ich gegenwärtig philosophische Kongresse und Tagungen besuche, erlebe ich Vortragende, die vor mir sitzen und etwas erzählen, das sie selber nicht interessiert, die mir nicht einsichtig machen, warum die Inhalte, die sie vortragen, mich interessieren sollen, und die für Probleme von angeblich allgemeiner Relevanz Antwortvorschläge unterbreiten, welche diese angeblich lösen.

Wenn sich diese Menschen wiederum daran erinnerten, was Ideen sind, so würde ich anstatt dessen von ihnen erfahren, welche Gedanken sie wirklich interessieren, warum sie glauben, dass das auch für andere Menschen interessant sein könnte sowie jenen Lösungsvorschlag, welcher sie selber am ehesten überzeugt.

Wenn die Vortragenden auf Philosophiekongressen so zu mir sprächen, wüsste ich nach ihren Vorträgen, was sie über ein Thema denken, und sie könnten – je nachdem, ob ich mich mit ihren Einschätzungen bezüglich des Themas anfreunden kann oder nicht – zu positiven oder negativen Vorbildern für mich werden. Das heißt, ich wäre in der Lage eine eigene Position ihnen gegenüber einzunehmen und würde sie als Orientierungspunkte für meine eigenen Überlegungen gewinnen.

Dieser Unterschied wäre wie Tag und Nacht für mich. Philosophiekonferenzen wären plötzlich zu etwas nütze für mich. Gegenwärtig sind sie nur sehr beschränkt nützlich für mich. Ich nutze sie, um mich darüber zu informieren, über welche Themen man in der Fachphilosophie gerade diskutiert. Aber ich achte mittlerweile peinlich darauf, nur jeden zweiten oder dritten Vortrag zu besuchen und reichlich Zeit zur Erholung zwischen den Vorträgen einzuplanen, denn ich weiß: Nach einem jeden dieser Philosophievorträge bin ich entfremdet. Genauer: Ich bin wie tumb geschlagen. Ich habe selber keine Gedanken mehr, denn ich habe im Vortrag ja auch keine erzählt bekommen, die mich zu eigenen Ideen anregen hätten können.

Nach so einem Philosophievortrag auf einer Philosophiekonferenz ist jeweils das Schlimmste passiert, was einem Philosophierenden überhaupt passieren kann: Mein eigenes Geistesleben ist zum Stillstand gekommen. Der oder die Vortragende hat mich mit seinem/ihren unpersönlichen, unkonkreten, interesselosen Vortrag geistig abgedreht. Und ich benötige danach jeweils viel Zeit bei einem Kaffee und meinem Schreibbuch um meine eigene innere Stimme wieder zum Sprechen zu bringen. Denn sie ist dann verstört und will nichts mehr sagen. Aber solange sie schweigt, leide ich, denn in dieser Zeit denke ich nichts, ich habe keine Fragen und ich weiß auch nicht mehr, was mich interessiert.

Deshalb besteht der Besuch von Philosophiekongressen für mich im Wandel auf einem schmalen Grat zwischen Nutzen und Schaden verursacht durch das Anhören der Vorträge. Es ist an und für sich schon verwunderlich, dass Philosophievorträge schädlich für den Philosophierenden sein sollten. Aber so ist es eben leider nun mal wirklich, und das Einzige, was mir bleibt, ist, in der Praxis irgendwie damit umzugehen.

Jetzt mag es der Fall sein, dass Sie keine Philosophiekongresse besuchen. In dem Fall lässt sich dasselbe, was ich Vorigen sagen wollte, auch in allgemeinerer Form formulieren. Schließlich hatte ich Ihnen mit den Philosophiekongressen ja nur ein konkretes Beispiel geben wollen, damit Sie sich den Helmut bei einer Philosophiekonferenz bildlich vorstellen können, wie er bei einem Vortrag gelangweilt drinnensitzt, weil sein Interesse an dem Gesagten keinen Halt finden kann – was auch kein Wunder ist, weil der/die Vortragende seine/ihre Zuhörer gar nicht anspricht und dadurch auch nicht zu ihnen spricht, ihnen also auch nichts mitteilt.

(Kleiner Scherz am Rande: Kommunikation hat, nach Schulz von Thun, vier Funktionen: 1. Sachinhalt (Worüber ich informiere), 2. Selbstoffenbarung (Was ich von mir selbst kundgebe), 3. Beziehung (Was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen) und 4. Appell (Wozu ich dich veranlassen möchte.) (Vgl. Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden. Psychologie der Kommunikation, Band 1. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. S. 25-30.) Wissenschaft ließe sich in Bezug darauf definieren als der Versuch, Kommunikation auf die erste der vier Funktionen (Sachinhalt) zu beschränken. Daraus erhellt, warum wissenschaftliche Texte nichts mitteilen: Ich benötige nämlich auch die restlichen drei Funktionen einer Mitteilung (Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell), um sie überhaupt verstehen zu können. Ich benötige diese drei restlichen Funktionen auch, um mich von der Mitteilung überhaupt angesprochen zu fühlen; dann benötige sich sie, um mich selbst zu verstehen, wenn ich den Sachinhalt der Mitteilung verstehe; und schließlich benötige ich sie, um mir überhaupt eine Vorstellung davon machen zu können, was für ein Mensch man sein muss, um diesen Sachinhalt verstehen zu können. Im Grund tue ich mit dieser Serie von Postings über den Verlust der Ideen nichts anderes als diese drei fehlenden Funktionen der Kommunikation einzuklagen.)

Nun aber: Was wäre der Vorteil oder was wäre anders, wenn wir uns wieder daran erinnern würden, was Ideen sind?

Ich glaube, der bedeutendste Unterschied wäre der, dass man dann einen Menschen, der etwas ausspricht, was (noch) nicht ganz richtig ist, nicht gleich ganz plattmachen würde. Man würde ihn dann nicht in einer Weise kritisieren, die ihn beschämt und so sehr deprimiert, dass er von nun an auf Jahre hinaus nicht mehr den Mut finden wird, sich eine eigene Meinung – also eine eigene Idee – zu einem bestimmten Thema zu bilden.

Und warum würde man das nicht mehr tun? Man würde das deshalb nicht mehr tun, weil man mit dem Konzept der Idee eine Vorstellung hätte, die einen daran erinnert, dass jegliche Aussage nicht nur in universalen Dimensionen entweder wahr oder falsch sein kann, sondern dass sie auch in einem Bezug steht zu der Person, die sie geäußert hat. Und die Existenz dieses Bezugs würde man nun mithilfe des Begriffs der Idee wahrnehmen können, sodass man dadurch – hoffentlich – davon abgehalten wird, ihn gedankenlos zu zerstören.

Denn letztlich bringt der Bezug eines Gedankens zu dem Menschen, der sich diesen Gedanken gemacht hat, zum Ausdruck, wie weit dieser Mensch in seinem Denken bislang gekommen ist. Und das mag jetzt vielleicht nicht sehr weit sein (sodass die Kritik, die geäußert wird, zu Recht besteht), aber wenn man den Menschen durch rücksichtslose Kritik ganz platt macht, also psychisch völlig deprimiert, dann tritt dadurch nicht einfach die Wahrheit an die Stelle des Irrtums, sondern der Mensch wird mit seinem Denken wieder ganz zurück an den Start geschickt. Und wenn man ihn derart entmutigt, dann ist wahrlich die Frage, ob er darauf damit reagiert, indem er weiterhin sich redlich bemühen wird.

Allgemeiner gesprochen, wenn man sich an die Idee der Idee wiedererinnern würde, dann könnten Lernende in einem Bildungssystem das Gefühl haben, dass es auch um sie ein bisschen geht, dass man sie unterrichtet, um ihnen zu helfen und nicht zu dem Zweck, um ihnen Wissenskeulen zwischen die Beine zu werfen, über die sie stolpern sollen.

Man würde dann mit mehr Rücksicht gegenüber den lernenden Menschen vorgehen, weil man dann wüsste, dass die Ideen, die sie zum Ausdruck bringen, Ausdruck sind des Stadiums im Lernprozess, in dem sie sich gerade befinden. Indem man nicht einfach alle halbrichtigen Ideen bekämpft, als wären sie des Teufels, könnte man jene Zwischenschritte ermöglichen, die sich zwischen dem Noch-nichts-über-eine-Sache-Wissen und dem Die-Sache-ganz-und-gar-Verstehen befinden. Das sind jene Zwischenstufen, die für die Lernenden so wichtig sind, weil sie sich auf ihnen am verletzlichsten fühlen.

Zudem würde man eine Idee nicht mehr ausschließlich danach beurteilen, ob sie wahr ist oder falsch, sondern danach, ob ein Mensch etwas aus ihr lernt. Die Funktion einer Idee, dass sie nämlich dazu da ist, damit ein einzelner Mensch etwas aus ihr lernt, würde dann überhaupt erst zum ersten Mal wieder in den Blick kommen.

Kurz, wenn man sich wiederum daran erinnern würde, was Ideen sind, würde man Lernenden mit Rücksicht begegnen. Man würde sich ihnen gegenüber vorsichtig verhalten, um nicht das zu zerstören – ihre Bildung – woran sie mit großer Mühe arbeiten. Wenn man hingegen, so wie das heute der Fall ist, mit der Überzeugung agiert, dass Ideen nicht die Ideen von Menschen sind, sondern dass sie unabhängig von Menschen bestehen und nur den Zweck haben, den Wissensschatz der Menschheit zu erweitern, dann wird man ohne das kleinste bisschen Verständnis für die Lern- und Bildungsbemühungen der einzelnen Menschen sein. Das fehlende Verständnis für die Mühe der menschlichen Lernbemühungen führt zu einem rücksichtslosen Verhalten ihnen gegenüber, welches wiederum zur Folge hat, dass die Menschen Lernen bald mit negativen Emotionen assoziieren und es tunlichst vermeiden, wo es sich vermeiden lässt.

Nun ist es mir bewusst, dass es auch (viele) Menschen gibt, die das, was ich hier beschreibe, anders sehen, kurz: die schlicht gar kein Problem darin sehen, worin ich ein ziemlich großes und brennendes Problem sehe. Zu diesen Menschen kann ich nur sagen, dass ich sie nicht verstehe. Dass ich nicht begreife, wie sie funktionieren und empfinden.

Es sind das jene Menschen, die der Ansicht sind, es sei nicht nötig, dass Menschen sich ein eigenes Bild von einem Inhalt machen, den sie erlernen wollen, weil alle Inhalte in wahrer Gestalt in wissenschaftlichen Lehrwerken gespeichert sind und man sie sich einfach aneignen könne. Ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass man aus wissenschaftlichen Lehrwerken etwas lernen kann, weil sie nicht didaktisiert sind, weil sie nicht pädagogisch aufbereitet sind. Das Wissen in ihnen ist so dargestellt, wie es dem Bedürfnis des Faches entspricht, sich nach außen hin, gegenüber anderen Fächern und gegenüber der Öffentlichkeit, darzustellen. Aber wissenschaftliches Wissen als wissenschaftliches Wissen ist gewöhnlich nicht auf die Bedürfnisse von Lernenden zugeschnitten.

Wissenschaftliche Lehrwerke belasten den Lernenden gewöhnlich mit zu viel Detailwissen und bringen spezifisches Wissen jeweils zum falschen Zeitpunkt. Also jeweils nicht dann, wenn es eine Antwort auf eine Frage sein kann, die der Lernende gegenwärtig hat, sondern dann, wenn der Lernende es sich einfach merken muss, weil ihm noch jede Vorstellung von der Sache fehlt, die es ihm erlauben würde, eigene Fragestellungen zu entwickeln.

Ich persönlich gestehe, dass ich aus wissenschaftlichen Werken nichts lernen kann. Im Gegenteil, wissenschaftliche Werke machen mich dumm, weil ich bei ihrer Lektüre diejenigen Fragen vergesse, die ich gegenwärtig habe und mich dafür mit Inhalten beschäftige, die mich gegenwärtig nicht interessieren, weil ich ihre Relevanz noch gar nicht verstehe. Das englische Wort „dull“ wäre wohl der bessere Ausdruck dafür: Wenn ich wissenschaftliche Werke lese, werde ich gewöhnlich nicht gescheiter, sondern „dull“.

Infolge dieses Kippens oder Umkehrens meiner Fragestellung wird also schon deutlich sichtbar, dass es gewaltige praktische Konsequenzen hätte, wenn man sich an die Vorstellung von den Ideen wieder erinnern würde.

In der letzten Zeit ist mir für diese gewaltige Veränderung eine Formel eingefallen: „Wie wäre es, wenn man sich wiederum vorstellte, dass ein Mensch einen Gedanken denkt?“ Diese Formel beinhaltet, dass dieser Gedanke der Gedanke dieses Menschen wäre und dass er Ausdruck des Denkens dieses Menschen wäre. Gegenwärtig werden allgemein ja gerade die gegenteiligen Vorstellungen unterhalten: Wir meinen mit „Gedanken“ „Gedanken ohne Menschen, die sie gedacht haben“, und wir sehen in ihnen auch nur Gebilde, die bloß entweder wahr oder falsch sein können, aber nicht solche, die irgendeine Funktion für den Menschen, der sie hervorgebracht hat, haben.

Mir scheint, wenn man heutzutage den Gedanken wieder fassen könnte, dass „ein Mensch einen Gedanken denkt“, dann würde mit einem lauten Knall unsere gesamte gegenwärtige Zivilisation auseinanderbrechen und unser öffentliches Bildungssystem, welches auf den entgegengesetzten Prinzipien aufgebaut ist, würde vor Schmerz wie eine Rakete auffahren und ins All davonzischen. Es wäre das eine Revolution von einer Reichweite, wie wir sie uns gar nicht vorstellen können.

Auf der anderen Seite zeigt das Zurückkippen der Fragestellung aber auch, bis zu welchem Grad wir gegenwärtig unseren Begriff von dem, was eine Idee eigentlich ist, schon verloren haben.

In dieser Serie von Postings zu diesem Thema habe ich mir ja Gedanken gemacht, was sein würde, wenn er uns ganz und gar verloren ginge. Und die Antwort, zumindest für mich persönlich, lässt sich so zusammenfassen: Ich würde völlig orientierungslos werden. Und: Ich würde jedes Mittel verlieren, um meine Orientierung in der Welt zumindest teilweise zurückzugewinnen. Aber: Zum Teil haben wir die Idee der Idee ja schon verloren – und zwar, wie ich gezeigt habe, zeigt sich dieser Verlust umso mehr, je höher man in der Bildungshierarchie aufsteigt und je höher der Grad an Öffentlichkeit der Sprechsituation ist.

Mir scheint, das ist auch letztlich der Grund, warum man mit anderen Menschen passabel philosophieren kann, solange man es in einem privaten, entspannten Rahmen tut und es nicht „Philosophie“ nennt. Denn in so einem privaten Rahmen und solange sie nicht wissen, was sie tun, können Menschen ihre Gedanken ungeniert äußern, ohne sofort schneidende Kritik fürchten zu müssen. Sie können also dasjenige tun, was man an sich so tut, wenn man philosophiert. Ringen sie sich hingegen bei einer öffentlichen Philosophieveranstaltung zu einer Frage oder Bemerkung durch, so tun sie das immer mit der Angst, dass ihre Frage nicht wichtig oder relevant ist, weil es ja bloß ihre Frage ist. Und das geschieht nur, weil uns Heutigen die Vorstellung davon verloren gegangen ist, was eine Idee eigentlich ist oder sein sollte.

So, Schluss jetzt! Ich glaube ja nun nicht, dass mein Schreiben den gesellschaftlichen Lauf der Dinge ändern kann. Das bedeutet: Mit der Situation, wie sie gegenwärtig ist – mit diesem Halbvergessen-Sein und in besseren Kreisen Geächtet-Sein der Ideen – werden wir leben müssen. Und auch ich werde die restlichen Tage meines Lebens damit leben müssen.

Mit meinem Schreiben zu diesem Thema versuche ich nur, schriftliche Zeugnisse dafür zu schaffen, dass es die Idee der Idee irgendwann einmal gegeben hat. Und wenn mir hier Texte gelungen sind, in denen aus einigen Absätzen zumindest zaghaft herausleuchtet, worin diese Idee der Idee denn inhaltlich bestanden haben könnte, dann bin ich schon sehr zufrieden.

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