Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (5)

von philohof E-Mail

Ich suche nach Konkretisierungen meiner Gedanken. Denn jemand könnte mir vorwerfen, sie seien abstrakt und ungreifbar. Was soll das schon bedeuten: dass uns die Ideen abhandengekommen sein sollen? Was soll man sich darunter vorstellen? Meiner Meinung nach ist das ganz einfach: Es geht darum, ob man es einem Menschen gestattet, sich über eine Angelegenheit seine eigene Meinung – also eine eigene Idee – zu bilden oder nicht.

Aber wer soll einem denn das absprechen? Wir leben doch in einer freien Gesellschaft!

Ach so? Wirklich? Es könnte natürlich auch der Fall sein, dass man meint, es gäbe bestimmte Probleme einfach deshalb, bloß weil man sie nicht anspricht.

Betrachten wir einmal folgenden Fall. So behandelt die philosophische Erkenntnistheorie – insbesondere jene der Analytischen Schule der Philosophie – die Frage der Erkenntnis:

Gemäß der so genannten Standardanalyse des Wissens weiß ein Mensch S eine Proposition (also einen Satz) p genau dann, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind:

 

  1. Die Person S hält den Satz p für wahr;
  2. p ist auch tatsächlich wahr;
  3. und S ist gerechtfertigt (also hat Gründe dafür oder ist wie auch immer sonst gerechtfertigt) darin, p für wahr zu halten.

 

An die Standardanalyse des Wissens schloss sich das so genannte Gettier-Problem an, in dem Edmund Gettier im Jahr 1963 zwei Gegenbeispiele gegen die Standardanalyse des Wissens vorbrachte, in denen alle drei Bedingungen für Wissen zwar erfüllt sind, wir aber dennoch nicht sagen würden, dass es sich um Beispiele von Wissen handelt.

Im ersten Gettier-Gegenbeispiel ist die Meinung, die sich Smith bildet, die, dass sein Freund Jones einen Ford besitzt oder sein anderer Freund Brown in Barcelona ist. Ich weiß, dieses Beispiel ist merkwürdig, aber das kommt daher, dass die analytischen Philosophen (formale) Logik gelernt haben – aus dem Grund ist es verständlich, dass ihre Beispiele seltsam anmuten.

In den Jahrzehnten darauf sind zig Aufsätze und mehrere Bücher über das Gettier-Problem geschrieben worden, und das hatte meines Erachtens vor allem eine (unbeabsichtigte) Funktion: Indem man sich am Gettier-Problem erhitzte und abarbeitete, ließ man die Standardanalyse des Wissens in Ruhe.

Mit der Standardanalyse des Wissens ist aber meiner Meinung nach einiges nicht in Ordnung, und mir würden gleich mehrere Bedingungen für Wissen einfallen, die da fehlen. Aber was mich am meisten an ihr verblüfft, ist ganz etwas anderes: nämlich dass man auf eine Grundbedingung und Voraussetzung für die anderen Bedingungen völlig vergessen hat:

Auf die Bedingung, dass man es der Person S überhaupt zuerst einmal gestattet, sich eine Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden, die sie für wahr halten kann.

Warum ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil in es in der Praxis einige häufig vorkommende Praktiken gibt, wie es dem einzelnen Menschen verboten wird, sich eine eigene Vorstellung – oder wie ich es im Zyklus dieser Texte nenne: eine eigene Idee – von einer Sache zu machen:

1) Da ist zum Ersten die Option, dass man dem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abspricht.

Das geschieht häufig dadurch, dass man sagt, er sei nicht qualifiziert zu dieser Art von Erkenntnis. Es läuft in der Praxis darauf hinaus, dass er kein Zeugnis vorweisen kann, welches ihn berechtigt, diese Art von Erkenntnis zu machen. Man sagt also z.B., Smith habe nicht Wirtschaftsgeschichte studiert und sei daher nicht in der Lage, einen Ford von einer anderen Automarke mit Sicherheit zu unterscheiden. Dieses Beispiel war für die Nichtakademiker. Bei den Akademikern spielt sich dasselbe Spiel eine Ebene höher ab: Dort gelten die Magister und Doktoren als die geistig Minderbemittelten, die zu schweigen haben, wenn ein Habilitierter spricht. Man würde also sagen, Smith habe sich nicht im Fach Geografie habilitiert, er sei daher nicht qualifiziert zu beurteilen, ob Brown sich in Barcelona befinde oder nicht.

2) Zum Zweiten ist es auch sehr beliebt, jemandem die Erkenntnisfähigkeit aufgrund eines Mangels in seiner Erkenntnismethode (oder überhaupt: aufgrund mangelnder Methodik in seiner Erkenntnis) abzusprechen.

Man sagt also beispielsweise, Smith könne gar nicht wissen, ob Jones einen Ford besitzt und ob Brown in Barcelona weilt, weil er das nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersucht habe, weil er die Daten nicht mit einer gesicherten Methode erhoben und sie nicht mit statistischer Rechnung untermauert habe. Außerdem sei bei einer Gruppe von zwei Personen natürlich das Untersuchungskollektiv viel zu klein, als dass man statistische Signifikanz erreichen könne. Der Vorwurf des Mangels an wissenschaftlicher Vorgehensweise trifft im Falle dieses konkreten Beispiels natürlich zu, deshalb erreicht dieser Vorwurf hier leicht sein Ziel. Allerdings ist zu bemerken, dass der Vorwurf des Mangels in der Erkenntnismethode immer darauf vergisst, dass im konkreten Leben und praktischen Handeln der Aufwand bei der Datenerhebung stets in einem Verhältnis zum Nutzen der Erkenntnis stehen muss. Smith hat in seinem Leben wahrscheinlich auch noch andere Dinge zu tun, als mit Sicherheit festzustellen, ob Jones wirklich einen Ford besitzt. Deshalb hat der Wissenschaftler, der den gewöhnlichen Menschen in Erkenntnisangelegenheiten kritisiert, fast immer Recht und tut ihm doch gleichzeitig schrecklich Unrecht.

3) Und jetzt kommen wir zum dritten Punkt, und das ist derjenige, der uns an dieser Stelle interessiert: Es geschieht auch häufig, dass einem Menschen die Vernunft und Erkenntnisfähigkeit abgesprochen wird, weil er seine Ideen nicht in der richtigen Weise formuliert.

Wie will man es denn haben, dass er seine Ideen formulieren soll? – Nun so, dass es so aussieht, als ob sie nicht seine Ideen wären. Eine beliebte Weise, dieses Ziel zu erreichen sind –ismen. Anstatt sich die Meinung zu bilden, Jones besitze einen Ford, sollte Smith besser einen „Jones-besitzt-einen-Ford-ismus“ vorschlagen und einen Barcelonismus von Brown vertreten. In der gegenwärtigen Philosophie werden eine ganze Reihe von –ismen diskutiert, und ihr Hauptzweck besteht darin, dass der Sprecher oder die Sprecherin allein dadurch, dass er/sie diese Sprechweise wählt, damit implizit behauptet: „Das ist nicht mein Problem, sondern ein Problem von allgemeinem Interesse, über das ich hier sprechen will.“

Nebenbei gesagt ist das auch der Grund, warum ich hier das Gettier-Problem diskutiere: Ob Jones einen Ford besitzt, ist nämlich gerade kein Problem von allgemeinem Interesse. Es ist das eine lokale, kontingente (also eine, die auch anders sein könnte) Einsicht von Smith, die eigentlich nur Smith interessiert. Und das trifft auf die meisten Erkenntnisse zu, die wir im Alltag machen: Die wenigsten von ihnen sind solche, bei denen es sich lohnt, sie in der Öffentlichkeit zu diskutieren und wissenschaftliche Erkenntnisse aus ihnen zu destillieren.

Eine zweite Möglichkeit der Enteignung von Ideen ist die, aus einer Einsicht oder Tatsachenvorstellung eine „Position“ zu machen. Bei theoretischen oder wissenschaftlichen Positionierungen stellt man sich gleichsam eine Landkarte vor, auf der alle möglichen Meinungen zu einer Fragestellung an verschiedenen Positionen auf der Karte eingetragen sind. Eine dieser Positionen vertritt man dann selbst, und indem man nicht seine eigene Idee vertritt, sondern eine (objektive) Position auf einem Feld oder einer Matrix möglicher Positionen, macht man sich ebenfalls zum Anwalt einer Angelegenheit von allgemeinem Interesse, deren Bedeutung von der Bedeutung der Fragestellung herrührt, nicht aber vom eigenen Involviertsein in sie. Smith würde in dem Fall also die Position vertreten, dass Jones einen Ford besitze im Gegensatz zu der Position, die man auch vertreten könnte, dass er einen Peugeot fährt oder einen Fiat. Und er würde dafür debattieren, dass sich Brown in Barcelona befindet, während sein Diskussionsgegner alle Argumente auflisten wird, warum Brown notwendigerweise in Brest-Litowsk sein muss.

Die ersten beiden Optionen, wie einem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abgesprochen hat, sind auch interessant, aber ich habe hier die dritte im Blick, wenn ich über die Frage nachdenke, ob uns gegenwärtig unser Begriff von dem, was eine Idee ist, nicht etwa vielleicht schon abhandengekommen ist.

Es geht mir darum, dass eine Vorstellung von einem bestimmten Sachverhalt ein Wissen nicht erst dann ist, wenn eine Person diese Vorstellung hat, sie auch wahr ist und die Person zusätzlich auch noch Gründe oder eine andere Art von Rechtfertigung dafür anzugeben weiß, warum sie diese Vorstellung aufrecht erhält. Zuerst – und vor diesem allem – muss man es diesem Menschen überhaupt einmal erlauben, sich eine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden. Bitte, es ist freilich auch möglich, es ihm ganz einfach nicht zu verbieten, in dem Fall braucht man es ihm nämlich auch nicht extra zu erlauben. Aber meine Beispiele zeigen, dass die Verbote bereits existieren und die Verbieter fleißig unterwegs sind, weshalb es nun doch nötig ist, es dem einzelmenschlichen Erkenntnissubjekt gesondert zu erlauben: „Du darfst dir in deiner Erkenntnis eine Tatsachenüberzeugung „…dass p“ bilden, die in der Folge wahr oder falsch sein kann und die sich hoffentlich als wahr herausstellen wird!“

Dazu gehört natürlich auch, dass man der erkennenden Person nicht grundsätzlich die Fähigkeit und Kompetenz, Erkenntnisse zu machen, abspricht, wie das sehr häufig geschieht. Und es gehört zu einer solchen Erlaubnis auch dazu, dass man es dem Menschen erlaubt, seine Erkenntnisse in einer Weise durchzuführen, wie es ihm im Alltag vom Zeitaufwand und Mitteileinsatz her zumutbar ist. Aber es gehört letztendlich eben auch dazu – und das scheinen viele Menschen nicht auf ihrem „Radar“ zu haben – dass man es dem Menschen erlaubt, sich Vorstellungen – oder wie ich es hier nenne: Ideen – von den Dingen zu bilden, die dann auch seine Ideen sind. Ebendas aber verbietet man ihm, indem man ihn zwingt, seine Ideen in eine ihm fremde Gestalt zu bringen und sie so zu formulieren, als wären sie nicht seine, sondern solche von allgemeinem Interesse.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen an diesem Punkt gar nicht wissen werden, wovon ich rede: „meine“ Idee, „seine“ Idee, „unsere“ Idee – ist es nicht gleich, wem eine Idee gehört? Hauptsache ist doch dass sie da ist, und dass sie richtig ist, denn dann dient sie uns allen!

Nun, auch mir geht es nicht so sehr darum, wem eine Idee „gehört“, sondern darum, dass die Person S versteht, was denn eine Erkenntnis denn überhaupt ist. Nämlich dass es zu einer Erkenntnis notwendig dazugehört, dass das Licht, dass sie mit einer einzelnen Tatsachenerkenntnis anzündet, es auch bewirkt, dass es bei ihr, in ihrem eigenen Bewusstsein, hell werde. Anders gesagt: Wenn die wahre und gerechtfertigte Einsicht, dass Jones einen Ford besitzt bei Smith keinen Wissensbedarf deckt und keine brennende Frage beantwortet, dann ist sie keine Erkenntnis, sondern sinnloses Wissen, aus dem Smith nichts lernt, sondern das ihn sogar davon abhält, sich mit denjenigen Erkenntnisinhalten auseinanderzusetzen, die er zu wissen dringend nötig hat.

Das ist der Grund, warum ich so sehr auf die Möglichkeit einer persönlichen Formulierung von Einsichten oder Überzeugungen bestehe: Der Mensch muss ja schließlich unterscheiden können, bei welcher Erkenntnis ihm „ein Licht aufgeht“ und bei welcher anderen – obgleich sie wahr ist – sich ihm nichts erhellt, was darauf hinweist, dass er nichts aus ihr gelernt hat, obwohl er sie nun weiß.

Dadurch wird nun auch der Grundfehler der Standardanalyse des Wissens offenbar: Sie unterscheidet nicht zwischen Erkenntnis und nutzlosem, belastendem Wissen. Aus diesem Grund favorisiert sie letztlich das nutzlose, belastende Wissen. Denn schließlich kann auch nutzloses Wissen (=Wissen, das einem nicht weiterhilft, Wissen, dass einem zu keiner Orientierung verhilft) wahr sein, man kann es glauben und man kann auch darin gerechtfertigt sein, es für wahr zu halten – es entspricht also ganz der Definition von Erkenntnis.

Es scheint mir typisch für die Vertreter der wissenschaftlichen Philosophie zu sein, dass sie mit der Standardanalyse des Wissens ein Konzept von Wissen verteidigen, in dem eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung ausreicht, um einer Person Wissen zuzusprechen, und dass sie die Wissensbedürfnisse dieser Person als Erkenntnissubjekt in der Definition von Wissen nicht berücksichtigen. Allein in dieser Vorgehensweise zeigt sich eigentlich bereits die Idee und Überzeugung davon, dass sich der Mensch überhaupt gar keine eigenen Ideen machen müsse, um etwas verstehen zu können, weil ja ein jeder mögliche Erkenntnisinhalt für verständlich und für das Wissen einer jeden Person bereichernd gehalten wird, wenn es sich bei ihm bloß um eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung handelt.

Ein Wissen, das wahr und gerechtfertigt, aber unbrauchbar und überflüssig ist (wenngleich es für einen anderen Menschen brauchbar und notwendig sein könnte), kommt in der Standardanalyse des Wissens einfach nicht vor.

Dahinter steht das Konzept der Erkenntnis-ohne-Erkenntnissubjekt der Wissenschaft. Die Wissenschaft als kollektive Erkenntnisbemühung ist blind für das Funktionieren des menschlichen Erkenntnisapparats, mit dem die Notwendigkeit einhergeht, dass man es einem Menschen gestatten muss, sich zuerst einmal seine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden – die auch tatsächlich seine eigene Idee von diesem Sachverhalt ist – damit diese in der Folge dann möglicherweise zu einer Erkenntnis für ihn werden könnte. Denn die Bildung einer eigenen Idee von einem Gegenstand hat die Funktion, dem um Erkenntnis bemühten Menschen die Entscheidung zu ermöglichen, ob es für ihn einen Unterschied macht, ob sich die Sache so verhält, wie er es zu erkennen glaubt oder anders.

Wenn es einen Unterschied für einen Menschen macht, ob sich etwas so verhält, wie er denkt oder auch anders, so ergibt sich daraus die Möglichkeit, eine Lernerfahrung zu machen. Ohne dieses Sensorium kann der Mensch nicht zwischen sinnlosem Wissen und solchem, das ihm weiterhilft, unterscheiden. In dem Fall wird seine Erkenntnis- oder Lernbemühung reine Informationsaneignung sein, ohne dass er aus diesem Wissen etwas lernt.

Sind alle Menschen Philosophen? – eine vergeudete Gelegenheit

von philohof E-Mail

Link: https://www.facebook.com/events/1553711744909294/

Am 11. März 2015 besuchte den Salon Philosophique in der gabarage upcycling design, wo Leo Zehender zum Thema „Sind alle Menschen Philosophen? Wer sind die Philosophinnen und Philosophen heute?“ vortrug.

Von dieser Veranstaltung war ich ziemlich enttäuscht, weil Zehender keine Antwort auf seine Frage zu geben versuchte. Ich muss zugeben, ich war sogar ein bisschen gekränkt, denn der Unterton am Ende der Veranstaltung ging in die Richtung, dass „man“ sich allen Ernstes eine Antwort auf die titelgebende Veranstaltung nicht hatte erwarten dürfen. Und da ich mich für einen durchschnittlich intelligenten Menschen halte, der sehr wohl einen Antwortversuch erwartet – und sich sogar darauf gefreut – hatte fühlte ich mich auch gekränkt. Konnte es sein, dass ich als einziger nicht wusste, dass es sich nicht schickt, die Frage zu beantworten, ob alle Menschen Philosophen sind?

Der Grund, der sich hinter der Antwortverweigerung andeutete, war der, dass es als anmaßend erscheint, wenn man über alle anderen Menschen urteilt, sie seien Philosophen oder nicht. Die Konklusion, zu der Zehender am Ende gelangte: Alle Menschen seien manchmal, in gewissen Situationen, Philosophen – erscheint mir ebenso salomonisch wie inhaltsleer, denn ich wüsste nicht, was man aus ihr lernen kann.

Aus zwei Gründen bin ich unglücklich mit Zehenders Lösungsvorschlag: Der erste Grund fand seine Stichhaltigkeit in der Tatsache, dass Leo Zehender die ganze Zeit während seine Vortrags – der über eine Stunde dauerte – Zitate von bekannten Philosophen aus der Philosophiegeschichte brachte. In dieser Zitateauswahl zeigte sich, dass jemand, der selbst kein eigenes Urteil über eine Sache trifft, sich dadurch automatisch dem Urteil der Anderen und der Tradition ausliefert. Zehender meinte es gut und empfand es als eine Geste der Bescheidenheit, nicht über andere Menschen zu urteilen, ob sie Philosophen seien oder nicht, aber gerade deshalb fiel er auf das Urteil der Philosophiegeschichte zurück, die manche Personen in die Philosophie aufgenommen hat und andere, vielleicht würdigere, dem Vergessen anheimfallen ließ.

Gehen wir mal von der Annahme aus, dass 10% der philosophischen Autoren ihrer Zeit von der gegenwärtigen Philosophiegeschichte erinnert werden – erscheint da die freiwillige Beschränkung auf diejenigen Personen, die heute im öffentlichen Bewusstsein als Philosophen gelten, nicht ihrerseits auch als etwas extrem Ungerechtes?

Diese freiwillige Beschränkung auf jene Personen, die von Haus aus bereits in der Öffentlichkeit als Philosophen gelten, bringt zudem aus meiner Sicht eine besondere Crux mit sich: Sie macht blind für alle philosophischen Bemühungen, die außerhalb des Rahmens stattfinden, der offiziell als Philosophie gilt. Das aber ist eine Einschränkung, mit der ich nicht leben wollen würde, da meines Erachtens nach sicherlich weit mehr als die Hälfte der Philosophie außerhalb der Philosophie passiert. Insbesondere heute scheint mir das der Fall zu sein, wo Tendenzen der Verwissenschaftlichung und Formalisierung der Philosophie im akademischen Bereich dazu geführt haben, dass zahlreiche philosophische Themen in Ratgeberbücher und in die fiktionale Literatur ausgewandert sind.

Der zweite Grund, warum ich Leo Zehenders Vorschlag wenig hilfreich fand, bezieht sich auf die Frage der Zielgruppendefinition. Wer kommt denn gelaufen, wenn ich rufe: „Alle Philosophinnen und Philosophen – her zu mir?“ Oder wer kommt gelaufen, wenn ich sage: „Ich habe ein philosophisches Thema zu verhandeln – wen interessiert das?“ Vielleicht kommt nämlich niemand gelaufen und das ist genau die falsche Weise, um philosophieinteressierte Menschen anzusprechen.

Meiner Erfahrung nach kann man nämlich bisweilen mit den Leuten – mit Nichtphilosophen – ganz passabel philosophieren, solange man das, was man da tut, nicht Philosophieren nennt. Woraus sich der (paradoxe) Schluss ergeben würde, dass man, wenn man tatsächlich alle Menschen für Philosophen hält, es ihnen möglicherweise trotzdem nicht sagen sollte.

Diese Lösungsvariante hätte auch Zehenders Skrupel, über andere Menschen ein Urteil zu sprechen, einen Ausweg eröffnet: Er hätte behaupten können, alle Menschen seien Philosophen, aber wir hätten jetzt die Aufgabe, einen neuen Namen für sie zu finden, weil sie den der „Philosophen“ nicht für sich akzeptieren wollen. In dem Fall hätte die Meinung, alle Menschen seien Philosophen in der Folge dazu führen können, dass man überlegt, ob man sich mit philosophischen Anliegen nicht vielleicht am besten an solche Menschen wendet, „die Körper und Geist miteinander in Einklang bringen wollen“ oder an solche, „die ihre Kinder zu mündigen Bürgern erziehen wollen“ oder an solche, die „für ein nachhaltiges Wirtschaften“ eintreten. Denn alle diese Bezeichnungen könnten ja der eigentliche, der wirkliche Namen für die Philosophinnen und Philosophen heute sein.

Die Zielgruppenbestimmung aus der Ökonomie und dem Marketing ist tatsächlich eine Frage, die sich aufdrängt und die nach einer Antwort verlangt. Das ist es, was ich sagen möchte: Wenn man so tut, als seien alle Menschen Philosophen – oder als seien alle in bestimmten Situationen Philosophen – und müssten sich (dann) aus diesem Grund dafür interessieren, was allgemein unter „Philosophie“ eingeordnet wird, dann tut man so, als ob die Zielgruppenfrage gar nicht existierte. Man tut dann so, als ergäbe es sich schon allein aus der Wortübereinstimmung („PhilosophIn“ mit „philosophisch“), welches Hendl in welchen Hühnerstall gehört und auch welches Körndl es interessant findet. Das muss aber nicht so sein: Eine Zeitlang war die Physik (Einstein, Mach, Heisenberg) sehr philosophisch drauf, heute interessieren sich philosophisch interessierte Menschen vielleicht besonders für Neurowissenschaft und Behavioural Science, und man erreicht sie nicht mit dem Wort „Philosophie“, das man ihnen freundlich entgegenstreckt.

Hier hat Zehender also mehrere Gelegenheiten und Einstiegstore zu interessanten Debatten versäumt. Eines dieser Einstiegstore ist jenes zur Fragestellung: „Was ist denn überhaupt Philosophie?“ – und zwar im Gegensatz zu dem, was allgemein als Philosophie gilt. Ein weiteres ist jenes zur Fragestellung: „Wer fühlt sich denn überhaupt von philosophischen Anliegen angesprochen?“ – und zwar unter Berücksichtigung der Voraussetzung, dass man nach Menschen fragt, die sich selbst nicht für PhilosophInnen halten und die dasjenige, wofür sie sich interessieren, auch nicht als Philosophie bezeichnen würden.

Zehender beschloss seinen Vortrag mit einem abrupten inhaltlichen Schwenk, wonach das Interesse von PhilosophInnen oder solchen der heutigen Zeit, auch eine politische Dimension haben sollte dergestalt, dass sie Einfluss nehmen wollen auf das, was in ihrer Zeit öffentlich gedacht wird. Woraufhin ich in der Diskussion nach dem Vortrag darauf aufmerksam machte, dass die Epikureer mit ihrem Leitspruch „Lebe im Verborgenen!“ – nach dieser Bestimmung nicht zu den Philosophen gezählt werden könnten.

Daraus kann man ersehen, dass es nicht trivial ist, sich einen Begriff davon zu machen, was ein Philosoph oder eine Philosophin ist, und das es auch ziemlich spannend sein könnte, wenn man diese Aufgabe auch tatsächlich annimmt. Ich kenne diese Haltung, wo man mit der eigenen Meinung hinterm Berg hält, weil man ein Philosoph geblieben wäre, wenn man geschwiegen hätte. Aber man lernt eben auch nichts Neues, wenn man die Sachen nicht ausspricht und die Argumente durchdenkt.

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (4)

von philohof E-Mail

In meinem letzten Text unter diesem Titel habe ich zwei Beispiele gebracht, die veranschaulichen sollen, dass die Veränderung, von der ich hier spreche – nämlich, dass uns unser Begriff der „Idee“ verloren geht – in bestimmten Bereichen bereits vollzogen ist.

Wobei ich mit dem Verlustiggehen der Ideen meine, dass das Wort „Idee“ einst bedeutete, dass ein einzelner Mensch sich eine Vorstellung von einer bestimmten Angelegenheit in der Welt machte, um sie besser zu verstehen – eine Idee eben – und dass man, wenn einem ein Mensch seine Ideen erzählte, die Vorstellungen dieses Menschen erzählt bekam, die er sich gemacht hatte, um Orientierung zu gewinnen und etwas besser zu verstehen.

Im ersten Beispiel, das ich im letzten gleichbetitelten Text vorbrachte, äußert Gottlob Frege den moralisch anmutenden Gedanken, man solle sich gar keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen, weil diese das Gemeinsame, die gemeinsame Arbeit an der Wissenschaft, gefährdeten.

Nun habe ich dieses Zitat sicherlich nicht vorgebracht, um Frege zu kritisieren, denn ich weiß sehr wenig über ihn. Sondern ich habe es deshalb vorgebracht, weil es mir etwas auszudrücken scheint, von dem ich den Eindruck habe, dass es sehr viele Menschen heute glauben: dass man sich gar keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen soll, weil das nicht gut ist – man trägt dadurch nichts zum gemeinsamen Wissen bei, sondern gefährdet es höchstens, wenn man sich falsche Ideen macht.

Im zweiten Beispiel, das ich vorbrachte, verglich ich ein Bild von Markus Arnold vom akademischen Alltag mit meinen eigenen Erfahrungen aus der Zeit meines Philosophiestudiums an der Universität Wien (1991-97). Laut Arnold lädt das Seminar als Diskussionsrahmen die Studierenden dazu ein, sich – indem sie mit einer Vielfalt von Meinungen konfrontiert werden – auf sich selbst zu besinnen und herauszufinden, was sie eigentlich selbst über eine Sache denken. Diese Darstellung Arnolds kommentierte ich, indem ich sagte, es sei mir während meiner Studienzeit im Fach Philosophie immer schmerzlich aufgefallen, dass am Ende der Seminarstunde nie die Frage gestellt wurde, was wir denn nun, nachdem wir alles Mögliche über eine Fragestellung gehört hatten, selbst darüber dächten. Diese Frage, die uns dazu gezwungen hätte, Farbe zu bekennen und eine Position zu wählen, wurde peinlichst vermieden. Es wurde also vermieden, dass wir unsere eigenen Ideen zum Thema der Seminarstunde aussprachen.

Diese beiden Beispiele erlauben es, die gegenwärtige Lage, in der wir uns bezüglich der Ideen befinden, etwas genauer zu charakterisieren. Man könnte sagen, selbstständiges Denken ist zwar nicht verboten – schließlich leben wir in einem freien Land – aber sobald man sich Sprechsituationen von öffentlichem und offiziellerem Charakter nähert, sind sie verpönt. Das selbstständige Denken ist also nicht verboten, aber es gilt doch zumindest als etwas Unschickliches und vielleicht sogar als etwas richtiggehend Unmoralisches.

In privaten und informellen Situationen kennen wir auch heute noch den Begriff der „Idee“ und verhalten uns ihm entsprechend: Erzählt uns jemand seine Ideen, nehmen wir implizit an, er bringe mit ihnen sein Interesse an den Dingen zum Ausdruck und erkläre uns, wie er durch seine Vorstellungen, die er sich von einer Sache gemacht hat, etwas über sie gelernt hat.

In öffentlichen und offizielleren Situationen jedoch, wie es zum Beispiel eine Seminarstunde an einer Universität ist, erwarten wir plötzlich nicht mehr, dass uns jemand seine Vorstellungen mitteilt, sondern dass er mit seinen Worten die allen gemeinsame Wahrheit beschreibt; wir erwarten auch nicht mehr, dass er dasjenige erzählt, was ihn interessiert, sondern dasjenige, was von allgemeinem Interesse ist.

In diesem Punkt ist der Verlust der Ideen also schon in unausgesprochener Weise vollzogen. Jedoch handelt es sich dabei um eine äußerst merkwürdige Situation: Einerseits haben wir noch nicht vergessen, was Ideen sind, weil wir sie ja im privaten Bereich weiterhin verwenden. Andererseits bewegen wir uns aber doch auf einen Bereich zu – schließlich bereiten wir uns ja im Studium darauf vor, mit unserer beruflichen Persönlichkeit im öffentlichen und offiziellen Bereich zu existieren -, in dem wir so tun, als ob wir ohne Ideen auskommen und unter diesen Bedingungen genauso leben könnten. Kurz: Wir tun so, als ob es ohne Ideen auch ginge. Und das Fatale an der Geschichte ist, dass der private und informelle Bereich immer eine niedrigere Achtung und Wertschätzung genießt als jener der öffentlichen und offiziellen Gesprächssituationen. Man könnte also sagen: Ideen zu haben, das riecht heute nach ungebildeten, unkultivierten Leuten.

In dem Ausmaß, in dem man also heute der Sonne der Öffentlichkeit und der offiziellen, gelehrten Gesprächssituation näher kommt, gelten Ideen als etwas, das man hinter sich gelassen haben sollte, wenn man eine gute Erziehung genossen hat. Beziehungsweise gelten sie als untrügliches Kennzeichen von persönlicher Rückständigkeit, wenn man nach Abschluss eines akademischen Studiums immer noch das Bedürfnis hat, seine eigenen Ideen zu äußern.

Insofern ist es also auch heute in unserem freien Land noch erlaubt, selbst nachzudenken, wenn man sich traut. Und wenn man es erträgt, wie ein ungehobelter und unbedarfter junger Mann vom Land dazustehen, der mit seinem Holzkopf noch nicht begriffen hat, dass es hier im akademischen wissenschaftlichen Gespräch nur noch darum geht, die gemeinsame Wahrheit auszusprechen, die für alle Menschen gilt, nicht aber die Ideen und Vorstellungen, die man sich selbst von einer Sache gemacht hat.

Es ist nun nicht der Fall, dass ich absolut dagegen wäre, dass man in der Wissenschaft anders miteinander spricht als im Alltagsleben. Das war aber auch nicht mein Thema. Mein Thema war die Spekulation darüber, was passieren würde, wenn das ideenlose Gespräch miteinander, wie es in der Wissenschaft praktiziert wird, sich auf alle Lebensbereiche ausdehnte und wir tatsächlich vergessen, dass wir einander früher einmal unsere Ideen erzählt haben, damit der andere Mensch weiß, was ich über eine bestimmte Sache denke oder von ihr halte. Ich denke, dass angesichts der Tatsache, dass diese Praxis des ideenlosen Diskurses miteinander ja in nichtdeklarierter und unthematisierter Weise realisiert wird, meine Herangehensweise doch berechtigt ist: Schließlich scheinen wir hier gerade dabei zu sein, etwas zu vollziehen, ohne uns darüber bewusst zu sein, was wir da eigentlich tun.

Meine Darstellung der Dinge lässt schon durchscheinen, dass das in unseren höheren Lehranstalten praktizierte Modell offenbar auf einem bestimmten Menschenbild basiert. Es basiert auf der Überzeugung, wonach der Mensch sich keine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen muss, um etwas über sie lernen zu können. Es ist das das Bild vom Menschen als Gefäß, den man mit Wissen einfach befüllen kann, oder vom Menschen als Speichermedium, der ohne weiteres in der Lage ist, Wissen in der Gestalt von Informationen aus Vorlesungen und wissenschaftlichen Publikationen in sein Gehirn herunterzuladen.

Das gegenteilige Erkenntnismodell gibt es in der Philosophie (und in der Biologie) natürlich auch: Es heißt Systemtheorie. In der Systemtheorie gilt der Mensch als psychisches System, welches einen Aspekt der Außenwelt nur dadurch erkennen kann, indem es ihn in seinem Inneren – und den eigenen Systembedürfnissen entsprechend – nachbildet.

Oder es gibt da auch noch die Phänomenologie. Das ist diejenige Denkrichtung in der philosophischen Erkenntnistheorie, mit der ich mich am ehesten geistesverwandt fühle. In der Phänomenologie wird Erkenntnis nicht als Übereinstimmung von Erkenntnissen mit der äußeren Realität (Korrespondenztheorie der Wahrheit) aufgefasst, sondern als Begegnung des Erkenntnissubjekts mit dem Erkenntnisobjekt. Diese Begegnung vollzieht sich im so genannten Phänomen. Also wenn ich (oder Du oder Sie) etwas sehe, dann erscheint es mir auf eine bestimmte Weise. Und diese Erscheinung muss nun nicht unbedingt der objektiven Wahrheit entsprechen (es kann sich nämlich auch um eine Sinnestäuschung handeln), aber es kommt ihr trotzdem eine gewisse Wahrheit zu, denn dieser Gegenstand erscheint mir eben hartnäckig so und nicht anders.

Die Systemtheorie und die Phänomenologie gleichen einander darin, dass es in ihnen Erkenntnis nur mit einem Erkenntnissubjekt gibt. Also, sie stellen sich vor: Damit es Erkenntnis geben kann, braucht es auf jeden Fall zumindest einmal jemanden, der etwas weiß. Diejenigen Menschen, die davon ausgehen, der Mensch müsse sich keine Ideen machen, um lernen zu können, sind von dieser Voraussetzung abgerückt. Sie sind davon überzeugt, dass Erkenntnis auch ohne Menschen möglich ist.

Wie ist sie möglich? Wodurch gelingt dieses Kunststück? Nun, es gelingt dadurch, dass man das man davon ausgeht, das eigentliche Wissen sei dasjenige, was in schriftlicher Form in den Bibliotheken und neuerdings immer mehr auf den Servern wissenschaftlicher Internetzeitschriften aufbewahrt werde – und dieses könne, sobald es einmal da sei, von intelligenten Menschen jederzeit mit Leichtigkeit aufgenommen und erlernt werden.

Was ich damit sagen will, ist, dass es nicht einfach so ist, dass uns das Verständnis dafür, was Ideen sind, schleichend verlorengeht. Sondern es gibt vor allem auch die Idee, von der viele Menschen überzeugt zu sein scheinen, dass der Mensch gar keine Ideen braucht. Diese Leute sind der Meinung, dass es der einzelne Mensch nicht nötig hat, sich seine eigenen Vorstellungen von den Dingen zu machen, um sie erlernen zu können, weil er sich, wie sie meinen, jederzeit mit dem in Bibliotheken verwahrten gemeinsamen Wissensfundus kurzschließen und sich die Informationen, die er gegenwärtig benötigt, auf seine zerebrale Festplatte ziehen kann.

Die Idee, wonach der Mensch keine Ideen benötigt, besagt also, dass der Mensch sich keine Persönlichkeit und keinen eigenen Wissenshintergrund aufbauen muss, um eine neue Idee auffassen und erlernen zu können.

Und demgegenüber gibt es natürlich auch die Idee, dass der Mensch zum Lernen Ideen braucht. Ich würde sogar sagen, dass das die ursprüngliche Idee der Philosophie ist, indem sie gleichsam sagte: Glaube dem nicht einfach, was dir dein Lehrer sagt, und begnüge dich nicht mit den Überzeugungen aus der Tradition deiner Gesellschaft, sondern denke selbst nach und bilde dir deine eigene Meinung!

Gegenwärtig scheint jener Teil der Menschen, der der Meinung ist, dass der Mensch keine Ideen benötigt, der bei weitem stärkere zu sein. Seine Ideologie beherrscht die höhere Bildung, die Wissenschaft und, wie ich gezeigt habe, eigentlich alle öffentlichen und offiziellen Gesprächssituationen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser Teil der Menschen den anderen Teil, der doch noch an die Notwendigkeit von Ideen glaubt, verächtlich zu machen trachtet. Die Methode dazu ist uns allen bekannt: Wenn eine Diskussion stattfindet, in der ein jeder die Gelegenheit hat, sich eine Meinung zu bilden und auch sehr viel dadurch gewinnt, weil er mit dieser Meinung einen Ausgangspunkt erhält, an dem er weiterarbeiten kann, dann sagen wir gewöhnlich: „Es ist bei dieser Diskussion nichts herausgekommen.“ Damit meinen wir natürlich, es sei nichts Gemeinsames herausgekommen, es sei keine Einigung erzielt worden; denn für einen jeden Einzelnen ist freilich schon etwas dabei herausgekommen. Aber das sagen wir nicht, sondern wir sagen verkürzt: „Es ist nichts herausgekommen.“ Dadurch entwerten wir Vorgänge, bei denen Menschen sich ihre eigene Meinung bilden konnten – und ihre Meinungen und Erkenntnisbemühungen werden dadurch gleich mitentwertet.

Wir kennen diese „Methode“ auch in Gestalt der Frage: „Was bringt Philosophie eigentlich?“ – und der vorgefassten Ansicht: Wenn sie keine gemeinsamen Wahrheiten hervorbringt, auf die wir uns einigen können und die dann außer Streit gestellt sind, dann bringt sie eigentlich gar nichts! Aber diese Meinung über die Philosophie ist ja selbst nichts anderes als die Überzeugung, dass der Mensch keiner Ideen bedarf, um wissen zu können, und dass es den Menschen nichts bringt (sondern höchstens schadet), wenn sie Meinungen haben, die untereinander verschieden sind und die zum Teil mit der Wahrheit nicht übereinstimmen.

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (3)

von philohof E-Mail

Den ausgebildeten Philosophen unter Ihnen wird schon aufgefallen sein, dass meine Thematik Ähnlichkeit hat mit bekannten Diskussionen aus der Philosophiegeschichte, mit Aristoteles‘ Kritik an Platons Ideenlehre und mit dem mittelalterlichen Universalienstreit.

Existieren die Ideen unabhängig von uns an einem bestimmten Ort, im Ideenhimmel, oder tun sie das nicht? Und existieren die Allgemeinbegriffe, also die Universalien, real wie im „Realismus“ oder sind sie nur Namen von gedanklichen Abstraktionen wie im „Nominalismus“?

Ebenso könnten Sie jetzt mich nach meiner „Position“ fragen bezüglich des Problems, ob Ideen nur innerhalb des Denkens von konkreten Menschen vorkommen oder ob sie unabhängig vom Menschen Bestand haben können.

Darauf würde ich Ihnen antworten, dass mir das relativ egal ist. Denn das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist es, ob man andere Menschen gut oder schlecht behandelt, es ist also ein ethisches Thema.

Und hier gibt es grundsätzlich zwei Wahlmöglichkeiten. Wenn sich in einem Menschen das zarte Pflänzlein des Interesses und der Erkenntnis zeigt, kann man es entweder mit dem Fliegenpracker gleich mal totschlagen oder man kann es hegen und pflegen, bis etwas daraus wird.

Für die erste Möglichkeit entscheidet man sich gewöhnlich, wenn man die Erkenntnis über den Menschen stellt. Denn die Erkenntnis ist – in Gestalt von Büchern und anderen Publikationen – dauerhaft, nahezu ewig, und diese kurzlebigen, dummen Menschen tragen meist mehr dazu bei, sie zu verwirren, wenn sie sich für sie interessieren. Wenn man also die Erkenntnis reinhalten will, wird man sie in schriftlicher Form aufbewahren und sie ausschließlich geweihten Händen anvertrauen wollen; von den schmutzigen Händen junger Leute, die noch nichts wissen von der Welt, wird man sie unter allen Umständen fernhalten.

Für die zweite Möglichkeit entscheidet man sich, wenn man den Menschen – und hier insbesondere das Lernen, die individuelle Erkenntnisbemühung – im Wert über die Erkenntnis stellt. Wenn es einem wichtig ist, dass ein Mensch etwas lernt, dann wird man sagen: Ein Gedanke, der nicht der Gedanke eines Menschen ist, ist ein lebloser Schatten, und eigentlich kein Gedanke.

Man muss sich also entscheiden, was von beidem einem lieber ist und welches von beiden man notfalls zu Bruch gehen lassen würde – die gemeinsame Erkenntnis oder den einzelnen Menschen mit seinem Lern- und Wissensbedürfnis.

In der Universität steht eindeutig die Erkenntnis über dem Menschen, während bei der Schule zumindest die grundsätzliche Entscheidung doch noch die ist, dass junge Menschen in die Schule gehen sollen, um etwas zu lernen. Es sollte also aus der Schule ein Mensch herauskommen, der etwas weiß und kann, während Universitäten hauptsächlich nach ihrem wissenschaftlichen Publikationsoutput gerankt werden.

Ich denke, es ist diese Bevorzugung der Erkenntnis gegenüber dem Lernbedürfnis der Studenten, welche die wissenschaftliche Universität ausmacht, beziehungsweise ist das überhaupt ein wichtiger, doch gern übersehener Aspekt der Wissenschaftlichkeit: dass man bereit ist eher die Lernbemühungen eines Menschen zu entmutigen und es zu riskieren, dass er die Bildungsanstalt mit einer psychischen Beeinträchtigung verlässt, als dass man es riskieren würde, dass an der gemeinsamen Erkenntnis, die man täglich poliert, ein Haar hängenbleibt.

Zur Illustration dieses Gedankens bringe ich nun zwei Zitate aus einem Buch, aus dem in Hinkunft öfters zu zitieren ich versprochen habe, nämlich aus Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010.

 

S. 428 FREGES „DRITTES REICH“

„Wissenschaft und Erkenntnis hätten so nichts mit den Absichten der Subjekte, nichts mit ihren sozialen Kontexten zu tun, und diese müssten daher auch von der Philosophie nicht weiter bedacht werden. Diese Grundannahmen prägten mit der Analytischen Philosophie eine ganze Forschungstradition: Philosophische Probleme sollten ohne Bezug zu sozialen und historischen Kontexten allein durch eine logische Analyse der Sprache auflösbar sein, da letztlich alles, was unklar ist, auf die Unvollkommenheit der Umgangssprache zurückzuführen, und alles, was klar und eindeutig ist, mit den Mitteln logischer Analyse darstellbar sei. Um dies gewährleisten zu können, muss Frege aber die Existenz eines „dritten Reichs“ einführen, in dem die Gedanken unabhängig von den denkenden Subjekten, aber auch unabhängig von den realen Dingen existieren.“

Fußnote hierzu:

„„Wenn jeder Gedanke eines Trägers bedarf, zu dessen Bewusstseinsinhalte er gehört, so ist er Gedanke nur dieses Trägers, und es gibt keine Wissenschaft, welche vielen gemeinsam wäre, an welcher viele arbeiten könnten; […] So scheint das Ergebnis zu sein: Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört.“ (Frege 2003b, 49 f.)"

 

[Anmerkung: Arnold zitiert hier Gottlob Frege: „Der Gedanke – eine logische Untersuchung“ in: ders.: Logische Untersuchungen. Hg. Von Günther Patzig, Göttingen 2003 (5. Aufl.), S. 35-62.]

Hier begegnen wir also einem Gedanken von Gottlob Frege, einem Vertreter der wissenschaftlichen Richtung der Philosophie, der ein richtiggehend moralisches Motiv transportiert: Wenn ein jeder sich seine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen würde, dann gäbe es keine Wissenschaft, denn dann könnte es kein Gemeinsames geben. Die Menschen sollen sich also gar keine eigenen Ideen bilden, damit das Gemeinsame erhalten bleiben kann.

Markus Arnold hat seine eigene Vorstellung vom Wesen der Philosophie, die ihm ganz wichtig ist und die auch ich teile: nämlich die, dass Philosophie letztlich darin besteht, dass die philosophierenden Menschen sich jeweils individuell selbst fragen, was sie über eine bestimmte Frage denken und diesbezüglich zu einem inneren Entschluss zu kommen versuchen.

Arnold scheint nun in dem folgenden Zitat zu meinen, dass sich diese Erkenntnispraxis, die auf die innere Gewissheit im lernenden Menschen abzielt, in der Form des Seminars bis heute an den Universitäten erhalten habe. Mir fiel beim Lesen dieses Textstücks ein, dass ich es in den Seminaren während meines Philosophiestudiums an der Universität Wien immer schmerzlich vermisst habe, dass am Ende die Frage gestellt worden wäre: „Und, was wollen wir jetzt wirklich von dieser Sache halten, über die wir die ganze Seminarstunde lang gehört haben?“ Im Gegenteil, diese Frage – die ja das Kernstück im Philosophieren nach Arnolds Konzept von Philosophie bilden müsste – wurde peinlichst vermieden.

Arnolds Zitat ist nun in dieser Hinsicht nicht deutlich genug, um es mit meinen Erfahrungen zu vergleichen. Aber gewundert habe ich mich schon über seine Wirklichkeitswahrnehmung. Na gut, vielleicht ist ja im Philosophieinstitut der Universität Klagenfurt alles ganz anders?

S. 453-4 DIE STUDENTEN FRAGEN SICH SELBST IM SEMINAR, WAS SIE WIRKLICH ÜBER EINE SACHE DENKEN

„Unabhängig von ihrer theoretischen Reflexion über ihr eigenes Tun, enthielt die wirkmächtige Praxis des Sokratischen Gesprächs, wie sie in den Schriften Platons tradiert und an den Universitäten als Disputation bzw. später als Seminar neben den Vorlesungen institutionalisiert wurde, in sich jene Rollen und Normen des Denkens, die immer wieder von der Vielfalt der Meinungen ausging, um die Beteiligten dann auf ihre innere Gewissheit zu verweisen bei der Frage, ob man diese oder [S. 454] jene These für wahr halte oder nicht. Das hier eingeübte Frage- und Antwortmodell prägte – vielleicht mehr als alle theoretischen Überlegungen – das Selbstverständnis der Philosophen. Hier lernte man die Norm kennen, ohne Instrumente, allein im Gespräch mit anderen in der Vielfalt der Meinungen und Schulen nach der Wahrheit zu suchen; die Norm, niemals darauf zu verzichten, sich selbst zu fragen, ob man dem Gesagten auch zustimmen kann. Paradoxerweise war das in der Praxis vermittelte Idealbild, wie man eine Sache philosophisch untersuchen sollte, stärker als die oft nüchterne Realität universitärer Praxis.“

Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (2)

von philohof E-Mail

 

Rekapitulation: Wo liegt denn hier überhaupt das Problem?

Das Problem besteht darin, ob der Mensch heute frei ist, sich seines eigenen Verstands zu bedienen und nach eigener Fasson zu denken und zu lernen.

Gewiss, es gibt heute keine Zensur und man kommt nicht ins Gefängnis, wenn man seine eigene Meinung im privaten Kreis oder auch öffentlich zum Ausdruck bringt.

Aber: Es gibt gegenwärtig eine starke Tendenz, Denken nicht als das Denken von Menschen aufzufassen, sondern Gedanken als etwas zu verstehen, das unabhängig vom Menschen fortbestehen kann und ganz einfach nur die Eigenschaft hat, wahr oder falsch zu sein.

Das führt zu Problemen und Missverständnissen bei der Mitteilung von Ideen, da von der einzelnen Person nun erwartet wird, ihre Ideen so zum Ausdruck zu bringen, als wären es gar nicht ihre Ideen.

Beispiel:

Person A erzählt Person B von einer Idee, die sie gehabt hat.

Person B: „Das stimmt nicht! Wahr ist vielmehr, dass…!“

Die Antwort von Person B frustriert Person A und hilft ihr nicht weiter. Sie ist deshalb wenig hilfreich, weil sie das Problem, an dem Person A gearbeitet hatte, nicht berücksichtigt, sondern anstatt dessen von einem allgemeinen Standpunkt aus spricht.

Besser wäre es gewesen, Person B hätte geantwortet: „Für welches Problem ist deine Idee eine Lösung? Ist sie eine gute Lösung für das Problem? Kann man dein Problem anders sehen, sodass sich andere Lösungsmöglichkeiten ergeben?“

Die Antwort von Person B ist aus meiner Sicht ein Problem, weil sie unmittelbar in eine kommunikative Sackgasse führt. Also: Ich sehe hier ein Problem.

Mir ist aber auch bewusst, dass es viele Menschen gibt – vor allem technisch und naturwissenschaftlich orientierte -, die hier aufgrund ihres Mindsets kein Problem sehen können.

Und außerdem gibt es gewiss Kommunikationssituationen – z.B. akademische, wissenschaftliche -, die es verbieten, Probleme und Fragen in einer persönlichen Gestalt zu formulieren.

Gut. Nun gehe ich aber über diese Umstände hinaus und frage: Sind wir heute noch in der Lage, wenn uns ein Mensch von seiner Idee erzählt, die er gehabt hat, in dieser Idee den Menschen wahrzunehmen, der ein bestimmtes Problem hat und mithilfe seiner Idee eine Lösung dafür sucht?

Und hier würde ich mich schon auf den Standpunkt stellen, dass es genau das ist, was „Idee“ oder „Gedanke“ in der Alltagsprache bedeutet: Also wenn ein Mensch einem anderen Menschen erzählt, er habe eine Idee gehabt, dass der Gesprächspartner diese im Kontext der Person des Erzählers der Idee wahrnimmt. Also: Mein Freund hat eine bestimmte Problemsicht, und seine Idee erscheint ihm in irgendeiner Weise als Lösungsansatz für dieses Problem. (Nicht aber: Mein Freund erzählt mir von einer Idee, für die er sich nicht interessiert, um in abstrakt-allgemeiner Form deren Richtigkeit zu behaupten und meine Zustimmung zu erheischen, durch die er ebenfalls nichts gewinnt.)

Nun ist meine Erfahrung die, dass mir scheint, es gibt heute schon viele Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, hinter einer Idee, die ihnen erzählt wird, einen Menschen zu sehen, der auf der Suche nach der Antwort für ein Problem ist.

Mein vorangegangener Text mutmaßt nun: Vielleicht ist es ja so, dass sie nicht einmal das Konzept oder die Wortbedeutung von „Idee“ mehr verstehen? Vielleicht ist die Entwicklung ja wirklich mittlerweile soweit fortgeschritten, dass viele Menschen nicht mehr auf die Idee kommen, einen Menschen vor sich zu haben, der an einem Problem arbeitet, wenn ihnen jemand ihnen erzählt, was er (oder sie) sich ausgedacht hat.

(Was werden sie anstatt dessen denken? Ganz einfach: Hier ist jemand, der etwas behaupten will, was grundsätzlich wahr oder falsch sein kann – und dem ich zustimmen kann, wenn ich es für wahr halte.)

An meine Mutmaßung, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, musste sich nun folgerichtig ein Ausdruck des Unverständnisses anschließen, denn ich bin ja tatsächlich nicht in der Lage zu begreifen, wie man – also der einzelne Mensch in seinem konkreten praktischen Handeln – ohne dieses Wort auskommen könnte.

Doch das sind Spekulationen. Oder vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsprogramm für Psychologen, die zum Beispiel experimentell zwei grundverschiedene Arten von Menschen untersuchen könnten: die einen, die die Notwendigkeit verspüren, ihren persönlichen Entwicklungsweg fortzusetzen, um Neues lernen zu können; und die anderen, die ohne die Vorstellung eines solchen persönlichen Entwicklungswegs auskommen, weil sie aufgrund ihrer Selbstbestimmung als „vernünftige Wesen“ den Eindruck haben, dass ihnen alle Themen – wirklich alle – gleich nahe und gleich fern liegen.

Ich wollte nur das Problem beschreiben, und das besteht darin, dass ein solcher Mensch, der sich selbst für ein „vernünftiges Wesen“ hält, mit einem von der anderen Sorte spricht und kein Verständnis dafür hat, dass dieser erst seinen geistigen Entwicklungsweg fortsetzen und sein Denken entwickeln muss, um den Erkenntnisgegenstand erfassen zu können, über den sie miteinander sprechen. (Mit anderen Worten, der „vernünftige“ Mensch tut so, als wären alle Themen „an sich“ verständlich.)

Diese Denkweise des Menschen, der sich selbst für „vernünftig“ hält, führt zu jenem schmerzhaft empfundenen Kommunikationsproblem, das ich oben beschrieben habe, in dem Person A Person B etwas erzählt, das sie sich ausgedacht hat und Person B einfach sagt: „Stimmt!“ – oder: „Stimmt nicht!“ – ohne sich überhaupt für das Problem zu interessieren, über das Person A nachgedacht hat.

Es führt aber auch dazu, dass Menschen von der Art wie Person B (so wie sie hier beschrieben ist) in wissenschaftlichen Texten und Vorträgen Inhalte vorbringen, die von Menschen wie von Person A (so wie sie hier beschrieben ist) nicht verstanden werden können, weil verabsäumt wurde, Situationen mitzuliefern, in welchen Menschen üblicherweise ein solches Problem haben, für welches die im wissenschaftlichen Text oder Vortrag dargestellten Inhalte eine Lösung darstellen.

Viele wissenschaftliche Texte sind von der Art, dass der Leser sich sagt: „Gut, das mag ja alles richtig sein. Aber was fange ich damit an?“ Und diese Frage ist nicht erst eine der praktischen Umsetzbarkeit von theoretisch Eingesehenem, sondern bereits eine solche, die die Verständlichkeit der mitgeteilten Inhalte selbst betrifft.

Abgesehen davon, dass das in meinem Text beschriebene Problem schmerzhaft ist, zu kommunikativen Missverständnissen und Konflikten führt und Menschen mit brennenden Fragen nicht weiterhilft, hat es aber noch einen weiteren Aspekt von grundsätzlicherer Natur: Es geht darum, dass in einer (Menschen-)Welt, in der die Bedeutung von „Idee“ und „Gedanke“ unverständlich geworden sind, der einzelne Mensch, der denkend redlich um Verständnis sich bemüht, nicht mehr gesehen wird. Ja, mehr noch, hinter dem Gedanken, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, steht die Vision, dass es von vielen Menschen nicht mehr für notwendig gehalten wird, dass der Einzelmensch sich eine eigene, infolge seines Erfahrungshorizonts beschränkte Vorstellung von der Sache, also eine Idee – die aufgrund der Beschränktheit des Erfahrungshorizonts dieses Menschen natürlich auch nicht allgemeingültig sein kann – machen müsse, um diesen Erkenntnisgegenstand überhaupt erfassen zu können.

Kurz, hinter meiner Idee vom Unverständlichwerden der Idee steht die Vorstellung, dass es allgemein nicht mehr für notwendig erachtet wird, dass Menschen sich ihre eigenen, individuellen Vorstellungen von den Dingen fabrizieren, damit diese „Dinge“ oder eben Erkenntnisgegenstände erlernt werden können.

Oder noch einmal umformuliert: Hinter der Idee davon, dass die Wörter „Idee“ und „Gedanke“, so wie wir sie bisher verwendet haben, aktuell gerade dabei sind, unverständlich zu werden, steht die Vorstellung, dass Menschen so funktionieren, dass sie nicht selbst nachdenken müssen, um Dinge zu erkennen und sie zu erlernen.

Sie müssen selbst nicht nachdenken, bedeutet in dem Zusammenhang, sie müssen sich keine eigenen Ideen oder Vorstellungen von den Dingen bilden, weil sie mit denjenigen auskommen, die von anderen Menschen, zumeist von Wissenschaftlern und Experten, als allgemein gültige Vorstellungen für diese Dinge oder Erkenntnisgegenstände für die die gesamte Gesellschaft ausgearbeitet wurden und in wissenschaftlichen und pädagogischen Texten angeboten werden.

Selbstdenken besteht aber darin, dass der einzelne Mensch sich seine eigenen Vorstellungen beziehungsweise Ideen von den Dingen macht (auch wenn diese nicht von allem Anfang an ganz richtig und wahr sein werden).

Mit anderen Worten, das Unverständlichwerden der Wortbedeutung von „Idee“ ist selbst im Grunde nichts anderes als die Meinung, dass es nicht notwendig sei, dass die Menschen individuell, für sich selber nachdenken. Und diese Meinung wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass man behauptet, eine Idee sei nichts, das intrinsisch mit dem Menschen, der sie hervorgebracht hat, verbunden ist. Man behauptet also, um eine Idee zu verstehen, müsse man nicht zuerst den Menschen verstehen, der sie hervorgebracht hat, und die Situation, in der er sich befunden hat, beziehungsweise, das Problem, das er mit seiner Idee lösen wollte. Sondern, so meint man, eine Idee könne für sich stehen (wie die Ideen in Platons Ideenhimmel) und uns dennoch etwas sagen, egal in welchen Situationen wir uns aktuell befinden.

Und hier habe ich eben gesagt: Aber eigentlich würde ich doch in einem Alltagsgespräch, in dem mir ein Mensch von einer Idee erzählt, die er sich ausgedacht hat, nicht davon ausgehen, dass er mir von einem Gedanken erzählen will, der unabhängig von ihm alleine bestehen kann und der der gesamten Menschheit über alle Zeiten hinweg den Weg erleuchtet. Denn so verwenden wir das Wort normalerweise nicht. Sondern er will mir von einem Gedanken erzählen, den er ausgehend von einer bestimmten Problemwahrnehmung und in Bezug auf diese gefasst hat. Diese Verbundenheit des Gedachten mit dem Denkenden und der Situation, in der er steckt, würde ich der Wortbedeutung von „Idee“ zuschreiben.

Und wenn diese Verbundenheit des einzelnen Gedachten mit dem einzelnen nachdenkenden Menschen nun wegfällt, einfach weil wir sie in dem Wort „Idee“ nicht mehr erspüren können, dann fällt damit auch der einzelne Mensch, der redlich um Erkenntnis sich bemüht weg sowie seine mühevolle Anstrengung des Nachdenkens, mit deren Hilfe er sich darum bemüht, mehr über die Welt, die ihn umgibt zu lernen, aus unserer Vorstellung von der menschlichen Erkenntnis heraus.

Das bedeutet, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ der Aufklärung fällt weg und anstatt dessen müsste stehen: „Vertraue darauf, dass du die Dinge, die dir die Wissenschaftler und Experten erzählen, verstehen wirst, auch ohne selbst über sie nachzudenken und ohne zu erfassen, wie sie dich in deiner Situation, in der du jetzt stehst, betreffen und welches deiner Probleme sie wie lösen könnten!“

Es ist ja nichts anderes als das, was Person A im oben vorgebrachten Beispiel frustriert: Person A wird sich denken: „Person B hat mich nicht einmal als nachdenkendes Wesen mit meinem spezifischen Problem, an dem ich gearbeitet habe, wahrgenommen!“

Damit ist im Grunde alles gesagt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein jeder frei seine Meinung zum Ausdruck bringen darf. Aber zugleich ist das eine Gesellschaft, in der Meinungen und Ideen immer weniger als etwas angesehen werden, das von Menschen zum Ausdruck gebracht worden ist. Will daher heute ein Mensch eine Idee zum Ausdruck bringen, so geht das oft nicht, weil seine Idee nicht als Ausdruck seiner Person aufgefasst wird. (Anstatt dessen wird sie als etwas aufgefasst, was unabhängig von seiner Person entweder wahr oder falsch ist.) Man kann somit sagen: Freie Meinungsäußerung ist gesetzlich erlaubt, aber sie ist im Rahmen unserer Konzepte von dem, was zum Beispiel eine „Idee“ oder ein „Gedanke“ ist, eigentlich nicht mehr vorgesehen.

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