Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

von philohof E-Mail

Dieser Text ist der Versuch, ein Problem zu beschreiben. Das Problem lautet: Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

Dabei verstehe ich unter einer Idee etwas, das ein Mensch denkt,

-weil es ihn interessiert,

-um sich etwas zu erklären

-und um Orientierung über einen Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Jetzt werden Sie mich fragen: Wie könnte das unverständlich werden? Nun, ganz einfach: Waren Sie schon einmal auf einem Kongress für Philosophie? Wenn nicht, dann erzähle ich Ihnen jetzt ganz kurz, wie das abläuft: Also, da sitzt Einer vorn (oder Eine) und erzählt unmotiviert etwas, von dem Sie sich fragen: Warum erzählt er mir das? Und was soll ich damit?

Das ist deshalb so, weil Ihnen der Vortragende keine Idee erzählt, die er selbst gehabt hat. Er erzählt Ihnen weder irgendetwas, das ihn interessiert, noch etwas, das er Ihnen mitteilen könnte. Anstatt dessen erzählt er Ihnen irgendeinen Inhalt aus dem Fundus der Fachphilosophie. Und was er damit eigentlich möchte, ist nicht, Ihnen irgendetwas zu sagen, sondern – je nachdem, an welcher Stelle er sich in der Ausbildung befindet – sein Studium abzuschließen oder an einer Universität „Fuß zu fassen“ (= eine Anstellung erlangen).

Das bedeutet, dass bei einem solchen akademisch-philosophischen Vortrag Inhalt und Interesse auseinanderfallen: Was anderes will er, als was er erzählt. Und was er erzählt, das will er nicht. Und was er will, darüber spricht er nicht.

Nun kommt dazu, dass bei akademischen Vorträgen eine unausgesprochene Übereinkunft darüber besteht, dass das gut so ist und dass man genauso vortragen soll. Man rechtfertigt das gewöhnlich mit Gründen der Wissenschaftlichkeit.

Mir ist an dieser Stelle mal gleichgültig, woher das kommt, ich möchte nur festhalten, dass wir ganz heftig daran trainieren, Menschen zu werden, die Dinge reden, die sie nicht interessieren, und diese Dinge anderen Menschen mitzuteilen, ohne ihnen damit etwas sagen zu wollen.

An anderer Stelle habe ich schon beklagt, dass dieser Brauch zu Kommunikationsschwierigkeiten mit akademischen Philosophen führt. Man kann PhilosophiestudentInnen und –absolventInnen praktisch keinen Gedanken mehr kommunizieren, den man gedacht hat. Sie werden sofort die Notwendigkeit empfinden, diesen Gedanken im theoretischen Universum des Fachs einzuordnen. Die Vorstellung, dass es jemand gewesen ist, der etwas gedacht hat, ist ihnen infolge ihres Studiums nicht länger geläufig.

Der gegenständliche Text soll übers Klagen hinausgehen und danach fragen: Wie ist das eigentlich, wenn wir die Bedeutung von „Idee“ vergessen haben werden? Wie kann man sich das vorstellen?

Also das Problem, das ich beschreiben möchte ist: Wie wird das sein, wenn wir erfolgreich vergessen haben, was eine Idee ist (worum wir uns gegenwärtig offenbar heftig bemühen)? Wie wird es uns gehen, wenn wir nicht mehr verstehen, was das Wort „Idee“ bedeutet und was wir einmal damit anfangen wollten?

Meine Vision ist, dass die Menschen, sobald die Bedeutung von „Idee“ vergessen ist, herumlaufen werden und den ganzen Tag Dinge erzählen werden, die sie nicht interessieren und die ihnen auch keine bessere Orientierung in der Welt ermöglichen. Im Umgang mit diesen Menschen wird man vergessen, dass man über die Dinge nachdenken könnte, um sich für sie zu interessieren – um also eine emotionale Verbindung mit diesen Dingen aufzubauen – und um Orientierung über eine bestimmten Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Wie also wird sich das Denken verändern?

  • Der Mensch wird sachlich denken. Das heißt, er wird konzentriert sein auf die inneren Zusammenhänge der Elemente in seinem Erkenntnisgegenstand. Hingegen wird er vergessen, was er von seinem Erkenntnisgegenstand überhaupt will und was er mit ihm machen will. Dem entsprechen als Ergebnis von geistiger Aktivität Ideen, die nicht länger Lösungen für Probleme von Menschen sind; die menschliche Dimension geht verloren, weil der sachlich Nachdenkende Probleme nur in den sachlichen Zusammenhängen seines Erkenntnisgegenstandes wahrnimmt.
  • Die Wahl seiner Erkenntnisgegenstände wird eher zufällig und fremdgesteuert sein. Denn wenn wir annehmen, dass Verstehen eine Antwort auf ein Orientierungsbedürfnis des Menschen ist und wir gleichzeitig annehmen, dass mit der Wortbedeutung von „Idee“ der Gedanke verloren geht, dass man sich in der Welt mittels eigenem Nachdenken orientieren könnte, dann geht auch der Antrieb des einzelnen Menschen verloren, sich mittels Nachdenken in der Welt zu orientieren. Er wird daher nicht über die Dinge nachdenken, um sich zu orientieren, sondern wird zufällig über irgendwelche Dinge nachdenken, und er wird über diejenigen Dinge nachdenken, über die man es ihm anschafft nachzudenken, weil ihm ja im Grunde einerlei ist worüber er nachdenkt.
  • Schon im letzten Punkt angedeutet, aber hier noch einmal eigens erwähnt: Der Mensch wird dann keinen Antrieb mehr haben, sich in der Welt zu orientieren. Ja, mehr noch, er wird die Vorstellung verloren haben, dass man sich überhaupt in der Welt orientieren könnte, weil er mit der Wortbedeutung von „Idee“ auch die Vorstellung hat, dass eine Idee etwas ist, dass den Wahrnehmungen, die man von der Welt macht, Struktur und damit Verständlichkeit verleiht.

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir – entgegen der gegenwärtigen allgemeinen Praxis – heute immer noch geistig von jenen Erzählungen aus früheren Zeiten leben, in welchen Menschen nachdachten, um etwas in der Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren. Wenn diese Geschichten einmal nicht mehr erzählt oder gelesen werden, könnte die Vorstellung verloren gehen, dass der Mensch in erster Linie über etwas nachdenkt, um es zu verstehen. Wir profitieren heute gewissermaßen noch „parasitär“ von diesen Erzählungen, die lange schon nicht mehr unserer gängigen Praxis entsprechen. Das verhält sich ebenso wie die Geschichten aus der Philosophiegeschichte, die uns darüber erzählen, wie Philosophie einmal praktiziert worden ist, obwohl die vergangene philosophische Praxis mit der gegenwärtigem in eklatantem Gegensatz steht – und die bisweilen einen gewissen korrektiven Einfluss auf unser gegenwärtiges Philosophieverständnis ausüben.

Nur scheint mir eben, wir halten die fortwährende Präsenz dieser alten Geschichten für gesichert und gehen davon aus, dass sie uns immer begleiten werden. Aber das muss nicht der Fall sein. Es könnte durchaus sein, dass die nächste Generation aufhört, sie zu lesen und sich dadurch das Verständnis dessen, was eine Idee ist, angleicht an den heutigen Gebrauch dieses Worts.

Wie wird es dann einem Menschen gehen, der einen Gedanken denken will, aber der nicht weiß, was ein Gedanke ist, weil die Vorstellung verschwunden ist, dass man sich mittels Denken in der Welt orientieren könnte? – Nun, vor allem stelle ich mir vor, dass er irr werden wird an seinem Bedürfnis, in der Welt Orientierung zu finden.

Es könnte sehr gut sein, dass er die Idee hat, dass es für ihn notwendig sei, eine Idee zu haben. Dass er also gleichsam die Idee von der Idee wiedererfindet. Er könnte das machen, indem er sich beispielsweise sagt: Um mich in der Welt, die mich umgibt, besser zurechtzufinden, muss ich mir über meinen Standpunkt in ihr klarer werden sowie über meine Bedürfnisse, die mich mit den Dingen in ihr verbinden. Daraus folgt dann eine Beschreibung, die jedoch nicht objektiv ist, sondern perspektivisch, weil sie Ausdruck ist meines zeitlich und räumlich lokalisierten sowie durch meine Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft beeinflussten und durch die Bedürfnisse und durch die Handlungsreichweite meines Körpers beschränkten Orientierungsbedürfnisses in der Welt ist.

Mit dieser Formel hätte sich der Mensch also die Vorstellung nachgebaut, die der „Idee“ früher einmal entsprochen hatte. Aber die Frage ist, wird er sie fassen und mit ihr arbeiten können inmitten einer menschlichen Umwelt, die völlig negiert, dass es das überhaupt gibt, wonach er da sucht? Höchstwahrscheinlich wird er sich also fragen: Bin ich verrückt oder sind es die Anderen? Und: Bin ich verrückt, weil ich ein Orientierungsbedürfnis habe und die Anderen offenbar ohne ein solches leben können? Sollte ich nicht doch darauf verzichten, mir eine eigene Vorstellung von den Dingen zu machen und anstatt dessen so zu leben versuchen, wie alle es tun?

Doch was ich hier versuche, ist künstlich: Ich versuche, mir vorzustellen, wie jemand das erste Anzeichen der Bedeutung dessen, was eine Idee ist, erahnt, obwohl er (oder sie) nicht weiß, was eine Idee ist. Das geht nicht. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn jemand eine bestimmte Sache nicht weiß. Wahrscheinlich würde er den Inhalt der Idee nicht einmal erfassen können. Wahrscheinlich würde ihm die Wichtigkeit der Idee für sein persönliches Handeln nicht klar werden. Und zudem wäre er ohne die Vorstellung einer Idee geistig handlungsunfähig: Man muss sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden, um sich geistig zu positionieren; wie aber könnte man das tun, wenn „sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden“ genau jene Aktivität ist, die der Wortbedeutung von „Idee“ und „nachdenken“ entspricht, ebendiesem Menschen aber die Vorstellung davon fehlt, was eine Idee sein könnte? Er müsste sich also zuerst die Idee machen, eine Idee von etwas haben zu können. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zugleich schreibe ich dies hier vor dem Hintergrund der Befürchtung, dass es bereits heute viele Menschen geben könnte, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist, weil sie dieses Wort bloß in der Gestalt eines theoretischen Konzepts oder einer wissenschaftlichen Beschreibung kennen gelernt haben. Ein theoretisches oder wissenschaftliches Konzept ist aber keine Idee mehr; es fehlt ihm das Subjektive, das es ermöglicht von meiner, deiner, seiner oder ihrer Idee zu sprechen. Es ist zu erwarten, dass solche Menschen nicht einmal verstehen werden, wovon ich hier rede. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, bis zu welchem Grad die Idee schon verlorengegangen ist.

Die Erfahrung, dass Kommunikationsversuche scheitern, die ich auf der unausgesprochenen Konvention aufgebaut hatte, dass mein Gesprächspartner das, was ich ihm erzähle, als meine Ideen interpretiert, die ich mir gemacht habe, um mir die Welt, in der ich lebe, verständlicher zu machen, mache ich relativ häufig. Und nicht nur auf Philosophiekongressen. Es ist also nicht mehr üblich, dass wir voneinander erwarten, uns unsere Ideen über die Dinge und die Welt zu erzählen. Gut, aber das könnte eben auch bloß aufgrund spezifischer Kommunikationsregeln so sein, die uns bei bestimmten Gelegenheiten, wie z.B. auf wissenschaftlichen Kongressen, in unserer Ausdrucksfreiheit einschränken.

Wenn man so denkt, könnte man sich vormachen, alle Menschen wüssten nach wie vor, was eine Idee ist, und man könnte ihnen eine mitteilen, wenn man sie in einer unbelasteteren Kommunikationssituation antrifft. Ja, aber vielleicht stimmt gar nicht? Vielleicht leben schon zahlreiche Menschen unter uns, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist? Vielleicht gehöre ich schon nur mehr einer kleinen Minderheit an? Wenn das so ist, dann handelt es sich bei dem, was ich hier in diesem Text zu erfassen versuche, um gelebte Realität und um keinerlei Horror-Science fiction. In dem Fall leben Menschen unter uns, die nicht wissen, was eine Idee ist, und man könnte sie untersuchen, wie sie ohne diese Vorstellung zurechtkommen.

Ich würde zwar auch in dem Fall bezweifeln, dass jemand, der weiß, was eine Idee ist, begreifen kann, wie das ist, wenn man es nicht weiß; aber man könnte zumindest herausfinden, womit sich diese Menschen beschäftigen und aus welcher Motivation oder Veranlassung sie es tun und auf diese Weise zumindest ein indirektes Verständnis ihrer geistigen Funktionsweise gewinnen.

Wie man ein Thema als ein philosophisches Thema präsentiert - zwei Optionen, die zwei unterschiedlichen Philosophieverständnissen entsprechen

von philohof E-Mail

Liebe Xxxxx,

du fragst mich, wie du zu Deinem Thema einen philosophischen Abend gestalten kannst. Und ich nehme an, du fragst mich als „Experten“, weil du weißt, dass ich Philosophie studiert habe.

Aber ich habe dir auch schon gesagt, dass ich mit den akademischen Philosophen uneins bin. Aus dem Grund sollte ich dir zwei Optionen anbieten, und du kannst dann auswählen.

Du schreibst, du gleitest bei der Vorbereitung immer wieder sofort in Ethik und Moral hinein. Nun, das liegt in der Natur der Sache. Denn die akademische Philosophie bestimmt sich dadurch, WAS zur Philosophie gehört. Man fragt danach, welche Disziplinen und Themen traditionell zur Philosophie gehören. Dann weiß man als Ergebnis, was Philosophie ist. Ethik und Moral (oder eigentlich: Ethik in der Gestalt von Moralphilosophie) sind ein anerkanntes Teilgebiet der Philosophie.

Im Allgemeinen kann als Definition gelten: Teilgebiet oder Thema der Philosophie = ein Thema, mit dem sich Philosophen in früheren Zeiten schon beschäftigt haben und mit dem sich gegenwärtig keine Einzelwissenschaft beschäftigen will. Also ein Thema, das man der Philosophie noch nicht weggenommen hat. Du siehst also, diese Bestimmung der Philosophie ist relativ einfallslos.

Nun hast du aber gar kein philosophisches Thema, sondern ein medizinisches und kommunikationswissenschaftliches. Wenn du es also als philosophisches Thema präsentieren willst, dann ist es nach akademischem Philosophieverständnis notwendig, dass du es in das Fach Philosophie hineinverschiebst und traditionell philosophische Disziplinen oder Fragestellungen auf es anwendest. Das könnten dann zum Beispiel sein: Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie oder auch Sozialphilosophie.

Du siehst, es ist kein Wunder, dass du immer wieder sofort in die Ethik reingleitest. Du denkst genau nach diesem Schema. Was auch kein Wunder ist, weil die akademische Welt und das Denken vieler Menschen nach ihm geordnet sind. Ich wollte dem nur hinzufügen, dass es neben der Ethik noch ein paar weitere Möglichkeiten gäbe – eben z.B. die Erkenntnistheorie – was aber nichts am Prinzip der Verfahrensweise ändert: Wenn du dein Thema nach dem akademischen Konzept von Philosophie an einem philosophischen Abend diskutieren willst, dann musst du gleichsam Philosophie aus ihm machen – und das funktioniert, indem du es auf Ethik, Erkenntnistheorie oder irgendeine andere Teildisziplin oder ein traditionelles Thema der Philosophie trimmst.

Das machst du also ganz richtig. Ist nur die Frage, ob dich das glücklich macht?

Die andere Option ist die, es nach meinem Philosophieverständnis zu machen. Den Vorschlag würde ich dir machen, aber eben mit der Warnung, dass mein Philosophieverständnis nicht allgemein geteilt wird. Mein Philosophieverständnis besteht darin, dass Philosophie sich dadurch bestimmt, WIE man ein Thema behandelt – und nicht dadurch, WELCHE Themen herkömmlich zur Philosophie gehören. Und dadurch gehören alle Themen zur Philosophie, auch deines.

Zum Beispiel ist eines der besten philosophischen Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, Thomas Meraths Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer. GABAL Verlag, Offenbach 2008. Es enthält so etwas wie platonische Dialoge für Themen der heutigen Zeit. Freilich handelt es sich dabei um wirtschaftliche Themen. Aber das ist bei meinem Philosophieverständnis kein Problem: Wirtschaft ist mich genauso Philosophie wie Mathematik, Medizin oder Literatur. Trotzdem hat sich mein Buchhändler heftig gewundert, als ich dieses Buch bestellt habe: „Was, werden Sie jetzt der Wissenschaft untreu?“ Auch er denkt eben im akademischen Fächerschema.

Wenn sich mein Philosophieverständnis durchsetzen würde, dann hätten wir übrigens einen Bürgerkrieg unter den Gelehrten. Denn die heutigen Königreiche sind häufig weniger materieller als ideeller Natur, und die Leute wollen es amtlich bestätigt haben, welches Teilgebiet der Philosophie, der Medizin oder einer anderen wissenschaftlichen Disziplin ihnen „gehört“. Und da sind sie dann auch unduldsam gegen Eindringlinge von außen.

Aber das nur am Rande. Wodurch zeichnet sich nun die philosophische Behandlung eines Themas nach meinem Philosophieverständnis aus? Ganz einfach, dadurch, dass man versucht, seine GesprächspartnerInnen zu überzeugen. Auf das „versuchen“ in diesem Satz lege ich großen Wert, denn entgegen der allgemeinen Anschauung kann man niemanden von etwas überzeugen, der nicht dazu bereit ist, sich überzeugen zu lassen.

Gut, und jetzt wird’s schwierig. Aber nicht wirklich, denn es kommen nur zwei Gedanken, die an sich leicht verständlich sind, aber unserem herkömmlichen Verständnis gegen den Strich gehen:

Erstens, das Wesentliche, das man macht, wenn man versucht, jemanden zu überzeugen, ist, dass man ihn anspricht, dass man sich ihm (oder ihr) zuwendet und ihn kommunikativ zu erreichen versucht. Wissenschaftliche Publikationen machen das nicht. Der Grund dafür ist, dass wissenschaftliche Leistungen einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leisten sollen, aber nicht die Aufgabe haben, irgendwelche konkreten Menschen von irgendwas zu überzeugen. Man hat schon oft gehört, ein Professor habe einen Preis erhalten, weil er einen wesentlichen Beitrag zu diesem oder jenem Fach geleistet habe, aber noch nie, er haben den Preis erhalten, weil er Herrn Müller oder Frau Mayer überzeugt hat. In der Philosophie sollte es meiner Meinung nach genau umgekehrt sein: Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Herrn Müller und Frau Mayer zu überzeugen; ob sie darüber hinaus auch noch einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leistet, ist nachrangig.

Zweitens ergibt sich aus der Voraussetzung, dass Philosophie in dem Versuch, Menschen zu überzeugen, besteht, die wichtigste Regel für das Philosophieren. Und die lautet: Alles muss auf den Tisch! Das bedeutet: Alle Argumente müssen hier und jetzt überzeugen. Oder vielleicht kannst du dir schneller eine Vorstellung davon machen, was ich damit meine, wenn ich dir sage, was es nicht bedeutet: Wissenschaftler pflegen ihre Behauptungen durch Daten zu untermauern. In der Philosophie ist diese Strategie meiner Ansicht nach nicht akzeptabel. Der Grund ist: Die Daten sind nicht hier und jetzt zustande gekommen. Wenn ich die Möglichkeit habe, hier und jetzt mit dem Wissenschaftler gemeinsam die Daten nachzuprüfen, dann akzeptiere ich sie in einem philosophischen Gespräch; sonst nicht. Denn beim Philosophieren versucht man, keine Inhalte zu akzeptieren, die man nicht selbst nachprüfen kann – während man in der Wissenschaft die ganze Zeit dazu gezwungen ist, Inhalte auf Treu und Glauben hinzunehmen, die zu prüfen man hier und jetzt nicht die Möglichkeit hat.

Aus diesem Grund ist Philosophie auch nicht von Daten abhängig. Die Daten und Fakten können sogar erfunden sein. Und weil das so ist – also weil man sich vornimmt, nichts zu glauben als das, was man unmittelbar einsieht – eignen sich sogar literarische Texte als Grundlage fürs Philosophieren. (Es ist mir schon passiert, dass ich von Büchern begeistert war, die von anderen verdammt wurden, weil sie Fehler und sachlich Unrichtiges enthalten. Aber als Philosophierender ist man eben nicht auf völlig wahrheitsgetreue Beschreibungen der Wirklichkeit angewiesen; man pickt sich das heraus, was einen selber überzeugt.)

Wenn ich vorher behauptet habe, meiner Philosophievorstellung nach könne man ALLE Themen auch philosophisch behandeln, so muss ich jetzt wieder eine Einschränkung machen: alle Themen, die der Erfahrungswelt der Gesprächspartner naheliegen. Die Wissenschaft hat nämlich die Eigenschaft – und das ist auch ihre große Stärke – sich durch ihre Beschäftigung mit dem immer Größeren und dem immer Kleineren von der Erfahrungswelt der Menschen zu entfernen. Und hier funktioniert die philosophische Zugangsweise nicht: weil man nämlich nicht einmal weiß, wovon die Rede ist. Es fehlt einem der eigene Erfahrungshintergrund als Verständnisstütze.

Was folgt jetzt daraus für dich, liebe Xxxxx, und deinen philosophischen Abend mit einem medizinischen Thema? – Nun, Philosophie ist meiner Anschauung zufolge, wenn man sich den Menschen zuwendet und versucht, ihre Vorstellungen von den Dingen zu formen (oder neu zu formen). Um das tun zu können, muss man sich aus den Fachdiskursen herausbegeben, muss die Dinge vereinfachen, soweit das möglich ist, und man muss die Leute dort „abholen“, wo sie stehen.

Bei dem letztgenannten Punkt beginnen allerdings die Probleme. Denn wo „stehen“ die Leute? Heute, in unserer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft, steht ein jeder Mensch woanders, ein jeder hat andere Erfahrungen und was für den einen ein Problem oder eine Frage ist, ist für den anderen nicht einmal der Rede wert. Was für den einen eine Neuigkeit ist, ist für den anderen ein alter Hut.

Ich glaube, da kann man nur experimentieren und die eigene Botschaft immer wieder anders formulieren, um zu versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Aber alle wird man nie erreichen können.

Da du allerdings dein Thema schon gewählt hast und dieses Thema eine These darüber enthält, dass über dieses Thema zu wenig Wissen bekannt ist und dass damit eine Handlungsnotwendigkeit – nämlich Aufklärungsarbeit zu leisten – verbunden ist, so geht damit auch eine Annahme einher, wo die Leute stehen, nämlich: Sie wissen nicht genug darüber, die damit verbundenen Implikationen sind ihnen noch nicht ausreichend bewusst.

Damit will ich sagen, dass du, indem du über ein Thema sprichst, eigentlich Agenda-setting betreibst. Also du sagst: „Darüber muss man hier und jetzt sprechen, weil es wichtig ist!“

Wenn das gelingt, also wenn es dir gelingt, das Publikum von der Bedeutung deines Themas zu überzeugen, ist eigentlich schon der gesamte philosophische Abend gelungen. Aber mit welchen konkreten Fragen, Argumenten oder Beispielen dir das gelingen kann, da kannst eigentlich nur Freunde und Bekannte fragen und feststellen, wie stark sie auf bestimmte konkrete Inhalte reagieren.

Aber das macht nichts, denn der geplante philosophische Abend ist ja selbst auch nur ein Experiment.

Zuletzt möchte ich dich noch vor der Vorstellung bewahren, dass es in der Philosophie immer notwendig sei, ein Thema zur Diskussion zu stellen. Ich denke, es ist eine falsche Vorstellung, dass es in der Philosophie immer darum gehen müsse, irgendwelche Fragen oder Behauptungen zu diskutieren. Du hast dich mit deinem Thema intensiv beschäftigt, und deine ZuhörerInnen wissen gar nichts darüber. Du musst ihnen zuerst einmal etwas erzählen, damit sie sich ein eigenes Urteil über Sache bilden können. Erst mit dem eigenen Urteil ist die Grundlage gegeben, um überhaupt etwas diskutieren zu können. Wenn sie am Ende konkrete Fragen stellen oder mit ihren eigenen Erfahrungen Anschluss an das Thema deines Vortrags finden, indem sie sagen: „So etwas habe ich auch schon einmal gesehen.“ – zeigt das, dass sie Interesse an dem finden konnten, was dir, wie ich weiß, ein großes Anliegen ist und dass auch in Bezug auf die Verständigung der kommunikative Kontakt gelungen ist. Ich war jetzt fast schon versucht zu sagen: „Das ist genug!“ Aber richtiger ist: Das ist sogar besser als diskutieren! Denn diskutieren tut man über zumeist über (konfliktive) Detailfragen. Wenn es dein Anliegen ist, ein gesamtes Thema zu bewerben, dann wird es nicht in deinem Interesse liegen, durch Diskussionsangebote bei Detailfragen hängenzubleiben.

So, damit hätte ich nun hoffentlich deutlich gemacht, wie man à la Hofbauer philosophiert. Außerdem habe ich dir aber auch ehrlicherweise eingestanden, dass das kein mehrheitsfähiges Programm ist. Deshalb überlasse ich es dir, ob du Option 1 wählst und dein medizinisches Thema in die Philosophie zwängst, oder Option 2, bei der du dich darauf konzentrierst, die Vorstellungen deiner ZuhörerInnen zu formen und sie von der Wichtigkeit deines Themas zu überzeugen.

Die undifferenzierte Aufklärung

von philohof E-Mail

Das ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. Grund genug, es hier einmal in Gestalt einer Notiz festzuhalten.

Die Aufklärung ist – entgegen der Meinung der meisten Menschen – keine rein positive Angelegenheit. Sie enthält zwei gegensätzliche Elemente, die aber nicht leicht sichtbar werden, weil wir nicht bereit sind, zwischen der Vernunft und dem menschlichen Gebrauch der Vernunft zu differenzieren.

Das positive Element der Aufklärung ist das Sapere aude! -, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Diesem Leitspruch von Kant möchte ich gern folgen. In ihm drückt sich die Befreiung des Menschen durch die Vernunft aus.

Das negative Element ist die Unterdrückung des Menschen durch die Vernunft. Die Vernunft kann nämlich auch unterdrücken. Und das kommt so: Wenn die Vernunft mich befreien kann, weil ich vernünftig denken kann und dadurch imstande bin, mich selbst in meinem Handeln zu leiten, so kann sie mich auf der anderen Seite auch unterdrücken, weil ich der Vernunft folgen muss, sobald ich ein vernünftiges Argument einmal eingesehen habe.

Merkwürdigerweise scheint Kant diese innere Widersprüchlichkeit des Konzepts der Aufklärung nicht gesehen zu haben. Seine Blindheit für dieses Faktum fand ihren hervorragendsten Ausdruck in der Formulierung des kategorischen Imperativs: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Kant scheint sich nicht überlegt zu haben, was mit dem kategorischen Imperativ passieren würde, wenn er im sozialen Zusammenhang gesellschaftlichen Handelns Anwendung fände.

Ich würde erwarten, dass Folgendes passiert: Zuerst einmal würde man feststellen, dass ein gewöhnlicher Mensch ja gar nicht dazu qualifiziert und ausgebildet ist zu wissen, was als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte. Sodann würde man vielleicht spezielle Studien einrichten, durch welche die Absolventen derselben das Zertifikat erhielten, zu Handlungen nach dem kategorischen Imperativ berechtigt zu sein. Diese würden in der Folge anderen Menschen als beratender Beruf zur Verfügung stehen und ihnen auf Anfrage schriftlich und mit Stempel bestätigen, dass eine bestimmte von ihnen intendierte Handlung im Einklang mit dem kategorischen Imperativ steht. Ohne vorherige Konsultation dieser Spezialisten dürfte man nicht mehr handeln.

Und/oder es würden Kommissionen gegründet, die entscheiden, welche Handlungsoption in bestimmten Fragen und bei Handlungen in bestimmten Situationen im Einklang mit dem allgemeinen Gesetz steht. (Wenn ich z.B. an die neue Kennzeichnungspflicht für Allergene auf Speisekarten denke, so habe ich ohnehin den Eindruck, als würde das Rezept der Handlungsteuerung von oben, also per Gesetz, heute zunehmend stärker verfolgt.) Aber eines würde ganz bestimmt nicht geschehen: Man würde den Einzelmenschen nicht alleine entscheiden lassen. Wenn etwas so Wichtiges wie die allgemeine Gesetzgebung auf dem Spiel stünde, würde man nie und nimmer den Einzelnen so handeln lassen, dass die Maxime seines Handelns zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte, sondern man würde ihm – aus Angst, er könnte eine bestimmte Handlungsweise durchsetzen, die man nicht haben will – sein Handeln wegnehmen, ihm seine Handlungsfähigkeit absprechen und ihm anstatt dessen vorschreiben, was zu tun sei.

Dass Kant das nicht gesehen haben könnte, ist etwas, das mich zutiefst verwundert: dass man nicht von jemanden verlangen kann, dass er autonom (selbstständig) und zugleich vernünftig handle. Denn sobald man verlangt, dass sein Handeln auch vernünftig sei, werden sich Andere einschalten, um danach zu fragen, ob dieses Handeln denn auch wirklich vernünftig sei und binnen kürzester Zeit wird er nicht mehr autonom sein. Weil sich nämlich die Beurteiler der Vernünftigkeit der Handlung einmischen und dem Handelnden ihre Vorstellungen von Vernunft aufdrängen. (Natürlich habe ich auch schon etwas zu diesem Thema geschrieben: MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral, S. 158ff.)

Was man daraus lernen könnte, ist: Vernunft und Vernünftig-Handeln-Wollen gehen nicht zusammen. Die Aufklärung setzt das aber ineins:

  • Wenn der Einzelmensch nachdenkt, bedient er sich seiner Vernunft;
  • und mit seiner Vernunft hat er zugleich Anteil an der Vernunft an sich, der Domäne für allgemeine Vernunftwahrheiten.

Diese Weigerung, zwischen der Vernunft und der menschlichen Vernünftigkeit zu unterscheiden – oder auch die Unfähigkeit, den Unterschied zwischen diesen beiden zu sehen, nenne ich die „undifferenzierte Aufklärung“.

Und diese undifferenzierte Aufklärung hat zu bekannten Problemen geführt, die allgemein als solche der „Moderne“ apostrophiert werden. Diese Probleme unterteilen sich, mit Anklang an einen Buchtitel von Elias Canetti, in solche der Masse und solche der Macht.

Fangen wir mit der Macht an. Ich habe bereits gezeigt, dass wir, wenn wir Anhänger der Idee der Vernunft sind, wenig Neigung haben werden, dem ungebildeten, schmutzigen Menschen, der keiner regelmäßigen Arbeit nachgeht, irgendwas entscheiden zu lassen. Die vernünftigen Entscheidungen sind sicherlich besser aufgehoben bei den gebildeten Menschen beziehungsweise in Institutionen, die Wissensressourcen als Grundlagen für Handlungsentscheidungen (Schulen, Universitäten, Ministerien) anhäufen. Der Ruf nach der Vernunft führt also paradoxerweise nicht zu einer Stärkung der Individuen als Handelnde, sondern zu ihrer Schwächung und Entmündigung.

Aber das ist noch nicht alles. Die Vision von vielen mehr oder weniger vernünftigen Menschen, die unkoordiniert handeln, führt zur Befürchtung von Chaos und Stagnation und in der Folge zum Ruf nach „dem starken Mann“. Diese Tendenz ist von der Struktur der Idee der Vernunft her verständlich: Da sie nur eine ist, sollte auch nur Einer regieren. Es kann ja auch nur Einer Recht haben; und wenn das so ist, werden ihn die Anderen mit ihren abweichenden Meinungen nur behindern.

Es mag für diejenigen, die diesen Umstand noch nie bedacht haben, übertrieben klingen, aber letztlich ist der Glaube an die Vernunft auch mit schuld am Aufstieg des Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg, denn hier wollte man einem Menschen so viel Macht geben, dass er durchsetzen konnte, was nottat. Freilich tat er dann auch sonst noch allerhand, was nicht vernünftig war; aber davon konnte man ihn dann schon nicht mehr zurückhalten, nachdem man ihm einmal die Macht überlassen hatte. Diese Bemerkung scheint mir notwendig zu sein, weil der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg allgemein als Ausdruck der Unvernunft angesehen werden, gewissermaßen als hätten sie nicht geschehen können, wenn die Menschen damals vernünftiger gehandelt hätten. Dass auch die Idee der Vernunft in den Weltkrieg geführt hat, wird gern übersehen. (Umgekehrt kann man die Rückkehr von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zur parlamentarischen Demokratie in mehreren Staaten auch als ein gewisses Abrücken von der Idee der Vernunft sehen, denn hier erlaubt man es mehreren Parteien, in Parlament und Öffentlichkeit ihre Ideologien zu verbreiten, die nicht (alle) vernünftig sein können – allein schon deshalb, weil es mehrere sind.)

Während sich die Vernunft zur Macht gesellt, weil sie die stärkere ist, bleibt auf der anderen Seite der Einzelmensch übrig und wird zum atomisierten, beziehungslosen und ohnmächtigen Menschen in der Massengesellschaft. Die Ohnmacht des Einzelnen rührt nicht zuletzt daher, dass die Vernunft so hohe Anforderungen an ihn stellt, dass er ihnen nicht genügen kann. Diese Thematik ist in die politische und in die Sozialphilosophie eingegangen als das Drama des modernen Subjekts. Dieses Drama lässt sich so zusammenfassen, indem man sagt: Man hielt die Vernunft für ein so starkes Instrument zur Konstitution der eigenen Identität, dass man meinte, der Mensch könne auch klar denken, wenn er hungert und friert und sich um seine kranken Kinder sorgt. Das kann er natürlich nicht, aber der Begriff des Menschen als eines vernünftigen Tiers (animal rationale) scheint nahezulegen, dass alles, was der Mensch denkt und tut, auf jeden Fall immer vernünftig sein müsse, gleich wie es ihm sonst noch geht. In der Folge erwartete man vom einzelnen Menschen, dass er sich kraft seiner Vernunft selbst erschafft und sich eine eigene Identität zuschreibt, was er natürlich außerdem auch noch ganz alleine tun soll, denn die Vernunft ist ja nur eine und braucht daher keinen zweiten Menschen zur Beratschlagung.

Der Glaube an die Vernunft führt also auf der einen Seite zu einer (manchmal aber nicht immer wohlwollenden) Diktatur von oben und auf der anderen Seite zu atomisierten, ohnmächtigen Einzelmenschen in der Anonymität der Massengesellschaft.

Aus dem Grund glaube ich, man muss vor dem Glauben an die Vernunft warnen, selbst wenn man sich dadurch der Gefahr aussetzt, als Irrationalist, also als Anhänger des Unvernünftigen zu gelten.

Den Grund, warum man der Vernunft trotzdem distanziert gegenüberstehen sollte, noch einmal kurz zusammengefasst: Ich bin gut und gern bereit zu glauben, dass es auf der Welt vernünftig zugehen würde, wenn uns die Vernunft in Person begegnen würde. Aber angeleitet von unserem Glauben an die Vernunft begegnen wir ja nicht der Vernunft selbst, sondern unserer (gegenwärtigen) Vorstellung von der Vernunft. Und diese ist genauso beschränkt – um nicht zu sagen: blöd – wie wir selber. Daher kommt es, dass wir die Unvernunft finden, wenn wir die Vernunft suchen.

Und das einzige Gegenmittel, das es dagegen gibt, ist, zwar zu versuchen, vernünftig zu handeln (denn eine andere Möglichkeit haben wir nicht), aber vorsichtig dabei zu sein. Denn wer vernünftig im Sinne der „undifferenzierten Aufklärung“ handelt, ist wie jemand, der auf dem weißen Papier Pläne zeichnet, die in sich zwar schlüssig sein mögen, die aber zugleich viele Umstände der äußeren Realität, in der sie dann verwirklicht werden sollen, außer Acht lassen.

Meine Ausführungen haben nun nicht den Zweck, selbst einmal mit großen Begriffen wie „Moderne“ und „Postmoderne“ zu werfen; vielmehr bin ich eigentlich eher irritiert, wenn Philosophen und Kulturwissenschaftler das tun, weil ich ja eigentlich denke: Wir stehen heute immer noch ganz am Anfang der Aufklärung. Wir haben versucht, die Ideale der Aufklärung zu verwirklichen, aber es ist uns schlimm misslungen. Und eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, es noch einmal neu zu versuchen. Wir sollten also nicht über „Moderne“ und „Postmoderne“ diskutieren, sondern dort weitermachen, wo wir stehengeblieben waren.

Meine Ausführungen haben nur den Zweck, um darauf hinzuweisen, dass jene Probleme, die aus der „undifferenzierten Aufklärung“ resultieren, in der Kulturtheorie schon an prominenter Stelle diskutiert worden sind. Wenn man Autoren wie Elias Canetti, Horkheimer/Adorno, Zygmunt Bauman oder Michel Foucault (neben vielen anderen) liest, begegnen einem immer wieder die gleichen Probleme, die oft als solche der Moderne beschrieben wurden: Hier die Macht, die immer mehr Wissen ansammelt und sich immer besser organisiert, dort die Einzelmenschen, die immer ohnmächtiger werden und als Masse verwaltet werden. Mich wundert, warum man bisher noch nicht gesehen hat, dass die Aufklärung in ihrer undifferenzierten Gestalt das Drehbuch zu diesem Drama geschrieben hat!

Denn sobald man meint, der Mensch sei vernünftig und die menschliche Gesellschaft solle vernünftig regiert werden, wird immer sogleich dieselbe soziale Dynamik entstehen: Es wird einem auffallen, dass manche Menschen vernünftiger sind als andere und man wird daraus folgern, dass die vernünftigeren regieren sollen. Am Ende werden die Vernünftigsten regieren (aber so, wie es ihnen selbst am besten erscheint; nicht notwendig so, dass auch die Bedürfnisse der Übrigen erfüllt werden) und der Großteil der Menschen wird weitgehend entmündigt sein.

Kurz: Ich wundere mich, dass man bisher nicht gesehen hat, dass die Aufklärung die Probleme aufgelegt (im Sinne von: verursacht) hat, in denen wir bis heute stecken.

Die Moral von der Geschichte, die ich hier erzähle, ist natürlich, dass wir lernen sollten, mit dem Vernunftbegriff anders umzugehen als bisher. Denn das Anliegen der Aufklärung, wonach nicht religiöser Glaube und blinder Respekt vor Autorität, sondern die Vernunft herrschen sollte, hat dazu geführt, dass blinder Glaube und Respekt vor der Autorität von Experten herrscht, aber erst recht wieder nicht die Vernunft. Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass die Menschen bis heute gewohnt sind, dem zu glauben, was Worte ihrem Wortlaut nach unmittelbar zu sagen scheinen und wahrscheinlich nicht in der Lage sind, Begriffen distanziert gegenüberzutreten und beispielsweise zu fragen: „Du redest von der Vernunft; aber welche meinst du – die gute oder die schlechte? Die gute, die mich befreit und mir Mittel in die Hand gibt, um selbst mein eigenes Leben zu gestalten, oder die schlechte, die mir meine Freiheit wegnimmt und mich unter dem Vorwand, ein Anderer wisse besser als ich, was gut für mich ist, psychisch zum Entwicklungsstadium eines Kleinkinds regredieren lässt?“

Das Problem liegt darin, dass nach wie vor das Wort „Vernunft“ in aller Unschuld und Naivität daherkommt und scheinbar nur „dasjenige, was vernünftig ist“ bedeutet. Diese Wortbedeutung aber ist eine Falle, und wir müssten vor ihr zurückschrecken und uns fragen: Was kann denn „Vernunft“ bestenfalls bedeuten? Nun, bestenfalls kann „Vernunft“ bedeuten, dass sich jemand darum bemüht, eine vernünftige Entscheidung zu treffen und dass sie ihm, nach allem was er weiß und berücksichtigen konnte, auch vernünftig erscheint, was aber noch nicht bedeuten muss, dass sie tatsächlich vernünftig ist. Somit ergeben sich für die „Vernunft“ zwei Wortbedeutungen, die man auseinanderhalten muss: Da ist einmal die Vernunft oder vernünftige Entscheidung selbst, die uns als Ideal vorschwebt, die wir aber nie erreichen können und von der wir deshalb eigentlich auch nichts wissen. Und dann ist da unsere Bemühung um ein vernünftiges Handeln, die wir schon in der Hand haben, aber von der wir als beschränkte Wesen letzten Endes nicht mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich vernünftig ist – d.h. ob unser Handeln das Ideal der Vernünftigkeit erreicht.

Ohne diese Differenzierung zwischen Vernunft und Vernunft wird für den einzelnen Menschen kein „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – möglich sein, und die menschliche Gesellschaft wird ohne sie immer wieder in Situation der Moderne mit ihrer Problemstellung von Maße und Macht zurückfallen. Aber so logisch sie klingt, wenn man die Sache durchdenkt, so wird es trotzdem nicht leicht sein, diese begriffliche Unterscheidung den Menschen schmackhaft zu machen, denn letzten Endes bedeutet sie ja, dass unser vernünftiges Handeln nicht vernünftig ist, weil Vernunft für uns Menschen ein unerreichbares Ideal ist. Da werden sich viele Leute in ihrem Stolz und Selbstbild auf den Schlips getreten fühlen.

Interessanter als das ist jedoch die Frage: Wie stellt man sich eine Vernunft vor, die nicht vernünftig ist, sondern bloß ein Bemühen um Vernunft ist. Ich weiß von meiner Beschäftigung mit dem Gettier Problem, dass die analytischen Philosophen es nicht hinkriegen, sich ein Wissen vorzustellen, bei dem man nicht mit Sicherheit weiß. Diese Begriffe, die nicht ganz für voll genommen werden können – wie Vernunft und Wissen – bereiten offenbar unserem Verständnis große Probleme. An ihnen scheitern auch die schlauesten Philosophen. (Aber es gibt unter den Philosophen ja auch bis heute noch enthusiastische Anhänger der Ethik Kants, solche, bei denen die kantische Moralphilosophie offenbar einen ganz tiefliegenden Nerv getroffen hat, sodass sie gleichsam beseelt sind vom kategorischen Imperativ.)

Ich jedenfalls habe mein Sprüchlein aufgesagt: Wir können entweder weiterhin dem Glauben an die Vernunft nachhängen und damit eine „undifferenzierte Aufklärung“ praktizieren, dann wird die „Vernunft“ im gesellschaftlichen Raum dem Expertenwissen und den technokratischem Handeln zugeschrieben werden. Oder wir raffen uns doch noch einmal auf und entscheiden uns dazu, mit dem eigentlichen Projekt der Aufklärung, also dem Sapere aude! – und dem Selbstdenken aller Einzelmenschen, Ernst zu machen, aber dann werden wir nicht darum herumkommen, den Menschen als „nicht ganz vernünftiges Wesen“ zu definieren. Und mehr noch: den Menschen nicht nur so zu definieren, sondern ihn gemäß dieser Definition auch so zu sehen und uns selbst so zu sehen. Aber das würde uns meiner Einschätzung nach einige Probleme bereiten. Dann würden uns gewiss einige Elemente unserer bisherigen Geisteswelt durcheinanderkommen: Ich weiß zum Beispiel nicht, was wir dann mit dem Wort „Irrationalismus“ machen.

"Philosophie" ist ein pervertiertes Wort

von philohof E-Mail

Neulich traf ich unseren Techniker Fritz morgens in der U-Bahn. Ich treffe ihn dort bisweilen, weil wir ein Stück weit denselben Weg zur Arbeit haben. Wenn wir uns in der U-Bahn treffen, machen wir ein wenig Konversation und plaudern dabei gewöhnlich über wirtschaftliche und politische Probleme.
Dieses Mal wunderte sich Fritz, wozu die Leute Facebook brauchen. Aufgrund seiner Ingenieurspersönlichkeit hat Fritz oft eine etwas andere Perspektive auf die Dinge. Zu posten, welche Speisen man gerade gegessen hat, hält er für uninteressant, und sobald es sich um irgendein spezielleres Interesse handelt, über das man sich austauschen will, sei man doch in einem spezialisierten Internetforum besser aufgehoben. Es gebe ohnehin Foren für alles Mögliche, z.B. für Fotografie.
Ich entgegnete Fritz, ich wüsste auch nicht, wofür andere Leute Facebook gebrauchen. Aber ich könne ihm sagen, wofür ich es brauche. Nämlich um z.B. einen Link zu posten, wenn ich wieder einmal einen Post für meinen Blog auf philosophieblog.de geschrieben habe.
Ja, aber für Philosophie gibt es doch auch spezialisierte Foren. Ob ich dort nicht besser aufgehoben wäre, um mich mit Gleichgesinnten auszutauschen?
Leider nein, sagte ich, denn Philosophie sei ein pervertiertes Wort. Also ein Wort, bei dem auf seinem Weg durch die Geschichte schleichend seine Wortbedeutung abhandengekommen sei. So glaube ich ja z.B. auch nicht, dass an den Philosophieinstituten in den Universitäten Philosophie unterrichtet werde. Was mich in eine grelle Dissonanz zur sozialen Wirklichkeit setzt, denn: Alle Leute sind der Meinung, an den universitären Philosophieinstituten werde Philosophie praktiziert, aber ich war selbst dort, ich habe ja Philosophie studiert, und es wäre mir nicht aufgefallen, dass es dort Philosophie gäbe.
Die Angelegenheit sei eigentlich noch dramatischer, setzte ich noch eins drauf, denn bei allen Menschen, an die ich mich mit einem philosophischen Anliegen wende, seien die mehr oder weniger professionellen oder spezialisierten Philosophen diejenigen, von denen mir am meisten Abwehr entgegenschlage. Denn auf wen treffe ich, wenn ich auf einen spezialisierten Philosophen oder auf eine spezialisierte Philosophin treffe? Zumeist auf einen Besserwisser, der seine Position durch Wissen über spezielle Entwicklungen in seiner Subdisziplin innerhalb der akademischen Philosophie rechtfertigt und dadurch dem freien Austausch von Argumenten ein Ende setzt. Es erscheine mir völlig sinnlos, mit meinen philosophischen Interessen Verständnis bei Philosophen zu finden, denn diese seien mit vernünftigen Argumenten nicht erreichbar, sagte ich.
Da sei es schon besser, mein neues Posting über Facebook meinen in etwa 250 Freunden bekannt zu machen, denn darunter befinde sich zumindest eine Handvoll Menschen, die sich mit dem, was ich unter Philosophie verstehe, angefreundet hat und die den Text vielleicht lesen werden. Diese Menschen hätten zumindest grundsätzlich die Möglichkeit, meinen Blogtext verstehen zu können, weil sie keinen Hintergrund in Philosophie haben. Als philosophisch unbedarfte Menschen seien sie offen für das, was man ihnen gegenüber vorbringt, und wüssten nicht von Vornherein alles besser, sodass man ihnen nichts mehr erzählen kann.
Ja, das verstünde er, sagte Fritz, und damit sei ich der Erste, der ihm ein akzeptables Argument vorgebracht hätte, wofür Facebook vielleicht doch tauglich wäre. Bei mir wirkte unser Gespräch noch nach, und mir fiel ein, dass ich ja schon öfters in meinem Leben über die Einteilung der Welt in Fächer und Schubladen nachgedacht hatte, wobei mir dabei immer wieder aufgefallen war, wie problematisch solche Einteilungen sind, weil es innerhalb eines Fachs immer die soziale Gruppe, die sich durchsetzt, ist, die bestimmt, wie das Fach definiert wird und sich selbst sehen soll. Wer immer mit der Meinung der herrschenden Gruppe über das Fach nicht übereinstimmt, dem bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, auf dem „freien Markt“ oder jedenfalls außerhalb des Fachs nach Gesprächspartnern zu suchen. Fritz war die Einteilung der Welt in Fächer und Schubladen offenbar bislang noch als eine unproblematische Angelegenheit erschienen, die einfach zweckmäßig war. So würde man ja auch von vornherein erwarten, dass Fotografieinteressierte Gleichgesinnte in einem Fotografie finden und Computersystemadministrationsinteressierte in einem Forum für Systemadministration. Nur: So ist es bei Philosophie eben gerade nicht. Aber darüber sprachen wir dann nicht mehr, denn wir waren schon bei unseren Büros angekommen.
Als Philosophieinteressierter muss man sich eingestehen, dass andere Philosophen diejenigen Menschen sind, die am philosophiedesinteressiertesten von allen Adressaten sind, an die man sich wenden kann. Bitte, wieso das so ist, darüber könnten wir nun mutmaßen und ich hätte da schon auch meine Ideen zu dem Thema. Aber Fakt ist, dass jene Menschen, die der Meinung sind, alle Menschen müssten sich ganz leicht und konfliktlos unter Themenstichworten und Überschriften versammeln können, Druck auf uns Philosophieinteressierte ausüben. Druck in der Richtung, dass „Philosophie“ doch auch so unproblematisch und verständlich sein müsste wie „Fotografie“. Ja, und vielleicht verfallen wir sogar bisweilen selbst in den Glauben, da seien doch noch andere Menschen, die von sich selbst sagen, sie seien philosophiebegeistert, und diese Menschen müssten doch eine teilweise überlappende oder zumindest kompatible geistige Interessenlage mitbringen wie wir selber.
Aber eigene Erfahrung lehrt, dass das nicht der Fall ist: Ein Argument, das der Eine als im Mainstream der philosophischen Tradition befindlich einschätzt, hält der Andere für so inakzeptabel, dass es in einem respektablen philosophischen Diskurs nicht einmal geäußert werden kann, ohne blöd und peinlich zu wirken. Was für den einen Philosophen eine lohnende philosophische Aufgabe ist, hat für den anderen mit Philosophie überhaupt nichts zu tun und ist bloß hohles Geschwätz. So weit sind wir nämlich in Wirklichkeit voneinander entfernt.
Freilich, die Menschen fahren fort, daran zu glauben, dass man wissen könne, was Philosophie sei. Dass es so etwas wie eine Wortbedeutung von „Philosophie“ gebe. Und wenn sie sie schon selbst nicht wüssten, weil sie ja Laien sind, so würden sie zumindest erwarten, dass philosophische Fachleute befriedigend darüber Auskunft geben könnten, was denn das sei, „Philosophie“.
Aber das ist nicht der Fall. Es gibt viele Philosophiekonzepte und kein gemeinsames. Weder allgemein noch unter Fachleuten ist es ausgemacht, was Philosophie ist. Deshalb wird man die Tatsache akzeptieren müssen, dass „Philosophie“ ein unverständliches Wort ist. Und einen jeden Menschen, der behauptet, dass er Philosophie mache, muss man zuerst fragen, was Philosophie für ihn sei, was er denn eigentlich genau damit meint.
Und der Grund dafür ist, dass „Philosophie“ ein pervertiertes Wort ist. Das bedeutet, dass es irgendwann im Laufe der Geschichte mal einen Anfang gab, zumeist wird dieser in Griechenland lokalisiert, wo einige Menschen die Aufgabe und das Ziel der Philosophie bestimmt haben. Dann kam die nächste Generation und fand diese Aufgabe unattraktiv und das Ziel nicht lohnenswert und bestimmte die Philosophie neu. Und dann kam die dritte Generation und macht dasselbe mit er zweiten. Eine lange Zeit hindurch war die Philosophie die Magd der Theologie, weil der Glaube den Rahmen des gültigen Weltbilds bestimmte und man es für eitel und sinnlos hielt, sich um ein Weltbild außerhalb des Glaubens und unabhängig von ihm zu bemühen. Heute ist die Philosophie die Magd der Wissenschaft, weil unser Zeitalter ein wissenschaftsdominiertes ist. Zwar interessiert die Wissenschaft kaum jemanden, aber unser Wirtschaftssystem basiert auf Patenten und intellektuellem Eigentum, sodass wir alle zur Wissenschaft verdammt sind. Und auch die Philosophie ist heute dazu verdammt, eine wissenschaftliche zu sein oder als wissenschaftlich zumindest zu erscheinen.
Jedes neue Zeitalter, jede Geistesmode färbt die Philosophie völlig durch, und die Philosophie hat zu wenig Eigencharakter, um dem irgendetwas entgegensetzen zu können. Das ist der Grund, warum „Philosophie“ auch in jedem Zeitalter bisher immer ein mehr oder weniger pervertiertes Wort gewesen ist. Mir fiele auch gar nichts ein, was man dagegen unternehmen könnte. Außer vielleicht dieses: Den Leuten klar machen, dass „Philosophie“ kein Wort ist wie Fotografie oder Systemadministration, Biologie, Mathematik oder Logistik. Dass es ein unverständliches Wort ist oder zumindest eines, das nicht ohne weiteres, also ohne weitere Erläuterung verständlich ist. Und natürlich auch, dass Philosophen nichts mit anderen Philosophen gemein haben.
An der Stelle drängt sich der Einwand auf, warum ich bei diesem Wort bleiben will? Wenn es so unverständlich ist und nicht dazu taugt, dass Gleichgesinnte sich unter ihm zusammenfinden, warum sollte ich es nicht über Bord werfen und meine Interessen unter einem anderen Begriff verfolgen? – Nun, sofort würde ich das machen, wenn mir ein solches Wort einfiele, das besser oder zumindest gleich gut zum Ausdruck bringt, was ich unter Philosophie tun will. Aber ich weiß leider kein solches Wort. „Philosophie“ bringt immer noch am besten jenes Projekt des eigenständigen Denkens zum Ausdruck, in welchem ein Mensch den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst findet (Kant), auch wenn man immer dazusagen muss: Das hätte Philosophie der Idee nach vielleicht einmal sein sollen; aber in der Realität finden Sie das heute nirgendwo.
Und daher verwende ich weiterhin dieses pervertierte Wort, um damit eine Tätigkeit zu bezeichnen, die aus Sicht der menschlichen Sozialität ja im Grunde auch pervers ist: Selberdenken kann doch im Sinne keiner Gemeinschaft oder Gesellschaft sein! Es käme jeder zu einer eigenen Meinung – worum könnte man sich dann noch versammeln?

Wie man ethisch auf das Trolleyproblem reagiert

von philohof E-Mail

Link: https://tredition.de/publish-books/?books/ID39239/MoralkEulen-in-die-Ethik-tragen

Bisweilen überrascht es mich, wie viel ich durch das Schreiben meines Buchs MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral. (tredition 2014) gelernt habe.

Zum Beispiel: dass das ethisch Gute nicht einfach so dem moralisch Guten entspricht.

Dass mit der heutigen Ethik etwas nicht stimmen kann, weil die Rolle der Normen in ihr falsch aufgefasst wird, das wusste ich schon seit meiner Diplomarbeit über die Ethik des spanischen Philosophen Fernando Savater (Ethik anhand von Fernando Savater. Wien, 1997).

Aber ein solches Wissen bricht ja nicht die unmittelbare Reaktion auf die Aussagen Anderer. Der Mensch ist konditioniert auf den gegenwärtigen Gebrauch eines Wortes. Diese Konditionierung zu überwinden, hilft das eigene Nachdenken nicht gleich und unmittelbar. Da muss man die Sache oft durchdenken und sie immer wieder von verschiedenen Seiten anschauen.

Zum Beispiel: Was meint denn jemand damit, wenn er sagt, aus ethischer Perspektive habe er Probleme mit einer Sache?

Da muss man nicht viel erklären: Bei irgendwelchen Umständen, Sachverhalten, Prozessen, Handlungsabläufen sorgt sich der Sprecher, dass hier vielleicht technisch, sachlich, ökonomisch richtig, aber nicht moralisch richtig gehandelt werde.

Damit will ich sagen: Es ist uns schon zu einem Reflex geworden, es ist schon zur Wortbedeutung von „ethisch“ im sozialen Gebrauch dieses Wortes geworden, damit das moralisch Richtige zu meinen.

Es ist von diesem Punkt ein langer Weg, um auf den Gedanken zu kommen, dass eine ethisch richtige Handlung auch moralisch falsch sein kann.

Zum Beispiel: Es gibt im Utilitarismus das Gedankenexperiment des Trolleyproblems. Ich erzähle kurz eine von vielen Versionen dieses Gedankenspiels: Ein Spurwagen (Trolley) schießt ungebremst die Schienen hinunter. Auf dem Gleis, das der Spurwagen nehmen wird, sind drei Personen an den Schienen festgebunden. Sie haben die Möglichkeit durch Betätigung eines Schalters eine Weiche umzustellen. Damit würden Sie den Spurwagen auf ein anderes Gleis umlenken, auf dem aber auch ein Mensch auf den Schienen festgebunden ist. Was tun Sie? Legen Sie den Schalter um oder tun Sie nichts?

Wie könnte man ethisch auf dieses Beispiel reagieren?

Die Antwort des Utilitarismus ist einfach: Sie legen den Schalter um, denn es stiftet mehr Nutzen, nur einen Menschen umzubringen als drei.

Aber ist das eine ethische Reaktion auf dieses Beispiel?

Was geschieht in diesem Gedankenexperiment überhaupt?

- Das Problem der Ethik wird in moralischen Dilemmasituationen gesehen, und die Aufgabe der Ethik wird so bestimmt, dass sie für solche Situationen Lösungen anbieten soll.

Aber ist das die Aufgabe der Ethik? Ist das der ethische Gesichtspunkt?

Wie wäre es anstatt dessen damit: Wenn wir davon ausgehen, dass es in der Ethik um die Frage „Was soll ich tun?“ und zwar vor dem Hintergrund der Frage danach, worin das gute menschliche Leben besteht (siehe Aristoteles: Nikomachische Ethik) geht, dann wäre die erste Frage eigentlich die: Wie kann ich aktiv, wie kann ich handlungsfähig werden?

- Nun, handlungsfähig kann ich in dieser Situation werden, indem ich das Trolleybeispiel zurückweise und sage: „Ich will das nicht beantworten!“ Denn indem mir ein Professor im Ethikunterricht das Trolleybeispiel zum Lösen gibt, komme ich in eine reaktive Lage. Ich agiere nicht mehr, sondern reagiere nur mehr. Wie soll ich in dieser Situation handeln und gar noch das gute Leben suchen? Das geht nicht. Damit ich handeln kann, muss ich meine eigenen Projekte verfolgen, denn sonst bin es ja nicht ich, der handelt.

Damit will ich sagen: Im Grunde ist es ethisch falsch, das Trolleybeispiel zu lösen. Vielleicht ist die eine oder andere Lösung des Trolleybeispiels moralisch richtig oder moralisch gefordert. Aber in der Ethik geht es ja nicht um das moralisch Richtige, sondern es geht darum, dass der Mensch aktiv wird und beherzt handelt. Das kann er hier aber nicht, weil das Trolleybeispiel ihn vom Handeln abhält. Der Mensch will handeln, doch der Professor sagt zu ihm: „Jetzt hörst du auf mit dem, was du gerade tust, und beschäftigst dich mit dem Problem, das ich dir hier gebe!“

Durch das Trolleybeispiel wird der Mensch passiviert. Aus dem aktiven Menschen wird ein reaktiver Mensch gemacht. Und schließlich: Das Trolleybeispiel suggeriert, dass das Ethische gerade darin bestünde, in eine derartig blöde Situation zu kommen, in der man nicht aktiv handeln, sondern nur passiv reagieren kann. Aus dem Grund ist das Trolleybeispiel selbst unethisch.

Wenn das jetzt erstens zwar, so kommt nun zweitens: Der aufmerksame Leser/die aufmerksame Leserin hat sicherlich bemerkt, dass ich das Trolleybeispiel unter der Hand leicht verändert habe: Aus dem Spurwagen, der die Schienen runterrast, ist in meiner Version der Professor geworden, der mir das Beispiel vom Spurwagen, der runterrast, gibt, um es im Ethikunterricht als praktische Übung für mein Ethikverständnis zu lösen. Diese Veränderung des Beispiels hat schon ihre Berechtigung, denn meistens wird das Spiel ja wirklich so gespielt: Mit Trolleys, die man umleiten soll, hat man den ersten Kontakt, wenn der Professor (oder die Professorin) einen im Unterricht damit konfrontiert.

Und diese subtile Veränderung des Beispiels ist auch wichtig, denn ich denke, ethisch ist es, nicht gleich ein jedes Problem reflexartig lösen zu wollen, sondern zuerst einmal danach zu fragen, wer, zum Kuckuck, einen denn in diese verflixte Lage gebracht hat!

Dennoch könnten Sie mich fragen: Und – wenn wir jetzt den Philosophieprofessor wegließen? - Wie soll man denn dann im Trolleybeispiel ethisch reagieren, oder wie ist das Trolleybeispiel aus ethischer Sicht zu sehen?

- Nun, dann würde ich Folgendes sagen: Das Trolleybeispiel beschreibt eine Situation, einen Lebensbereich, in dem man kaum ethisch handeln kann. Egal für welche Handlungsoption man sich entscheidet, man wird nie wirklich wissen, ob es richtig gewesen ist. Man auf jeden Fall für den Tod mindestens eines Menschen verantwortlich sein und in Zukunft deswegen mit Gewissensnöten leben müssen. Das ist nicht schön, das kann kein Handlungsziel sein. Vielleicht ist die eine Handlungsoption ein wenig weniger schlecht als die andere, aber man kann hier nichts Gutes machen.

Daraus folgt: Um etwas Gutes machen zu können, muss man zuerst raus aus dieser Situation und sich in einen Lebensbereich begeben, in dem man mehr Gestaltungsfreiheit hat. Man wird sich in der Situation, die einem das Trolleybeispiel aufgibt, des Handelns nicht entziehen können, aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass es gerade in ihr ist, wo man ethisch handelt. Erst nachher, sobald man wieder in einer Lage ist, in der man seine Ruhe hat und sein weiteres Leben planen kann, wird man wieder als ethische Person aktiv werden können.

Das will heißen: In moralischen Dilemmatasituationen findet kein ethisches Handeln statt. Ethisches Handeln findet statt, wenn der Mensch in keinem moralischen Dilemma steckt. Denn nur dann hat er ja überhaupt die Möglichkeit sich auszudenken, wie er handeln will. Ob er was Gutes, was Böses, was Schönes oder was Dämliches tun will. In einer moralischen Dilemmasituation ist er in seinen Handlungsmöglichkeiten so reduziert, dass ethische Reflexion gar nicht erst anläuft.

Sehen Sie! Und das hätte ich vor meinem MoralkEulen-Buch zwar schon auch irgendwie gewusst. Aber ich hätte es nicht so sagen können.

Und warum nicht? Nun, weil es die Leute schockiert, wenn sie vor dem Gedanken stehen, dass es ethisch sein könnte, wenn jemand etwas moralisch Böses tut. Und weil ich natürlich weiß, dass sie das schockiert und dass sie die Angelegenheit noch nie ordentlich durchgedacht haben.

Und dennoch ist es so: Denn zuerst kommt die ethische Überlegung, und ob sich deren Resultat am Ende auch als moralisch erweist, das ist bereits eine andere Angelegenheit.

Wenn meine Überlegungen über Ethik bekannt würden, dann würde sich die Weise, wie wir über Ethik sprechen, vollkommen ändern. Nicht um 180 Grad, denn sie sind nicht einfach das Gegenteil der etablierten Version, aber vielleicht um 90 Grad – es würde einfach in eine ganz andere Richtung gehen. Und es wäre bestimmt nicht länger so, dass wir "eh schon wissen", was gemeint ist, wenn jemand sagt, er sehe ein ethisches Problem in irgendeiner Angelegenheit.

Und ganz gewiss würde dann niemand mehr nach „verpflichtenden Ethikschulungen“ rufen, wenn irgendwo in der Gesellschaft ein Problem mit dem Handeln von irgendwelchen Einzelnen oder von Gruppen auftaucht.

Denn Ethik wäre dann nicht mehr länger hauptsächlich Anpassungsinstrument, sondern sie hätte ihre ursprüngliche Funktion, die sie verloren hat, wiedererlangt: Einzelmenschen zum Handeln zu ermutigen. Ich glaube, man nennt das heute „Empowerment“.

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