Darüber nachdenken, was Philosophie sein hätte sollen. Buchrezension

von philohof E-Mail

Link: http://www.uni-klu.ac.at/wiho/downloads/Arnold_Erfahrung_Philosophen_2010.PDF

Rezension von:

Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010. 479 Seiten.

Dieses Buch ist von großem Wert für diejenigen, die sich noch für die Frage interessieren, was Philosophie eigentlich ist.

Für die meisten Menschen hat sich diese Frage ja bereits erledigt; sie sind der Meinung, dass Philosophie eine wissenschaftliche Disziplin unter anderen ist, die an den Universitäten beherbergt sind.

Markus Arnold hingegen hat seinem Buch zwei Zitate vorangestellt, die auf einen für die Philosophie spezifischen Aspekt aufmerksam machen. Eines davon ist von Boethius und beginnt mit den Worten: „Wer nach Wahrheit trachtet mit tiefgründigem Geist…, der muß ins eigene Innre tief hineinleuchten…“; das andere ist von Kant, seine ersten Worte sind: „Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst […] suchen…“

Es ist also ohne Zweifel, dass wir es bei Markus Arnold mit jemandem zu tun haben, der noch weiß, was Philosophie ist, der das noch nicht ganz vergessen hat. Der noch weiß, dass es Philosophie ist, wenn jemand versucht, mit sich selber „auf einen grünen Zweig zu kommen“; dass es Philosophie ist, wenn jemand darüber nachdenkt, was er oder sie selber eigentlich wirklich meint; dass es Philosophie ist, wenn jemand nicht über irgendwas nachdenkt, sondern über das, was ihn oder sie selber persönlich beschäftigt.

Für derlei seltene Menschen, die sich dafür noch interessieren, bietet Markus Arnolds Buch Ressourcen zur Selbstreflexion. Denn es ist ein gelehrtes Buch (ich glaube, es ist seine Habilitationsschrift). Darum habe ich auch eine Zeitlang gebraucht, um mich durchzubeißen. Und nach der Lektüre tut es fast schon wieder not, einzelne Kapitel zum zweiten Mal zu lesen, weil man viele Erklärungsmodelle schon wieder teilweise vergessen hat.

Markus Arnold führt uns in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen auf einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte, auf dem er sich mit Platon, Aristoteles, Augustinus, Francis Bacon, Robert Hooke, John Locke, René Descartes, Edmund Burke, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und der Frankfurter Schule auseinandersetzt.

Er erzählt darin die Geschichte der Philosophie, die im Altertum mehrere Erkenntnismethoden (Platon, Aristoteles, Augustinus) entwickelte, sich jedoch seit der Erfindung der neuzeitlichen Wissenschaft durch Francis Bacon (1561-1626) in einem bis heute andauernden Rückzugskampf der Wissenschaft gegenüber befindet.

Dieser Kampf besteht darin, dass der philosophierende Mensch seine eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten gegenüber der Wissenschaft in einer im Laufe der Geschichte immer komplexer und differenzierter werdenden Argumentation verteidigt. Die Wissenschaft behauptet nämlich, die menschlichen Sinne betrügen prinzipiell und menschliche Meinungen seien nichts anderes als Idole des Marktes – also alles, was der einzelne Mensch in der Erkenntnis zusammenbringen kann, ist bestenfalls Schwindel und Selbstbetrug. Die Wissenschaft ihrerseits „löst“ dieses Problem durch soziale Zusammenarbeit, also durch Expertentum, was jedoch – aus philosophischer Sicht – den Nachteil hat, dass Wahrheit nicht mehr jedem Menschen offensteht (sondern nur noch den Experten).

Interessant ist, dass die Philosophie dann über Strecken (Edmund Burke, Immanuel Kant), sich die Rechtswissenschaft zum erkenntnistheoretischen Vorbild genommen hat, um neben der Wissenschaft ihr eigenes Erkenntnismodell zu verteidigen. Warum gerade die Rechtswissenschaft? Zum Beispiel deswegen, weil Gesetze, nachdem sie erlassen worden sind, erst ihre Interpretation finden müssen. Das geschieht in der Anwendung des Gesetzes auf den Einzelfall. Damit haben wir es beim Recht mit einem Erkenntnismodell zu tun, das nicht – wie die Wissenschaft – bei primären Wahrheiten beginnt und daraus weitere wahre Erkenntnisse ableitet, sondern es gibt die Möglichkeit einer Aussage, mit der man beginnt und die sich in der Folge durch Konfrontation mit konkreten Einzelfällen „korrigieren“ oder nachadjustieren lässt. Dadurch erhält die konkrete und sinnliche Erfahrung des Einzelfalls zum Teil ihr Daseinsrecht wieder zurück.

Doch das ist nicht der einzige Aspekt des Rechtlichen, den Philosophen für das philosophische Erkenntnismodell fruchtbar zu machen versuchten. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie sehr Kants Philosophie an das Vorbild der Rechtslehre angelehnt ist.

Eine andere Entwicklungslinie – über Herder, Schopenhauer, Nietzsche und die Frankfurter Schule – macht den menschlichen Körper und die expressive Funktion der menschlichen Sprache zum Grundstein eines spezifisch philosophischen Erkenntnismodells. Bei der Frankfurter Schule spielt dann insbesondere die Psychoanalyse in diesem Zusammenhang noch einmal eine besondere Rolle.

Am Ende seines Buchs kommt Markus Arnold zu einem Ergebnis, zu dem ich in meinem Buch Einladung zur Odyssee. Eine erkenntnistheoretische Reflexion über die „epische Seite der Wahrheit“ (ATUT und Neisse Verlag, Wroclaw und Dresden 2008) auch schon gekommen bin, nämlich dass die Erzählung eine zentrale Rolle in der menschlichen Erkenntnis zukommt. Bei Arnold nimmt diese Einsicht die Gestalt an, dass er der Erzählung die Funktion zuspricht, eine apriorische Form menschlichen Denkens zu sein. „Es gibt neben der Logik und der kantschen Kategorientafel noch andere apriorische Formen des Denkens, welche die Philosophie bis jetzt nicht als solche beachtet hat, obwohl sie auf diese in ihren Begründungen immer wieder implizit zurückgreifen musste.“ (S. 442)

Im Klartext bedeutet das: Wenn wir Menschen eine Erkenntnis machen, dann ist das immer nur eine Erkenntnis im Rahmen oder vor dem Hintergrund einer Geschichte, die wir darüber erzählen.

Außerdem steckt in dieser Überzeugung Arnolds von der Erzählung als Grundstruktur menschlicher Erkenntnis zugleich die Meinung, dass eine andere Auffassung von Wahrheit und Erkenntnis – die wissenschaftliche Auffassung – falsch ist. Die Wissenschaft meint nämlich, Erkenntnis bestehe darin, wahre Aussagesätze über die äußere Realität zu machen, und die Wahrheit dieser Sätze bestehe rein darin, dass sie auf die gegebenen Tatsachen in der äußeren Realität zutreffen.

Falsch, meint dazu Markus Arnold. Es gebe auch so etwas wie die „menschliche Wahrheit“. Diese besteht darin, Wahrheit nicht nur in der Übereinstimmung von wahren Aussagesätzen und Welt zu sehen, sondern zudem auch Aufschluss zu geben über das Verhältnis des Menschen zu seinen Erkenntnissen und den Gegebenheiten in der Welt.

Gut. Mit all dem bin ich einverstanden. Aber um mich geht es ja hier nicht. Ich meine, was hilft es, den Gläubigen zu predigen. Womit ich nicht ganz einverstanden bin, ist der Schluss von Markus Arnolds Buch. Denn, ehrlich gesagt, wenn sich schon mal jemand in dieses heikle Thema hineinwagt, dann würde ich schon erwarten, dass er einen Teil des Buchs dafür reserviert, seine eigene Meinung frei auszusprechen und offen alle mit seiner These verbundenen Probleme anzusprechen. Diesen Teil des Buchs gibt es aber nicht. Selbst in dem Teil „Nachwort. Erkenntnistheoretische Perspektiven“ (S. 423 ff.) bleibt Arnold so sehr Professor, dass er das Referieren nicht unterlassen kann – und anstatt zusammenzufassen und auf Bedenken einzugehen, bringt er weitere (wenn auch sehr interessante) Inhalte vor.

Mich wundert ja – und gleichzeitig wundert es mich nicht –, dass dieses Buch im akademischen Feld Platz gefunden hat. Wegen des Themas hätte es eigentlich keinen Platz finden dürfen, schließlich ist die heutige Universität weitgehend verwissenschaftlicht. Aber da die von Arnold ausfindig gemachten spezifischen Aspekte des philosophischen Erkenntnisprojekts nun mal in der Philosophiegeschichte in verschiedenen Epochen wiederzufinden sind, war es möglich, darüber ein gelehrtes Buch zu schreiben, einen verschriftlichten Zettelkasten sozusagen. Aus dem Grund ist das Buch dann doch wohl als akademische Arbeit durchgegangen.

Die Konsequenz daraus ist, dass die sich aus Arnolds Ansatz ergebenden Fragen unbeantwortet bleiben. Am Ende des Buchs hat er zwar plausibel gemacht, dass das philosophische Erkenntnisprojekt und die Erzählung als menschliche Denkform eine nicht unbedeutende Rolle spielen in der menschlichen Erkenntnis. Aber darüber, wie denn nun das alte philosophische Erkenntnisprojekt an der heutigen wissenschaftlichen Universität fortgesetzt werden kann, darüber gibt es keine Auskunft. Wichtig wäre auch eine Antwort auf folgende Frage: Die Wissenschaft ist nicht zuletzt deshalb heute so groß in Universität und Gesellschaft, weil wir uns von ihr Erkenntnisse einer ganz bestimmten Art erhoffen. Solche nämlich, die zu technischen Innovationen führen und uns im weltweiten Wirtschaftskonkurrenzkampf temporäre Vorteile bescheren. Welche Erkenntnisse aber bringt ein Erkenntnismodell hervor, das auf dem Konzept der Erzählung aufbaut? Und welche Vorteile bringen diese Erkenntnisse wem ganz genau?

Vielleicht besteht an dieser Stelle bei Arnold auch ganz einfach ein fehlendes Problembewusstsein. Der Titel eines Aufsatzes von Donald Davidson „Der Mythos des Subjektiven“ bringt gut zum Ausdruck, dass es viele PhilosophInnen gibt, die nicht einmal wissen, wovon Arnold in seinem Buch redet. Viele Menschen, und auch viele Philosophen, halten die Idee von einer persönlichen Erkenntnis der Welt durch den einzelnen Menschen für inexistent, für etwas, das es gar nicht gibt, das gar nicht möglich ist. Dabei wäre genau das das Projekt der Philosophie gewesen, wenn wir es nicht vergessen hätten.

Aber für mich bedeutet das nur, dass die Geschichte, die Markus Arnold in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen erzählt, unvollständig ist. Ich nehme das Buch an als den gelungenen Nachweis, dass außer mir zumindest noch ein weiterer Mensch auf der Welt weiß, was Philosophie ist oder hätte sein sollen. Und auch dafür, dass es für unsere Meinung offenbar zahlreiche Belege in der Philosophiegeschichte gibt.

Wichtiger als das aber ist, dass dieses Buch eine wichtige Informationsressource und Zitatequelle für Menschen unserer Denkungsart darstellt. Deshalb werde ich diesem Buch einen prominenten Platz in meiner persönlichen Literaturliste widmen und mir vornehmen, in der Zukunft beim Verfassen philosophischer Arbeiten immer wieder darin nachzusehen und ausführlich daraus zu zitieren!

Ist Karriere noch attraktiv?

von philohof E-Mail

Philosophie hat ja viel damit zu tun, die Wörter und Begriffe, die in der gegenwärtigen Epoche in aller Munde sind, zu reflektieren, um auf diese Weise herauszufinden, was das eigentlich für eine Zeit ist, in der wir leben, und wie sie funktioniert.

 

„Karriere“ ist so ein Wort, das heute – immer noch – in aller Munde.

Unlängst war ich bei der Career Calling 14-Messe (20.11.2014, in der Messe Wien, www.careercalling.at) und wunderte mich: Wie ist es möglich, dass man heute immer noch überzeugt ist, mit diesem deprimierenden Begriff junge, arbeitswillige Leute anzulocken? Und wie kommt es eigentlich, dass das Wort „Karriere“ in der Öffentlichkeit nirgendwo diskutiert wird? Die Zeitungen haben doch eigene Karriere-Teile – dort könnten sie das doch tun! Versagen hier die Medien völlig?

Was fällt mir ein, wenn ich an „Karriere“ denke?

  1. Unfreiheit. Wenn ich an „Karriere“ denke, dann fällt mir als erstes Unfreiheit ein. Denn Karriere bedeutet „Berufslaufbahn“. Daraus folgt, dass man in einer Karriere immer auf einer Karrieresprosse steht, die sich zwischen zwei weiteren Karrieresprossen befindet: der tieferen, die man hinter sich gelassen hat, und der höheren, auf die man zustrebt. In einer Karriere tut der Arbeitnehmer daher immer alles, um die nächsthöhere Karrieresprosse zu erlangen. Was aber, wenn er diese gar nicht erreichen will? Wenn er einfach seinen Job machen und sich dabei frei fühlen will. Also wenn er sich frei fühlen will, danach entweder im selben Beruf zu bleiben oder aber etwas anderes zu tun? Einen freien Horizont haben, das ist doch etwas Attraktives!

  2. Willkür bis hin zur Schrulligkeit, der man ausgeliefert ist. Zweitens fällt mir beim Wort „Karriere“ Willkür ein. Es ist das eine Willkür, der man ausgesetzt ist, da die meisten Karrieren entweder innerhalb eines Unternehmens oder aber innerhalb einer Berufsgruppe stattfinden. In solchen Gruppierungen kann es für die Erlangung der nächsten Karrieresprosse spleenige Prüfungen oder „Qualifikationen“ geben. Hier sagt man dir: „Spring durch einen brennenden Reifen!“ Dort sagt man dir: „Iss drei tote Fliegen!“ Und der Arbeitnehmer erfüllt diese Bedingungen, ob er ihre Sinnhaftigkeit einsieht oder nicht. Wenn ich mir das vorstelle, fällt mir zur Karriere nur ein Vergleich ein: der Alptraum.

  3. Gängelung. Drittens fällt mir beim Wort „Karriere“ Gängelung ein. Denn es gibt ja nicht nur viele Dinge, die man für die Karriere tun muss. Ebenso viele oder noch mehr Dinge gibt es, die man nicht tun darf, wenn man Karriere machen will. Diese Dinge dürfen nicht getan werden, weil das die eigene Karriere in Gefahr bringen würde. Ein Mensch, der Karriere, machen will, darf so viele Dinge nicht tun, dass er mir wie ein halber Mensch erscheint.

  4. Fremdbestimmung. Viertens fällt mir zum Begriff „Karriere“ Fremdbestimmung ein. Denn eine Karriere besteht ja darin, dass nicht ich selbst bestimme, wann ich mit mir selbst zufrieden bin, denn das bestimmt die Karriere. Wenn man als Arbeitnehmer die nächste Karrieresprosse erreicht, ist das so, als würde die Karriere – oder die Institution oder Organisation, die einem die Karriere ermöglicht – zu einem sagen: „Das hast du gut gemacht?“ Es ist eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Leute sagen: „Ich will mich selbst definieren! Ich will selbst entscheiden, was ich bin und auf welche meiner Leistungen ich stolz bin!“

Die vorhin genannten Aspekte sind nun erst einmal aus der Perspektive des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin gedacht, aber eigentlich ist Karriere ja auch für Unternehmen nicht etwas ungetrübt Gutes: Bei Karriere aus der Sicht von Unternehmen denke ich an steile Hierarchien; an risikoscheue Manager in den mittleren Ebenen, die „nur keinen Fehler machen wollen“; an mühsame Dienstwege für jede neue Idee und fehlende Innovationskraft des Unternehmens; an ein oberes Management, das sich abschottet und den Kontakt verliert zu dem, was „die da unten machen“.

Aber das nur als Randbemerkung: Eigentlich geht es mir ja hier um die Frage, warum eine Messe, auf der Arbeitgeber MitarbeiterInnen suchen, sich den Namen „Karriere“ in den Titel schreibt und meint, alle Menschen müssten das lustig finden und mit Freude kommen.

Mir ging es eher so, dass ich dachte: „Das ist im Grunde eine wichtige Veranstaltung, aber warum dieser unglückliche Name?“

Ich meine, warum bieten Unternehmen statt einer Karriere nicht

  • gutbezahlte Jobs an?

  • Oder berufliche Positionen mit einem interessanten Aufgabengebiet?

  • Oder Anstellungen, die nicht allzu viel an Spezialisierung verlangen, sodass die Arbeit nicht gänzlich eintönig wird?

  • Oder eine Arbeit, die einem die Menschenwürde nicht nimmt? (In Polen las ich dafür in Zeitungen öfters den Ausdruck „godna praca“ – würdevolle Arbeit, englisch: „decent work“; im Deutschen ist mir ein vergleichbarer Ausdruck nicht bekannt.)

Würde das keine fleißigen Leute anlocken? Ich glaube schon. Meine Vermutung ist, dass die meisten Leute einfach einen Job suchen? Dagegen kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand tatsächlich Karriere machen will. Warum beschweren sich die Unternehmen also mit diesem unglückseligen Begriff und bieten den Leuten nicht anstatt dessen einfach das an, was sie wollen: Jobs, Anstellungen, gute Arbeitsplätze?

Do Not Make Love, Not War!

von philohof E-Mail

In einem bekannten Gedicht ist Liebe die Ursache eines bewaffneten Kampfes. In diesem Kampf werden nicht Feinde bekämpft, sondern der eigene Bruder. Darüber hinaus behauptet das Gedicht, dass dieser Kampf nicht mit dem Tod der Kämpfenden endet, sondern in alle Ewigkeit weitergeht. Denn die beiden Brüder müssen auch noch im Seelen- oder Geisterreich täglich mitternachts gegeneinander kämpfen.

Dieses Gedicht, in welchem Gräfin Lauras Augenfunken zündete der Brüder Streit, stellt Liebe also nicht nur nicht als etwas Gutes dar, sondern als etwas außerordentlich Böses; so böse, dass kaum Schlimmeres vorstellbar ist. Wenn an diesem Gedanken etwas dran, dann ist Liebe zumindest nicht einfach das Gegenteil von Hass und Gewalt, so wie es uns der Protestruf der 68er „Make love, not war!“ und das neutestamentarische „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ suggerieren. Dann gibt es noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg.

Viele Menschen fassen Begriffe eindimensional auf. Mit eindimensionaler Auffassung von Begriffen meine ich, dass für sie Liebe ganz einfach das logische Gegenteil von Aggression und Kampf ist und sie nicht bereit sind, neben diesem Aspekt noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg wahrzunehmen.

Auf diese Eindimensionalität der Vorstellung baut der Spruch „Make love, not war!“ auf, indem er im Grunde eigentlich zum Ausdruck bringt: „Mach Liebe anstatt Krieg zu machen!“, als ob das ein Gegensatz wäre. In dieselbe Kerbe schlägt der neuttestamentarische Spruch, der suggeriert, dass jemand seinen Nächsten sicherlich nicht misshandeln und töten wird, wenn er ihn liebt wie sich selbst. (Wie wir wissen, ist auch tatsächlich niemals im Namen des Christentums Krieg geführt worden, noch ist in seinem Namen je jemand gefoltert und verbrannt worden.)

Heinrich Heines Gedicht legt wohl eher die Lösung „Make less love and less war.“ nahe, aber eine so komplexe Botschaft wird wohl bei vielen ZuhörerInnen im Publikum kaum durchdringen.

Eindimensionale Argumente sind es, die PolitikerInnen dazu verhelfen, Fernsehduelle zu gewinnen. Die Knappheit der Sendezeit sowie die Notwendigkeit, auf Anwürfe des Diskussionsgegners unmittelbar zu reagieren, lassen die Darstellung von komplexeren Sachverhalten nicht zu.

Eindimensionalität in der Auffassung von Wörtern und Begriffen ist auch die Grundlage von zugkräftigen politischen Slogans (wie zum Beispiel jenem blödsinnigen von John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst!“, auf den zum Glück Hans Söllner in seinem Lied „Hey Staat!“ geantwortet hat).

Der nachdenkende Mensch, der seine Begriffe in einen umfassenderen Zusammenhang stellt, weil er sieht, dass das der Wirklichkeit besser entspricht, weiß, dass viele seiner ZuhörerInnen ihn missverstehen werden, ganz einfach deshalb, weil sie Begriffe eindimensional verstehen wollen.

Wenn er sagt, was er für richtig hält, werden sie daher sagen, er drücke sich umständlich und unverständlich aus.

Daraus können wir folgern, dass es sich beim philosophierenden Menschen um jemanden handelt, dem es, frei nach Watzlawick, an Kommunikationsfähigkeit beziehungsweise Medienkompetenz fehlt, ja fehlen muss.

Sollte dennoch einmal ein Philosoph/eine Philosophin medienkompetent zu sein scheinen, so wäre Misstrauen angebracht und würde mir genauer ansehen wollen, worauf dieser Eindruck eigentlich beruht.

Moralkeulen gefällig?

von philohof E-Mail

Link: http://www.amazon.de/MoralKeulen-die-Ethik-tragen-Studien/dp/3849581217

Warum ist die Ethik zu einem reinen Moralkeulenbusiness geworden?

 

Ethik wird heute als „Reflexionstheorie der Moral“ definiert. D.h. wenn man philosophisch über Moral nachdenkt oder diskutiert, dann ist das Ethik. Die gegenwärtige Ethikdefinition weist eine vollständige Aushöhlung des ursprünglichen Ethikbegriffs zugunsten der Moral auf. In meinem neuen Buch MoralkEulen in die Ethik tragen. Über den Hang der Ethik zur Moral. (364 Seiten, 18€, tredition, Hamburg 2014) bin ich der Frage nachgegangen, warum sich das so entwickelt hat.

 

Hofbauer Moralkeulenbuch 

 

Am Anfang stand in der Ethik noch die Frage nach dem guten Leben im Vordergrund

 

Denn in der Nikomachischen Ethik von Aristoteles, dem Gründungsbuch der Ethik, waren ja noch ethische und moralische Anteile enthalten. Im Vordergrund stand die Frage nach dem guten menschlichen Leben (Ethik), zusätzlich wurde die Frage nach dem guten Zusammenleben in der Gemeinschaft (Moral) behandelt. Wobei aber die Moral im Dienste der Ethik stand: Weil Aristoteles sich ein gutes menschliches Leben nur in einer funktionierenden Gemeinschaft vorstellen konnte, war die Frage nach dem guten Zusammenleben auch relevant. Heute verhält sich die Angelegenheit ja umgekehrt: Die Menschen können sich gar nicht mehr vorstellen, was die Frage nach der eigenen Lebensgestaltung in der Ethik zu suchen hat. Müssen wir uns nicht zuerst selbst völlig aufgeben, damit wir dann (selbstlos) ethisch sein können?

 

Der Wunsch, dass Ethik ausschließlich Moral sei, könnte von bestimmten Menschen stammen, er könnte aber auch der Wunsch kollektiver Handlungssubjekte sein

 

Auf der Suche nach den Motiven für die Verdrängung der Ethik aus der Moral drängen sich natürlich in erster Linie folgende zwei Optionen auf: Zum Einen gab und gibt es Menschen, deren Bedürfnis nach Anpassung so groß ist, dass sie den Sinn eines eigenständigen Lebensentwurfs nicht einmal mehr verstehen; zum Anderen haben Organisationen und Institutionen Interesse daran, Menschen bestimmte Verhaltensweisen vorzuschreiben, um sie leichter lenken und verwalten zu können. Die Relevanz von Organisationen und Institutionen im Zusammenhang mit Fragen wie jener nach Ethik und Moral haben, wie mir scheint, viele Menschen noch nicht verstanden: Es geht im Kern darum, dass heute (viel stärker als früher) inhaltliche Anliegen in der Öffentlichkeit beinahe ausschließlich von Organisationen transportiert werden. Im Konzert der öffentlich vorgetragenen Meinungen sind immer weniger Stimmen von einzelnen Menschen vernehmbar. Organisationen und Institutionen aber werden Ethik in der Öffentlichkeit so darstellen, wie sie sie als Organisationen und Institutionen sehen und wie sie sie sich wünschen. Kurz gesagt, in dem Thema steckt der Verdacht, dass unsere Anliegen vielleicht gar nicht mehr „unsere“ sind, sondern zu Anliegen von anderen Handlungssubjekten geworden sind, für welche die Lebensprobleme von Einzelmenschen nicht mehr unmittelbar nachvollziehbar sind.

 

Freilich gibt es viel mehr Motive und Antriebe für diese Entwicklung, sogar der Testosteronspiegel könnte eine Rolle spielen

 

MoralkEulen in die Ethik tragen besteht aus vielen Einzeluntersuchungen, die auch getrennt voneinander gelesen werden können. Untersucht werden unter anderem Fragen wie, ob es Testosteronüberschuss ist, der Menschen dazu bringt, zu Utilitaristen zu werden, ob Exceltabellen dem Kantianer bei der Organisation der moralischen Imperative helfen könnten, die er sich in Anwendung des kategorischen Imperativs selbst gibt, ob Machiavelli, der überall als Exempel für einen unmoralischen Menschen dargestellt wird, nicht in Wirklichkeit eine besonders moralische Figur gewesen ist und ob der heutige Ethikboom eine Folge des Trends zum Outsourcing ist.

 

Die zwei Grundgedanken des Buchs: 1) Die Gestalt der Gesellschaft bestimmt die Gestalt der Ethik und 2) die heutige Ethik ist eher für Organisationen gemacht als für Menschen

 

Getragen wird das Buch von zwei grundlegenden Gedanken, die ich in den Einzeluntersuchungen über weitere Strecken hin verfolge. Der erste dieser beiden Gedanken ist der, dass ich annehme, dass die Gestalt einer Gesellschaft sehr stark mitbestimmt, welcher Ethik sich die Menschen in ihr anschließen. Der zweite Gedanke besagt, dass moderne Ethik eigentlich viel besser zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Organisationen und Institutionen passt als zu jenen von Einzelmenschen und versucht zu ergründen, welche Eigenschaften der gegenwärtigen Ethik dafür verantwortlich sind.

Der erste Gedanke ist, glaube ich, sehr leicht nachzuvollziehen. Lebt der Mensch in einer kleinen Gemeinschaft (wie der griechischen Polis), wo er als Einzelner viel mitbestimmen kann, kann er an der aristotelischen Ethik Interesse finden; lebt er hingegen in einer großen, komplexen Gesellschaft, in der er als Einzelmensch sehr wenig zählt, so wird er sich eher für eine Ethik entscheiden, die ihn das Gefühl der Ohnmacht zu ertragen lehrt, und er (oder sie) wird sich vielleicht für die Stoa entscheiden.

 

Der Verslust der Idee der Selbstkultivierung in den Kulturwissenschaften

 

Um den zweiten Gedanken zu erklären, möchte ich auf meinen eigenen philosophischen Denkweg zurückblicken. Es ist ja nämlich so, dass ich mir analoge Fragen zu jener, warum die Ethik von der Moral verdrängt wurde, schon früher gestellt habe. So habe ich etwa in der Zeit, als ich mich intensiv mit der Frage der Kultur beschäftigt habe, wissenschaftliche Definitionen von Kultur gesammelt und darin vergeblich den Aspekt der Selbstkultivierung gesucht. Das Thema, ob ein Mensch in der Lage ist, sich selbst durch gezielten Aufbau von Gewohnheiten als Einzelmensch selbst zu kultivieren, hat mich als jemanden, der sich immer schon für Ethik interessiert hat, natürlich besonders beschäftigt. Leider musste ich feststellen, dass gegenwärtige wissenschaftliche Kulturdefinitionen ausschließlich auf die gemeinsamen Denk- und Verhaltensschemata von Mitgliedern von Gemeinschaften und Gesellschaften abstellen und dem Aspekt der Selbstkultivierung gänzlich kein Augenmerk mehr widmen. Ja, und ein Thema, über das nicht mehr geredet wird, das nicht mehr thematisiert wird, das gibt es in der Folge dann auch in gewisser Hinsicht nicht mehr. Wie also könnte der heutige Mensch auf die Idee kommen, sich selbst zu kultivieren, wenn die Idee, dass man das tun könnte, aufgegeben worden ist?

 

Heute handelt man nicht mehr ethisch, um ein guter Mensch zu werden

 

In der Ethik scheint mir etwas Ähnliches passiert zu sein. Alasdair MacIntyre hat das in folgende einprägsame Formel gefasst: Früher handelte der Mensch ethisch, um ein guter Mensch zu werden; heute sollen wir allein deshalb ethisch handeln, weil es gut und rational richtig ist, ethische Normen zu befolgen; die Idee, dass wir dadurch zu guten Menschen werden könnten (oder die Vorstellung davon, was das überhaupt sein könnte: ein guter Mensch) haben wir aufgegeben.

 

Der Verlust der praktischen Vernunft in der Philosophie

 

Mit einem Wort, es geht um die Ersetzung von praktischem durch wissenschaftliches Wissen. Oder man könnte auch sagen: Es geht überhaupt um den Niedergang der praktischen Vernunft in unserer Zeit. Neben Kultur und Ethik erleben wir ja auch in der Philosophie etwas Ähnliches: Durch die Vorstellung, dass Philosophie ein Fach sei, geht die Vorstellung davon, was philosophieren ist, verloren. Philosophieren meinte ursprünglich, dass man sich als einzelner Mensch ansieht, was Tradition und die gegenwärtig herrschenden Vorstellungen in der Gesellschaft so alles an Inhalten an einen herantragen, um sich dann zu überlegen, welche von ihnen man selbst für richtig halten will. Aber wenn Philosophie ein Fach ist, dann schließt das natürlich die Vorstellung aus, dass man beim Philosophieren selbst als Mensch irgendwas tut. Man würde sich dann ja am Fach versündigen. Aus dem Fach Philosophie zu erzählen oder sich damit zu beschäftigen, was frühere Philosophen im Fach Philosophie schon gemacht haben, ist daher die einzige Vorstellung, die das Wort „philosophieren“ gegenwärtig noch trägt.

(Deswegen verstehen mich auch so wenige Menschen: Ich philosophiere nämlich.)

 

Praktisches Wissen macht aus, dass es um den Menschen als Person herum angeordnet ist

 

Praktisches Wissen also wäre, wenn der einzelne Mensch rund um seine Person Wissen, das er brauchen kann, ansammeln würde. Demgegenüber steht wissenschaftliches Wissen, das bei jedem Problem danach fragt, wie es aus einer absoluten Perspektive am besten zu lösen wäre. Das führt in der Ethik zur Beschäftigung mit der einzelnen Handlung (oder auch: dem moralischen Dilemma), ohne dass die Frage danach gestellt würde, wie diese in den Alltag oder in das Leben des Einzelmenschen integriert werden könnte.

Und hierin liegt der Grund, warum viele Menschen heute überhaupt nicht einmal mehr verstehen, warum die Frage nach dem guten Leben in der Ethik überhaupt eine Rolle spielen sollte. Der Grund ist unser Vernunftglauben, unser Glauben an die wissenschaftliche Rationalität. Wir halten uns für in der Lage, alles zu tun, was rational richtig ist, auch wenn wir keine Kraft dazu haben, auch wenn wir erschöpft sind, auch wenn uns die Motivation dazu fehlt, wenn wir die nötigen Ressourcen dazu entbehren. Etwas zu tun, bloß weil es an und für sich richtig ist – und alle anderen Umstände dabei außer Acht zu lassen – so könnte man das Konzept der Wissenschaft zusammenfassen.

 

Die praktische Vernunft geht dadurch verloren, dass nicht mehr über sie gesprochen/geschrieben wird

 

Worum es mir dabei geht, ist, dass es heute freilich nicht verboten ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich das eigene gute Leben vorstellt. Es ist nur aus der Mode gekommen. Dass es aus der Mode gekommen ist, zeigt sich an solchen Phänomenen wie der Definition von Ethik als Reflexionstheorie der Moral oder eben auch von Kultur als den in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft geteilten Denk- und Verhaltensschemata. Diese Definitionen verunmöglichen es, die Frage nach dem guten Leben im Rahmen der Ethik zu thematisieren oder die Frage nach der Selbstkultivierung im Rahmen der Kultur. Die Frage nach dem guten Leben und jene nach der Selbstkultivierung erleiden durch diese Entwicklung allerdings viel mehr als einen bloßen Prestigeverlust: Sie verlieren als Themen an innerem Zusammenhalt; man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass der andere Mensch auch weiß, wovon man redet, wenn man über sie spricht; die Worte, um über sie zu sprechen, gehen verloren; diese Themen als ganze werden inhaltlich und in ihrer Relevanz unkommunizierbar; am Ende isoliert man sich selbst gegenüber den anderen Menschen, indem man über diese Themen spricht.

Wenn ich zum Beispiel philosophiere und sage, was ich dabei tue, sei über die Phänomene der Welt nachzudenken, um herauszufinden, was ich selbst für richtig halte, dann versteht mich heute kein Mensch mehr. Alle werden erstaunt schauen und fragen: „Ja, aber was hat denn das mit Philosophie zu tun?“

Der Grund dafür liegt darin, dass wir heute keine Vorstellung mehr vom praktischen Wissen haben. Man versteht nicht mehr, dass der einzelne Mensch als Einzelner auf Erkenntnissuche gehen und sich Wissen erarbeiten kann. Für uns Heutige muss Wissen immer die Gestalt eines Fachs, einer akademischen Disziplin haben. Es ist kein Wunder, dass uns unter diesem Umständen das Philosophieren, die Selbstkultivierung und die Ethik als Lebensgestaltung abhanden gekommen sind, denn sie alle handeln davon, was der einzelne Mensch – wenn es die Umstände erlauben, gemeinsam mit Anderen, aber aus eigenem Antrieb – alleine und alleine mit sich selbst machen kann. Dasjenige, was der Mensch als Einzelmensch machen kann, das gibt es heute als Thema nicht mehr.

 

Veranschaulichung von relevanten Aspekten heutiger Ethik im Buch

 

Auf dieses Phänomen versuche ich in meinem Buch aufmerksam zu machen, beispielsweise indem ich etwa in der Besprechung der Deklaration von Helsinki über die Durchführung medizinischer Studien festhalte, dass eine jede klinische Studie von einer Ethikkommission bewilligt und in einer public database eingetragen werden muss und dann frage, ob wir uns in unserem Privatleben auch vorstellen könnten, dass wir eine jede unserer Handlungen von einer Kommission bewilligen und lassen und öffentlich zugänglich im Internet dokumentieren? Der Sinn dieser Normen ist bei medizinischen Studien leicht einsichtig; das Phänomen selbst erweckt allerdings schon den Verdacht, dass heutige Ethik in ihrer gegenwärtigen Gestalt sich besser für medizinische Studien als für den Gebrauch durch einzelne Menschen eignet.

 

Der Kontext der handelnden Person ist verlorengegangen

 

Auch wenn Utilitaristen in ihrem Trolleybeispiel fragen, ob man den über die Geleise hinunterdonnernden Spurwagen durch Umlegen eines Schalters auf ein anderes Gleis umlenken soll, wo er nur eine auf den Schienen festgebundene Person tötet, während er, würde er auf demselben Gleis weiterfahren, fünf auf den Schienen festgebundene Personen überrollen würde, hat man den Eindruck, man sei als Mensch gefragt und könne da was entscheiden.

Dass dem in Wirklichkeit gar nicht so ist, kann man bemerken, wenn einem klar wird, dass in diesem Beispiel der Kontext der handelnden Person fehlt. Wer ist derjenige, der den Schalter umlegt? Ist er jung oder alt, gesund oder krank, Mann oder Frau, hat er eine Familie oder lebt er allein auf der Welt, ist er ein anerkannter Professor für Ethik oder ein Bankräuber auf der Flucht, der sich unter falschem Namen versteckt? Der Verlust der Frage nach dem guten Leben und der eigenen individuellen Lebensgestaltung bewirkt, dass der Kontext der handelnden Person in moralischen Fragestellungen verlorengeht.

Ich soll also entscheiden, als wäre ich irgendwer: Es ist kein Wunder, wenn ich unter mir unter diesen Umständen nicht die Mühe mache herauszufinden, wer ich eigentlich bin und wie ich als die Person, die ich bin, handeln würde.

Senkt die Bildungsausgaben, aber radikal!

von philohof E-Mail

Link: http://kurier.at/politik/inland/ministerin-unter-druck-die-wut-der-laender-ueber-die-sparplaene-in-schulen/60.895.200

Jetzt habe ich mich wieder ärgern müssen.

Wegen der Notwendigkeit zur Budgetkonsolidierung – wir haben ja hier in Österreich diesen kostspieligen Hypo-Spaß – muss der Staat im Bildungsbereich sparen. Und sofort skandalisieren alle und warnen: Da werde auf Kosten der Zukunft gespart, auf Kosten unserer Kinder.

Bin ich denn der Einzige, der das anders sieht? Wollt Ihr wirklich noch mehr Akademiker im Call-Center und ausgebildete Sänger, die Taxi fahren? Denn dass ist es, was Ihr mit Eurem Ruf nach immer mehr Bildung erreicht! Ihr solltet anstatt dessen einsehen, dass Bildung nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern selbst das Problem.

Einmal ganz ehrlich: Wer braucht denn Bildung? Die Erfahrung der jungen Leute ist doch heute die: Sie bilden sich, über Jahre strengen sie sich an, lernen, machen Praktika, sammeln Abschlüsse – und das alles nur, um am Ende die Erfahrung machen zu müssen, dass kein Unternehmen, kein Arbeitgeber das brauchen kann.

Was wird anstatt dessen im Berufsleben von Ihnen verlangt? Nun, zu funktionieren, in einem stressigen, langweiligen Berufsalltag, der keine Aussicht auf Weiterentwicklung und eine Verbesserung der Situation bietet, klaglos und verlässlich zu funktionieren.

Bildung kann sie dabei nur stören. Wer sich bildet, bildet seine Persönlichkeit aus. Dann steht er da mit seiner entfalteten Persönlichkeit – und diese ist ein anspruchsvolles Luxusding. Man wünscht sich plötzlich so Sachen wie eine „sinnvolle Arbeit“ oder mit seinen Argumenten von den Arbeitskollegen und Vorgesetzten „ernst genommen zu werden“. Ich will jetzt nicht sagen, dass man heute als Arbeitnehmer überall aus Böswilligkeit nicht ernst genommen wird, sondern nur soviel: Bei den semi-automatisierten Arbeitsabläufen, die wir heute überall haben, ist für solche Verzierungen keine Zeit.

Damit habe ich nun schon zwei Gruppen erwähnt, die Bildung absolut nicht brauchen können: die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer. Wobei jetzt mir, ausgehend von meinem persönlichen Background, die Bedürfnisse der Arbeitgeber nicht so nahe gehen. Aber die der ArbeitnehmerInnen schon. Und deshalb appelliere ich: Es ist doch eine Frage der Humanität, dass wir nicht durch Bildung allerorts Persönlichkeiten zum Blühen bringen, die dann keinen Lebensraum finden, an dem sie gedeihen können. Wir haben nun mal all die Call-Centers und Taxis und Outlet-Centers und Tankstellen und Lohnverrechnungsbüros und Baustellen und Fertigungslinien in den Fabriken, und wir brauchen Leute, die die Arbeit dort aushalten.

Die aber hält ein gebildeter Mensch nicht aus.

Um das nur klarzustellen: Es ist nicht die Zukunft, die ich mir wünsche, die ich hier gerade an die Wand male. Ich wünsche mir überhaupt nicht, dass die Menschen weniger Bildung haben. Aber ich schaue mich eben auch in der sozialen Realität um und kann nirgendwo erkennen, dass die Wirtschaft Bedarf an gebildeten Menschen hätte.

Ja, an gut ausgebildeten Fachkräften hat sie Bedarf. Aber doch nicht an Bildung! Und gerade hier wäre so leicht einzusparen: Geschichte, Geografie, Musikerziehung, Bildnerische Erziehung, Psychologie, Philosophie, Religion, Literaturkunde im Deutschunterricht, Sport, alle Fremdsprachen bis auf Englisch –raus aus dem Schulstoff! Nur noch Lesen, Schreiben, Mathematik und Naturwissenschaften! Nichts mehr von dem, was den Menschen als Person bildet! Aber von Mathematik und Naturwissenschaften natürlich mehr – viel mehr!

Was die jungen Menschen, die SchülerInnen und StudentInnen, heute brauchen, ist doch einfach, dass man ihnen klar und deutlich sagt: „Die Gesellschaft will nicht, dass Ihr zu Personen werdet, die in kontraproduktiver Weise ihrer eigenen Vorstellung vom Glück nachjagen, sondern ihr seid dafür vorherbestimmt, kleine Rädchen in der großen Wirtschaftsmaschinerie unserer Volkswirtschaft zu werden. Freundet Euch schon mal mit Eurem Rädchenschicksal an!“

Ich weiß, mein Ruf wird ungehört verhallen. Die Konsequenzen werden die bekannten sein, diejenigen, die wir auch heute schon sehen: Junge Menschen studieren zwei Fächer nebeneinander, machen Praktika und Auslandssemester, um sich als Personen interessant zu machen. Sie hoffen: Irgendwann wird ein Arbeitgeber doch sehen, dass ich was drauf habe! Wenn er nur meinen track record sieht und bemerkt, was ich alles schon gelernt und gemacht habe. Aber niemand bemerkt das. Niemand will das überhaupt haben. Und dann landen sie im Call-Center oder machen eine Umschulung zum Altenpfleger. Wenn man bei der Bildung radikal einsparen würde, könnte man diesen Menschen die schmerzhaften beruflichen Umwege und der Gesellschaft die kostspieligen Umschulungen ihrer durch Bildungsversprechen „verirrten Schäfchen“ ersparen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Ruf ungehört verhallen wird. Dabei liegt die Sache klar auf der Hand: Nicht mehr Bildung brauchen wir, sondern weniger. Denn Bildung ist selbst das Problem. Durch sie werden Bedürfnisse geschaffen, für deren Befriedigung unserer Gesellschaft die Ressourcen fehlen. Das Ergebnis sind eklatante Fehlallokationen: Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören, und Unternehmen, die nicht wissen, wo sie die geeigneten Arbeitskräfte herbekommen.

<< 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 ... 20 >>