Aber was, wenn Philosophie aus der Gesellschaft rausorganisiert wurde?

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophische_arbeitsblaetter.htm

Zuletzt habe ich mir Gedanken zum alten Thema vom Nutzen von Philosophie gemacht: Hat Philosophie, hat Philosophieren, einen Nutzen?

Nun – aber ein jeder Nutzen hat doch auch einen bestimmten Rahmen als Voraussetzung: Stellen wir uns zum Beispiel eine Gesellschaft vor, in der philosophische Interessen und Einstellungen von den Mitmenschen mit Missvergnügen betrachtet werden, während antiphilosophische Verhaltensweisen belohnt werden.

Könnte Philosophie in einer solcherart organisierten Gesellschaft einen Nutzen für Sie haben? Nein, mit Sicherheit nicht!

Freilich könnte Ihnen Philosophie auch in einer solchen Gesellschaft noch nützlich sein, indem Sie sich z.B. privat nach dem Sinn des Lebens fragen. Aber dieser Nutzen ist dann eine Angelegenheit, die Sie mit sich selbst ausmachen müssen. Aus dem zwischenmenschlichen Verkehr und der intersubjektiven Wertschätzung wäre Philosophie in einer solchen Gesellschaft jedenfalls ausgeschlossen.

Gut. Was nun, wenn wir den philosophischen Menschen als jemanden bestimmen, der vielseitige Interessen hat; der das Bedürfnis hat, sich ein eigenes Weltbild zu erarbeiten; und der ein Interesse am Gedankenaustausch mit anderen Menschen hat, um etwas von ihnen zu lernen…

…und diesen Menschen setzen wir in eine soziale Umgebung, in der die Entwicklung von sehr einseitigen Interessen (Spezialisierung, Expertentum) Voraussetzung für den Eintritt in berufliche Karrieren ist; in der das Bedürfnis nach einem eigenen, persönlichen Weltbild als ein unverantwortliches Ansinnen und als eine Versündigung gegenüber dem allen Menschen gemeinsamen Bau der Erkenntnis gilt; und in der die Menschen nicht an Gedankenaustausch interessiert sind, weil sie mit ihren Stellungnahmen jeweils bloß ihren Expertenstatus dokumentieren, nicht aber etwas von anderen Menschen lernen wollen?

In einer solchen Gesellschaft wäre es für einen philosophisch veranlagten Menschen nützlich, auf seine philosophischen Interessen zu verzichten. Aber nicht deshalb, weil Philosophie an und für sich nicht nützlich wäre, sondern weil er in einer Gesellschaft lebt, die so organisiert ist, dass philosophische Interessen und Verhaltensweisen einem Menschen nur Nachteile bringen und keine Vorteile.

Man kann also Philosophie aus einer Gesellschaftsordnung auch rausorganisieren. Ebenso wie man umgekehrt unphilosophische Einstellungen in sie reinorganisieren kann, indem man sie z.B. durch eine bestimmte Gestaltung der beruflichen Ordnung überhaupt erst ermöglicht. So erlangt z.B. ein Mensch mit einem sehr beschränkten Interessenfeld die Möglichkeit, sich in seinem Leben für nichts weiter interessieren zu müssen, wenn gesellschaftlich etablierte Karrierelaufbahnen ihn schützen, indem sie ihm die lebenslange berufliche Betätigung im Feld seiner Expertise erlauben.

Zusammengefasst: Der Frage, ob Philosophie nützlich ist, wohnt die Tendenz inne, unser Denken in eine falsche, irrige Richtung zu führen. Wir hören diese Frage und fassen sie so auf, als ob sie danach fragte, ob Philosophie an und für sich Nutzen hätte. Und dann beantworten wir sie, aber das tun wir vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft. Bei der Organisation unserer heutigen Gesellschaft aber wurden vielfältige Maßnahmen getroffen, die sicherstellen, dass Philosophie jedenfalls im Berufsleben und im kommunikativen zwischenmenschlichen Austausch gar keinen Nutzen haben kann, sondern im Gegenteil dem Individuum sogar Nachteile einbringt.

Wenn wir die Frage nach dem Nutzen von Philosophie beantworten, glauben wir also üblicherweise, nur den Nutzen von Philosophie an und für sich zu beurteilen. In Wirklichkeit hingegen geben wir darüber Auskunft, welches Ansehen Philosophie in unserer Gesellschaft genießt und welche beruflichen Möglichkeiten sie uns eröffnet bzw. nicht eröffnet. Und bei der Einschätzung des Nutzens von Philosophie in unserer gegenwärtigen Gesellschaft und Berufswelt treffen wir zumeist intuitiv die Wahrheit.

Mit diesen und verwandten Fragen beschäftigen sich die beiden folgenden philosophischen Arbeitsblätter:

Grundelemente einer Wissenschaftstheorie (9): Was ist akademische (wissenschaftliche) Philosophie? (pdf-Dokument (2 Seiten)):

http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/Grundelemente%20einer%20Wissenschaftstheorie%209.pdf

Grundelemente einer Wissenschaftstheorie (8): Die wissenschaftliche Weltauffassung des Wiener Kreises (pdf-Dokument (2 Seiten)):

http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/Grundelemente%20einer%20Wissenschaftstheorie%208.pdf

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

ja es ist schon ziemlich merkwürdig: Da philosophiert jemand und hat damit ganz automatisch einen Nutzen für sich, kann diesen aber niemandem Mitteilen und erst recht nicht kenntlich machen, jener Nutzen sei aus dem Philosophieren heraus entstanden sei.

Mir kam da so eine Idee. Da Sie doch intensiver über Organisationen nachgedacht haben: Könnte es nicht sein, dass jede Organisation unabhängig Ihrer Zielsetzung eine antiphilosophische Haltung von Ihren Mitgliedern abverlangt? Denn wenn es stimmt, dass jede Organisation ein Selbsterhaltungsbestreben entwickelt, dann ist jeder philosophierende Mensch ein potenzieller Störenfried. Die Frage stellt sich dann, ob Philosophieren in irgendeiner Organisationsform lange bestand haben kann (privat kann man es natürlich auf eigene Gefahr noch tun, aber mit der Anerkennung wird es dann schnell schwierig) ...

Herzliche Grüße!
Ihr Vogt
03.01.16 @ 15:49
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Vogt,

aus Ihrem Kommentar ersehe ich, dass Sie dieselben Fragen beschäftigen wie mich.

Ich dachte bisher immer: Verflixt, gibt es in dieser Welt denn gar keinen Ort für Menschen von meiner Sorte?

Aber nein, es gibt sie durchaus (wenn sie auch selten sind). Nicht jede Organisation kommt unausweichlich mit dem selbstständig denkenden Individuum in Konflikt.

Vor kurzem habe ich das Buch "...und mittags gehe ich heim" von Detlef Lohmann gelesen. Lohmann hat sein Unternehmen (allsafe Jungfalk) umgeformt zu einer Organisation, in der viele Köpfe mitdenken und mitgestalten dürfen. Aus seinem Buch habe ich gelernt: Es ist hauptsächlich die traditionelle Organisation mit ihrer Pyramidenform, die den Einzelmenschen an seiner Entfaltung hindert.

Alles Gute im Neuen Jahr
Ihr philohof
03.01.16 @ 16:46

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