Auf der Galerie vor dem moralischen Schauspiel der Welt

von philohof E-Mail

In seinem Gedicht „Walking around“ schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda „Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!“

Ich kenne dieses Gefühl und denke mir: Ja, man könnte es auch tatsächlich müde werden, ein Mensch zu sein, wenn man diese Welt und das menschliche Treiben auf ihr so beobachtet.

Zwei Beispiele aus der Wirtschaftswelt, aus den Verkaufsschulungen des Vertriebspersonals (aber es müsste nicht die Wirtschaftswelt, der böse Kapitalismus sein, andere Gesellschafts- und Lebensbereiche, in denen es genauso ist, ließen sich gewiss finden): „NEIN“, wird den Menschen da gelehrt, heiße „Noch Eine Information Ist Nötig!“ Ein bisschen offener und redlicher ist da schon der Spruch: „Verkaufen ist die Kunst, den Kunden so über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.“

Beiden Beispielen wohnt dasjenige inne, was Franz Kafka in seiner tiefsinnigen Parabel „Auf der Galerie“ zu fassen versuchte: Man kann nicht sagen, ob sie gut sind oder nicht. In der Parabel „Auf der Galerie“ ist es ein junger Galeriebesucher in einem Zirkus, der sich nicht entscheiden kann, ob die abgezehrte Kunstreiterin, die er vor sich sieht, vom Zirkusbetrieb gequält und geschunden wird oder ob sie mit aller Vorsicht behandelt, erhöht wird und im höchsten Glanz erstrahlt.

Es ist das eine von zwei Parabeln Kafkas, die ich für Grundlagentexte der Philosophie halte und die ich mir in jedem Einführungsbuch in die Philosophie wünschte. Die zweite ist „Vor dem Gesetz“, in welcher einem unerfahrenen Mann vom Lande erzählt wird, dass er ein Recht auf etwas habe und diese Sache ihm aber vorenthalten wird, so er sie sich nicht selbst erkämpfe. Dass man ein Recht auf etwas hat und sich diese Sache aber erkämpfen muss, ist natürlich ein Widersinn, aber einer der real ist in dieser unserer Welt im Leben unter Menschen. Würde der Mann vom Lande um sein Recht kämpfen, so behält sich die Gesellschaft natürlich ihr Recht vor, in dem Fall zu sagen, er breche das Gesetz, wodurch die Parabel auch die Dimension der individuellen Grundverfasstheit des Menschen enthält, welche da lautet: Wie man es macht, ist es falsch!

Doch wieder zurück zum Galeriebesucher: Könnte er sich dazu entscheiden, dass die Kunstreiterin vor ihm misshandelt wird, so würde er durch alle Ränge hinunterlaufen und sein „Nein!“ in die Fanfaren der Bläser rufen. Könnte er sich dazu entscheiden, dass es nicht so ist, dann hätte er die Möglichkeit, der Kunstreiterin zuzujubeln und sich mit ihr zu freuen. Weil er aber nicht weiß, welche der beiden Optionen die richtige ist, bricht er ob der psychischen Last zusammen.

Bei der Betrachtung des moralischen Schauspiels, das die Welt uns bietet, hat man es mit demselben Problem zu tun: Bei der Erklärung des „NEIN“ des Kunden als Informationsmangel, welcher zur Kaufentscheidung noch nicht berechtigt, steckt nicht einmal ein Hauch von Böswilligkeit darinnen. Die zu Schulenden können sie sich aneignen mit dem reinsten Gewissen, doch nur das Beste für den Kunden zu wollen. Der Spruch von der Reibungshitze, die als Nestwärme empfunden werden soll, ist wohl schon etwas zwiespältiger, aber entlarvend ist auch er nicht: Der Kunde empfindet das potentiell Böse (das Über-den-Tisch-Gezogen-Werden) doch als angenehm (als Nestwärme, als freundliche Behandlung), was kann also schlecht daran sein?

Und trotzdem sind beide Schulungsinhalte eminent unsympathisch. Der Grund dafür ist: Obwohl sich das Böse in ihnen nicht festmachen lässt, ist auch kein guter Wille in ihnen spürbar. Dabei ist der „gute Wille“ nach Kant (Grundlegung der Metaphysik der Sitten) das einzig wirklich Gute, das es gibt auf der Welt. Für beide Beispiele gilt: Sie sind so gut, wie sie sein müssen – und so furchtbar, wie sie sein dürfen. Aber ein Wille zum Guten ist in ihnen nicht spürbar, höchstens ein Wille zum Mehr-Verkaufen.

(Aus dem Grund glaube ich ja auch, dass Kant sich getäuscht hat, als er meinte, ein guter Wille sei nur ein solcher, der sich durch Pflicht bestimmen ließe, denn haben wir nicht einen solchen in diesen Beispielen hier vor uns? Doch, wir haben hier einen Willen vor uns, der sich vor Gesetzen beugt; nur halt, dass er nicht das Gute will! Ein guter Wille wäre von daher als einer zu bestimmen, der das Gute will, worin immer es genau bestehen mag, aber jedenfalls als einer, der das Gute anstrebt – und nicht als einer, der gut gemeinte Gesetze befolgt, ohne innerlich ihre Ziele zu teilen.)

Wie Kafkas Galeriebesitzer könnte man also schreien, wenn man das moralische Schauspiel der Welt betrachtet, oder zufrieden sein, weil ohnehin alles (wenigstens soweit) in Ordnung ist. Man kann sich nicht entscheiden. Das halte ich für die Grundschwierigkeit bei einer jeden ethischen Diskussion heute: Man kann ja gar nicht sagen, dass irgendetwas falsch läuft, denn die Leute sind in ihren Fähigkeiten in Public Relations-Kommunikation so gut, dass es sich gar nicht festmachen lässt.

Man kann nur sagen, dass alles, was man beobachtet, unfassbar unsympathisch ist. Und man sieht, ob der Unsympathischheit unserer „mean ole world“, wie sie im Blues besungen wird, auch im eigenen Leben den Augenblick kommen, wo man sagen wird: „Jetzt bin ich es müde, ein Mensch zu sein. Lasst mich gehen, lasst mich sterben!“ Zweifellos fegt über einen jeden Einzelmenschen die Welt so hinweg, dass er am Vorabend seines Todes den Eindruck haben wird, das sei nicht (mehr) seine Welt – er sei hier nur kurz zu Gast gewesen und es sei nun höchste Zeit zu gehen. Ich frage mich nur, ob diese fundamentale Unsympathischheit der Welt hilfreich ist für das eigene Sterben-Können oder nicht?

Hilfreich ist sie, weil man sich dann leichter verabschieden wird können von dieser Welt. Schlecht ist sie, weil sie vielleicht die Hölle ist und zwar in dem Sinn, dass der Mensch, wenn er an nichts mehr glauben kann und fühlt, dass ihn nichts mehr mit seinen Mitmenschen und dem menschlichen Leben insgesamt verbindet, vielleicht dasjenige erreicht, was für ihn persönlich die Hölle ist – und wogegen er sein ganzes Leben lang angekämpft hatte.

10 Kommentare

Kommentar von: Poetenblogger Pauli [Besucher] E-Mail · http://www.poeten.eu/philosophie/
Der Gute Wille, als Kants guter Wille, dieser Motor... wie verhält sich dieser zum Kooperationsinstinkt aus der Biologie?

Das würd mich interessiert,
vielen Dank, Pauli
28.01.10 @ 15:50
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Unter "Pflicht" versteht Kant aber nicht die 'gesatzten', von Menschen gesetzten Gesetze, sondern "das Sittengesetz" (das er als 'kategorischen Imperativ' definieren wollte). Nach dem Verständnis handelt der Verteter in dem Beispiel nicht 'pflichtgemäß'.
28.01.10 @ 21:25
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Lieber Pauli,
das weiß ich leider nicht. Also bezüglich des Kooperationsinstinkts bitte vielleicht einen Biologen fragen.
lg philohof
28.01.10 @ 22:49
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
da haben Sie natürlich recht - und das ist mir auch bewusst. Ich könnte jetzt sagen, ich "spiele" mit der Bedeutung von "Pflicht", aber ich glaube, ich tue das nicht mal. Im Gegenteil, es ist die Frage, ob das was Kant genau für Pflichtgemäßheit hält, überhaupt etwas Mögliches und auf dieser Welt Existentes ist? Gibt es nicht vielmehr einen Willen zum Guten und einen Willen zur Pflicht? Und sehen wir in meinem Beispiel nicht den Willen zur Pflicht sich austoben?

Und dann: Verhält sich der Vertreter in meinem Beispiel wirklich nicht pflichtgemäß in Kants Sinne? Kann man wirklich nicht leben in der Meinung, dass man allen Leuten dasjenige verkauft, was ihnen den meisten Nutzen bringt und ihnen im Leben weiterhilft? Ich glaube schon, das kann man. Und das ist ja das Perfide an der heutigen Welt: Der Ambiguität ist nicht zu entkommen. Der eine ist ein zynischer Charakter und meint, beim Verkaufen die Leute reinzulegen. Der andere ist ein naiver Mensch und glaubt ihnen was Gutes zu tun - und beide tun das Gleiche, und beide haben recht. Und auch mit den Normen, die die Corporate Social Responsibility den VerkäuferInnen aufdrängt, ist es nun ja nicht so, dass sie deren Sinn nicht einsehen würden - sie können daher recht gut auch für Pflichten genommen werden, die sich diese Menschen selbst gegeben haben... Daher, ob jetzt das in meinem Beispiel tatsächlich nicht mit dem von Kant Gemeinten übereinstimmt, das ist gar nicht so klar.
Beste Grüße
philohof
28.01.10 @ 23:03
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Herr Hofbauer, ich bin nicht nur kein Kant-Exeget, sondern nichtmal Kantianer - oder doch nur in einem sehr entfernten, vermittelten Sinn. Der schon erwähnte Joh. Fr. Herbart hatte auch in diesem Punkte Recht: Kants kategorischer Imperativ ist nicht, wie immer behauptet wird, zu abstrakt, sondern im Gegenteil immer noch viel zu material - indem er überhaupt eine inhaltlichen Vorgabe formuliert. Das hat Herbart - sicher ohne es zugeben zu wollen - von seinem Lehrer Fichte übernommen, nämlich dass 'das Sittengesetz' immer nur im einzelnen Fall
gebietet, so dass es selber gar nicht material, sondern nur GANZ abstrakt ausgesprochen werden kann: Du sollst deine Pflicht tun, punctum. Die Pflicht ihrerseits ist schon gar nicht material bestimmbar. "Freiheit ist Pflicht", heißt es bei Fichte: nämlich in jedem einzelnen Fall immer nur so zu urteilen, wie es die Stimme des eigenen Gewissens vorgibt. Und mit Fichte bin auch ich ganz und gar der Meinung: Jeder WEIß, was sein Gewissen ihn heißt. Wenn er sagt, er hört es nicht, dann wollte er's nicht hören, und wenn er sagt, er kann nicht, dann will er nicht.

Um es es ganz kattttegorisch zu formulieren: Hinsichtlich Gut und Böse ist es schlechterding UNsittlich, gegenüber der Stimme des Gewissens irgend etwas Sachliches auch nur in Erwägung zu ziehen.

Allerdings muss ich spätestens an diesem Punkt nachschieben: Die Sittlichkeit handelt allein von dem, was ich MIR schuldig bin. Von dem, was ich ANDEREN schulde (und sie mir), handelt das Recht.
30.01.10 @ 20:43
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich denke, wir sind weitgehend einer Meinung - mit Ausnahme vielleicht des vorletzten Absatzes Ihres Kommentars.

Aber vielleicht fange ich, um auf Ihren Kommentar zu reagieren, mit den einfacheren Dingen an: Es freut mich, dass Sie Sittlichkeit als dasjenige, was ich mir selber schuldig bin, vom Recht unterscheiden als dasjenigem, das ich anderen schulde. Ich habe eine ähnliche Unterscheidung von Fernando Savater gelernt und für sinnvoll befunden, jene zwischen Ethik, Moral und Recht: Ethik ist dabei genauso bestimmt wie Sie Sittlichkeit beschrieben haben, als dasjenige, was ich mir selber schulde. Mit Moral ist bereits etwas gemeint, das ich anderen schulde, und zwar handelt es sich hier um den Bereich der Sitten und Gebräuche einer Gesellschaft, also der ungeschriebenen Gesetze, bei denen es auch keinen Sinn machen würde, sie aufzuschreiben, weil nicht alles gesetzlich geregelt sein sollte. Recht hingegen umfasst die aufgeschriebenen, die einklagbaren Rechte und Pflichten des Menschen. Ich halte diese Unterscheidung für sinnvoll, weil sie veranschaulicht, dass nicht alles, das ethisch richtig sein mag, in die Moral und ins Recht übernommen werden sollte, und zwar auch damit wir Menschen frei bleiben, das Gute zu tun. Ich vermute nur, dass die Welt und die heutige Gegenwart jenen Ethikbegriff, über den wir, Sie und ich, weitgehend übereinstimmen, nicht teilt: Ethik wird in der Gegenwart häufig und hauptsächtlich verwendet, um für andere Menschen zu regeln, was diese tun oder unterlassen sollen.

Zu Kant. Nun, ich bin auch kein Kantianer, aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht bei mehreren Fragen nicht vielleicht tatsächlich nicht eindeutig festmachbar ist, wie Kant zu verstehen ist. Z.B. denke ich, dass man Kant auch in dem Sinne verstehen kann, wie Herbart und Fichte - Ihrem Kommentar nach - die Lösung der Streitfrage sahen, nämlich so, dass man seinem eigenen Gewissen folgen solle. Der gesamte kategorische Imperativ ist ja ein Gesetz, das man sich selber geben soll, also soll man doch ohnehin dem eigenen (guten) Willen folgen?!

Immerhin finde ich es bemerkenswert, dass Kant den Satz hingeschrieben hat, es gebe nichts wirklich Gutes auf der Welt außer einem guten Willen. Für mich ist das einer dieser Gründe, warum ich mir denke, es ist lohnend, sich doch immer wieder an Kant zurückzuerinnern, auch wenn ich mich nicht als Kantianer sehe.

Gut. Wenn wir nun aber nicht darüber streiten, wie Kant selber das genau verstanden hat, dann würde ich sagen: Die späteren Anhänger Kants sind bei seiner Ethik in erster Linie scharf auf den Aspekt der Pflicht und des Gehorchens gegenüber einem rationalen Gesetz. Vielleicht sind sie deshalb so wild darauf, weil sie hoffen, mit diesem Instrument ihr eigenes Leben in Ordnung zu bringen, oder deshalb, weil ein rationales Gesetz wiederum etwas ist, das man auch einem anderen Menschen vorschlagen kann - und der muss es dann auch befolgen, also: man kann Macht über diesen Menschen ausüben? Damit möchte ich sagen, dass ich bei diesem Blogeintrag nicht in erster Linie an Kant selbst und sein Verständnis dieser Angelegeneheit gedacht habe gedacht habe, sondern an diese Kantanhänger oder überhaupt an die Pflichtfans.

Letzter Punkt und einziger möglicher Diskussionspunkt wahrscheinlich zwischen Ihnen und mir, Herr Ebmeier: Sie schreiben kategorisch, es sei hinsichtlich Gut und Böse schlechterdings unsittlich, gegenüber der Stimme des Gewissens irgend etwas Sachliches auch nur in Erwägung zu ziehen. Da bin ich - und ich denke auch mich Fernando Savater, für den Ethik in der Selbstaufklärung des Willens besteht - dagegen: Ich schule ja mein eigenes Gewissen jeden Tag, indem ich Sachliches in Erwägung ziehe. Wenn ich das nicht täte, würde mir mein ungeschultes Gewissen in einem Notfall nichts sagen können. Die griechischen Tragödien dienten zur Schulung des Gewissens und heutige Kinofilme - gute wie schlechte - dienen ebenfalls dazu. Ich arbeite mich an einer Unzahl von sachlichen Einzelheiten ab, um mein sittliches Gewissen zu bilden. Und das ist eigentlich auch der Hauptteil der ethischen Arbeit an einem selber - das, und gar nicht so sehr die mutige Handlung in einer wichtigen, vertrackten Situation.

Mit besten Grüßen
Helmut Hofbauer
30.01.10 @ 23:54
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Das Recht verstehe ich, wie Ästhetik und Kunst, im abstraktest möglichen Sinn; nämlich noch bevor entschieden ist, ob es schon in Gesetzen festgeschrieben oder erst noch in Sitten und Gebräuchen stillschweigend überliefert wird. Was Sie Moral nennen, würde ich noch unter Recht fassen. Aber darüber muss man nicht streiten. Mit geht es nur darum, den Rigorismus der Unterscheidung nicht zu verwässern. Sowas wissen die Schleimer und Schleicher doch jedesmal als Ausflucht für ihre Flaumacherei zu nutzen.

Bei der Frage nach Gut und Böse sachliche Rücksichten nehmen: Das klingt in meinen Ohren, als solle da die allseits beliebte Unterscheidung zwischen Gewissensethik und Verantwortungsethik angebahnt werden. Das ist auch so eine Ausfluchtsmöglichkeit für Schleimer und Schleicher! Max Weber hat sie (als erster, wenn ich es richtig übersehe) 1919 in die Öffentlichkeit getragen - in seinem letzten öffentlichen Beitrag: "Politik als Beruf". Da hatte sie auch einen guten Sinn. Denn er sprach zu Studenten der Politikwissenschaft über ebendies Thema: den Berufspolitiker. Der hat sich dem Gemeinwesen gegenüber nunmal ausgewiesen als Verantwortungsträger gegenüber dem Gemeinwohl. 'Was er andern schuldet', hat er sich zum alltäglichen BERUF gemacht. Und da kann es allerdings passieren, dass das kollidiert mit dem, was er sich selber schuldet. Für den Fall ist Webers Lösung freilich katttegorisch: Den Ausschlag gibt dann immer das Gewissen.

Soviel über Berufspolitiker. Bei allen andern ist die Rede von der Verantwortungethik von vornherein sowieso nur Heuchelei.

(Habe ich Sie überinterpretiert? Wenn Sie sagen wollen: Mit dem ethischen Urteilen ist es wie mit allen anderen - die Sicherheit des Urteils wächst mit der Übung... - wenn Sie nur das sagen wollten, dann gebe ich ihnen allerdings Recht. Die Übung besteht freilich darin, sich immer und immer wieder den Anmutungen der Opportunität, des VORTEILs, der sich in tausenderlei Masken verkleidet, zu erwehren.)
31.01.10 @ 10:34
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
über das Ethik- und Rechtsverständnis brauchen wir nicht zu streiten. Diese Angelegenheit könnte höchstens wichtig sein vor dem Hintergrund der Frage: Wie weit darf man sich mit seiner eigenen philosophischen Begrifflichkeit von dem entfernen, was die meisten Menschen unter der jeweiligen Sache verstehen, oder inwieweit sollte man mit seinem eigenen Diskurs nicht doch anschlussfähig sein, um für die Menschen verständlich zu bleiben? Und hier meine ich einfach, dass das Recht heute eine mächtige Institution ist (ein gesellschaftliches Subsystem), mit dem ein jeder Mensch Erfahrungen gemacht hat. Aus dem Grund verstehe ich Ihre Entscheidung nicht ganz, das ungeschriebene Recht und die Sitten in den Rechtsbegriff einzubinden, was kein gewöhnlicher Mensch heute mitvollziehen würde. Gleichzeitig gebe ich zu, dass ich das selber punktuell auch mache: Wenn ich z.B. unter Ethik ganz aristotelisch das Streben nach dem guten Leben verstehe, weil ich glaube, dass da im Lauf der Geschichte etwas schief gelaufen ist, als aus der Ethik immer mehr das Richtighandeln in Einzelsituationen geworden ist, dann begebe ich mich eigentlich in einen Gegensatz zum heutigen Ethikverständnis. Aber ich versuche, diesen Punkt im öffentlichen Verständnis zu korrigieren, indem in an anderen Punkten umso anschlussfähiger für das allgemeine Verständnis zu sein versuche. Aber hier geht es um Fragen philosophischer Strategiewahl.

Was die Frage von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik betrifft, ja, da haben Sie mich eventuell überinterpretiert - oder auch: in Ihrer Reaktion kommen einfach Ihre Befürchtungen zum Ausdruck, die Sie bezüglich der Angelegenheit haben. Ich jedenfalls betrachte Ethik als weiterhin als dasjenige, was man sich selber schuldet: Zwar würde ich meinen, dass man dabei immer sachliche, inhaltliche, materiale Erwägungen in die eigene ethische Reflexion miteinbezieht, aber nie in dem Sinn, dass Ethik nun bedeuten würde, vor anderen Menschen die eigene Handlung durch ihre Folgen öffentlich zu rechtfertigen (so wie das in der Verantwortungsethik zu sein scheint), was bereits Utilitarismus sein würde. (Ich bin mit dieser Rede oder diesem Aufsatz Max Webers nicht vertraut, aber ich hoffe, Ihre Frage im richtigen Sinne beantwortet zu haben.)
Mit besten Grüßen
helmut hofbauer
31.01.10 @ 14:11
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Also in der Philosophie verfolge ich für meine bescheidene Wenigkeit keine Stragie. Ich will ganz naiv wissen, was richtig ist, und wenn ich glaube, etwas herausgefunden zu haben (und hätten es auch Tausende vor mir längst herausgefunden), dann kann ich die Tinte... nein, die Tastatur nicht halten und muss es von mir geben. Mehr Verantwortung mag meine Gesinnungsethik nicht auf ihre Kappe nehmen.

Ja, was die meisten andern Menschen für richtig halten... Wenn die meisten andern Menschen glauben, dass man Hexen daran erkennt, dass sie auf dem Wasser treiben, dann kann ich nur mit dem Kopf wackeln und sonst weißgott nichts tun. Was die meisten Menschen meinen, ist mir nicht wichtiger als das Meinen der Kirchenväter. "Si omnes patres sic, ego non sic", sagt Abälard.

- Das waren rhetorische Geplänkel. Ernster ist es mit dem "guten Leben". Ein Leben, das 'mir gut tut'? Das hat Aristoteles nicht gemeint, er hat gemeint: ein Leben um des Guten willen. Das ist aber eine rein verbale Lösung, wenn angenomen wird, 'das Gute' sei die materiale Summe all dessen, 'was gut ist'; oder auch nur dessen 'Inbegriff' - denn dann geht die ganze Frage wieder von vorne los! „Die Moral sagt schlechthin nichts bestimmtes. Sie ist das Gewissen, eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen“, schrieb richtig Novalis, als er noch Fichtianer war (cf. 'Ethik und Ästhetik sind eins', http://philosophieblog.de/ebmeier/ethik-und-aeasthetik-sind-eins).

Allerdings ist mir der diesbezügliche Satz in Ihrem Kommentar nicht ganz klar geworden, das räume ich ein.
31.01.10 @ 15:37
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
in Ihrem letzten Blogkommentar beschreiben Sie einen wahrlich beneidenswerten Geisteszustand: Wie Sie ganz ruhig und unbehelligt von der Welt nach der Wahrheit suchen und, sobald Sie eine Erkenntnis gefunden zu haben, diese schriftlich zum Ausdruck bringen. Das könnte ich auch gern! Wenn ich denke und/oder schreibe, erlebe ich immer das Gefühl, dabei die gesamte Welt hochheben zu müssen. Ich habe - und wie ich glaube, nicht ganz unberechtigtermaßen - das Gefühl, gegen den Widerstand der Welt andenken und anphilosophieren zu müssen. Denn wir leben in einer Welt, die mir in jedem Augenblick zu sagen scheint: Arbeite und konsumiere, aber halt den Mund! Spüren Sie die Denkfeindlichkeit unserer Welt nicht? Will sie nicht in allem, was sie sagt oder tut, nur eins: Dass man als Einzelmensch aufhört nachzudenken? Warum müsste man auch andernfalls immer wieder den Nutzen der Philosophie zum Thema machen, wenn nicht darum, um Denkfeindlichen und Denkunwilligen das schmackhaft zu machen, was ihnen nicht schmeckt? Natürlich wird man das/werde ich das nicht schaffen - aber eine Ausdrucksweise zu finden, die es auch nichtphilosophischen, denkfernen Menschen, ermöglicht, den Sinn eines jeden meiner Texte unmittelbar einsehen zu können, ist deshalb weniger eine Strategie, um Erfolg zu haben, als eine, mit der ich täglich um den eigenen psychischen Ausgleich ringe. Könnte ich mich selbst so sehen, wie sie das offenbar können - von der Welt in Ruhe gelassen auf meiner Denkinsel - dann bräuchte ich derartige Tricks nicht.

Ihren Blogeintrag "Ethik und Ästhetik sind eins" habe ich gelesen. Ich meine, über die unterschiedlichen Begriffsbestimmungen hinweg (z.B. bestimmen Sie "Ästhetik" auf recht eigentümliche Weise), zu verstehen, was Sie meinen, worauf das hinzielt, was Sie dort schreiben. Und insbesondere würde es mich interessieren, wenn Sie mir den Satz: "Darstellbar ist es nicht als Argument und Kalkül, sondern in Bildern und Geschichten." erläutern könnten - und zwar interessieren mich hier am meisten die Geschichten. Was können Geschichten Besonderes, das die Analyse nicht kann?

Womit wir eigentlich über den Rahmen der Kommentierung meines Blogeintrags nun bereits hinausgegangen wären.

Grüße aus Wien
philohof
31.01.10 @ 23:53

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