Aufgedrängte Lektüren

von philohof E-Mail

Bin heute im Gespräch mit Freund N. auf das Thema aufgedrängte Lektüren zu sprechen gekommen. D.h. für mich ist das ein Thema, für ihn nicht.
Es geht darum, dass ich während meines Philosophiestudiums an der Universität Wien allerlei Autoren gelesen habe, die mich eigentlich nicht interessiert haben. Ich war zwar nicht dazu gezwungen, diese Autoren und –innen zu lesen, aber dazu gedrängt. Denn die Autoren, die mich interessierten, wurden am Philosophieinstitut in Wien nicht gelesen, und irgendwas musste ich ja lesen, um mein Studium abzuschließen.
Das Witzige an der Situation war, dass N. gar nicht wusste, welche Autoren mich nicht interessieren. Mir scheint, das ist ein Effekt der Prozedur: Man liest studienbedingt irgendwelche Autoren, dann redet man beim Kaffee über sie und schon haben die Kommilitonen den Eindruck, man interessiere sich für diese Autoren.
Im Prinzip hängt das Problem der aufgedrängten Lektüren damit zusammen, dass man im Philosophiestudium nicht philosophiert, sondern Philosophie (das Fach) studiert. Würde man philosophieren, würde ein jeder Studierende sich an den eigenen Interessen orientieren; da es im Philosophiestudium jedoch um Philosophie (das Fach) geht, ist man die ganze Zeit mit Ansprüchen konfrontiert von der Art: Dieses und jenes müsse man unbedingt gelesen haben um mitreden zu können.
Eh klar, es geht ja nicht darum, dass man was lernt, sondern darum, sich im Fach auszukennen.
Seit der Zeit teile ich meine Lektüren in drei Gruppen ein:
a) Lektüren, die ein Auskennen im Fach zum Ziel haben
b) Lektüren, die eine Befreiung von Behauptungen, die mir eingeredet wurden, zum Ziel haben
c) Lektüren, aus denen ich was lernen kann
Vielleicht hat auch die Vermengung der Lektüren a) und b) dazu beigetragen, dass N. meinte, ich würde mich für bestimmte Autoren interessieren, die mich im Grunde gar nicht interessieren. Ich habe nämlich auch viel gelesen, oder habe ungeliebte Autoren genauer gelesen, um in ihren Büchern Bemerkungen zu finden, die mir dabei halfen, mich gegen die Gedanken eines anderen ungeliebten Autoren oder meines Philosophieprofessors zur Wehr zu setzen.
Das Problem ist allerdings so wichtig, dass ich ein paar grundsätzliche Worte darüber verlieren will: Wenn Sie Philosophie studieren möchten, sollten Sie auch daran denken, dass Sie vieles von dem, was Sie aufnehmen, auch wieder loswerden müssen. Weil es Sie belastet und weil Sie ohnehin nichts daraus gelernt haben.
Das ist durchaus ein Grund, warum es für einen philosophischen Menschen besser sein könnte, nicht Philosophie zu studieren.
Mir selbst ist irgendwann aufgefallen, dass der Großteil dessen, was ich an philosophischen Texten geschrieben habe – und ich habe doch schon einiges geschrieben – den Zweck hat, all das wieder auszuschwitzen, was man mir aufgeschwatzt hat.
Da hätte ich mich doch von vornherein besser nicht damit beschäftigen sollen. Da hätte ich doch schon von Anfang an durch meine eigenen Interessen geleitet lesen und philosophieren sollen.
Hätte ich, der Nachteil wäre nur: Dann würde ich mich im Fach Philosophie nicht auskennen. Bitte, ich kenne mich nicht gut im Fach Philosophie aus. Das hat zum Teil auch damit zu tun, dass die akademische Philosophie auch im deutschsprachigen Raum jetzt von der Analytischen Philosophie übernommen wird, was meine Lektüren von Derrida, Deleuze, Foucault und Bourdieu während des Philosophiestudiums entwertet. Das Fach ändert sich und dadurch verliert mein Lektürewissen, das ich mir während meiner Ausbildung angeeignet habe, an Kurswert.
Gegenwärtig lese ich gerade einen Artikel von Duncan Pritchard, ich schnuppere also ein bisschen in die Analytische Philosophie hinein, aber ich könnte nicht sagen, dass mich das interessiert oder dass ich was daraus lerne. Es ist rein eine Lektüre mit dem Ziel, Orientierung im Fach zu gewinnen.
Ich fahre auch auf Philosophiekongresse rein mit dem Ziel herauszufinden, womit sich die anderen beschäftigen.
Es ist ein Fehler, wenn man meint, ich sei ein Philosoph und deshalb interessiere ich mich für Philosophie und das bedeute, dass ich mich dafür interessiere, womit sich andere Philosophen beschäftigen.
Es ist eher so: Philosophie ist – auch – ein Fach, und andere Menschen, die mächtiger sind als ich, machen daraus, was sie wollen, und ich kann das nicht beeinflussen.
Deshalb wurde es auch so, dass ich ins Philosophiestudium kam, um mich zu finden, und anstatt dessen drängte man mir Lektüren auf, die mich von mir selbst entfremdeten – weil sie mich nicht interessierten und weil sie nichts enthielten, das mir persönlich in meiner Entwicklung weiterhalf.
Heute bin ich eine gespaltene Persönlichkeit: Ich erzähle davon, was ich für meine philosophischen Gedanken halte, aber zugleich versuche ich auch immer wieder, den Anschluss ans Fach nicht ganz zu verlieren, also periodisch immer wieder auch bewusst reines Auskennerwissen aufzunehmen.
Was sich allerdings mit den Jahren schon geändert hat, ist meine Einstellung zum Lesen. Hier habe ich die akademische Haltung, die darin besteht, ohne eigenes Urteil immer noch mehr von dem zu lesen, was Fachkollegen für wichtig halten, hinter mir gelassen.
Ich halte das Lesen für eine ethische Frage. Es wird nicht als solche gesehen. Aber wenn man sich gegen die Einschränkung der Frage „Was soll ich tun?“ auf bloß moralische Fragen wehrt, dann ist es freilich eine ethische Frage: Ein Buch, ein Artikel nimmt mir Lebenszeit weg. Und es gibt viel mehr Bücher und Artikel auf der Welt, als ich lesen kann.
Beim Lesen geht es daher primär um die Frage, was ich nicht lese! Denn für ein jedes Buch, das ich lese, muss ich notwendigerweise (mindestens) ein anderes nicht lesen.
Jemandem als akademischer Lehrender ein Buch zu geben mit der Aufforderung, es zu lesen, ist deshalb mit einer hohen ethischen Verantwortung verbunden. Helfe ich meinem Studenten/meiner Studentin damit im Leben weiter oder stehle ich ihm/ihr nur Zeit damit? Dasselbe gilt aber auch für besserwisserische Kommilitonen, die, wie es scheint, alles gelesen haben und einem immer Bücher und Texte aufschwatzen, die man angeblich gelesen haben soll: Das sind Zeitdiebe, Lebenszeitdiebe.
Ich wünschte wirklich, ethische Fragen würden endlich ernst genommen! Und nicht nur moralische Fragen! Ich wünschte, die Frage: Welches Buch soll ich lesen und welches nicht?  - würde als ethische Frage gesehen und der Umgang mit diesem Thema an den Universitäten wäre nicht länger völlig sorglos.
Ich selbst, für meine Zwecke, habe mir ein bisschen helfen können durch meine oben skizzierte Einteilung in drei unterschiedliche Arten von Lektüren. Da ich seit einigen Jahren auch Leselisten führe, weiß ich, dass ich pro Jahr ca. 25 Bücher lese; und in den letzten Jahren ist es mir immer wichtiger geworden, jenen Büchern, aus denen ich persönlich etwas lernen kann, eine höhere Priorität in meiner Leseliste einzuräumen.
Schließlich, worum geht es denn beim Philosophieren? – Es geht darum, die Fremdbestimmung ein wenig zurückzudrängen und durch ein wenig mehr Selbstbestimmung zu ersetzen.
Dieses Ziel wird man ja nicht gerade dadurch erlangen, dass man ausschließlich Bücher liest, die andere für wichtig halten, auch wenn die Autoren dieser Bücher im Fach Philosophie klingende Namen haben.

12 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

ich bin etwas irritiert und es stellen sich mir mehrere Fragen. Ich glaube aber, alle lassen sich letztlich auf eine reduzieren:

Wieso glauben Sie, dass der Prozess "Orientierung (Sie schreiben hier "auskennen") in einem Fach finden" nichts mit lernen zu tun hat?

Liebe Grüße
Ihr Vogt
26.06.15 @ 20:46
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Vogt,

danke für Ihre Frage. Es würde mich ja interessieren, wie Sie die Sache sehen.
Ich würde halt sagen, dass das Streben, "sich in einem Fach auszukennen", genau dann lernen ist, wenn eine Person ebendas lernen will. Also wenn sie z.B. Philosophie studiert, um sich im Fach Philosophie auszukennen.
Aber mit Inhalten aus der Philosophie könnte man sich ja auch zu anderen Zwecken beschäftigen. Das ist übrigens auch so bei anderen Fächern. Aber die Philosophie sehe ich eben mehr mit der Person des philosophierenden Menschen verbunden, als das bei anderen Fächern der Fall ist.
Und unter Lernen verstehe ich etwas, bei dem die Lernbedürfnisse, die Wissensbedürfnisse des lernenden Menschen befriedigt werden.
Aber dieses Verständnis von Lernen stößt sehr bald zusammen mit den Verteidigern des Fachs, die das Fach als ihr Herrschaftsgebiet betrachten, weil sie in ihm eine Spezialisierung und eine akademische Anstellung haben.
Doch das kann, wie gesagt, auch bei anderen Fächern der Fall sein. Ich las mal ein Buch, in dem Kostenrechnung anhand des Beispiels einer Pizzeria gelehrt wurde. Aber der Autor konnte sich dann doch nicht zurücknehmen und musste alles präsentieren, was er über Kostenrechnung wusste. Dieses Buch wurde mir zum Sinnbild dafür, wie sehr wir heute in Fächern denken und dass diese Haltung so stark ist, dass es nicht einmal mehr möglich ist, dass die Lehrenden darauf eingehen, was die lernenden Menschen wissen wollen oder zu wissen nötig haben.
Ja, und jetzt würde ich aber doch gern wissen: Sehen Sie das nicht so, Vogt? Haben Sie diese Erfahrung nicht gemacht? Wie sehen Sie das?
liebe grüße
philohof
28.06.15 @ 21:29
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

Ich würde halt sagen, dass das Streben, "sich in einem Fach auszukennen", genau dann lernen ist, wenn eine Person ebendas lernen will.


Da haben Sie schon Recht denke ich. Nur mit dem Wollen ist das so eine diffuse und transitive Sache - Sie sprechen das ja in Teilen auch selbst schon an. Diffus deshalb, weil die Aussage "ich kann x tatsächlich wollen!" meiner Meinung nach eine hohe Kunst ist, insbesondere sich dieser Aussage klar und mit Begründung bewusst zu werden.
Und hier kommt schon Transitivität ins Spiel. Ich kann ja auch sagen: "ich kann mit x y erreichen, um mir letztendlich z zu verschaffen - und z ist was ich will!" so kann man doch auch sagen: "ich kann x wollen, um z zu erreichen!".

Wenn Sie also schreiben:


Eh klar, es geht ja nicht darum, dass man was lernt, sondern darum, sich im Fach auszukennen.


unterstellen Sie gewissermaßen, dass ein Mensch weder das Fach an sich oder das Fach um eines weitergehenden Zieles (z.B. ein Studium abschließen und damit den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöhen) wollen kann.
Daher meine Irritation.

Liebe Grüße
Vogt
29.06.15 @ 09:07
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philophof.com
Lieber Vogt,

ich habe das Gefühl, Sie drehen mir das Wort im Mund herum.

Ich will nicht unterstellen, dass

"ein Mensch weder das Fach an sich oder das Fach um eines weitergehenden Zieles (z.B. ein Studium abschließen und damit den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöhen) wollen kann."

Wenn der Mensch das will, dann ist das völlig in Ordnung.

Eher will ich unterstellen, dass wir uns für bestimmte Fragen und Inhalte interessieren, die gegenwärtig bestimmten Fächern zugeordnet werden und man dann automatisch von uns erwartet, dass wir uns für das jeweilige Fach um des Faches willen interessieren. Und dazu obendrauf, dass wir die Bedeutung, die unsere Frage für uns selber hatte, vergessen, um sie nur im Lichte derjenigen Bedeutung zu sehen, die sie für das Fach hat.

Es wundert mich ein wenig, warum Sie das verdrehen. Aus welchen Motiven oder persönlichen Erfahrungen heraus.

Auch der Hinweis, dass man bisweilen selbst nicht weiß, was man will - mag unter Umständen richtig sein, aber ich verstehe nicht, wo sie damit hinwollen: Wenn jemand nicht weiß, was er will und dann beschäftigt er sich mit einem Fach so, wie die Anderen im sagen, dass es sich gehört, dann wird er kein Problem mit sich selbst haben, und wir haben hier kein interessantes Thema. Wenn aber jemand schon weiß, was er wissen will, und sein Lernwille wird aber missachtet, misshandelt und ignoriert, dann würde ich einen Antrieb verspüren zu sagen: Hier ist was nicht in Ordnung, hier sage ich was.

Mit einem Wort: Ich verstehe es nicht, was Sie hier kommentieren.

Liebe Grüße
philohof
29.06.15 @ 16:49
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

also verdrehen wollte ich wirklich nichts und hoffe dass ich Sie richtig verstanden habe.
Ich dachte nämlich wohl fälschlicherweise, Sie wollten sagen, in einem Fach Orientierung zu finden hat nie etwas mit lernen zu tun. Das lies mich ihr erster Text glauben.
Um meinen Einwand auf den Punkt zu bringen: Dass es dabei nicht um lernen geht, wenn Kommilitonen, Kollegen, Professoren etc. jemandem (sei es meinetwegen um eines Faches willen) etwas aufschwatzen wollen, halte ich für fragwürdig - und genau das schien mir Ihre Aussage. Das haben Sie aber dann durch den Willen relativiert, dem ich nur zustimmen kann.

Meine Erfahrung ist die, dass die Menschen um mich herum schon mehr oder weniger genau wissen, was sie lernen wollen: Vielfach sind sie aber dann ziemlich erstaunt, wie viel in einem Studium drin steckt, was einen persönlich überhaupt nicht interessiert. Dass da andererseits nichts dabei ist, was einen persönlich interessiert kann ich nicht behaupten - aber es interessiert halt auch längst nicht alles. Und an dem Punkt bin ich auch Ihrer Meinung: Warum nicht eine offene Kommunikation / Diskussion über Fragen der persönlichen Lebensführung.

Ihr Vogt
29.06.15 @ 21:48
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Lieber Vogt,
es freut mich, dass Sie noch mit mir kommunizieren (und sich nicht gleich beleidigt zeigen)...

...aber ich muss leider schon wieder sagen, dass wir ziemlich aneinander vorbeireden.

Erstens habe ich nichts von meiner Aussage relativiert. Denn die Frage ist ja, wozu einer sich im Fach auskennen will? Ist das ein Erkenntnisprojekt oder ein Herrschaftsprojekt. Gerade im Fach Philosophie will sich ja manch einer deshalb auskennen, um dann andere beeindrucken oder sie ausschließen zu können, etwa durch Aussagen wie: "Bevor du nicht alle drei Kritiken Kants durchstudiert hast, rede ich gar nicht mir dir!"

Zweitens, und das wiegt viel schwerer, weiß ich nicht, wo Sie mit dieser Aussagen hinwollen: "Dass da andererseits nichts dabei ist, was einen persönlich interessiert kann ich nicht behaupten - aber es interessiert halt auch längst nicht alles." Das ist für mich ein gefährliches Terrain, weil gefährlich langweilig. Hier schlafen alle ein, und es gibt nichts zu lernen.

Es würde mich interessieren, wie die akademischen Lehrer es schaffen, die Studierenden davon zu überzeugen, dass Fächer so harmlos sind: "Es wird dich zwar nicht alles interessieren, aber einiges, das deine persönlichen Interessen anspricht, ist auch darunter." Auf dieser Ebene brauchen wir nicht weiter zu diskutieren. Wenn die Sachlage in Wirklichkeit wirklich so einfach ist, dann lässt sich über sie nichts Gehaltvolles sagen.

Ich versuche demgegenüber halt zu erklären, warum das einzelmenschliche Erkenntnisinteresse in der akademischen Institution nicht gut Fuß fassen kann. Aber es gelingt mir offenbar nicht einmal, meine grundlegendsten Gedanken zu erklären. Dabei habe ich das alles schon so oft wiederholt: Warum bekommt jemand einen wissenschaftlichen Preis, weil er einen Beitrag zu einem Fach geleistet hat - und warum bekommt demgegenüber ein akademischer Lehrer einen Preis, weil die Studenten viel von ihm gelernt haben und mit seiner Lehre zufrieden sind?

Und solcherlei Phänomene könnte man noch mehrere finden.

Da kann man doch nicht sagen, die Studenten seien erstaunt, wie viel da im Fach sei, was sie nicht interessiert; andererseits könne man aber nicht sagen, dass da überhaupt nichts für sie Interessantes darinnen zu finden sei!

Es ist ja kein Zufall, dass Fächer so uninteressant sind. Sie sind ja so organisiert, dass sie langweilen. Und den Einzigen, den sie nicht langweilen, das ist derjenige, der mit den Wölfen heulen will, nur lauter.

Liebe Grüße
philohof
30.06.15 @ 01:22
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

ich muss zugeben, wie genau es in der akademischen Philosophie zugeht wurde mir nur am Rande zu Teil, da ich es "nur" im Nebenfach studiert habe. Meine Erfahrungen waren aber eher durchwachsen und die Intentionen der Menschen kaum auf einen Nenner zu bringen. Bei der Frage


Ist das ein Erkenntnisprojekt oder ein Herrschaftsprojekt.


sehe ich zum Beispiel nicht, warum das Eine das Andere ausschließt.


Das ist für mich ein gefährliches Terrain, weil gefährlich langweilig.

Hier haben Sie mich schon richtig verstanden, das Thema finde ich an der Stelle auch eher langweilig. Könnte die Gefahr denn wirklich so groß sein, dass es hier tatsächlich kaum etwas zu lernen gibt?


Es würde mich interessieren, wie die akademischen Lehrer es schaffen, die Studierenden davon zu überzeugen, dass Fächer so harmlos sind:


Also mich hat bisher niemand überzeugt, dass irgendein Fach harmlos sei - was immer Sie gerade damit meinen. Im Gegenteil - Fächer können sicher großen Einfluss auf das Denken und Handeln aller Menschen haben. Das liegt aber wiederum daran, dass der Mensch nun auch ein soziales Tier ist und sich gerne an festen sozialen Strukturen orientiert, und Fächer bieten hier einen guten Ausgangspunkt neben anderen interessanten Eigenschaften.
Was könnte daran ein Problem sein?
Nun vielleicht, wenn den Menschen dieser Anpassungsprozess nicht mehr auffiehle.
Diese These kann ich aber bisher nicht bestätigen.


Auf dieser Ebene brauchen wir nicht weiter zu diskutieren.


Es tut mir leid, wenn ich mit meiner Erfahrung Ihrer Diskussionsebene nicht würdig bin. Wenn Sie das nicht näher erläutern, kann ich leider auch Ihr Problem nicht verstehen.
Darüber hinaus: Ich finde diese Ebene des Denkens hat so einige Vorzüge und ich sehe nicht, weshalb man sie verlassen sollte.

Ihr Vogt
30.06.15 @ 18:35
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

" Im Gegenteil - Fächer können sicher großen Einfluss auf das Denken und Handeln aller Menschen haben. Das liegt aber wiederum daran, dass der Mensch nun auch ein soziales Tier ist und sich gerne an festen sozialen Strukturen orientiert"

- Genau so ist es. Es besteht die Gefahr, dass man meint, der Mensch sei für den Sabbat da und nicht der Sabbat für den Menschen. Genauer: Es "besteht" nicht "die Gefahr", sondern das ist der Einfluss, den soziale Strukturen auf uns ausüben. Dem kann man an sich nicht entkommen. Man kann sich nur bewusst machen, dass es so ist.

"Es tut mir leid, wenn ich mit meiner Erfahrung Ihrer Diskussionsebene nicht würdig bin."

- So hatte ich das nicht gemeint. Ich hatte mich damit nicht auf Sie als Gesprächspartner bezogen, sondern auf das Thema, das Sie vorzuschlagen schienen und von dem ich meinte, dass es in eine langweilige Richtung führt.

Liebe Grüße philohof
30.06.15 @ 19:38
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

ich habe noch etwas über Ihren Einwand nachgedacht, weil er mir sehr sonderbar schien.
Dass also der (eigene) Willen dazu gehört, damit ein Mensch etwas lernt, da sind wir uns einig. Ist er denn aber auch hinreichend?
Die Überlegung nach einer Antwort führt mich dann auf eine weitere Frage: Ist es denn überhaupt möglich, außerhalb eines Fachs zu lernen?
Und hier meine ich nicht in erster Linie "Fach" im Sinne von "Schulfach", sondern eher im Sinne eines inneren Konstrukts, welches mir das Einordnen und Abspeichern einer Information überhaupt erst ermöglicht.
Könnte es nicht sein, dass auch die Fächer denen wir in der Außenwelt (also Biologie, Informatik, Physik...) begegnen, nicht eine Art Abbildung dieser von Menschen geschaffenen Lernmuster sind?

Wenn das zutrifft, helfen uns diese organisierten Fächer beim Lernen indem sie Anregungen geben, wie ich Dinge einordnen kann. Andererseits hemmen sie auch das Lernen (und das ist dann vermutlich Ihr Einwand), indem Fächergrenzen gesetzt werden, somit auch Abgrenzungskriterien erzeugt und eine Fanatisierung von Fächern möglich wird..

Wie sehen Sie das denn?
13.07.15 @ 19:28
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

danke für Ihren Kommentar!

Was erschien Ihnen denn sonderbar an meinem Einwand?

Und in welcher Linie wäre denn die Frage relevant, ob man überhaupt etwas außerhalb eines Fachs lernen kann?

Ich verstehe Ihre Fragen noch zu wenig, um wirklich darauf eingehen zu können.

Besonders zumal Sie danach versuchen, "Fach" in einem Sinne zu definieren, der es von seiner sozialen Bedeutung entfernt:

"Und hier meine ich nicht in erster Linie "Fach" im Sinne von "Schulfach", sondern eher im Sinne eines inneren Konstrukts, welches mir das Einordnen und Abspeichern einer Information überhaupt erst ermöglicht."

Also wenn Sie Fach so definieren, dann werden Sie kein Problem damit haben, dass Ihnen jemand bei Ihren Lerninteressen was dreinredet. Damit werden Sie genau das Problem nicht haben, das ich mit Fächern habe. Mit einem Wort, das Problem - und damit das gesamte Thema - hat sich in Wohlgefallen aufgelöst.

Dann aber rudern Sie zurück und fragen, ob nicht Fächer in unserer sozialen Welt genau so harmlos sind wie das, was Sie soeben für sich aus einem Harmoniebedürfnis heraus als harmlos definiert haben:

"Könnte es nicht sein, dass auch die Fächer denen wir in der Außenwelt (also Biologie, Informatik, Physik...) begegnen, nicht eine Art Abbildung dieser von Menschen geschaffenen Lernmuster sind?"

Und da muss ich dann aber wieder sagen: Nein! Fächer wie Biologie, Informatik, Physik - und auch natürlich die akademische Philosophie - verdanken Ihre Schaffung der sozialen Entwicklung der Spezialisierung. Sie bauen darauf auf, dass Menschen beruflich den ganzen Tag nichts anderes machen als sich mit Biologie, Informatik und Physik zu beschäftigen.

Sie sind daher auch nur für diejenigen Lebensumstände geschaffen, in welchen ein Mensch die Möglichkeit hat, sich den ganzen Tag nur mit Biologie, Informatik, Physik oder irgendeinem bestimmten anderen Fach exklusiv zu beschaffen. Denjenigen Menschen hingegen, der sich mit vielerlei verschiedenen Angelegenheiten beschäftigen muss (weil das Leben vielerlei verschiedene Anliegen an ihn heranträgt), überlastet Fächerwissen mit vielem unnützem Detailwissen.

Daher sind Fächer nicht Abbildungen der den Menschen innewohnenden Lernmuster. Sondern sie sind so etwas wie Hochleistungsportdisziplinen, die Wissen auf eine Weise lehren wie sie ein gewöhnlicher Mensch für seine Lebenszwecke weder gebrauchen noch anwenden kann.

Fächer behindern das Lernen übrigens nicht in erster Linie durch Fächergrenzen. Fächergrenzen werden nur dann relevant, wenn Sie über ein Fach ein - oder innerhalb eines Fachs über eine Spezialität - ein wenig hinausdenken und Querverbindungen herstellen wollen. Dann verlieren Sie bei den Fachleuten ganz rasch Anerkennung und Gesprächspartner, weil sie sagen: "Das geht mich nichts mehr an, das ist außerhalb meines Gebiets."

In erster Linie behindern Fächer das Lernen, weil sie kein Sensorium haben, um auf den Lernbedarf des lernenden Menschen einzugehen. Es müsste eine Serviceeinrichtung geben, die Menschen anbietet, Fächer auf dasjenige Wissen hin zu durchforsten, das für Einzelmenschen interessant und von Relevanz in ihrem persönlichen Leben ist. Man müsste also das Fachwissen sieben können, um sinnvolles Wissen von Wissensschutt zu trennen.

Liebe Grüße
philohof
14.07.15 @ 13:41
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

danke für Ihren Kommentar.
Sonderbar erschien mir Ihr aller erster Einwand, dass es bei dem bloßen "sich im Fach auskennen" nicht um Lernen geht.
Denn lernen (im Sinne von abspeichern und wieder abrufen) muss ich diese Inhalte ja - spätestens wenn es darum geht eine Klausur oder Prüfung zu bestehen. Meinen Willen, dies alles zu lernen tue ich ja mit meinem Ausbildungsvertrag oder Immatrikulationsbescheinigung schriftlich kund. Selig sei nur derjenige, der weiß womit er (oder sie) es zutun hat wenn man das tut.

Sie schreiben, dass Fächer auch insbesondere durch fehlendes Sensorium verhindern, auf das Individuum zugeschnittenes Wissen zu vermitteln. Wie sollten sie das auch haben? - Es sind ja nur dumme, leblose Fächer. Wirkliches Interesse für meine Anliegen hatten jedenfalls bisher nur Menschen und keine Fächer.
Da müssten schon lebendige Lehrer ran, um den Inhalt eines Fachs persönlich zugeschnitten zu vermitteln - die Frage ist dann: Wollen die das auch, können die das auch?

Liebe Grüße
14.07.15 @ 15:05
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

die Tatsache, dass man auch was lernt, wenn man ein Fach lernt oder wenn man es für das Fach lernt, macht Ihnen terminologische Schwierigkeiten?

Ich habe diese Probleme nicht. Freilich lernt man dann auch was. Nur lernt man es oft nicht mit Interesse. Man tut sich deshalb auch schwerer. Und hinterher vergisst man es schneller. Man gesteht sich dann bisweilen ein, es "nur für die Prüfung gelernt zu haben".

Hat man etwas gelernt, wenn man es nur für die Prüfung gelernt hat und dann vergessen hat? Ich will da nicht mit Ihnen über Worte streiten. Wenn Sie meinen, dass das für Sie Lernen ist, dann soll das so sein.

Dann haben wir uns zumindest darüber verständigt, was wir mit dem Wort "Lernen" meinen.

Bezüglich des zweiten Teils Ihres Kommentars kann ich nicht so kurz antworten. Man müsste fragen: Werden die "lebendigen" Lehrer denn für ihre gute Lehre vom System, das sie anstellt und bezahlt, auch belohnt? Haben Sie incentives?

Liebe Grüße
philohof
14.07.15 @ 17:58

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