Bericht über die Veranstaltung „Grundlegung zum Aufbau einer philosophischen Schule“

von philohof E-Mail

Link: http://www.philomedia.at

Am 22. April 2015, 19 – 21 Uhr gestaltete ich eine philosophische Abendveranstaltung in der Reihe „Philodrom“ im Club PhiloMedia, Josefsgasse 1, 1080 Wien. Das Thema waren grundlegende Gedanken zum Aufbau einer philosophischen Schule. Die Veranstaltung war gut besucht und erfreute sich lebhafter Teilnahme und Diskussion.

 

1. „Was ist Arbeit?“ (als philosophisches Spiel)

Den Abend begann ich mit dem Spiel „Was ist Arbeit?“, das für den Sprachunterricht in Deutsch erfunden worden ist. Es handelt sich dabei um eine Übung, die Beispiele wie „Eine Angestellte wartet auf der Toilette auf das Ende ihrer Arbeitszeit.“, „Bauern kippen Obst ins Meer.“ oder „Ein Hund bellt den Briefträger an“ bringt und jeweils fragt, ob das Arbeit ist. Bei dieser Übung ist kaum möglich, in der Gruppe zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Der einzelne Mensch jedoch kann durch Nachdenken durchaus mit sich selbst darüber ins Reine darüber kommen, was er denn nun für Arbeit hält und nach welchem Kriterium, wenn er sich diese Beispiele vorlegt. Allerdings bezeichnen heute viele Menschen eine Tätigkeit, die kein gemeinsames Ergebnis hervorbringt, als „etwas, bei dem nichts herauskommt“.

Mit diesem Spiel wollte ich zeigen, wie das Urteil vieler Menschen Tätigkeiten, die zur individuellen Orientierungsfindung durchaus beitragen können, entwertet.

 

2. Warum es heute nicht erlaubt ist zu philosophieren

 

Als nächstes formulierte ich mein brennendstes Bedürfnis im Leben: „Ich möchte philosophieren.“ – und erklärte, warum mir das Philosophieren heute gar nicht erlaubt zu sein scheint. Freilich ist es nicht in der Weise verboten, dass man dafür bestraft würde, sondern eher in der Weise, als hätte man den Wunsch, schwimmen zu gehen und es gäbe kein Schwimmbad.

 

a) Arbeitsteilung und Expertentum

Wir glauben heute, dass nur Experten eine Tätigkeit ordentlich ausführen können. Wenn der Laie daher philosophiert, wird man sagen: „Mach dich doch nicht lächerlich! Überlass das den Liessmanns, Pfallers, Zizeks und Sloterdijks, die können das besser!“

b) Die Weigerung, Philosophie als Tätigkeit aufzufassen

Philosophie wird heute nicht mehr (wie in der Antike) als Tätigkeit gesehen, sondern als die Menge aller philosophischen Erkenntnisse oder als Wissen über Philosophie. Auf diese Weise wird die Philosophie verdinglicht und vom Menschen getrennt. Wenn Philosophie keine Tätigkeit ist, macht es für den philosophischen Laien keinen Sinn zu philosophieren – es ist dann kostengünstiger und effektiver, wenn die professionellen Philosophen philosophieren und wir uns hinterher ihre philosophischen Einsichten anhören.

c) Die Verehrung der objektiven Erkenntnis

Unter objektiver Erkenntnis verstehen wir die Haltung, dass die Gegenstände unserer Erkenntnis auch unabhängig von unserer Erkenntnis existieren. Allerdings geht das Streben nach objektiver Erkenntnis auch oft mit einer Bevorzugung von Themen einher, die „von allgemeinem Interesse“ sind. Das „allgemeine Interesse“ oder die „gesellschaftliche Bedeutung“ ist gewissermaßen die Entsprechung der Objektivität, wenn es um die Wahl des Forschungsprojekts geht. Auf diese Weise führt der Wert der objektiven Erkenntnis mittelbar zu einer Entwertung von Erkenntnisinteressen, die bloß der Orientierung der eigenen Person in der Welt dienen.

Diese drei in der gegenwärtigen Gesellschaft allgemein geteilten Grundhaltungen lassen erkennen, auf welche Weise das Philosophieren heute verboten ist. Der Glaube ans Expertentum setzt den philosophierenden Menschen dem Vorwurf der Unprofessionalität aus. Der Glaube, wonach Philosophie im Wissen aus dem Fach Philosophie besteht, drückt sich in der Verständnislosigkeit der Menschen gegenüber dem aus, was ein Mensch tut, wenn er philosophiert: Ein eigenes Geistesleben haben – braucht man das überhaupt? Die Verehrung der Objektivität lässt den Menschen die Fragen, die ein philosophierender Mensch stellt, um Orientierung in der Welt zu gewinnen, als irrelevant und überflüssig erscheinen, weil das Orientierungsbedürfnis eines einzelnen Menschen nicht von allgemeinem Interesse ist.

Aus alldem folgt: Philosophieren ist nicht direkt verboten, aber es ist eigentlich nicht vorgesehen. Und vom Gefühl her – insbesondere, wenn man anderen Menschen vom eigenen Philosophieren erzählt – ist es so ähnlich wie wenn man einen Hund gegen den Strich bürstet.

3. Das private Erkenntnisprojekt

 

Im Anschluss daran erklärte ich das Leistungsangebot der philosophischen Praxis, für die Sascha Nageler und ich 2010-11 im Rahmen des WIFI „Management College“ einen Businessplan erstellt haben.

Das Leistungsangebot besteht in der Begleitung von KlientInnen bei der Durchführung eines privaten Erkenntnisprojekts.

Mein Lieblingsbeispiel für das private Erkenntnisprojekt ist die Erstellung eines privaten Lebenslaufs. Wir erstellen Lebensläufe immer für Andere, meistens für potenzielle Arbeitgeber. Aber ein Lebenslauf übt auch auf uns selbst eine Wirkung aus, die einem Spiegel vergleichbar ist. Aus diesem Grund wäre es gut, als Gegengewicht zum offiziellen Lebenslauf auch einen privaten Lebenslauf zu verfassen, in dem nur jene Handlungen und Vorkommnisse aufgelistet sind, die für uns persönlich von Bedeutung sind. Ein solcher Lebenslauf könnte uns dabei helfen, verzerrte Bewertungen wieder zurechtzurücken und denjenigen von unseren Erfahrungen Wert zuzuschreiben, die wir auch tatsächlich hochschätzen wollen.

Moralische Unterstützung

In dem Leistungsangebot unserer philosophischen Praxis waren noch weitere technische Details enthalten, welche die Wirksamkeit der philosophischen Begleitung bei privaten Erkenntnisprojekten steigern, doch darüber will ich mir hier nicht verbreitern.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist noch, dass ich die moralische Unterstützung für den wesentlichsten Aspekt des Leistungsangebots unserer projektierten philosophischen Praxis halte.

Damit meine ich, dass man zum Klienten/zur Klientin sagt: „Du hast das Bedürfnis, ein privates Erkenntnisprojekt zu verfolgen, weil du es für deine persönliche Orientierung im Leben brauchst, aber deshalb bist du nicht verrückt. Ich weiß, dass alle Welt dich für verrückt hält, weil es sich gegen alles richtet, was dir unsere Gesellschaft vorschlägt und nahelegt. Aber ich kenne dieses Bedürfnis auch, und es ist ja doch auch das eigentlich philosophische Bedürfnis!“

4. Warum eine philosophische Schule

 

Im Teil nach der Pause las ich einige Zitate aus Stefan Meraths Buch Die Kunst seine Kunden zu lieben vor. Es ging darin um die Konkurrenzstrategie des Selbstständigen im Gegensatz zu jener des Unternehmers. Der Selbstständige muss sich nach Merath spezialisieren und nach Innovationen suchen, die so komplex sind, dass er als einziger auf dem Markt sie anbieten kann. Der Unternehmer hingegen müsse sein Unternehmenskonzept so einfach halten, dass es von Mitarbeitern umgesetzt werden kann.

Ich schloss, dass ich nach Lektüre des Buchs von Stefan Merath meinen Wunsch, eine philosophische Praxis zu eröffnen, aufgegeben habe, weil es meinem Philosophiekonzept widerspricht, aus Philosophie etwas so Komplexes zu machen, dass nur ich allein es richtig verstehen und anbieten kann.

Ganz im Gegenteil geht es mir darum, mein Philosophiekonzept – das darin besteht, dass jeder Mensch selbst philosophieren kann – möglichst weit zu verbreiten, und dafür benötige ich ein einfaches Konzept.

Wenn es mir gelingt, mein Konzept des Philosophierens zu verbreiten, dann wird der Nutzen davon sein, dass es alle Menschen, die philosophieren wollen, leichter haben werden, weil es mehr Menschen geben wird, die überhaupt verstehen, was sie tun, wenn sie philosophieren, und die in der Lage sind, auf philosophische Äußerungen adäquat zu reagieren.

5. Aber keine Schule für Philosophie!

 

Aufgrund des Selbstständigenarguments von Stefan Merath erscheint es mir zielführender zu sein, eine philosophische Schule zu gründen als mich mit einer philosophischen Praxis selbstständig zu machen.

Eines allerdings dürft in dieser philosophischen Schule auf keinen Fall unterrichtet werden: Beschäftigung mit Philosophie! Denn unter Philosophie versteht man heute die Ersetzung des eigenen Denkens durch die Gedanken verstorbener Philosophen. In diesem Sinne ist Philosophie das absolute Gegenteil von philosophieren.

Gesucht sind also Menschen mit dem dringenden Bedürfnis zu philosophieren und einem gleichzeitigen Desinteresse an Philosophie!

Ob meine Zielgruppe das verstehen wird – wo sich doch die Menschen so leicht vom Schein der Worte täuschen lassen?

 

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

auch ich hadere in großen Teilen noch sehr mit dem von Ihnen angeführten Punkt 2c). Ich glaube auf der einen Seite gibt es in der Natur tatsächlich Phänomene, welche in sich eine gewisse Objektivität beanspruchen (so würden wir ja kaum sagen, wenn ein Auto rollt, rollt es nicht und umgekehrt). Aber, um diese Information (z.B. das Auto rollt) aber zu verstehen oder (be-)nutzbar zu machen, ist eine Interpretation dessen notwendig, also in jenem Moment schon vom Interpretierer abhängig.
Wo liegt da dann die Objektivität, wenn wir darüber sprechen, welche Geschwindigkeit, Leistung, Masse, Farbe etc. ein Auto hat?

Sie schreiben, dass man sich heute lieber nach objektiven Kriterien richtet, wenn es um die Wahl z.B. von Forschungsprojekten geht, und dass dies einher geht mit einer Entwertung des Orientierungsbedürfnisses des einzelnen Menschen. Das mag stimmen, doch wie sieht das Gegenkonzept dazu aus?
Ist es denn nicht in gewissen Bereichen oder Projekten vernünftig, nach einem größtmöglichen Konsens (wobei 'größtmöglicher Konsens' meine bisher beste Anwtort auf die im ersten Absatz gestellte Frage zu sein scheint) zu handeln?
Gerade in hinblick auf naturwissenschaftlich orientierte Projekte scheint mir dieses Vorgehen nicht wirklich abwegig.

Ihr Vogt
24.04.15 @ 11:06
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Vogt,

danke für Ihren Kommentar!

Ich glaube, Ihr Problem ist nicht so groß, wie es ihnen scheint. Subjektivität und Objektivität sind nämlich keine Gegensätze. Es kann z.B. das Wissen objektiv sein, aber seine Auswahl subjektiv. In dem Fall lernt der Mensch, was er braucht, was ihn interessiert.

Aber wissenschaftlich ist das natürlich nicht. Wissenschaftlich wäre es, wenn er sich mit dem gesamten Fach von Anfang bis zum Ende beschäftigt. Die wissenschaftliche - also die objektive, allgemeingültige - Darstellung beginnt immer mit den Grundlagen, erzählt die Geschichte des Fachs und kommt zuletzt zu allen Inhalten ihrer einzelnen Subfächer.

Und wenn Sie da nur einen Teil herausnehmen, dann haben Sie sich eigentlich gegen die Objektivität versündigt.

Sie schreiben, dass Ihnen das am allgemeinen Interesse orientierte Vorgehen bei naturwissenschaftlichen Projekten nicht abwegig erscheint. Das ist schon richtig, wenn es sich darum handelt, das Wissen der Wissenschaft zu mehren.

Aber es ist falsch, wenn es darum geht, das Wissen des einzelnen Menschen zu mehren. Ich kann es an einem Beispiel aus der Betriebswirtschaft erklären. Einmal las ich ein Buch, in dem der Autor versprach, seinen Lesern praxisorientiert die Kostenrechnung beizubringen. Schon nach kurzer Lektüre zeigte sich, dass der Autor nicht daran interessiert war, seinen Lesern etwas beizubringen, sondern er wollte alle Tricks vorzeigen, die sein Fach kennt.

Hätte er lehren wollen, hätte er weglassen müssen - und sagen: "Das und das und das brauchst du in der Praxis nicht!"

Liebe Grüße
Philohof
24.04.15 @ 15:39

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test