Bringt Philosophie denn Erkenntnis?

von philohof E-Mail

Gestern war ich bei einem praktischen Philosophen zu Besuch. (Wer das war, will ich jetzt mal nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob es ihn freuen würde und weil es auch gar nichts zur Sache tut.) Jedenfalls fragte ich ihn - eine Frage, die zu stellen bei einem praktischen Philosophen nicht ungewöhnlich sein sollte - was denn seiner Meinung nach der Kundennutzen von Philosophie sei, und er sagte so ungefähr: Man gewinne durch die philosophische Beschäftigung mit verschiedenen Themen Erkenntnisse, man unterhalte sich gut und befriedige ein Bedürfnis, nämlich das Bedürfnis zu philosophieren.

Da war ich fürs Erste perplex. Philosophie bringt doch keinerlei Erkenntnis, dachte ich. Deshalb stünden doch in der Philosophie mit Recht die Fragen über den Antworten?!

Was soll ich sagen, heute denke ich wieder anders, nämlich umgekehrt: Freilich bringt Philosophieren Erkenntnisse, sonst unterzöge ich mich seiner Mühe nicht. Besonders wenn man das macht, was der praktische Philosoph, mit dem ich sprach, offenbar besonders gern tut, nämlich sich der großen und klassischen Themen der Philosophie annehmen sowie sich an Begriffen abarbeiten, dann kann man schon leicht behaupten, dass Philosophieren einem mehr Aspekte von Begriffen wie Freiheit, Liebe, Freundschaft oder Tod zeigt, als man ohne sie gesehen hätte, und auch mehr eigene Vorstellungen, die man an diese Begriffe drangehängt hat.

Habe ich also heute Recht und gestern hatte ich Unrecht? Nein, gestern hatte ich auch Recht! Aber was habe ich gestern gemacht? Ich habe gestern die Philosophie beurteilt mit dem Erkenntnisbegriff, der heute vorherrschend ist und den uns die heutige Wissenschaft lehrt. In diesem Erkenntnisbegriff ist Erkenntnis gleichbedeutend mit Resultat. Eine Disziplin, die keine Resultate liefert (siehe: Philosophie) liefert daher auch keine Erkenntnisse. (Nicht missverstehen, wenn ich sage, dass das der wissenschaftliche Erkenntisbegriff ist: Dieser Erkenntnisbegriff hat sich heute allgemein durchgesetzt, und alle Menschen erwarten, wenn man ihnen Erkenntnisse ankündigt, Resultate - und nicht etwa Einsichten in Zusammenhänge und Ursachen.)

Dabei ist dieser heutige Erkenntnisbegriff ja paradox: Er ist deshalb paradox, weil die bloße Nennung des Ergebnisses die Erkenntnis selber sein soll! Aber die bloße Erwähnung eines Ergebnisses wirft ja nur ein kurzes und auf einen Punkt beschränktes Schlaglicht auf die Realität. Mit einem Wort: Sie erhellt einem gar nichts. Das mag nun vielleicht nicht für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin selber gelten, der oder die diese Erkenntnis verlautbart, denn er oder sie beschäftigt sich ja mit dem gesamten Themenbereich und hat somit einen schon noch einen größeren Einblick in die Zusammenhänge, aber es gilt mit Sicherheit für die Menschen, zu denen der oder die WissenchaftlerIn als ExpertIn spricht. (Und wahrscheinlich gilt es auch immer mehr für die Wissenschaftler selber und zwar in dem Maße, wie sie durch die Spezialisierung des Wissens gezwungen sind, sich mit immer kleineren Themenfeldern zu beschäftigen.)

Philosophieren ist dagegen so etwas wie ein heilloses Umwege-Machen, ohne dass man je zu einem endgültigen Ziel käme. Dieses Umwege-Machen führt - gewissermaßen als Nebenprodukt - dazu, dass man sich in der (geistigen) Gegend, die man da die ganze Zeit ablatscht, mit der Zeit recht gut auskennt. Das nennen wir Philosophen Erkenntnis - und empfinden es auch so. Die Welt, in der wir leben, nennt solche Umwege hingegen sinnlos und spricht ihnen jeden Wert - auch jeden Erkenntniswert - ab.

Ich bin noch nicht fertig. Das Wichtigste kommt noch: Um sich jetzt zu vergegenwärtigen, was das von mir Gesagte bedeutet, genügt es nicht, diese beiden Vorstellungen von Erkenntnis nebeneinanderzustellen und halt zu sagen: "Sie sind verschieden!" Sondern man muss sich zu Bewusstsein bringen, welche Funktion Erkenntnis für die heutigen Menschen hat. Denn darin verbirgt sich der Grund, warum Erkenntnis heute als das Wissen über eine zweifelsfrei gewisse Tatsachen bestimmt wird und nicht als die Kenntnis eines größeren Fragenfelds: Erkenntnis hat für die heutigen Menschen den Sinn und die Funktion, ihnen eigene Forschungen und Bemühungen um Erkenntnis zu ersparen. Diese erledigt für sie der Fachmann/die Fachfrau - und teilt ihnen hinterher das Ergebnis mit.

Philosophie hingegen würde die Menschen dazu animieren, sich selbst mit den Fragen zu beschäftigen - und sie genau damit in jene langwierige Beschäftigung hineinbringen, die sie sich dadurch ersparen wollen, indem sie eine Abneigung gegen langwierige Erörterungen aufbauen und anstatt dessen auf Erkenntnis setzen in dem Sinne, wie sie Erkenntnis verstehen - als schnell aufzufassendes Resultat.

Und das ist auch der eigentliche Grund, warum ich so perplex war, als der praktische Philosoph allen Ernstes behauptete, dass Philosophie Erkenntnis bringe. Ja, schon: für ihn, für mich und für alle, die sonst noch bereit sind, das einzusehen. Aber damit gebrauchte er das Wort "Erkenntnis" in einem anderen Sinn als die Zeit, in der wir leben, es gebraucht: Erkenntnis ist für unsere Zeit das, was den Menschen das Erkennen erspart, weil sie die Erkenntnis von den Wissenschaftlern schon fertig abgepackt bekommen so wie von den Supermärkten die Schokolade.

Ich hingegen gebrauchte in und durch meine Verwunderung über den Gebrauch des Worts "Erkenntnis" durch den praktischen Philosophen das Wort so, wie unsere heutige Zeit es gebraucht. Und eigentlich, muss ich zugeben, wunderte ich mich (zumindest heute) mehr über mich als über ihn: Warum lasse ich mir die Bedeutung von Wörtern immer von unserer Zeit aufdrücken? Warum bin ich so ein Sensibelchen, das wie ein Schwamm oder eine Radioantenne durch die Welt geht und den Gebrauch von Wörtern und Begriffen in privaten Gesprächen oder aus der öffentlichen Diskussion in den Nachrichtenmedien so aufnimmt wie man schlechte Luft einatmet?

5 Kommentare

Kommentar von: Sophrosynos [Besucher] · http://sophrosynos.blogspot.com/
Der Erkenntnis bzgl. der zwei Erkenntnisarten stimme ich gerne zu :-) Dabei scheint mir die "nutzbare" philosophische Erkenntnis, also die Einsicht in die Welt, die als Mittel zu einem Zweck dienlich ist, weitgehend ein Residuum des allgemeinen Szientifizierungsprozesses zu sein, die noch nicht abgelegt wurde (man hängt halt so an den Traditionen...) Konnte sich Philosophie in Antike und früher Neuzeit noch als Weg zur Wahrheit verstehen, findet sich der heutige Philosophierende wieder auf den sokratischen Standpunkt der frühen platonischen Dialoge zurückversetzt: Philosophie führt in die Aporie - Philosophie also heute wieder als die Kunst des (richtigen) Fragens. Zur Beantwortung der "einfachen" Fragen mögen dann die Wissenschaften herangezogen werden. Die spannenden Fragen indes sind eben die, denen sich jede Antwort entzieht, auf die es nahezu beliebig viele, durchaus auch sich widersprechende Antworten gibt, angesichts derer jeder Nutzen zerrinnt.
Kurz also: Philosophie hat zwar keinen Nutzen, durchaus aber einen Gewinn. Oder so... ;-)
26.05.10 @ 22:40
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Sophrosynos,
danke für Ihren Kommentar!

Ich bin verwirrt, aber Ihre Aussage: "findet sich der heutige Philosophierende wieder auf den sokratischen Standpunkt der frühen platonischen Dialoge zurückversetzt" - klingt irgendwie positiv.

Was jetzt aber Ihre Zusammenfassung betrifft: "Philosophie hat zwar keinen Nutzen, durchaus aber einen Gewinn." - so würde der praktische Philosoph, den ich gestern besucht habe, wohl sagen, dass die Philosophie eben schon einen Nutzen hat, nur halt einen anderen, als was man so gewöhnlich für einen Nutzen hält.

Übrigens haben Sie das Problem von der Frage, ob Philosophie Erkenntnis bringt verschoben auf die Frage, ob sie Nutzen bringt - und dadurch eine Unbekannte durch eine andere ausgetauscht. Ist Ihnen das aufgefallen?
27.05.10 @ 00:28
Hmm... Ist es am Ende gar nicht wieder mal alles eine Frage der Definition? Hier: von "Resultat" und "Nutzen".
Wenn Sokrates zu der Erkenntnis gelangt: ich weiß, dass ich nichts weiß, dann liefert diese sehr wohl ein Resultat. Und zwar eines, das von unschätzbarem Nutzen ist! Doch an dieser Stelle (Nutzen) wäre wiederum eine Begriffsbestimmung fällig. Man könnte sich vielleicht darauf einigen, dass es einmal den theoretischen Nutzen gibt, also etwa den die philosophischen Erkenntnisse liefern. Und daneben den praktischen Nutzen, wie er im herkömmlichen Sinne verstanden wird - ein Fertigprodukt, welches in den Naturwissenschaften, aber auch im Alltag direkt verwertbar ist.
BTW: bei den Überlegungen zu "Resultaten" musste ich an Watzlawicks "Man kann nicht nicht kommunizieren" denken, ;-)
06.07.10 @ 20:51
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Sophia,
danke für Ihren Kommentar!

Definieren finde ich immer problematisch und oft auch ganz schlecht. Der Grund ist, man legt dadurch die Bedeutung in den Begriff hinein, die man doch eigentlich durch Befragung der Meinungen der Gesellschaft und der Anschauungen der Mitmenschen herausbekommen will. Am Ende findet man also nur, was man in den Begriff hineingelegt hat - man spielt mit sich selber Verstecken.

Ich löse das Ganze ein bisschen auf. Ich bin ein praktischer Mensch. Also für das Theoretische habe ich keinen Sinn. Was ist also der Kundennutzen von Philosophie? Nun, wir leben in einer Wirtschaftsgesellschaft. Also etwas, wofür der Kunde Geld zu bezahlen bereit ist. Sagen wir mal, um nicht gar zu hoch zu greifen, 80 Euro für eine Einzelstunde, 60 Euro, wenn der den Philosophen oder die Philosophin im 10Stunden-Paket bucht.

Damit hätten wir also mal den Nutzen. "Resultat" bestimmt sich ähnlich. Es muss am Ende Geld daraus gemacht werden können. Ein Resultat, das dazu verhilft ein Mittel gegen, sagen wir, Lungenkrebs zu erzeugen, würde einem dazu verhelfen, Milliarden Dollars zu verdienen. (Sogar die Zigarettenindustrie würde es unterstützen, weil man von nun an gefahrlos rauchen kann.) Sokrates' "Ich weiß, dass ich nichts weiß." - ist aus dieser Perspektive kein Resultat. Man muss etwas wissen, sagen können, dass es so ist und nicht anders, dann hat man ein Resultat.

Sie sehen, ich denke nicht begrifflich, sondern von der gesellschaftlichen Dynamik her, die die Begriffe haben, dieser versuche ich nachzuspüren.

Den Hinweis mit Watzlawick verstehe ich leider nicht.

Herzlichst Ihr philohof
07.07.10 @ 01:24
Wir sind die Basis einer Pyramide! Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines 'pyramidalen' Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem krassen Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet Wer sich nicht von Verschwörungstheorien verwirren lassen will, dem hebt sich mit „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem überzeugten Christen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer christlichen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung. L.G. Sternbald
14.02.17 @ 17:32

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