Darüber nachdenken, was Philosophie sein hätte sollen. Buchrezension

von philohof E-Mail

Link: http://www.uni-klu.ac.at/wiho/downloads/Arnold_Erfahrung_Philosophen_2010.PDF

Rezension von:

Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010. 479 Seiten.

Dieses Buch ist von großem Wert für diejenigen, die sich noch für die Frage interessieren, was Philosophie eigentlich ist.

Für die meisten Menschen hat sich diese Frage ja bereits erledigt; sie sind der Meinung, dass Philosophie eine wissenschaftliche Disziplin unter anderen ist, die an den Universitäten beherbergt sind.

Markus Arnold hingegen hat seinem Buch zwei Zitate vorangestellt, die auf einen für die Philosophie spezifischen Aspekt aufmerksam machen. Eines davon ist von Boethius und beginnt mit den Worten: „Wer nach Wahrheit trachtet mit tiefgründigem Geist…, der muß ins eigene Innre tief hineinleuchten…“; das andere ist von Kant, seine ersten Worte sind: „Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst […] suchen…“

Es ist also ohne Zweifel, dass wir es bei Markus Arnold mit jemandem zu tun haben, der noch weiß, was Philosophie ist, der das noch nicht ganz vergessen hat. Der noch weiß, dass es Philosophie ist, wenn jemand versucht, mit sich selber „auf einen grünen Zweig zu kommen“; dass es Philosophie ist, wenn jemand darüber nachdenkt, was er oder sie selber eigentlich wirklich meint; dass es Philosophie ist, wenn jemand nicht über irgendwas nachdenkt, sondern über das, was ihn oder sie selber persönlich beschäftigt.

Für derlei seltene Menschen, die sich dafür noch interessieren, bietet Markus Arnolds Buch Ressourcen zur Selbstreflexion. Denn es ist ein gelehrtes Buch (ich glaube, es ist seine Habilitationsschrift). Darum habe ich auch eine Zeitlang gebraucht, um mich durchzubeißen. Und nach der Lektüre tut es fast schon wieder not, einzelne Kapitel zum zweiten Mal zu lesen, weil man viele Erklärungsmodelle schon wieder teilweise vergessen hat.

Markus Arnold führt uns in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen auf einen Streifzug durch die Philosophiegeschichte, auf dem er sich mit Platon, Aristoteles, Augustinus, Francis Bacon, Robert Hooke, John Locke, René Descartes, Edmund Burke, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und der Frankfurter Schule auseinandersetzt.

Er erzählt darin die Geschichte der Philosophie, die im Altertum mehrere Erkenntnismethoden (Platon, Aristoteles, Augustinus) entwickelte, sich jedoch seit der Erfindung der neuzeitlichen Wissenschaft durch Francis Bacon (1561-1626) in einem bis heute andauernden Rückzugskampf der Wissenschaft gegenüber befindet.

Dieser Kampf besteht darin, dass der philosophierende Mensch seine eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten gegenüber der Wissenschaft in einer im Laufe der Geschichte immer komplexer und differenzierter werdenden Argumentation verteidigt. Die Wissenschaft behauptet nämlich, die menschlichen Sinne betrügen prinzipiell und menschliche Meinungen seien nichts anderes als Idole des Marktes – also alles, was der einzelne Mensch in der Erkenntnis zusammenbringen kann, ist bestenfalls Schwindel und Selbstbetrug. Die Wissenschaft ihrerseits „löst“ dieses Problem durch soziale Zusammenarbeit, also durch Expertentum, was jedoch – aus philosophischer Sicht – den Nachteil hat, dass Wahrheit nicht mehr jedem Menschen offensteht (sondern nur noch den Experten).

Interessant ist, dass die Philosophie dann über Strecken (Edmund Burke, Immanuel Kant), sich die Rechtswissenschaft zum erkenntnistheoretischen Vorbild genommen hat, um neben der Wissenschaft ihr eigenes Erkenntnismodell zu verteidigen. Warum gerade die Rechtswissenschaft? Zum Beispiel deswegen, weil Gesetze, nachdem sie erlassen worden sind, erst ihre Interpretation finden müssen. Das geschieht in der Anwendung des Gesetzes auf den Einzelfall. Damit haben wir es beim Recht mit einem Erkenntnismodell zu tun, das nicht – wie die Wissenschaft – bei primären Wahrheiten beginnt und daraus weitere wahre Erkenntnisse ableitet, sondern es gibt die Möglichkeit einer Aussage, mit der man beginnt und die sich in der Folge durch Konfrontation mit konkreten Einzelfällen „korrigieren“ oder nachadjustieren lässt. Dadurch erhält die konkrete und sinnliche Erfahrung des Einzelfalls zum Teil ihr Daseinsrecht wieder zurück.

Doch das ist nicht der einzige Aspekt des Rechtlichen, den Philosophen für das philosophische Erkenntnismodell fruchtbar zu machen versuchten. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie sehr Kants Philosophie an das Vorbild der Rechtslehre angelehnt ist.

Eine andere Entwicklungslinie – über Herder, Schopenhauer, Nietzsche und die Frankfurter Schule – macht den menschlichen Körper und die expressive Funktion der menschlichen Sprache zum Grundstein eines spezifisch philosophischen Erkenntnismodells. Bei der Frankfurter Schule spielt dann insbesondere die Psychoanalyse in diesem Zusammenhang noch einmal eine besondere Rolle.

Am Ende seines Buchs kommt Markus Arnold zu einem Ergebnis, zu dem ich in meinem Buch Einladung zur Odyssee. Eine erkenntnistheoretische Reflexion über die „epische Seite der Wahrheit“ (ATUT und Neisse Verlag, Wroclaw und Dresden 2008) auch schon gekommen bin, nämlich dass die Erzählung eine zentrale Rolle in der menschlichen Erkenntnis zukommt. Bei Arnold nimmt diese Einsicht die Gestalt an, dass er der Erzählung die Funktion zuspricht, eine apriorische Form menschlichen Denkens zu sein. „Es gibt neben der Logik und der kantschen Kategorientafel noch andere apriorische Formen des Denkens, welche die Philosophie bis jetzt nicht als solche beachtet hat, obwohl sie auf diese in ihren Begründungen immer wieder implizit zurückgreifen musste.“ (S. 442)

Im Klartext bedeutet das: Wenn wir Menschen eine Erkenntnis machen, dann ist das immer nur eine Erkenntnis im Rahmen oder vor dem Hintergrund einer Geschichte, die wir darüber erzählen.

Außerdem steckt in dieser Überzeugung Arnolds von der Erzählung als Grundstruktur menschlicher Erkenntnis zugleich die Meinung, dass eine andere Auffassung von Wahrheit und Erkenntnis – die wissenschaftliche Auffassung – falsch ist. Die Wissenschaft meint nämlich, Erkenntnis bestehe darin, wahre Aussagesätze über die äußere Realität zu machen, und die Wahrheit dieser Sätze bestehe rein darin, dass sie auf die gegebenen Tatsachen in der äußeren Realität zutreffen.

Falsch, meint dazu Markus Arnold. Es gebe auch so etwas wie die „menschliche Wahrheit“. Diese besteht darin, Wahrheit nicht nur in der Übereinstimmung von wahren Aussagesätzen und Welt zu sehen, sondern zudem auch Aufschluss zu geben über das Verhältnis des Menschen zu seinen Erkenntnissen und den Gegebenheiten in der Welt.

Gut. Mit all dem bin ich einverstanden. Aber um mich geht es ja hier nicht. Ich meine, was hilft es, den Gläubigen zu predigen. Womit ich nicht ganz einverstanden bin, ist der Schluss von Markus Arnolds Buch. Denn, ehrlich gesagt, wenn sich schon mal jemand in dieses heikle Thema hineinwagt, dann würde ich schon erwarten, dass er einen Teil des Buchs dafür reserviert, seine eigene Meinung frei auszusprechen und offen alle mit seiner These verbundenen Probleme anzusprechen. Diesen Teil des Buchs gibt es aber nicht. Selbst in dem Teil „Nachwort. Erkenntnistheoretische Perspektiven“ (S. 423 ff.) bleibt Arnold so sehr Professor, dass er das Referieren nicht unterlassen kann – und anstatt zusammenzufassen und auf Bedenken einzugehen, bringt er weitere (wenn auch sehr interessante) Inhalte vor.

Mich wundert ja – und gleichzeitig wundert es mich nicht –, dass dieses Buch im akademischen Feld Platz gefunden hat. Wegen des Themas hätte es eigentlich keinen Platz finden dürfen, schließlich ist die heutige Universität weitgehend verwissenschaftlicht. Aber da die von Arnold ausfindig gemachten spezifischen Aspekte des philosophischen Erkenntnisprojekts nun mal in der Philosophiegeschichte in verschiedenen Epochen wiederzufinden sind, war es möglich, darüber ein gelehrtes Buch zu schreiben, einen verschriftlichten Zettelkasten sozusagen. Aus dem Grund ist das Buch dann doch wohl als akademische Arbeit durchgegangen.

Die Konsequenz daraus ist, dass die sich aus Arnolds Ansatz ergebenden Fragen unbeantwortet bleiben. Am Ende des Buchs hat er zwar plausibel gemacht, dass das philosophische Erkenntnisprojekt und die Erzählung als menschliche Denkform eine nicht unbedeutende Rolle spielen in der menschlichen Erkenntnis. Aber darüber, wie denn nun das alte philosophische Erkenntnisprojekt an der heutigen wissenschaftlichen Universität fortgesetzt werden kann, darüber gibt es keine Auskunft. Wichtig wäre auch eine Antwort auf folgende Frage: Die Wissenschaft ist nicht zuletzt deshalb heute so groß in Universität und Gesellschaft, weil wir uns von ihr Erkenntnisse einer ganz bestimmten Art erhoffen. Solche nämlich, die zu technischen Innovationen führen und uns im weltweiten Wirtschaftskonkurrenzkampf temporäre Vorteile bescheren. Welche Erkenntnisse aber bringt ein Erkenntnismodell hervor, das auf dem Konzept der Erzählung aufbaut? Und welche Vorteile bringen diese Erkenntnisse wem ganz genau?

Vielleicht besteht an dieser Stelle bei Arnold auch ganz einfach ein fehlendes Problembewusstsein. Der Titel eines Aufsatzes von Donald Davidson „Der Mythos des Subjektiven“ bringt gut zum Ausdruck, dass es viele PhilosophInnen gibt, die nicht einmal wissen, wovon Arnold in seinem Buch redet. Viele Menschen, und auch viele Philosophen, halten die Idee von einer persönlichen Erkenntnis der Welt durch den einzelnen Menschen für inexistent, für etwas, das es gar nicht gibt, das gar nicht möglich ist. Dabei wäre genau das das Projekt der Philosophie gewesen, wenn wir es nicht vergessen hätten.

Aber für mich bedeutet das nur, dass die Geschichte, die Markus Arnold in seinem Buch Die Erfahrung der Philosophen erzählt, unvollständig ist. Ich nehme das Buch an als den gelungenen Nachweis, dass außer mir zumindest noch ein weiterer Mensch auf der Welt weiß, was Philosophie ist oder hätte sein sollen. Und auch dafür, dass es für unsere Meinung offenbar zahlreiche Belege in der Philosophiegeschichte gibt.

Wichtiger als das aber ist, dass dieses Buch eine wichtige Informationsressource und Zitatequelle für Menschen unserer Denkungsart darstellt. Deshalb werde ich diesem Buch einen prominenten Platz in meiner persönlichen Literaturliste widmen und mir vornehmen, in der Zukunft beim Verfassen philosophischer Arbeiten immer wieder darin nachzusehen und ausführlich daraus zu zitieren!

2 Kommentare

Kommentar von: Maier [Besucher]
Sehr interessant und gut geschrieben. Die Buchbesprechung wird ja in ihrem Verlauf immer kritischer.
16.12.14 @ 18:35
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Danke für Ihr Feedback, Herr Maier!
Es ist mir schwer gefallen, die Balance - oder sogar die Balancen - zu halten.
Einerseits wollte ich sagen, dass ich am Ende doch nicht ganz mit Markus Arnold einer Meinung bin, andererseits aber betonen, dass wir uns beim Philosophieverständnis verständigen können.
Vor allem aber wollte ich sagen, dass man aus seinem Buch sehr viel lernen kann - und ich auch tatsächlich sehr viel gelernt habe, weil es eben ein gelehrtes Buch ist und sehr genau hinschaut und zahlreiche Belege bringt.
17.12.14 @ 00:43

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test