Der Nutzen von Philosophie unter Druck

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophie/ethik/warum_philosophie_keinen_gesellschaftlichen_nutzen_hat.htm

Eine kurze Notiz. Weil ich mir immer wieder mal Gedanken über das Thema "Nutzen von Philosophie" mache.

Man muss bei der Frage nach dem Nutzen von Philosophie auch die Voraussetzungen berücksichtigen. Es kann nämlich sein, dass Philosophie schon einen gewissen Nutzen für manche Menschen vielleicht hätte, aber nicht jetzt und nicht in dieser Situation.

Stellen Sie sich vor, Sie haben was anderes, Dringendes, zu tun. Die Milch geht gerade auf dem Herd über und jemand kommt Ihnen mit der Philosophie. Da werden Sie sagen: "Ja, vielleicht, aber sicher nicht jetzt!"

Oder Sie stehen in der U-Bahn, und es ist ein Gedränge, herbe Düfte schweben durch die Luft und jemand steht auf Ihren Zehen. Wenn man Ihnen dann mit der Philosophie kommt, werden Sie wohl sagen: "Mir ist jetzt nicht danach."

Der Hintergrund des Gesagten besteht darin, dass wir in einer Gesellschaft leben, die fortschrittig immer fortschreitet und daher immer mehr organisiert, es immer umfassender und immer lückenloser organisiert. Anders gesagt, das gesellschaftliche Leben, das Arbeitsleben könnte mittlerweile insgesamt zu einem (Dauer-)Zustand geworden sein, der sich anfühlt, als ob einem jemand auf den Zehen steht.

Und da stellt sich die Frage: Gesetzt Philosophie hat irgendeinen Nutzen - aber bis zu welchem Grad von Druck hat sie einen Nutzen? Ist ihr Nutzen groß genug - oder ist unser Bedürfnis nach ihr eindringlich genug - um einen Druck von außen, der uns dazu drängt, Anderes zu erledigen, zu übertönen?

Ich bemerke das bei den Studierenden der Medizinischen Universität, an der ich tätig bin. Sie werden vom Anfang bis zum Ende ihres Studiums lückenlos beschäftigt. Beim Eintritt ins Berufsleben wird der Druck (neben Klinik noch Wissenschaft und Publikationen machen) noch größer. Sie hätten keine Zeit für Philosophie, selbst wenn sie wollten. (Und wenn sie sich die Zeit nähmen, dann wäre es nicht vernünftig für sie.)

Diese Überlegungen lenken den Blick darauf, dass Philosophie etwas mit Muße und mit der Freiheit, nach links und rechts zu schauen, zu tun hat. Wenn man das Herumsuchen für ineffizient hält, wenn man Freiräume und Leerzeiten für unproduktiv hält, dann erliegt man der Versuchung, Philosophie wegzuorganisieren.

Dagegen hülfe auch kein verpflichtender Kurs in Philosophie. Denn wenn man diesen einführte, hätte man das Wichtigste nicht verstanden: dass Philosophieren in gewissem Sinne NICHTSTUN ist. Man konzentriert sich eben nicht auf etwas, man arbeitet nicht an einem Problem, sondern man schaut hin und her; man nimmt sich Zeit dafür, man entschleunigt, man riskiert sogar, diese Zeit schlicht zu vergeuden; man lässt sich Zeit, wartet, bis man ruhig wird und man die eigenen Gedanken wieder hört, die zu leise waren, um sich gegen die laute Stimme der Pflicht durchzusetzen.

Kurz, wenn Ihr vom Nutzen oder Nichtnutzen von Philosophie redet, dann fragt, unter welchen Bedingungen sie eventuell Nutzen haben kann. Wenn der Stürmer im Fußball mit dem Fall aufs gegnerische Tor zusprintet, wird es der falsche Zeitpunkt sein, um mit dem Philosophieren anzufangen. Während der Erledigung wichtiger und dringender Aufgaben sind die Aufgaben wichtiger als die Philosophie. Die Philosophie - und ihr Nutzen - könnten erst dann hervortreten, wenn die Aufgaben ein wenig zurücktreten.

Zu dem Zweck müsste die Leistungsgesellschaft aber auch manchmal Pause machen. Oder ist es keine Leistungsgesellschaft (=gehört es nicht zum Begriff der Leistungsgesellschaft), wenn sie uns manchmal temporär aus dem Hamsterrad entlässt?

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